26.07.2021

Klasse Satz: Andrew Weatherall sagt...

„Wenn du nicht am Abgrund lebst, nimmst du zu viel Raum ein.“
(Andrew Weatherall † 2020)

26.07.2021

Helge Schneider und die Strandkorb Open Airs

Helge Schneider hat seinen Auftritt beim Augsburger „Strandkorb-Open Air“ nach 30 Minuten abgebrochen. Bei den Strandkorb-Konzerten sitzt das Publikum in coronakonformen Abstand voneinander und wird am Platz mit Getränken versorgt. Helge Schneider fühlte sich laut „Spiegel“ „von andauernd herumlaufenden Leuten“, also dem Bedienungspersonal, gestört und befand, als Künstler habe man wegen der Distanz „keinerlei Kontakt zum Publikum“ – „ich als Künstler kann unter diesen Umständen überhaupt nichts machen. Das System ist einfach fadenscheinig und dumm.“
Nun kann man zum Phänomen der Strandkorb-Open Airs geteilter Meinung sein. Klar ist, dass die Konfiguration weder für Künstler:innen noch für das Gros der Fans besonders attraktiv sein dürfte. Andrerseits ist es in Zeiten der für die Konzertbranche harten (und zum Teil wirklichkeitsfremden) Auflagen eine Möglichkeit, überhaupt Konzerte möglich zu machen. Wichtig ist in jedem Fall: Sowohl Künstler:innen als auch Publikum wissen im Voraus, was auf sie zukommt. Insofern kann man sich über Helge Schneiders Absage und seine Begründung nur wundern. Klar, ich kann mir gut vorstellen, dass gerade ein Künstler wie Helge Schneider mit seiner nuancenreichen Musik und seinem oft subtilen Humor in einer derartigen Konfiguration nur schwer Kontakt zum Publikum herstellen kann. Nur: Warum hat er dann gleich acht Strandkorb-Open Airs zugesagt? In einer Konfiguration, die er für „dumm“ hält? Hat er sich nicht informiert, wie diese Konzerte ablaufen werden? Haben ihn sein Management und/oder sein Tourveranstalter nicht über die Konfiguration der Strandkorb-Konzerte aufgeklärt? So oder so, es fällt in die Zuständigkeit des Künstlers, sich darüber zu informieren, wo und unter welchen Bedingungen er auftritt. Zudem steht in so ziemlich jedem Vertrags-„Rider“ von Musiker:innen und Bands, dass während des Konzerts eben kein Getränkeausschank stattfinden darf, wenn sie das nicht wollen. Hat Herr Schneider vergessen, das in seinen Rider zu schreiben?
Ein Konzert einfach mittendrin aus Gründen abzusagen, über die man sich vorher hätte informieren oder die man von vornherein hätte vermeiden können, ist jedenfalls unprofessionell und letztlich schäbig gegenüber den Fans, die für das Konzert bezahlt haben.

15.07.2021

CTS Eventim erhält 102 Millionen Euro Corona-Hilfen

Der deutsche Quasi-Monopolist CTS Eventim, mit weitem Abstand größter (und umstrittener) Tickethändler und größter Konzert- und Festivalveranstalter in Deutschland, hat nicht nur wie kein anderer Konzern von der unsinnigen Gutscheinregelung profitiert, die die Bundesregierung letztes Jahr verabschiedet hat, sondern hat auch insgesamt 102 Millionen Euro an November- und Dezemberhilfen von der Bundesregierung erhalten.
Wir erinnern uns: In seiner unendlichen Weisheit hat Finanzminister und SPD-Kanzlerkandidat Scholz die November- und Dezemberhilfen 2020 anhand der Umsatzzahlen des vorausgegangenen Jahres konzipiert – allerdings ohne Obergrenzen zu formulieren. Für viele kleinere und manche mittleren Veranstaltungsfirmen war diese Regelung ein Segen, besonders angesichts der völlig unzulänglichen und fehlkonstruierten „Soforthilfen“ – dass aber auch Großkonzerne wie CTS Eventim einfach angesichts ihrer Umsätze in den extrem umsatzstarken Monaten dreistellige Millionenhilfen aus Bundesmitteln erhalten, ist… nun ja, wie soll man sagen… „überraschend“ wäre nicht das richtige Wort, denn eine Überraschung sind derartige Hilfen der Bundesregierung für Großkonzerne ja beileibe nicht…
Zur Info: CTS Eventim schloss das Geschäftsjahr 2019 mit einem EBIT (also Ergebnis/Gewinn vor Zinsen und Steuern) in Höhe von 230,194 Mio. € ab; 2018 betrug das EBIT des Konzerns 187,691 Mio. €.
Es ist das alte Lied: Die Großkonzerne werden massiv unterstützt – und nun fragen wir uns: wie ist im Vergleich die Situation der unabhängigen kleineren Konzert- und Tourneeveranstalter? Der Venues und Clubs? Wollen Sie mal raten?

