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Blog Archiv - Jahr %1
10.05.2026

Vinylpreisbremse

Der sehr geschätzte Kollege und Freund Maurice Summen hat in seinem Mai-Newsletter eine „Vinylpreisbremse“ gefordert. Weil, ihr wisst schon: Die ganzen Dinger werden ja aus Erdöl hergestellt, nicht zuletzt auch diese „speziellen Folien, auf denen die Vinylpressvorlage geschnitten wird, die leider nur noch von einer einzigen Firma in Japan hergestellt werden“.
Und weil die Straße von Hormus wohl noch eine ziemliche Weile blockiert bleiben dürfte, wird auch der Vinylpreis in den nächsten Wochen und Monaten massiv ansteigen. Also: Die Dinger werden noch teurer werden als sowieso schon.
 
Eigentlich eine gute Idee, diese Vinylpreisbremse, wenn, ja, wenn es nicht die Bundesregierung gäbe. Denn ich halte jede Wette: Wenn Kulturstaatsminister Weimer das Thema anfassen würde, käme da ungefähr das raus, was auch bei der Benzinpreisbremse passiert: Die Tankstellen dürfen ja bekanntlich nur noch einmal am Tag, um 12 Uhr, den Benzinpreis erhöhen. Das Ergebnis dieser an Weisheit kaum zu überbietenden Maßnahme der Bundesregierung: Der Benzinpreis ist jetzt noch teurer als zuvor, und die Konzerne fahren Rekordgewinne ein und machen noch mehr Profit als auch schon.
 
Wobei, Herr Weimer in seiner einzigartigen politischen Klugheit würde, sollte eine Vinylpreisbremse um 12 Uhr nicht funktionieren, sicher stante pede eine brillante Lösung anbieten und unmittelbar eine zweite Vinylpreisbremse um 12:30 Uhr nachschieben…
 

10.05.2026

Sogenannter Vinyl-Boom, bzw. "One thing that isn't booming is vinyl"

Apropos sogenannter Vinyl-Boom:
„One thing that isn’t booming, though, is vinyl“, schreibt der britische „The Guardian“ in einem Bericht über Indie-Labels und zitiert Insider, nämlich führende Vertreter:innen etablierter Indie-Firmen:
“You read that stream­ing is des­troy­ing the music industry and artists are strug­gling to make a liv­ing, but it’s 80% of our profit,” sagt zum Beispiel Bradley Zero vom Londoner Rhythm Section-Label in dem Artikel. “You can sell a record for £15 to £20, but you have to make at least 300 – and if you only sell 100, you’ve lost about two-and-a-half grand.”
 
Und Megan Jasper vom legendären Sub Pop-Label ergänzt, dass Sub Pop’s Vinyl-Verkäufe zwar “strong and stable” seien, schränkt aber ein: “It was a quarter of our rev­enue last year, but we’re not see­ing it grow. Con­ver­sa­tions are now about whether vinyl makes sense, so we don’t do it for every artist.”
 
Und beim Label Melodic aus Manchester (WH Lung, the Sound­car­ri­ers, Straw­berry Guy) summieren sich die Anteile der Einnahmen aus dem Streaming auf 82%, während der Anteil von physischen Produkten (also LPs und CDs) gerade einmal 5.5% ausmacht.
 
Aber klar, es kann nicht sein, was nicht sein darf: Die Narration „Streaming ist der Feind, Streaming ist böse, Streaming killt die Musikindustrie“ wird unbeirrt aufrechterhalten…
 

10.05.2026

30 Jahre mit Tortoise - vom Loft Berlin zum Theatro Circo Braga

Am 8.April begann der zweite Teil der dreiteiligen Europa-Tournee von Tortoise mit einem ausverkauften Zusatzkonzert in Berlin.
Und das war fast taggenau 30 Jahre nach dem ersten (Headliner) Berlin-Konzert von Tortoise, das am 9.4.1996 im Loft stattfand. 
Hier der damalige Flyer:


Tolle Tour, mit The Sea & Cake und Trans Am! Und präsentiert von Spex und dem WOM Journal – gibt’s beide schon lange nicht mehr, und auch das „Loft“ ist als Venue längst Geschichte… Those were the days.

Übrigens haben Musiker:innen meiner Agentur damals drei Konzerte im Loft-Programm bestritten: Ol‘ Dirty Bastard wars leider nicht, Zwinkersmiley, aber Penelope Houston und Lambchop. Fond memories.

Und hier noch Schnappschüsse vom (ausverkauften) Tortoise-Konzert am 19.4.2026 im legendären Theatro Circo in Braga, Portugal.


 

10.05.2026

China zieht am deutschen Musikmarkt vorbei! Und Superprofite in Mexiko...

