24.08.2012

Pussy Riot & Katholische Kirche II

Der Blogeintrag zu Pussy Riot unten wurde am 19.8. geschrieben.

Nur wenige Tage später wurde die geäußerte
Behauptung Realität: Drei junge „Polit-Aktivisten“ haben laut heutiger „Berliner
Zeitung“ für ihre Aktion zur Unterstützung der verurteilten russischen
Pussy-Riot-Musikerinnen einen Gottesdienst im Kölner Dom gestürmt, hatten
lautstark „Free Pussy Riot“ gerufen und Flugblätter verteilt. Sie trugen dabei
ein Transparent mit der Aufschrift „Free Pussy Riot and all prisoners“. Die
Aktion im Kölner Dom dauerte kaum länger als eine Minute, dann wurde das Trio
von sogenannten „Domschweizern“ (was es alles gibt...), den Kirchenwächtern von
Köln, aus der Kirche geführt.

„Die
katholische Kirche hat nach der Aktion Strafanzeige gegen die beiden 23 und 25
Jahre alten Männer und die 20-jährige Frau erstattet. Der katholischen Kirche
geht es um die Ruhe im Kölner Dom, das Recht auf Demonstrationsfreiheit dürfe
nicht über das Recht auf Religionsfreiheit und die religiösen Gefühle der
Gottesdienst-Teilnehmer gestellt werden.

Den drei
Demonstranten droht nun Gefängnis. Sie können wegen Hausfriedensbruch und
Störung der Religionsausübung belangt werden – und mit einer Freiheitsstrafe
bis zu drei Jahren bestraft werden. In einem ähnlichen Fall war ein Berliner,
der einen Festgottesdienst zum Tag der deutschen Einheit gestört hatte, zu neun
Monaten Haft verurteilt worden“, berichtet die „Berliner Zeitung“.

Der Kölner Domprobst Feldhoff hatte übrigens
Anfang August in einem Interview den Moskauer Prozeß verteidigt: eine schrille
Protestaktion wie die von Pussy Riot in Rußland hätte auch im Kölner Dom
Konsequenzen. „Die Würde des Doms zwingt uns, dagegen vorzugehen“, so der
Domprobst.

Einen Tag zuvor meldete die „taz“, daß der
Direktor der Gedenkstätte Hohenschönhausen, Hubertus Knabe, die drei Pussy
Riot-Musikerinnen im Gefängnis besuchen möchte. Als Leiter der Gedenkstätte im
früheren Stasi-Zentralgefängnis liege ihm „die
Respektierung des Grundrechts auf freie Meinungsäußerung auch in heutiger Zeit
sehr am Herzen“, schrieb Knabe an den russischen Botschafter in Berlin.
Knabe kann nun im eigenen Land bleiben, um sich für das Grundrecht auf freie
Meinungsäußerung zu bemühen, und sich für die in Köln angezeigten Demonstranten
einsetzen. Wir warten gespannt, ob all die Pussy-Riot-Solidarisierer, von Frau
Merkel über Frau Peaches bis zu den Herren Knabe und Westerwelle, und all die
anderen, denen das Grundrecht auf freie Meinungsäußerung zumindest in Rußland
so sehr am Herzen liegt, sich in Köln ebenfalls so vehement für die freie
Meinungsäußerung von Demonstranten im Kölner Dom einsetzen werden, wie sie es
gegenüber Putin in Rußland tun.

(ich gebe zu: das war jetzt eher eine rhetorische
Bemerkung, ich kann Ihnen jetzt schon sagen, was passieren wird...)

22.08.2012

Dieter "wir sind die Urheber" Moor

Dieter Moor, „Bauer sucht Kultur“ und
Moderationstexte-Aufsager u.a. beim ARD-Kulturmagazin „titel, thesen,
temperamente“, gehört zu den Unterzeichnern der Initiative „Wir sind die
Urheber“. Wenn es um seine eigenen Interessen geht, nimmt Moor es mit den
Rechten von Urhebern allerdings nicht so genau.

Die (übrigens sehr empfehlenswerte) satirische Website
„Postillon“ hatte über die Versuche von Berlin und Brandenburg (nennen wir diese
Länder ruhig mal so, wie sie es verdienen: Bebra...), einen Flughafen in den
märkischen Sand zu bauen, sehr hübsch mit der Erfindung eines „Futur III“
gescherzt, „damit die Berliner künftig
über ihren Flughafen geredet haben werden hätten“. Über „Perlentaucher“
wurde dieser schöne Text einer größeren Öffentlichkeit bekannt.

