03.04.2021

Meese goes Hell

„Kunstprediger“ Jonathan Meese, DJ Hell, der „strahlende Herrscher über mannigfaltige House- und Technobeats“, Jonathans Mutter Brigitte Meese und Daniel Richter haben jetzt eine Band. Kein Scherz. Buback Tonträger machts möglich.
Max Dax hat den Promotext fürs erste Album geschrieben, und das hört sich dann so an: „…ein Testament eines Zusammentreffens zweier leidenschaftlicher Künstler und einer großen Frau.“ Testament? Egal, Hauptsache klingt irgendwie toll und schwurbelig.
So kommt zusammen, was zusammengehört, oder: Dinge, die die Welt nicht braucht.
Die Feuilletons und die Kulturmagazine der Öffentlich-Rechtlichen gehen steil und berichten groß. Weltweite Goetheinstituts-Tourneen sind garantiert.

01.04.2021

Polydor schreibt Brian Ferry 1971 einen Absagebrief...

Die gängige Narration der Tonträgerindustrie geht bekanntlich so: „Wir Musikunternehmen investieren Milliarden in die Nachwuchsförderung! Und deswegen brauchen wir ja auch Urheberrechte zig Jahrzehnte über den Tod der Musiker:innen und Auror:innen hinaus, weil sich nur so unsere gigantischen Investitionen rechnen.“
Die Realität: 1971 schickt eine unbekannte Band namens Roxy Music der deutsch-britischen Plattenfirma Polydor (heute Teil von Universal Music/Vivendi) ein Band mit aktuellen Aufnahmen, das sich die A&R-Leute und Bosse aufmerksam anhörten, jovial beurteilten, um der Band abzusagen – die Musik sei zwar „interessant“, aber ihr fehle die Musikalität eines Walter Carlos, und überhaupt seien die Songs „zu experimentell, um darauf hoffen zu können, genug öffentliche Aufmerksamkeit für einen Charts-Einstieg zu generieren“. Also, leider leider: Nix für uns bei Polydor! Aber um euer Interesse an unserer Firma zu belohnen, legen wir euch noch eine Gratis-Kassette vom jüngsten Hit-Album „Polka-Party“ von James Last bei… Und tschüss.
Hier der Polydor-Brief im Original (auf Twitter gepostet von Chris Frantz, dem Drummer und Gründungsmitglied der Talking Heads, am 1.4.2021):

01.12.2020

Klasse Satz: Franz Dobler sagt...

Klasse Satz (in dem Fall: Sätze…):
„Das grösste Problem für viele Kulturschaffenden scheint jetzt zu sein, dass sie in eine Lockdown-Schublade mit den Nagelstudios gesteckt wurden. Mein Problem ist das zum Glück nicht. Ich bin lieber mit den Nagelstudios in einer Schublade als mit circa 87,23 % aller Kulturschaffenden.“
(Franz Dobler)

01.12.2020

Wiedervereinigung?

Was bedeutet eigentlich dieses „wieder“ in „Wiedervereinigung“, fragte die Filmwissenschaftlerin und Autorin Angelika Nguyen bei den von Max Czollek veranstalteten „Tagen der Jüdisch-Muslimischen Leitkultur“, wenn doch die Teilung nach dem Ende des deutschen Faschismus stattfand?
 

01.12.2020

Toller Popjournalismus mal wieder...

Was für ein tolles Popjournalismus-Wochenende Mitte November!
Die „taz“ quatscht ausführlich mit dem einschlägig bekannten Fruchtbonbon (das bekennt, „Singen hat was Sakrales" – ja, warum tut er's dann nicht?).
Die „Süddeutsche“ plaudert mit Abbas Björn, das „Neue Deutschland“ bespricht Black Sabbath, die „Junge Welt“ macht sich konsequent zur „alten Welt“ und bringt eine Seite ihres ohnehin nur zwei Seiten umfassenden Feuilletons mit Artikeln zu AC/DC und dem Boss (und schiebt am Montag gleich noch einen Riesenartikel über Motörhead nach; Randnotiz: die großen Artikel zu Black Sabbath, AC/DC und Motörhead in ND und jW stammen von ein und demselben – durchaus geschätzten – Autor…).
Und das „FAZ Magazin“, also dieses Upper Class-Hochglanz-Anzeigenblättchen mit angeschlossener Artikelbeigabe (wobei in den Artikeln gerne „redaktionell“ nochmal die Produkte der Anzeigen verwurstet werden), titelt ein ellenlanges Interview mit, wow!, Heino, dem rechten Untoten des deutschen Schlageruniversums.
Ach wie gut, daß es hierzulande auch im Popjournalismus eine heilige Presse- und Themenvielfalt gibt…

 

01.12.2020

Deutsche Popmusik kann für irreperable Hirnschäden sorgen!

Naidoo, Nena, Wendler…
Obacht! Deutsche Popmusik kann für irreparable Hirnschäden sorgen!
Eltern haften für ihre Kinder.
Wann werden deutsche Plattenfirmen endlich einen „Parental Advisory“-Aufkleber auf ihre deutschen Veröffentlichungen pappen?
 

