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Blog Archiv - Jahr %1
07.03.2026

"German House" auf der SXSW absagen!

Presseerklärung

Ich fordere die Initiative Musik (die laut Eigenaussage „zentrale Fördereinrichtung der Bundesregierung und der Musikbranche für die deutsche Musikwirtschaft“) sowie die anderen Organisationen und Institutionen, die am „GERMAN HOUSE“ bei der SXSW Austin vom 12. bis 16. März 2026 beteiligt sind, auf, das „GERMAN HOUSE“ auf der diesjährigen SXSW aus politischen Gründen abzusagen.
 
Die politische, gesellschaftliche, kulturelle und soziale Situation in den USA hat sich seit Beginn der zweiten Präsidentschaft Donald Trumps dramatisch verschlechtert. 
Die „ICE“, eine Art persönliche und sich nicht an Recht und Gesetz haltende SA des Präsidenten, spürt mit allen Mitteln aktueller Überwachungstechnologie massenhaft Migrant:innen auf, steckt sie samt ihren Kindern in Internierungslager oder schiebt sie direkt in angebliche „Herkunftsländer“ ab, die diese Abgeschobenen häufig seit Jahrzehnten, mitunter sogar noch nie gesehen haben (siehe beispielsweise diese Geschichte im „Economist“).
 
„ICE is the American Gestapo“, erklärt der Schriftsteller Stephen King. 
Und der Schriftsteller T.C. Boyle nennt die USA zurecht einen „Polizeistaat“.
 
Die aktuelle Entwicklung in den USA mit all ihrem Rassismus, der Fremdenfeindlichkeit, der Rechtlosigkeit von Minderheiten und der Unterschicht, aber auch von Oppositionellen, die sich Trump und seiner MAGA-Bewegung entgegensetzen (der Todesschütze von Minneapolis läuft frei herum und erhält vom Vizepräsidenten Immunität), erinnert gerade auch in ihrer Willkür fatal an Deutschland in den Jahren vor 1933. In den USA unter ihrem Präsidenten Trump entwickelt sich eine neue Form von Faschismus. 
Ich bin generell vorsichtig beim Verwenden dieses Begriffs, und natürlich wissen wir, dass sich Geschichte nicht wiederholt – aber es ist beileibe keine „Farce“, was sich in den USA gerade abspielt, sondern bittere Realität.
 
Hinzu kommt die skandalöse US-amerikanische Außenpolitik mit massiven Angriffen auf die Souveränität anderer Staaten (Venezuela! Grönland! Iran!), mit willkürlich erhobenen Zöllen gegenüber dem Rest der Welt, mit der Ignoranz gegenüber internationalen Organisationen und Institutionen und nicht zuletzt mit der Zerstörung des Klimaschutzes, indem Trump zuletzt CO2 für ungefährlich erklärt hat.
 
Die aktuelle Politik der USA ist nicht nur die Rückkehr zu einem von ihnen seit jeher gepflegten Imperialismus (selbst die konservative „Financial Times“ nennt Trumps Politik „Resource Imperialism“), sondern sie ist eine Politik, die aufgehört hat, den Nationalstaat oder einen internationalen Grundkonsens wie das Völkerrecht überhaupt noch als maßgeblichen Ordnungsrahmen zu akzeptieren. 
 
Es ist an der Zeit, gegen die menschenfeindliche Politik der USA unter Donald Trump Haltung zu zeigen, statt die Entwicklung des „land of the free“ hin zu Polizeistaat und Faschismus weiter zu ignorieren.
 
Natürlich wäre die Absage des „GERMAN HOUSE“ bei der SXSW nur eine symbolische Aktion – aber eine symbolische Aktion von großem Wert. 
Es geht hierbei nicht darum, dass einzelne Musiker:innen oder Messe-Teilnehmer:innen ihre Teilnahme an der texanischen Messe absagen – dies soll allen Einzelnen überlassen bleiben. Aber es geht darum, dass das weitgehend vom deutschen Staat – vor allem vom BKM und vom BMWE – geförderte GERMAN HOUSE nicht stattfindet. Damit würden die deutschen Musiker:innen und die deutsche Kreativwirtschaft ein starkes Zeichen der Solidarität setzen mit all denen, die aktuell in den USA gegen die reaktionäre Politik der Regierung kämpfen.
Damit würde das „GERMAN HOUSE“, um die Worte der Geschäftsführerin der Initiative Musik zu paraphrasieren, „eindrucksvoll zeigen, wie Musik, Innovation und Haltung zusammenkommen“ und ein entschiedenes Zeichen gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und polizeistaatliche Entwicklungen in der Welt setzen.
 
Übrigens hat Kanada letztes Jahr, bei der SXSW 2025, die Ausrichtung seines „Canada House“, das seit jeher einer der meistbesuchten Länderpavillons ist, aufgrund der politischen „Spannungen“ zwischen den USA und Kanada abgesagt. Und die grönländische Musikerin Nive Nielsen hatte aus Protest gegen Trumps Politik ebenfalls bereits 2025 kurzfristig ihren Auftritt bei der SXSW gecancelt. „Sag mir, wo du stehst, welchen Weg du gehst…“
 
Wollen deutsche Musiker:innen und Menschen aus der Kreativwirtschaft wirklich im „GERMAN HOUSE“ Parties feiern, „Export the Rave“ zelebrieren, „tanzbare Beats“ performen und eine „Berlin Music Night“ veranstalten, während die ICE auf den texanischen Straßen Migrant:innen jagt, während Eltern vor den Schulen Wache stehen, um ihre Kinder vor Trumps ICE-Maskenmännern zu beschützen, und während Demonstrant:innen ihr Leben aufs Spiel setzen, um gegen Trumps Politik zu protestieren (siehe Minneapolis)?
 
