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Blog Archiv - Jahr %1
07.10.2026

Kommunales Ticketing! Und der "München Ticket"-Kerfuffle

Ticketing – die unendliche Geschichte, beziehungsweise das unendliche Fiasko.
Die Ticketingkonzerne machen weitgehend leistungslose Superprofite und erfinden immer neue Zusatzgebühren. Viele Musiker:innen treiben die Ticketpreise schamlos nach oben (denn den größten Teil der irrsinnig teuren Preise verantworten die Musiker:innen). Firmen – sowohl die „eigentlichen“ Ticketingkonzerne als auch die Secondary-Ticketing-Plattformen – verlangen zum Teil irrsinnige Preise für Tickets von ausverkauften Shows.
Und dann verlangen die Venues mittlerweile noch sogenannte „Facility Fees“, die sie in den Gebühren verstecken, die also von den Fans zu entrichten sind – obwohl die Veranstalter ja auch – meist durchaus hohe – Mieten für die Venues bezahlen. In Berlin sind es meines Wissens nur zwei größere (ab 1.000 Cap.) Venues, die (soll man sagen: bislang?) keine zusätzlichen „Facility Fees“ von den Fans verlangen; eines davon ist die Columbiahalle.
 
Es ist ein Elend. Alles also wie immer, nur schlimmer.
 
Höchste Zeit für ein „kommunales Ticketing“, wie ich es seit langem fordere: Im ersten Schritt übernehmen die Kommunen für ihre öffentlichen Einrichtungen (Konzertsäle, Theater, Opernhäuser, Museen) das Ticketing in eigener Hand, zu fairen Preisen. In Zusammenarbeit mit unabhängigen Ticketinganbietern können ohne Probleme Gebühren zwischen 1 und 3 Euro realisiert werden, inklusive aller Ticketingkosten (im Vergleich dazu: bei Konzerten mit einem Ticketpreis von 65 Euro betragen die Zusatzgebühren aktuell zwischen 12 und 15 Euro, plus heftigen Versand- oder sogenannten „Print at home“-Gebühren).
Was viele nicht wissen: Auch die meisten öffentlichen Kulturhäuser haben ihr Ticketing längst an die Ticketing-Großkonzerne ausgelagert. CTS Eventim betreibt zum Beispiel unter dem Titel „Eventim.Inhouse“ ein Ticketsystem, das in einer Vielzahl von öffentlichen Theatern, Konzerthäusern und Opern installiert ist. Warum machen die öffentlichen Kulturhäuser den Ticketing-Monopolisten noch reicher? Warum organisieren sie nicht ein eigenes unabhängiges Ticketing zu fairen Konditionen?
 
Ein derartiges kommunales Ticketing könnte, einmal etabliert, in einem weiteren Schritt auch unabhängigen Veranstalter:innen, Clubs und Venues zur Verfügung gestellt werden, die damit den Ticketing-Kraken entrinnen könnten – und vor allem würden die Fans deutlich geringere Gebühren bezahlen. Ein Akt der Fairness gegenüber allen Kulturinteressierten – und ein Akt, mit dem Tickets günstiger werden, was nicht zuletzt auch die kulturelle Teilhabe erleichtern würde.
 
Warum gehen die Kommunen das nicht an? Weil es so „praktisch“ ist, wenn externe Konzerne ihr Geschäft mit dem Ticketverkauf ihrer Kultureinrichtungen machen?
 
Nun gut, vielleicht haben sie auch Angst davor, sich zu verheben.
Ich denke an die Geschichte von „München Ticket“. Das war im Grunde seit Jahrzehnten eine Art Einrichtung des „kommunalen Ticketings“, das aber zunehmend schlecht lief. Vor allem, weil München Ticket laut Satzung „keine Karten für große, überregionale Veranstaltungen“ („SZ“) verkaufen durfte.
Wobei mich wundert, wie dennoch seit 2020 ein Zuschussbedarf von sage und schreibe 6,3 Millionen Euro entstehen konnte, der von der Stadt München zu tragen ist. Okay, das Verbot, Tickets für Großkonzerte zu verkaufen, hat sicher nicht geholfen. Aber dennoch bleibt der Ticketverkauf ja eine weitgehend risikolose Angelegenheit (anders als das Veranstalten von Konzerten) – wer damit ein Millionendefizit erzielt, muss einiges sehr falsch gemacht haben.
 
