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Blog Archiv - Jahr %1
01.09.2026

Ticketzweitmarkt: Forderungen und Fakes

Im Koalitionsvertrag hatten CDU, CSU und SPD eine „stärkere Regulierung“ des Ticketzweitmarkts für Sport- und Kulturveranstaltungen (in dieser Reihenfolge stehts im Koalitionsvertrag, Kultur wie immer an zweiter Stelle…) vereinbart, „um Verbraucher vor überhöhten Preisen, Intransparenz und betrügerischen Verkaufspraktiken zu schützen und Veranstalter besser in die Lage zu versetzen, sich gegen unlauteres Verhalten von Ticketspekulanten zur Wehr zu setzen.“
 
Große Worte. Passiert ist seitdem – nichts…
 
So haben in den letzten drei Monaten eine Vielzahl von Musiker:innen (von Ärzten und Toten Hosen über Nina Chuba und Ikkimel bis hin zu Apsilon und Feine Sahne Fischfilet) sowie alle relevanten Verbände der Konzertbranche (u.a. PRO MUSIK, LiveMusikKommission, BDKV, Jazzunion und Deutscher Musikrat) in einem offenen Brief detaillierte Forderungen zur Regulierung des Ticketzweitmarkts aufgestellt und in zahlreichen öffentlichen Einlassungen erneuert. Man muss die Politiker:innen eben zum Jagen tragen…
Und so hat Bundesjustizministerin Hubig (SPD) jetzt endlich angekündigt, „nach der Sommerpause“ einen entsprechenden Gesetzesentwurf vorzulegen.
 
Man wird sehen, wie weit dieser Gesetzentwurf gehen wird…
 
Klar ist: Der Ticketzweitmarkt ist ein verdammtes Übel, und es wird höchste Zeit, dass derartigem Wucher und Betrug endlich auch hierzulande ein Riegel vorgeschoben wird, wie es in anderen Ländern (Frankreich, Großbritannien, USA, Italien, Belgien usw.) längst auf unterschiedliche Weise Gesetz ist. Viagogo, StubHub etc. sind eine Pest.
 
Allerdings darf man nicht vergessen, dass der Ticketzweitmarkt vor allem ein Problem der Großkonzerte ist. Auf Clubebene besteht dieses Problem kaum. Und natürlich könnten die Veranstalter von Großkonzerten einen Teil des Problems dadurch beheben, dass sie komplett digital arbeiten: Es gibt nur ein digitales Ticket, das bei Erwerb personalisiert werden muss; beim Einlass sind Ticket und stichprobenartig auch Ausweis vorzuzeigen.
Ein privater Weiterkauf kann über die firmeneigenen Webseiten umgesetzt werden, damit Fans, die krank werden oder anderweitig verhindert sind, nicht auf ihren Tickets sitzen bleiben. 
 
Wichtig dabei ist natürlich eine Variante des US-amerikanischen „BOTS-Acts“: Der „Better Online Ticket Sales-Act“ verbietet u.a. den Einsatz automatisierter Kaufprogramme.
 
Außerdem: auch die Ticketing-Großkonzerne unterhalten eigene Weiterverkaufsplattformen. CTS Eventim-Boss Schulenbergh hat im Juli in einem FAZ-Interview bekannt, dass auf der konzerneigenen Weiterverkaufsplattform ein Aufschlag in Höhe von „maximal 200 Prozent“ erlaubt ist.
 
Im Vorschlag der Musiker:innen und Verbände ist eine Preisobergrenze von 25% beim gewerblichen Weiterverkauf vorgesehen – wie bitte?!? Da sollen Ticketinganbieter, die ohnedies bereits viel zu hohe Vorverkaufs- und eine Vielzahl von Extragebühren verlangen, zusätzlich zu ihren skandalösen Gebühren beim Erstverkauf nochmal Gebühren erheben dürfen, und dies bis zu völlig wirklichkeitsfremden 25%? Awcmon, das kann doch alles nicht wahr sein.
 
