Blogdarstellung in voller LängeBlogdarstellung mit Anrisstexten
Berthold Seliger - Blog abonnieren
Blog Archiv - Jahr %1
07.03.2012

Küchenmesser in Neukölln

Großer Bericht in der "Berliner Zeitung" über den Tod eines 18-jährigen aus Neukölln, der nach aktuellem Ermittlungsstand aus Notwehr erstochen wurde, mit einem Küchenmesser. "Sven P., zwei Personen aus der (ca. 20köpfigen, BS) Belagerungsgruppe und Jussef el-A. redeten miteinander. Doch das Gespräch artete zu einer Prügelei aus. Sven P. wollte flüchten und stürzte. Als er die vielen Verfolger über sich sah, habe er sein Messer gezogen und um sich gestochen, gaben er und auch andere Zeugen zu Protokoll. Dabei traf er den 18-jährigen in die Leber. Jussef el-A. starb im Krankenhaus." Soweit der Bericht der "Berliner Zeitung".Und was sind die Reaktionen von Politik und Polizei? Der Grünen-Abgeordnete Benedikt Lux fordert nach diesem Vorfall "ein härteres Vorgehen gegen illegale Waffen". Also keine Küchenmesser mehr in Neukölln? Michael Purper, Landeschef der Gewerkschaft der Polizei, sagt der "Berliner Zeitung": "Gewalt wird - und das ist ein schleichender Prozeß - gesellschaftliche Normalität in Berlin." Ein paar Seiten weiter in der gleichen Ausgabe der "Berliner Zeitung", auf Seite 25, findet sich der Hinweis auf einen Vortrag gleichentags im "Archiv der Jugendkulturen". Dort wird die Wiederveröffentlichung der Studie "Kieg in den Städten" von 1992 vorgestellt. In "Krieg in den Städten" beweisen die Autoren, daß Gewalt weder Genen, Religion noch Kultur entspringt, "sondern daß es sich um Taten Ausgegrenzter und Unterprivilegierter handelt".

02.03.2012

Und Ansonsten Newsletter 03/2012

Eines ist klar: Wenn man sich betrachtet, mit welchem Eifer
und Ernst hierzulande wochen-, wenn nicht monatelang eine Scheindebatte um den
Posten des amtlichen Grußonkels, also des Bundespräsidenten geführt wurde, dann
kann man nur zu einem Schluß kommen: Politik, Wirtschaft und die ihnen
verbundenen Medien können sich die Hände reiben – Ablenkungsgefecht gelungen!
Niemand redet mehr von den Banken, die die Politik diktieren, niemand redet
mehr von den Rechten der Immigranten hierzulande, keiner diskutiert
Rüstungsexporte nach Saudi-Arabien oder die soziale Situation der Unterschicht
– nein, es wird so getan, als ob wir nichts Wesentlicheres zu bedenken hätten
als die Frage, welcher Pope im Schloß Bellevue Platz nimmt (als ob es nicht
ausreichen würde, daß „wir“ schon längst Papst sind...). Aber wenn man sich auf
die Logik des Politik- und Medienbetriebes einlassen möchte, fällt doch eines
auf: Jetzt wird also ein veritabler Konservativer, innerhalb des konservativen
Spektrums am rechten Rand anzusiedelnder Ex-Pastor Bundespräsident. Einer, der
den sozialdemokratischen Salon-Nazi und Bestsellerautoren „mutig“ nennt, einer,
der die Einzigartigkeit des Holocausts anzweifelt und wie die „neuen Rechten“
etwa der „Jungen Freiheit“ von der Ersatzreligion Auschwitz brabbelt und den
Nationalsozialismus mit dem Kommunismus der DDR gleichsetzt (und bekanntlich
hat ja auch die DDR sechs Millionen 
Juden vergast und einen Weltkrieg angezettelt, der 20 Millionen
Todesopfer forderte...). Einer, der die Finanzmarkt- und Antikapitalismus-Debatte
für „unsäglich albern“ hält und den Hartz IV-Empfängern mehr Engagement
empfiehlt. O.k., das alles scheint mir ein relativ realistisches Gesicht der
aktuellen Bundesrepublik zu sein, also könnte man mit Peaches und Joan Jett  sagen (diese Idee hatte Christian Y.
Schmidt):Aber wenn man sich mal einen Moment lang auf die Logik des
herrschenden Diskurses einläßt, kommt man auf dieses hübsche
Bäumchen-Wechsel-dich-Spiel: Auf die Idee, den ausgewiesenen
Rechtskonservativen zum Bundespräsidenten zu machen, kam der linke Grüne Trittin.
In seinem Schlepptau der Sozialdemokrat Gabriel. Dem konservativen
Bundespräsidenten-Kandidat verweigerte sich die konservative Bundeskanzlerin.
Die Witzfigur im ganzen Spiel, also Philipp Rösler (hätte man gedacht, daß man
sich jemals Guido Westerwelle zurückwünschen würde?!?), geriert sich dann
wiederum als Präsidentenmacher, indem er darauf insistiert, den Konservativen
zu wählen, den er und seine Parteifreunde vor zwei Jahren hätten haben können,
als sie aber lieber gewulfft haben. Rösler: „Man kann Ämter verlieren, aber
eben nicht seine Überzeugung.“ Weil ein Clown wie Rösler so etwas eben nie in
seinem Kleiderschrank hängen hatte: eine „Überzeugung“... Nun wird in der
Grünen-freundlichen „taz“ die Präsidentenkür mit guten Gründen kritisiert, und
der linke Grüne Trittin, Fan des erzkonservativen Pastoren, wirft seiner
Hauszeitung „Schweinejournalismus“ vor, den er „nur von der Bild-Zeitung“
kenne.

