13.09.2022

Infektionsschutzgesetz und Weltfremdheit

Niemand in der Kulturbranche weiß, was Herbst und Winter bringen werden. Was Corona angeht, sind wir in Maßen optimistisch – es gibt gute Impfstoffe, die meisten Clubs, Venues und Konzertsäle sind sicher mit Belüftungssystemen auf dem neuesten Stand der Technik, nicht zuletzt dank der Förderungen der Bundesregierung.
Größere Sorgen machen uns derzeit die Energiekosten. Erstens: Wie soll man kleinere Konzerte finanzieren bei Energiekosten, die durch die Decke gehen? Zweitens: Über den Venues schwebt das Damoklesschwert von Verboten – sollte Energie tatsächlich im Winter knapp werden, sind behördliche Schließungen nicht auszuschließen (absichtsvoll gedoppelte Wortwahl). Was das für die angeschlagene Konzertszene bedeuten würde, brauche ich nicht zu betonen…
Und dann kommt da diese neue gesetzliche Regelung, die die an Weisheit kaum zu übertreffende, großartige Bundesregierung soeben verabschiedet hat: Die neue Version des Infektionsschutzgesetzes. Wirklich nichts gegen Maskentragen im Fernverkehr und bitte bundesweit auch im ÖPNV. Und wenn es nötig sein sollte, auch FFP2-Masken in bestuhlten Konzerthäusern und Theatern – so oder so sinnvoll, ob freiwillig oder nach Vorschrift.
Dann aber die hanebüchene Regelung, dass die Bundesländer eine Maskenpflicht in Innenräumen anordnen können, aber in Kultur- und Sportstätten zwingend (!) eine Befreiung davon zulassen müssen für all jene, die ein aktuelles negatives Testergebnis vorweisen können. Über so viel Weltfremdheit und Realitätsverweigerung kann man nur staunen. Wie stellen sich die Herren Buschmann und Lauterbach das in der Praxis bitteschön vor? Gesetzt den Fall, es gibt wieder Maskenpflicht in der Kultur, und dann gibt’s diese zwingende Ausnahmeregelung – soll dann die Security durch die Hallen oder die Clubs streifen und sich von all denen, die keine Maske tragen, ein Testergebnis zeigen lassen?!? Sorry, viel dümmer geht’s nimmer.
Mal abgesehen davon, dass Stehkonzerte im Rock- und Popbereich oder gar Tanzveranstaltungen in Clubs mit Maske schlicht unsinnig sind und nicht funktionieren. Es würde dafür ja eine gute Lösung geben, nämlich, zum hundertsten Mal sei’s gesagt: PCR-Tests für alle! Statt der fragwürdigen und fehlerhaften Schnelltests können PCR-Tests rasch und effektiv und kostengünstig durchgeführt werden, wie die Clubs und ihre Interessenvertretungen längst nachgewiesen haben. Und Wiener Veranstalter lachen sich sowieso schon lange halbtot über die deutsche Politik und ihre PCR-Test-Verweigerungshaltung, und erst recht über die Behauptung, PCR-Tests seien zu teuer. Nein, PCR-Tests ließen sich zu dem Preis durchführen, den hierzulande aktuell die unsicheren Schnelltests kosten – wenn man es nur politisch wollen würde. Allerdings, die hiesigen Labore wollen weiter dicke Profite machen, und so wird der Preis für PCR-Tests in Deutschland künstlich hochgehalten.
Das wird wieder ein Spaß im kommenden Corona-Herbst und Winter!

13.09.2022

Cancel Culture: UNO verbietet Blaskapellen! Aiwanger kämpft für Winnetou! Seliger reitet davon...