„One World? Rethinking Cosmopolitanism“ lautet der Titel einer Veranstaltung im „GERMAN HOUSE“ auf der SXSW, Untertitel „Symbolische Praktiken für globale Zugehörigkeit“.
Mit der Absage des „GERMAN HOUSE“ könnte eine wirkliche symbolische Praxis demonstriert werden, statt nur davon zu labern.
 
Für die Absage des „GERMAN HOUSE“ auf der SXSW 2026 jetzt!
 
(Disclaimer:
Ich habe seit 1995 ca. 12-mal an der SXSW in Austin teilgenommen, die in den 90er, aber auch in den frühen 2000er Jahren eine der wichtigsten Musikmessen weltweit war; mittlerweile steht der später hinzugekommene „Tech“-Teil im Mittelpunkt der Messe. Die „Musik“ ist noch hinter dem „Film“ an den Rand gerückt.
Ich war 2025 auf der SXSW. Auch für dieses Jahr habe ich einen „Platinum Pass“ erworben, den ich aus den oben geschilderten politischen Gründen jedoch verfallen lassen werde.)
 

07.03.2026

Musiker:innen mit Rückgrat?

Wichtig ist mir, dass dieser Aufruf sich gegen die Ausrichtung des „GERMAN HOUSE“ richtet, nicht aber gegen die individuelle Teilnahme von Musiker:innen oder Messebesucher:innen an der SXSW. Die Entscheidung, ob sie angesichts der aktuellen Lage in den USA nach Austin fahren wollen, sollten alle individuell für sich beantworten.
Und auch, ob sie tatsächlich bereit sind, die extrem weitgehenden Einreiseformalitäten zu akzeptieren, die es so nicht einmal in Nordkorea gibt (u.a. Offenlegung aller Social-Media- und Email-Konten, aller Telefonnummern, detaillierte Informationen über alle Familienmitglieder).
 
Natürlich wünsche ich mir, dass möglichst viele Künstler:innen angesichts der aktuellen US-Politik Rückgrat bewahren und nicht in die USA reisen. Der BR-"Zündfunk" hat über das "German House" auf der SXSW und meinen Aufruf ausführlich berichtet. Die Initiative Musik war zu keiner Stellungnahme bereit, was Bände spricht.
Aber auch keine einzigen der 16 Musiker:innen und Bands, die von der Initiative Musik ins "German House" eingeladen wurden, waren gegenüber dem BR zu einer Stellungnahme bereit - sie hatten Angst, die Förderung der deutschen Initiative Musik zu verlieren, oder keine US-Einreisegenehmigung zu erhalten.

Ein Klima der Angst, gefördert von deutschen Regierungsinstitutionen und der deutschen Musikwirtschaft...

Mittlerweile hat allerdings die Rapperin Ikkimel ihren Auftritt bei der SXSW aus politischen Gründen abgesagt. Geht doch!
Hier im "Standard" vom 7.3.2026:

Es gibt eben noch Musiker:innen mit Rückgrat. "Haltung" muss auch für Musiker:innen keine Fremdwort sein.

Übrigens haben die US-amerikanischen Musiker:innen, mit denen ich über diesen SXSW-Boykott gesprochen habe, ausnahmslos geäußert, dass sie einen derartigen Schritt begrüßen, ja, dass sie im Grunde von uns ein entsprechendes Verhalten sogar erwarten.
 
Etliche US-amerikanische Musiker:innen haben übrigens zuletzt das „Trump Kennedy Center“ in Washington boykottiert und werden dort nicht mehr auftreten, solange Trump als dessen Vorsitzender agiert, unter anderem Renée Fleming, Ben Folds, Rhiannon Giddens, Philip Glass oder die Washington National Opera.
 
Die Wiener Philharmoniker und Andris Nelsons dagegen, in the meantime:

 

07.03.2026

No one is illegal on stolen land!

(Maggie Thompson and other artists holding signs in MInneapolis that spell out “no one is illegal on stolen land” on January 23, 2026)
Image courtesy Maggie Thompson and Makwa Studio)
 
Es ist vermutlich an der Zeit, wieder einmal den Song „Big Drill“ der großartigen Bedlam Rovers zu hören…
 

07.03.2026

ICE, Neil Young & Musikrechte-Monopoly

Natürlich, es ist wirklich nicht einfach, im kapitalistischen Realismus unserer Tage Haltung zu zeigen. 
Unlängst war zu hören, dass der große Neil Young seinen Songkatalog von Amazons Musik-Streamingdienst abgezogen hat, aus Protest gegen dessen Besitzer Jeff Bezos und seine unaufhörliche Unterstützung der Politik Donald Trumps:
“The president’s international policies and his support of ICE make it impossible for me to ignore [Bezos’] actions.“
 
Gut gebrüllt, Neil Young!
 
Allein, wenn von seinem „Songkatalog“ die Rede ist – was ist denn da genau gemeint?
Die 50 Prozent, die dem Künstler noch gehören? Denn die anderen 50 Prozent, also die Rechte an Texten und Kompositionen von 1.180 Songs, hat Neil Young ja Anfang 2021 für geschätzte rund 150 Millionen Dollar an den britischen Fonds Hipgnosis verkauft.
 
