14.09.2020

Der Hl. Martin Seehofer und die Nächstenliebe

„Wir haben erreicht, daß sich zehn Länder an der Aufnahme von 400 unbegleiteten Jugendlichen beteiligen. Für uns wird das eine Größenordnung zwischen 100 und 150 Jugendlichen. Das ist ein konkretes Beispiel praktizierter Nächstenliebe.“
Horst Seehofer, Bundesinnenminister (CSU)

Nächstenliebe?
Genau, so kennen wir es ja auch aus der Legende vom Hl. Martin, dem Martin von Tours: Als der einem armen, unbekleideten Mann begegnete, hat der Hl. Martin bekanntlich nicht etwa seinen Mantel mit dem Schwert getrennt und die Hälfte dem Armen gegeben, sondern er hat von seinem Umhang einfach nur einen Knopf abgetrennt und dem Armen mit großer Geste und den Worten „das ist ein konkretes Beispiel christlicher Nächstenliebe“ überreicht.

 

14.09.2020

Fröhliche Cancel Culture

Interessant ja auch, daß das selbsterklärte und von der üblichen Feuilletondebatte als solches bestätigte „Opfer“ der sogenannten „Cancel Culture“ in der Folge nach ihrem abgesagten Hamburger Auftritt mit ellenlangen Interviews, Porträts und Rezensionen in praktisch allen, aber auch wirklich praktisch allen Feuilletons, Zeitschriften und Medien dieser Republik bedacht wurde. Hier zeigt sich ein ganz neues Verständnis von „Cancel Culture“…

 

09.09.2020

"Abgehört"-Rubrik auf "Spiegel Online": Verlag hat Budget gekürzt

Falls sich jemand wundern sollte, warum die gute, kluge und wichtige Rubrik „Abgehört" bei „Spiegel Online“ (weiß schon, das Internetdingens vom Spiegel heißt nicht mehr so…) jetzt so gekürzt erscheint und es nur noch ein Album der Woche und ein paar Kurzkritiken gibt statt vier ausführlicher und gut geschriebener Rezensionen: Die Redaktion hat das Budget für Gastautor*innen gestrichen, wie ich aus gut unterrichteten Kreisen erfahren habe.
Und so wird der Raum für Popkritik hierzulande immer kleiner, und das ist verdammt übel.

 

09.09.2020

Klaus Lemke über 50 Jahre Staatskino

„50 Jahre Staatskino ist gleich Hunderte von stark missbrauchsanfälligen Regisseuren plus ein paar Milliarden verschwendeter Steuergelder. Brav, banal, begütigend, frigide, käuflich und selber schuld. Staatsknete ist ein Tritt in die Kreativität jedes Regisseurs. Das ganze System ist am Arsch.“
Klaus Lemke, Regisseur (Jungle World, 13.8.2020)

08.08.2020

Authentischer Selbstliebe-Pop goes Majors

Thomas Winkler hat eine „Wilhelmine” für die „taz“ interviewt. Die Musikerin bekennt:
„Ja, ich mache Mainstream-Pop. Ich würde zwar eher sagen: Selbsterkundungs-Pop. Oder Selbstliebe-Pop.”
Sie sind auf jeden Fall bei einer großen Plattenfirma.
„Ja, und dafür habe ich mich bewusst entschieden. Ich bin auf die Plattenfirma zugegangen. Denn die Musik ist für mich kein Hobby. In meiner Idealvorstellung kann ich gut von der Musik leben, es groß machen und Konzerte spielen, zu denen auch tatsächlich Menschen kommen. Und ich habe mir überlegt, wie ich die meisten Menschen erreichen kann, wie ich eine Bühne bekomme, mir aber trotzdem treu bleiben kann – und deshalb habe ich beim Major angeklopft. (…)“
Warum hat die Plattenfirma Sie verpflichtet, was denken Sie?
(denkt lange nach) „Ich glaube, weil ich authentisch bin.“
OMG…
Wohlgemerkt, „Wilhelmine” ist in einem besetzten Haus in Kreuzberg aufgewachsen, bis sie mit ihren Eltern ins Wendland gezogen ist, um dort gegen das geplante Atomendlager zu protestieren. Eine Zeitlang studierte sie BWL, „um mich strukturierter zu fühlen”
Musikmachen in Zeiten des Neoliberalismus. Und alles, was einer jungen, in einem besetzten Haus und im Wendland aufgewachsenen Musikerin einfällt, die von ihrer Musik leben will, ist, einen Major-Vertrag zu ergattern? Weil sie dort „die meisten Menschen erreichen“ kann?!?
Ach, wie wahnsinnig authentisch sie doch ist, diese „Wilhelmine“ und ihr „Selbstliebe-Pop“…

 

08.08.2020

Lufthansa: Massenentlassungen & millionenfache Verzögerung bei Ticketerstattungen. Bundesregierung: "verärgert"...