Nun will die Stadt München ihre Tochterfirma möglichst bis Jahresende verkaufen.
Soll ich Ihnen sagen, wer München Ticket kaufen wird? Nun ja, erfahren werden Sie das erst nach Vollzug, denn Geschäfte, die die Menschen betreffen, werden meistens hinter verschlossenen Türen verhandelt, und die Bürger:innen erfahren lediglich das Ergebnis.
 
Aber ich spoilere Ihnen schon jetzt: CTS Eventim wird München Ticket kaufen – wetten, dass?
So wird der Ticketing-Monopolist dann komplett über die Münchner und die oberbairischen Ticketkäufe wachen und sein Monopol noch weiter ausbauen – mit Hilfe der Stadt München.
Die übrigens, hört hört!, dem Käufer zusichert, ihn von der Auflage, keine Tickets für große, überregionale Veranstaltungen verkaufen zu dürfen, zu befreien.
Warum diese Befreiung nicht bereits für München Ticket realisiert wurde, solange die Tochterfirma noch der Stadt München gehört (weshalb München Ticket nicht so recht florieren konnte), bleibt ein Rätsel.
Vielleicht können die Münchner:innen und die örtliche Presse ja mal ihre Stadtregierung fragen, was das alles soll. Sie haben ja neuerdings einen patenten und kulturaffinen Oberbürgermeister…
 

07.10.2026

CTS Eventim und ihr "independent spirit"

Passend dazu diese lustige Anzeige von CTS Eventim in aktuellen Ausgaben des englischsprachigen Branchendienstes „decibel news“:


CTS Eventim und „independent spirit“ – was haben wir gelacht!
 

07.10.2026

Fever & Dice: It's the ticketing, stupid!

Dass mit Ticketing nach wie vor das ganz große Geld zu machen ist, beweist aktuell die Live-Entertainment-Plattform Fever, der die sich als sehr „independent“ und „alternativ“ gebende Ticketing-Plattform DICE gehört. Fever hat jetzt in einer Eigenkapital-Finanzierungsrunde sage und schreibe 250 Millionen US$ eingeworben, hauptsächlich von Private Equity-Firmen.
Fever ist Partner u.a. von FC Barcelona, Atlético de Madrid, Netflix, Warner Bros. oder dem Frida Kahlo-Museum, wird aber von 2027 an auch das Ticketing für die Formel 1 übernehmen. Was Musik angeht, gehört Primavera Sound zu Fevers Partnern, während Dice – laut Eigenaussage „the Alternative“, „weirdly easy ticketing“ – u.a. mit Sonar, dem Newport Jazz and Folk Festival, Londons Alexandra Palace, Spotify, Amazon Music, Red Bull und Rough Trade arbeitet.
 
It’s the ticketing, stupid! 
(Und irgendwie sind halt praktisch alle Ticketinganbieter Gangster, Zwinkersmiley)
 

07.10.2026

Ehemalige Kriegsdienstverweigerer und ihre Metanoia

Seit geraumer Zeit machen sich alle möglichen und unmöglichen Leute, die in ihren jüngeren Jahren mal den Kriegsdienst verweigert haben, mit ihrer Metanoia wichtig: Jetzt würden sie auf jeden Fall zur Bundeswehr gehen, ach was, am liebsten würden sie als Fünfzig- oder Sechzigjährige gleich losziehen in den Krieg.
Ich meine: sollen sie doch. Auf den Schlagersänger, der sich nach einem Fruchtbonbon benannt hat, auf den Ex-Jungle World- und Ex-taz-, jetzt Spiegel-Redakteur, auf den Grünen-Bundestagsabgeordneten oder auf den Stern-Redakteur, der sich jetzt zur Bundeswehr-Reserve meldet, haben sie an der Front sicher gewartet…
 
Man wundert sich, warum diese Herren nicht einfach als Freiwillige losziehen. Aber wahrscheinlich ist es gar nicht so ernst gemeint – ihnen geht es eher darum, uns mit ihrer vom Saulus zum Paulus-Geschichte zu belästigen und sich in den Common Sense des heutigen Deutschlands einzuordnen: „Schaut mal, ich habs kapiert, mit 20 mal radikal gewesen, haha, lange her, jetzt bin ich braver deutscher Bürger und Alles-Mitmacher, keine Sorge, Haltung wird mir nicht mehr passieren…“
 
Man könnte sagen: Sie wollten halt schon immer dazugehören. Damals, als es eher cool war, den Kriegsdienst zu verweigern („Unser Autor hat immer leidenschaftlich gegen Militär und Krieg argumentiert“), haben sie verweigert. Heute, da Kriegstüchtigkeit gefordert ist, sind sie wieder vorne dabei („Hier nennt er den Grund, warum er seine Kriegsdienstverweigerung widerruft“).
 