Wenn das Vereinsblättchen der deutschen Musikindustrie, die „Musikwoche“, über den alljährlichen „Global Music Report“ des IFPI-Dachverbands schreibt, dann ist jedes Mal vom „Musikmarkt“ die Rede; gemeint ist die Plattenindustrie. Allerdings fällt der seit etlichen Jahren wesentlich größere Teil des „Musikmarkts“, nämlich die „Live-Industrie“, dabei völlig unter den Tisch, ganz so, als ob sie nicht existieren würde.
 
Die seriöse Berichterstattung, etwa von „Music Business Worldwide“, schreibt dagegen korrekt von der „Global Recorded Music“, denn genau davon handelt der Bericht der IFPI, der Organisation, die die weltweite Tonträger-Industrie vertritt.
 
Wichtigste Fakten der englischsprachigen Berichterstattung: Die Tonträgerindustrie setzt weltweit 31,7 Milliarden US-$ um. Und mittlerweile gibt es 837 Millionen Menschen, die ein bezahltes Abonnement eines Musik-Streamingdiensts halten.
 
Wichtigster Fakt der deutschen Berichterstattung: „China zieht am deutschen Musikmarkt vorbei“! China „verdrängte dank starker Zuwächse Deutschland vom vierten Platz“ (Musikwoche.de). 
Das ist natürlich bitter und beweist den unaufhaltbaren Abstieg Deutschlands.
 
Interessant ist jedoch auch der Aufstieg der „Recorded Music“ in Ländern wie Brasilien und Mexiko auf den Plätzen 8 und 10, der mit dem Aufstieg des Live-Markts in diesen Ländern einhergeht.
Live Nation-CEO Michael Rapino hatte bereits vor einigen Monaten anlässlich der Erhöhung der Live Nation-Anteile am größten mexikanischen Konzertveranstalter OCESA auf nunmehr 75 Prozent darauf verwiesen, dass Mexiko „mittlerweile der drittgrößte Musikmarkt in der Welt“ sei, womit Rapino wiederum den Konzert- und nicht den gesamten Musikmarkt gemeint haben dürfte. Seit 2019 haben sich die Zahlen der Konzertbesucher:innen in Mexiko verdreifacht. Angetrieben wird diese Entwicklung vor allem durch die Auftritte von Superstars in den Stadien. Dabei werden auch in Mexiko extrem hohe Eintrittspreise aufgerufen.
 
Mexikanische Musiker:innen berichteten mir letzten Sommer, dass diese Ticketpreise von vielen Fans nur durch das Aufnehmen von Krediten zu bezahlen seien. Das durchschnittliche monatliche Einkommen beträgt in Mexiko laut OECD 989 Euro (in D: 4.241 €). Das mexikanische Wirtschaftsministerium nannte letztes Jahr einen Monatslohn von 418 US-$ für angelernte Fachkräfte. 
Die Ticketpreise für die Stadionkonzerte von Superstars in Mexiko lagen im Jahr 2025 zwischen 55 und 560 Euro. Shakira spielte 2025 allein in der Hauptstadt Mexiko City zwölf ausverkaufte Konzerte mit insgesamt 845.000 Zuschauer:innen.
Bad Bunny spielte im Dezember 2025 acht ausverkaufte Konzerte im Estadio GNP Seguros. Diese Shows generierten einen Umsatz von 86,7 Millionen US-Dollar – die zweithöchste Einnahme einer Konzertserie an einem einzigen Veranstaltungsort weltweit in 2025, nur getoppt von den zehn Coldplay-Shows im Londoner Wembley Stadium.
Ratet mal, welcher Konzern all diese Stadion-Konzerte veranstaltet hat…
 
Tolle Superstar-Geschäfte in Mexiko, mit Superprofiten für Musiker:innen und Entertainment-Konzerne – dummerweise auf dem Rücken der Fans, die sich zum Teil sogar überschulden, um die hohen Ticketpreise bezahlen zu können…
 

10.05.2026

BlackRock-Chef sorgt sich um Ungleichheit

Sehr hübsch, wie sich ausgerechnet Larry Fink, der CEO von BlackRock, plötzlich um die Ungleichheit der weltweiten Vermögen sorgt – verursacht nicht etwa von Kapitalorganisatoren wie seinem BlackRock-Konzern, der mit über 12 Billionen Dollar an verwaltetem Vermögen der weltgrößte „Vermögensverwalter“ ist, an allen DAX-Konzernen beteiligt ist und mit seinen „iShares“ auf einen  weltweiten Anteil von gut 37% an allen börsennotierten Fonds (ETFs) kommt. 
Aber nein, nun soll es ausgerechnet die AI, die künstliche Intelligenz sein, die für globale Ungleichheit sorgt, wie er laut „Financial Times“ im Brief an seine Anleger jammert:  KI könnte Fink zufolge „die Vermögensungleichheit verschärfen, wenn Einzelpersonen keine Möglichkeit haben, an ihrem Aufstieg teilzuhaben“, und ein wachsender Teil der Menschen könne das Gefühl haben, „dass der Kapitalismus nicht für genügend Menschen funktioniert“.  “The massive wealth created over the past several generations flowed mostly to people who already owned financial assets. AI threatens to repeat that pattern at an even larger scale.”
 
