16.07.2012

Katholen Taliban Mosebach Papst Titanic

Das Schöne an den sogenannten Feuilletondebatten ist, daß
man sie meistens ignorieren kann. Wenn sich der „Einstecktüchleinkatholik“
(Wiglaf Droste) Mosebach in der „Berliner Zeitung“ ereifert und als
Katholen-Taliban geriert – muß man im 21.Jahrhundert ernsthaft darüber reden,
daß Mosebachs Sätze wie diese bescheuert sind?:

„Ich will nicht verhehlen, daß ich unfähig bin, mich
zu empören, wenn in ihrem Glauben beleidigte Muslime blasphemischen Künstlern –
wenn wir sie einmal so nennen wollen – einen gewaltigen Schrecken einjagen.“ (wörtlich! Also:
bitte Todesurteile für Salman Rushdie oder Shahin Najafi ausstellen!) „Es wird das soziale Klima fördern, wenn
Blasphemie wieder gefährlich wird.“ Aha.

Daß so ein Ekeltyp hierzulande ausgerechnet mit dem Büchner-Preis
ausgezeichnet wurde, ist jedenfalls ähnlich unappetitlich wie die Tatsache, daß
ihm für seine Tiraden Platz in einer seriösen Tageszeitung eingeräumt wurde.
Die Metzgerinnung darf ja schließlich auch nicht im Feuilleton für Ekelfleisch
werben, oder?

Doch der Wahnsinn hat Methode. Papst Benedikt fühlt sich durch „Titanic“
in seiner Ehre verletzt. Der Fall des Papstes, der ein Glas Fanta über seine
Soutane verschüttet hat, erregte Thomas Goppel, den Sprecher der „Christsozialen
Katholiken“ (CSK) in der CSU so sehr, daß er öffentlich meinte, er würde dem
Titanic-Chefredakteur Leo Fischer am liebsten die "Lizenz zum Schreiben entziehen". Daß es so eine Lizenz
allerdings gar nicht gibt, sie mithin auch nicht entzogen werden kann, ist dem
Herrn Landtagsabgeordneten und Staatsminister a.D. Goppel wohl entgangen. Aber
worum es den Herren Mosebach bis Goppel geht, ist klar: Zensur! Kopf ab für
Blasphemie! Denn das fördert schließlich das „soziale Klima“...

Wiglaf Droste schreibt dazu in einem aktuellen Text:

„Gesetzt den Fall, Gott existierte – würde ihn
interessieren, was die Leute über ihn reden? Kaum vorstellbar. Anders verhält
es sich, wenn Gott eine Erfindung oder eine Projektion ist von Menschen, die
mit sich und ihrem Leben alleine nicht zurande kommen und an
Autoritätsgläubigkeit leiden. Teil ihrer Zwangsvorstellung ist, daß der von
ihnen halluzinierte Gott auch von jedem respektiert werden müsse, der diese
Vorstellung nicht teilt; tut er es nicht, dann darf man ihn, den Ungläubigen,
der seinen Unglauben womöglich auch noch freimütig bekennt, dafür zur
Rechenschaft ziehen und ihn bestrafen, sogar mit dem Tod. (...)Wenn islamische
Klerikalfaschisten unmißverständlich zum Mord aufrufen und mit der Aussetzung
von Kopfgeldern zum Mord anstiften, dann handelt es sich dabei, unaufgeregt
gesagt, um Straftaten. Mit denen Martin Mosebach offen sympathisiert
(...) 

Ob umgekehrt Gott
die Anwesenheit von schwach denkenden, voraufklärerischen Ödemeiern und
Drögebäckern begrüßte, nur weil sie ihm schwärmerisch schmeicheln, kann nicht
ermittelt werden. Es ist Glaubenssache. Ich glaube nicht, daß Gott, so es ihn
gäbe, sich für einen Repräsentanten des Einstecktüchleinkatholizismus wie Martin
Mosebach interessierte, der aus Langeweile an sich selbst anderer Leute Blut
fließen sehen möchte.“

16.07.2012

Papst Geburtstag

Doch in Zeiten höchster Not, wenn also Farbfotos
des Papstes publiziert werden, der seine Fanta auf seiner Soutane verschüttet
hat, findet sich auch Trost, und er kommt von den Herren Barenboim und
Wowereit, ausgerechnet.

Die „Berliner Zeitung“ meldet, daß der Dirigent
Daniel Barenboim mit seinem West-Eastern Divan Orchestra am 11.Juli dem Papst „mit einem Privatkonzert zum Namenstag
gratuliert“ hat. Musiziert wurde im Castel Gandolfino, der päpstlichen
Sommerresidenz bei Rom. „Gespielt wurden
Werke von Beethoven, Zu dem Konzert kam auch Berlins Regierender Bürgermeister
Klaus Wowereit.“

04.07.2012

Und Ansonsten 6/2012

Da veröffentlichen sie große Serien über den Zustand der
hiesigen Musikkritik – aber wenn es mal darum geht, brauchbare Konzertkritiken
zu schreiben, dann versagen sie auf ganzer Linie. Der bis vor kurzem
Chefredakteur der „Spex“ gewesene Autor etwa darf jetzt für die „Süddeutsche“
das tun, was er anscheinend am wenigsten kann: über Musik schreiben. In einer
Rezension über Patti Smith etwa ergeht er sich endlos in Szenen aus einer
Burroughs-Dokumentation oder aus Patti Smiths Autobiographie, ohne substantiell
auf die Musik des neuen Albums einzugehen. Der gleiche Autor schaut beim
Auftritt des HipHoppers A$AP streng auf die Uhr und stellt fest, daß der
Musiker sein Berliner Konzert „mit
sensationeller Pünktlichkeit“ begonnen hat. Ah ja, so etwas wollten wir ja
auch schon immer wissen. Der Musikkritiker als Stechuhrersatz.

Die Unzulänglichkeit hiesiger Musikkritik konnte man schön
anläßlich der Tournee von Lou Reed beobachten. Immerhin kam einer der
wichtigsten und einflußreichsten Musiker der letzten viereinhalb Jahrzehnte
nach Deutschland; man hätte erwarten können, daß die Musikjournaille sich mit
den Konzerten auseinandersetzt. Aber iwo. Im Bildzeitungsstil wird jedes
bereitliegende Klischee reproduziert und vervielfältigt. „Der alte Griesgram hält die Töne“, titelt die „taz“, deren
Redakteur mehr als die Hälfte seiner „Rezension“ damit verschwendet, sich über
den Konzertort („inmitten von Autohäusern
und Fliesenmärkten“) und die Kleidung der Konzertbesucher (von „das ganze Elend der Funktionsbekleidung“
bis „handgenähte Lederschuhe“)
auszulassen, dann über das Wetter zu berichten, um die zweite Hälfte seines
Artikels mit pseudooriginellen und im Grunde den Tatbestand der Beleidigung
erfüllenden  Beschreibungen des Künstlergesichtes
(„eine Mischung aus Hellmuth Karasek und
Rita Süssmuth“) zu beginnen, nicht ohne vorher noch Unwahres über die
Ticketpreise zu verbreiten („für 56 Euro aufwärts“,
was bei einem Einheitspreis eine ziemlich sportliche Bemerkung ist, denn erstens
haben mehr als 95% der Zuschauer nur 48 Euro bezahlt, und zweitens ist der
Autor natürlich umsonst ins Konzert gekommen und hat eigens noch eine
zusätzliche Gästekarte für seine Begleitung erschnorrt). Auch sonst nimmt es
der „taz“-Autor mit der Wahrheit nicht so genau – er behauptet etwa, daß Lou
Reed seine Bandmitglieder „kürzlich in
einem Interview als Eichhörnchen bezeichnet“ habe. Eine glatte Erfindung –
im Interview der „Berliner Zeitung“ mit Robert Rotifer sagte Lou Reed, bezogen
auf die Fans (!) von Metallica (!): „Aber
manche ihrer Fans, diese Metal-Schädel, haben den Intelligenzquotienten eines
Eichhörnchens.“ Aber so geht eben „Musikkritik“ im Alternativblättchen,
dessen Genossenschaft ja nicht zufällig Bild-Chef Kai Diekmann angehört: was nicht
paßt, wird passend gemacht. Wir biegen uns unsere Realität hin, wie wir sie
brauchen. Gossenjournalismus der abstoßendsten Sorte.

Aber das ist wahrscheinlich das eigentliche Problem der
einheimischen Musikkritik: sie können es eben nicht besser. Und die, die es
besser können, sind rar gesät – Gastautoren wie Klaus Walter in der „taz“ etwa,
oder das Feuilleton der „Berliner Zeitung“ (könnten die, die’s nicht besser
können, dort nicht mal ein Praktikum absolvieren? macht doch jeder ständig
Praktika hier in Berlin heutzutage...) oder der „FAZ“, manchmal auch ein
Artikel andernorts und in zwei oder drei Musikzeitschriften oder in „konkret“ –
der Rest ist nicht selten gekauft oder schlecht geschrieben (oder gerne auch
beides). Und die, die es besser konnten, sind gestorben (einen wie Martin
Büsser bräuchten wir so dringend!), oder man räumt ihnen keinen Platz (mehr)
ein, oder sie haben sich längst anderen Themen zugewandt. Der Elfenbeinturm in
einem Meer von Scheiße, um auf das Flaubertsche Bild zurückzugreifen, ist karg
besetzt.

(und wie ein glänzend geschriebenes Musikfeuilleton aussehen
kann, zeigt z.B. der von der „FAS“ zur „SZ“ gewechselte Peter Richter anläßlich
des Berliner Madonna-Konzerts – da wird die dumpfe Neureichen-Gated-Community
namens "Soho House" mal eben im Vorbeigehen karikiert und die stumpfe
Mehrzweckhalle am Ostbahnhof mit dem Telefongesellschaftsnamen vernichtet, man
bekommt en passant Interessantes zu Italien und zu Fußball serviert und hat
sogar noch was über Madonna und ihr Konzert erfahren – kann man im Internet
finden, kann ich empfehlen!)

* * *

In einem Facebook-Eintrag heult uns die US-Popsängerin Aimee
Mann ihre angebliche Tourneerealität ins Ohr: „Oft stellt sich die Frage, ob ich mir überhaupt einen Schlagzeuger
leisten kann.“

Ich weiß nicht, wofür Frau Mann ihre fünfstelligen Gagen
verwendet, aber ein paar Dollar sollten da doch auch für einen Schlagzeuger
abfallen, oder?

Ist schon „ein einförmiges Ding um das
(Popmusiker-)Geschlecht“, wenn ausgerechnet die, die ganz ordentlich verdienen,
plötzlich so tun, als ob sie Teil des Musiker-Prekariats wären...