Wenn man ihn unter vier Augen fragen würde (und ihm vorher
ein Wahrheitsserum eingeflößt hätte), würde Trittin sofort zugeben, daß sein
und Gabriels Vorschlag, Gauck zum Präsidenten zu machen, ein strategischer
Schachzug war, mit dem sie Merkel in die Bredouille treiben wollten. Und das
können sie nun, wo ihr Kandidat zwei Jahre später „Bürgerpräsident“ wird, nicht
zugeben, sondern müssen wie die Honigkuchenpferdlein um die Wette strahlen, um
den Coup nicht dem Rösler zu überlassen.

Und nun erzählen Sie uns mal was von Politikverdrossenheit,
gelt? Und schade mit Trittin, der war eigentlich einer der wenigen, die man
noch ein bißchen ernst genommen hatte...

Ansonsten bleibt nur zu sagen, was Friedrich Küppersbusch
festgestellt hat: „Und da ist es schon ein Statement, nach Christian
"Der Islam gehört zu Deutschland" Wulff standrechtlich eine bunte
Auswahl christlicher Pfaffen auszugucken. Wenns nur einer mit ordentlich
Mitgliedern sein sollte, sähe ich DGB-Chef Sommer knapp vor dem
ADAC-Präsidenten. Ich mag nicht glauben, daß dieses Land Parteipolitiker,
Kirchenfürsten und sonst nur Deppen am Start hat.“

Und ansonsten sagen wir mit Alphonse Allais: „Wir können nicht genug Vorsicht jenen unter
unseren Lesern empfehlen, die sich aus diesem oder jenem Grund gezwungen sehen,
Geistliche in ihre Wohnung zu lassen.“ Was nicht minder fürs Schloß
Bellevue gilt...* * *„Ich finde zwar,
daß ein bißchen Musikwissenschaft nie schadet, denn je mehr
Unterscheidungskriterien ich habe, desto mehr Vergleichsmöglichkeiten habe ich.
Aber die Unterscheidung ist kein Wert an sich. Viele Leute finden es toll, wenn
sie viel unterscheiden können. Ich finde es deswegen toll, weil ich dann viel
vergleichen kann. Mich interessiert es immer mehr, Sachen zusammenzubringen,
als Sachen auseinanderzusäbeln. (...) Aber natürlich soll gerade Popmusik von
vornherein auf Leute wirken, die alle keine Noten lesen können, nämlich auf die
sogenannten Massen. Da ist es dann tatsächlich so, daß ich als Kritiker mit
dieser ersten Faszinationsebene anfangen muß."

„Denen (dem bürgerlichen
Feuilleton, BS) war klar, daß man nicht
nur etwas von Luigi Nono verstehen muß, wenn man sein Publikum darüber
unterrichten will, was an dieser Front "Musik" gerade Intelligentes
läuft, sondern man muß auch von Neil Young oder Bob Dylan und allmählich sogar
von HipHop etwas verstehen." (Dietmar Dath)