Sie haben es sicher schon gehört:
Die UNO-Generalversammlung hat jüngst beschlossen, dass bairische Trachten und bairische Blaskapellen verboten werden. Ein echter Skandal, dem Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) in Gillamoos entschieden entgegentrat:
„Ich kann nur eines sagen: Wir stehen zu unserer Tracht, unserer Identität, dem Ehrenamt und unseren Blaskapellen! Bayern ist und bleibt das schönste Land der Welt! Wir stehen dazu und lassen uns das von keinem nehmen und von niemandem verbieten!“
(zitiert laut CSU-Account auf Twitter, 5.9.2022)
Hugh! Der große Häuptling der bairischen Indianer hat gesprochen! Wir lassen uns weder Tracht noch Ehrenamt noch Blaskapellen verbieten! Wehret den Anfängen!
 
Das weiß auch der stellvertretende bairische Ministerpräsident, Hubert Aiwanger von den Freien Wählern – ein selbsternannter „Kämpfer für die Entrechteten“:
 

 
Den Winnetou wollen wir uns schließlich nicht auch noch verbieten lassen.
Ich reite jetzt erstmal in den Sonnenuntergang. Swallow, mein wackerer Mustang, spitzt schon die kleinen Ohren…

 

13.09.2022

In München steht ein Rammstein-Haus... (fast)

In München ist gerade ganz schön was los. Die CSU-Fraktion im Rathaus hat sich als Rammstein-Fanclub geoutet:
 