Ein paar Tage nach den Veröffentlichungen beendete
Moor die Moderation von „titel, thesen, temperamente“ mit eben diesem Scherz
über das „Futur III“. Allerdings ohne Quellenangabe – er hat den Gag einfach
geklaut.

Nun ist aus sehr gut unterrichteten Kreisen längst
bekannt, daß Dieter Moor seine Schlußtexte in der ARD-Sendung nicht selber
schreibt, sondern schreiben läßt – auch wenn der Autor im Abspann nie genannt
wird, Moor und die ARD-Redaktion also den Eindruck erwecken, der beim Publikum
erwünscht ist: daß Moor sich seine originellen und in der Regel geschliffen
formulierten Pointen selbst ausdenkt. Nachdem Moor nun massiv als Plagiator in
die Kritik geraten war, gab die Redaktion von „ttt“ verschämt zu, daß nicht
Moor selbst, sondern „dessen Koautor“ (den sie das erste Mal in die
Öffentlichkeit einführt) den Scherz im Internet gefunden und für Moors
Moderation abgeschrieben habe.

Wir halten also fest: Dieter „wir sind die
Urheber“ Moor läßt seine Texte, die er vorträgt, von jemand anderem schreiben,
wohl, weil er es selber nicht kann, obwohl er so tut, als ob das seine Texte
seien – und sein (Ko-?)Autor klaut für den Urheber-Verteidiger einfach eine
Pointe aus dem Netz. Und seine öffentlich-rechtliche Sendeanstalt bezahlt weder
den eigentlichen Urheber, noch nennt sie wenigstens die Quelle der von Dieter
„wir sind die Urheber“ Moor aufgesagten Pointe. Und dafür zahlen wir zig
Milliarden Rundfunkgebühren. Ein tolles öffentlich-rechtliches Schauspiel.

Die „ttt“-Redaktion sollte den Titel des
Schlußtextes ändern: Statt „Schluß mit Moor“ besser „Moor sagt jetzt einen Text auf, den sein Autor für ihn im
Internet gefunden und geklaut hat“.

22.08.2012

Musikschulen werden vom Bund zur Kasse gebeten

Wie die „Berliner Zeitung“ berichtet, plant die
Bundesregierung, private Musikschulen künftig kräftig zur Kasse zu bitten. Ab
nächstem Jahr soll für den Musikunterricht an privaten Musikschulen 19%
Umsatzsteuer fällig werden – was den Musikunterricht um knapp ein Fünftel
teurer machen würde. Die Neuregelung soll auch für Ballett-, Tanz- und
Malschulen gelten.

In ihren Sonntagsreden sprechen Politiker gerne
davon, daß die musische Bildung junger Menschen wichtig sei. In der Praxis ist
der Bundesregierung die musische Bildung vollkommen wurscht – zudem
desinformiert das Bundesfinanzministerium die Öffentlichkeit mit einer
gezielten Falschbehauptung: Laut Bundesfinanzministerium gehe es hier um die
„Umsetzung europäischen Rechts“; die Unterscheidung zwischen Freizeit- und
Bildungswert eines Kurses sowie der Hinweis auf die Gewinnorientierung einer
privaten Musikschule, Hauptargumente des Finanzministeriums, finden sich jedoch
gar nicht in der EU-Richtlinie über mögliche Mehrwertsteuer-Befreiungen.

Bereits jetzt gibt es übrigens enorme Wartelisten bei Musikschulen. Und laut einer GfK-Umfrage verzichtet ein Viertel der
Bevölkerung schon heute aus Kostengründen darauf, ein Instrument zu lernen.
Wenn es nach Schäuble geht, wird sich diese Quote erhöhen – Bildung für alle?
Pustekuchen. Schäuble & Co wollen anscheinend eine Rückkehr zu feudalen Zeiten, als es ein auf den
Adel beschränkter Luxus war, ein Musikinstrument zu erlernen. 