Am 7.8. gab die Lufthansa, die in der Coronära 9 Milliarden Euro Staatshilfe erhalten hat, bekannt, dass sie Massenentlassungen plant. Einen Tag später stellt sich heraus, dass die Lufthansa ihren gesetzlichen Verpflichtungen, den Kunden Tickets für abgesagte Flüge zu erstatten, seit Monaten nicht nachkommt und aktuell noch 1,24 Millionen Erstattungsanträge unbearbeitet sind und entsprechend viele Menschen darauf warten, endlich ihr Geld zurück zu bekommen.
Und die Bundesregierung? Sie zeigt sich darüber „verärgert“. Wohlgemerkt just jene Bundesregierung, die es gelassen verschmäht hatte, für ihre 9 Mrd. € Staatshilfe eine angemessene Unternehmensbeteiligung zu erhalten – mit der sie nun die Geschäftspolitik der Lufthansa maßgeblich mitbestimmen könnte, statt sich darüber „verärgert“ zu zeigen…

08.08.2020

Wie es einmal fast zwei Frauen aufs Cover des „Rolling Stone" schafften...

„Wie es einmal fast zwei Frauen aufs Cover des ‚Rolling Stone‘ schafften“, lautet der auf allen Ebenen sehr lesenswerte Artikel von Stefan Niggemeier in „Übermedien“. Zwei Frauen, die Soulsängerin Joy Denalane und die Rockmusikerin Ilgen-Nur, wurden für die August-Ausgabe der deutschen Ausgabe des Fanzines (aktuelle verkaufte Auflage: ca. 12.000) interviewt (und, am Rande: das Interview ist verdammt gut und ebenfalls sehr lesenswert! Klasse, daß die Redaktion das so ins Blatt genommen hat, inklusive der substantiellen Kritik der Musikerinnen an den rassistischen und sexistischen Verhältnissen im Musikgeschäft und am „Rolling Stone“; Respekt dafür!).
Dann wurde eine große Fotosession mit den Musikerinnen gemacht, eigens auch fürs Cover. Aber dann, ja dann… kam etwas dazwischen. Etwas, womit niemand rechnen konnte. Nämlich der urplötzlich hereinschneiende 45. „Geburtstag“ des Bruce Springsteen-Albums „Born To Run“. Fünfundvierzig! Also das rundeste aller denkbaren runden Jubiläen! Klar, daß das gefeiert werden mußte. Nämlich mit einem Cover. So wie in den letzten zwei Jahren die Titelgeschichten im „Rolling Stone“ immer top-aktuell waren: 40 Jahre „Emotional Rescue“, 50 Jahre „Let It Be“, 40 Jahre „Black in Black“, 75 Jahre Eric Clapton, 50 Jahre Glamrock, 45 Jahre „Physical Graffiti“, 50 Jahre „Abbey Road“ undsoweiterundsofort, Niggemeier listet sie alle auf.
Nun ist es nicht gerade unüblich, daß Fanzines ihrem überschaubaren, aber spezialisierten Fankreis immer wieder just die Künstler auf dem Cover präsentieren, die sie ansprechen. Nur versteht sich der deutsche „Rolling Stone“, der bekanntlich seit Jahren im Axel Springer-Konzern erscheint, ja eher nicht als Fanzine, sondern als Musikmagazin. Wenn auch in der Realität eher als „Fachmagazin für Rock-Nostalgie“ (Niggemeier).
Eines allerdings kommt bei Niggemeier gar nicht zur Sprache: Nämlich, daß das Gros der Cover der Musikmagazine bekanntlich von der Musikindustrie gekauft wird. Man kann nur vermuten, daß die Musikindustrie auch in diesem Fall plötzlich mit einem (gar nicht mehr so großen, so sind die Zeiten…) Scheck gewedelt hat, und dann war die „redaktionelle“ Entscheidung, wer aufs Cover kommt, natürlich schnell klar: Nicht die „Zwei mit Haltung“ (RS-Chefredakteur Zabel), also die Musikerinnen ganz in rot, sondern eben: Der Boss! „Er wird von unseren Lesern sehr geschätzt, in schwierigen Zeiten hängt viel davon ab.“ (Zabel)

