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Blog Archiv - Jahr %1
16.06.2024

Beatsteaks, autonome Jugendzentren, soziokulturelle Zentren

Führende Popkultur-Funktionär:innen pflegen ja gerne über soziokulturelle Zentren zu witzeln. Aber sie ignorieren dabei, dass in vielen Städten und Orten die soziokulturellen Zentren und autonomen Jugendzentren (AJZs) die einzigen Orte sind, die dem rechtsradikalen Mainstream etwas Substantielles entgegensetzen. Gerade die AJZs sind vielerorts heftigem Gegenwind, wenn nicht sogar konkreten Angriffen ausgesetzt.
Umso heftiger muss man die Beatsteaks bejubeln, die diesen Monat gezielt eine AJZ-Tour in Städten wie Halberstadt, Nordhausen, Erfurt, Görlitz, Cottbus oder Bautzen, also jenseits ihrer sonstigen Spielorte und Venues bestreiten. Ihnen geht es darum, diese wichtigen Orte des Widerstands zu unterstützen, und sie „hoffen auf Nachahmer:innen und darauf, dass etwas entsteht“.
Liebe & Respekt für die Beatsteaks!


 

16.06.2024

Europawahl und Jungwähler:innen

Bei den Nachwahlanalysen zur Europawahl und zu den Kommunalwahlen in acht Bundesländern fallen vor allem zwei Narrationen auf:
Zum einen, dass bei Parteien wie der EsPeDe oder den Grünen eine „schlechte“ oder „beschissene“ Kampagne für das schlechte Ergebnis verantwortlich sei. Wie wäre es denn, wenn die Parteien eine glaubwürdigere Politik betreiben würden, bei denen die Interessen der Menschen im Mittelpunkt stünden? Das wäre doch mal eine Kampagne…
Zum anderen wird groß lamentiert, dass die Jugend jetzt plötzlich rechts sei – ganz so, als ob sich dieser Trend nicht schon seit längerem zeigen würde. Und dass die Grünen bei den Jungwähler:innen so dramatisch verloren haben (minus 23 Prozent!), dürfte wohl vor allem damit zu tun haben, dass sie in Sachen Klimakatastrophe ihre Glaubwürdigkeit in der politischen Praxis weitgehend verloren haben und es an umgesetzten klimapolitischen Projekten in der Ampel mangelt. Insofern sind die Jungwähler:innen alles andere als „unpolitisch“, sondern im Grunde eher hochpolitisch und wach.
Und was die Jungwähler:innen angeht, die rechts und rechtsradikal gewählt haben, würde ich mir eine Ausdifferenzierung wünschen, nach Geschlecht, nach sozialem Status, nach Bildung, statt die angeblich nach rechts abwandernde Jugend in toto zu dissen, wie es derzeit Mode geworden ist.
Aber angeblich ist ja einfach nur Tiktok daran Schuld, wie die großen Vereinfacher verlautbaren lassen: 2019 kein Tiktok und AfD bei unter 25-Jährigen bei 5%. 2024 Tiktok und AfD bei unter 25-Jährigen bei 17%. Ach, wenn Politik doch so einfach wäre…
(und wer sich darüber aufregt, dass die Rechtsradikalen auf ostdeutschen Schulhöfen Propaganda-CDs mit reaktionärer Musik verteilen – wo sind denn SPD, Grüne und Linkspartei, die auf Schulhöfen ihre CDs mit progressiver Musik verteilen würden?!?)
 

16.06.2024

Was die CDU Clubs & Kulturprojekten verspricht

Und was ist die Position der CDU zu Kulturräumen?
Ihr Berliner Kultursenator Joe Chialo jedenfalls hat laut „Tagesspiegel“ verkündet, Kulturorte dürften „nicht immer nur auf finanzielle Förderungen des Landes setzen, sondern müssten auch Partner aus der Wirtschaft mit ins Boot holen“.
Und eine Lisa Knack, querpolitische Sprecherin der Berliner CDU, assistierte: „Es ist falsch, immer mehr Geld irgendwo reinzupumpen“. Kulturprojekte müssten sich „auch irgendwann mal selbst tragen“, die Suche nach anderen Finanzierungsmöglichkeiten sei wichtig.
Tatsächlich? Wie wäre es denn, wenn Herr Chialo und Frau Knack zum Beispiel der Berliner Staatskapelle erklären würden, dass das Orchester sich nach über 450 Jahren gefälligst „auch mal selbst tragen“ müsse? Oder wenn die beiden wackeren Christdemokrat:innen den Berliner Philharmonikern oder der Schaubühne Bescheid geben würden, dass jetzt mal Schluss damit sein müsse, „immer nur auf finanzielle Förderungen des Landes zu setzen“?
 