* * *

In der „Süddeutschen Zeitung“ stellt Reinhard Brembeck
erstaunt fest, daß man heutzutage „neue
Klassiktalente (und verloren geglaubte Preziosen) schneller bei Youtube findet,
als in den neuen Veröffentlichungen der einschlägigen Plattenlabels“.

Und ich kann Reinhard Brembeck und Ihnen auch verraten,
woran das unter anderem liegt – der Chef von „Universal Music Classic &
Jazz“ nämlich hat vor allem damit zu tun, eine Koalition mit
Bundesfinanzminister Schäuble zu pflegen. „Liebe
Kultur-, Musik- und Finanzfreunde“ (sic!) flötet der Universal-Classic-Chef
also und lädt zu einer Veranstaltung mit dem schönen Titel „Musik.Zeit.Geschehen. Digitalisierung – Risiko oder Chance für Werte
in Kultur und Finanzen“ im Bundesfinanzministerium ein.

 

 „Die Räume und das
Programm sind spektakulär“, heißt es in der Einladung – nun, die ersteren
wurden von den Nazis gebaut, denn das Bundesfinanzministerium sitzt im Gebäude
des 1935 erbauten Reichsluftfahrtministeriums – das zweite wird u.a. auch von
der Plattenfirma „Universal“ zugetanen Künstlern bestritten, von Till Brönner
etwa. Und den 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker (anno 1935 noch das
„Reichsorchester“...). Und Vorträge und Diskussionsrunden u.a. mit Wolfgang
Schäuble.

Wer solcherart im Reichsluftfahrtministeriumsbau auf dem
Schoß des Bundesfinanzministers sitzt und über „Digitalisierung – Risiko oder
Chance für Werte in Kultur und Finanzen“ nachsinnt, der hat in seinem Alltagsjob
natürlich in aller Regel wenig Zeit, relevante Klassik-Künstler aufzubauen oder
spannende Musik zu veröffentlichen oder gar adäquate moderne (nämlich:
digitale!) Vertriebswege zu entwickeln.

Warum Igor Levit etwa, den Eleonore Büning in der „FAZ“
kürzlich als „einen der großen Pianisten
dieses Jahrhunderts“ bezeichnet hat und der zum Beispiel Frederic Rzewskis
an dieser Stelle bereits mehrfach gepriesenes Monumentalwerk „The People United
Will Never Be Defeated“ einzigartig interpretiert, bis heute keine Platte
veröffentlicht hat, ist schwer zu verstehen. Sie werden Igor Levits
Interpretationen allerdings kostenlos auf Youtube finden – willkommen in der
modernen Welt!

* * *

Was haben Stasi, Atomwirtschaft und Musikindustrie
gemeinsam? Sie haben ihre Leute in der Regierung plaziert. Schaffte die Stasi
das mit ihrem OibE Guillaume nur mit einem persönlichen Referenten des
Bundeskanzlers, so war Wirtschaftsminister Müller (SPD) als ehemaliger
VEBA-Manager natürlich eine Glanzbesetzung, um mit der Industrie den
sogenannten „Kernenergiekompromiß“ zu verhandeln. Nebenbei, wir erinnern uns,
wollte Müller das vom Bundeskartellamt ausgesprochene Verbot der Übernahme der
„Ruhrgas“ durch die Nachfolgegesellschaft seines ehemaligen Arbeitgebers VEBA,
der E.ON AG, aus „Gründen des
überragenden Interesses der Allgemeinheit“ nicht hinnehmen und wies deshalb
seinen Staatssekretär Tacke an, die Fusion durch Erteilung einer
Ministererlaubnis zu ermöglichen. Müller wurde nach dem Ende seiner
Ministerzeit 2003 Chef der Ruhrkohle AG (RAG), an der E.ON bis 2007 mit rund
40% beteiligt war. Tacke wiederum wurde 2004 Vorstandsvorsitzender beim
Stromversorgungsunternehmen STEAG, die wiederum eine 100%ige Tochter der von
Müller, seinem ehemaligen Chef, geleiteten RAG war – läuft eben alles wie
geschmiert...

Und die Musikindustrie? Die hat ihren Cheflobbyisten im
Ministerrang, den „Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien“,
Kulturstaatsminister Bernd Otto Neumann (CDU), dessen öffentliche
Stellungnahmen von Gorny oder Döpfner nicht besser formuliert werden könnten.
Für Neumann, der eigentlich für Kultur und Medien, nicht aber ausschließlich
für Kulturindustrie und Medienkonzerne zuständig ist, ist „der Schutz des geistigen Eigentums in der digitalen Welt die größte
kulturpolitische Herausforderung unserer Zeit“. Neumann ist Fan der
Lobbyorganisation der Kulturindustrie namens „Deutsche Content Allianz“ („In einer Zeit, in der Politik,
Wirtschaft und Gesellschaft angesichts der Verletzlichkeit der Inhalte vor
großen Herausforderungen stehen, ist es auch notwendig, daß die Deutsche
Content Allianz ihre Stimme laut erhebt“) und Fan der GEMA, dem „Club
der oberen 3.400“ (Guido Möbius) – und wurde für seine Verdienste gerade
von der GEMA mit deren „Richard-Strauss-Medaille“ geehrt. Wohlgemerkt, in einer
Zeit, in der die GEMA mit ihren extremen Gebührensteigerungen von oft 400 bis
600 Prozent zum Totengräber für die Clubkultur wird und mit den
Kostensteigerungen die Clubs entweder zur Schließung oder zu einer zunehmenden
Kommerzialisierung der Programme zwingt, in einer Zeit, in der Clubbesitzer und
Hunderttausende Fans um die weitere Existenz der von ihnen bevorzugten
Musikclubs fürchten, in so einer Zeit macht der angeblich für Kultur zuständige
Bundesstaatsminister den Bückling vor der GEMA und läßt sich von der
GEMA-Bossen mit einer Medaille dekorieren. Kein Wort hat man vom Kulturminister
bisher zum von der GEMA verursachten Clubsterben gehört, wohl aber diese artige
Dankesadresse an die Herren der GEMA: „Ohne eine durchsetzungsstarke
Verwertungsgesellschaft stünden die Urheber auf verlorenem Posten.“ Aha.

In der „FAZ“ hat GEMA-Chef und
Spitzenverdiener Heker (EUR 484.000 jährlich; zum Vergleich: die
Bundeskanzlerin bekommt 260.000 Euro...) dieser Tage gesagt:

„Schauen Sie: Es gibt ein böses Monopol und ein gutes. Und letzteres
ist im Fall der Verwertungsgesellschaften, von denen die Gema ja nur eine ist,
vom Gesetzgeber ausdrücklich so gewollt“. Was eine glatte Lüge ist, denn
„ausdrücklich gewollt“ wurde das Monopol der Verwertungsgesellschaften nicht
"vom Gesetzgeber" der Bundesrepublik Deutschland, wohl aber von
Goebbels und der NSDAP: „Joseph Goebbels,
der Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, dekretierte 1933 die
Umwandlung der freiwilligen Kooperation (mehrerer konkurrierender
Verwertungsgesellschaften, BS) in ein
staatlich sanktioniertes und kontrolliertes Musikverwertungsmonopol, die
STAGMA“ (Hans G Helms). Das im Juli 1933 erlassene STAGMA-Gesetz wie auch
eine im Februar 1934 erlassene Verordnung sind bis heute die Rechtsgrundlage
der STAGMA-Nachfolgeorganisation GEMA – „die
in den Jahren 1933/34 verfügte monopolistische Ausschließlichkeit der
Wahrnehmung der Musikverwertungsrechte ist erhalten geblieben“ (Helms), bis
heute, was natürlich ein interessantes Licht auf die faktischen
Monopolstrukturen der Gema wirft – aber daß ein GEMA-Chef sich im Jahr 2012 auf
Joseph Goebbels als „Gesetzgeber“ beruft, ist schon sehr besonders.

VUT-Chef Mark Chung bezeichnet die GEMA
übrigens als „unseren Laden“...

* * *

Der Rapper Bushido, der, wir berichteten, in die Politik
gehen und eine Partei gründen will, macht im Moment bei einem
CDU-Bundestagsabgeordneten ein Praktikum. In der „FAS“ hat Bushido schon mal
programmatisch Stellung genommen:

„Weg mit dem Euro! Ich
bin Kind der Deutschen Mark und war immer stolz auf meine Deutsche Mark. Wir
müssen aufpassen, daß wir uns für andere Länder nicht so sehr aufopfern.“

Oder: „Ich bin für
Steuersenkungen. Ich zahle jetzt über 52 Prozent Steuern, das ist legales
Schutzgeld und fuckt mich ab. (...) Mich stört, daß ich immer im Stau stehe.
Dann die Schlaglöcher. Dann muß Berlin sauberer werden. Wir müssen die Adern
unserer Stadt – die Straßen – sauber kriegen, damit das Blut in die Kapillaren
kommt.“

Den politischen Gegner kritisiert Bushido bereits sehr
kompetent: „...das gilt jetzt auch für
den Herrn Özdemir, den Alibi-Türken, oder Claudia Roth. Warum muß Politik so
häßlich machen? Auch Angela Merkel ist überhaupt nicht attraktiv. Aber ich
würde mich auf jeden Fall mit ihr einlassen.“ Frage: Wie jetzt? „Sexuell. Dann könnte ich sagen, ich habe
mit der Bundeskanzlerin geschlafen.“

* * *

„Der Deutsche“ ist nicht selten ein eher merkwürdiger
Zeitgenosse. Da jammert er gern (oder läßt seine Blödzeitung jammern), daß das
Benzin zu teuer sei. Aber „kompakte
Geländewagen sind das absolut am schnellsten wachsende Fahrzeugsegment in einem
gesättigten Markt“, so der „Autopapst“ Ferdinand Dudenhöffer. Fast sechzig
Prozent aller neu zugelassenen PKW sind übrigens sogenannte „Dienstwagen“, und
achtzig Prozent der Porsches – „Kaufpreis
und Betriebskosten werden von der Steuer abgesetzt (...) der Fiskus finanziert
unter engagierter Mitwirkung der FDP den Männertraum aus allen Töpfen“
(Gremliza).