08.08.2020

Hasskampagnen vs. Meinungsfreiheit

Speaking of „Rolling Stone” und „Musikexpress”:
Die ebenfalls im Axel Springer-Konzern erscheinende Tageszeitung “Die Welt” beschäftigt den „Journalisten“ Rainer Meyer, der sich „Don Alphonso“ nennt und z.B. von der „taz“ als „Der Troll vom Tegernsee“ bezeichnet wird. Don Alphonso ist auf Hasskampagnen gegen progressive Menschen spezialisiert, „die dann von seinen rechtsextremen Followern bedroht werden“ („taz“), und zwar auf widerlichste Art und Weise.
Der Axel Springer-Konzern verteidigt seinen Autor: „Wer die Hasskampagnen kritisiert, stellt sich gegen die Meinungsfreiheit.“ „Welt“-Digitales-Chefredakteur Ulf Poschardt, gleichzeitig Herausgeber von „Rolling Stone“ und „Musikexpress“, verteidigt seinen Rechtsausleger Don Alphonso vehement.
Was mich nun interessieren würde: Wie stehen eigentlich andere Redakteure und Autoren im Axel Springer-Konzern dazu, dass ein „Kollege“ mit Rückendeckung von oben problematische Inhalte verbreitet und zusieht, wie seine rechtsextremen Follower andere Menschen massiv persönlich beleidigen und bedrohen? Was meinen die Redakteure von „Rolling Stone“ oder „Musikexpress“ dazu? Oder freie Autoren wie Jens Balzer oder Markus Schneider?
Just asking…

 

22.07.2020

Dylan größer als Brecht?

Willi Winkler in der SZ über das neue Album von Bob Dylan:
„Die einzige Konstante wie je: In mir habt ihr einen, auf den könnt ihr nicht bauen, oder wie Brecht es formuliert hätte, wenn er so gut wie Dylan gewesen wäre: ‚It ain't me, babe‘.“
Awcmon: Wenn Brecht „so gut wie Dylan gewesen wäre“ – really?!?
Bei allem gebotenem Respekt vor Bob Dylan wie auch vor Willi Winkler, dem wir viele schöne Artikel zu verdanken haben: geht’s bitte auch ne Nummer kleiner? Danke.

 

02.07.2020

Negerkuß und Zigeunerschnitzel im BRD-Altersheim

Rührende Szene im Seniorenwohnheim:
Bundestagsvizepräsident Kubicki (FDP) betont: „Ich sage weiter Negerkuß!“ Und er klopft mit dem Suppenlöffel auf den Tisch: „Und ich bleibe auch beim Zigeunerschnitzel.“
Ein paar Tische weiter, ganz rechtsaußen, freut sich Roland Tichy.
Und alle sind ganz begeistert von sich selbst und ihrem gewagten Tabubruch: Ringelkiez mit Anfassen im reaktionären Teil des bundesdeutschen Altersheims…
 

02.07.2020

Black Metal aus Saudi-Arabien

Also, eines steht schon mal fest:
Wenn ich Black Metal-Fan wäre, würde ich das gerade erschienene Album „Wala‘at“ der saudi-arabischen Band Al-Namrood noch mehr lieben als auch schon.

17.05.2020

Die peinlichste Person im politischen Berlin

Die vornehmste und bevorzugte Aufgabe von Minister*innen wie Frau Klöckner (CDU) und Herrn Scheuer (CSU) scheint das Kopf-an-Kopf-Rennen um die Trophäe der peinlichsten Person im politischen Berlin zu sein. Es ist wirklich schwierig, auszumachen, wer da gerade vorne liegt, sie lassen sich beide einiges einfallen, um die Spitzenposition abzusichern. Von der Ersatzbank schaut Frau Karliczek (CDU) zu und überlegt, wie sie am besten aufholen kann.
 