16.06.2024

Alte Münze Berlin? Läuft alles wie geschmiert...

Doch wenn es tatsächlich um finanzielle Förderungen für Kulturorte durch das Land geht, gehen Berlins Christdemokraten gerne mal zur Hand – jedenfalls wenn es um Parteifreunde geht. Wie Andreas Hartmann ausführlich für die „taz“ recherchiert hat, sind die in langen Jahren entstandenen Konzepte für die Nutzung der Alten Münze, einem unterkellerten Gebäudeensemble auf einer Grundfläche von 8.500 Quadratmetern mitten im Zentrum Berlins, von CDU und SPD kurzerhand und ohne Parlamentsbeschluss beerdigt worden. Nicht mehr ein Jazzhaus als Institution von überregionaler Strahlkraft, nicht mehr die „Vereinigung von Kreativwirtschaft, Club- und Subkultur unter einem Dach“ samt bezahlbaren Künstlerateliers soll nun an diesem zentralen Ort entstehen, wie es ursprünglich unter Federführung des Kultursenators Klaus Lederer geplant war und 2018 vom Parlament beschlossen wurde.

Kein „House of Jazz“, nicht das geplante „Zentrum für Jazz und improvisierte Musik“, für das der Bund bereits 12 Millionen Euro an zusätzlichen Mitteln zugesagt hatte. Und das „bereits ausgehandelte Hybridmodell, bei dem niedrige Ateliermieten in einer Quersubventionierung durch höhere Mieten an Akteure aus der Kreativwirtschaft ermöglicht werden sollten“, ist ebenfalls vom Tisch. Stattdessen sollen die Spreewerkstätten „als bestimmender Akteur mit einem langfristigen Mietvertrag mit einer Laufzeit von bis zu 30 Jahren ausgestattet werden“, so die „taz“.
„Bestimmend“ oder „zumindest Wortführer beim Kurswechsel“ ist laut „taz“ nun der CDU-Politiker Christian Goiny, in der CDU-Fraktion im Berliner Landesparlament zuständig für Finanz- und Medienpolitik sowie Clubkultur. Goiny, eng verbandelt mit führenden Akteuren der Berliner Clubcommission (deren Mitbegründer und „immer noch lautstärkster Berliner Clublobbyist“ Marc Wohlrabe Assistent von Goiny ist) und der Berlin Music Commission, stilisiert sich in der „taz“ gewohnt großmäulig als Retter der Alten Münze. Dort hat sich ein „Verein Alte Münze“ gegründet. Deren Vorstand ist Felix Richter, gleichzeitig Geschäftsführer der Spreewerkstätten und laut „taz“ „beteiligt an zig Firmen, vornehmlich aus dem Bereich der Projektentwicklung. Einer seiner Geschäftspartner bei der Green City Development GmbH ist Martin Eyerer, Vorsitzender des ersten digitalen Kreisverbandes der CDU. Mit dem und weiteren Partnern wollte Richter schon einmal die Alte Münze übernehmen und daraus einen ‚Ort der Kreativindustrie‘ machen, das ‚Haus of Berlin‘.“