 
Wie es dazu kam?
Ein österreichischer Schlager-Großveranstalter, die Leutgeb Entertainment Group (Motto: „We create emotions!“), örtlicher und Tournee-Veranstalter von Schlagerrockkonzerten (aktuell im Angebot u.a. Andrea Berg, Semino Rossi, Die Ärzte oder Helene Fischer) hat auf dem Münchner Messegelände, das die Stadt den örtlichen Veranstalter beharrlich verweigert hat, drei gigantische Kommerzkonzerte durchgeführt: „Volksrocknroller“ Andreas Gabalier, Robbie Williams und Helene Fischer. Die Durchführung war nach allem, was aus München zu hören ist, eher misslungen und chaotisch, die örtlichen Zeitungen sind voll von Fan-Beschwerden. Dazu kommt ein offensichtlich gestörtes Verhältnis zur Pressefreiheit seitens Leutgeb: Nachdem der „Münchner Merkur“ und die örtliche Boulevardzeitung „tz“ kritisch über das Helene Fischer-Konzert berichtet hatten, verweigerte der Konzertmogul den Berichterstattern den Zutritt zu weiteren Konzerten und bezeichnete die Zeitungen auf Facebook laut „Abendzeitung“ in bester Franz Josef Strauß-Manier als „regionale und gesteuerte Schmierfink-Medien“.
Besonders pikant aber: Leutgeb wollte an Silvester in München das nächste Großereignis platzieren: Ein Rammstein-Konzert auf der Theresienwiese (wo alljährlich das Oktoberfest, die „Wiesn“, abgehalten wird). Wochenlang beherrschte dieses Thema die lokalen Schlagzeilen: CSU und SPD bildeten eine, nun ja: „große“ Rammstein-Koalition im Münchner Stadtrat und setzten per Mehrheitsbeschluss das Silvesterkonzert im Stadtparlament durch, trotz aller Sicherheitsbedenken und gegen die Stimmen der größten Fraktion, der Grünen, und der Linken und kleinerer Fraktionen.
Man dachte zunächst, dass es der CSU darum gehen würde, der Münchner Kreisverwaltungsreferentin der Grünen eins auszuwischen – schließlich begreift die örtliche CSU seit Gauweiler dieses exponierte Referat gewissermaßen als rechten Erbhof. Und dass die örtliche SPD, in Bayern noch bedeutungsloser als andernorts, eine Gelegenheit nutzen würde, den Grünen zu schaden – geschenkt, so sind sie halt, die Spezialdemokraten.
Doch mittlerweile tat sich ein Abgrund auf: Die „Abendzeitung“ berichtet von „Verflechtungen zwischen der CSU und dem Veranstalter“. Demzufolge hat Leutgeb als „exklusiven Gastronomiepartner“ der drei Großkonzerte eine Firma namens Braincandy Solutions auserkoren. Diese Firma wurde überhaupt erst im April 2022, also nachdem die Vergabe des Mesegeländes an Leutgeb längst feststand, ins Handelsregister eingetragen, und sie nennt auf ihrer Homepage gerade einmal drei Referenzen: Andreas Gabalier, Helene Fischer und Robbie Williams. „Wie kommt so eine junge Firma an so große Aufträge?“, fragt die „Abendzeitung“ völlig zurecht. Nun: Geschäftsführer der Greenhorn-Firma ist Tobias Fendt, „ein Vorsitzender der Jungen Union im Südosten von München – aktiv im gleichen Kreisverband wie Wirtschaftsreferent Clemens Baumgärtner, der die Idee, auf der Messe große Konzerte zu veranstalten, als erster öffentlich machte.“
Ein Schelm, wer Böses denkt, wenn ein CSU-Wirtschaftsreferent Großkonzerte eines Großveranstalters featured, während ein Parteifreund – ein Newcomer, der buchstäblich aus dem Nichts kommt – just bei diesen Großkonzerten den Großauftrag als „Gastronomiepartner“ an Land ziehen kann. Wieder mal die altbekannte Amigowirtschaft in der Münchner CSU? Iwo, sicher alles nur Zufall…
Aber Tobias Fendt „ist nicht der einzige CSUler, der von den Messe-Konzerten profitierte“, weiß die „Abendzeitung“. „Auch CSU-Stadtrat Thomas Schmid, der unter anderem als Berater in der Gastronomie tätig ist, arbeitete bei den Veranstaltungen mit.“
Mittlerweile hat sich das für Silvester geplante und von der Münchner CSU gefeaturte Rammstein-Konzert als peinliche Ente entpuppt – das Management der Band gab bekannt, dass es mit Leutgeb keinerlei Vereinbarung für solch ein Silvester-Konzert in München gegeben habe… Alles top seriös also. Genehmigt wäre das von der CSU herbeigesehnte Konzert sowieso nicht worden, aus Sicherheitsbedenken.
Im Sommer 2023 sollen auf dem Messegelände übrigens weitere Großkonzerte stattfinden. Ob dabei jedoch wieder die österreichische Leutgeb Entertainment Group zum Zuge kommt, steht noch in den Sternen. Wie aus gut unterrichteten Kreisen zu hören ist, hat ein Großkonzern des Konzertgeschäfts schon dieses Jahr versucht, in den Exklusivvertrag zwischen der Messe München und Leutgeb einzusteigen, und zuletzt wurde der Deutschland-CEO dieses Konzerns nicht nur beim Gabalier-Konzert und mit Leutgeb, sondern mehrmals auch mit dem Münchner CDU-Wirtschaftsreferenten gesichtet. Offensichtlich sind die Konzertkonzerne sehr an dem exklusiven Veranstaltungsort in München als weiteren Baustein ihres Imperiengeschäfts interessiert…