07.10.2026

Punk'n'Love

“Love and kindness are the most punk things you can do right now.” 
(Cameron Mitchell)
 

07.10.2026

Kulturkämpfer findet Kulturkämpfer

Und was gibt’s vom Faktotum dieses kleinen Blogs zu berichten?
 
Der Kulturstaatsminister, dessen Hauptaufgabe die Produktion von Schlagzeilen über Dinge, die garantiert nicht passieren, zu sein scheint, fordert neuerdings die Privatisierung des ZDF. Nun ja.
 
Interessanter ist schon, welche Personen er in bestimmte Positionen beruft.
So etwa Jörg Thadeusz, den öffentlich-rechtlichen Dampfplauderer, der mal (Jugendsünde, siehe oben) Mitglied der Grünen war, sich heute dagegen als einen „echten Liberalen“ bezeichnet und natürlich seinen Antrag als Kriegsdienstverweigerer zurückgezogen hat (Jugendsünde, siehe oben), was er unbedingt öffentlich kundtun musste.
 
Wes Geistes (wenn man das so bezeichnen möchte) Kind Thadeusz ist, zeigt er unter anderem in einem Podcast des „Brand Eins Netzwerk“, in dem er über seine Studienzeit berichtet: „Außerdem habe ich immer mit großer Faszination dieses lila gestrichene Frauenbüro betrachtet und gesehen, wie das Theologie-Studentinnen mit stark behaarten Unterschenkeln reingelaufen sind.“ 
 
Dieser misogyne Typ wurde vom Kulturstaatsminister mit dem Vorsitz der Jury für den Deutschen Verlagspreis betraut – vermutlich als Dank dafür, dass Thadeusz Weimer in seine Sendung „Thadeusz lang und breit“ eingeladen und ihn dort mit keiner einzigen kritischen Frage belästigt hat. Thadeusz dazu im „Spiegel“-Interview: „Wenn sich jemand liberal-konservativ nennt wie der Kulturstaatsminister, ist er in großen Teilen der kulturellen Welt sowieso der Eckensitzer. (…) In der Welt der Kultur spricht man miteinander wie auf der Bundesdelegiertenkonferenz der Grünen, und der Kulturjournalismus nimmt das duldsam hin.“
 
Und in diesem Interview rechnet er auch gleich mit den drei kleinen Buchhandlungen ab, denen Weimer, nachdem er den Verfassungsschutz bemüht hatte, trotz Votum der unabhängigen Jury den Deutschen Buchhandlungspreis verweigert hatte: „Leute fühlen sich auf den Schlips getreten, weil Wolfram Weimer irgendwelchen Zausel-Buchhandlungen kein Geld zubilligt.“
 
„Irgendwelche Zausel-Buchhandlungen“…
Kulturkämpfer Weimer hat in Kulturkämpfer Thadeusz wahrlich einen geeigneten Verbündeten, einen echten Propagandisten gefunden.
 

07.10.2026

Download für 99 Euro vs. Vinylkultur

Die ehemalige Kulturstaatsministerin Claudia Roth von den Grünen hat es vorgemacht: Musik ist nur dann Kultur, wenn sie in teurer Vinyl-Version daherkommt. Digital ist Musik keine Kultur. So hat Roth seinerzeit entschieden, dass beim „Kulturpass“ die 18-Jährigen ihre 200 Euro Guthaben zwar für „Bücher oder Vinylplatten“, nicht aber für Streamingdienste verwenden dürfen. „Wir wollen junge Menschen für die Vielfalt der Kultur in unserem Land begeistern“, so die Kulturstaatsministerin seinerzeit. Aber eben nur für Kultur, die auf Vinyl daher kommt…
 