Die Freie Szene? Außen vor. Die wollen doch laut Goiny sowieso nur ein „Staatskulturhaus“ aus der Alten Münze machen. Die Jazzszene? Außen vor. Berlin sein nun mal „keine Jazzstadt“, eine Einschätzung, die Goiny für sich allein hat. Eine dubiose Gruppierung mittelloser Künstler und Künstlerinnen wolle staatliches Geld und „den Clubbetrieb verdrängen“ – dass die Alte Münze alles andere als ein „Club“ ist, sondern ein Kreativquartier mit um die 18.000 Quadratmeter Nutzfläche, in dem sich auch eine kleine Clubfläche befindet, die zu Partys angemietet werden kann, ist Herrn Goiny wohl entgangen.
Ganz offensichtlich soll hier ein sich im Besitz der landeseigenen BIM befindliches Filetgrundstück, dessen Verkauf an einen Investor 2008 vom damaligen Finanzsenator Nußbaum (parteilos) gestoppt und der Kulturszene bis 2018 zur Zwischennutzung, seitdem zur Entwicklung als Kultur- und Kreativquartier zur Verfügung gestellt wurde, auf kleinem Dienstweg für 30 Jahre an eine private GmbH zum Mietpreis von 4 Euro/qm verschachert werden. Weil Herr Goiny, der CDU-Kultursenator, die CDU und wohl auch die SPD das so wollen. Das Geld für die Renovierung, schlappe 46 Millionen Euro, soll laut „taz“ immer noch aus öffentlichen Geldern kommen, nämlich den Töpfen der Kulturverwaltung.
 Wie war das Axiom der CDU-Kulturpolitiker:innen doch gleich wieder (siehe oben)?
 
„Nicht immer nur auf finanzielle Förderungen des Landes setzen.“
„Es ist falsch, immer mehr Geld irgendwo reinzupumpen.“
 

16.06.2024

Festivals werden gecancelt, verschoben und beerdigt

Laut “IQ Magazin” wurden dieses Jahr bereits mehr als 40 Festivals in Großbritannien gecancelt, verschoben oder komplett beerdigt. Und in den letzten fünf Jahren sind in Großbritannien bereits 172 komplett verschwunden.
"We are witnessing the steady erosion of one of the UK’s most successful and culturally significant industries", sagte John Rostron, der Präsident der Association of Independent Festivals (AIF).
 
Und auch hierzulande sind Festivals massiv gefährdet, und zwar vor allem kleinere und unabhängige (und ja, auch das Melt Festival wird sich nach seiner 25. Ausgabe verabschieden, und das Fusion schießt sich gerade gekonnt selbst ins Aus, aber das ist ein anderes, nämlich ein politisches Thema…).
Die staatliche Initiative Musik versucht, dem entgegenzuwirken, denn: „Musikfestivals stiften Identität und Lebensfreude. (…) Zudem bieten viele Festivals auch mehr als Live-Musik, indem sie sich mit wichtigen gesellschaftlichen Themen wie Nachhaltigkeit, Toleranz und Diversität auseinandersetzen. Unser Förderprogramm ist daher vor allem auch ein klares kulturpolitisches Zeichen der Anerkennung für die gesamtgesellschaftliche Bedeutung von Musikfestivals.“ 
So jedenfalls die Meisterin kulturpolitischer Allgemeinplätze, Staatsministerin Claudia Roth. 
Identität und Lebensfreude… Das ist der Initiative Musik 5 Millionen Euro wert. Damit wurden bundesweit 141 Musikfestivals bedacht. Beworben hatten sich 800 Festivals. Um ehrlich zu sein: Ich wusste gar nicht, dass es hierzulande so viele Festivals gibt… 
 

16.06.2024

Open Airs in München

Speaking of Open Airs:
Nicht nur in Berlin, auch in München gibt es eine Kulturförderung der ganz speziellen Art, und auch in München ist die Union, in dem Fall natürlich die CSU, beteiligt.
Dafür hat der Münchner Wirtschaftsreferent Clemens Baumgärtner (CSU) diesen Sommer zwei zentrale Open Air-Spielstätten an die beiden führenden Konzert-Großkonzerne vergeben: Der US-amerikanische Weltmarktführer Live Nation darf Hand in Hand mit dem österreichischen Veranstalter Klaus Leutgeb für zehn Konzerte von Adele auf dem Münchner Messegelände eine gigantische Einmal-Arena mit Riesenbühne und 80.000 Zuschauerplätzen aufbauen. Rund 800.000 Zuschauer:innen aus aller Welt werden erwartet, die Ticketpreise liegen laut „SZ“ zwischen 300 und 600 Euro.
Allein: wie aus gut unterrichteten Kreisen zu hören ist, scheinen die Konzerte nicht gerade gut zu verkaufen, bisher sollen gerade einmal etwas mehr als die Hälfte der 800.000 Tickets verkauft worden sein. Die Veranstalter locken mittlerweile mit verbilligten Preisen, die allerdings immer noch zwischen 184 und 489 Euro liegen.
Baumgärtner ficht das alles nicht an: „Ich muss dafür sorgen, dass in der Stadt was los ist und wir Geld verdienen! Es wird ein geiler Sommer." 
 