 

04.05.2021

Klasse Satz: Klaus Walter sagt...

„Musik, die ich verstehe, langweilt mich, Musik, die mich interessiert, verstehe ich nicht.“
(Klaus Walter)

 

04.05.2021

Wer will sich von Sigur Rós einölen lassen?

Nicht nur Klassikheinis wie Lang Lang begeben sich bereitwillig in Sponsoringwahn und Merchprodukthölle. Von Lang Lang gibt’s bekanntlich schon länger ein eigenes Parfüm – „Amazing Lang Lang FOR HER“ und „... FOR HIM“; wer unbedingt nach Lang Lang riechen möchte, bekommt für 55 Euro 30 Milliliter des Pianistendufts.
Nun haben Sigur Rós nachgezogen und eine eigene CBD-Öl-Serie entwickelt: Es gibt die Varianten „Sleep“ (die Band verspricht, „Sleep“ unterstütze „Körper und Geist, während du ins Himmlische driftest“ – mein Tip: braucht es nicht, zum Einschlafen reicht die Musik der Isländer völlig aus, das Einölen können Sie sich sparen…) und „Wake“, für je 58 Dollar pro 30 Milliliter oder 99,95 Dollar im Paket. Also, wenn Sie sich von den prätentiös-langweiligen Isländer komplett mit einem harmlosen, aber sauteuren Cannabisprodukt einölen lassen wollen, wissen Sie jetzt Bescheid. Ohne zu inhalieren, sozusagen.

04.05.2021

ACAB

ACAB
Nein, nicht wie Sie denken, sondern, ausgeliehen bei Herrn Kuttner:
„All Curators Are Bastards!“
So isses…

 

27.04.2021

Diadochenkampf: Spotify-, Universal- und Hipgnosis-Bosse kämpfen um FC Arsenal

Das könnte noch spannend werden:
MusicBizz goes Fußball, und neue trifft auf alte Musikindustrie: Der Spotify--Erfinder & CEO Daniel Ek will den Fußballverein Arsenal London kaufen – den Lieblingsverein ausgerechnet von Universal-Boss Lucian Grainge.
Und damit nicht genug: Auch Merck Mercuriadis, der CEO des 2018 gegründeten Private Equity-Konzerns, des mittlerweile knapp zwei Milliarden schweren „Hipgnosis Songs Fund“ (siehe hier), der bereits die Weltrechte an mehr als 60.000 Songs aufgekauft hat und acht der 25 meistgespielten Songs bei, genau: Spotify besitzt, ist ebenfalls Arsenal-Fan.
Dürfen wir einen ungekannten Diadochenkampf dreier Multimilliardäre der Musikindustrie um den Besitz eines Fußballvereins erwarten?

03.04.2021

Meese goes Hell

„Kunstprediger“ Jonathan Meese, DJ Hell, der „strahlende Herrscher über mannigfaltige House- und Technobeats“, Jonathans Mutter Brigitte Meese und Daniel Richter haben jetzt eine Band. Kein Scherz. Buback Tonträger machts möglich.
Max Dax hat den Promotext fürs erste Album geschrieben, und das hört sich dann so an: „…ein Testament eines Zusammentreffens zweier leidenschaftlicher Künstler und einer großen Frau.“ Testament? Egal, Hauptsache klingt irgendwie toll und schwurbelig.
So kommt zusammen, was zusammengehört, oder: Dinge, die die Welt nicht braucht.
Die Feuilletons und die Kulturmagazine der Öffentlich-Rechtlichen gehen steil und berichten groß. Weltweite Goetheinstituts-Tourneen sind garantiert.

01.04.2021

Polydor schreibt Brian Ferry 1971 einen Absagebrief...