Wobei mir das Problem im Musikjournalismus heute eher andersherum zu
sein scheint, nämlich, daß man zwar viel von Bob Dylan und (zu) wenig von
HipHop versteht, aber kaum etwas von Luigi Nono gehört hat...* * *Um Wulffs Verfehlungen haben sie so einiges Gewese gemacht.
Daß dieses Land längst eine geschmierte Republik ist und im Korruptionsindex
von „Transparency International“ im europäischen Vergleich bestenfalls im
Mittelfeld landet (weit hinter Dänemark, Finnland,  Schweden, den Niederlanden oder der Schweiz),
beweist die Tatsache, daß sich die Bundesrepublik seit Jahren weigert, die
UN-Konvention gegen Korruption zu ratifizieren. Im Kern geht es darum, daß
Deutschland endlich den Straftatbestand der Abgeordnetenbestechung
internationalen Standards anpassen, also verschärfen müßte. Bestechung und
Bestechlichkeit von Mandatsträgern müßte ebenso konsequent unter Strafe
gestellt werden wie schon die verwerfliche Beeinflussung eines Abgeordneten bei
der sonstigen Wahrnehmung seines Mandats. Da will Deutschland nicht mitmachen und
hat die UN-Konvention gegen Korruption (UNCAC) bis heute nicht unterzeichnet –
und steht damit in einer Reihe mit Staaten wie Saudi-Arabien, Syrien, Birma und
Sudan...* * *Und während hierzulande jede vermeintliche Beschränkung des
Internets in China von Politik und embedded journalism wortreich verfolgt wird,
hat die Todesstrafe für Twitter-Meldungen in Saudi-Arabien nur für wenig
Aufsehen gesorgt. Der junge saudi-arabische Journalist Hamsa Kaschgari hat auf
Twitter ein logischerweise fiktives, stellen weise kritisches Gespräch mit dem
Propheten Mohammed geführt. Kaschgari floh vor dem „streng gläubigen“
saudi-arabischen Mob nach Malaysia, von wo er jedoch nach Riad abgeschoben
wurde, wo die saudische Polizei ihn umgehend festnahm. „Nun muß er um sein Leben fürchten, denn in dem erzkonservativen
Königreich kann der „Abfall vom Islam“ mit dem Tod bestraft werden.“ (FR)

Doch wer nun glaubt, die deutsche Politik, die sich doch
sonst an allen Stellen gerne als Vorkämpferin der „Freiheit“, insbesondere der
„Meinungsfreiheit“ geriert, würde Druck auf Saudi-Arabien ausüben, der sieht
sich eines Schlechteren belehrt. Saudi-Arabien, einer der „autoritärsten
Staaten der Welt“, in dem massiv die Menschenrechte mißachtet werden, die
Regierung friedliche Regimekritiker jahrelang einsperren und foltern läßt, wo
Homosexuelle ausgepeitscht und Ehebrecher, Drogendealer und Räuber mit der
Todesstrafe rechnen müssen, dieses Saudi-Arabien also bezieht von Deutschland
seine Kampfpanzer und ist auch sonst ein wichtiger Verbündeter und
Wirtschaftspartner. „Die Saudis sind lukrative Geschäftsfreunde und wichtige
geostrategische Partner“ (FR), das reicht der deutschen Regierung, um den
saudischen Despoten nicht lästig zu werden und bei den Menschenrechten auch
einmal beide Augen zuzudrücken. Ekelhaft.* * *Das „Universal Presse Webteam“ teilt mir aufgeregt mit:
Die Unheilig-Autogrammstunden in Köln und Stuttgart wurden in größere Locations
verlegt! „In
den ursprünglich angekündigten Lokalitäten sind diese leider nicht mehr durchführbar,
da die zu erwartenden Besucherströme zu groß werden könnten. Glücklicherweise
wurden in beiden Städten alternative Locations für die Autogrammstunden mit dem
GRAF gefunden. Wir bitten darum, diese neuen Loactions zu kommunizieren.
Der Unheilig Charity-Kooperationspartner (für Herzenswünsche e.V.) XXXLutz gibt
dem Graf die Möglichkeit im XXXL Mann Mobilia Möbelhaus in Fellbach bei
Stuttgart die angekündigte Autogrammstunde für Stuttgart ausrichten, in Köln
wird diese nun in der Live-Music-Hall stattfinden.“

Dieser höflich, aber ein wenig konfus vorgetragenen Bitte auf
„Kommunizierung dieser neuen Loactions“ (Low-Actions?) kommen wir gerne nach.
Und im nächsten Leben buchen wir nur noch Autogrammstunden in so charmanten
Loactions wie dem XXXL Mann Mobilia Möbelhaus zu Fellbach. Versprochen.* * *Die Berliner Musikschulen haben nach einem Bericht der
„Berliner Zeitung“ fast 2.000 Lehrer jahrelang als Scheinselbständige
beschäftigt, also ohne Sozialabgaben zu bezahlen. Dies ergab eine Prüfung der Rentenversicherung.
Nur sieben Prozent der 2.100 Musiklehrer an Berlins staatlichen Musikschulen
sind festangestellt.