Was machen aber die Menschen mit all den teuren und
spritfressenden Fahrzeugen? Mit diesen sogenannten SUVs, den „sport utility
vehicles“ also mit ihrer erhöhten Geländegängigkeit und der von Geländewagen
abgekupferten Karosserie, oft mit Viehgittern vor der Kühlerhaube? Ich schau
mir das quasi jeden Morgen, wenn ich mit dem Fahrrad ins Büro fahre, staunend
vor demselben an, denn da stehen immer lauter Geländewagen mit dem etwas
merkwürdigen Aufdruck „relentless energy“ herum, sie gehören einem anderen
Mieter in unserem Bürogebäude. Und bevor Sie jetzt anfangen zu belächeln, daß
Leute mitten in Berlin mit Kuhgittern und Geländewagen herumdüsen, bitte ich
Sie sehr zu bedenken: gar nicht selten werden vorne auf der Urbanstraße in
Kreuzberg ganze Viehherden wildwestmäßig über die Straße getrieben, und weltweit
bekannt ist der herbstliche Kreuzberger Almabtrieb, das weiß schließlich jedes
Kind  – you better be prepared! Und wie
oft kommt man im sibirischen Berliner Winter förmlich nicht mehr voran, wird
eingeschneit, müßte im Büro übernachten, wenn man nicht erhöht in seinem SUV
mit Allradantrieb sitzen könnte und durch die Wildnis nach Hause brettern. Sie
müssen sich das so vorstellen: im strengen Berliner Winter geht praktisch
niemand mehr vor die Tür. Der öffentliche Verkehr bricht zusammen. Zehntausende
Kältetote. Auf den Straßen Schneewehen und Eisberge, der einzig mögliche Weg
führt über die vereiste Spree, wo sich nur noch die mit allen Eiswassern und
Energydrinks gewaschenen SUV-Piloten vorankämpfen. Gelt, da vergeht Ihnen das
Lächeln? Und da sehen Sie, wozu SUVs gut sind. Sollen die fetten Karren doch
von uns Steuerzahlern subventioniert werden, wer wollte das angesichts der
Berliner Realitäten kritisieren...

29.06.2012

Fußball und Italien

A propos Fußball: Ich will ja nicht übermäßig unbescheiden
sein, aber darf ich Sie daran erinnern, was Anfang Juni im Blog Ihres
Vertrauens stand? Genau, unter anderem: „Deutschland
wird ganz sicher nicht Europameister! (...) Gute Chancen sollten naturgemäß die
haben, die am meisten unter Deutscher Wirtschaftsknute zu leiden haben – einer
der PIGS-Staaten dürfte also wohl Europameister werden (...) Holland wird es
nicht werden, denn die haben Robben (...) Aber wie gesagt: Deutschland nicht.
Zu viel FC Bayern, zu wenig Dortmund. Haben Sie gesehen, wie die
Nationalspieler im Championsleague-Finale beim Elfmeterschießen gekniffen
haben? Da steckt die Versagensangst in einer ganzen Generation in den paar
Spielern. Oder man kann es begründen wie mein Schweizer Freund und
Fußballkenner: „die Deutschen haben so doofe Frisuren, das wird nichts“...

Also, wenn Sie mich fragen: einer der
beiden PIGS-Staaten mit brauchbarem Fußball wird’s...“

Und also geschah es.

Ich muß ganz ehrlich sagen: wenn ich mir die ganzen doofen
Fähnchen schwenkenden und tragenden und an ihren Autos herumfahrenden
Mitmenschen so betrachte, habe ich am Donnerstagabend nach der Niederlage gegen
Italien gerne „Azzurro“ mitgesummt, das im polnischen Stadion zu hören war. Ist
sowieso ein guter Song.

Neuerdings wird hierzulande ja der Gemeinplatz gepflegt, die
aktuelle Nationalspielergeneration sei kreativ und toll und überhaupt. Und der
Jogi erst! Ganz ehrlich – mir fehlt der Glaube. Natürlich freue ich mich
darüber, daß jetzt Spieler wie Özil oder Khedira oder Hummels spielen, und
selbst Schweinsteiger ist ein Spieler mit außerordentlicher Fußballintelligenz,
obwohl er beim FC Bayern spielt. Im Großen und Ganzen aber ist das alles so
furchtbar brav, daß es zum Davonlaufen ist. Allein schon, wie der Musterschüler
Lahm immer seine Statements vor den Kameras abgibt – man merkt, da steckt viel
Interviewschulung drin, klar haben alle Nationalspieler heute Manager, die sie
auf Medientrainings schicken, und genau so hört sich das dann an. Brave Bubis, die
funktionieren wollen und werden, die sich toll selbst vermarkten können und
hart an ihrer Selbstoptimierung arbeiten, Bubis, die nichts falsch machen
wollen, egal ob sie auf Auschwitz (hat der DFB vorgegeben) oder Balotelli (hat
Brantelli aufgestellt) treffen. Aber mit Bravheit gewinnt man im Fußball
nichts, und so hat, wie es in der „Berliner Zeitung“ zurecht und süffisant
hieß, der deutsche Kapitän seinem Namen geistig und spielerisch alle Ehre
gemacht. Italien gegen Deutschland, das war „11
Männer gegen 11 Bubis“ (Rüdiger Suchsland).

Es war aber auch das Scheitern des allseits beliebten alemannischen
Langweilers namens Jogi auf der Trainerbank. Dessen Nibelungentreue zu Spielern
wie Schweinsteiger (nach Verletzung noch auf der Suche nach seiner Form), Podolski,
Gomez oder Müller ebenso verhängnisvoll war wie das Festhalten am FC
Bayern-Block. Da standen sieben Spieler des FC Bayern auf dem Platz.  Genau, it’s that simple. Und Spieler
wie Reuss oder Götze oder Bender saßen auf der Bank. Da konnte Jogi noch so
häufig sein Mantra „dieses Mal werden wir als Sieger vom Platz gehen“ absondern
– die Wahrheit ist auf dem Platz, und die Wahrheit war: Löw hatte Angst vor
Spielerpersönlichkeiten der Klasse eines Andrea Pirlo, eines Buffon, eines
Balotelli, eines Montolivo. Und Löw hatte Angst vor der taktischen Finesse
eines Cesare Prandelli. Und es fiel ihm ein: Pirlo in Manndeckung zu nehmen! In
Zeiten höchster Not führt der Mittelweg bekanntlich in den Tod. Noch einmal
Rüdiger Suchsland bei Telepolis:

„Merkel und Löw, das
ist Luther, Bismarck und die anderen (...) Pirlo und Buffon, das ist der Süden!
Das Land der Sonne und des Rettungsschirmes, des besseren Lebens und des
besseren Essens, der Kunst und des Laissez-faire. Der Süden, also Spanien und
Italien stehen für Gelassenheit statt Hysterie, für Leben heute, statt Leben
morgen, für Diesseits statt Jenseits, für ausgeben statt sparen, für Konsum
statt „Geiz ist geil“, für „paßt scho“ statt „Das muß aber seine Ordnung haben“
(...) Unser Fußball muß unvernünftiger werden, spielerischer, leichter...“

In diesem Sinne – lassen Sie uns mit Italien feiern, mit der
wunderbaren Stimme von Adriano Celentano, „die
wie keine zweite Lässigkeit und Melancholie verbindet“ (Eric Pfeil) und „gleichzeitig erzcool und anrührend“
klingen kann. Lassen Sie uns den Sommer genießen, hören wir auf, die Italiener
und Griechen und Portugiesen zu belehren und zu dominieren, lassen Sie uns
diesen Sommer einfach etwas Unvorhergesehenes, gerne auch mal etwas Verbotenes
tun! Es sind ganz sicher zu viele Löws und Merkels in unserem Leben.

29.06.2012

Fußball Polen Priester

Einem echten Polit- und Kirchenskandal um die Fußball-Europameisterschaft
(neudeutsch „UEFA Euro 2012“) ist der Berliner „Club der Polnischen Versager“
auf die Spur gekommen:

„Nachdem
rausgekommen ist, daß polnische Priester für den Sieg nur der polnischen
Mannschaft gebetet haben, empörten sich die Fans der anderen Mannschaften über
den unlauteren Wettbewerb und eventuelle Vorteilsname. Die portugiesischen
Anhänger überlegen sogar eine Schadensersatzklage vor dem jüngsten Gericht
einzureichen. Die Reaktion des Vatikan war schnell und direkt: Keine Gebete mehr
nur für eine Mannschaft, alle Katholiken sind gleich. Die Strafe von ganz ganz
ganz oben hat die polnische Mannschaft selbst getroffen.“

Wobei die Vertreter des Herrn schon seit jeher das
Kriegsgerät jeder Seite separat bespritzt, also gesegnet haben...

29.06.2012

Rousseau

Auch ein anderer, dessen wir diese Woche gedenken, hat sich
mit der Problematik des Eigentums und der Erbschaft beschäftigt und ist zu sehr
eindeutigen Schlüssen gekommen, nämlich Jean-Jacques Rousseau. Für Rousseau war
die Einführung des Privateigentums die Ursache des Verlusts von Freiheit und
Autonomie:

„Der erste, der ein Stück Land mit einem Zaun umgab und auf den
Gedanken kam zu sagen »Dies gehört mir« und der Leute fand, die
einfältig genug waren, ihm zu glauben, war der eigentliche Begründer der
bürgerlichen Gesellschaft. Wie viele Verbrechen, Kriege, Morde, wieviel Elend
und Schrecken wäre dem Menschengeschlecht erspart geblieben, wenn jemand die
Pfähle ausgerissen und seinen Mitmenschen zugerufen hätte: »Hütet euch,
dem Betrüger Glauben zu schenken; ihr seid verloren, wenn ihr vergeßt, daß zwar
die Früchte allen, aber die Erde niemandem gehört.“[, schreibt Rousseau und folgert:

„… alle diese Übel sind die erste Wirkung des Eigentums und das
untrennbare Gefolge der entstehenden Ungleichheit.“

29.06.2012

Walther Rathenau

Zum 90. Todestag von Walther Rathenau, des jüdischen
Industriellen (AEG), Schriftstellers und Außenministers, der von
Rechtsradikalen ermordet wurde, braut sich allerlei Gedenken zusammen: zu einer
Gedenkveranstaltung auf dem Waldfriedhof Oberschönweide werden
Bundesaußenminister Westerwelle (FDP) und Berlins Kulturstaatssekretär Schmitz
(SPD) erwartet. Ein sogenannter „Industriesalon Schöneweide“ beginnt in
Kooperation mit dem Heimatverein Köpenick eine Veranstaltungsreihe „zum Wirken
der Familie Rathenau, die Schöneweide entscheidend geprägt hat“. Eine Website
namens „Neue Solidarität“, die mit der rechtsradikalen Politsekte der
Zepp-LaRouches verbandelt ist, schreibt „in Gedenken an Walther Rathenau:
Führungsstärke in Krisenzeiten“ von „britisch-imperialer Politik“, der sich
einzig Rathenau entgegengesetzt habe. Während in und um Bad Kösen
(Sachsen-Anhalt) Neonazis der Mörder Rathenaus gedenken – all dies erfährt man
auf der ersten Seite der Google-Ergebnisse zu „Rathenau Gedenken“.