Nach einem heftigen Einbruch des Börsenwerts wurde Hipgnosis 2024 von Blackstone aufgekauft, einem umstrittenen Private-Equity-Riesenkonzern, in dessen Unternehmen „Packers Sanitation Services Inc“ es zu systematischer Kinderarbeit gekommen ist, wie die „Washington Post“ aufdeckte. 
Im Mai 2025 wiederum hat Blackstone sein komplettes Song-Publishing- und Verwaltungsgeschäft, inklusive der Neil Young-Songs als Kernbestand dieses Portfolios, an Sony Music Publishing verkauft. Musikrechte-Monopoly…
 

07.03.2026

Boykottaufrufe und Moral

Nicht so einfach, wenn man heutzutage Boykottaufrufe starten will.
Ich denke auch an den wohlfeilen Aufruf zum Spotify-Boykott (wieder mal…), den die US-Graswurzelbewegung „Indivisible Project“ initiiert hat und der von Bands wie Massive Attack, Sylvan Esso oder auch dem Label Epitaph Records unterstützt wird.
Grund ist, dass das US-Heimatschutzministerium im Jahr 2025 rund 74.000 Dollar für ICE-Rekrutierungsanzeigen auf Spotify ausgegeben hat – Werbung, die auf den kostenlosen Spotify-Benutzerkonten in den USA ausgespielt wurde.
 
Ist ja auch wirklich scheußlich.
Man würde die Proteste allerdings etwas ernster nehmen können, wenn sich der Boykottaufruf auch gegen YouTube und Facebook richten würde, die für derartige ICE-Anzeigen wesentlich mehr Geld von der US-Regierung erhalten haben.
 
Aber welche Musiker:innen wollen schon freiwillig auf ihre hübschen YouTube-Videos verzichten? Genug der Haltung, wenn man gegen den All-time-Devil Spotify agitiert – und seine eigenen YouTube-Videos weiter von ICE-Rekrutierungsanzeigen einleiten lässt…
 
„Moral: das ist, wenn man moralisch ist (…)
Es ist ein gutes Wort.“
(aus: Alban Berg, Wozzeck, nach Georg Büchner)
 

07.03.2026

Hard Times

Bei seinen gefeierten Konzerten der Tournee im Januar und Februar 2026 hat Daniel Kahn den Song „Daless (Hard Times)“ mit der Bemerkung eingeleitet, er würde das Lied „Hard Times Come Again No More“ für den vermutlich traurigsten amerikanischen Song überhaupt halten.
 
Dieser Parlor-Song („Salonlied“) „Hard Times Come Again No More“ wurde von Stephen Foster geschrieben und 1854 veröffentlicht; 1905 wurde er für die Edison Manufacturing Company erstmals auf Wachs aufgenommen. Bis heute wurde er unzählige Male eingespielt, u.a. von Jennifer Warnes, Dolly Parton, Emmylou Harris, Bob Dylan, Nancy Griffith , Bruce Springsteen, Johnny Cash (auf „Redemption Songs“, Teil der „Unearthed“ Box) – und eben von Daniel Kahn und seinen Gefährten Jake Shulman-Ment und Christian Dawid.
 
Auf meiner unendlichen Spotify-Playlist „BS Open“ habe ich etliche Versionen des Songs zusammengestellt – hier klicken und dann fast ganz nach unten scrollen!
Ich bitte zu berücksichtigen, dass ich nicht alle dieser Versionen für gleich gelungen halte; mir kam es hier auf einen möglichst vollständigen Querschnitt an. 
Daniel Kahns Version allerdings ist unbestritten einer meiner Favoriten.
 

07.03.2026

Musikfestivals & Monopoly: Vom Imperiengeschäft Folge 2085

Die Musikindustrie spielt seit vielen Jahren Monopoly. Und egal ob die Konzerne, die man einstmals als Plattenfirmen bezeichnet hat, ob Konzert- und Tourneeveranstalter, ob Festivals, ob Musikverlage, die den Handel mit Copyrights Hand in Hand mit den größten Beteiligungsgesellschaften betreiben – alle haben das Konzept des „Imperiengeschäfts“ gemeinsam.
 
Leser:innen dieses Rundbriefs oder meines 2019 erschienenen Buchs „Vom Imperiengeschäft“ wissen natürlich längst, was nun eine Studie von Live DMA und Reset bestätigt hat und von der Europa-Abgeordneten Emma Rafowicz, der stellvertretenden Vorsitzenden des Ausschusses für Kultur und Bildung des Europäischen Parlaments, präsentiert wurde: Mehr als 150 europäische Festivals gehören den drei Weltkonzernen AEG, CTS Eventim und Live Nation sowie Superstruct. Superstruct, letztes Jahr vom Private Equity-Konzern KKR übernommen, betreibt allein in Europa 63 Festivals; hinzu kommen noch einige in Australien. Mit Live Nation stehen in Europa 78 Festivals in Verbindung, mit CTS Eventim sind es 51, jeweils bei deutlich steigender Tendenz.
 