17.05.2020

Tagesbefehl des Bundesinnenministeriums

10.4.2020
Das Heereskommando Berlin gibt den Tagesbefehl aus… Oh, Verzeihung, es ist natürlich das Bundesinnenministerium von Horst Seehofer (CSU), das verlautbaren läßt:
„Die Durchhaltefähigkeit der Bevölkerung muß erhalten bleiben!“
(Quelle: „Tagesspiegel“)
 

09.04.2020

Ein offenes Wort dieser Agentur in Sachen COVID-19, Corona, Ungleichheit, Hilfe und Konzertbranche

Von Thomas Bernhard stammen die schönen Zeilen:

„…wir müssen alles absagen
in Zukunft alles absagen
verstehen Sie
wir sagen in Zukunft alles ab“

(aus „Der Ignorant und der Wahnsinnige“)

Hätte allerdings nicht gedacht, daß ich diese Zeilen mal in diesem Blog zitieren würde, auf einer Webseite also, die ja eigentlich dazu dient, Konzerte und Tourneen anzukündigen und vorzustellen.
Aber so sind die Zeiten…

Auch diese kleine Agentur hat die letzten Wochen hauptsächlich damit verbracht, bereits gebuchte und im Vorverkauf befindliche Tourneen abzusagen bzw. zu verschieben, und es ist so, wie sich alle leicht ausmalen können: Daran wird nichts verdient, man macht Zusatzarbeit, ohne irgendwelche Einkünfte zu haben, und das gilt für alle Beteiligten in diesem Spiel, von Konzertveranstalter*innen über all die freiberuflich Tätigen in der Konzertbranche (Stagehands, Roadies, Tourmanager, Techniker*innen, Busfahrer usw. usf.) bis hin zu den Musiker*innen.
Was das konkret bedeutet, und welche aktuellen Schlüsse zu ziehen sind, habe ich Mitte März (zu einer Zeit also, als viele sich noch geweigert haben, Konzertabsagen überhaupt zu erwägen) fürs TIP Magazin Berlin in einem Gastbeitrag beschrieben (bitte stören Sie sich nicht an einigen veralteten Aussagen und Halbsätzen, der Artikel wurde am 12.3. geschrieben…):

Jedenfalls:
Verschoben wurden und werden die Tourneen von

Van der Graaf Generator: von April auf September 2020
Daniel Kahn & Vanya Zhuk, „Bulat Blues“: von Mai 2020 auf Anfang 2021
Patti Smith & her Band: von Juni auf August 2020

Die Details und weitere Absagen finden Sie unter "Tourdaten".

Werden die Tourneen z.B. von Patti Smith im August oder von Van der Graaf Generator im September stattfinden? Ich weiß es nicht. Und ganz ehrlich: Die Chancen stehen bestenfalls bei 50 Prozent. Sicher ist derzeit nur so viel: Bis Juli wird es keine Tourneen, Konzerte und Festivals geben (daß immer noch einige Juni-Festivals nicht abgesagt wurden, hängt ausschließlich mit Haftungsfragen zusammen, die Veranstalter warten auf die Absagen der Behörden).
Für uns alle, die gesamte Konzertbranche wie die Fans, wäre es sehr hilfreich, wenn die zuständigen Behörden langfristig agieren und verbindliche Aussagen treffen würden. Die Vorbereitung von Tourneen und von Festivals zieht sich über etliche Monate, und wenn wir alle einigermaßen im Voraus Bescheid wüßten, könnten wir uns einen Teil der notwendigen Investitionen (von Wo*Manpower bis Werbung) sparen. Tourneen brauchen Vorlaufzeiten (und übrigens auch Reisefreiheit). Die österreichische Regierung hat diese Woche alle Veranstaltungen bis Ende Juni, die dänische sogar bis Ende August untersagt, weswegen auch das bedeutendste europäische Festival, Roskilde, abgesagt werden mußte. Die baden-württembergische Landesregierung hat immerhin bis zum 15.6. alle Veranstaltungen untersagt.
Bitte: Die Konzertbranche braucht Klarheit und Planungssicherheit!
Und niemand braucht einen Flickenteppich von Entscheidungen, Föderalismus hin oder her.
Verbindliche Aussagen mindestens drei Monate im Voraus!

Uns Musiker*innen, Veranstalter*innen und Kulturarbeiter*innen ist bewußt: Konzerte waren das erste, was unter- und abgesagt wurde. Und Konzerte und andere kulturelle Veranstaltungen werden das letzte sein, was wieder möglich sein wird.