13.09.2022

Bundesregierung erhöht den Abgabesatz der Künstlersozialkasse

Als ob die Konzert- und Tourneeveranstalter:innen nicht bereits genug Probleme hätten:
Jetzt hat die Bundesregierung beschlossen, dass der Abgabesatz der Künstlersozialkasse (KSK) zum 1.1.2023 von bisher 4,2 auf 5,0 Prozent steigt. Also eine Erhöhung um mehr als 19 Prozent!
Zur Erklärung: Die „Verwerter“ von Kunstwerken, in diesem Fall also die Konzertveranstalter, müssen einen Prozentsatz der Entgeltzahlungen an selbständige Künstler (in dem Fall also der Gage) an die KSK abführen. Seit 2018 lag der Abgabesatz stabil bei 4,2%.
Der Bundeszuschuss zur Künstlersozialkasse wurde von der rot-grünen Bundesregierung im Jahr 2000 von ursprünglich 25 Prozent auf 20 Prozent abgesenkt. Dadurch stieg der Abgabesatz der KSK im Bereich Musik von ursprünglich 1,6 Prozent im Jahr 1998 auf 5,8 Prozent im Jahr 2005 – eine Steigerung um 362 Prozent. Diese rot-grüne Steigerung ist bis heute nicht zurückgenommen worden, sodass sich der Abgabesatz in den letzten zehn Jahren zwischen 4,1 und 5,2 Prozent eingepegelt hat.
Wenn die aktuelle Bundesregierung ihren Sonntagsreden von der sozialen Unterstützung der Künstler:innen und der Musiker:innen Taten folgen lassen wollte, würde sie den Bundeszuschuss zur KSK wieder auf 25 Prozent anheben, sodass die Abgabesätze der Konzertveranstalter:innen wieder auf ein verträgliches Maß reduziert werden könnten. Stattdessen greift die Bundesregierung der angeschlagenen Branche nochmal tiefer in die leeren Taschen – letztlich auch zum Nachteil der Musiker:innen, die entsprechend geringere Gagen erhalten.

13.09.2022

Popkultur-Festival ist auf jeden Fall "woke"...

„Kollektive Ansätze, postmigrantische Identitäten, intersektionale Diskurse, inklusive Projekte, diasporische Narrative, queere Positionen und der Bruch mit musikalischen Erwartungen tragen dazu bei, dass ein Raum für gemeinsamen Austausch entsteht.“
Wer sich in einem „Safe Space“ mit diesem Branding wohlfühlt, konnte sich eines der mit über 100 Euro subventionierten Tickets des „PopKultur“-Festivals des staatlichen „MusicBoard Berlin“ besorgen, bei dem eine Reihe von Kurator:innen versucht haben, alles richtig zu machen, was man in Zeiten von Wokeness nur richtig machen kann….

13.09.2022

Keith Richards sagt...

„Ein Rock’n’Roll-Kurator? Das ist das Albernste, was ich je gehört habe.“
(Keith Richards).

 

13.09.2022

Popkultur-Festival bleibt in Wohlfühlblase

Aber im Ernst: Das Berliner “PopKultur“-Festival dürfte das mit Abstand am höchsten subventionierte Popmusik-Festival hierzulande sein. Umso trauriger, mit welcher Selbstverliebtheit große Chancen vergeben werden. Man könnte mit all den „kollektiven Ansätzen“, „postmigrantischen Identitäten“, „intersektionalen Diskursen“, „diasporischen Narrativen“ und „queeren Positionen“ ja in die Stadtviertel ziehen, wo derartige Positionen von einer gewissen Brisanz wären – sagen wir: nach Neukölln, nach Marzahn oder in den Wedding, to name just a few. Stattdessen macht man es sich mit seinen Positionen bequem und veranstaltet das hochsubventionierte Festival am Hort der spießbürgerlichen Gemütlichkeit, also mitten am Prenzlauer Berg. Man will eben lieber unter sich bleiben in seiner mittelständischen popkulturellen Blase.
Was für eine vergebene Chance!

13.09.2022

Mark Fisher sagt...

„Zunächst ist von enormer Wichtigkeit, Identitätspolitik abzulehnen und anzuerkennen, dass es keine Identitäten, sondern nur Begehren, Interessen und Identifikationen gibt.“
(Mark Fisher, „Raus aus dem Vampirschloss“, in: k-punk)

 

13.09.2022

Christian Lindner sagt...

„Die Bundesregierung muss sich mit größter Dringlichkeit den Strompreisen widmen. Gewinne dürfen nicht zu Lasten der Verbraucherinnen und Verbraucher steigen.“
(Bundesfinanzminister Christian Lindner, FDP)

 

13.09.2022

Die Staatsministerin für Kultur gründet eine Pop-Akademie...