KKR, dem weltweit operierenden Beteiligungskonzern, gehören aktuell neben Superstruct auch Beteiligungen unter anderem an GetYourGuide, am deutschen Marktforschungsinstitut GfK (96,7% laut Wikipedia), an der Tele München Gruppe, der von Günther Jauch gegründeten TV-Firma i&u TV, an der Axel Springer SE, an der Berliner Immobilienfirma Velero, der in Berlin 7.500 Wohnungen gehören, oder dem Raumfahrtunternehmen OHB.
Laut „Guardian“ gehört KKR zu den weltweit größten Investoren im fossilen Bereich und steht unter Kritik des massiven Greenwashings. KKR wird vorgeworfen, von Menschenrechtsverletzungen zu profitieren. Der „Spiegel“ hat KKR einmal als „brutale Investoren“ bezeichnet.
 
Ein wirklich ungeheuer sympathischer Konzern, der Festivals wie das Wacken Open Air, Sónar, Parookaville, FIB (Benicassim), Flow, Oya, Field Day oder Harbourlight betreibt.
 
„Die zunehmende Konzentration im Livemusik-Ökosystem bedroht mehr denn je die kulturelle Vielfalt und die Unabhängigkeit von Artists und ihren Partnern." (Emma Rafowicz)
 

07.03.2026

Popmusikgipfel mit Windbeutel

Doch was macht die Politik gegen all diese Konzentrationsprozesse?
Herzlich wenig.
Und das wenige besteht dann auch meistens aus wohlfeilen Lippenbekenntnissen.
 
Da ruft beispielsweise Kulturstaatsminister Wolfram Weimer einen „Popmusikgipfel“ im Bundeskanzleramt aus und lädt dazu, das ist sozusagen wirklich der Gipfel, die Popstars Herbert Grönemeyer, Peter Maffay und die unvermeidliche Balbina ein. Keine Rapper:innen, keine Indie-Musiker:innen, keine aktuellen Popstars.
 
Entsprechend dünn fiel das „Ergebnis“ dieses Popmusikgipfels aus: Weimer, laut der altwehrwürdigen „FAZ“ ein „Windbeutel“, der „die Sachen eben oft nur vom Hörensagen kennt“, sieht sich als „Mediator“, der Majorlabels und Streamingkonzerne an einen runden Tisch bringen will, um über die Vergütungen zu diskutieren. Was als eine weitere Windbeutelei enden dürfte, ein laues Lüftchen eben. Hat man beispielsweise von Weimers großspurig angekündigter Plattformabgabe, mit der er Google und Co. zur Kasse bitten wollte, jemals wieder gehört? Viel Lärm um nichts. Große Worte, und nichts passiert.
 
Wer hätte gedacht, dass man sich mal die Kulturstaatsministerinnen Roth und Grütters zurück wünscht…
 

07.03.2026

Kulturabgabe im Münchner Kommunalwahlkampf

Und das gilt ebenso für Musiker:innen, Künstler:innen und Kulturarbeiter:innen.
Jüngstes Beispiel: Das sogenannte Aktivrentengesetz, das CDU, CSU und SPD im Bundestag beschlossen haben.
Dieses Gesetz fördert Erwerbstätigkeit im Rentenalter durch steuerliche Anreize. Personen, die nach Erreichen der Regelaltersgrenze (also aktuell 67 Jahre) weiterarbeiten, können bis zu 2.000 Euro monatlich aus sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung steuerfrei hinzuverdienen.
 
Dies gilt also wohlgemerkt für Angestellte und Arbeiter:innen, also Arbeitskräfte, die von Industrie und Handel so dringend benötigt werden. Selbständige werden ausdrücklich von dieser Regelung ausgenommen, sie erhalten keinerlei Steuervergünstigungen.
Nicht einmal die in der Künstlersozialkasse pflichtversicherten selbständigen Künstler:innen, Publizist:innen oder Lehrer:innen können von der Regelung Gebrauch machen, ganz zu schweigen von den Hunderttausenden selbständigen Künstler:innen und Kulturarbeiter:innen, die nicht in der KSK versichert sind.
 
In der Coronära bekamen die Kultur-Selbständigen viele warme Worte zu hören.
In der Realität des Jahres 2026 sind sie wieder das, was sie letztlich immer waren: Kultur-Arbeiter:innen zweiter Klasse. Viele von ihnen sind aus finanziellen Gründen gezwungen, nach Rentenbeginn weiterzuarbeiten, um überhaupt über die Runden zu kommen. Aber steuerliche Vergünstigungen wie die Aktivrente bleiben ihnen verschlossen. Ein skandalöser Zustand.
In Bayern finden im März Kommunalwahlen statt. In München versucht der CSU-Politiker und Wirtschaftsanwalt Clemens Baumgärtner, bis 2024 städtischer Wirtschaftsreferent und ausgewiesener Freund von Live Nation und deren Großkonzerten (Adele!), Kalif zu werden anstelle des Kalifen, also SPD-OB Reiter das Amt des Oberbürgermeisters abzuluchsen.
 