Nun vertreibt das Kölner Label A-Musik das Album „Ça c’est le Blues” der damals noch so genannten Band „Freiwillige Selbstkontrolle“ (später F.S.K.), ein Frühwerk aus dem Jahr 1984. Die Vinylausgabe kostet € 26,90 plus € 6,50 Versand. Wer nur einen digitalen Download möchte, muss dagegen deutlich tiefer in die Tasche greifen: Vollkommen verrückte € 99.- kostet das digitale Album. Und das ausgerechnet bei einer Band, die schon 1980 sang: „Wir sagen ja zur modernen Welt!“ Nur halt nicht, wenn die moderne Welt Musik zum Download oder als Stream zur Verfügung stellt. Eben alles Mode und Verzweiflung…


(dagegen bietet Pudel Produkte drei tolle Hans Nieswandt Edits, u.a. auch „Nokturne“ von F.S.K., vor allem aber das großartige „Svengali Joe“ der Band „Nachdenkliche Wehrpflichtige“ um Diedrich Diederichsen, Bettina Köster, Frieder Butzmann, FM Einheit und Albert Oehlen, für faire 3 Euro an, die wirklich allerbestens investiert sind)
 

07.10.2026

Wenn Punk zu Punkrock wird...

Spitzen-Satz (bzw. Sätze):
 
„Nur in seiner erstarrten musikalischen Formensprache, wenn Punk zu Punkrock wird, kommt es zu einer Verbierzeltung, die der Musik alles Schillernde und Interessante austreibt. Zu hören auf der ersten Abschiedstournee der Toten Hosen, deren Rockmusik, bei allen Verdiensten, von einer wirklich betäubenden Langeweile ist.“
 
Benjamin Moldenhauer zu „Punk“ in der „taz“
 

07.10.2026

Built To Spill 1999

Mal wieder in die Geschichte dieser kleinen Agentur zurückgeblättert:
Ein Fan der großartigen Band Built To Spill (und heute renommierter Kulturveranstalter) hat mir unlängst die in Bielefeld leicht verulkte Version des damaligen Tourposters zukommen lassen.


Ich erinnere mich sehr gerne (und mit ein bisschen Wehmut) an diese von mir veranstaltete Europa-Tour von Built To Spill, ans Loft Berlin, ans Roskilde Festival, ans Bielefelder Kamp (war extra nach Bielefeld gefahren, um die Band ein weiteres Mal in Ruhe zu erleben). Doug Martsch war, wenn nicht gerade auf der Bühne, bevorzugt im Nightliner vor seiner Playstation anzutreffen… Geniale Gitarren-Band. Those were the days.
 

07.10.2026

Live Nation und CTS Eventim als "Banken der Konzertbranche"?

Der Nvidia-Konzern, eines der wertvollsten börsennotierten Unternehmen der Welt, finanziert neuerdings seine eigene Kunden, indem er mehr als 500 Milliarden US$ über einen „Computer-Finanzierungs-Plattform“ für Nvidia-Kunden zur Verfügung stellt, damit diese Nvidia-AI-Produkte zu attraktiven Konditionen erwerben können. Nvidia wird also zur „bank of AI“, wie die „Financial Times“ titelte.
 
Ich hätte da eine Idee. Wie wäre es denn, wenn die weltumspannenden Großkonzerne Live Nation und CTS Eventim nach dem Nvidia-Modell ihre Kunden, also die Fans, finanzieren würden? Zum Beispiel, indem Live Nation und CTS Eventim Ticketkäufer:innen zinslose Kredite zum Erwerb von Eintrittskarten zur Verfügung stellen würden? Oder indem die beiden Großkonzerne mit ihren Imperiengeschäften auf alle Gagen für kleinere und mittlere Bands noch ein paar tausend Euro draufschlagen würden? Einfach so und ohne Anrechnung auf die jeweiligen Costings?
 
Man wird ja auch mal träumen dürfen…
 

07.10.2026

Bezahlung von Musiker:innen und Volunteers auf Branchenevents

Was mich wirklich ärgert, nein geradezu empört, ist die Bezahlung von Bands, aber auch von Hilfskräften und Praktikant:innen bei vielen dieser Stadtmarketing-Veranstaltungen weltweit. Von SXSW bis WOMEX – die Bands bekommen einfach keine Gagen. Und die Hilfskräfte werden oft auch nicht bezahlt, sie bekommen, wie es in der Ausschreibung einer Berliner Musikmesse aktuell heißt, ein Zeugnis für den Lebenslauf, Essen und Trinken sowie ein eigenes T-Shirt des Events.
 