01.12.2020

Klasse Satz: Róisín Murphy sagt...

“This is a simulation, this is for demonstration.”
(Róisín Murphy)

21.09.2020

Ché Noir, Apollo Brown und der deutsche Popjournalismus

Was aber ist ein Popjournalismus wert, der zwar alle möglichen und unmöglichen Produkte der Tonträgerindustrie rauf und runter rezensiert, jedoch keine einzige Zeile und keinen Ton über eines der besten Alben des Jahres verliert, nämlich „As God Intended“ von Ché Noir und Apollo Brown?
Und das hat System – bereits das sensationelle „Sincerely, Detroit“ von Apollo Brown wurde letztes Jahr vom deutschen Popjournalismus großflächig ignoriert.

14.09.2020

Der Hl. Martin Seehofer und die Nächstenliebe

„Wir haben erreicht, daß sich zehn Länder an der Aufnahme von 400 unbegleiteten Jugendlichen beteiligen. Für uns wird das eine Größenordnung zwischen 100 und 150 Jugendlichen. Das ist ein konkretes Beispiel praktizierter Nächstenliebe.“
Horst Seehofer, Bundesinnenminister (CSU)

Nächstenliebe?
Genau, so kennen wir es ja auch aus der Legende vom Hl. Martin, dem Martin von Tours: Als der einem armen, unbekleideten Mann begegnete, hat der Hl. Martin bekanntlich nicht etwa seinen Mantel mit dem Schwert getrennt und die Hälfte dem Armen gegeben, sondern er hat von seinem Umhang einfach nur einen Knopf abgetrennt und dem Armen mit großer Geste und den Worten „das ist ein konkretes Beispiel christlicher Nächstenliebe“ überreicht.

 

14.09.2020

Fröhliche Cancel Culture

Interessant ja auch, daß das selbsterklärte und von der üblichen Feuilletondebatte als solches bestätigte „Opfer“ der sogenannten „Cancel Culture“ in der Folge nach ihrem abgesagten Hamburger Auftritt mit ellenlangen Interviews, Porträts und Rezensionen in praktisch allen, aber auch wirklich praktisch allen Feuilletons, Zeitschriften und Medien dieser Republik bedacht wurde. Hier zeigt sich ein ganz neues Verständnis von „Cancel Culture“…

 

09.09.2020

"Abgehört"-Rubrik auf "Spiegel Online": Verlag hat Budget gekürzt

Falls sich jemand wundern sollte, warum die gute, kluge und wichtige Rubrik „Abgehört" bei „Spiegel Online“ (weiß schon, das Internetdingens vom Spiegel heißt nicht mehr so…) jetzt so gekürzt erscheint und es nur noch ein Album der Woche und ein paar Kurzkritiken gibt statt vier ausführlicher und gut geschriebener Rezensionen: Die Redaktion hat das Budget für Gastautor*innen gestrichen, wie ich aus gut unterrichteten Kreisen erfahren habe.
Und so wird der Raum für Popkritik hierzulande immer kleiner, und das ist verdammt übel.

 

09.09.2020

Klaus Lemke über 50 Jahre Staatskino

„50 Jahre Staatskino ist gleich Hunderte von stark missbrauchsanfälligen Regisseuren plus ein paar Milliarden verschwendeter Steuergelder. Brav, banal, begütigend, frigide, käuflich und selber schuld. Staatsknete ist ein Tritt in die Kreativität jedes Regisseurs. Das ganze System ist am Arsch.“
Klaus Lemke, Regisseur (Jungle World, 13.8.2020)

08.08.2020

Authentischer Selbstliebe-Pop goes Majors

Thomas Winkler hat eine „Wilhelmine” für die „taz“ interviewt. Die Musikerin bekennt:
„Ja, ich mache Mainstream-Pop. Ich würde zwar eher sagen: Selbsterkundungs-Pop. Oder Selbstliebe-Pop.”
Sie sind auf jeden Fall bei einer großen Plattenfirma.
„Ja, und dafür habe ich mich bewusst entschieden. Ich bin auf die Plattenfirma zugegangen. Denn die Musik ist für mich kein Hobby. In meiner Idealvorstellung kann ich gut von der Musik leben, es groß machen und Konzerte spielen, zu denen auch tatsächlich Menschen kommen. Und ich habe mir überlegt, wie ich die meisten Menschen erreichen kann, wie ich eine Bühne bekomme, mir aber trotzdem treu bleiben kann – und deshalb habe ich beim Major angeklopft. (…)“
Warum hat die Plattenfirma Sie verpflichtet, was denken Sie?
(denkt lange nach) „Ich glaube, weil ich authentisch bin.“
OMG…
Wohlgemerkt, „Wilhelmine” ist in einem besetzten Haus in Kreuzberg aufgewachsen, bis sie mit ihren Eltern ins Wendland gezogen ist, um dort gegen das geplante Atomendlager zu protestieren. Eine Zeitlang studierte sie BWL, „um mich strukturierter zu fühlen”
Musikmachen in Zeiten des Neoliberalismus. Und alles, was einer jungen, in einem besetzten Haus und im Wendland aufgewachsenen Musikerin einfällt, die von ihrer Musik leben will, ist, einen Major-Vertrag zu ergattern? Weil sie dort „die meisten Menschen erreichen“ kann?!?
Ach, wie wahnsinnig authentisch sie doch ist, diese „Wilhelmine“ und ihr „Selbstliebe-Pop“…