19.08.2012

Pussy Riots und Deutschland

Bei all den Solidaritätsadressen von Frau Merkel,
Frau Peaches, Frau Madonna oder Herrn Westerwelle an Pussy Riots nach ihrer
skandalösen Verurteilung durch ein Moskauer Gericht – machen wir uns nichts
vor, es gibt wenig Anlaß, sich im hiesigen vermeintlichen Schmuse-Biedermeier
irgendwie besser zu fühlen. Haben Sie sich einmal die Bilder der großartigen
Performance von Pussy Riots in der Moskauer Kirche angesehen? Und nun stellen
Sie sich mal vor, was hierzulande los wäre, wenn eine Band wie Pussy Riots den
Altar des Kölner oder Fuldaer Doms kapern und eine ähnliche Performance
hinlegen würde. Natürlich würden diese Pussy Riots hierzulande vom Fleck weg
verhaftet werden, natürlich würden Deutschlands Bischöfe so wie der Patriarch
der russisch-orthodoxen Kirche, Kyrill I., die Aktion als „Blasphemie“
verurteilen, natürlich müßten sich diese Pussy Riots auch hierzulande wegen
Mißachtung der Kirche und der „Verletzung religiöser Gefühle“ verantworten und
sich dem medialen Spießrutenlaufen von Blödzeitung bis
Einstecktüchlein-Katholik Mosebach aussetzen. Letzterer würde wahrscheinlich in
der „Berliner Zeitung“ die sofortige Ausweisung von Pussy Riots in ein
sibirisches Gefangenenlager fordern und hämisch hinterherrufen, es würde nicht
schaden, solchen kirchenfeindlichen Performance-Künstlerinnen „einen gewaltigen Schrecken einzujagen“,
es würde schließlich, da ist der Mosebach dem Putin sehr nahe, „das soziale Klima fördern, wenn Blasphemie
wieder gefährlich wird“.

18.08.2012

Woody Allen über Religion

„Ich glaube
nicht an Gott. Religionen sind für mich eine ziemlich dumme Form des
Eskapismus. Es gibt bessere: Essen, Wein, Sex, Baseball...“   (Woody Allen)

18.08.2012

BND Neubau Berlin

Wissen Sie, was das mit weitem Abstand größte
Gebäude Berlins ist?

Der Neubau des Geheimdienstes. Der gerade im
Entstehen befindliche, gigantische BND-Komplex mit einer Brutto-Grundfläche von
sage und schreibe 260.000 Quadratmetern wird gerade gebaut, das Gesamtprojekt
wird wohl an die zwei Milliarden Euro kosten.

Haben Sie noch irgendwelche Frage?

14.08.2012

Twitters individuell auf mich abgestimmte Vorschläge

Gerade erreicht mich diese Email von Twitter mit
dem Titel „Entdecke mehr auf Twitter“: „Wußtest Du, daß Twitter individuell auf
Dich abgestimmte Vorschläge generiert, wem Du folgen kannst? Denen zu folgen,
die Dich interessieren, hilft Dir die Informationen zu erhalten, die für Dich
heute wirklich wichtig sind oder es morgen vielleicht sein werden.“

Und welche drei „individuell auf mich abgestimmte
Vorschläge“ hat Twitter mir gemacht? Diese: Sascha Lobo (Faktotum). Erika
Steinbach (Vertriebenenfunktionärin). Und einen Hermann Gröhe, dessen
aktuellster Tweet so geht: „Wir gedenken heute der Menschen, die für
ihren Wunsch nach Freiheit an der Berliner Mauer und an der innerdeutschen
Grenze gestorben sind.“

Zwei Reaktionäre und ein unvermeidlicher Netzweltheini – ganz
schön dialektisch, was das Gezwitschere da „individuell auf mich abgestimmt“
hat...

12.08.2012

Bernd "ein Stück weit" Schlömer

Die Vorsitzenden der „Linken“, Katja Kipping, und der
„Piraten“, Bernd Schlömer, haben, moderiert vom Verleger des „Freitag“, Jakob
Augstein, in Berlin eine Podiumsdiskussion bestritten. Herausgekommen ist dabei
nichts, aber alle bürgerlichen Medien berichteten groß – wie es eben oft so
ist, daß über jeden Köttel, den jemand auf den Weg setzt, eifrig berichtet
werden muß. Besonders fiel auf, daß nahezu alle sogenannten seriösen
Tageszeitungen ausführlich über das der Diskussion vorangegangene Foto-Shooting
berichteten, bei dem sich Frau Kipping und Herr Schlömer sehr nahegekommen und
in die Augen gesehen haben müssen. Da konnten die bürgerlichen Medien kaum an
sich halten und bewiesen, daß der Unterschied zwischen sagen wir „Frankfurter
Rundschau“, „Zeit“, „Tagesspiegel“ („Er
in orangefarbener Hose, sie in schicken hochhackigen roten Schuhen“),
„Financial Times Deutschland“ („Sie saßen
auf einer Holzbank und schauten sich tief in die Augen, sanft strich der Wind
über die nahen Bäume“) oder „Welt“ und der Yellow Press und
People-Magazinen wie der „Bunten“ im Zweifelsfall ein eher marginaler ist –
sind eben alle Teil der gleichen Propagandamaschine...