Insofern betrifft der Lockdown die Kulturszene ganz besonders. Und die Ungleichheit, die allerorten herrscht, ist aktuell auch in der Konzertszene manifest: Daß Covid-19 und Corona alle gleich machen würde, ist eben grober Unfug. Sicher, Anna Netrebko kann ebenso wenig öffentlich singen wie die kleinen Songwriter*innen in Neukölln oder Giesing. Doch die Superstars verfügen anders als junge und unbekannte Musiker*innen über einen ausreichenden ökonomischen Background, um problemlos über die Runden zu kommen.
Nochmal zur Erinnerung: das durchschnittliche Jahreseinkommen von Musiker*innen in D betrug zum 1.1.2019 laut Künstlersozialkasse gerade einmal 14.628 Euro; das der weiblichen Musikerinnen betrug sogar nur 12.222 Euro, das der Musiker*innen unter 30 Jahren 13.398 Euro und das der weiblichen Musikerinnen unter 30 nur 12.191 Euro…
Während der Vorstandsvorsitzende von CTS Eventim, Klaus-Peter Schulenberg, Dollar-Milliardär ist und der CEO von Live Nation, Michael Rapino, über ein Jahreseinkommen von mehr als 70 Millionen US-$ verfügt, verdienen die zahlreichen, meist selbständigen Arbeiter*innen im Konzertbetrieb, also Stagehands, Securities, Roadies, Busfahrer usw., häufig gerade einmal Mindestlohn.
Die Ungleichheit setzt sich bei den Konzert- und Tourneeveranstaltern fort: CTS Eventim und Live Nation sind Aktiengesellschaften und verfügen über zig Millionen Rücklagen und sind außerdem im Milliardenbereich kreditwürdig (die langfristigen Verbindlichkeiten, „long-term debts“, von Live Nation beliefen sich laut Geschäftsbericht des Konzerns zum 31.12.2019 auf 3,31 Milliarden US-$!). Die Rücklagen der unabhängigen Tournee- und Konzertveranstalter dagegen sind gering und reichen für ein paar Monate, wenn überhaupt. Und Clubs und Kulturzentren, die von gestern auf heute schließen mußten, können kaum ein paar Wochen überleben. Und was passiert mit den Busfirmen, deren Nightliner oder Vans jetzt monatelang herumstehen?

Eigentlich vertrete ich ja die Ansicht: Gejammert wird nicht! Wir alle, die wir das unabhängige Konzertleben am Laufen halten, sind in der Regel mit Leidenschaft bei der Sache, und selbst die vielen unter uns, die hart am Prekariat entlang schrammen, wissen es doch zu schätzen, daß sie ein gegenüber Verkäufer*innen oder Arbeiter*innen privilegiertes und selbstbestimmtes Leben führen können. Doch in der aktuellen Situation gibt es einfach keine wirtschaftlichen Lösungen mehr. Es geht in der Konzertszene, und dort vor allem den kleinen und mittleren Firmen, Musiker*innen, Kulturarbeiter*innen, schlicht um die Existenz! Seit März keine Konzerte mehr, absehbar mindestens vier, wahrscheinlich sogar noch mehr Monate mit null Einnahmen – wie soll das gehen?

In dieser Situation benötigen wir tatsächlich Hilfe. Und zwar neben den vielen ehrenwerten solidarischen Initiativen eben auch staatliche Hilfe. In keinem anderen Bundesland wurde dem unabhängigen Kulturbetrieb so entschieden und so vehement geholfen wie im Land Berlin. Was Kultursenator Klaus Lederer und die R2G-Koalition dort geleistet haben, verdient allergrößten Respekt! In wenigen Tagen wurden 1,3 Milliarden Euro Soforthilfe mobilisiert und Hunderttausenden geholfen, vor allem den Solo-Selbständigen und kleinen Firmen im Kulturbereich mit weniger als 5 Mitarbeiter*innen, die vom Land Berlin binnen 3-4 Tagen eine Soforthilfe in Höhe von € 5.000 erhielten (dagegen Hessen z.B.: „bis zu € 1.000“, und das auch nur, wenn keine anderen Liquiditätshilfen wie Kredite oder Steuerstundungen zur Verfügung stehen). Hier hat sich gezeigt, daß für den so häufig gescholtenen Berliner Senat die Förderung unabhängiger Kultur nicht bloß eine Worthülse ist (und ja, auch ich habe das erste Mal in 32 Jahren ein wenig „Staatsknete“ beantragt und erhalten).