 

08.08.2020

Lufthansa: Massenentlassungen & millionenfache Verzögerung bei Ticketerstattungen. Bundesregierung: "verärgert"...

Am 7.8. gab die Lufthansa, die in der Coronära 9 Milliarden Euro Staatshilfe erhalten hat, bekannt, dass sie Massenentlassungen plant. Einen Tag später stellt sich heraus, dass die Lufthansa ihren gesetzlichen Verpflichtungen, den Kunden Tickets für abgesagte Flüge zu erstatten, seit Monaten nicht nachkommt und aktuell noch 1,24 Millionen Erstattungsanträge unbearbeitet sind und entsprechend viele Menschen darauf warten, endlich ihr Geld zurück zu bekommen.
Und die Bundesregierung? Sie zeigt sich darüber „verärgert“. Wohlgemerkt just jene Bundesregierung, die es gelassen verschmäht hatte, für ihre 9 Mrd. € Staatshilfe eine angemessene Unternehmensbeteiligung zu erhalten – mit der sie nun die Geschäftspolitik der Lufthansa maßgeblich mitbestimmen könnte, statt sich darüber „verärgert“ zu zeigen…

08.08.2020

Wie es einmal fast zwei Frauen aufs Cover des „Rolling Stone" schafften...

„Wie es einmal fast zwei Frauen aufs Cover des ‚Rolling Stone‘ schafften“, lautet der auf allen Ebenen sehr lesenswerte Artikel von Stefan Niggemeier in „Übermedien“. Zwei Frauen, die Soulsängerin Joy Denalane und die Rockmusikerin Ilgen-Nur, wurden für die August-Ausgabe der deutschen Ausgabe des Fanzines (aktuelle verkaufte Auflage: ca. 12.000) interviewt (und, am Rande: das Interview ist verdammt gut und ebenfalls sehr lesenswert! Klasse, daß die Redaktion das so ins Blatt genommen hat, inklusive der substantiellen Kritik der Musikerinnen an den rassistischen und sexistischen Verhältnissen im Musikgeschäft und am „Rolling Stone“; Respekt dafür!).
Dann wurde eine große Fotosession mit den Musikerinnen gemacht, eigens auch fürs Cover. Aber dann, ja dann… kam etwas dazwischen. Etwas, womit niemand rechnen konnte. Nämlich der urplötzlich hereinschneiende 45. „Geburtstag“ des Bruce Springsteen-Albums „Born To Run“. Fünfundvierzig! Also das rundeste aller denkbaren runden Jubiläen! Klar, daß das gefeiert werden mußte. Nämlich mit einem Cover. So wie in den letzten zwei Jahren die Titelgeschichten im „Rolling Stone“ immer top-aktuell waren: 40 Jahre „Emotional Rescue“, 50 Jahre „Let It Be“, 40 Jahre „Black in Black“, 75 Jahre Eric Clapton, 50 Jahre Glamrock, 45 Jahre „Physical Graffiti“, 50 Jahre „Abbey Road“ undsoweiterundsofort, Niggemeier listet sie alle auf.
Nun ist es nicht gerade unüblich, daß Fanzines ihrem überschaubaren, aber spezialisierten Fankreis immer wieder just die Künstler auf dem Cover präsentieren, die sie ansprechen. Nur versteht sich der deutsche „Rolling Stone“, der bekanntlich seit Jahren im Axel Springer-Konzern erscheint, ja eher nicht als Fanzine, sondern als Musikmagazin. Wenn auch in der Realität eher als „Fachmagazin für Rock-Nostalgie“ (Niggemeier).
Eines allerdings kommt bei Niggemeier gar nicht zur Sprache: Nämlich, daß das Gros der Cover der Musikmagazine bekanntlich von der Musikindustrie gekauft wird. Man kann nur vermuten, daß die Musikindustrie auch in diesem Fall plötzlich mit einem (gar nicht mehr so großen, so sind die Zeiten…) Scheck gewedelt hat, und dann war die „redaktionelle“ Entscheidung, wer aufs Cover kommt, natürlich schnell klar: Nicht die „Zwei mit Haltung“ (RS-Chefredakteur Zabel), also die Musikerinnen ganz in rot, sondern eben: Der Boss! „Er wird von unseren Lesern sehr geschätzt, in schwierigen Zeiten hängt viel davon ab.“ (Zabel)

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