13.06.2018

Internet für Idealisten

Aber heute muß sowieso alles, was man gerade tut, eine mindestens metaphysische Bedeutung haben. „Internet für Idealisten. Wer Firefox nutzt, setzt sich für eine bessere Welt ein“, schallt es mir aus einer Anzeige entgegen. Einfach nur einen gut arbeitenden Web-Browser benutzen? Iwo. Ohne Meta-Ebene geht es einfach nicht mehr.

13.06.2018

Marius Müller-Westernhagen schreibt Vorwort zu "Das Geschäft mit der Musik"

Marius Müller-Westernhagen hat der „FAS“ ein großartiges Interview gegeben, das sich wie ein Vorwort zur nächsten Auflage von „Das Geschäft mit der Musik“ liest.
Er erklärt, warum Loyalität dem Publikum gegenüber ein Geheimnis langfristigen Erfolgs ist. Und „daß man etwas ausdrückt, was andere zwar empfinden, aber selbst nicht artikulieren können.“
MMW wirft einen Blick in vergangene Zeiten, als „Künstler mehr Zeit hatten, sich zu entwickeln“, spricht ehrlich über Überforderungen, über Stadionkonzerte („haben mit musikalischer Qualität nichts zu tun“) und über den brutalen Druck, den Plattenfirmen auf Musiker*innen ausüben.
Und den deutschen „Jammerlappen-Pop“ (von Revolverheld bis Tim Bendzko) hält Müller-Westernhagen für ein „Ergebnis der Popakademie. Ich höre die Harmonielehre, höre die typischen Melodien und diese Weichei-Stimmen. Das ist langweilige Fabrikation, aber leider System.“
Lesens- und bedenkenswert.

13.06.2018

"Indiezeugs so abgeschmackt wie Helene Fischer"

„Das meiste Indiezeug ist ja so abgeschmackt wie Helene Fischer, nur für tätowierte Jungs. Mir ist das zu schwelgerisch, zu sentimental, zu selbstbezogen. Zu breiig.“
Daniel Richter, Maler und Besitzer des Labels Buback, im Interview mit „Freitag“

13.06.2018

"listen to Berlin" - Von CDs, die die Welt nicht braucht, und warum sie doch erscheinen

Liebe Berlin Music Commission!
Unbeirrt gebt ihr Jahr für Jahr eine CD namens „listen to Berlin“ heraus, die niemand anhört, die niemanden interessiert, die einfach völliger Mumpitz ist. Nun gut, ich verstehe, ihr zockt dafür jedes Jahr ein paar tausend Euro bei irgendwelchen Institutionen ab, denen ihr erzählt, daß das eine ganz fabelhafte musikalische Visitenkarte der ach so hippen deutschen Metropole sei. Und ihr verteilt das so sinnfreie wie überflüssige Dingens dann bei Stadtmarketing-Events, Messen und „Branchenevents“ weltweit, wo es dann einsam und verlassen auf irgendwelchen Grabbeltischen herumliegt, gegen die die Angebote von Wolle oder Kick wie ein Premiumsegment daherkommen. Mitgenommen werden eure CDs nur von Zauseln, die alles grabschen, was umsonst ist. Oder denkt ihr wirklich, irgendeine Berliner Band hätte durch die bloße Anwesenheit auf eurem „listen to Berlin“-Sampler eine wie auch immer geartete, gar eine  internationale Karriere erspielt? Awcmon. Sowas glauben nur Politiker*innen. Ach so, ich vergaß, ist ja klar: das genau ist ja eure eigentliche Zielgruppe. Die finanzieren euch ja solche CDs und eure Reisen zu all den weltweiten Branchen- und Stadtmarketing-Events. Na, denn macht mal hübsch weiter mit euren Berlin-Samplern, und pusht sounds forward oder wie ihr halt gerade so daherplappert in eurer wichtigtuerischen Bedeutungslosigkeit. Nix für ungut.

13.06.2018

Kultursenat Berlin subventioniert "Live Music Accelator"