Alle genannten Medien berichteten übereinstimmend, daß die
beiden Parteichefs sich jetzt duzen würden, und daß Schlömer gesagt habe: „Bisher habe ich Frauen, denen ich so nahe
kam, immer geküßt“, worauf Frau Kipping geantwortet habe: „Bevor ich jemanden küsse, habe ich erst ein
paar kritische Fragen.“ Das war wohl die wichtigste Nachricht des Abends.

Ansonsten muß der Abend frustrierend verlaufen sein, was
wohl hauptsächlich am Ober-Piraten Bernd „ein Stück weit“ Schlömer lag. Auf
„Carta“ bezeichnete Duke Erdmann den Piratenchef als ein „liberales Stück Seife“, er nenne „Inhalte Ideologie und hält
die persönliche Meinung eines Politikers für ein Vorgreifen auf Beschlüsse (...) ein Fisch im Schwarm,
der zufällig der Vorsitzfisch ist“.

Wenn man wissen will, was die Positionen des
Piraten-Bundesvorsitzenden (im Hauptberuf Regierungsdirektor im Verteidigungsministerium)
oder seiner Partei sind – hier ein paar Beispiele:

„Die Piraten werden
zwar ein Stück weit aufgrund ihrer Programmatik gewählt, in erster Linie aber
wegen einer allgemeinen Wechselstimmung. Insbesondere junge Menschen werden von
pragmatischen Lösungen geprägt, nicht von Ideologie.“

Befragt nach der Abschaffung der Netzneutralität, läßt
Schlömer ein Stück weit die Hosen runter: Die Piraten seien für Lösungen, mit
denen „Monopolbildung verhindert wird“,
oder  „Monopolbildung und Oligopolbildung reduziert und ausgeglichen werden“.
Wohl gemerkt: Die Monopole und Oligopole sollen nicht etwa abgeschafft, sondern
reduziert und ausgeglichen werden. Ein Stück weit, wahrscheinlich.

Für Schlömer geht es bei der Piratenpartei vor allem um „eine neue Methodik in der deutschen
Politik“, nicht um eine alternative Programmatik. Schlömer definiert
Politik als „die Suche nach lösenden
Kompromissen für gesellschaftliche Probleme, an der die Bürger beteiligt werden
müssen“.

Zur Steuerpolitik, zur stärkeren Besteuerung der Reichen und
der Konzerne stellt Schlömer fest: „Wir
sind in dieser Frage in der Werkstattdiskussion, aber wir wollen ein einfaches,
transparentes, gerechtes Steuersystem.“ An dem wahrscheinlich irgendwie die
Bürger beteiligt werden müssen.

Als Augstein Schlömer fragt, ob er sich eher links oder
rechts fühle, antwortet Schlömer, er empfinde sich als „liberal“, und bekundet
seine Verehrung für die FDP der 80er Jahre.

Soweit so schlecht. Immer gut, wenn sich Parteien und ihre
Funktionäre rechtzeitig demaskieren (und wer die Zitate nicht glaubt: man kann
die langweilige Veranstaltung im Netz anhören...). Wer kurz mal den Eindruck
gehabt hatte, mit den Piraten könne das was werden, wer sich über ihren
Berliner Wahlkampf und die dortigen politischen Forderungen oder über einige
kluge Köpfe in der Partei gefreut hatte, wer die Positionen von Bruno Kramm zum
Urheberrecht schätzt – der weiß jetzt: mit den Parteien in toto ist es nicht
weit her. Wer sich einen FDP-Fan der 80er Jahre (also der Zeit, als der
verurteilte Steuerhinterzieher Otto Graf Lambsdorff Wirtschaftsminister und
Bundesvorsitzender der Partei war und extrem unternehmerfreundliche
Wirtschaftspolitik betrieb) als Bundesvorsitzenden hält, braucht keine Feinde
mehr.