Bereits am 12. Juni durfte FKP Scorpio, Tochterfirma des CTS Eventim-Konzerns, auf der Theresienwiese, dem Ort des alljährlichen Oktoberfests, die Eröffnungsfeier zur Fußball-EM veranstalten. 90.000 Fans sollten dort ein Open Air mit Ed Sheeran, Nelly Furtado, Mark Forster, Tim Bedzko und Dylan besuchen. Der Ticketpreis: 110 Euro in Zone A mit uneingeschränktem Blick auf die Bühne. 
Doch offensichtlich zogen auch hier die Fans nicht mit. Der Veranstalter musste die Kapazität um ein Drittel auf 60.000 Zuschauer:innen zusammenstreichen („das Gelände wurde angepasst“, heißt so etwas dann im Veranstaltersprech), trotz teilweise deutlich verbilligter Tickets in den letzten Tagen des Vorverkaufs. Doch nicht einmal diese Zahl an Fans kam zusammen: Das Vereinsblättchen der deutschen Musikindustrie berichtete zwar von 60.000 Fans, die zu der Veranstaltung „gepilgert“ seien, die Polizei zählte dagegen laut „BR24“ kurz vor dem Auftritt von Ed Sheeran gerade einmal 45.000 Fans.
Und viele der Fans, die vor Ort waren, hatten Anlass zur Beschwerde: „Chaos beim EM-Fest: Das ist alles schief gegangen“, berichtete „BR 24“ von „vorzeitig gesperrten Ticketzonen, Chaos beim Einlass und langen Warteschlangen“, und Besucher kündigten an, „das Ticketgeld aufgrund der schlechten Organisation zurückfordern zu wollen“.
Tschah.
Doch all das ficht den Münchner Wirtschaftsreferenten nicht an, er spricht laut „Musikwoche“ von „einer Sensation auf der Theresienwiese! Das erste große Konzert ist ein voller Erfolg gewesen. Zigtausende glückliche Besucher haben die Theresienwiese in ein Lichtermeer verwandelt. Einen herzlichen Dank an die mutigen Organisatoren.“
Über die Mietkonditionen schweigt sich der Wirtschaftsreferent bisher aus.
 

16.06.2024

Live Nation (und CTS Eventim) zerschlagen!

Im April hat der deutsche Quasi-Monopolist CTS Eventim das Festival- sowie das internationale Ticketinggeschäft vom französischen Medienkonzern Vivendi erworben.
Zu dem Deal gehören See Tickets, das zweitgrößte Ticketingunternehmen in Großbritannien, das auch in anderen europäischen Ländern und den USA erfolgreich ist, sowie die Festival-Division „Vivendi Villages“ (u.a. Junction 2/UK und Garorock/F). 
Damit hat CTS Eventim den US-Konzern Anschütz Entertainment Group (AEG) aus dem Feld geschlagen, der für die Vivendi-Töchter ebenfalls ein Angebot abgegeben hatte.
 
Ein weiterer Schritt zum weltumspannenden Konzernnetzwerk von CTS Eventim, dem weltweit zweitgrößten Ticketinghändler und Konzert- und Festivalveranstalter, hinter Live Nation mit seiner Ticketing-Abteilung Ticketmaster.
Aber Moment, war da nicht was?
Richtig: In den USA hat das Justizministerium Hand in Hand mit 30 Bundesstaaten eine Kartellklage gegen Live Nation und die Konzerntochter Ticketmaster eingereicht. Ziel ist die Aufspaltungdes Unternehmens, „das Hunderte bekannter Künstler unter Vertrag hat, selbst Konzerthallen besitzt und durch Ticketmaster große Teile des Markts für Konzertkarten beherrscht“, so der „Spiegel“.
 