Wir sind gerührt und danken Larry Fink für seine Anteilnahme und seinen Sinn für soziale Gerechtigkeit. Hoffentlich funktioniert der Kapitalismus weiter!
 
(BlackRock ist übrigens laut „MarketScreener“ aktuell der fünftgrößte Anteilseigner von Live Nation. Man kämpft eben tapfer auf allen Ebenen für Gleichheit.)
 

10.05.2026

Sozialticket, Alben zum Soli-Preis und kulturelle Teilhabe

Wie wäre es denn, wenn Musiker:innen und Tournee- und örtliche Veranstalter über neue Wege nachdenken würden, um auch Menschen mit geringerem Einkommen Konzertbesuche und mithin kulturelle Teilhabe zu ermöglichen?
Die Ärzte zum Beispiel bieten ja für einige Konzerte ein Sozialticket an. Berliner:innen, die Bürgergeld beziehen, Wohngeld bekommen oder die Grundsicherung im Alter erhalten, konnten für die Großkonzerten der Band 2024 auf dem Tempelhofer Feld Tickets für 19,90 Euro erwerben. Top Aktion!
Natürlich ist das schwer zu organisieren und mit beträchtlichem Aufwand verbunden. Können sich die Ärzte sicher einfacher leisten als kleinere Bands und Veranstalter:innen.
 
Eine tolle Idee hat auch der Münchner Musiker, Vogelstimmen-Experte und Labelbetreiber Mathias Götz: Das neue Album „Radical Hope“ der Band Le Millipede hat drei unterschiedliche Preise: 25 € regulär, 15 € ermäßigt („wenn es gerade finanziell eng ist“), und > 25 € Support-Preis („wenn ihr das Projekt zusätzlich fördern möchtet“).
 
In seinem Rundbrief schreibt Mathias Götz:
„Mir ist wichtig, dass Musik für alle zugänglich bleibt — dieses Modell soll das ermöglichen und gleichzeitig helfen, die entstehenden Kosten zu tragen.“
Und: „Dieses Projekt ist mehr als Musik für mich: Es ist die Hoffnung, etwas Nachhaltiges aufzubauen — ein Label, das Raum für Haltung lässt. Wenn der Start klappt, möchten wir regelmäßig neue Veröffentlichungen ermöglichen.“
 
Bravo!
In Zeiten, da LPs gerne zu astronomischen Preisen angeboten werden (und zusätzlich mit unfairen Versandkosten), ist das ein Weg, der Musiker:innen und Fans helfen kann.
 

10.05.2026

Deutsche Staatspop-Künstler:innen & Popfunktionär:innen hatten viel Spaß in Austin

Die Initiative Musik und ihre Mitstreiter:innen sowie die von ihnen finanzierten Musiker:innen hatten eine tolle Zeit auf der SXSW in Austin, wie das skurrile Werbefilmchen belegt, das die Initiative ins Netz gestellt hat. Da wimmelt es nur so von Weisheiten der Marke Binsen, etwa „Innovation entsteht, wenn Kreativität auf Technologie trifft“. Und Katja Lucker, Deutschlands oberste Pop-Funktionärin, weiß: „Es hat wirklich funktioniert. Es ist aufgegangen. Es war vielleicht das beste GERMAN HAUS, das wir je hatten.“ Also alles supertrouper!
 
Garniert wird dieses Nation-Branding-Marketing durch fröhlich durch die Gegend hüpfende Menschen, paar Wolkenkratzer, Leute, die auf der Bühne einen Karton mit der Aufschrift „The Future“ öffnen und Staatspop-Musiker:innen, die das aufsagen, was von ihnen erwartet wird: „Es ist ein großes Privileg, so unterstützt zu werden“ oder „Eine der Künstlerinnen zu sein, die deutsche Kultur und deutsche Musik diesem sehr internationalen Publikum hier präsentieren darf.“
Alle hatten eine ganz, ganz tolle Zeit – während draußen Migrant:innen von ICE-Agenten gejagt wurden, während die USA Krieg im Iran führen und Hunderte von obdachlosen Fentanyl-Opfern auf Austins Straßen liegen.
 