Ich saß im Juni 2012 einmal einen Samstagnachmittag lang
zwei Plätze neben Bernd ein Stück weit weg Schlömer, nämlich beim sogenannten
Urheberrechtsdialog der Piratenpartei, einem runden Tisch zur Rock- und
Popmusik. Ganz ehrlich: das war mein langweiligster Samstagnachmittag seit
vielen Jahren. Die Funktionärin des bekannten Lobbyverbandes der unabhängigen
Musikindustrie verstand nicht, warum man gegen die GEMA demonstrieren wolle, Ein
alternder Rockmusiker forderte, daß das Urheberrecht noch länger als 70 Jahre
nach dem Tod der Urheber Geltung haben solle, weil auch seine Urenkel noch von
seiner Arbeit profitieren sollten. So ungefähr ging es da zu, und die paar
kompetenten Teilnehmer gingen relativ unter in der Diskussion. Doch deswegen
erzähle ich das nicht. Ich erzähle es, weil wie gesagt Bernd Schlömer zwei
Plätze neben mir saß. Er sagte kein einziges Wort, er machte sich auch keine
Notizen, nein: Er studierte immer, wenn ich zu ihm rübersah, stundenlang die
Website von, nun raten Sie mal? Genau: von „Bild Online“.

Daß wir uns nicht falsch verstehen: Mir ist schon klar, daß
der Bundesvorsitzende einer Partei auch checken muß, was die Blödzeitung so
treibt, und wie sie die Massen manipuliert. Aber wenn er nach zehn Minuten
immer noch auf Bild Online ist, und nach einer weiteren halben Stunde immer
noch, und eine weitere halbe Stunde immer noch, dann... na, Sie wissen schon.

Ein Stück weit enttäuschend war das alles. Oder erhellend.
Wie man will.

11.08.2012

Ehe, Familie, Homosexuelle

Die Schlagzeilen melden unisono: Homosexuelle
Lebenspartnerschaften sollen endlich steuerlich mit verheirateten
heterosexuellen Paaren gleichgestellt werden. Ehegattensplitting für alle! „Willkommen im Leben, CDU“, kommentierte
die „Süddeutsche Zeitung“.

Doch was ist „das Leben“ in der Bundesrepublik
Deutschland im Jahr 2012?

Das herrschende Konstrukt der Bundesregierung ist
nach wie vor das der „Familie“, die durch „Eheschließung“ begründet wird. Doch
die Zahl der Eheschließungen geht drastisch zurück, nicht einmal die Hälfte der
Deutschen ist verheiratet (ca. 38 Millionen), und die Mehrheit der Ehepaare hat
keine Kinder (lediglich 9,23 Millionen Ehepaare haben Kinder).

Fast jede zweite Ehe wird geschieden (ca. 200.000
pro Jahr), die meisten davon nach 4 bis 8 Ehejahren, und bereits seit 1972 ist
die Zahl der jährlichen „Ehelösungen“ (wie das Statistische Bundesamt das
nennt) höher als die der „Eheschließungen“ (der Überschuß der „Ehelösungen“
beträgt mittlerweile zwischen 150.000 und 175.000 jährlich). Zwischen 145.000
und 170.000 Kinder sind jedes Jahr von Ehescheidungen betroffen.

Knapp 16 Millionen gelten den offiziellen
Statistikern als „Alleinstehende“, hinzu kommen noch einmal 1,7 Millionen
alleinstehende Menschen, die ihren Haushalt mit anderen Personen teilen. Die
konservative „FAZ“ faßt im Juli 2012 in einer Schlagzeile zusammen: „Die Ehe verliert an Bedeutung.“

Wie man angesichts dieser Tatsachen heutzutage als
Regierungspolitik (mit der ja weite Teile der Opposition d’accord geht) immer
noch auf das historisch überlebte Institut „Ehe“ und „Familie“ als das
Nonplusultra modernen Zusammenlebens von Menschen zurückgreifen kann, ist ein
Rätsel. Fast schon skandalös jedoch mutet die Tatsache an, daß die Ehe massiv
finanziell subventioniert wird: Durch das sogenannte Ehegatten-Splitting
gewährt der Staat Ehepaaren einen Steuernachlaß von etwa 15 Milliarden Euro im
Jahr. Die Förderung von Familien an die Förderung der Ehe zu knüpfen, ist ein
Relikt der Adenauer-Zeit, das allmählich selbst bei den Konservativen überlebt
sein sollte. Mal jenseits dessen, daß durch das Ehegattensplitting vor allem
Alleinverdiener-Ehen, egal ob mit oder ohne Kind, gefördert werden (in denen in
der Regel immer noch die Ehefrau diejenige ist, die kein Einkommen bezieht,
also „am Herd“ bleibt...) – und zwar desto stärker, je höher das Einkommen.