Warum sollen beim Weiterverkauf von Tickets überhaupt Gebühren erlaubt sein? Eine geringe Servicegebühr (sagen wir maximal 5%) sollte vollkommen ausreichen, es geht hier ja um einen Service für die Fans – verdient haben die Ticketingkonzerne ja bereits beim eigentlichen Ticketverkauf mehr als genug.
Der 25%-Vorschlag bedeutet, dass die Ticketkonzerne doppelt an den Tickets verdienen, während die Musiker:innen weiterhin bei diesem Zusatzgeschäft leer ausgehen und die Fans insgesamt mehr als 40 Prozent Gebühren blechen sollen (25% beim Weiterverkauf, vorher schon 10% VVK-Gebühr sowie Zusatzgebühren).
 
Wenn es tatsächlich um Fairness gegenüber den Fans, den sogenannten „Verbraucher:innen“, gehen soll, dann ist eine Weiterverkaufs-Gebühr von bis zu 25% nicht akzeptabel. Und es würde Justiz- und Verbraucherschutz-Ministerien gut zu Gesicht stehen, wenn sie auch die Vorverkaufsgebühren generell genauer unter die Lupe nehmen und überhöhte Gebühren verunmöglichen würden.

01.09.2026

90 Prozent aller Konzerte in Deutschland finden in Clubs und kleinen Venues statt!

Die GEMA hat unlängst die Anzahl der Konzerte und Besucher:innen aufgrund ihrer Geschäftszahlen im Tarif U-K („Unterhaltungsmusik“) ausgewertet und veröffentlicht.
Dies führte bei weniger seriösen Medien zu Schlagzeilen wie „Zuschauer- und Konzertezahl übertrifft Vor-Corona-Lage“ oder, wie GEMA-Direktor Seitz postuliert: „Die Konzertbranche ist nach den tiefen Einschnitten der Pandemie wieder auf Wachstumskurs“.
Wachstum, immer Wachstum, wir steigern das Bruttosozialprodukt…
 
Wenn man sich die Zahlen jedoch genauer anschaut, sieht die Lage komplizierter aus; die „FAZ“ hat das Konzertgeschäft auf einer halben Druckseite genau aufgedröselt:
Dort ist der Konzernumsatz der beiden weltweiten Branchenriesen aufgeführt: Live Nation erzielte im Jahr 2025 einen Umsatz von 25,2 Milliarden Dollar (Marktkapitalisierung zum 24.7.26: 41,74 Mrd. $!), CTS Eventim immerhin 3,08 Milliarden Euro (Marktkapitalisierung zum 24.7.26: 5,80 Mrd. €).
Klar ist: „Der Umsatz der Live-Branche steigt in Deutschland und global.“
In Deutschland haben sich im Jahr 2025 insgesamt 74,32 Millionen Fans auf 267.006 Konzerte verteilt – tatsächlich mehr als im letzten Jahr vor der Coronära (2019: 69,21 Mio. Fans auf 263.008 Konzerten).
 
Die wirklich spannenden Zahlen ergeben sich jedoch aus der Statistik der Konzerte und Besucher:innen nach Veranstaltungsgröße:

Quelle: FAZ vom 27.7.2026, nach GEMA-Zahlen; Grafik: jbel.
 
Sage und schreibe rund 90 Prozent aller Konzerte in Deutschland finden in Clubs und kleineren Venues bis zu 500 Besucher:innen statt. Und immerhin fast 30 Millionen Fans haben diese Konzerte letztes Jahr besucht.
Vor allem aber – und das wissen alle Veranstalter:innen und Club-, Venue- und Kulturzentrums-Betreiber:innen: Die Zahl der Besucher:innen in Spielstätten unter 500 Fans ist gegenüber der Vor-Pandemie-Zahl um 5,7 Prozent zurückgegangen.
Die Clubs, Venues und unabhängigen Veranstalter:innen bemühen sich also nach wie vor intensiv darum, die Vielfalt von Konzerten zu erhalten – der Preis allerdings ist hoch. Für viele zu hoch, besonders angesichts deutlich gestiegener Kosten bei gleichbleibend eher niedrigen Ticketpreisen in diesem Sektor.
 
Die kulturelle Vielfalt unserer Gesellschaft und die kulturelle Teilhabe wird in den Clubs, den kleinen Venues und Kulturzentren gelebt. Die Großkonzerte bilden nicht die kulturelle Vielfalt der Gesellschaft ab – sie stellen höchstens ein Problem für die kulturelle Teilhabe dar, weil sich viele Menschen die immens teuren Tickets gar nicht mehr leisten können.
 