Viele dieser Musikmessen werden mit Millionen öffentlicher Gelder bezuschusst. Die meisten verlangen fette Beträge für ihre Messe-Pässe – der „Music“-Pass bei der SXSW kostet zum Beispiel $ 625, der „Platinum“-Pass sogar $ 1.495; bei der Womex ist man für zwischen 330 und 430 € dabei, um nur zwei Beispiele zu nennen.
Aber für die teilnehmenden Musiker:innen ist kein Geld da?
I’m sorry, aber in meiner Welt nennt man das „Ausbeutung“.
Höchste Zeit, dass in der Branche über „Fairness“ gegenüber Musiker:innen und Bands bei Musikmessen gesprochen wird, aber auch, was die Bezahlung von Hilfskräften,  Praktikant:innen oder Volunteers angeht!
 

07.10.2026

Debbie Harry fliegt...

„Fab 5 Freddy told me everybody’s fly / DJ spinnin’, I said, ‚My, my‘ “
Debbie Harry in Blondie, „Rapture“
 

01.09.2026

Ticketzweitmarkt: Forderungen und Fakes

Im Koalitionsvertrag hatten CDU, CSU und SPD eine „stärkere Regulierung“ des Ticketzweitmarkts für Sport- und Kulturveranstaltungen (in dieser Reihenfolge stehts im Koalitionsvertrag, Kultur wie immer an zweiter Stelle…) vereinbart, „um Verbraucher vor überhöhten Preisen, Intransparenz und betrügerischen Verkaufspraktiken zu schützen und Veranstalter besser in die Lage zu versetzen, sich gegen unlauteres Verhalten von Ticketspekulanten zur Wehr zu setzen.“
 
Große Worte. Passiert ist seitdem – nichts…
 
So haben in den letzten drei Monaten eine Vielzahl von Musiker:innen (von Ärzten und Toten Hosen über Nina Chuba und Ikkimel bis hin zu Apsilon und Feine Sahne Fischfilet) sowie alle relevanten Verbände der Konzertbranche (u.a. PRO MUSIK, LiveMusikKommission, BDKV, Jazzunion und Deutscher Musikrat) in einem offenen Brief detaillierte Forderungen zur Regulierung des Ticketzweitmarkts aufgestellt und in zahlreichen öffentlichen Einlassungen erneuert. Man muss die Politiker:innen eben zum Jagen tragen…
Und so hat Bundesjustizministerin Hubig (SPD) jetzt endlich angekündigt, „nach der Sommerpause“ einen entsprechenden Gesetzesentwurf vorzulegen.
 
Man wird sehen, wie weit dieser Gesetzentwurf gehen wird…
 
Klar ist: Der Ticketzweitmarkt ist ein verdammtes Übel, und es wird höchste Zeit, dass derartigem Wucher und Betrug endlich auch hierzulande ein Riegel vorgeschoben wird, wie es in anderen Ländern (Frankreich, Großbritannien, USA, Italien, Belgien usw.) längst auf unterschiedliche Weise Gesetz ist. Viagogo, StubHub etc. sind eine Pest.
 
Allerdings darf man nicht vergessen, dass der Ticketzweitmarkt vor allem ein Problem der Großkonzerte ist. Auf Clubebene besteht dieses Problem kaum. Und natürlich könnten die Veranstalter von Großkonzerten einen Teil des Problems dadurch beheben, dass sie komplett digital arbeiten: Es gibt nur ein digitales Ticket, das bei Erwerb personalisiert werden muss; beim Einlass sind Ticket und stichprobenartig auch Ausweis vorzuzeigen.
Ein privater Weiterkauf kann über die firmeneigenen Webseiten umgesetzt werden, damit Fans, die krank werden oder anderweitig verhindert sind, nicht auf ihren Tickets sitzen bleiben. 
 
Wichtig dabei ist natürlich eine Variante des US-amerikanischen „BOTS-Acts“: Der „Better Online Ticket Sales-Act“ verbietet u.a. den Einsatz automatisierter Kaufprogramme.
 
Außerdem: auch die Ticketing-Großkonzerne unterhalten eigene Weiterverkaufsplattformen. CTS Eventim-Boss Schulenbergh hat im Juli in einem FAZ-Interview bekannt, dass auf der konzerneigenen Weiterverkaufsplattform ein Aufschlag in Höhe von „maximal 200 Prozent“ erlaubt ist.
 