Von der Staatsministerin für Kultur und Medien, Monika Grütters (CDU), hört man in diesen Tagen viel – kaum ein Mikrophon, an dem sie vorbeigeht, kaum ein Feuilleton, in dem nicht ein langes Interview mit ihr erscheint. Aber in der Substanz? Null. Wurden die Besonderheiten der Kulturbranche bei der Konzeption von Nothilfen aufgrund der Corona-Epidemie berücksichtigt? Natürlich nicht. Gibt es einen Kultur-Soforthilfe-Fonds der Bundesregierung? Nein. Oh, fast hätte ichs vergessen: Frau Grütters hat ja die Schirmherrschaft über den Nothilfefonds der Deutschen Orchesterstiftung übernommen (und null Euro Bundesmittel dazu gegeben)…
In Zeiten der Krise erfährt man deutlich, wer handelt und auf wen sich Künstler*innen und Kulturarbeiter*innen verlassen können - und wer nuir schöne Worte und sich ansonsten einen schlanken Fuß macht.

Wir werden erleben, ob wir uns im August und September schon wieder bei Konzerten sehen können. Ich hoffe es wirklich sehr. Aber sollte das nicht der Fall sein, bleibt mir neben dem Appell an die Politik, die unabhängige Konzertszene nicht untergehen zu lassen, nur, mich dem Appell von vielen Künstler*innen und Veranstalter*innen anzuschließen, der dieser Tage anscheinend auch Regierungshandeln wird:
Es würde uns allen, die wir in dieser komischen, verrückten, nicht selten Piranha-haften, aber auch verdammt wunderbaren Konzertbranche tätig sind, sehr weiterhelfen, wenn Sie Ihre Tickets nicht zurückgeben würden, sofern Sie es sich leisten können, und wenn Sie stattdessen die Ersatztermine besuchen und/oder statt Erstattung der Konzertkarten Gutscheine für die künftigen Konzerte akzeptieren würden! Damit es diese Konzerte dann überhaupt noch geben wird, ob im August und September 2020, im Januar oder im Sommer 2021…

 

09.04.2020

COVID-19 und Corona. Ein Long Read mit ein paar öffentlichen Äußerungen

Ein „Long Read“ in Sachen COVID-19 und Corona:
Derzeit loben ja viele Menschen, die normalerweise mit Herrn Stoiber, Herrn Spahn oder der CDU/CSU wenig am Hut haben, die „Krisenkompetenz“ der Herren Spahn, Stoiber & Co. Das hat wahrscheinlich auch mit der unterschwelligen Sehnsucht der Deutschen zu tun, daß es in Krisenzeiten (und nicht nur dann…) starke Männer und Experten geben möge, die das Schiff sicher durch stürmische Meere steuern, „auf Sicht“. Ach, gäbe es doch den Kapitän, der…

Ich erlaube mir, an dieser Stelle Äußerungen und Verhalten von Gesundheitsminister Spahn, der Regierungsinstitution Robert-Koch-Institut und anderer Akteure aufzulisten, ohne jeden Anspruch auf Vollständigkeit:

Am 22.1.2020, also zu der Zeit, als China die Region Wuhan komplett abgeriegelt und 5 Millionen Menschen in Quarantäne geschickt hat (und das Auswärtige Amt das Risiko für deutsche Reisende in Wuhan als „moderat“ einschätzt…), beginnt das weltweit führende US-amerikanische Epidemiologie-Institut der John Hopkins-Universität seine internationale Zählung und warnt vor den weltweiten Gefahren durch den COVID-19-Virus.
Am selben Tag, dem 22.1.2020, teilt das Robert-Koch-Institut mit, man gehe nicht davon aus, daß sich dieser Virus außerhalb Chinas verbreiten werde (!). (Quelle: Telepolis 21.3.2020)
Entsprechend halten es die deutschen Gesundheitsbehörden noch wochenlang nicht für nötig, Einreisende aus China zu untersuchen.
Und ebenfalls am selben Tag, dem 22.1.2020, äußert sich Bundesgesundheitsminister Jens Spahn in der „Tagesschau“: „Wichtig ist, daß wir das richtig einordnen. An der Grippe sterben bis zu 20.000 Patienten pro Jahr, der Verlauf bei Corona ist deutlich milder.“
29.1.2020: „Gesundheitsminister Spahn ruft nach der ersten bestätigten Infektion in Deutschland zur Gelassenheit auf. Die Gefahr für die Gesundheit der Menschen in Deutschland durch die neue Atemwegsinfektion aus China sei nach derzeitiger Einschätzung gering. ‚Für übertriebene Sorge gibt es keinen Grund‘, sagte er.“ (Die Welt, 29.1.2020)