Zu den letzten Amtshandlungen der abgewählten Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) gehörte die Gründung einer staatlichen „Akademie für Popmusik“, die sich „nach dem Vorbild der Deutschen Filmakademie für die Branche stark machen soll“. Eine der Aufgaben der Akademie: Einen neuen „Preis für Popmusik“ zu verleihen. Einen Staatspreis für Staatspop gewissermaßen.
Der Begriff „Akademie“ leitet sich, wie zum Beispiel auf Wikipedia nachzulesen ist, vom Ort der Philosophenschule des Platon ab. Die „Akademien der Wissenschaften“ sind in der Nachfolge Platons „gelehrte Gesellschaften für wissenschaftliche oder künstlerische Forschungen, die der Selbstverwaltung unterliegen“ (Hervorhebungen, auch im folgenden, von mir).
Betrachten wir die Berliner Akademie der Künste, die bereits im Jahr 1696 gegründet wurde und damit zu den ältesten europäischen Kulturinstituten zählt. Sie ist laut Eigenbeschreibung „eine internationale Gemeinschaft von Künstler*innen“ und zitiert auf ihrer Website hervorgehoben die Erklärung des Akademie-Mitglieds Daniel Chodowiecki aus dem Jahr 1783:
„Academie ist ein Wort, das eine Versammlung von Künstlern bedeutet, die an einem ihnen angewiesenen Ort zu gewissen Zeiten zusammen kommen, um sich miteinander über ihre Kunst freundschaftlich zu besprechen, sich ihre Versuche, Einsichten und Erfahrungen mitteilen, und einer von dem andern zu lernen, sich mit einander der Vollkommenheit zu nähern suchen.“
Im Gesetz zur Errichtung der Akademie der Künste vom 1. Mai 2005 ist die Aufgabe der Akademie der Künste festgeschrieben, nämlich „die Künste zu fördern und die Sache der Kunst in der Gesellschaft zu vertreten. Die Akademie spricht aus selbständiger Verantwortung.“
So weit so gut. Das könnte ja eventuell auch die Aufgabe der neuen Staatspop-Akademie sein. Wer aber wird Mitglied der Akademie der Künste? Es ist eine „internationale Gemeinschaft von maximal 500 Künstlern“. Punkt. In einer Akademie der Künste sind ausschließlich Künstler*innen. Eigentlich logisch. Keine Verlage, keine Galeristen, keine Kulturfunktionäre, keine Plattenfirmen oder andere Vertreter der Kulturindustrie, sondern: ausschließlich Künstler*innen!
Wer aber sind die von Frau Grütters und der staatlichen „Initiative Musik“ im Juli 2021 vorgestellten „25 Gründungsmitglieder“ dieser Akademie, die „25 Musikschaffende und Kreative“, die angeblich „den musikalischen Schaffensprozess in allen Facetten repräsentieren“?
Nun, bei großzügiger Betrachtung sind immerhin 14 der Auserwählten Musiker*innen: Die Bandbreite reicht von Herbert Grönemeyer bis zur in diesen Kontexten unvermeidlichen Balbina, von Shirin David bis Roland Kaiser. Dazu kommen 4 Musikproduzenten und Tontechniker, 3 Musikverleger, eine Managerin/Consultant sowie je nach Zählweise 2 oder 3 Kulturfunktionär:innen.
Mal abgesehen davon, dass die Presseerklärung der Initiative Musik offenlässt, wer diese Gründungsmitglieder überhaupt ausgewählt hat, und mit welcher Logik (Angepasstheit? Mittelmäßigkeit?) – aber sollten in einer Akademie, die, wie oben ausgeführt, ja seit jeher eine „Versammlung von Künstlern“ darstellt, tatsächlich Musikverleger und Musikproduzenten, also explizit Verwerter, sowie Kulturfunktionäre tätig sein, also lauter Leute, die alles andere als „Musikschaffende“ und „Kreative“ sind? Warum überaupt eine staatliche Gründung einer Staatsakademie für Staatspop? Warum nicht eine von den Künstler:innen – und ausschließlich von diesen! – selbst gegründete und geführte Akademie für Popmusik – die ja meinethalben irgendwann wie die renommierte Berliner Akademie der Künste auch staatlich subventioniert werden kann, jedenfalls dann, wenn sie ihre Relevanz bewiesen hat…
Hauptaufgabe der Akademie für Staatspop soll die Verleihung eines „Pop-Preises“ sein, der nicht mehr wie der von Anbeginn an überfglüssige und völlig zurecht krachend gescheiterte „Echo“ auf Verkaufszahlen, sondern auf Qualität basiert. „Ein Preis, der frei von kommerziellen Aspekten ausschließlich künstlerische Leistungen würdigt“, wie Frau Grütters betont hat. Für die Bewertung von künstlerischer Qualität bürgen Shirin David, Roland Kaiser, RIN oder eine Musicaldarstellerin und die Kulturfunktionäre, klar. Zu befürchten ist angesichts dieses Sammelsuriums des Mittelmaßes bei der Auswahl der Gründungsmitglieder leider erneut eine „gediegene Mutlosigkeit“ und der „Triumph des ethischen Schafsinns über den ästhetischen Scharfsinn“ („Süddeutsche Zeitung“).