Die gängige Narration der Tonträgerindustrie geht bekanntlich so: „Wir Musikunternehmen investieren Milliarden in die Nachwuchsförderung! Und deswegen brauchen wir ja auch Urheberrechte zig Jahrzehnte über den Tod der Musiker:innen und Auror:innen hinaus, weil sich nur so unsere gigantischen Investitionen rechnen.“
Die Realität: 1971 schickt eine unbekannte Band namens Roxy Music der deutsch-britischen Plattenfirma Polydor (heute Teil von Universal Music/Vivendi) ein Band mit aktuellen Aufnahmen, das sich die A&R-Leute und Bosse aufmerksam anhörten, jovial beurteilten, um der Band abzusagen – die Musik sei zwar „interessant“, aber ihr fehle die Musikalität eines Walter Carlos, und überhaupt seien die Songs „zu experimentell, um darauf hoffen zu können, genug öffentliche Aufmerksamkeit für einen Charts-Einstieg zu generieren“. Also, leider leider: Nix für uns bei Polydor! Aber um euer Interesse an unserer Firma zu belohnen, legen wir euch noch eine Gratis-Kassette vom jüngsten Hit-Album „Polka-Party“ von James Last bei… Und tschüss.
Hier der Polydor-Brief im Original (auf Twitter gepostet von Chris Frantz, dem Drummer und Gründungsmitglied der Talking Heads, am 1.4.2021):

01.12.2020

Klasse Satz: Franz Dobler sagt...

Klasse Satz (in dem Fall: Sätze…):
„Das grösste Problem für viele Kulturschaffenden scheint jetzt zu sein, dass sie in eine Lockdown-Schublade mit den Nagelstudios gesteckt wurden. Mein Problem ist das zum Glück nicht. Ich bin lieber mit den Nagelstudios in einer Schublade als mit circa 87,23 % aller Kulturschaffenden.“
(Franz Dobler)

01.12.2020

Wiedervereinigung?

Was bedeutet eigentlich dieses „wieder“ in „Wiedervereinigung“, fragte die Filmwissenschaftlerin und Autorin Angelika Nguyen bei den von Max Czollek veranstalteten „Tagen der Jüdisch-Muslimischen Leitkultur“, wenn doch die Teilung nach dem Ende des deutschen Faschismus stattfand?
 

01.12.2020

Toller Popjournalismus mal wieder...

Was für ein tolles Popjournalismus-Wochenende Mitte November!
Die „taz“ quatscht ausführlich mit dem einschlägig bekannten Fruchtbonbon (das bekennt, „Singen hat was Sakrales" – ja, warum tut er's dann nicht?).
Die „Süddeutsche“ plaudert mit Abbas Björn, das „Neue Deutschland“ bespricht Black Sabbath, die „Junge Welt“ macht sich konsequent zur „alten Welt“ und bringt eine Seite ihres ohnehin nur zwei Seiten umfassenden Feuilletons mit Artikeln zu AC/DC und dem Boss (und schiebt am Montag gleich noch einen Riesenartikel über Motörhead nach; Randnotiz: die großen Artikel zu Black Sabbath, AC/DC und Motörhead in ND und jW stammen von ein und demselben – durchaus geschätzten – Autor…).
Und das „FAZ Magazin“, also dieses Upper Class-Hochglanz-Anzeigenblättchen mit angeschlossener Artikelbeigabe (wobei in den Artikeln gerne „redaktionell“ nochmal die Produkte der Anzeigen verwurstet werden), titelt ein ellenlanges Interview mit, wow!, Heino, dem rechten Untoten des deutschen Schlageruniversums.
Ach wie gut, daß es hierzulande auch im Popjournalismus eine heilige Presse- und Themenvielfalt gibt…

 

01.12.2020

Deutsche Popmusik kann für irreperable Hirnschäden sorgen!

Naidoo, Nena, Wendler…
Obacht! Deutsche Popmusik kann für irreparable Hirnschäden sorgen!
Eltern haften für ihre Kinder.
Wann werden deutsche Plattenfirmen endlich einen „Parental Advisory“-Aufkleber auf ihre deutschen Veröffentlichungen pappen?
 

01.12.2020

Klasse Satz: Róisín Murphy sagt...

“This is a simulation, this is for demonstration.”
(Róisín Murphy)

21.09.2020

Ché Noir, Apollo Brown und der deutsche Popjournalismus

Was aber ist ein Popjournalismus wert, der zwar alle möglichen und unmöglichen Produkte der Tonträgerindustrie rauf und runter rezensiert, jedoch keine einzige Zeile und keinen Ton über eines der besten Alben des Jahres verliert, nämlich „As God Intended“ von Ché Noir und Apollo Brown?
Und das hat System – bereits das sensationelle „Sincerely, Detroit“ von Apollo Brown wurde letztes Jahr vom deutschen Popjournalismus großflächig ignoriert.

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