Im Vorschlag der Musiker:innen und Verbände ist eine Preisobergrenze von 25% beim gewerblichen Weiterverkauf vorgesehen – wie bitte?!? Da sollen Ticketinganbieter, die ohnedies bereits viel zu hohe Vorverkaufs- und eine Vielzahl von Extragebühren verlangen, zusätzlich zu ihren skandalösen Gebühren beim Erstverkauf nochmal Gebühren erheben dürfen, und dies bis zu völlig wirklichkeitsfremden 25%? Awcmon, das kann doch alles nicht wahr sein.
 
Warum sollen beim Weiterverkauf von Tickets überhaupt Gebühren erlaubt sein? Eine geringe Servicegebühr (sagen wir maximal 5%) sollte vollkommen ausreichen, es geht hier ja um einen Service für die Fans – verdient haben die Ticketingkonzerne ja bereits beim eigentlichen Ticketverkauf mehr als genug.
Der 25%-Vorschlag bedeutet, dass die Ticketkonzerne doppelt an den Tickets verdienen, während die Musiker:innen weiterhin bei diesem Zusatzgeschäft leer ausgehen und die Fans insgesamt mehr als 40 Prozent Gebühren blechen sollen (25% beim Weiterverkauf, vorher schon 10% VVK-Gebühr sowie Zusatzgebühren).
 
Wenn es tatsächlich um Fairness gegenüber den Fans, den sogenannten „Verbraucher:innen“, gehen soll, dann ist eine Weiterverkaufs-Gebühr von bis zu 25% nicht akzeptabel. Und es würde Justiz- und Verbraucherschutz-Ministerien gut zu Gesicht stehen, wenn sie auch die Vorverkaufsgebühren generell genauer unter die Lupe nehmen und überhöhte Gebühren verunmöglichen würden.

01.09.2026

90 Prozent aller Konzerte in Deutschland finden in Clubs und kleinen Venues statt!

Die GEMA hat unlängst die Anzahl der Konzerte und Besucher:innen aufgrund ihrer Geschäftszahlen im Tarif U-K („Unterhaltungsmusik“) ausgewertet und veröffentlicht.
Dies führte bei weniger seriösen Medien zu Schlagzeilen wie „Zuschauer- und Konzertezahl übertrifft Vor-Corona-Lage“ oder, wie GEMA-Direktor Seitz postuliert: „Die Konzertbranche ist nach den tiefen Einschnitten der Pandemie wieder auf Wachstumskurs“.
Wachstum, immer Wachstum, wir steigern das Bruttosozialprodukt…
 
Wenn man sich die Zahlen jedoch genauer anschaut, sieht die Lage komplizierter aus; die „FAZ“ hat das Konzertgeschäft auf einer halben Druckseite genau aufgedröselt:
Dort ist der Konzernumsatz der beiden weltweiten Branchenriesen aufgeführt: Live Nation erzielte im Jahr 2025 einen Umsatz von 25,2 Milliarden Dollar (Marktkapitalisierung zum 24.7.26: 41,74 Mrd. $!), CTS Eventim immerhin 3,08 Milliarden Euro (Marktkapitalisierung zum 24.7.26: 5,80 Mrd. €).
Klar ist: „Der Umsatz der Live-Branche steigt in Deutschland und global.“
In Deutschland haben sich im Jahr 2025 insgesamt 74,32 Millionen Fans auf 267.006 Konzerte verteilt – tatsächlich mehr als im letzten Jahr vor der Coronära (2019: 69,21 Mio. Fans auf 263.008 Konzerten).
 
Die wirklich spannenden Zahlen ergeben sich jedoch aus der Statistik der Konzerte und Besucher:innen nach Veranstaltungsgröße:

Quelle: FAZ vom 27.7.2026, nach GEMA-Zahlen; Grafik: jbel.
 