Die Initiative Musik und ihre Austiner „happy few“ (Shakespeare) kommen einem wie die bekannten drei Affen aus dem japanischen Sprichwort vor: „Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen.“ Nur kommt hier ein vierter Affe hinzu, der – mit geschlossenen Augen, mit Kopfhörern, die alle störenden Geräusche abhalten, und mit zugebundenem Mund (bloß nichts Kritisches sagen!) – wild auf der German Haus-Party tanzt. Alles so schön bunt hier!

 

10.05.2026

Italien Fußballmannschaft bleibt stabil und boykottiert die WM in den USA

Stabil dagegen die italienische Fußball-Nationalmannschaft, die konsequent zum dritten Mal in Folge eine Fußball-Weltmeisterschaft in einem Land boykottiert, in dem eine autoritäre Regierung herrscht und wo permanent Menschenrechtsverletzungen begangen werden: 
Nach Rußland 2018, Katar 2022 hat sich Italiens Team auch 2026 geweigert, an der WM in den USA teilzunehmen.
Vorbildhaft!
 

10.05.2026

1 Weimer

Und was ist bitte „1 Weimer“?
Ich würde sagen: Die Wegstrecke von einem Fettnäpfchen ins nächste…
 

10.05.2026

Ein Pixi-Buch sorgt für Ordnung

Lotta und Amir dagegen sorgen für Ordnung. Nämlich in einem Pixi-„Buch“, das in einer Auflage von 30.000 Stück von verschiedenen Ordnungsämtern an Kinder verteilt wurde.
 

10.05.2026

Die "dahinsiechende Musikindustrie" und ihr Preisverleihungs-Fetisch

Ich weiß ja wirklich nicht, welchen Fetisch weite Teile der deutschen Musikindustrie mit ihren Preisverleihungen haben.
War doch eigentlich gut, dass der dämliche Echo vor Jahren so krachend gescheitert ist. Doch seitdem gibt es ständig neue Initiativen, verschiedenste Musikpreise samt üppig aufgebrezelten Verleihungszeremonien zu veranstalten. Teilweise wurden dafür sogar eigens Vereine gegründet – die Deutschen sind und bleiben eben Vereinsmeier. Beziehungsweise Vereinsmeierinnen.
 
Und so polytont, opust oder popkulturt die „Szene“ vor sich hin und verleiht ihre Preise bevorzugt an die immergleichen Musiker:innen, deren Plattenfirmen danach stolz verkünden können, wie viele ihrer Künstler:innen wieder einen Pokal nach Hause tragen durften. Immer wieder gelingt es, Stadtoberen einzureden, dass diese Preise von allergrößter Wichtigkeit sind und ein Aushängeschild für die Ausrichterstadt werden – während ihre Relevanz noch von jeder regionalen Preisverleihung für die besten Brotsorten oder die großartigsten Kaninchenzüchter getoppt wird. Top-Rammler allerorten.
 
Oder, wie Patrick Wagner von der Band Gewalt berichtet:
„Dieser Teil der Tour endet mit einem bizarren 1-Song-Auftritt zur Eröffnung des Preises für Popkultur in Düsseldorf. Wir spielen "Trans", das auch als bestes Video nominiert ist (und nicht gewinnt). 600 hundert sitzende Menschen aus der dahinsiechenden Musikindustrie starren regungslos into the void. Der gesamte Abend soll dann nicht einen Moment an interessanter Musik liefern, sieht man vom Preis fürs Lebenswerk für "Ideal" ab.“
 
Es geht den Akteur:innen dieser „dahinsiechenden Musikindustrie“ um den eigenen Bauchnabel. Um die eigene Suppe, in der man mehr oder weniger herumzappelt. Um Auto-Referentialität. „Scheiß-Autoreferentialität“ war der Titel einer 1994 im „kultur arbeiter verlag“ erschienenen EP der Gruppe Corazón. Das Cover war bis ins letzte Detail an die Suhrkamp-Wissenschaft-Reihe angelehnt. 

Diedrich Diederichsen hatte in der „Spex“ auf diese Veröffentlichung aufmerksam gemacht.
Und ich würde mich auch heute noch, gut 32 Jahre nach Erscheinen, auf den Küchentisch von sagen wir Andreas, Heinz-Rudolf oder Herbert stellen und behaupten, dass Corazóns „Scheiß-Autoreferentialität“ mit den im Reggae-Sinn „Versions“ von Songs des Oktoberklubs, von Ton Steine Scherben, Malaria und der Flowerpornoes eine der besten deutschsprachigen Pop-Veröffentlichungen aller Zeiten ist. Wort!
 