Vielleicht könnte man Walther Rathenau am besten ehren, wenn
man sich mit einigen seiner Gedanken beschäftigen würde, die er etwa in „Von
kommenden Dingen“ geschrieben hat und die relativ nah an dem sind, für das die
neue Linken-Vorsitzende zuletzt von den bundesdeutschen Medien gescholten wird:

„Oberhalb einer
mäßigen Vermögenseinheit gehört jeder Nachlaß dem Staat“, fordert Rathenau,
der im Erbrecht die Wurzel der ungleichen Vermögens- und Machtverteilung sah
und das Erbrecht daher abschaffen wollte. Wenn eine Familie mehr als 3000 Mark
im Jahr verbrauche, solle dem Staat auf jede weitere Mark des weiteren Konsums
eine weitere Mark zustehen, forderte Rathenau ebenso wie strikt abschreckende
Steuern auf Luxuswaren und „übermäßigen
Verbrauchsgenuß“.

Ob Westerwelle oder Schmitz bei ihren Reden diese Gedanken
Walther Rathenaus aufgenommen haben, weiß ich nicht.

22.06.2012

Und Ansonsten 2012 06 1/2

Drolliges
Bäumchen-wechsel-dich-Spiel im deutschen Musikjournalismus. Und irgendwie hängt
allüberall irgendwie „SS“ drin, „Spex“ und „Springer“. Der ehemalige
Chefredakteur der Spex  leitet seit
geraumer Zeit das Kundenmagazin der Deutschen Telekom, das sich verschämt
„Electronic Beats“ nennt. Der ehemalige Redakteur des „Rolling Stone“
(„...erscheint monatlich in der Axel Springer Mediahouse Berlin GmbH...“) wird
Chefredakteur von „Spex“, der ehemalige „Spex“-Redakteur wird Chefredakteur des
„Rolling Stone“. Der ehemalige Chefredakteur der „Spex“ schreibt jetzt für die
„Süddeutsche Zeitung“ (und zeigt dort anhand des aktuellen Patti Smith-Albums,
was er nicht kann, nämlich: über Musik schreiben...). Der Pop-Chef der
„Berliner Zeitung“ wechselt mit einer Kolumne von „Spex“ zu „Rolling Stone“
ebenso wie ein weiterer geschätzter Autor des Feuilletons der „Berliner
Zeitung“ (wobei ich mich immer frage, worin der Charme für eine kompetente
Musikzeitschrift besteht, Kolumnen bei Redakteuren des Feuilletons zu bestellen,
außer: daß die vielleicht besser schreiben können? aber wäre es in Zeiten
drastisch sinkender Auflagen der Musikzeitschriften und eines damit
einhergehenden Bedeutungsverlustes der Musikkritik nicht sinnvoller, eigenes Profil zu gewinnen, als es sich
beim bürgerlichen Feuilleton zu leihen?). Der ehemalige Spex-Redakteur  wurde im Sommer 2011 beim „Musikexpress“
(„...erscheint monatlich in der Axel Springer Mediahouse Berlin GmbH...“) als
„unser neuer Mann an Bord“ und Redaktionsleiter vorgestellt und ist im Frühjahr
2012 plötzlich Redakteur des „Rolling Stone“.

Man kommt
förmlich nicht mehr hinterher. Und was hat das alles zu bedeuten? Es ist wie
bei der Tonträgerindustrie, als derartige Bäumchenwechseldichspiele in der
zweiten Hälfte der 90er Jahre und im frühen 21. Jahrhundert zur Regel wurden
und viele Angestellte im Zwei-Jahres-Rhythmus zwischen den großen Playern der
Plattenfirmen hin und her wechselten – es hat, neben vielen anderen Gründen,
auch mit Krise zu tun, in der die
Akteure zu Verzweiflungstaten greifen. Die Auflagen der großen
Musikzeitschriften haben sich in den letzten paar Jahren halbiert.

* * *

Maria Furtwängler
ist Leni Riefenstahl. Die Frau des
Verlegers Hubert Burda soll in einer ZDF-Produktion mit dem Regisseur Niki
Stein („Rommel“) Hitlers Lieblings-Regisseurin („Triumph des Willens“) spielen.
Die Idee zu dem Fernsehfilm stammt laut „Bild am Sonntag“ von Maria Furtwängler
selbst, die sich seit vier Jahren intensiv mit Riefenstahls Biographie beschäftige.

* * *

Und „die
Wanderhure“ ist Stephanie zu Guttenberg. In einem
geplanten Fernsehfilm über Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg
soll Alexandra Neldel dessen Ehefrau Stephanie spielen, erfahren wir in einer
Meldung der „Berliner Zeitung“. Alexandra Neldel, die mit der Serie „Verliebt
in Berlin“ bekannt wurde und zuletzt mit „Die Wanderhure“ und „Die Rache der
Wanderhure“ erfolgreich war, hat laut Fernsehproduzent Nico Hofmann für
Stephanie zu Guttenberg „genau die
richtige Figurentiefe“.

* * *

Die Einführung
des sogenannten Betreuungsgeldes ist so ziemlich der ärgerlichste Beitrag der
an Ärgerlichkeiten nicht eben armen Politik der Bundesregierung. Mit welchen
undemokratischen Mitteln eine Politik, die von der OECD in einer Studie als
nachteilig für berufstätige Frauen und für die Integration von Zuwanderern
analysiert wurde, hierzulande durchgesetzt wird, erzählt ein Beitrag der
„Berliner Zeitung“.

Demzufolge ist
geplant, das Betreuungsgeld trotz immer neuer Hinweise auf seine Nachteile „offenbar ohne längere parlamentarische
Beratungen durch den Bundestag zu drücken“. Die 20
CDU-Bundestagsabgeordneten, die in einem Protestbrief im April angekündigt
hatten, aus guten Gründen gegen das Betreuungsgeld stimmen zu wollen, wurden
jetzt von Angela Merkel besucht (oder doch eher heimgesucht?). Zweck des
Treffens: „Den Abgeordneten die
strategische Bedeutung der Abstimmung über das Betreuungsgeld deutlich zu
machen. Die CSU hat dieses Projekt zu einem Prüfstein für die Koalition erklärt
– eine Kränkung der bayerischen Partei will Merkel ein Jahr vor der schwierigen
Landtagswahl wohl nicht riskieren“. Politik also nicht aus inhaltlichen,
sondern aus „strategischen“ Gründen. Bundestagsabgeordnete, die nicht, wie es
das Grundgesetz vorsieht, ausschließlich ihrem Gewissen verantwortlich sind,
sondern Abgeordnete, die von der Regierungschefin auf Kurs gebracht werden – „das Bemühen, die Kanzlerin nicht zu
beschädigen, spielt dabei offenbar unabhängig von den Inhalten eine große
Rolle“.

Realpolitik in
der Post-Demokratie. Würde so etwas in Moskau oder Beijing passieren –
Machtpolitik am Parlament vorbei, Abgeordnete vom Machthaber auf Kurs gebracht
–, die  Parteien und Medien würden Amok
laufen...

* * *

Im Münchner
Literaturhaus eine Ausstellung über Gerhard Polt (dem an dieser Stelle
herzlichst zum 70.Geburtstag gratuliert sein soll! der erste Künstler, den die
Konzertagentur Berthold Seliger jemals veranstaltet hat, zwei ausverkaufte
Konzerte von Gerhard Polt und den Biermösl Blosn in Fulda im September
1988...), und darin neben den vielen wirklich komischen und gleichzeitig sehr
abgründigen Szenen („Habemus Papam!“, wie Polt als Papst Bene mit einem Kärcher
das Laub vor sich hintreibt und dabei in päpstlicher Fistelstimme vor sich
hinplappert, bis die Biermösl-Blosn auf die Bühne kommen und mit Alphörnern
ausgerechnet und exakt Orffs Carmina Burana intonieren – wie sich also wirklich
ALLES auf wunderbarste Weise zu ALLEM fügt, darüber kann man förmlich nicht
aufhören zu lachen! gibts auch auf DVD übrigens) – o.k., ich bitte neu ansetzen
zu dürfen: besonders auffällig ist aber die Kabarett-Sendung über den
Rhein-Main-Donau-Kanal, dieser legendäre Höhepunkt der Fernsehgeschichte – was
Fernsehen damals durfte! Unglaublich. Wie in bester aufklärerischer Manier
klargemacht wird, wie die Industrie die bayerischen CSU-Bonzen schmiert, um die
entsprechenden Baugenehmigungen zu erhalten, wie da alle Namen genannt werden
bis hinauf zum Ministerpräsidenten – so etwas war einmal möglich bei der ARD!
Und so etwas würde heute nicht mehr möglich sein. So etwas würde keine
Redaktion in Auftrag geben, es würde nicht gesendet werden, vor allem aber
auch: so etwas würde sich kein TV-Autor und -Darsteller heutzutage mehr trauen!
Und das ist eben auch die Wahrheit.

Ad multos annos,
G.P.!

* * *

Im „Handelsblatt“
schreibt Gabor Steingart:

„Sie wundern sich zuweilen über die steigenden Energiepreise? Der ehemalige russische Diplomat und heutige
Lobbyist Andrey Bykov erklärte unserem Reporter Jan Keuchel, wie der Stromkonzern EnBW die Gelder der
Kundschaft ausgibt. Rund 200 Millionen
Euro erhielt Bykov aus den Kassen der EnBW. Die eine Hälfte davon war
für den Lobbyisten, die andere Hälfte für Kirchen, Denkmäler und Wallfahrten in
Russland bestimmt. "Damit wurden 84 Kirchen, 30 Denkmäler, 60
Schachschulen, eine Oper und drei Orchester finanziert, dazu Dutzende von
Kindergärten, Schulen und Krankenhäusern", sagt Bykov.

Diese Ausgaben dienten "der politischen
Klimapflege", um an die Gasvorräte
der Russen zu kommen. Das Geld sei über Scheinverträge geflossen. Schwere Vorwürfe, die sich auf die
Zeitdauer von immerhin drei Vorstandsvorsitzenden der EnBW erstrecken.“ 

* * *

Klaus Walter hat
darauf hingewiesen:

„Die Firma EMI schmückt ihre Erfolgsreihe
”Ballermannhits” mit einem Ötzi-esken Stimmungshit von Klana Indiana: "Wer jetzt net hupft, is schwul!"