Und wo wir gerade von der „Berlin Music Commission“ sprechen, die jährlich allein vom Berliner Senat € 250.000 für „Musikwirtschaftsförderung“ erhält: Die sind natürlich auch mit dabei, wenn es um die Finanzierung einer sogenannten „Förderinitiative Live Music Accelerator Berlin (LMAB) geht. Deren vorgebliches Ziel: „auch kleine Berliner Clubs und noch unbekannte Berliner Artists sollen gut besuchte Gigs in Berlin veranstalten können“. Interessant: die Künstler sollen ihre Konzerte also selbst veranstalten, wenn es nach der LMAB geht – Musiker*innen als kleine Ich-AGs, Musikförderung im Hartz IV-Style.
Es geht um „smartes Digitalmarketing“.
LMAB behauptet, „Online-Marketing Partner von u.a. Spotify, Moderat und Universal“ zu sein. Als solche „wissen wir, wie erfolgreiche Konzertwerbung heute gelingt“. Und dieses Wissen, flötet die Förderinitiative, „wollen wir mit dir teilen“: „Du hast in der Vergangenheit viel Potenzial verschenkt? Hol es dir jetzt zurück (das Potenzial?!? BS) und Get The Crowd mit digitalen DIY-Lösungen.“
In Wahrheit, beziehungsweise laut Impressum, gibt es diese „Förderinitiative“ interessanterweise gar nicht. Im Impressum steht lediglich eine „GET a GIG GmbH“. Und das ist just die GmbH, die unter der gleichen Anschrift auch die Firma „Gigmit“ betreibt, eine Plattform, die eine Gig- und Venue-Datenbank gegen Bezahlung zur Verfügung stellt. Und der „CEO“ von LMAB, der sogenannten „Förderinitiative“, ist gleichzeitig auch CEO von Gigmit, nur daß er sich dort im Impressum als „Geschäftsführer“ bezeichnet.
Und Partner der selbsternannten Förderinitiative ist ausgerechnet Ticketmaster, der Großkonzern, der der weltgrößte Ticketinganbieter ist.
Worum geht es also? Hier tun sich zwei Konzerne zusammen, denen es um Big Data geht, und die unter dem Deckmäntelchen der Club- und Künstlerförderung ein eiskaltes neoliberales Geschäft betreiben. Finanziert wird die LMAB, und da wird es pikant und geradezu ein Skandal, u.a. von der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa und aus Mitteln der Europäischen Union.

13.06.2018

Popakademie verkauft sich an Google's YouTube

Was dem Berliner Kultursenat recht ist, ist der Mannheimer Popakademie billig: während jene dem Ticketmaster-Konzern und der GET a GIG GmbH eine sogenannte Förderplattform mitfinanzieren, macht die Popakademie Baden-Württemberg künftig gemeinsame Sache mit der Google-Tochter YouTube.
YouTube wird mittels eines zunächst auf drei Jahre ausgelegten Kooperationsvertrags Bachelor- und Masterstudierende der Popakademie „unterstützen“. Es ist „die weltweit erste vertraglich vereinbarte Zusammenarbeit zwischen YouTube und einer Hochschule“, konnte man auf „Musikwoche.de“ erfahren. Die Popakademie findet, dies „unterstreiche die Leuchtturmfunktion der Popakademie im internationalen Kontext“. Man kann es aber auch so sehen, daß die Popakademie die weltweit erste Hochschule ist, die sich von Google’s YouTube hat kaufen lassen...

13.06.2018

Konzerne & Bundeswehr im Berliner Schwuzz

Aber käuflich sind sie halt alle, das ist der allgegenwärtige Zustand der Verkommenheit nicht nur der Musikindustrie.
Das in den späten 1970er Jahren in Westberlin gegründete Schwulenzentrum „Schwuz“ galt lange als alternativer Leuchtturm in einer homophoben Gesellschaft. Es ging um emanzipatorische oder doch zumindest irgendwie alternative Lebensentwürfe.

Mittlerweile begrüßt das Schwuzz in seinen Hallen bei einer „Sticks and Stones“ genannten Veranstaltung, laut Eigenwerbung des Veranstalters „Uhlala“ „Europas größte Job- und Karrieremesse“ für LGTB, internationale Großkonzerne und die Bundeswehr. Zu den „80 stolzen Arbeitgebern“, die sich Anfang Juni im Schwuzz präsentieren durften, gehören die üblichen Verdächtigen: Bayer, Coca Cola, Google, McKinsey, Pfizer, SAP oder Thyssen-Krupp, aber auch der Axel Springer-Konzern, dessen Blödzeitung bekanntlich seit jeher eine Kampfschrift gegen Rassismus, Sexismus und Homophobie ist. Und neben all den Rüstungs- oder Pharmakonzernen ist auch die deutsche Bundeswehr mit von der Partie, bestens bekannt für ihre stets praktizierten flachen Hierarchien.

Es ist alles wie immer, nur schlimmer.

13.06.2018

Klaus Meine und der Leibniz-Ring Hannover

Und Klaus Meine, die Hannoveraner Rockröhre, die Gerhard Schröder und ein paar Millionen anderer so gut gefällt, erhält dieses Jahr den „Leibniz-Ring Hannover“. Weil sein „Wind of Change“ als „Hymne der Wende“ in die Geschichte eingegangen sei.