06.04.2026

Der Neofeudalismus der staatlichen Kulturpreise vs. strukturelle, langfristige Kulturförderung

Unsereiner würde sich ja gerne mit vielen anderen Themen beschäftigen, aber man kommt gerade von der Kulturpolitik nicht los. 
„Windbeutel“ („FAZ“) Weimer sei Undank.
 
Jetzt also die Malaise rund um den Buchhandlungspreis. 
 
Da lässt der Kulturstaatsminister Buchhandlungen, die von einer unabhängigen und renommierten Jury einen staatlichen (und durchaus leider keinen stattlichen) Preis erhalten sollen, heimlich vom Verfassungsschutz überprüfen. Und über drei Buchhandlungen (darunter zwei, die sogar zu den fünf „besonders herausragenden Buchhandlungen“ gehörten) lagen „verfassungsschutzrelevante Informationen“ vor, weswegen sie vom Kulturstaatsminister kurzerhand ausgesondert und von der Liste der Jury gestrichen wurden.
 
Und dann belügt das BKM diese drei Buchhandlungen aus Berlin, Bremen und Göttingen in den Absageschreiben sogar noch, indem ihnen „leider“ mitgeteilt wird, „dass Sie von der unabhängigen Jury nicht für eine Auszeichnung ausgewählt wurden“.
 
Vom konkreten Inhalt der „verfassungsschutzrelevanten Informationen“ will Weimer nichts gewusst haben - was war da also los in den drei Buchläden? Wurden dort Bomben gebaut? Wurde zum Umsturz aufgerufen? Haben die Buchhändler:innen Werke von Marx, Lenin und Rosa Luxemburg verkauft? Den Song „Deutschland muss sterben, damit wir leben können“ mit seinem Refrain „Deutschland verrecke“ der Band Slime mitgesummt? Heimlich die „Internationale“ gepfiffen?
 
Wenn es nicht so irre und so trostlos wäre, könnte man drüber lachen.
Aber dahinter steckt halt leider System. 
Im Statement der kulturpolitischen Sprecherin der Unionsfraktion im Bundestag, Ottilie Klein, auf „X“ werden aus nicht näher bezeichneten, angeblichen „verfassungsschutzrelevanten Informationen“ kurzerhand „verfassungsfeindliche Institutionen“:

Laut Recherchen der „SZ“ wirbt „das Bundesinnenministerium unter Alexander Dobrindt (CSU) bei Ministerien und auch Behörden des Bundes dafür, es Wolfram Weimer gleichzutun. Die Rede ist von einem flächendeckenden Vorgehen: Staatliche Stellen, heißt es, müssten sicherstellen, dass Fördergeld nicht an Extremisten fließt. Personen oder Gruppen, über die dem Verfassungsschutz relevante Erkenntnisse vorliegen, sollte kein Geld gewährt werden.“ 
 
Es soll demnach eine Art Regelanfrage beim Verfassungsschutz geben: „Behörden müssten dann eigentlich bei jedem Antrag den Verfassungsschutz konsultieren, bevor sie Fördergeld an Bürgerinnen und Bürger herausgeben, in welcher Form auch immer.“
 
Auch Claudia Roth (Grüne), Weimers Amtsvorgängerin, soll sich laut „SZ“ in der Vorbereitung des Buchhandlungspreises einmal beim Verfassungsschutz abgesichert haben. Allerdings scheint die "SZ" in diesem Fall schlecht recherchiert zu haben. Claudia Roth stellte dazu jedenfalls laut "dpa" klar:

„Wenn Wolfram Weimer nun so tut, als hätte ich in meiner Amtszeit ähnlich gehandelt wie er jetzt beim Deutschen Buchhandlungspreis, ist das ein Vergleich von Äpfeln mit Birnen – und der Versuch, sich reinzuwaschen, statt Verantwortung zu übernehmen“, teilte Roth mit. In einem Fall sei es damals um die nachträgliche Prüfung eines Fördervorgangs aus der Amtszeit ihrer Vorgängerin gegangen. Es habe der Verdacht im Raum gestanden, dass eine „bereits erschienene Publikation eines rechtsextremen Verlags gefördert worden sein könnte“, obwohl die Verlage ausdrücklich zugesichert hätten, keine verfassungsfeindlichen Inhalte zu produzieren. Deshalb sei im Nachhinein geprüft worden, ob gegen Förderbedingungen verstoßen worden sei und Fördermittel zurückgefordert werden könnten.
„Das hat mit dem jetzigen Vorgehen meines Nachfolgers nichts zu tun, der eine unabhängige Juryentscheidung beim Deutschen Buchhandlungspreis politisch übergangen hat“, teilte Roth mit. 