Am 30.1.2020 erklärt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Corona zum „internationalen Notfall“. Diese Info ist allerdings laut Professor Drosten „nicht so richtig durchgesickert“. (Maybrit Illner/ZDF, 19.3.2020) Jens Spahn warnt erneut vor „übertriebener Sorge“, Corona sei „nicht schlimmer als die Grippe“.

Am 5.2.2020 wendet sich Achim Theiler, Geschäftsführer des auf die Herstellung von Hygienebekleidung, Mundschutz und Atemschutzmasken für Krankenhäuser und Arztpraxen spezialisierten Buchloer Unternehmens Franz Mensch, an den Bundesgesundheitsminister und weist darauf hin, daß es „in Kürze zu bedenklichen Engpässen bei der Versorgung der Krankenhäuser mit Schutzmasken kommen“ werde.
Theiler teilt dem Bundesgesundheitsminister mit, daß seine Firma „aktuell ca. 1,5 Millionen Mundschutz und 200.000 Atemmasken für Krankenhäuser und Rettungsdienste zur Sicherung der allgemeinen Versorgung reserviert“ habe.
„Ich appelliere an Sie, unterschätzen Sie die Problematik dieses Virus nicht!“ Niemand reagiert. Der Minister schweigt. (Quelle: Der Spiegel 19.3.2020) Dazu wenige Wochen später: Gesundheitsminister Jens Spahn: „Wir sind gut vorbereitet.“ Man habe alles unter Kontrolle, und „selbst im Fall einer möglichen Epidemie gebe es ‚die Ausstattung, die wir brauchen‘.“
(Der Spiegel 19.3.2020)
Anmerkung, Stand 24.3.2020: Aktuell gibt es nicht einmal ausreichend Atemmasken für Pflegekräfte und medizinisches Personal in Krankenhäusern und Pflegeheimen.
Am 14.2.2020 äußert Prof. Dr. Clemens Wendtner, Chefarzt der Infektiologie und Tropenmedizin an der Klinik München-Schwabing: „Das Maskentragen in Deutschland, im öffentlichen Raum, das ist medizinisch nicht sinnvoll.“

Am 19.2.2020 stellt die WHO fest, daß Corona zehnmal gefährlicher als die Grippe ist. In Italien gibt es die ersten Toten, ganze Gemeinden werden abgeriegelt. Jens Spahn erläßt keine allgemeinen Reisebeschränkungen, sie seien „nicht verhältnismäßig“.

Am 20.2.2020 wünscht sich Bundesgesundheitsminister Spahn „mehr Mut bei Debatte um Krankenhausschließungen“, auch wenn die Debatte um Krankenhausschließungen „zu einem der emotionalsten Themen in der Kommunalpolitik gehören“. (aerzteblatt.de)

Am 26.2.2020 (Aschermittwoch) erklärt Jens Spahn, „jetzt ist die Epidemie ausgebrochen“. Vorher hat man keinen Anlaß gesehen, zum Beispiel Karneval abzusagen – „Karneval hatten wir auch schon wegen Hanau nicht abgesagt, dann konnten wir ihn ja schlecht wegen Corona absagen.“ (Die Anstalt/ZDF, 24.3.2020)

Statt die Situation der Pflegekräfte und medizinischen Fachkräfte zu verbessern und ihnen endlich ein vernünftiges Gehalt für ihre gesellschaftlich wertvolle Arbeit zu bezahlen, holt das deutsche Gesundheitssystem die dringend benötigten Fachkräfte aus ärmeren Teilen Europas:
In Deutschland arbeiten u.a. 14.000 medizinische Fachkräfte aus Bosnien, 8.000 aus Serbien und über 2.700 aus dem Kosovo. „Wir luchsen dem Balkan dort dringend benötigte Pflegekräfte ab, um den Betrieb in unseren Krankenhäusern aufrechtzuerhalten.“ (Claus von Wagner, Die Anstalt/ZDF, 24.3.2020)

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn am 1.3.2020: „Wir haben das Coronavirus vom ersten Tag an sehr ernst genommen.“ (Welt+)

„Jemanden 14 Tage zu kasernieren wegen einer Erkrankung, die verläuft wie ein Schnupfen, ist völlig unverhältnismäßig.“ (René Gottschalk, Leiter des Frankfurter Gesundheitsamts, 2.3.2020)

Erst am 17.3.2020 erlässt der Bundesgesundheitsminister Beschränkungen für Reisende, die aus Corona-Krisengebieten kommen.