Das also ist
der Stand der Querness in diesem unseren Land, in dieser unserer
Musikindustrie.

* * *

Die „Musikwoche“, das Fachblatt für den Copyright-Cop, jubiliert: „524 Millionen Schaden“ soll und will
der deutschen Musikindustrie im Jahr 2010 durch „digitale Piraterie“ entstanden sein; „allein 256 Millionen Euro davon entfielen hochgerechnet nach
Marktanteilen auf Musik aus deutscher Produktion. Zu diesem Ergebnis kommt eine
vom Medienboard Berlin-Brandenburg und dem Bundesverband der
Computerspielindustrie (G.A.M.E.) in Auftrag gegebene Studie“.

Hört sich alles topseriös an. Und so stößt der Chef der Universal, Frank
Briegmann, ins Nebelhorn: „Wir erleben
Umsatzverluste, die mehr als existenzgefährdend sind – für Künstler,
Arbeitsplätze und Unternehmen“.

Doch wo sich der klar und logisch denkende Mensch schon immer gefragt
hat, wie denn die Musikindustrie ihre genauen Verluste durch sogenannte
illegale Downloads berechnet, da hat sich der Wiener
Wirtschaftswissenschaftler, Professor für Kulturbetriebslehre und Betreiber des
angesehenen „Blog Musikwirtschaftsforschung“, Peter Tschmuck, die Arbeit
gemacht, die angebliche „Studie“ des Medienboards BeBra auf Herz und Nieren zu
durchleuchten. Fazit: da bleibt nicht viel übrig.

Im Einzelnen die wichtigsten Kritikpunkte, die Tschmuck in einem
ausführlichen Text belegt:- Die Untersuchung des Medienboards basiert in erster
Linie nur auf einer Sekundäranalyse der vorhandenen Literatur, ergänzt durch
einige ExpertInnenintervciews. „Eine
methodische Auswertung der Interviews im Rahmen einer qualitativen
Inhaltsanalyse ist nicht erkennbar.“- Ähnlich mangelhaft ist laut Tschmuck die
Vorgehensweise bei der Schadenserrechnung für die Musikindustrie: die
„Pirateriemenge“ wird einfach mit einer aus der Literatur abgeleiteten
Substitutionsrate multipliziert.- In der gesamten „Studie“ werden die Begriffe
„Musikwirtschaft“ und „Musikindustrie“ nicht definiert und voneinander
abgegrenzt.- Besonderes Bubenstück der „Studie“: die vom
Bundesverband der Musikindustrie (BMI) zur Verfügung gestellten (und per se
zweifelhaften) Zahlen werden „dem
theoretischen Umsatzwachstum nach der Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts
(BIP) auf Basis des Jahres 1999 gegenüber gestellt“ – diese Darstellung „muß allerdings als suggestiv bezeichnet
werden, weil es keinen empirisch-kausalen Zusammenhang zwischen der Entwicklung
des BIPs und der Umsatzentwicklung in der phongraphischen Industrie gibt“,
stellt Tschmuck lapidar fest.- Und so geht es weiter – in der „Studie“ werden
Feststellungen willkürlich getroffen, die an keiner Stelle belegt werden, die
Zahlen, die die „Studie“ etwa bei den Beschäftigten nennt, stehen „in keiner nachvollziehbaren kausalen
Beziehung“. Bei der Addition der Gesamtsumme der „illegalen“ Tracks stellt
Tschmuck fest, daß „eine simple Addition
der Werte durch nichts gerechtfertigt ist“, und „die Zahlen für den Festplattentausch“ sind  „so gut
wie gar nicht empirisch gesichert“, die Kapitelüberschriften seien „suggestiv“, es werden nicht alle
verfügbaren Studien berücksichtigt, sondern nur ausgewählte (man kann sich
leicht vorstellen, welche Studien
ausgewählt wurden – die, die den Autoren in den Kram paßten natürlich), und
Tschmuck faßt schließlich zusammen:- Die Studie „liefert
keine empirisch gesicherten und somit brauchbaren Ergebnisse, die den
Zusammenhang von Musik-Filesharing und physischen sowie digitalen
Musikverkäufen erklären könnten. (...) Zum Teil fällt die Darstellung suggestiv
aus und es werden vorliegende Statistiken und Studien verkürzt und
oberflächlich interpretiert. (...) Insgesamt muß konstatiert werden, daß die
Berechnung des wirtschaftlichen Schadens der phonografischen Industrie in
Deutschland und in der Region Berlin-Brandenburg jeglicher Grundlage entbehrt
und alles andere als eine verläßliche Zahlenbasis bietet. Darüber hinaus wird
die Studie ihrem Titel (...) in keinster Weise gerecht (...) In diesem Sinn
leistet die vorliegende Studie keinen brauchbaren Erklärungsbeitrag, welche
wirtschaftlichen Auswirkungen Musik-Filesharing auf die phonografische
Industrie im Speziellen und die Musikindustrie in Deutschland im Allgemeinen
hat.“

So etwas nennt man wohl eine gewaltige Ohrfeige. Setzen, sechs!

Doch eine „Studie“ kann noch so absurd und inkompetent und lügnerisch
daherkommen – Hauptsache, es kommt das raus, was rauskommen soll, und schon
wird sie vom „President Universal Music GSA“ und vom Bayernkurier der
Verwertungsindustrie Hand in Hand (die eine wäscht bekanntlich die andere) im
großen Stil der Öffentlichkeit präsentiert. Hatten wir schon: die Lage der
Verwertungsindustrie muß verzweifelt sein, wenn sie ihr Anliegen derart
vorantreiben muß...

(Tschmucks Stellungnahme im Netz: http://musikwirtschaftsforschung.wordpress.com/2012/06/15/die-auswirkung... )

* * *

Doch auch die Abmahnindustrie bleibt nicht untätig. Jüngstes Opfer, wie
wir auf „Perlentaucher“ erfahren: der Filmemacher Rudolf Thome („Rote Sonne“),
der auf seiner Website zwei Kritiken aus dem „Tagesspiegel“ zu seinen Filmen
dokumentiert hatte und deshalb von einer Hamburger Rechtsanwaltskanzlei
aufgefordert wurde, knapp 950 Euro zu bezahlen. Thome war selbst 15 Jahre lang
Autor von Filmkritiken für das Blatt, das der Berliner gerne „Tagesspitzel“
nennt. „Wie kann dem Tagesspiegel ein
Schaden durch die Wiedergabe zweier uralter Kritiken entstanden sein“,
fragt sich Thome.

Besonders skurril: Im „Tagesspiegel“ fand man im März 2012 noch recht
deutliche Worte gegen die Abmahnindustrie: „Wenn
das aktuelle Abmahnwesen in Deutschland eine Farbe hätte, wäre es
schmutzig-grau. Mit allerlei Tricks versuchen Geschäftemacher, über Abmahnungen
Geld zu verdienen.“

Bekanntlich sind die größten Kritiker der Elche selber welche...

* * *

Ebenfalls aktiv ist der Computerhersteller Apple, der laut einem Bericht
der „Zeit“ bei Musikstücken anstößige Texte zensiert und sie durch „gesäuberte“
Versionen ersetzt, ohne daß die Nutzer darauf aufmerksam gemacht würden. Aus dem „We gonna party for the motherfucking right to
fight“ der Beastie Boys wird in der gated community von Apples iTunes einfach
„We gonna party for the KRATZGERÄUSCH right to fight.“

Es gibt eine längere Zensurliste bei Apple: keine Nackten im
James-Joyce-Comic „Ulysses Seen“ von Rob Berry im Juni 2010; im Mai „fiel die App zur Münchener
Pinakothek-Ausstellung Frauen – Picasso, Beckmann, de Kooning dem Brustverbot
aus Kalifornien zum Opfer. Der Kunst-App-Hersteller sollte Beckmanns nackte
Schlafende aus den Bildern entfernen, die das Produkt bei iTunes bewerben. Erst
danach stellte Apple die App wieder online.“ Brave new world.

10.06.2012

Lilian Thuram

Zum Auftakt der
Fußball-Europameisterschaft bringt das Feuilleton der FAZ ein ganzseitiges
Interview mit dem französischen Rekord-Nationalspieler Lilian Thuram, der
unlängst ein Buch unter dem Titel „Manifeste pour l’egalité“ herausgebracht und
eine Ausstellung im Pariser Musée du Quai Branly organisiert hat, die „zeigt,
wie der Westen den Wilden erfunden hat“. Thuram hat auch eine Stiftung
„Erziehung gegen Rassismus“ ins Leben gerufen.

„Der Rassismus ist ein intellektuelles
Konstrukt, das von einer Generation an die nächste weitergegeben wird. Unsere
Gesellschaft ist immer noch durchsetzt von rassistischen Vorurteilen. (...)
Wenn diese Fans Rassisten sind, so weil es um sie herum, in der Gesellschaft,
Rassismus gibt. Der Fußball lebt nicht in einem abgeschlossenen Raum.“

Thuram, der in
seiner Karriere Welt- und Europameister wurde, war berühmt dafür, sich vor
einem Spiel der Championsleague in ein Buch von Frantz Fanon zu vertiefen.

Und nun frage ich
Sie – wissen Sie, wer deutscher Rekordnationalspieler ist? Genau, Lothar
Matthäus. Und nun versuchen wir uns einmal vorzustellen, welches Buch (bzw.
„was ist das?“) Loddar vor einem Fußballspiel lesen würde. Oder was passieren
würde, wenn Loddar eine Museumsausstellung kuratieren oder gar der FAZ ein
ganzseitiges Interview geben müßte. Und Sie können sich so ungefähr den
Unterschied zwischen Frankreich und Deutschland sinnlich vorstellen... 