Damit wir uns nicht mißverstehen: Natürlich sollen
homosexuelle Lebenspartnerschaften die gleichen Vorteile aus gesetzlichen
Regelungen ziehen wie heterosexuelle Ehepaare. Solange es Ehegattensplitting
gibt, sollte dies selbstverständlich auch homosexuellen Lebenspartnerschaften
gewährt werden. Aber das Problem liegt doch ganz woanders: „Willkommen im
Leben“ sollte doch bedeuten, endlich vom überkommenen und längst überholten
Ehegattensplitting Abschied zu nehmen und in der gesellschaftlichen Realität
des 21.Jahrhunderts anzukommen.

Übrigens: wer denkt, die Anerkennung dieser
Realität falle den Regierenden schwer, der sieht sich zu einem guten Teil
getäuscht: Dann, wenn der Staat daraus Vorteile ziehen kann, behandelt er nicht
verheiratete Paare nämlich längst wie Ehepaare – etwa, wenn es um Hartz IV oder
um Arbeitslosengeld geht. Da soll der eine Unverheiratete wie
selbstverständlich des Mitbewohners Last schultern. Es ist eben alles
Ideologie. 

08.08.2012

GEMA-Zahnärzte

Daß ein Monopolist wie die GEMA sich wenig um Gesetze schert
und einfach Urteile des Europäischen Gesetzhofes als für Deutschland nichtig
bezeichnet, beschreibt „Telepolis“. Demzufolge „hatte ein italienischer Zahnarzt im März erfolgreich gegen die dortige
Musikwahrnehmungsgesellschaft geklagt, die an der Musiknutzung in seiner Praxis
mitverdienen wollte. Der EuGH urteilte, eine private Zahnarztpraxis könne im
Unterschied zu den Räumlichkeiten etwa des öffentlichen Gesundheitsdienstes
nicht als „öffentlicher Ort“ eingestuft werden. Aufgabe des Zahnarztes sei die
Zahnheilkunde, nicht die Unterhaltung der Patienten. Die Vorstellung, daß
jemand wegen der schönen Musik zum Zahnarzt gehe, war den Richtern dann doch zu
albern.“

Wer nun glauben würde, die deutsche GEMA würde so eine
Entscheidung des höchsten europäischen Gerichtshofes akzeptieren, der ist
einigermaßen naiv. Dank GEMA werden auch deutsche Zahnärzte auf den Rechtsweg
gezwungen, wenn sie nicht wegen der Musiknutzung in ihrer Praxis Gebühren an
die GEMA abführen wollen. Die GEMA nämlich behauptet, das EuGH-Urteil gelte nur
in Italien. „Die italienische Auslegung
des Öffentlichkeitsbegriffs ist nicht auf das deutsche Urheberrecht anwendbar“,
so die GEMA, die weiterhin den deutschen Zahnärzten (und mithin letztlich den
Patienten) in die Taschen greift. Wenn Sie sich mal wieder über die hohen
Zahnarztrechnungen wundern – da ist die Bohlen-Steuer, also die GEMA-Gebühr,
enthalten. Irgendwie müssen ja auch die Riesen-Gehälter der GEMA-Chefs
finanziert werden...

(ob die GEMA-Oberen auch mal zum Zahnarzt gehen? Ich hätte
für die Dentisten so einige Vorschläge...)

04.08.2012

Ruderin Drygalla und Olympia

Die ZDF-Sport-Reporter, die sich der Sprache des
Nationalsozialismus bedienen (siehe unten), werden leider nicht vom Dienst
suspendiert, sondern dürfen weiter Dienst am Vaterland leisten und aus London
von Olympia berichten.

Die Ruderin Nadja Drygalla dagegen ist verhaftet worden,
weil sie mit einem weit über Rostock hinaus bekanntem Neonazi liiert ist,
meldet „Spiegel Online“: „Ruderin Nadja
Drygalla: In Sippenhaft“. Aber wahrscheinlich hatten die „Spiegel“-Autoren
nur ein Problem mit der deutschen Sprache und meinten eigentlich „Sippenhaftung“,
als sie „Sippenhaft“ schrieben, und wollten sich um den Gremliza-Preis bewerben
(Preisgeld: Erwähnung in „Gremlizas Express“).