Es geht um die Gleichzeitigkeit von horizontalen und vertikalen Monopolen. Details stehen in meinem 2019 veröffentlichten Buch „Vom Imperiengeschäft“ (nach drei Auflagen derzeit vergriffen, aber noch günstig als E-Book erhältlich). Gerade diese doppelte Monopolisierung erstickt den Wettbewerb – zum Nachteil von Musiker:innen (jenseits der Superstars), vor allem aber auch zum Nachteil der Fans und der unabhängigen Konzertszene.
US-Justizminister Merrick Garland fordert: „Es ist an der Zeit, Live Nation zu zerschlagen“, weil Live Nation „monopolistische Kontrolle über die Live-Events-Branche ausübt, die auf Kosten der Fans, Künstler, kleineren Veranstalter und Betreiber von Veranstaltungsorten geht.“
Gut gebrüllt, bravo!
 
Die Situation in Deutschland und in Europa ist ähnlich wie die in den USA. CTS Eventim verfügt ebenfalls über ein horizontales und vertikales Monopol, das sogar noch dadurch verstärkt wird, dass auch viele Einrichtungen der öffentlichen Hand (Konzert- und Opernhäuser, Philharmonien und Museen) ihre Tickets über CTS Eventim vertreiben. Gleichzeitig ist CTS Eventim mit seinen Tochterfirmen deutschland- und europaweit der größte Festivalveranstalter, der größte Tourneeveranstalter und betreibt Spielstätten, von der Kölner Lanxess-Arena bis zur Berliner Waldbühne, um nur zwei zu nennen.
 
Natürlich können wir lange darauf warten, dass ein deutscher Justizminister die „Zerschlagung von CTS Eventim“ fordert, klar. Das liegt auch am zahnlosen Kartellrecht hierzulande – aber vor allem an mutlosen und inkompetenten Politiker:innen egal welcher Couleur. Die meisten haben das Problem der Monopolisierung des Konzert- und Ticketing-Geschäfts nicht verstanden – und die wenigen, die es verstanden haben, knicken eher vor dem Großkonzern ein, als sich für die Interessen von Musiker:innen, unabhängigen Konzertveranstaltern und vor allem von Millionen Fans, die überteuerte Tickets bezahlen müssen, einzusetzen.
 

16.06.2024

Universal Music goes H&M

Dafür kann man sich jetzt bei H&M von und mit „Universal Music“ gebrandete T-Shirts kaufen:

 Wir warten auf eine „CTS-Eventim“-Edition bei H&M. 
Oh, wait – hatte natürlich vergessen, dass dieser Konzern ja nicht gerade für günstige Produkte bekannt ist…
My bad. 
 

16.06.2024

Handyverzicht & Fegefeuer

Immerhin können wir mit Handyverzicht unsere Zeit im Fegefeuer verkürzen.
Sagt die Katholische Kirche.
Ob CTS Eventim-CEO Schulenberg davon Gebrauch macht?

16.06.2024

Neuanfang

„Einfacher ist ein Neuanfang mit Fremden.“

(Kleiber aka Jens Rachut)
 

21.02.2024

Wunsch

„Ich wünschte, alles wäre gut!“ (Shakespeare, Richard III.)

 

21.02.2024

Gedanken zum Spotify-Bezahlmodus

Niedlich, wie sich alle möglichen und auch etliche unmöglichen Musiker:innen, aber auch viele Presseleute und Medienschaffende über den neuen Spotify-Bezahlmodus künstlich aufgeregt haben. Spotify plant eine Art Kappungsgrenze: Der Streamingdienst will Tracks nur noch dann vergüten, wenn sie mindestens 1000 Abrufe pro Jahr erzielen.
Einschlägig bekannte Musiker:innen, „Aktivist:innen“, Lobbyorganisationen der Kulturindustrie wie der VUT, Pro Musik, oder IMUC kritisieren die „willkürliche Kappung von Streaming-Einnahmen“ als „schockierend“, selbst der behäbige Deutsche Kulturrat reihte sich in den Chor der Kritiker:innen ein, und der Tonkünstlerverband Bayern e.V. forderte forsch: „Jeder Stream muss zählen!“