 

13.09.2022

Popjournalisten, Spotify und Kriegsgerät

Die meisten deutschen Popjournalisten (hier kann man möglicherweise aufs Gendern verzichten) sind ausgewiesene Streaming-Hasser. Möglicherweise, weil die Demokratisierung von Musik durch die Streamingdienste (bei Spotify sind zum Beispiel über 80 Millionen Songs und Musikstücke einen Fingertipp entfernt und stehen jederzeit zur Verfügung – deutsche Popjournalist:innen nennen so etwas gerne „Monokultur“…) ihnen ihre geliebte Rolle als Gatekeeper zerstört hat.
Im letzten Winter waren die Pop-Enthüllungsjournalisten dann etwas ganz Großem auf der Spur: Ihr Lieblingsgegner Spotify als Teil der Rüstungsindustrie! Firmengründer Daniel Ek soll, so meldete der Popchef der „taz“, „100 Millionen Euro in die Münchner Deeptech-Firma Helsing stecken“, deren „drei Gründer es sich zum Ziel gemacht haben, militärische KI voranzubringen“. Und in seiner Verzweiflung ruft der Popmann von der „taz“ nach – Friedrich Kittler! Den er leider auch nicht verstanden hat: Der Philosoph, so behauptet der „taz“-Mann, „legte vor langer Zeit dar, dass in der Popmusik gebräuchliche Instrumente wie Synthesizer und Vocoder ‚Missbrauch von Heeresgerät‘“ seien.
Nun, Kittler sagte etwas anderes, nämlich: „Unterhaltungsindustrie ist in jedem Wortsinn Mißbrauch von Heeresgerät.“ (GFT 149) Ein bemerkenswerter und viel weitergehender Satz.
Jens Balzer, im Gegensatz zum „taz“-Pop-Mann einer der besten und wichtigsten Pop-Journalist:innen hierzulande, kommt in der „Zeit“ ohne Kittler aus, stößt aber ins nämliche Horn: „Immerhin weiß man, wohin das Geld geht, das der Konzerngründer Daniel Ek verdient: Er hat gerade erst über 100 Millionen Dollar in ein Start-up investiert, das künstliche Intelligenz für Militärtechnik entwickelt.“
Interessant ist dabei, dass Jens Balzer ja regelmäßig in Axel Springers „Rolling Stone“ schreibt, wo er auch eine feste Kolumne hat – und die Mehrheit am Axel Springer SE-Konzern hat im Jahr 2020 die Investmentgesellschaft KKR übernommen, ein über 4,2 Milliarden US-$ schwerer Private Equity-Konzern, der Vermögenswerte in Höhe von mehr als 230 Milliarden US-$ verwaltet und etwa in Medien investiert. In Deutschland zum Beispiel in das Marktforschungsinstitut GfK, in Günter Jauchs Produktionsgesellschaft i&u TV oder eben in Axel Springer SE. Außerdem ist KKR 2021 eine Allianz mit BMG zum Erwerb von Musikrechten eingegangen (wie praktisch, dass KKR sozusagen die ganze Verwertungskette bespielt: Man erwirbt Musikrechte, besitzt Medien, die diese Musik verbreiten, und man hat auch noch das Marktforschungsinstitut im Portfolio, das nicht nur die Einschaltquoten, sondern auch die „Offiziellen Deutschen Charts“ ermittelt).
Und: KKR ist natürlich auch im Rüstungsgeschäft tätig, zum Portfolio gehört Hensoldt, die Verteidigungselektronik-Sparte der Airbus Group.
Wenn man böswillig wäre oder so vereinfachen wollte, wie „taz“ und „Zeit“ das in Sachen Spotify tun, könnte man behaupten: Jens Balzer schreibt für einen Rüstungskonzern!
Jedenfalls: Die subkutane Botschaft, die in „taz“ und „Zeit“ verbreitet wird, lautet: Wer Spotify hört, hilft dem Militär, sorgt für Investitionen in Militärtechnik – an jedem auf Spotify gehörten Song klebt Blut!
Allerdings fragt man sich, ob diese Message nicht irgendwie schlecht gealtert ist – gerade die „taz“ tut sich ja in den letzten Monaten als Bellizismus-Blatt hervor, wie überhaupt weite Teile des deutschen Kriegs-Feuilletons. Plötzlich ist Militärtechnik wieder gefragt und etwas Gutes…