10.06.2012

China, Familien, Kolonko

Am Samstag, dem
9.Juni 2012, argumentiert Petra Kolonko (das ist die Dame, die für FAZ und NZZ
gleichlautende Artikel über China oder Nordkorea schreibt, die sie vor ihrem
Fernseher in Tokio sitzend verfaßt; siehe auch „Pjöngjang im Kaffeesatz“,
Konkret 11/2010, auch auf unserer Homepage: http://www.bseliger.de/sites/default/files/Seliger11-10.pdf)
im Leitkommentar der „FAZ“ unter dem Titel „Chinas roter Adel“: „Daß prominente Familien wirtschaftlichen
und politischen Einfluß haben, ist in Asien nicht ungewöhnlich. In Staaten, wo
das Rechtssystem schwach ist, wie in China, sind familiäre Bande noch immer die
Garantie für loyale Zusammenarbeit. (...) Die Familienpolitik beschränkt sich
nicht nur auf die obersten Parteiführer. Auch auf der mittleren Politik-Ebene
und im Geschäftsleben spielen Familienbande und persönliche Loyalitäten eine
starke Rolle. Sowohl in der Wirtschaft als auch in der Politik regieren
informelle Strukturen, die für Ausländer undurchdringlich sind und an denen sie
oft scheitern.“

Am selben Tag,
Samstag, dem 9.Juni 2012, lesen wir auf Seite 2 der „Berliner Zeitung“ eine
Sonderseite zum Thema „Familienmacht:
Politikerdynastien in Deutschland“, die sich unter dem Titel „Nachname
verpflichtet“ mit Familien beschäftigt, denen „Politik im Blut zu liegen scheint“ – Adenauer, Bismarck, von der
Leyen/Albrecht, Gysi, Schäuble sind die Beispiele. Und von den Flicks oder vom
Bertelsmann-Clan, der dem Kohl sein Mädel nach Gütersloh einbestellt, um der
ehemaligen FDJ-Funktionärin den Kurs vorzugeben, ist in der Sonderseite nicht einmal
die Rede.

Und was soll uns
das lehren? Wahrscheinlich will man uns einfach hintenrum verdeutlichen, daß
Deutschland eben ein Land ist, wo das Rechtssystem schwach ist, mit all den
prominenten Familien und deren wirtschaftlichem und politischem Einfluß...

10.06.2012

Gauck, Trittin und der Islam

 Nun werden die Zauberlehrlinge die Geister, die sie gerufen
haben, nicht mehr los.

„Kann man stolz auf
Deutschland sein?“ „Ja, das ist jetzt möglich“, tönt die Parole in
Großlettern nicht vom Titel der Blödzeitung und auch nicht vom Titel der
Nationalzeitung, sondern vom Titel der „Zeit“, und im Inneren des Blattes (was
ich in diesem Zusammenhang unbedingt metaphorisch zu lesen bitte) setzt Joachim
Gauck noch einen drauf: Anders als sein Bundespräsidenten-Vorgänger findet
Gauck nicht, daß der Islam zu Deutschland gehört, den Satz könne er „so nicht übernehmen“. „Ich hätte einfach
gesagt, die Muslime, die hier leben, gehören zu Deutschland“, erklärt der
Bundespräsident im Interview.

Gauck findet also, daß Muslime nach Deutschland eingewandert
sind, ihre Religion sollen sie aber nicht mitgebracht haben dürfen. Wie es
überhaupt interessant ist, wie Gauck im Interview an dieser Stelle
herumschwurbelt, denn Arbeitsmigranten kommen in seiner Welt offensichtlich
nicht vor, er sagt ausdrücklich: „Jeder,
der hierhergekommen ist (...) und auch gerne hier ist, auch, weil er hier
Rechte und Freiheiten hat, die er dort, wo er herkommt, nicht hat, der gehört
zu uns, solange er diese Grundlagen nicht negiert.“

Wie gesagt, das
kann den Zauberlehrlingen nicht gefallen. Grünen-Chef Cem Özdemir kann die
Unterscheidung Gaucks jedenfalls nicht nachvollziehen, die Muslime hätten
schließlich „ihre Religion mitgebracht“. Wer aber hat Gauck mitgebracht? Der
Grünen-Fraktionsvorsitzende und Ex-Maoist Jürgen Trittin war es, der Gauck das
höchste Staatsamt mehrfach antrug. Trittin hat uns das eingebrockt und hat nun
scheinbar die Zauberformel vergessen, mit der man – Besen Besen seids
gewesen... – den Quälgeist wieder los wird.

„Nun sind wir einen
CDU-Präsidenten los, der eine grüne Position vertrat, und haben einen
rot-grünen Favoriten, der aus dem Herzen der CSU argumentiert.“ (Friedrich Küppersbusch)

31.05.2012

Und Ansonsten 6 / 2012

Laut Bericht auf
"Spiegel Online" hat Bruce Springsteen anläßlich seines Berliner
Konzerts kräftig gegen Banker und Finanzwelt gewettert, sein Song "We Take
Care Of Our Own" wurde angeblich schon so etwas wie die "Hymne der
Occupy-Bewegung". Doch wie so oft greift die Gesellschaftskritik
US-amerikanischer Musiker etwas kurz - es geht gegen "gierige Diebe"
und gegen "Raubritter" - schön brav sozialdemokratisch eben, man will
keine andere Welt, sondern die bestehende, die soll aber ein klein wenig
hübscher sein und ohne allzu gierige Einzelpersonen.

Substantieller geht da Jeb Loy Nichols zu
Werk - sein Song "To Be Rich (Should Be A Crime)" ist eher
fundamental antikapitalistisch - und auch sonst ein schöner Song, produziert
von Adrian Sherwood und derzeit als Vinyl-Single und als Teil des "King
Size Dub"-Albums von 2011 erhältlich:

* * *

Und die
Fußball-Europameisterschaft? Wir sind ja für eher waghalsige Prognosen bekannt,
also soviel schon mal vorweg: Deutschland wird ganz sicher nicht Europameister!
Das kann man gleich mehrfach begründen: Politisch – ganz Europa leidet
wirtschaftlich unter dem Zuchtmeister Deutschland, da sollte sich doch
mindestens ein Land finden, das den von Merkel geprägten neoliberalen
Dominanzfußball stoppen kann. Gute Chancen sollten naturgemäß die haben, die am
meisten unter der deutschen Wirtschaftsknute zu leiden haben – einer der
PIGS-Staaten dürfte also wohl Europameister werden – und da Spanien den besten
Fußball spielt, und gleichzeitig den PIGS-Staaten angehört, ist das schon mal
der natürliche Favorit. Nun wissen wir alle, daß eher selten das Team gewinnt,
das den schönsten Fußball spielt, und bei einer EM gibt’s auch immer gerne mal
eine Überraschung – also vielleicht doch die Osteuropäer? Polen? Tschechien
(wobei, die Tschechen haben leider keine brauchbare Offensive)? Holland wird es
nicht werden, denn die haben Robben. Vielleicht Frankreich? Nach der Entsorgung
Sarkozys ist das ein guter Tip, auch wenn der Hollande-Sozialdemokratismus  vielleicht zu früh kommt. Aber wie gesagt:
Deutschland nicht. Zu viel FC Bayern, zu wenig Dortmund. Haben Sie gesehen, wie
die Nationalspieler im Championsleague-Finale beim Elfmeterschießen gekniffen
haben? Kroos? Gomez? Da steckt die Versagensangst einer ganzen Generation in
den paar Spielern. Oder man kann es begründen wie mein Schweizer Freund und
Fußballkenner: „die Deutschen haben so doofe Frisuren, das wird nichts“...Also, wenn Sie
mich fragen: einer der beiden PIGS-Staaten mit brauchbarem Fußball wirds, oder
Frankreich. Sie werden sehen. Oder es kommt ganz anders.

* * *

Der komplette
Wirtschaftsteil der „Süddeutschen Zeitung“ vom 26.5.2012 ist von einer
vierseitigen, teuren Anzeige des Kaffeemaschinenherstellers „De’Longhi“
ummantelt. Und was mußte die Redaktion der „Süddeutschen“ dafür tun? Auf Seite
31 im Wirtschaftsteil derselben Zeitung eine „Sonderseite“ zum Thema „Kaffee“
ins Blatt nehmen. Ich glaube, man nennt es unabhängige Presse, oder? (keine
Sorge, ich habe das Geschäftsprinzip verstanden, das eine hat natürlich null
mit dem anderen zu tun, eh klar)

* * *

Piraten, wohin
man sieht. Im Email-Posteingang ein Bandangebot: „Der Fluch der Karibik live
als Partyrock-Band auf Ihrer Bühne“.

„Die Coverpiraten
sind die neue Entdeckung am Partyhimmel. Die Bühne ist dekoriert mit rauchenden
Kanonen, leuchtenden Fackeln und Piratenaccessiores. Bei Bedarf kommen wir sogar mit Pyroshow! Die
Musiker sind in ständig wechselnden Piratenoutfits auf der Bühne, die Sänger
wechseln über 20 mal die Outfits während der Show, von Schlager- über Rock- bis
zum 70´s Outfit. Die Tänzerinnen
kommen Fahnen schwenkend und im finalen Spagat endend auf die Bühne. Von Top 40
Hits über Deutschen Schlager bis hin zu AC/DC wird mit 100%igem
Wiedererkennungswert eine Show geboten die ihres Gleichen sucht.“ 

Der Fluch der
Partyrockband, sozusagen.

* * *

Dieser Kalauer
wäre einem gern selber eingefallen:"Günter Grass, der stets sein Bestes
gegeben hat, sei es für die SS oder die SZ"... (Hans Zippert in
der "Welt")

* * *

Man liest das jetzt gerade allerorten, wie dieser Tage in
der „FAS“: „Die Grünen sehen sich durch den Erfolg der Piraten
herausgefordert.“Der Grüne Sven-Christian Kindler aus Hannover „hat ein duales Studium zum Betriebswirt
gemacht, wohnt in einer Öko-WG im multikulturellen linksalternativen Linden,
kocht gern vegan und wandert mit seinen Freunden bei den Pfadfindern“ und
sieht ansonsten die Gefahr einer Verspießerung der Grünen: „Wir dürfen keine Wischiwaschi-Volkspartei werden und auch keine
angepaßte Spießerpartei“.Wie meint Kindler aber das Wörtchen „werden“ in diesem Satz?Dieter Hildebrandt übrigens wies unlängst darauf hin, „daß die Spießer heute immer jünger werden“.

* * *

Der sowieso und überhaupt immer lesenswerte Newsletter des
„Palace“ in St. Gallen berichtet von einem hübschen Beispiel Bankenrettung vs.
Lehrstuhlförderung bzw. eine Hand wäscht die andere:

„Bekanntlich hat die Großbank UBS der
Universität Zürich fünf Lehrstühle gesponsert und auch noch ein «UBS Center of
Economics in Society». Es ist schon eine typisch schweizerische Art, Skandalen
ein Ende zu setzen: Eine Großbank wird vom Staat mit 68 Milliarden Franken
gerettet. Eine Untersuchung zu ihren kriminellen Geschäften gibt es keine. Die
Auflagen bleiben minimal. Zum Schluß kommt der Ex-Bundesrat und neue
Bankenchef, kauft sich die Bildung und sagt im Wirtschaftsweltblatt: «Die
Lehrstühle sollen unter anderem untersuchen, weshalb staatliche Regulierungen
oft andere als die beabsichtigten Wirkungen haben.» Das muß man sich erst mal
ausdenken: Milliarden von den BürgerInnen einstreichen, und dann noch
untersuchen lassen, ob die mit dem Geschenk verbundenen Auflagen eine falsche
Wirkung haben.“

* * *

Was an Politik-(Klein)darstellern wie Klaus Wowereit fast am
meisten nervt, ist diese arrogante Nonchalance gegenüber der Realität des
Faktischen, und die Zurschaustellung eigener politischer Hilflosigkeit als sich
ankumpelnde Betroffenheitsattitüde – „ja, wir wollen auch eine andere Welt,
aber leider leider...“ – so, als ob Politiker keine Gesetze machen könnten,
keine Flächennutzungspläne aufstellen oder keine Steuern erheben (bzw. wenn sie
wenigstens  zugeben würden, daß sie
nichts zu sagen haben angesichts von Banken Versicherungen Lobbys...).