Aber worüber reden wir hier überhaupt?
Da sind auf der einen Seite die nüchternen Zahlen des Musikstreamings: Laut dem Jahresbericht 2023 des US-Konzerns Luminate, der u.a. die US-Charts berechnet und die Geschäfte der Musikindustrie analysiert, wurden 2023 jeden Tag (!) im Schnitt 103.500 (!) neue Tracks auf den Streamingdiensten hinzugefügt. Sage und schreibe 184 Millionen Tracks auf den Streamingdiensten haben mittlerweile einen ISRC-Code („International Standard Recording Code“), mit dem sie eindeutig identifiziert werden können.
Allerdings: Von diesen 184 Millionen Tracks wurden im vergangenen Jahr 45,6 Millionen kein einziges Mal abgerufen! 79,7 Millionen Tracks wurden 0 bis 10 mal abgerufen, weitere 45,2 Millionen Tracks wurden 11 bis 100 mal abgerufen, und 33,7 Millionen Tracks erzielten 101 bis 1000 Abrufe. Insgesamt kamen also rund 159 Millionen der 184 Millionen Tracks nur auf bis zu 1000 Streams. Wie gesagt, diese Zahl bezieht sich auf alle Musikstreamingdienste.
Bei Spotify machen die Tracks, die weniger als 1000 Abrufe jährlich erzielen, lediglich 0,5 Prozent aller Streams aus, während 99,5 Prozent aller Streams 1000 und mehr Abrufe erzielen und also weiterhin vergütet werden.

Viel Lärm um nichts also?
Nähern wir uns der Frage von einer anderen Seite. Anders, als häufig in den Medien und auch von Musiker:innen behauptet wird, gibt es ja keinen festen Betrag, den die Streamingdienste pro Abruf auszahlen. Zwei Variablen – die Zahl der monatlichen Abrufe sowie die Höhe der monatlichen Werbeeinnahmen – sorgen für einen ständig, wenn auch meist nur geringfügig wechselnden Auszahlungsbetrag. Aber gehen wir ausnahmsweise mal von einer durchschnittlichen Auszahlung in Höhe von 0,3 Cent pro Abruf aus. Das macht bei 10 Abrufen 3 Cent, bei 100 Abrufen 30 Cent und bei 999 Abrufen gerundet 3 Euro. Wohlgemerkt: Das ist der Auszahlungsbetrag an die Rechteinhaber, nicht an die Urheber:innen oder Musiker:innen. Die bekommen nämlich in den meisten Fällen nur 50 Prozent dieser Summe von den Plattenfirmen oder Musikverlagen, mitunter sogar noch weniger, selten mehr. Auch die meisten Indie-Firmen zahlen nur 50 Prozent an die Musiker:innen aus.
Im Klartext: Selbst wenn ein Track 999 mal in einem Jahr abgespielt würde, erhalten die Musiker:innen nur rund 1,50 Euro dafür. Und, siehe oben: Das Gros der Tracks unter 1000 Abrufen, nämlich rund 125 der 159 Millionen, wird nicht etwa 999 mal gespielt, sondern null bis 100 mal, macht also bestenfalls 15 Cent für die Musiker:innen. Wie man angesichts dieser Tatsachen auf die Idee kommt, zu behaupten, dass Spotify & Co. das wirtschaftliche Überleben von Musiker:innen gefährden würde, ist ein Rätsel. Bei einem Album von sagen wir 10 Tracks bekommen die meisten der Musiker:innen, die weniger als 1000 Abrufe pro Jahr erzielen, also 1,50 Euro, bestenfalls aber 15 Euro – davon leben Musiker:innen? Really?!? Fake News at its best bzw. worst.
Und jenseits dessen liegen Auszahlungsbeträge von ein paar Cents bis zu 3 Euro sowieso unterhalb der gesetzlichen Bagatellgrenze, werden also gar nicht erst ausgezahlt.

Warum also das Geschrei? Nun, bei den kleineren Plattenfirmen und Musikverlagen kommen auch durch kleine Auszahlungen etwas größere Beträge zusammen – Kleinvieh macht bekanntlich auch Mist. Plattenfirmen, die zum Beispiel 20 Veröffentlichungen pro Jahr haben mit jeweils 10 Tracks, welche im Idealfall 999 Streams haben, würden von den Streamingdiensten ja bereits 600 Euro erhalten, von denen ihnen nach Auszahlung an ihre Künstler:innen immerhin rund 300 Euro bleiben würden. Wie gesagt: im Idealfall. Aber da kann sich schnell ein Betrag summieren, der kleinen, knapp kalkulierenden Firmen helfen kann. Nur sollten die Lobbyverbände der Musikindustrie das auch so benennen, statt um Mitleid für die angeblich benachteiligten Musiker:innen zu heischen.