Da wird sich Herr Leibniz sicher freuen. Der war ja als Mathematiker, Philosoph und Politiker auch irgendwie einer, bei dem ein Umbruch stattfand, wenn auch nur der Umbruch zur Moderne. Sein Denken substantieller Formen, von Relationen bildete die Grundlage für die Differentialrechnung. Leibniz hat bekanntlich erkannt, daß „ein Weltmodell als ein Relationensystem entworfen werden muß, in dem (...) die Einheit aus der Vielheit bestimmt werden müsse, wenn nicht die Mannigfaltigkeit dessen, was der Fall ist (...), in einem unterschiedslosen hen kai pan (eins-und-alles) verschwinden soll.“ (Hans Heinz Holz)
Ungefähr das werden auch Klaus Meine und seine Scorpions, aber auch das Kuratorium des Presseclubs Hannover, das den Leibniz-Ring an Meine vergab, geMEINEt haben.

02.06.2018

Die kleine steile heile Welt eines "Volks-Rock'n'Rollers"

Aus „Kleine heile steile Welt“ vom neuen Album des kleinen heilen steilen selbsternannten „Volks-Rock’n’Roller“s Andreas Gabalier:

"I glaub an mei Land und die ewige Liab / Nix is mehr Daham als ein Schnitzel aus der Pfann / Tradition leben, mit der Zeit gehen / So wie's früher in der Milka-Tender-Werbung war / I glaub an Leut, die sich geben wie sie sind / In einem christlichen Land hängt ein Kreuz an der Wand ... I glaub an den Petrus an der Himmelstür / Der sagt, komm her zu mir, Bua i muss reden mit dir / Vaterunser beten, Holzscheitelknien / Nach einem Zeltfest im Rausch am Heuboden die Unschuld riskieren ..."

Über Alben von Bushido oder Kollegah wird mittlerweile auch in den Feuilletons gestritten, den Rechtsaußen-Schlager-Rock der Marke „Das wird man doch wohl noch singen dürfen“ allerdings läßt man rechts liegen.
Aber der Fall liegt natürlich komplizierter. Denn derartiges Zeugs ist ja die Kernmarke von ARD/ZDF, von Seehofer und Söder mit ihren Heimatministerien und letztlich mittlerweile auch von Andrea „Wir können nicht alle aufnehmen“ Nahles.

Konsequenterweise fährt der Volks-Rock’n’Roller Volkswagen und läßt sich auch das fett bezahlen. „Crossmediale Vermarktungsstrategie“, sagen die einen. Gegenseitiges Whitewashing könnte man auch anmerken.


Foto: Paul Schirnhofer für Volkswagen; MusikWoche vom 9.5.2018

So oder so – natürlich würde man lieber in einem Land leben, wo derartiges Zeugs von den Menschen schlicht ignoriert werden würde, statt daß sie alle diese dümmlichen Platten kaufen und sie auf Spitzenpositionen der Charts hieven. Man wird ja noch mal träumen dürfen.

21.05.2018

Judentum und Arbeiterbewegung. Unbezahlbar

Eine Neuerscheinung, die mich sehr interessiert:

„Judentum und Arbeiterbewegung. Das Ringen um Emanzipation in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts“, unlängst erschienen bei De Gruyter.
Der Preis? Schlappe 119,95 Euro. Egal, ob gedruckt oder als E-Book.

Ein Buch, das über den Kampf gegen „die doppelte Unterdrückung als Proletarier und Juden“ berichtet, das sich aber weder Proletarier noch zum Beispiel Student*innen oder Interessierte ohne explizit nicht-proletarischen Hintergrund je werden leisten können?
Hier geht es nicht um Diskurs, sondern nur darum, ein Buch zu veröffentlichen, das sich nur die Bibliotheken leisten können. Und eine Volks- oder Studienausgabe wird strikt verweigert, sogar als E-Book bleibt das Buch ein Luxus.
Solche Bücher sollten eigentlich günstig im Netz zu lesen sein – falls, ja falls Verlag und Autor*innen ein Interesse daran haben würden, daß ihre Bücher auch gelesen werden...

21.05.2018

CSU-Granden beten in Tuntenhausen

Also mal ehrlich – was mir wirklich gut gefällt: Daß sich die CSU-Parteielite seit jeher am letzten Sonntag im April in der „Wallfahrtskirche zu Tuntenhausen“ („Spiegel“) of all places zum Beten trifft.

21.05.2018

Trügerische Erinnerungen: "Unsere Mütter, unsere Väter" haben mehr als doppelt so viele Juden versteckt, wie 1939 in Deutschland gelebt haben!

In der Studie „Trügerische Erinnerungen. Wie sich Deutschland an die Zeit des Nationalsozialismus erinnert“ der Universität Bielefeld und der Stiftung Erinnerung erantwortung Zukunft (EVZ) geben nicht nur 18 Prozent der befragten Deutschen an, daß Vorfahren von ihnen unter den „Tätern des Zweiten Weltkriegs“ waren, sondern genauso viele behaupten, daß Vorfahren von ihnen Verfolgten geholfen hätten („zum Beispiel Juden versteckt“).