Jedenfalls: Die Rechtsgrundlage für dieses Verfahren gilt unter Verfassungsrechtlern als äußerst zweifelhaft. Aber die Bundesregierung setzt offensichtlich weiter darauf, ihre politischen Ziele systematisch mit den Mitteln des Geheimdiensts zu verfolgen.
In der großen Diskussion um den Buchhandelspreis geht allerdings ein Aspekt völlig unter, dem meiner Meinung nach eine große Bedeutung zukommt: Nämlich der neofeudale Charakter der Kulturauszeichnungen an sich.
 
Wir kennen das ja zu Genüge von den staatlichen Auszeichnungen in der Popkultur: Da gibt es den „Applaus-Award“ der Initiative Musik, mit dem der Kulturstaatsminister „herausragende Livemusikprogramme sowie das besondere Engagement von Clubbetreiber:innen und Veranstalter:innen“ würdigt. 
Im Jahr 2025 wurden 88 derartige Auszeichnungen mit einem Gesamtpreisgeld von rund 1,7 Mio. Euro vergeben. Dazu gibt es eine eigens organisierte und mit nicht geringen BKM-Mitteln finanzierte Veranstaltung, auf der sich der Staatsminister als großzügiger Förderer der Live-Kultur präsentieren kann.
 
Während die Clubs, Venues und Veranstalter:innen nach wie vor vergebens auf eine grundsätzliche strukturelle Förderung warten, ja, bisher nicht einmal als Kulturorte im Baurecht anerkannt wurden, sondern nur als Kulturorte zweiter Klasse.
 
Da gibt es eine Förderung für „ausgewählte Musikprojekte aus den Bereichen Pop, Jazz, Indie sowie weiteren Genres“ - in der jüngsten Förderrunde wurden 54 der 97 Projekte, also die Mehrheit der Musiker:innen, „ohne Partnerunternehmen“ unterstützt - diese Musikprojekte haben also nicht einmal eine Plattenfirma oder einen Tourneeveranstalter. Naiv zu glauben, das wären alles DIY-Projekte mit großer Zukunftsperspektive im Underground jenseits der Musikindustrie. Realistischer ist es wohl, dass die Initiative Musik hier mit Staatsknete die Hobbys von Musiker:innen finanziert - „Mit der Förderung will ich mein Debütalbum veröffentlichen und musikalisch wie visuell den nächsten Schritt gehen“, lässt man einen Musiker verlauten. Wie schön - „musikalisch und visuell den nächsten Schritt gehen“, und wir alle dürfen das finanzieren…
 
Den Strukturen der Popkultur wird kontinuierlich die Unterstützung verweigert, stattdessen bekommen paar Clubs Almosen. 
Die soziale Absicherung von Musiker:innen wird von der Politik ignoriert, stattdessen erhalten einige ausgewählte Musiker:innen (abgenickt vom Verfassungsschutz?) kleine Förderbeträge. 
 
Aber eine strukturelle Kulturförderung verlangt Knowhow (kann man von Herrn Weimer natürlich nicht erwarten), eine langfristige Perspektive und den unbedingten Willen, die Akteure der Kultur abzusichern - und das sind neben Institutionen wie Clubs, Venues, unabhängigen Veranstalter:innen, Buchhandlungen oder Galerien auch die etwa 2 Millionen Kulturarbeiter:innen hierzulande, die weitgehend ohne soziale Absicherung und zum Großteil als Selbständige prekär oder in Kleinstunternehmen arbeiten und die auf eine Art Kulturexistenzgeld vergebens hoffen.
 
Den Buchhandlungen wie den anderen Kulturorten würde ein gesetzlicher Kulturraumschutz helfen: Eine Absicherung der Orte als solcher. 
Alle Kulturorte, gleich ob Club, Venue, Kulturzentrum, Buchhandlung oder Galerie, müssen erhalten bleiben. Kündigungen seitens der Vermieter ohne wirkliche Begründung (z.B. Nichtzahlung der Miete) dürfen nicht erlaubt werden. Darüber hinaus muss es auch eine Art wirtschaftlichen Schutz für die Kulturorte geben (Vorschlag: Mieterhöhungen maximal in der Größenordnung der Inflationsrate).
Eines der größten Probleme der meisten Kulturorte sind die drastisch überhöhten Mieten, die Hand in Hand mit zeitlich begrenzten Mietverträgen eine langfristige Arbeit der Kulturorte verhindern. Es schwebt ein permanentes Damoklesschwert über den Kulturorten, zusätzlich erschwert durch die von staatlicher und kommunaler Politik vorangetriebene und unterstützte Gentrifizierung.
 