13.09.2022

Spotify, Spiegel, Daten, Werbung...

Ein recht informativer Artikel über „Spotify“ erschien letzten Monat im „Spiegel“. Markus Böhm und Patrick Stotz nahmen sich vor allem der Datensammelei des Streaming-Konzerns an.
„In der Geschichte der Menschheit gab es noch kein Audio-Unternehmen, das die Hörgewohnheiten von so vielen Menschen so detailliert erfasst hat“, berichten die Autoren. „In der Geschichte der Menschheit“, also seit 80.000 oder mehr Jahren – wow! Wenn man sich dagegen vor Augen führt, dass es die technische Reproduktion von Musik erst seit ungefähr hundert Jahren gibt, und die KI-getriebene Analyse von Hörgewohnheiten vielleicht seit gut zehn Jahren, relativiert sich das „noch nie in der Geschichte der Menschheit“ doch ein wenig…
Immerhin berichten die Autoren, dass Spotify über ein „beeindruckend gutes Empfehlungssystem“ verfügt, das natürlich „genug Ausgangsmaterial benötigt, um zum eigenen Geschmack passende neue Songs oder Mixe zu empfehlen“.
Allerdings sei die ganze Datensammelwut doch ein wenig viel – vor allem, weil Spotify so ein „Musikhören unter ständiger Beobachtung des Anbieters, der die gesammelten Daten für Charts, Empfehlungen, Abrechnungen und zum Aussteuern von Werbung nutzt“ bedeute. Wobei Spotify seinen Abonnent:innen ja gar keine Werbung einspielt…
Die „Spiegel“-Autoren kommen zu dem Schluss: „Musikstreaming ist nicht mehr dasselbe wie das Hören von Kassetten oder CDs.“ Ach.
Ich würde sagen, Zeitschriftenlesen im Netz ist auch nicht mehr dasselbe wie die „Spiegel“-Lektüre in den 70er oder 80er Jahren. Was der „Spiegel“ wohl mit all den Daten macht, die er so sammelt? Auf der Homepage wird den Nutzer:innen jedenfalls regelmäßig eine Zustimmung zur Datensammelei, zu Werbung und „üblichem Tracking“ abverlangt:
 

 
Die Kritiker der Elche…

 