In einem Vortrag auf der Zürcher m4music-Konferenz habe ich 2012, also vor über 14 Jahren, bereits auf diese Diskrepanz hingewiesen:
 
„Auf der einen Seite: Die Umsatzexplosion der Konzertindustrie betrifft hauptsächlich die großen Namen – die Stadionkonzerte, die Konzerte in den großen Hallen. (...) 
Denn auf der anderen Seite kann man festhalten: Es gibt, neben vielen Erfolgen, auch eine gewisse Stagnation gerade bei den kleineren Konzerten. (...) Der Realeinkommensverlust kleiner Bands bedeutet im Klartext, dass Musiker in der Anfangsphase ihrer Karriere heute mehr denn je in ihre Tourneen investieren müssen, und dass Künstler, Tournee- und örtliche Veranstalter häufiger als früher bei Clubtourneen Geld verlieren, zumal gleichzeitig auch die Eintrittspreise im Clubsegment stagnieren.“
 
Wir können es nicht oft genug fordern:
Wir benötigen eine strukturelle Förderung der Clubkultur! Wir benötigen einen gesetzlichen Kulturraumschutz! Und wir benötigen eine Ticketabgabe, die von den Superprofiten der Ticketing-Konzerne solidarisch zugunsten der kleineren Spielstätten finanziert wird!
 

01.09.2026

Ticketflaute und Gewerkschaftsgründung

Kollege Fabian Schütze hat dieser Tage in seinem wie immer lesenswerten Rundbrief „Low Budget High Spirit“ auf die „Ticketflaute“ in der Konzertszene hingewiesen. Also auf die deutlich verminderte Nachfrage nach Konzertkarten, „genreübergreifend und an allen Ecken der Landkarte“ (was ich ein wenig differenziertzer sehen würde: Die Einbußen sind ja weder „genreübergreifend“ noch „an allen Ecken der Landkarte“...). Er spricht von einem „grundlegenden Meta-Trend“ und führt einige leicht nachvollziehbare Gründe an: Nachholeffekte (und Euphorie) nach der Coronära, ein sich grundlegend veränderndes Ausgehverhalten („Zuhause ist auch schön“), (zu) hohe Ticketpreise, „Gier und Konzernkapitalismus, die sich komplett ins Musiksystem gefräst haben“, und das alles in einer Zeit, da viele Menschen einfach zu wenig Geld haben, von Massenentlassungen bedroht sind usw.
 
Zurecht weist Fab darauf hin, dass die Musikindustrie leider keine starke Interessenvertretung hat. Seit langem schlage ich Musiker:innen und Kulturabeiter:innen vor, eine Art Gewerkschaft zu gründen. Und natürlich ist es ein Manko, dass die Interessenverbände der Konzertindustrie eben nicht wirklich schlagkräftig, sondern eher zahnlos sind, solange darin neben Konzertagenten, Veranstalter:innen und Venue-Betreibern auch die drei weltweiten Großkonzerne der Live-Industrie Mitglied sind: Live Nation, CTS Eventim und AEG (ob mit ihren Tochtergesellschaften oder direkt).
 
Die kleinen und mittelständischen Firmen unserer Branche haben nun mal nicht die gleichen Interessen wie die milliardenschweren Großkonzerne. It’s that simple. Solange aber alle in einem Verband sind, werden dessen Forderungen eher verwässert als schlagkräftig.

01.09.2026

Lullaby For The Working Class

Die Bright Eyes werden im Herbst auf ausgedehnte USA-Tour gehen.
Mit dabei als Support-Act: Lullaby For The Working Class!
 
Diese Band mit dem sprechenden Namen wurde 1994 von Mike Mogis und Ted Stevens (Cursive, Mayday) gegründet. Lassen wir Mike Mogis, der seit ca. 2000 Bandmitglied von Bright Eyes ist (die einige Male selbst Support-Act von Lullaby For The Working Class waren), selbst erzählen:
 
„Lullaby for the Working Class was the band I was in before Bright Eyes. Ted Stevens (Cursive, Mayday) and I started the band as an experiment to try and make more folk-based music with all acoustic instruments. Up until that point we had only really played in loud punk and rock bands so it was an entirely new approach and a new world for us.
 