Niklas Lämmel hat in „Konkret“ nachgerechnet:
„Selbst wenn man davon ausgeht, daß sich jeweils fünf Deutsche an einen gemeinsamen heldenhaften Vorfahren erinnern und jeweils fünf Deutsche zusammen einem Juden Unterschlupf gewährten, dann haben ‚unsere Mütter, unsere Väter’ 590.400 der 276.700 Juden versteckt, die 1939 noch in Deutschland lebten.“

21.05.2018

Jetzt neu: Birkenstock für Ihre Hände!

Das hat uns noch gefehlt:
Wenn Sie möchten, daß auch Ihre Hände nach original Öko-Fußschweiß riechen – Birkenstock hat eine Bio-Handcreme für Sie auf den Markt gebracht!
 

 

18.05.2018

Bad news for Copyright-Cops: Leistungsschutzrecht für Presseverlage ist ein grandioser Flop!

Kurzes Update für unsere Copyright-Cops:
Die Bundesregierung hatte bekanntlich den Bückling gemacht vor Deutschlands Großverlegern, angeführt vom Axel Springer-Konzern, und wider alle Vernunft ein Leistungsschutzrecht für Presseverleger eingeführt, von dem bezweifelt werden darf, ob es überhaupt rechtskonform zustande gekommen ist; nicht wenig spricht dafür, daß der Europäische Gesetzhof entscheiden wird, daß das Gesetz unzulässig ist. Die Bundesrepublik würde dann schadensersatzpflichtig werden.

Doch jenseits der juristischen Frage beweist auch die Praxis die grandiose Unsinnigkeit des von CDU, CSU und SPD verabschiedeten Gesetzes: Im Jahresbericht 2017 der VG Media, die die Presseverlage in dem Streit vertritt, kann man nachlesen, daß durch das neue Leistungsschutzrecht im vergangenen Jahr gerade einmal Einnahmen in Höhe von 30.000 Euro erzielt wurden. Im gleichen Jahr hat man aber 2.250.099,06 Euro für die Rechtsdurchsetzung ausgegeben.

Doch seitens der Bundesregierung ist man uneinsichtig, nein, geradezu stur und störrisch: denn die Regierung setzt sich gar für eine europäische Variante dieses unsinnigen Gesetzes ein. Hauptsache, man ist unverbrüchlich auf Seiten der Medienkonzerne, koste es, was es wolle – Geld, Sinn und Verstand...

16.05.2018

Live Nation sitzt im Glashaus und geht auf Frauensuche

Eine der absurdesten Meldungen des Jahres kommt vom weltweiten Branchenführer der Konzertindustrie, dem umstrittenen US-amerikanischen Großkonzern Live Nation. Laut „Musikwoche“ hat Live Nation unter der Bezeichnung „Women Nation Fund“ eine Initiative eingerichtet, „mit der der Live-Entertainment-Konzern von Frauen geführte Festivals, Events oder Veranstaltungsfirmen finden und fördern will. Auf diese Weise wolle man die Zahl der weiblichen Führungskräfte in der Livebranche signifikant erhöhen.“

Niedlich. Der größte Konzertveranstalter der Welt geht auf eine Art Schwammerlsuche und versucht, Festivals und Veranstaltungsfirmen zu finden, die von Frauen geführt werden. Wie wäre es denn, wenn sich der Konzertmonopolist stattdessen im eigenen Konzern auf die Suche nach Frauen in Führungspositionen begeben würde? Bei Live Nation geben nämlich durchweg Männer den Ton an, ob als CEO des internationalen Konzerns oder bei den Chefs der nationalen Firmen, wie beispielsweise Live Nation Deutschland. Und bei den zahllosen Festivals, die Live Nation weltweit betreibt oder an denen der globale Konzern Anteile hält, sieht es nicht viel anders aus, Frauen in Führungspositionen muß man bei Live Nation ebenso mit der Lupe suchen wie weibliche Bands auf den konzerneigenen Festivals.

„Der Women Nation Fund ist ein erster Schritt, neue Unternehmer zu bestärken und im Sektor des Live-Musik-Geschäfts mehr Chancen für Frauen zu schaffen“, plappert Live Nation-CEO Michael Rapino daher. Solange aber sein eigener Konzern keine Schritte unternimmt, Frauen „mehr Chancen zu geben“, offenbart sich der „Woman Nation Fund“ als das, was er ist: ein billiger Werbecoup ohne jede Bedeutung.
Michael Rapino sitzt im Glashaus und wirft mit Steinen. Es klirrt so schön.

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