13.09.2022

Superstars und Musikjournalist:innen

Musikpresse und Relevanz – der „Economist” beschreibt eine wichtige Facette des Superstar-Geschäfts, und wie Journalist:innen zu Teilen dieses Systems degradiert werden:
„Many superstars enjoy unquestioning critical veneration. This is driven by a number of factors—chief among them journalists’ fear of a social-media backlash. There is also the fact that the biggest stars rarely let their records go to reviewers before release, resulting in articles written on the fly, in which no one wants to be the person out of step.”
(The Economist)
Bei der Gelegenheit: Ich freue mich ja schon seit Monaten darüber, dass bei “Zeit Online” eine Art “Spex”-Schattenredaktion installiert wurde, mit einigen der besten Redakteur:innen der alten „Spex“, aber zudem kommen auch geschätzte Autor:innen aus dem „Spex“-Umfeld dort regelmäßig zu Wort.
Das Problem ist nur: „Zeit Online“ ist, wie viele ähnliche Formate, mittlerweile praktisch komplett hinter einer Abo-Schranke verschwunden. Es ist nicht etwa, wie häufig falsch behauptet wird, eine „Bezahl“schranke – denn man kann die einzelnen Artikel, die man lesen will, ja keinesfalls bezahlen, also einzeln kaufen – nein, den interessierten Leser:innen wird ein „Zeit“-Abo aufgedrängt, das erstens alles andere als preiswert und zweitens in weiten Teilen ja eher von fragwürdiger Qualität ist. Ich will da wahrlich niemanden kritisieren oder dissen – nur die Überlegung zu Protokoll geben, dass vieles, was in der alten „Spex“ – John Peel hab sie selig – so wunderbar und wichtig (und regelmäßig natürlich auch ärgerlich…) war, heute eben zum popkulturellen Beiwerk des Zentralorgans bildungsbürgerlicher Muffigkeit degradiert wurde. Was mehr über die scheißigen Zeiten aussagt als über die guten Autor:innen dort…

 

13.09.2022

Döpfner betet für Trump - und die Musikredakteur:innen?

Zusammenhanglos: Regelmäßig frage ich mich, wie die Redakteur:innen und Autor:innen in den Axel Springer-Musikmagazinen „Rolling Stone“ oder „Musikexpress“ eigentlich zu den Äußerungen ihrer „Chefs“ stehen, beziehungsweise wie sie damit zurechtkommen. Also mit dem neoliberalen Quatsch, den Ulf Poschardt so von sich gibt, oder dem reaktionären Mist, den der Axel Springer-Vorstandsvorsitzende Mathias Döpfner so äußert. Der, wie gerade herauskam, auffordert, für Donald Trump zu beten.

 

13.09.2022

Wie Fernsehen heute aussehen könnte...

Arne Willander hat im „Rolling Stone“ auf ein Fernsehen hingewiesen, das einmal mehr wollte und konnte als das, was uns ARDZDF heutzutage liefern, also den Einheits-Mischmasch aus ZDF-Fernsehgarten, Degeto-Kitschfilmchen und immer noch ein paar mehr Volksmusik- und Schlagershows:
Willander nämlich hat in der ZDF-Mediathek ein Gespräch entdeckt, das Günter Gaus mit Hannah Arendt für seine legendäre Reihe „Zur Person“ geführt hat – eine Reihe, die „das Beste ist, was jemals dialogisch im Fernsehen zu sehen war“, und dem ist höchstens noch das Wörtchen „mit“ hinzuzufügen, also „mit“ das Beste, was jemals… Denn es gab ähnliche Formate auch auf ARD oder in den Dritten – etwa das legendäre Gespräch mit Herbert Marcuse. All diese Sendungen geben uns Nachgeborenen ein Gefühl davon, wie Fernsehen jenseits der heutigen Plapperformate sein könnte – ruhige Gespräche, öffentliches Nachdenken, das Artikulieren von Gedanken. Wunderbar. Und ach, wie lange ist das her…
(LeniTV hat auf ihrem YouTube-Kanal übrigens einige derartige Gespräche online gestellt, u.a. mit Adorno, Anders, Chomsky, Dath…)

 

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