I learned so much from my time with Ted and Lullaby, both as a musician and engineer/producer, that I would go on to employ heavily when I started working with this weird, little kid who Ted was friends with named Conor. We also took Conor on some of the earliest Bright Eyes tours opening for Lullaby and us acting as his backing band.
 
And when we started recording and needed some trumpet on our first records, which were the Consolation EP and Blanket Warm, I heard about this high school kid Nate Walcott and got his number from a mutual friend. He ended up playing on all our records and going on some tours with us. I have great memories of us all piled into our old Chevy Transvan driving around the country playing anywhere that would have us.
 
We also went on a really long tour of Europe, in the fall of 1997, and that was the first time any of us had been there. Back then everything was strange, new and exciting.
 
Lullaby ran its course and I went on to play in Bright Eyes full time (along with Nate eventually) and Ted joined Cursive and continued making his own records in Mayday and other projects. We reunited once in 2010 when Conor organized the Concert for Equality in Omaha to fight against a racist anti immigration law that had passed in Nebraska. That is the only time we played this century!“
 
Und warum steht das hier in diesem Rundbrief?
Klar: Weil ich Europaagent von Lullaby For The Working Class war – die „really long tour“, die sie 1997 gespielt haben. Ich hatte die Band 1996 bei der SXSW in Austin gesehen – sie galten damals als „really hot shit“ und haben ein ausverkauftes Showcase in einem kleinen Club namens „Hole in the Wall“ gespielt, der tatsächlich genau das war, mit einer ellenlangen Schlange davor. 
Ihr Sound war einmalig, das, was später „Americana“ genannt wurde, hat sich gerade erst entwickelt. Aber ihre Musik war wunderbar, und das galt auch für ihre inspirierten Konzerte (und dass Mike und Ted außerdem noch sehr freundliche und interessante Menschen sind, machte die Zusammenarbeit umso angenehmer).
 
Ich habe mir jetzt nochmal ihre beiden Alben angehört, „Blanket Warm“ und „I Never Even Asked for Light“ (beide auf Bar/None), und sie gehören immer noch zum Besten, was ich aus dem Genre kenne.

Those were the days of wine and roses… 
Lullaby For The Working Class gehören zu den Bands, die mir in meiner nun über 38-jährigen Agenturgeschichte besonders wichtig waren.
 

01.09.2026

Berliner Kulturpolitik: Von Geldbotenjungen, Vetternwirtschaft und evident rechtswidrigem Verhalten

Nein, bitte nicht noch einmal den Berliner Kulturskandal rund um die „umstrittene“ Vergabe von Fördermitteln für die Antisemitismusprävention, werden viele stöhnen. Und sie haben ja recht: Es ist praktisch alles gesagt, die Fakten liegen auf dem Tisch, jede und jeder können sich ihr eigenes Bild machen, auch wenn die Regierungsparteien CDU und SPD im Untersuchungsausschuss jetzt versuchen, das, was der Berliner Rechnungshof als „evident rechtswidrig“ bezeichnet, irgendwie rechtzeitig vor der Berlin-Wahl einfach wegzumoderieren, ohne überhaupt den Abschlussbericht des Untersuchungsausschusses abzuwarten.
 
Mir ist dazu noch aufgefallen:
Die ehemaligen Berliner Kultursenator:innen Joe Chialo (CDU) und Sarah Wedl-Wilson (parteilos, für CDU) scheinen ein einigermaßen gestörtes, mindestens aber „taktisches“ Verhältnis zur parlamentarischen Demokratie zu haben. Chialo hat vor dem Untersuchungsausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses eine Stellungnahme rundum verweigert; Wedl-Wilson hat immerhin ein Statement abgelesen, aber auf Rückfragen der Ausschussmitglieder weitere Aussagen verweigert. Mittlerweile ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen sie wegen des Verdachts der Untreue in einem besonders schweren Fall.
 