In der „Abendzeitung“ hat Baumgärtner, auf den Vorschlag einer Kulturabgabe auf den Vorverkaufsanteil der Konzerttickets angesprochen, bewiesen, dass er nicht nur von Kulturpolitik wenig versteht, sondern als ehemaliger Wirtschaftsreferent nicht einmal den Unterschied zwischen Steuern (gehen in den allgemeinen Haushalt) und Abgaben (werden zweckgebunden verwendet) kennt:


Aber auch die SPD-Kulturpolitikerin Julia Schönfeld-Knor hat von der Kulturabgabe, wie sie unter anderem von der „Bundesstiftung LiveKultur“ gefordert wird, wenig Ahnung. An gleicher Stelle postuliert sie, auf die Kulturabgabe bei Großveranstaltungen angesprochen: „Derartige Abgaben gelten als eierlegende Wollmilchsau. Aber ich fürchte: wenn man auf die ohnehin schon teuren Tickets für Konzerte im Olympiapark noch zwei Euro draufschlägt, werden die Karten irgendwann sozial ungerecht.“
 
Oha. Als ob die Eintrittskarten für Großkonzerte nicht längst „sozial ungerecht“ wären und zu einer Segregation innerhalb der Fans führen würden, da ein beträchtlicher Teil der Fans sich die skandalös überhöhten Tickets schon lange nicht mehr leisten kann und somit von der Möglichkeit der kulturellen Teilhabe ausgeschlossen ist.
(und wie gesagt: der Vorschlag der Kulturabgabe gilt ja den Ticketkonzernen, die von ihren astronomischen Gebühren einen Teil abgeben müssten; die Ticketpreise als solche bleiben gleich)
 
Und was haben Sozialdemokrat:innen denn bisher dafür getan, dass die Tickets nicht „sozial ungerecht“ sind? Und was haben all die anderen Parteien dafür getan? Genau: nichts. Niente.
Dabei gäbe es ja durchaus Möglichkeiten, gerade bei Großkonzerten eine gewisse soziale Staffelung der Ticketpreise politisch durchzusetzen.
 
Eines ist klar: Die Musikfans haben von der Politik nichts zu erwarten.
 

07.03.2026

Aktivrentengesetz: Keine Steuervorteile für Selbständige!

Und das gilt ebenso für Musiker:innen, Künstler:innen und Kulturarbeiter:innen.
Jüngstes Beispiel: Das sogenannte Aktivrentengesetz, das CDU, CSU und SPD im Bundestag beschlossen haben.
Dieses Gesetz fördert Erwerbstätigkeit im Rentenalter durch steuerliche Anreize. Personen, die nach Erreichen der Regelaltersgrenze (also aktuell 67 Jahre) weiterarbeiten, können bis zu 2.000 Euro monatlich aus sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung steuerfrei hinzuverdienen.
 
Dies gilt also wohlgemerkt für Angestellte und Arbeiter:innen, also Arbeitskräfte, die von Industrie und Handel so dringend benötigt werden. Selbständige werden ausdrücklich von dieser Regelung ausgenommen, sie erhalten keinerlei Steuervergünstigungen.
Nicht einmal die in der Künstlersozialkasse pflichtversicherten selbständigen Künstler:innen, Publizist:innen oder Lehrer:innen können von der Regelung Gebrauch machen, ganz zu schweigen von den Hunderttausenden selbständigen Künstler:innen und Kulturarbeiter:innen, die nicht in der KSK versichert sind.
 
In der Coronära bekamen die Kultur-Selbständigen viele warme Worte zu hören.
In der Realität des Jahres 2026 sind sie wieder das, was sie letztlich immer waren: Kultur-Arbeiter:innen zweiter Klasse. Viele von ihnen sind aus finanziellen Gründen gezwungen, nach Rentenbeginn weiterzuarbeiten, um überhaupt über die Runden zu kommen. Aber steuerliche Vergünstigungen wie die Aktivrente bleiben ihnen verschlossen. Ein skandalöser Zustand.
 

07.03.2026

Social Media-Verbot für Jugendliche?

Aktuelles Aufreger-Thema: Social Media-Verbot für Jugendliche.
In Australien ist es bereit Gesetz und gilt für Jugendliche bis 16 Jahren.
Klar, dass deutsche Politiker:innen das nach dem Motto „wer bietet mehr?“ übernehmen würden. Auf dem CDU-Parteitag wurde ein Social-Media-Verbot für Jugendliche unter 14 Jahren beschlossen; SPD-Politiker:innen finden das gut und begrüßten den CDU-Beschluss.
 
Doch mal abgesehen davon, dass kein Konzept bekannt ist, „wie ein solches Social-Media-Verbot funktionieren soll“, wie der Juso-Bundesvorsitzende Philipp Türmer (schöne Grüße an seinen Vater Rainer M. Türmer bei der Gelegenheit!) richtig festgestellt hat – das Konzept als solches ist grundfalsch.
 
Denn natürlich haben auch junge Menschen ein Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung, auf Teilhabe an den bestehenden Social-Media-Plattformen. Und bloß, weil es nicht gelingt, all die bekannten Missstände der sogenannten sozialen Medien zu beseitigen oder zumindest einzudämmen, ist es falsch, denjenigen die sozialen Medien wegzunehmen, die keine politische Vertretung haben.
 
„Es wäre, als würde man bei einem Auto mit defekter Bremse nicht die Technik reparieren, sondern bestimmten Altersgruppen das Fahren verbieten.“ (Henning Tillman)
 