Die geringen Förderungen durch Preisgelder für Clubs, Venues, Buchhandlungen und andere Kulturorte sind keine Kulturförderung, sondern faktisch eine Immobilienförderung: Mit den paar tausend Euros können die Kulturorte - wenn überhaupt - gerade einmal die aktuellen Mietsteigerungen abfedern. Die staatlichen Preisgelder landen letztlich in den Kassen der Immobilienbesitzer (häufig sind das Immobilienkonzerne).
 
Klar, das alles würde Arbeit machen. Da kann man sich nicht alljährlich bei aufwendigen Preisverleihungen und Zeremonien als Kulturförderer feiern lassen, sondern da müsste man seinen Job machen. Stattdessen, seit Jahr und Tag und vom aktuellen Kulturstaatsminister noch verstärkt: strukturelle legislatorische Faulheit.
 
Statt wirklicher und wirksamer Kulturpolitik erleben wir barocke, neofeudale Preisverleihungen, die wenig Arbeit machen und den schönen Nebeneffekt haben, dass das Staatsministerium samt Minister und Kulturfunktionär:innen öffentlichkeitswirksame Auftritte absolvieren können. 
 
Solange sich die Kulturpolitik in neofeudalen Preisverleihungen erschöpft, dürfen wir uns nicht wundern, dass diese misslungene Kulturförderung von einschlägigen Kultursparminister:innen und von überforderten Amtsträgern mit einer reaktionären Agenda missbraucht wird. Es sind die Strukturen, die zu ihrem Missbrauch einladen. Es sind die neofeudalen Strukturen einer sich in Preisverleihungen ergehenden Kulturfördermaschinerie, die die Weimerschen Machtgesten erst ermöglichen.
 

06.04.2026

Popgipfelchen im Kanzleramt

Die Fortsetzung seines „Popgipfels“ nannte der Kulturstaatsminister dann nur noch eine „Gesprächsrunde mit Vertreter:innen von Musiklabels“ im Kanzleramt.
Das Gespräch fand natürlich hinter verschlossenen Türen statt, insofern konnte Weimer auf seiner täglichen Reise durch sämtliche bereitstehende Fettnäpfchen diesmal nicht verunglücken; jedenfalls konnte kein neuerliches Ungeschick verzeichnet werden.
 
Dafür gelang dem Kulturstaatsminister ein Bild mit hohem Symbolcharakter:

 (Foto: BKM, Photothek, Trutschel, via Musikwoche.de)
 
Der „Windbeutel“ als Strahlemann im Zentrum, eingerahmt vom Deutschland-Chef des weltgrößten Plattenkonzerns und vom obersten deutschen Musikindustrie-Funktionär.
An den beiden Rändern dann gedrängt die Vertreter der kleineren Plattenfirmen und einiger ausgewählter Indies. 
Das Foto spricht Bände über das, was Kulturstaatsminister Weimer repräsentiert.
 
Dazu die altbekannten Worthülsen, die so auch schon seine Vorgängerin abgesondert hat:
„Wir brauchen eine faire Vergütung und mehr Transparenz und im Musikstreaming."
Transparenz ist ja immer gut. Wie wäre es, die Tonträgerkonzerne würden als ersten Schritt veröffentlichen, welche Anteile ihrer Streamingeinnahmen sie an die Musiker:innen auszahlen?
 
Man kann den legendären Radiomann John Peel nicht oft genug zitieren, der klarsichtig die Rolle der Plattenfirmen beschrieben hat:
 
„Die großen Plattenfirmen haben nie so getan, als seien sie zu etwas anderem da, als möglichst viel Geld zu verdienen, von dem sie den Musikern möglichst wenig abgeben. Sie sind Investitionsapparate.“
 
Darüber, auf wessen Seite Wolfgang Weimer steht, braucht man sich jedenfalls keine Illusionen zu machen.
 

06.04.2026

DJ Hell erzählt von einem Major-Signing

Apropos Tonträgerkonzerne:
In der „Frankfurter Rundschau“ hat Helmut Geier alias DJ Hell im Dezember von seinen Erlebnissen als Förderer der Band Fischerspooner berichtet, und wie das Major-Signing deren Karriere behindert hat:
 
„Es war ein massiver Impact, eine Sensation. Dann kam schnell das Major-Label Ministry of Sound, die haben das Album noch mal released, das ich schon rausgebracht hatte – und wollten daraus einen Top-Ten-Act machen, was nicht funktioniert hat. Die haben viel Geld hingelegt, Fischerspooner eingeflogen – damals noch mit der Concorde von New York über Paris nach London, nur zur Unterzeichnung des Vertrags, abends zurück. So hat man das damals gemacht. Das war wahrscheinlich das überzeugendste Argument: „Kommt doch am Nachmittag vorbei zum Signing, abends seid ihr wieder zum Abendessen in New York.“ Ich wusste aber: Wenn die beim Major unterschreiben, ist das der Anfang vom Ende – und genauso ist es gekommen. Das habe ich ihnen auch gesagt: Die werden euch nicht so pushen und promoten und frei laufen lassen wie ich.“
 

06.04.2026

Und was macht Live Nation gerade so?