Aber nicht nur „Spiegel Online“ spielt im Fall der
abgereisten Ruderin eine unglückliche Rolle.

Der ehemalige Grünen-Politiker und heutige Generaldirektor
des DOSB, Michael Vesper, stellte der Ruderin sofort einen Persilschein aus,
als er ihr bescheinigte, sich „auf dem
Boden des Grundgesetzes und der Olympischen Charta“ zu bewegen. Aber warum
reiste sie dann überstürzt aus London ab?

Der Deutsche Ruderverband (DRV) behauptet, erst am
Donnerstag (2.8.) „Erkenntnisse zum
privaten Umfeld“ von Frau Drygalla erhalten zu haben. Das Schweriner
Innenministerium allerdings betont, daß die Sportverbände offiziell seit Herbst
2011 vom Fall Drygalla wissen, demzufolge hat das Innenministerium sowohl den
Landesruderverband als auch den Landessportbund über die Gespräche mit Drygalla
unterrichtet und darüber, daß Frau Drygalla 2011 aus dem Polizeidienst
ausschied.

Konnte man jenseits dessen wirklich weder beim DRV noch beim
DOSB wissen, daß Michael Fischer, mit dem Frau Drygalla liiert ist, ein weit
über Rostock hinaus bekannter Neonazi ist? Fischer ruderte jahrelang im DRV und
war Mitglied des Achters, der z.B. 2006 Silber bei der Junioren-WM gewann.
Unmittelbar danach hat ihn sein Heimatverein laut „Berliner Zeitung“ „vor die Alternative gestellt: Sport oder
Rechtsextremismus. Beides sei nicht zu verbinden. Fischer entschied sich gegen
das Rudern (...) und begann eine Neonazi-Karriere.“

Es drängt sich der Eindruck auf, daß die Sportfunktionäre
ganz bewußt weggeschaut haben, um der mit dem Neonazi liierten Ruderin die
Olympiateilnahme zu ermöglichen. Für den Dienst als Polizistin nicht geeignet,
wohl aber, Deutschland bei einer Olympiade würdig zu vertreten? Wo die
Sportreporter des Staatsfernsehens für die Verwendung der LTI, der Sprache des
Dritten Reiches, nicht einmal gerügt werden, ist der Fall der mit einem Neonazi
liierten Ruderin wohl nur ein kleiner Sturm auf der olympischen Ruderstrecke.
Es wundert einen gar nichts mehr. 

04.08.2012

CSU Innenminister gegen Grundgesetz und Menschenwürde

Im Gegensatz zu der mit einem Neonazi liierten Ruderin steht
Bundesinnenminister Friedrich (CSU) ganz bewußt nicht „auf dem Boden des
Grundgesetzes“ bzw. nur, um das Grundgesetz mit Füßen zu treten.

Das Bundesverfassungsgericht mußte bekanntlich die
hierzulande Regierenden Mitte Juli belehren, daß die Menschenwürde unantastbar
ist und sogar für Asylbewerber gilt. Deshalb wurde der Gesetzgeber vom
Bundesverfassungsgericht aufgefordert, schleunigst dafür zu sorgen, daß
Asylbewerber ausreichend Geld- und Sachleistungen erhalten, damit ihr Recht auf
ein menschenwürdiges Leben nicht weiter gefährdet ist.

Man sollte meinen, wer sich derart vom höchsten
bundesdeutschen Gericht rüffeln lassen muß, ist danach einigermaßen kleinlaut
und übt vielleicht sogar Selbstkritik. Nicht aber der Bundesinnenminister: Der
CSU-Politiker Friedrich sagte bei einer Parteiveranstaltung in Bamberg, er
halte es „nach wie vor für richtig, daß
es einen Abstand zwischen dem normalen Sozialhilfesatz beziehungsweise dem
Hartz IV-Satz und den Asylbewerberleistungen“ gebe. Einheitliche Leistungen
seien falsch, „weil wir sonst noch mehr
Wirtschaftsflüchtlinge anziehen“, so Innenminister Friedrich. Die Arbeits- und
Sozialministerin werde die Sätze so ausrechnen, daß „der Abstand zu den Hartz IV- und Sozialhilfesätzen gewahrt"
bleibe, so der CSU-Politiker, der sich damit offen gegen das
Bundesverfassungsgericht stellt, das in seinem Urteil ausdrücklich festgehalten
hatte: „Die Menschenwürde ist
migrationspolitisch nicht zu relativieren.“ 