Sage und schreibe rund 90 Prozent aller Konzerte in Deutschland finden in Clubs und kleineren Venues bis zu 500 Besucher:innen statt. Und immerhin fast 30 Millionen Fans haben diese Konzerte letztes Jahr besucht.
Vor allem aber – und das wissen alle Veranstalter:innen und Club-, Venue- und Kulturzentrums-Betreiber:innen: Die Zahl der Besucher:innen in Spielstätten unter 500 Fans ist gegenüber der Vor-Pandemie-Zahl um 5,7 Prozent zurückgegangen.
Die Clubs, Venues und unabhängigen Veranstalter:innen bemühen sich also nach wie vor intensiv darum, die Vielfalt von Konzerten zu erhalten – der Preis allerdings ist hoch. Für viele zu hoch, besonders angesichts deutlich gestiegener Kosten bei gleichbleibend eher niedrigen Ticketpreisen in diesem Sektor.
 
Die kulturelle Vielfalt unserer Gesellschaft und die kulturelle Teilhabe wird in den Clubs, den kleinen Venues und Kulturzentren gelebt. Die Großkonzerte bilden nicht die kulturelle Vielfalt der Gesellschaft ab – sie stellen höchstens ein Problem für die kulturelle Teilhabe dar, weil sich viele Menschen die immens teuren Tickets gar nicht mehr leisten können.
 
In einem Vortrag auf der Zürcher m4music-Konferenz habe ich 2012, also vor über 14 Jahren, bereits auf diese Diskrepanz hingewiesen:
 
„Auf der einen Seite: Die Umsatzexplosion der Konzertindustrie betrifft hauptsächlich die großen Namen – die Stadionkonzerte, die Konzerte in den großen Hallen. (...) 
Denn auf der anderen Seite kann man festhalten: Es gibt, neben vielen Erfolgen, auch eine gewisse Stagnation gerade bei den kleineren Konzerten. (...) Der Realeinkommensverlust kleiner Bands bedeutet im Klartext, dass Musiker in der Anfangsphase ihrer Karriere heute mehr denn je in ihre Tourneen investieren müssen, und dass Künstler, Tournee- und örtliche Veranstalter häufiger als früher bei Clubtourneen Geld verlieren, zumal gleichzeitig auch die Eintrittspreise im Clubsegment stagnieren.“
 
Wir können es nicht oft genug fordern:
Wir benötigen eine strukturelle Förderung der Clubkultur! Wir benötigen einen gesetzlichen Kulturraumschutz! Und wir benötigen eine Ticketabgabe, die von den Superprofiten der Ticketing-Konzerne solidarisch zugunsten der kleineren Spielstätten finanziert wird!
 

01.09.2026

Ticketflaute und Gewerkschaftsgründung

Kollege Fabian Schütze hat dieser Tage in seinem wie immer lesenswerten Rundbrief „Low Budget High Spirit“ auf die „Ticketflaute“ in der Konzertszene hingewiesen. Also auf die deutlich verminderte Nachfrage nach Konzertkarten, „genreübergreifend und an allen Ecken der Landkarte“ (was ich ein wenig differenziertzer sehen würde: Die Einbußen sind ja weder „genreübergreifend“ noch „an allen Ecken der Landkarte“...). Er spricht von einem „grundlegenden Meta-Trend“ und führt einige leicht nachvollziehbare Gründe an: Nachholeffekte (und Euphorie) nach der Coronära, ein sich grundlegend veränderndes Ausgehverhalten („Zuhause ist auch schön“), (zu) hohe Ticketpreise, „Gier und Konzernkapitalismus, die sich komplett ins Musiksystem gefräst haben“, und das alles in einer Zeit, da viele Menschen einfach zu wenig Geld haben, von Massenentlassungen bedroht sind usw.
 
Zurecht weist Fab darauf hin, dass die Musikindustrie leider keine starke Interessenvertretung hat. Seit langem schlage ich Musiker:innen und Kulturabeiter:innen vor, eine Art Gewerkschaft zu gründen. Und natürlich ist es ein Manko, dass die Interessenverbände der Konzertindustrie eben nicht wirklich schlagkräftig, sondern eher zahnlos sind, solange darin neben Konzertagenten, Veranstalter:innen und Venue-Betreibern auch die drei weltweiten Großkonzerne der Live-Industrie Mitglied sind: Live Nation, CTS Eventim und AEG (ob mit ihren Tochtergesellschaften oder direkt).
 
Die kleinen und mittelständischen Firmen unserer Branche haben nun mal nicht die gleichen Interessen wie die milliardenschweren Großkonzerne. It’s that simple. Solange aber alle in einem Verband sind, werden dessen Forderungen eher verwässert als schlagkräftig.

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