Die CDU-Abgeordneten Goiny (laut „FAZ“ „der Geldbotenjunge“) und Stettner – der übrigens 2012 wegen „Subventionsbetruges, Insolvenzverschleppung und des Vorenthaltens von Sozialabgaben“ (Tagesspiegel vom 22.6.2012) zu einem Jahr Haft auf Bewährung verurteilt worden war – kommen dagegen ungeschoren davon, obwohl gerade auf sie viele der Vorwürfe „unzulässige politische Einflussnahme, Vetternwirtschaft, Korruption und private Vorteilsnahme“ („Tagesspiegel“) gemünzt waren. Goiny habe sich in seinen Nachrichten an die Senatorin zwar „im Ton vergriffen“, aber sonst alles paletti, weil: Juristisch ist da nichts zu beanstanden.
 
Das scheint mittlerweile eine der bevorzugten Reaktionen auf verwerfliches Handeln zu sein: „Nicht justiziabel“. Ob es die Causa Rammstein ist, ob Spahns dubiose Maskendeals oder eben das, sagen wir: problematische Verhalten der Berliner CDU-Kulturpolitiker (gedeckt vom Regierenden Wegner, der wahrscheinlich gerade wieder Tennis spielen war): Alles tutti paletti, solange ein Gericht nicht verurteilt hat. Teure Anwälte sorgen dafür, dass nichts schief geht.
 
Denn: 
„Wir können uns darüber hinwegsetzen.“ (Sarah Wedel-Wilson)
 
Ich würde gerne (was ich sonst wirklich selten tue) Immanuel Kant in Erinnerung rufen, und zwar mit dem Satz aus der „Kritik der praktischen Vernunft“, den sich auch ein gewisser Ludwig van Beethoven in sein Notizbuch geschrieben hatte:
„Der bestirnte Himmel über mir, und das moralische Gesetz in mir.“
Mag ja sein, dass das Fehlverhalten von Chialo, Goiny oder Stettner von deutschen Gerichten nicht verurteilt werden wird. Nach moralischen Kriterien, nach dem moralischen Gesetz in uns allerdings ist derartiges auf jeden Fall nicht hinnehmbar und zu verurteilen.
 
Wer mehr über „die Schneise der Verwüstung“ erfahren will, die die „Amateure als Kulturpolitiker“ durch die Berliner Kultur ziehen, sollte den lesenswerten Gastbeitrag des Berliner Kulturpolitikers Daniel Wesener in der „FAZ“ lesen. Gegen dieses Chaos, also gegen „die schiere Inkompetenz“ oder den „sinistren kulturpolitischen Plan“ einiger Akteure würde „eine gesetzliche Verankerung der staatlichen Förderung von Kunst“ helfen, meint Wesener.
 

01.09.2026

Klasse Satz!

„Scheiße ihr spinnt doch alle!“ 
Mellie, 10 Jahre, in „Everytime“ von Sandra Wollner

01.09.2026

Der Kulturstaatsminister im OP-Saal

Der Herr Kulturstaatsminister soll jetzt nicht zu einer Art Faktotum dieses Blogs aufgewertet werden, aber dann gibt’s halt doch immer wieder Äußerungen von Herrn Weimer, die ich euch nicht vorenthalten möchte.
Wie diese hier zu seinem Politikverständnis, und dass er gerne Not-OPs vornimmt, während die Patienten sitzen und nicht liegen, und anscheinend auch ohne Narkose, denn seine Patienten haben ja während der Not-OP offenbar „Stimmung“…:
 
„Das Regierungshandeln in Deutschland ist wie im OP-Saal: Der Patient Deutschland sitzt da, wir machen die Not-OP, natürlich ist die Stimmung nicht gut, aber wir müssen operieren, der Patient muss heilen.“
 
(Wolfgang Weimer am „Sonntags-Stammtisch“ im BR-Fernsehen)

01.09.2026

Der Kulturstaatsminister und die Krönung der Musik

In seinem Haushaltsentwurf für den Bundeskulturhaushalt 2027 hat Wolfgang Weimer den Rotstift angesetzt. Die Initiative Musik soll demnach mit knapp 22 Prozent weniger auskommen als bisher. Wenn das „German Haus“ bei der SXSW nächstes Jahr nicht mehr finanziert werden kann, weinen wir dem keine Tränen nach. Aber es ist zu befürchten, dass die Almosen, die Musiker:innen, Plattenfirmen, Clubs und Veranstalter bisher aus den Mitteln der Initiative Musik erhalten, drastisch gekürzt werden.
Gleichzeitig plant der Kulturstaatsminister auch, den Festival-Förder-Fonds auf zwei Millionen Euro zu halbieren. Der Amateurmusikfonds soll 1,6 Millionen Euro weniger bekommen, und auch der Posten „Einzelprojekte Musik“ wird um mehr als eine Million Euro zusammengestrichen.
 