Das Problem ist doch: Die Regierung traut sich nicht an die Wurzeln des Problems heran.
„Süchtig machende Designs und intransparente, polarisierende und letztlich demokratiezerstörende Algorithmen schaden nicht nur Jugendlichen, sondern auch Onkel Edgar, der mit YouTube politisch quer abgebogen ist, und Oma Gabi, die keine Freunde mehr trifft, weil sie nicht mehr von Instagram-Reels wegkommt. Wir alle kennen solche Leute, die älter als 16 sind, bei denen es ein Problem gibt.
Statt vorhandene Gesetze durchzusetzen, Regulierungen auszuschöpfen und intelligente neue Regeln zu überlegen, wählt man den einfachen Weg“, so der empfehlenswerte wöchentliche Rundbrief von Netzpolitik.org.  
Und im Übrigen: Wie wäre es denn, die Regierung, die Politik würde dafür sorgen, dass es während der gesamten Schulkarriere der Kinder eine konsequente Medienschulung gibt? Ein kontinuierlicher Unterricht, in dem erklärt wird, wie Social Media, KI und das Internet funktionieren, welche Probleme, aber auch Chancen es gibt, und wie man mit all dem bewusst umgeht. Aufklärung über Gefahren und Möglichkeiten.
Sicher, das würde viel Geld kosten. Aber es bestand einmal Einigkeit darüber, dass Investitionen in Bildung Investitionen in die Zukunft der Gesellschaft sind. Verbote sind der bequeme, aber falsche und ineffektive Weg und bezeugen in ihrem billigen Populismus höchstens die Hilflosigkeit der Entscheidungsträger.
 

07.03.2026

Sad Vinyl Dads

Angesichts des (angeblichen) Vinyl-Booms (Vinyl macht nur etwas mehr als 5% der Umsätze der Tonträgerindustrie in 🇩🇪 aus) sage ich gerne: Schallplatten legt der Zahnarzt seiner Familie auf den Coffee-Table…
Aber vielleicht sind die Vinyl-Liebhaber auch einfach nur "Sad Vinyl Dads", wie dieser schöne Artikel in „The Times“ meint?
 

24.12.2025

Das bairische Bethlehem und das märkische Stonehenge

Nürnberg hat angeblich den schönsten Christkindlmarkt, Ludwigsburg den Barock-Weihnachtsmarkt, und Straßburg nennt sich gar die „Hauptstadt von Weihnachten“.
 
Nun gut, aber kennt ihr das „bairische Bethlehem“?
 
Es war in den 1960er Jahren, ich ging in die 3. Klasse der Grundschule Fürstenfeldbruck-West. Im „Heimatkunde“-Unterricht lernten wir Geschichtliches und Dönnekes über praktisch alle Orte des Landkreises: In Puch gabs eine Edigna-Linde; angeblich hat im 11. Jahrhundert Edigna, die Tochter des Königs von Frankreich, auf der Flucht vor einer Zwangsverheiratung 35 Jahre als Eremitin im Inneren des hohlen Baumes gelebt. In der katholischen Kirche wird sie wegen angeblicher posthumer Wundertaten als Selige verehrt. Beim Wandertag ging es zu der Edigna-Linde, anschließend saßen wir auf einem Feld um ein Feuer, auf dem wir Kartoffeln an einem Stock geraten haben. Those were the days.


In Schöngeising, so lernten wir, lebte der Komponist Orlando di Lasso, und in der Nähe gab es Hünengräber. Grafrath war nach einem Graf Rasso benannt, der im frühen Mittelalter die dortige Klosterkirche gründete und sich dort eine Grabstelle einrichten ließ. Er war ein eifriger Reliquiensammler und wurde von der katholischen Kirche heiliggesprochen.
 
Grafrath war der Name der Bahnstation, die 1873 für die vielen Wallfahrer angelegt worden war. 1972 schlossen sich die beiden Dörfer Unteralting und Wildenroth dann zur Gemeinde Grafrath zusammen. Davon wusste ich in der Grundschule zu Fürstenfeldbruck noch nichts, ebenso wenig, dass meine Familie in den 1970er Jahren in ebendieses Grafrath ziehen und ich später in der Rassokirche gefirmt werden sollte – wie etliche Jahre zuvor bereits der Dichter und „Konkret“-Kolumnist Horst Tomayer (der auch von sexuellen Übergriffen durch die Mönche im Kloster berichtete).
 
Und was hat das alles mit dem „bairischen Bethlehem“ zu tun?
Nun, wir mussten in der Volksschule einen Text mit just diesem Titel auswendig lernen. Denn Wildenroth trug den Untertitel „bairisches Bethlehem“. Und zwar einfach aufgrund der Behauptung eines örtlichen Marketingprofis im 19. Jahrhundert, nämlich, aus dem Gedächtnis zitiert: 
„Wäre der Sohn des Herrgotts nicht in Bethlehem zur Welt gekommen, hätte er sich garantiert Wildenroth als Geburtsort erkoren.“

So macht man das. Muss man auch erstmal draufkommen: Wildenroth als bairisches Bethlehem, weil es sicher so gewesen wäre, wenn nicht dummerweise zufällig…
 
Die Hannoverschen Pyramiden: Hätten die Pharaonen die Pyramiden nicht in Gizeh errichten lassen, würden sie garantiert in Hannover stehen. 
Oder das thüringische Pompeji: Wenn der Vesuv nicht im Jahr 79 Pompeji vernichtet hätte, wäre ganz gewiss Weimar unter der Asche des Vulkans begraben worden.
Oder das osthessische Golgatha: Wäre Jesus nicht in Jerusalem gekreuzigt worden, hätte der Herrgott sicher Fulda als Sterbeort von Jesus Christus erkoren.
Und last but not least Berlin als das märkische Stonehenge: Hätten die Menschen in der Jungsteinzeit ihr Megalith-Bauwerk nicht im südwestenglischen Wiltshire aufgestellt, hätten sie sich garantiert Berlin dafür ausgesucht. Und wir hätten statt des depperten Brandenburger Tores ein echt kultisches Baudenkmal mitten in der Spree-Metropole…
 
Stadtmarketingprofis, Touristikexpert:innen: Da geht noch was!
Es muss nicht beim bairischen Bethlehem bleiben…

24.12.2025

Spotify, Musiker:innen-Verdienste & die Nudelpresse

Der Musikstreamingdienst Spotify ist der Lieblingsgegner von Musiker:innen, schlecht informierten Presseleuten und auch etlichen Musikfans, die am liebsten jedes Rolling Stones- oder Rosalía-Album persönlich von den Künstler:innen am Merch-Stand kaufen würden, statt die Tracks im Netz zu hören – von wegen „Authentizität“, diesem unverwüstlichen Fake aus dem Jutebeutel der „handmade“ Rockmusik.
 