Last but not least: Natürlich gäbe es für Musiker:innen tatsächlich Gründe, ein anderes Abrechnungsmodell der Streamingdienste einzufordern. Eine deutlich höhere Bezahlung für neue Tracks (zum Beispiel doppelte Beträge in den ersten sechs Monaten nach Erscheinen) und dafür eine deutlich niedrigere Bezahlung für Katalogwerke (zum Beispiel halbe Vergütung nach zwei Jahren) würde neue Musik und mithin auch Nachwuchs-Musiker:innen fördern, auf Kosten der Großkonzerne, Hedgefonds und Private Equity-Konzerne, die seit einigen Jahren für Milliardenbeträge Musiker-Kataloge aufkaufen, um damit langfristig Profite zu erzielen; das „Urheber“recht ist ja längst ein Verwerter-Recht und gilt für einen längeren Zeitraum als die meisten Musiker:innen-Leben.

Oder man könnte sich mal mit YouTube beschäftigen. Die bezahlen nämlich laut Statista pro Stream nicht 0,3 Cent wie Spotify, sondern gerade mal 0,069 Cent. Aber die meisten Musiker:innen und Bands wollen natürlich unbedingt mit ihren Videos auf YouTube vertreten sein, Almosen hin oder her. Also kritisieren sie mit Verve das „System Spotify“ und lassen die Alphabet-Tochter ungeschoren. Das Sein bestimmt das Bewusstsein, oder so.

 

21.02.2024

Plattenfirmen: Rekordgewinne, Massenentlassungen...

7.2.2024
Die Warner Music Group (WMG), eine der drei größten „Majors“ weltweit, meldet den höchsten Quartalsumsatz der Unternehmensgeschichte. Zwischen Oktober und Dezember 2023 konnte WMG durch einen 17-prozentigen Anstieg einen Umsatzrekord von 1,75 Milliarden Dollar erzielen. Der Nettogewinn des Konzerns allein im vierten Quartal 2023 betrug 193 Mio. US-$, das operative Ergebnis stieg um 34 Prozent auf 354 Mio. US-$.
 
Ebenfalls 7.2.2024
Die Warner Music Group entlässt 600 Mitarbeiter:innen, rund zehn Prozent ihrer Beschäftigten. WMG erwartet sich durch diese Massenentlassungen Einsparungen in einer Größenordnung von 200 Mio. US-$ bis September 2025. Das eingesparte Geld will der Konzern laut CEO Robert Kynci vor allem „in die Musik stecken“, es gehe um Musikrechte und darum, „das Potential der Kataloge zu maximieren“. Dabei will sich WMG vermehrt auf „wachstumsstarke Regionen und lebendige Genres konzentrieren“:
 
“We’ll turbocharge our efforts and investments, with additional focus on high growth geographies and vibrant genres, as well as using our data and insights to help original talents cut through the increasing noise, and taking a holistic global approach to maximizing the potential of their catalogs.”
 
Und wo es vornehmlich um die Monetarisierung der bestehenden und neu zu erwerbenden Rechtekataloge geht, sind Daten und KI nun mal wichtiger und effektiver als Manpower. Dem Arschtritt für die gefeuerten Mitarbeiter:innen wirft der WMG-Boss neoliberale Gutmenschenprosa hinterher:
 
“To the people who will be leaving us: you deserve a heartfelt thank you for your hard work and dedication. We’re fortunate that you’ve been part of the team.“
 
Die Warner Music Group ist nicht der einzige Konzern, der All-Time-Rekordgewinne mit Massenentlassungen orchestriert: Auch die Musikfirma des deutschen Bertelsmann-Konzerns, BMG, hat letzten Monat bereits die Entlassung von rund zehn Prozent der Belegschaft sowie die noch stärkere Konzentration auf Musikrechte bekanntgegeben.
 