Der Kulturkämpfer Weimer ist kein Freund der Popkultur, soviel steht fest.
Dafür ist er ein Bayreuth-Fan: Die Bayreuther Festspiele sollen als eine der wenigen Kulturinstitutionen eine deutliche Erhöhung ihrer Zuschüsse um etwa eine Million Euro erhalten auf dann 5,267 Mio. €. Bayreuth erhält also mehr als der ganze Festival-Förder- sowie der Amateurmusikfonds zusammen. Bayreuth ist laut Weimer eben „die Krönung der Musik“.
 
Der Kulturstaatsminister warf sich im Vorfeld der Bayreuther Festspiele schon mal für die renommierte Kulturfachzeitschrift „Bunte“ in Pose:

(Quelle: BUNTE, 23.7.2026)
 
(unpopular Opinion: Dass der mit Abstand bestgepamperte Branchentreff hierzulande, das Reeperbahn-Festival, statt 6,275 Millionen „nur“ noch 3 Millionen Fördergelder bekommen soll, dürfte angesichts der üppigen Subventionen durch EU und Hamburger Senat zu verschmerzen sein)
 

01.09.2026

Fritz-Kola anybody?

Fritz-Kola anybody?
Die Kola hat viele Fans in progressiven und alternativen Milieus.
Nun häuft sich allerdings die Kritik an den „Fritz“-Getränken. Die Firma hat den CDU-Bundesparteitag in Stuttgart mit ihren Getränken gesponsort. Und eine klassische Mitarbeitervertretung, vulgo: einen Betriebsrat gibt’s bei dem mittelständischen Unternehmen auch nicht. 
 
Und nun hat sich die fritz-kola GmbH auch noch deutlich gegen die von Verbraucherschutz- und Gesundheitspolitik vorgeschlagene Zuckersteuer ausgesprochen. Kein Wunder: In einer 0,33-Liter-Flasche Fritz-Kola-Original stecken laut „Zeit“ ungefähr 11 Stück Würfelzucker…
 

01.09.2026

Über eine Hannoveraner Rockband

Was haben der über die Maßen geschätzte Popkritiker Jens Balzer und der ebenfalls sehr geschätzte US-amerikanische Analyst und Kritiker Bob Lefsetz gemeinsam? Ihre ein bisschen schwer zu verstehende Sympathie für eine Hannoveraner Rockband:
„Den Scorpions gehört die Zukunft.“ (Jens Balzer)
„Klaus Meine is intelligent and articulate.“ (Bob Lefsetz)
 

01.09.2026

Zu viel Kultur für Plattenfirma

„Heute war der Tag, an dem der A&R von Four mir sagte, dass das mit dem Album da nichts wird, weil es zu ‚Culture‘ ist.“ 
(Grim104, „MF Doom“)
Die Frage ist, was „Culture“ hier bedeutet und warum gerade das ein Ausschlusskriterium für das deutsche Majorlabel Four Music/Sony war.
 

01.09.2026

Bundeskanzler lobt DFB-Team

Bundeskanzler Merz hat unmittelbar nach dem Ausscheiden des DFB-Teams Einsichten getweetet, die er für sich allein hat:

 (und nein, das ist kein Parodie-Account, der hat das ernst gemeint…)
Man fragt sich bloß, warum der Kanzler nicht wie sonst bei jeder sich bietenden Gelegenheit auch die Leistungsverweigerung der Spieler gegeißelt hat und deren Vier-Spiele-Mentalität…
 
P.S. 

„Ich mache niemandem aus der Mannschaft einen Vorwurf, ich möchte auch nicht für Deutschland kämpfen.“ (El Hotzo)
 

10.05.2026

Vinylpreisbremse

Der sehr geschätzte Kollege und Freund Maurice Summen hat in seinem Mai-Newsletter eine „Vinylpreisbremse“ gefordert. Weil, ihr wisst schon: Die ganzen Dinger werden ja aus Erdöl hergestellt, nicht zuletzt auch diese „speziellen Folien, auf denen die Vinylpressvorlage geschnitten wird, die leider nur noch von einer einzigen Firma in Japan hergestellt werden“.
Und weil die Straße von Hormus wohl noch eine ziemliche Weile blockiert bleiben dürfte, wird auch der Vinylpreis in den nächsten Wochen und Monaten massiv ansteigen. Also: Die Dinger werden noch teurer werden als sowieso schon.
 