Am 18.3.2020 beschwört Bundeskanzlerin Merkel in einer Fernsehansprache „gemeinsames solidarisches Handeln“ im Kampf gegen Corona. Am selben Tag setzt die Bundesregierung die humanitäre Aufnahme von Geflüchteten aus. Solidarität, die sie meinen…
(und Grünen-MdB Konstantin von Notz erklärt: „Man kann in dieser Krise einfach nur froh sein, eine Kanzlerin wie Andrea Merkel zu haben. Und in den kommenden Monaten sollte kein Parteibuch, sondern nur politische Ernsthaftigkeit, demokratische Verantwortung und gesellschaftliche Solidarität eine Rolle spielen“, während Georg Diez fragt: „Gibt es eigentlich noch abweichende Meinungen?“)

Das Landratsamt Garmisch-Partenkirchen hat dem thailändischen Monarchen Rama X. eine Ausnahmegenehmigung erteilt, damit er im Garmischer Hotel Sonnenbichl residieren kann, während alle anderen Hotels im ganzen Land geschlossen sind und keine Gäste aufnehmen dürfen. (Süddeutsche Zeitung, 24.3.2020)
„France has ordered more than one billion face masks, the vast majority from China, the country’s health minister said on Saturday, as the government scrambles to build up its supplies with the coronavirus outbreak showing no sign of easing.
Health Minister Olivier Veran said France was using 40 million face masks weekly as it battles the pandemic and currently has three weeks worth of supplies.“ (Reuters, 28.3.2020) 29.3.2020: Nach Einschätzung des Chefs des RKI, Lothar Wieler, droht in der Coronakrise auch das deutsche Gesundheitssystem an seine Grenzen zu geraten. „Wir müssen damit rechnen, dass die Kapazitäten nicht ausreichen, ganz klar.“ Und: „Wir können nicht ausschließen, dass wir hierzulande wie in Italien ebenfalls mehr Patienten als Beatmungsplätze haben.“ (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung)
1.4.2020: Der SPD-Gesundheitspolitiker und studierte Epidemiologe Karl Lauterbach erklärt bei Markus Lanz (ZDF), daß das Tragen von Atemschutzmasken wegen der Tröpfcheninfektion wichtiger ist als das Händewaschen, das nur gegen das wesentlich geringere Risiko einer Schmierinfektion hilft: „Wenn wir die Masken hätten und wenn angeleitet würde, wie man sie richtig trägt, wäre die Pflicht zum Tragen dieser Masken im öffentlichen Raum, etwa in Schulen oder im Supermarkt, sinnvoll." Allerdings gebe es leider nicht genug Atemschutzmasken, deswegen gelte: „Weil wir von denen derzeit nicht genug haben, wäre eine Pflicht für diese Masken falsch. Ich würde die Masken nur dem medizinischen Personal wegnehmen."
2.4.2020: Das Robert-Koch-Institut hat in der Coronakrise seine Einschätzung für das Tragen eines Mundschutzes geändert. Wenn Menschen - auch ohne Symptome - vorsorglich eine Maske tragen, könnte dies das Risiko einer Übertragung von Viren auf andere mindern, heißt es auf der Internetseite der Bundesbehörde. „Die Bundesregierung hat es versäumt, genügend Schutzmasken zu besorgen. Auch deshalb verweigert sie sich nun einer Tragepflicht für alle Bürger - obwohl dies eine Lockerung der Kontaktsperre ermöglichen könnte.“ (Spiegel, 3.4.2020)

6.4.2020. Das Bundesgesundheitsministerium teilt mit: „Um Patienten mit Covid19 und anderen schweren Krankheiten gut versorgen zu können, brauchen wir einen genauen Überblick über belegte und freie Intensivbetten. Mit einer Verordnung macht Jens Spahn die Meldung freier Intensivbetten zur Pflicht.“

 

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