Da halten Musiker:innen empört ihre angeblichen Spotify-Abrechnungen in die Social Media-Kameras, aus denen hervorgehen soll, welche Cent-Bruchteile sie pro Stream sie von Spotify erhalten. Ausbeutung! Dumm nur, dass Spotify niemals auch nur einer oder einem Musiker eine Abrechnung geschickt hat – die Vertragspartner von Spotify & Co sind die Rechteinhaber, die bekommen die Abrechnungen und Auszahlungen und ziehen entsprechend ihrer Verträge mit den Musiker:innen ihren meist gewaltigen Anteil (auch bei den meisten Indies sinds immer noch 50 Prozent!) ab, bevor sie den Rest an die Musiker:innen auszahlen. 
 
Aber dass die Musiker:innen häufig schlechte Verträge mit den Plattenfirmen haben, sie also quasi übertölpelt wurden, ist eine Narration, die sich nicht so gut macht. Zumal: wes Brot ich esse…
Und ich habe es noch nicht erlebt, dass sich Musiker:innen über schlechte Deals bei YouTube empört hätten – dabei zahlt dieser Streamingdienst mit Abstand am wenigsten an die Rechteinhaber aus (wenn man von Bandcamp absieht, bei denen das Streaming komplett ohne Bezahlung der Musiker:innen abläuft). Aber klar, ein schickes oder zumindest selbstgemachtes Video wollen sie alle auf YouTube haben, da legt man sich nicht mit dem Streamingdienstleister oder gar dessen Mutter Alphabet an und postet lieber Fake-News über Spotify.
 
Und da haben wir noch nicht von den Journalist:innen gesprochen, die in aller Regel schlecht (wenn überhaupt…) recherchierte Artikel gegen Spotify schreiben und sich im Solidaritätsboot mit den Musiker:innen wähnen. Da gibt es allen Ernstes Radiomoderator:innen, die klagen, dass Spotify doch die Indies und junge und unbekannte Musiker:innen und Bands benachteiligen würde – und das plappern sie in Sendern daher, die in ihrem Formatradio die Musik, die ihnen die Majors unterjubeln, rauf und runter dudeln und praktisch nie einen Track von Indie-Firmen oder gar unbekannten Musiker:innen spielen.
Und wenn genug auf angeblichen (und mitunter auch realen) Problemen von Spotify herumgetrampelt wurde, können dann Besinnungsaufsätze geschrieben werden, in denen es heißt „Der Ruf des Streamingportals Spotify ist am Boden“ (FAS 23.11.2025).
 
Es ist ein armselig Ding um die Berichterstattung und die Bewertung von Spotify.
Den Vogel schoss dieser Tage die „taz“ ab. Dort wirft sich ein Thaddeus Herrmann – laut Wikipedia ein „deutscher Electronica-Musiker, Musik- und Technologiejournalist sowie Labelbetreiber“ – unter der populistischen Parole „Fairer streamen“ mit allerlei Falschbehauptungen und Mutmaßungen in die Propagandaschlacht gegen Spotify.
 
So behauptet der „taz“-Autor, dass „die drei verbliebenen Majorlabel Sony, Universal und Warner Mehrheitseigner“ von Spotify seien. Das ist schon nicht mehr Fake News, sondern eine glatte Lüge. Laut Marketscreener vom Erscheinungstag des „taz“-Artikels gehört lediglich einer der drei genannten Majorlabels zu den zehn größten Anteilseignern von Spotify, nämlich die Sony Group Corporation – mit gerade einmal 2,514 Prozent Anteilen. Selbst taz-Autoren sollten über soviel Mathematikkenntnisse verfügen, dass sie herausbekommen, dass 2,5% weit entfernt von einem „Mehrheitsanteil“, also von 50,1% sind. Universal hielt Ende 2024 laut eigenem Finanzbericht noch rund 3,3% Anteile an Spotify, hat also im Lauf des Jahres diese Anteile wohl noch weiter reduziert. Und Warner hat bereits im Mai 2018 seine gesamten Spotify-Anteile für mehr als eine halbe Milliarde US$ verkauft.

Überhaupt waren die Majors (und die Indies) immer weit davon entfernt, „Mehrheitsanteile“ an Spotify zu halten. Zu Gründungszeiten des Streamingdienstes 2008 wurden die damals noch vier Majors mit insgesamt 17 Prozent (für die „taz“: das ist deutlich weniger als 50,1%!) und die Indies über Merlin, ihre kommerzielle Agentur für die Auswertung der digitalen Rechte der Indie-Labels, mit einem Prozent an Spotify beteiligt. Nominalwert: 8.804 Euro.
Zehn Jahre später, beim Börsengang von Spotify, waren diese Anteile sage und schreibe rund 2,6 Milliarden US$ wert – und wurden von den Majors zum Teil (Universal, Sony) beziehungsweise komplett (Warner) bei der erstbesten Gelegenheit, nämlich unmittelbar nach dem Börsengang von Spotify, mit gigantischen Gewinnen zu Geld gemacht.
 