(Alle Zahlen und Zitate laut „Music Business International“ und „Musikwoche.de“)

 

21.02.2024

Ubermacht

Rider heißt jetzt Twix.
Und vom 22.März dieses Jahres an heißt die vom Weltkonzern AEG betriebene hässliche Mehrzweckhalle am Berliner Ostbahnhof, laut aktueller Statistik die Halle mit dem weltweit zweitgrößten Umsatz, nicht mehr Mercedes-Benz Arena, sondern, tschah: Uber Arena. Da werden sich die Berliner Taxifahrer:innen künftig freuen, wenn die Fahrgäste sie bitten, sie zur Uber Arena zu kutschieren…
Ach ja, und der mit einer Kapazität von 4.350 kleine Bruder der 17.000-Cap.-Arena, bisher „Verti Music Hall“, wird ab März dann „Uber Eats Music Hall“ heißen (man darf das gerne auch mit „Uber frisst die Musikhalle“ übersetzen).
Damit haben AEG und Uber den bundesweit größten Namensrechts-Deal geschlossen, einen „first-of-its-kind deal“.
Eine spannende Frage bleibt, wie sich die Friedrichshain-Kreuberger Bezirksregierung zur Umbenennung des zentralen öffentlichen Platzes in „Uber Platz“ verhalten wird. In diesem Bezirk sind nämlich laut einem Parlamentsbeschluss alle neuen Straßen- und Platznamen mit weiblichen Namen zu versehen – AEG hatte sich vor acht Jahren mit dem Hinweis aus der Affäre gezogen, „Mercedes“ Benz sei ja schließlich ein Frauenname.
Uber gehört wie AirBnB zu den Plattform-Konzernen, die die Gesellschaft zulasten der Schwachen zerstören, die z.B. Ferienwohnungen dem Mietmarkt entziehen oder Taxifahrer:innen nicht ordentlich bezahlen – die Ubermacht unserer Tage.
Um den Berliner Maler Liebermann zu variieren: Man kann sich gar nicht so sehr uberfressen, wie man sich ubergeben möchte…

(Quelle: IQ Mag 19.1.2024)
 

21.02.2024

Warum lassen so viele Stars Berlin links liegen?

„Why are Major Tours bypassing Berlin?” “Warum lassen so viele große Tourneen Berlin links liegen?“, fragt das britische Branchenmagazin „IQ Mag“ am 14.2. dieses Jahres. Und versucht sich an einer Antwort: Die Fußballeuropameisterschaft 2024 sei schuld, das Berliner Olympiastadion sei ausgebucht – obwohl doch eigentlich nur sechs Spiele tatsächlich in Berlin stattfinden und das Olympiastadion spätestens nach dem Finale am 14.Juli wieder zur Verfügung stehen könnte.

Und was ist die Ausrede dafür, dass vergangenes Jahr, nachweislich ohne Fußball-EM, Beyoncé in Köln, Hamburg und Frankfurt auftrat, nicht aber in Berlin? Oder ausgerechnet die Tour von Bruce Springsteen an Berlin vorbeiführte? Bruce Springsteen trat stattdessen in, ähem, Hannover auf, obwohl er nicht zuletzt dank seines legendären Auftritts vor 160.000 Fans 1988 in Weißensee/Ost-Berlin, dem größten Konzertereignis in der Geschichte der DDR, eine ganz besondere Beziehung zu Berlin hat. Dass Springsteen letztes Jahr nicht in Berlin, sondern in Hannover auftrat, war nicht nur für die Berliner Fans schmerzhaft, sondern auch ein kultureller Verlust für die Hauptstadt.

Angeblich eignet sich in Berlin ja nur das Olympiastadion für ein derartiges Konzert, so jedenfalls die „Berliner Zeitung“. Aber was ist eigentlich mit dem ehemaligen Flughafen Tempelhof, wo die Ärzte und die Toten Hosen bereits 2022 in ähnlichen Dimensionen gespielt haben und die Ärzte es 2024 wieder tun? Oder ist das Problem möglicherweise, dass eine Tochterfirma eines bestimmter Großkonzerns einen Exklusivdeal für das Tempelhofer Feld mit der landeseigenen „Tempelhof Projekt GmbH“ hat und dort keine konkurrierenden Veranstalter duldet? Just guessing, Zwinkersmiley…

 

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