Eine ganz neue Variante der von Walter Benjamin
beschriebenen Ästhetisierung des Politischen als wesentliche
Legitimationsstrategie von Herrschaft (und denken Sie neben dem Freiherrn
Guttenberg und Wowereit etwa auch an Sarkozy!).

Da wollen Konzerne wie BMW und Guggenheim nach Kreuzberg
kommen, um sich mal paar Wochen mit Stadtplanung zu beschäftigen – „mit Eröffnungsparty und Reden – powered by
BMW. In Berlin ist das Alltag. Diese Stadt verkauft sich immer an den
Meistbietenden. Wenn einer kommt und zahlt, eine Autofirma, eine Modefirma,
eine Mobilfunkfirma, dann kann er hier eigentlich alles haben, Plätze, Straßen,
das Brandenburger Tor“ (Jakob Augstein, SPON).

Es ist im Berlin des Sozialdemokraten Wowereit eben
tatsächlich so, wie Augstein schreibt: alles braune Brause. Wenn Coca-Cola (das
schon die NSDAP-Parteitage in den 30er Jahren gesponsert hat) ruft, bekommen
sie das Brandenburger Tor. Wenn die Berliner Fashion-Week das braucht, bekommt
sie den zentralen Bebel-Platz neben der Staatsoper, und das Festzelt wird von
Daimler-Benz gesponsert, der Firma, die nicht wenig in den Nationalsozialismus
verstrickt war, und steht direkt über dem Denkmal von Micha Ullmann, das an die
Bücherverbrennung 1933 erinnert. Und wenn BMW ruft, die Firma, deren Grundkapital
aus Zwangsarisierungen und Zwangsarbeit kommt, dann rollt Wowereit „den Roten
Teppich aus“.

„Weltoffenheit hieß
schon unter seiner rot-roten Regierung: Unternehmen, Investoren und andere
Möchtegern-Berlin-Gestalter aus der großen weiten Welt anlocken, koste es was
es wolle. Im vorauseilenden Gehorsam wurden da möglichst alle Barrieren
weggeräumt, etwa die lästigen Befürchtungen der Kiez-Bewohner, die sich
spießigerweise um ihre Wohnungen und steigende Mieten sorgen“ (Sebastian
Preuss, „Berliner Zeitung“).

Doch wenn die Bürger gegen derartige Show-Projekte
demonstrieren, weil sie längst wissen, daß sie von Politikern wie Wowereit
nichts zu erwarten haben, dann müssen sie sich von dem Sozialdemokraten noch
zynisch für ihre „unsachgemäße Kritik und
Versuche der Einschüchterung durch plumpe Drohungen“ kritisieren lassen.
Wie wäre es denn, Wowereit und Konsorten wählten sich einfach eine andere
Bürgerschaft?

Wenn den Berliner Landes- und Bezirkspolitikern wirklich an
einer Diskussion zur Stadtplanung gelegen wäre, hätten sie diese längst
organisieren können, nein: müssen! Nur wer sich jahraus jahrein nicht für die
Sorgen der BürgerInnen interessiert, sich nicht mit den Schattenseiten des
Berliner Immobilienbooms beschäftigen möchte, der propagiert schicke Show-Veranstaltungen,
die von BMW und Guggenheim als Imagekampagne organisiert werden.

Politikdarstellern wie Wowereit und Konsorten geht es um die
Privatisierung nun auch noch des öffentlichen Raums. Das ist ein Teil der
jahrelangen Kampagne der Umverteilung von unten nach oben. BMW und Guggenheim
und Wowereit stehen für das Problem, nicht für die Lösung. „Das ist die Ideologie des Starken, derer, die es sich leisten können,
auf öffentliche Infrastruktur zu verzichten.“ (Augstein)

Dem großen Staatsmann Wowereit sei dieses Zitat eines
schwäbischen Heimatdichters um die Ohren gehauen:

„Du bist fertig,
Staatsmann.Der Staat ist nicht
fertig. Gestatte, daß wir ihn verändern.“ (Bertolt Brecht, „Fatzer“)

* * *

Aber Berlin kann ja nicht wirklich viel. Berlin kann nicht
Popkomm und nicht Musikmesse. Berlin kann nicht Flughafen. Berlin kann nicht
Staatsoper (der Umbau dauert jetzt knapp zwei Jahre länger als geplant). Berlin
kann nur endlose Baustellen.

Finden Sie alles etwas provinziell? Berlin ist provinziell! Am Ende ist Berlin eben
auch nur 55 mal Fulda hintereinander...

* * *

Schon
interessant, daß die deutschen Politiker und ihre Medien, wann immer sie
„Menschenrechte“ in Staaten der ehemaligen Sowjetunion einfordern, sich
vornehmlich um die Menschenrechte von Ex-Oligarchen kümmern, von Menschen, die
in der Regel ihre Milliarden im post-sowjetischen System dadurch machten, daß
sie entweder zur Mannschaft eines sagenhaft korrupten Politikers gehörten, oder
daß sie Dinge, die der Gesellschaft gehörten, und dabei bevorzugt Energie, in
ihr Eigentum „überführten“.

Julia Timoschenko
etwa hielt Kontakt zum „sagenhaft
korrupten Dnjepropetrowsker Pawel Lasarenko, der als Vizepremier für
Energiefragen Timoschenko Aufträge im lukrativsten Geschäft verschaffte, das es
in der Ukraine überhaupt gab – dem Import von russischem Erdgas“, ist in
der „Berliner Zeitung“ zu lesen. Timoschenko wurde zur „Gasprinzessin“, ihr
Konzern kontrollierte dank hervorragender Kontakte zur Politik bald ein Fünftel
der ukrainischen Wirtschaftsleistung. „Timoschenko
wurde zur wohl einflußreichsten Oligarchin im postsowjetischen Raum. Als
Lasarenko 1997 gestürzt wurde, floh er in Timoschenkos Flugzeug. Er wurde in
den USA wegen Geldwäsche, Betrug und Erpressung zu neun Jahren Haft verurteilt.“

Daß nun gar der
Chefarzt einer Berliner Klinik im deutschen Regierungsauftrag die gierige
Ex-Oligarchin und Machtpolitikerin in einem ukrainischen Krankenhaus behandeln
muß, soll einem mal einer erklären. Sicher: die Verhältnisse in ukrainischen
Gefängnissen sind kein Zuckerschlecken. Aber ob sich die westliche Politik
ausgerechnet anläßlich Frau Timoschenkos um sogenannte Menschenrechte in der
Ukraine kümmern sollte, darf bezweifelt werden.

* * *

Und was ist mit
Dieter Bohlen los? Er klagt derzeit vor dem Europäischen Gerichtshof seine
„Menschenrechte“ ein. Denn seiner Ansicht nach hat ihn ein Zigarettenkonzern in
unlauterer Weise für seine Werbung eingespannt. Bohlen, der sonst gerne alles
und jedes mitmacht, was Geld verspricht, stört sich an der Werbung „Schau mal,
lieber Dieter, so einfach schreibt man super Bücher“.

Der
Bundesgerichtshof hat letztgültig entschieden, Bohlens Verfassungsbeschwerde
gegen dieses Urteil wurde abgewiesen, da blieb dem lieben dünnhäutigen
Multimillionär, der sonst gerne freche und ätzende Sprüche zulasten anderer im
Fernsehen absondert, natürlich nichts weiter übrig als die Klage gegen den
Entzug seiner Menschenrechte durch den bekannten Unrechtsstaat Bundesrepublik
Deutschland.

Wie sagte Bohlen
doch einst so schön? „Versuch doch mal einem Bekloppten zu erklären, daß er
bekloppt ist.“

* * *

Die „Warner Home
Video Germany“ und „Amazon Deutschland“ haben ein neues Geschäftsmodell
entwickelt, mit dem sie sich Freunde unter den Filmfans machen werden. Die
beiden Firmen bieten sechzehn Hollywood-Produktionen auf DVD an, die
hierzulande noch nicht verfügbar oder länger vergriffen waren – wie etwa Tod
Brownings „Freaks“ (1932) oder “Der kleine Cäsar“ mit Edward G. Robinson
(1932).

Die Besonderheit:
„Disc on Demand“. Amazon brennt die Filme dieser „Warner Archive Collection“
als DVD nur auf Kundenwunsch und Bestellung. Der Preis: Um die 15 Euro.

Sicherlich das
beste Mittel, Menschen von legalen und illegalen Streaming-Diensten
wegzulocken, denn für so eine handgebrannte DVD-Kopie eines achtzig Jahre alten
Films zahlt der Kunde doch gerne 15 Euro – man gönnt sich ja sonst nichts, und
die Filmindustrie muß auch von irgend etwas leben.

* * *

Wie wir wissen,
ist die US-amerikanische Kulturindustrie nicht gerade zimperlich im Umgang mit
Leuten, die illegale Kopien anfertigen und vertreiben. Doch es gibt natürlich
keine Regel ohne Ausnahme. Der 92jährige Hyman Strachmann fertigt laut
„Berliner Zeitung“ täglich wie besessen illegale Kopien von Spielfilmen an –
auf etwa 300.000 Exemplare der illegalen Kopien hat er es seit 2004 gebracht.
Doch der Zweck heiligt anscheinend die Mittel: Der Veteran, der im Zweiten
Weltkrieg diente, schickt seine Filmkopien an Soldaten im Auslandseinsatz, die
ihre Lieblingsstreifen auch im Krisengebiet sehen möchten. Die Sendungen mit
den illegalen Kopien Strachmanns gehen vor allem nach Afghanistan, bis 2011
lieferte er auch gern in den Irak.

Die Wand des
Arbeitszimmers des 92jährigen Hyman Copyking „schmücken Fotos von Soldaten, die zufrieden eine DVD in die Kamera
halten“.