Übrigens auch von Merlin, also den Indies. Merlin hat 2018 seine Anteile an Spotify monetarisiert und die erzielten gut 130 Millionen US$ komplett an seine mehr als 20.000 Mitgliedsfirmen (also Plattenfirmen und Vertriebsorganisationen) verteilt. Es wäre spannend zu erfahren, welche und wie viele der Indies ihre Musiker:innen an diesen leistungslos erzielten Spotify-Gewinnen wenigstens zum Teil beteiligt haben. Von der Beggars-Group, einer der kommerziell erfolgreichsten unabhängigen Plattenfirmen weltweit, wissen wir immerhin, dass sie die Hälfte der von Merlin an sie ausgezahlten Spotify-Gewinne an ihre Musiker:innen ausgezahlt hat; ebenso haben es Sony und Warner gehalten.
 
Die bösen Majors also, die laut „taz“ ja immer noch über die Mehrheitsanteile an Spotify verfügen, die sie nie hatten…
(Frage am Rande: Gibt es bei der taz wirklich keine kompetenten Redakteur:innen, die derartige Lügenmärchen ihrer Autoren auf ihren Wahrheitsgehalt prüfen?!?)
 

24.12.2025

Musikstreaming und AI-Tracks

Bleiben wir noch einen Moment beim Musikstreaming.
Am 12. November meldete „Music Business Worldwide“ (MBW), dass jeden Tag 50.000 von AI, also künstlicher Intelligenz, kreierte Tracks die hauptsächlich in Frankreich relevante Musikstreaming-Plattform Deezer fluten würden. Das sind 34 Prozent aller täglich neu eingestellten Tracks auf Deezer.
Aijaijai…
 
Allerdings: Etwa 70 Prozent all dieser AI-Tracks werden von Deezer als betrügerisch bezeichnet und von den Lizenzzahlungen ausgeschlossen. Und sowieso beträgt der Anteil aller AI-generierten Streams bei Deezer nur 0,5 Prozent, ist also weitgehend vernachlässigbar.
 
Mal abgesehen von der Frage, wer all die täglich neu eingestellten 147.000 Tracks hören soll (und will) – noch interessanter fand ich den zweiten Teil des MBW-Berichts. Demnach hat Ipsos in acht Staaten eine umfassende Umfrage unter 9.000 Streamingnutzern durchgeführt, die erstmalig die Haltung zu AI-generierter Musik untersucht hat.
Dabei kam heraus, dass 97 Prozent aller Befragten bei einem „Blind listening test“ absolut keinen Unterschied zwischen komplett von Künstlicher Intelligenz hergestellten Tracks und solchen von Menschen kreierten feststellen konnten.
 
Man könnte nun feststellen, dass die AI mittlerweile verdammt gut darin ist, Mainstream-Musik herzustellen. Andersherum wird für die Musikindustrie und ihre Copyright-Cops jedoch ein Schuh draus: Ganz offensichtlich ist es nicht die menschliche Kreativität, die allein in der Lage ist, die „einzigartige“ Schlager-, Rock- oder Popmusik herzustellen, wie von den Verfechtern des umfassenden Verwertungsrechts immer wieder behauptet wird. Nein, 97 Prozent des Zeugs, mit dem alle Musikkanäle tagtäglich verstopft werden, lässt sich offensichtlich ebenso schlecht von AI erzeugen. Jedenfalls scheint es für die Musikhörenden egal zu sein, ob die Musik, die sie hören, von Menschen oder von AI produziert wird. Sie hören den Unterschied einfach nicht. Es gibt nämlich keinen.
 
Für jemanden, der seit jeher Musik:innen vertritt, die eher „besondere“, „abseitige“ oder als „schwierig“ geltende Kunst machen, ist AI eher keine Bedrohung. Denn den drei Prozent neuer Musik, bei denen die Hörer:innen bemerken, dass sie durch menschliche und eben nicht durch künstliche Kreativität geschrieben und produziert wurden, gilt weiterhin unser Augenmerk, unser Engagement und unsere Leidenschaft. Dafür ist AI keine Gefahr…
 
Übrigens: Mindestens zehn mit AI hergestellte Songs sind in den letzten Wochen weltweit gechartet. Telisha „Nikki“ Jones beispielsweise, die mit Gospel, Blues und R&B aufgewachsen ist, in einem Chor singt und Gedichte schreibt, hat nie daran gedacht, eine Künstlerin zu sein – „was never a dream of mine“. Dann aber hat sie ein Gedicht mit dem Titel „How Was I Supposed to Know?“ geschrieben und ließ eine KI die Musik dazu erstellen. Das Ganze schrieb sie einem ebenfalls von AI kreiertem Avatar namens Xania Monet zu. Der Song brachte ihr die Aufmerksamkeit, nach der sich die meisten aufstrebenden Musiker:innen sehnen: Er startete durch, schaffte es in die Top 20 der Billboard „Hot R&B“-Charts und brachte ihr laut „Wall Street Journal“ einen siebenstelligen Plattenvertrag ein… (die ganze Story hier)

(obacht: das ist ein AI-generiertes Bild der AI-Performerin Xania Monet! Quelle: WSJ)
 

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