Eigentlich eine gute Idee, diese Vinylpreisbremse, wenn, ja, wenn es nicht die Bundesregierung gäbe. Denn ich halte jede Wette: Wenn Kulturstaatsminister Weimer das Thema anfassen würde, käme da ungefähr das raus, was auch bei der Benzinpreisbremse passiert: Die Tankstellen dürfen ja bekanntlich nur noch einmal am Tag, um 12 Uhr, den Benzinpreis erhöhen. Das Ergebnis dieser an Weisheit kaum zu überbietenden Maßnahme der Bundesregierung: Der Benzinpreis ist jetzt noch teurer als zuvor, und die Konzerne fahren Rekordgewinne ein und machen noch mehr Profit als auch schon.
 
Wobei, Herr Weimer in seiner einzigartigen politischen Klugheit würde, sollte eine Vinylpreisbremse um 12 Uhr nicht funktionieren, sicher stante pede eine brillante Lösung anbieten und unmittelbar eine zweite Vinylpreisbremse um 12:30 Uhr nachschieben…
 

10.05.2026

Sogenannter Vinyl-Boom, bzw. "One thing that isn't booming is vinyl"

Apropos sogenannter Vinyl-Boom:
„One thing that isn’t booming, though, is vinyl“, schreibt der britische „The Guardian“ in einem Bericht über Indie-Labels und zitiert Insider, nämlich führende Vertreter:innen etablierter Indie-Firmen:
“You read that stream­ing is des­troy­ing the music industry and artists are strug­gling to make a liv­ing, but it’s 80% of our profit,” sagt zum Beispiel Bradley Zero vom Londoner Rhythm Section-Label in dem Artikel. “You can sell a record for £15 to £20, but you have to make at least 300 – and if you only sell 100, you’ve lost about two-and-a-half grand.”
 
Und Megan Jasper vom legendären Sub Pop-Label ergänzt, dass Sub Pop’s Vinyl-Verkäufe zwar “strong and stable” seien, schränkt aber ein: “It was a quarter of our rev­enue last year, but we’re not see­ing it grow. Con­ver­sa­tions are now about whether vinyl makes sense, so we don’t do it for every artist.”
 
Und beim Label Melodic aus Manchester (WH Lung, the Sound­car­ri­ers, Straw­berry Guy) summieren sich die Anteile der Einnahmen aus dem Streaming auf 82%, während der Anteil von physischen Produkten (also LPs und CDs) gerade einmal 5.5% ausmacht.
 
Aber klar, es kann nicht sein, was nicht sein darf: Die Narration „Streaming ist der Feind, Streaming ist böse, Streaming killt die Musikindustrie“ wird unbeirrt aufrechterhalten…
 

10.05.2026

30 Jahre mit Tortoise - vom Loft Berlin zum Theatro Circo Braga

Am 8.April begann der zweite Teil der dreiteiligen Europa-Tournee von Tortoise mit einem ausverkauften Zusatzkonzert in Berlin.
Und das war fast taggenau 30 Jahre nach dem ersten (Headliner) Berlin-Konzert von Tortoise, das am 9.4.1996 im Loft stattfand. 
Hier der damalige Flyer:


Tolle Tour, mit The Sea & Cake und Trans Am! Und präsentiert von Spex und dem WOM Journal – gibt’s beide schon lange nicht mehr, und auch das „Loft“ ist als Venue längst Geschichte… Those were the days.

Übrigens haben Musiker:innen meiner Agentur damals drei Konzerte im Loft-Programm bestritten: Ol‘ Dirty Bastard wars leider nicht, Zwinkersmiley, aber Penelope Houston und Lambchop. Fond memories.

Und hier noch Schnappschüsse vom (ausverkauften) Tortoise-Konzert am 19.4.2026 im legendären Theatro Circo in Braga, Portugal.


 

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