* * *

„Die meiste Indie-Musik ist reine
Zeitverschwendung.“ Jack White

* * *

Schon mal von der
kanadischen Band „The Weeknd“ gehört? Deren Debütalbum „House of Baloons“
landete letztes Jahr in den Jahresbestenlisten von „Billboard“, „Guardian“ oder
der „New York Times“. Das Besondere: Das Album war „als kompletter Gratis-Download auf der Website der Künstler zu haben.
Die beiden Nachfolge-Alben von The Weeknd, ebenfalls im Jahr 2011 selbst
veröffentlicht, gab es auch umsonst. Bislang hat The Weeknd keinen
Plattenvertrag, dafür 365.000 Freunde auf Facebook und eine halbe Million
Twitter-Follower. In diesem Jahr spielte die Band bei einer großen Tour durch
die USA auf dem Coachella-Festival, einem der wichtigsten Musikfestivals der
Welt“, berichtet die „FAS“.

Wie zu hören war,
sind die Gagen der Band bereits extraorbitant, die Musiker können prächtig von
ihrer Musik leben. „Musiker, die über die
Nutzung und Auswertung ihrer Urheberrechte selbst entscheiden, haben im
Web-2.0-Zeitalter die besseren Chancen“, faßt die „Frankfurter Allgemeine
Sonntagszeitung“ zusammen.

Doch so etwas
funktioniert nicht nur jenseits des großen Teichs, sondern auch hierzulande.
Der deutsche Rapper „Cro“ ist seit Wochen mit seinem Song „Easy“,
wahrscheinlich einem der Sommerhits des Jahres, in den deutschen Top 10. Der
Song wurde zuerst auf Youtube als Video veröffentlicht, eine Woche später
konnte man den Song als Teil eines Mixtapes kostenlos von der Website des
Labels von Cro herunterladen. Mittlerweile ist das Video sage und schreibe 17
Millionen mal auf YouTube angesehen worden und gilt als das meistgesehene
deutsche Musikvideo aller Zeiten. Wie gesagt, bis zum Release der „Easy“-Single
gab es von Cro gar keine Musik zu kaufen, „Easy“ war 16 Wochen lang kostenlos
im Internet runterzuladen. Alle Tracks von Cro gab es zum Free-Download oder im
Stream als Geschenk für seine Fans. Das Album „Raop“ erscheint am 6.Juli – bis
dahin war die komplette Tour von Cro im April und Mai ausverkauft, und der
Künstler spielt im Frühjahr und Sommer alle wichtigen Festivals der Republik,
von Rock am Ring und Rock im Park über Splash bis zu Hip Hop Open Stuttgart.

Mag sein, daß das
Internet Sven Regeners Feind ist. Es ist aber definitiv der Freund weltoffener,
guter Künstler, wie diese beiden Beispiele zeigen. Kommt ins Offene, gelt?!?

* * *

„Vielen meiner Texte hätte ich als Urheber
mehr Aufmerksamkeit gewünscht. Ich bin ja der Vater meiner Texte. Man will das
Beste für seine Kinder. Möglichst viele Leute sollen sie lieben. Wenn jemand
einen Text unerlaubt verbreiten würde, wäre es Diebstahl. Aber es würde mich
mehr freuen als ärgern. Ich fände es falsch und kleinlich, dagegen vorzugehen.
Seltsame Vorstellung, daß jemand abgemahnt werden sollte, weil er etwas von mir
lesen will. (...) Natürlich ist es mir lieber, eine Vergütung zu bekommen, ist
doch klar. Ich will nur darauf hinweisen: Die mit einem Download – auch einem
diebischen – einhergehende Verbreitung ist vielleicht wichtiger als die
Vergütung. Jemand hält meinen Text für lesenswert und weiterempfehlungswert.
Das ist doch erst mal toll. Und nicht nur eine Schmeichelei. Mein Marktwert
steigt mit der Verbreitung, auch mit der illegalen, die gegen das geltende Urheberrecht
verstößt. Und genau diesen Punkt berücksichtigt das geltende Urheberrecht
nicht.“  

Joseph von
Westphalen, merkwürdigerweise einer der Erstunterzeichner des Aufrufes zum
Schutz des geistigen Eigentums

* * *

Allein 2011 hat
die EU laut einem Bericht der „taz“ über 400 Millionen Euro in die Sicherung
ihrer Außengrenzen investiert. Damit könnten 23.000 Flüchtlinge pro Jahr für
den Arbeitsmarkt fit gemacht werden, etwa über das „Resettlement-Programm“ des
UNHCR. Stattdessen ertrinken jährlich 700 Flüchtlinge mit unserer Billigung im
Mittelmeer.

06.05.2012

Andrea Berg

Wozu zahlen wir
Gebühren für unser Staatsfernsehen?

Am Sonntagabend,
dem 6.5.2012, wissen wir es: Für eine anderthalbstündige Sendung zu bester
Sendezeit um 20.15 Uhr im RBB mit Andrea Berg: „Abenteuer“ heißt „das
Live-Konzert 2012“ (auch so eine tolle Erfindung: „Live-Konzert“, und dann
sehen wir überdeutlich, daß alles Playback ist...), das uns die
Öffentlich-Rechtlichen ins Haus bringen. „Es gibt nicht viele Künstlerinnen,
die es schaffen, ihre Fans bei einem Konzert alle einzeln mit ihrer Musik zu
umarmen“, flötet der Videotext des Staatsfernsehens.

Zwei Stunden
vorher konnten wir erfahren, daß die Piratenpartei auch den Landtag in
Schleswig-Holstein „geentert“ hat, jetzt ist Andrea Berg dran, pausenlos redet
sie ihr Publikum mit „Traumpiraten“ an, sie steht in merkwürdigen
Muttchen-Domina-Verkleidungen („Als 42jährige Frau muß man sich anstrengen,
damit die Männer einem hinterhergucken“...) auf einer zum Schiff umgestalteten
Bühne mitten im Publikum, „bei uns Traumpiraten haben Gefühle keine Schweigepflicht“,
und ergeht sich in schlechten Meeres-Metaphern.

„Schenk mir die
perfekte Welle / wenn ich um mein Leben renne / atemlos bis in die Ewigkeit. /
Schenk mir einen Stern / denn den hätt ich so gern. / Flieg mit mir zum Mond / mal
sehn wer da so wohnt. / Laß mich tausend Abenteuer spürn / will in deiner
Umlaufbahn verglühn.“

Sagen Sie selbst:
damit so etwas am Sonntagabend im Staatsfernsehen zu betrachten ist, dafür zahlt
man der GEZ doch gerne € 17,98 monatlich, oder?

02.05.2012

Französische Wahl und Intellektuelle

Wer wissen will, wie viele der dämlichen und überflüssigen
Feuilleton-Debatten gemacht werden, kann am 27.April in der „NZZ“ bei Jürgen
Ritte lesen, daß sich die französischen Intellektuellen aus dem
Präsidentschaftswahlkampf weitgehend heraushalten. Höchstens die
Rückständigkeit der politischen Visionen und der Mangel an Ideen werde gelegentlich kritisiert. Dabei, findet
Ritte, sei es doch gerade die Aufgabe der Intellektuellen, Ideen zu produzieren.

Eine Woche
später, am 2.Mai, deckt Joseph Hanimann in der „SZ“ auf: „Nie waren in den letzten dreißig Jahren die Pariser Intellektuellen in einem Wahlkampf so stumm wie diesmal.“

Nun, wer
Intellektuelle und Philosophen wie Sloterdijk oder Richard David Precht oder
Grass in seinem Land weiß, der kann natürlich munter Steinchen aus dem Glashaus
werfen, es klirrt ja so schön...

Ein Buch wie
Alain Badious „Wofür steht der Name Sarkozy?“ habe ich von einem deutschen
Intellektuellen jedenfalls nicht gelesen. Und es gäbe keinen deutschen Verlag
(außer diaphanes natürlich), der so etwas drucken würde, und kaum Medien, die
derartige Thesen diskutieren würden – „...die
desaströsen Konsequenzen jenes parlamentarischen Fetischismus, der bei uns für
„Demokratie“ steht...“ oder „...was
ist einförmiger als die „freien“ Individuen der Marktgesellschaft, die
zivilisierten Kleinbürger, die wie die Papageien ihre lächerlichen Ängste
wiederholen?“ oder „es geht darum,
die demokratischen Formen eines Staatsterrorismus zu finden, die auf der Höhe
der Technik sind: Radar, Fotos, die Kontrolle des Internet, systematisches
Abhören aller Telefone, Kartographie der Ortsveränderungen... Am staatlichen
Horizont zeichnet sich ein virtueller Terror ab, dessen Hauptmechanismus die
Überwachung sowie in zunehmendem Maße auch die Denunziation ist.“ So Badiou
in seinem 2007 erschienenen Buch, vor der Wahl Sarkozys zum Präsidenten des von
ihm kreierten und von der deutschen „Kreativindustrie“ so gerne bejubelten
Hadopi-Staates...

Aber die
süddeutschen und Schweizer Feuilletonisten können anscheinend nicht nur keine
Bücher lesen, sondern scheitern auch am Studium der wichtigsten französischen
Zeitschriften. Am 18. April war im Nouvelle Observateur (das ist von Einfluß
und Bedeutung vielleicht mit dem „Spiegel“ hierzulande zu vergleichen) ein
großes Interview mit Jacques Rancière, einem der wichtigsten Philosophen
unserer Tage, unter dem Titel „L'ÉLECTION,
CE N'EST PAS LA DÉMOCRATIE“ zu lesen – ja, ganz richtig, Rancière stellt fest:
Die Wahl, das ist keine Demokratie!

Frankreich, du hast
es besser – Philosophen des Kalibers Rancière haben wir in Deutschland nicht.
Wir müssen mit Feuilleton-Zeilenschindern vorlieb nehmen, die uns erzählen, daß
die französischen Intellektuellen so stumm sind wie seit dreißig Jahren
nicht...

02.05.2012

Piloerektion

„Jemals eine Piloerektion erlebt?

Dieses Gefühl, wenn
tausend winzig kleine Muskeln unter Ihrer Haut jedes einzelne Haar auf ihrem
Körper aufrichten? Auch bekannt als Gänsehaut. Diese auszulösen, dafür ist
jeder Jaguar geschaffen. Damit Sie sich lebendig fühlen. Erleben Sie den Jaguar
XK ab 91.200.- €.“

Aus einer mehrseitigen Anzeige in der Zeitschrift
„Interview“, anscheinend eine Zeitschrift für all diejenigen, die keinen Sex
mehr haben, aber für eine „Pilo-Erektion“ mal eben „ab 91.200 Euro“  auszugeben bereit sind, um sich
„lebendig zu fühlen“.

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