04.08.2012

Olympia ZDF Nationalismus

Wer die Olympischen Spiele im deutschen Staatsfernsehen verfolgt,
braucht Nerven wie Drahtseile. Und dennoch ist diese Mischung aus Chauvinismus
und Inkompetenz meistens nicht auszuhalten. Natürlich ist auch die
ZDF-Sport-Domina Karin Müller-Hohenstein mit von der Partie und feiert, diesmal
ohne Olli den „Titan“, den einen oder anderen „inneren Reichsparteitag“. Und
der ZDF-Reporter Sostmeier zeigte, daß NSDAP-Slang beim ZDF kein Zufall ist: „Seit 2008 wird zurückgeritten“,
kommentierte Sostmeier den Auftritt der bundesdeutschen Vielseitigkeitsreiter
in den Olympiaden nach 2004, als der Protest amerikanischer, britischer und
französischer Reiter die Goldmedaille kostete. Und Herr Steinerbrecher verstieg
sich mal eben ein paar Mal zu „Jedem das seine“, der Inschrift des Lagertors
des KZs Buchenwald.

Man sollte sich jetzt jedoch nicht nur über die Spitze des Eisbergs, den
Gipfel der gesammelten Peinlichkeiten echauffieren, sondern konstatieren, daß
der nationalchauvinistische Stil der Sportberichterstattung im deutschen
Staatsfernsehen, allen voran beim ZDF, längst systemisch ist. Es geht nicht um
Sport, sondern um „unser Gold“, um „unsere Sportler“, um nation branding der
übelsten Machart.

Noch ein Beispiel gefällig? Nochmal O-Ton Sostmeier im ZDF zur
Siegerehrung und den Gefühlen beim Anhören der Nationalhymne:

„Das ist der
Moment, wenn gleich die Nationalhymne intoniert wird, dir die Tränen in die
Augen schießen, die Wimpern durchfeuchten und dann wie ein wärmender
Sonnenstrahl an den Wangen herunterperlen. Das ist der Moment, wo du spürst, du
bist Olympiasieger.“

Das ist der Moment, in dem man spürt, daß der ZDF-Reporter sich vor
lauter Zurückreiten und inneren Reichsparteitagen beim Anhören der
Nationalhymne einpißt.

Sportübertragungen im deutschen Staatsfernsehen sind nicht zu ertragen.
Gut, daß es Eurosport gibt.

04.08.2012

Wolfgang Niedecken im Gepäck

Eine neue Variante des
„Musikindustriesprech“-Standards „x hat y im Gepäck“, wobei normalerweise x der
Künstler- oder Bandname und y „ein neues Album“ ist, fand sich im Ausblick des
„Musikmarkt“ auf das Tollwood-Festival 2013: Dort nämlich werden Werner
Schmidbauer & Martin Kälberer auftreten. Und wen oder was haben die Musiker
im Gepäck? Ein neues Album im Köfferchen? Iwo. „Als Special Guest haben die Musiker BAP-Legende Wolfgang Niedecken im
Gepäck“. Gepäckträger werden den Koffer auf die Bühne hieven, und heraus
steigt, gleich einem deus ex machina -- der kölsche Jong. Alaaf!

04.08.2012

Def Leppard

Neuigkeit zur von der Tonträgerindustrie und ihren
Claqueren immer wieder neu gestrickten Legende, wonach die Plattenfirmen
ausschließlich das Wohl ihrer Künstler im Auge haben: Die Band Def Leppard sah
sich laut einem Bericht in „Telepolis“ gezwungen, Stücke wie ihren Hit
„Pyromania“ neu aufzunehmen. Def Leppard fühlen sich vom Universal-Konzern, auf
den die Rechte des ursprünglichen Labels Phonogram übergegangen waren, „rechtlich und finanziell übervorteilt“
und befinden sich in einem langwierigen Streit mit dem größten Musikkonzern
weltweit. Dieser Streit „führte dazu, daß
es einen beträchtlichen Teil des Def-Leppard-Schaffens nicht auf iTunes und
anderen Bezahlportalen zu kaufen gibt. Schließlich sah die Band nur einen
einzigen Weg, den Downloadmarkt nicht komplett Filehostern zu überlassen: Sie
muß die Leistungsschutzrechte von Universal umgehen, indem sie die alten Stücke
neu einspielt“.  

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