Und was macht Live Nation gerade so? Der weltgrößte Livemusik-Konzern?
 
Mit der Trump-Regierung hat man sich Anfang März auf einen „Deal“ geeinigt: Die Abspaltung des Ticketing-Bereichs, also Ticketmaster, vom Mutterkonzern ist jetzt plötzlich vom Tisch. Dafür hat Live Nation zugesichert, die eigenen Venues für alle Veranstalter zu öffnen und ihnen zu erlauben, 50 Prozent der Tickets über eine andere Plattform als Ticketmaster anzubieten.
Die Gebühren für den Ticketverkauf werden nun auf 15 Prozent begrenzt. Wohlgemerkt: das gilt nur in den USA. Im Rest der Welt kann der US-Konzern nach wie vor schalten und walten, wie er will. Die Biden-Regierung hatte Live Nation 2024 u.a. wegen der wettbewerbswidrigen Nutzung seiner marktbeherrschenden Stellung angeklagt. Das Justizministerium hat diese Klage unter Trump zunächst weiterverfolgt. Letzten Monat jedoch hat Trump den obersten Kartellrechtschützer, Gail Slater, entlassen, der etliche der Klagen gegen Monopole aus der Biden-Administration weiter vorangetrieben hatte. Wie die „Financial Times“ (FT) berichtet, könnte die Entlassung des obersten Kartellwächters eine Abkehr von einer strengen Durchsetzung des Kartellrechts nach sich ziehen.
 
Bei der „FT“ war auch zu lesen, dass Live Nation mittlerweile Trumps ehemalige Wahlkampfmanagerin Kellyanne Conway als Beraterin engagiert hat. Außerdem ist seit langem bekannt, dass führende Live Nation-Manager zu Trumps Unterstützern gehören; so hat Greg Maffei (seinerzeit Präsident von Liberty Media, dem Mehrheitsaktionär von Live Nation, und Vorsitzender des Board of Directors von Live Nation) schon 2017 bei der ersten Amtseinführung Donald Trumps 750.000 US-$ gespendet. Bei der zweiten Inauguration Trumps spendete Live Nation 500.000 US-$.
Im Mai 2025 berief Live Nation Richard „Ric" Grenell, einen engen Vertrauten Trumps, in seinen Aufsichtsrat — genau in dem Moment, als das Unternehmen sich auf den Kartellrechtsstreit mit dem Justizministerium vorbereitete. Grenell ist kein unbeschriebenes Blatt: Er diente als amtierender Director of National Intelligence (2020), als US-Botschafter in Deutschland (2018–2020) und bekleidet aktuell den Posten des Präsidenten des Kennedy Center for the Performing Arts, das Trump bekanntlich unter seine Kontrolle gebracht hat und das neuerdings im Trump-Sprech offiziell „Trump Kennedy Center“ heißt.
 
Unlängst hat Live Nation die Geschäftszahlen für 2025 veröffentlicht: Der Umsatz des Konzerns stieg auf 25,2 Milliarden US-$ (fast zehn Mal so viel wie der des deutschen CTS Eventim-Konzerns 2024), der Betriebsgewinn (Operating profit) belief sich auf 1,3 Mrd. US-$, der Nettogewinn (Net profit) betrug gerade einmal 0,7 Mrd. US-$, also 3 Prozent. „Live Nation’s profits remain surprsingly thin“, kommentieren Marktbeobachter wie App Economy Insights LLC.
Natürlich ist das die Folge der sehr geringen Rendite der Konzertveranstaltungen, wo die Superstars extrem hohe Gagen kassieren. Geld verdient Live Nation hauptsächlich durch Ticketing (37% Gewinnmarge) und Sponsorship (64% Gewinnmarge).
 
Klar ist: Die Marktposition als Dominator des Imperiengeschäfts verdankt Live Nation weniger seinen Geschäftszahlen als vielmehr der Kontrolle des gesamten Live-Ökosystems.
Dazu passt die Nachricht, dass Live Nation die La Défense Arena in Paris gekauft hat, die größte europäische Konzerthalle.
Und Andreas Gabalier ist gerade zu Live Nation gewechselt - so kommt zusammen, was zusammen gehört…
 

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