Kommunales Ticketing! Und der "München Ticket"-Kerfuffle
Ticketing – die unendliche Geschichte, beziehungsweise das unendliche Fiasko.
Die Ticketingkonzerne machen weitgehend leistungslose Superprofite und erfinden immer neue Zusatzgebühren. Viele Musiker:innen treiben die Ticketpreise schamlos nach oben (denn den größten Teil der irrsinnig teuren Preise verantworten die Musiker:innen). Firmen – sowohl die „eigentlichen“ Ticketingkonzerne als auch die Secondary-Ticketing-Plattformen – verlangen zum Teil irrsinnige Preise für Tickets von ausverkauften Shows.
Und dann verlangen die Venues mittlerweile noch sogenannte „Facility Fees“, die sie in den Gebühren verstecken, die also von den Fans zu entrichten sind – obwohl die Veranstalter ja auch – meist durchaus hohe – Mieten für die Venues bezahlen. In Berlin sind es meines Wissens nur zwei größere (ab 1.000 Cap.) Venues, die (soll man sagen: bislang?) keine zusätzlichen „Facility Fees“ von den Fans verlangen; eines davon ist die Columbiahalle.
Es ist ein Elend. Alles also wie immer, nur schlimmer.
Höchste Zeit für ein „kommunales Ticketing“, wie ich es seit langem fordere: Im ersten Schritt übernehmen die Kommunen für ihre öffentlichen Einrichtungen (Konzertsäle, Theater, Opernhäuser, Museen) das Ticketing in eigener Hand, zu fairen Preisen. In Zusammenarbeit mit unabhängigen Ticketinganbietern können ohne Probleme Gebühren zwischen 1 und 3 Euro realisiert werden, inklusive aller Ticketingkosten (im Vergleich dazu: bei Konzerten mit einem Ticketpreis von 65 Euro betragen die Zusatzgebühren aktuell zwischen 12 und 15 Euro, plus heftigen Versand- oder sogenannten „Print at home“-Gebühren).
Was viele nicht wissen: Auch die meisten öffentlichen Kulturhäuser haben ihr Ticketing längst an die Ticketing-Großkonzerne ausgelagert. CTS Eventim betreibt zum Beispiel unter dem Titel „Eventim.Inhouse“ ein Ticketsystem, das in einer Vielzahl von öffentlichen Theatern, Konzerthäusern und Opern installiert ist. Warum machen die öffentlichen Kulturhäuser den Ticketing-Monopolisten noch reicher? Warum organisieren sie nicht ein eigenes unabhängiges Ticketing zu fairen Konditionen?
Ein derartiges kommunales Ticketing könnte, einmal etabliert, in einem weiteren Schritt auch unabhängigen Veranstalter:innen, Clubs und Venues zur Verfügung gestellt werden, die damit den Ticketing-Kraken entrinnen könnten – und vor allem würden die Fans deutlich geringere Gebühren bezahlen. Ein Akt der Fairness gegenüber allen Kulturinteressierten – und ein Akt, mit dem Tickets günstiger werden, was nicht zuletzt auch die kulturelle Teilhabe erleichtern würde.
Warum gehen die Kommunen das nicht an? Weil es so „praktisch“ ist, wenn externe Konzerne ihr Geschäft mit dem Ticketverkauf ihrer Kultureinrichtungen machen?
Nun gut, vielleicht haben sie auch Angst davor, sich zu verheben.
Ich denke an die Geschichte von „München Ticket“. Das war im Grunde seit Jahrzehnten eine Art Einrichtung des „kommunalen Ticketings“, das aber zunehmend schlecht lief. Vor allem, weil München Ticket laut Satzung „keine Karten für große, überregionale Veranstaltungen“ („SZ“) verkaufen durfte.
Wobei mich wundert, wie dennoch seit 2020 ein Zuschussbedarf von sage und schreibe 6,3 Millionen Euro entstehen konnte, der von der Stadt München zu tragen ist. Okay, das Verbot, Tickets für Großkonzerte zu verkaufen, hat sicher nicht geholfen. Aber dennoch bleibt der Ticketverkauf ja eine weitgehend risikolose Angelegenheit (anders als das Veranstalten von Konzerten) – wer damit ein Millionendefizit erzielt, muss einiges sehr falsch gemacht haben.
Nun will die Stadt München ihre Tochterfirma möglichst bis Jahresende verkaufen.
Soll ich Ihnen sagen, wer München Ticket kaufen wird? Nun ja, erfahren werden Sie das erst nach Vollzug, denn Geschäfte, die die Menschen betreffen, werden meistens hinter verschlossenen Türen verhandelt, und die Bürger:innen erfahren lediglich das Ergebnis.
Aber ich spoilere Ihnen schon jetzt: CTS Eventim wird München Ticket kaufen – wetten, dass?
So wird der Ticketing-Monopolist dann komplett über die Münchner und die oberbairischen Ticketkäufe wachen und sein Monopol noch weiter ausbauen – mit Hilfe der Stadt München.
Die übrigens, hört hört!, dem Käufer zusichert, ihn von der Auflage, keine Tickets für große, überregionale Veranstaltungen verkaufen zu dürfen, zu befreien.
Warum diese Befreiung nicht bereits für München Ticket realisiert wurde, solange die Tochterfirma noch der Stadt München gehört (weshalb München Ticket nicht so recht florieren konnte), bleibt ein Rätsel.
Vielleicht können die Münchner:innen und die örtliche Presse ja mal ihre Stadtregierung fragen, was das alles soll. Sie haben ja neuerdings einen patenten und kulturaffinen Oberbürgermeister…