Wer nun gedacht hätte, daß der Berliner Senat aus diesem
veritablen Skandal vernünftige Konsequenzen ziehen würde, ist ein bißchen naiv.
Natürlich werden die 93% selbständigen Musiklehrer an Berlins Musikschulen nun
nicht etwa festangestellt, nein, die Senatsverwaltung hat die Musikschulen
aufgefordert, nun die Verträge zu ändern – dort darf fortan „kein Merkmal abhängiger Beschäftigung mehr erkennbar
sein“. Die Senatsverwaltung hat außerdem die Musikschulen „zu konkreten Schritten aufgefordert“:
Honorarkräfte dürfen keine Vertretungen mehr machen, Unterrichtsmaterialien
müssen sie nun auf eigene Kosten besorgen, und die Teilnahme an Vorspielen ist
künftig freiwillig.

Übrigens: der Senat Berlins, der die Scheinselbständigkeit
der Musiklehrer und die Nichtzahlung der Sozialabgaben zu verantworten hat,
wurde die letzten zehn Jahre von SPD und „Linken“ gebildet. Parteien, die sich
in ihren Programmen massiv gegen Scheinselbständigkeit aussprechen. Wobei die
neue Koalition aus SPD und CDU zweifelsohne in ihren Sonntagsreden die
musikalische Bildung junger Menschen jederzeit fordern würde – nur sollen die
Lehrer eben möglichst selbständig arbeiten und ohne soziale Absicherung.* * *Und was gibt’s Neues an der Copyright-Front?

Unter anderem: „Die
Rückkehr der Internet-Zombies“ (so Constanze Kurz in der „FAZ“).

„Acta oder der Schutz
der Raubritter“ (so die Schweizer Wirtschafts-Professoren Volker Grossmann
und Guy Kirsch ebenfalls in der „FAZ“, wo ohnedies die interessantesten
Beiträge zum Copyright zu lesen sind derzeit): „Denn Urheberrechte manifestieren oftmals eine im vordigitalen
Zeitalter erworbene Machtposition, mittels derer die Unterhaltungsindustrie
eine Rente, das heißt ein leistungsloses Einkommen, erwirtschaftet. Wie ehedem
die Raubritter: Auch diese nahmen die Bauern aus (...) In dieser Situation
liegt es für die Unterhaltungsindustrie nahe, sich den Staat dienstbar zu
machen. Genau dies wird mit Acta versucht (...) Die Bestrebungen zur
Beeinflussung der Politik durch den Einfluß der Lobby waren offensichtlich so
groß, daß man Acta unter Ausschluß der Öffentlichkeit zur Unterschriftsreife
gebracht hat (...) Gesetze aber, die dem Rechtsempfinden zuwiderlaufen, sind
auf die Dauer nicht durchzusetzen; mehr noch: Sie zerstören den Glauben an
Gesetzlichkeit.“

Die Deutsche Inkontinenz Allianz – pardon, es muß natürlich
heißen: Die „Deutsche Content Allianz“ fordert dagegen die ACTA-Unterzeichnung,
und zwar pronto, „ohne weitere Verzögerung“ – der „Spiegel“-Journalist und
Blogger Stefan Niggemeier dazu:

„In der „Deutschen
Content Allianz“ haben sich die Dieter Gornys dieses Landes zusammengeschlossen.
Sie versuchen, sich vor dem Ertrinken zu bewahren, indem sie sich gegenseitig
umklammern und das Wasser beschimpfen. (...) Jedenfalls hat die „Deutsche
Content Allianz“ (DCA), die man vielleicht treffender als den Verband der
urheberrechteverwertenden Industrie bezeichnen könnte, gestern die
Bundesregierung aufgefordert, das ACTA-Abkommen unverzüglich und unverändert zu
unterzeichnen.(...) Inhaltlich ist zum Streit um ACTA an anderen Stellen
reichlich gesagt worden; ich möchte hier vor allem die verräterische Sprache
würdigen. Die ganze hilflose Traurigkeit offenbart schon die Überschrift:
„Deutsche Content Allianz fordert Bundesregierung zur konsistenten
Positionierung zum Urheberrecht auf.“ Man muß sich das bildlich vorstellen,
Monika Piel und Dieter Gorny auf einer Demonstration vorm Kanzleramt, in den
Händen identische Plakate mit der Aufschrift: „Mehr Konsistenz wagen!“ (...)

Die „DCA“
diskreditiert berechtigte Sorgen um die Freiheit des Internets als
Diskreditierung. Und dann beteuert sie: „Diese Freiheit sei ein hohes,
unbestrittenes Gut, solange sie nicht als Rechtlosigkeit interpretiert werde.“
Da hat vermutlich Freud zugeschlagen. Niemand – außer vielleicht die
Musikindustrie in ihren feuchtesten Träumen – käme auf die Idee, Freiheit als
Rechtlosigkeit zu interpretieren. Freiheit im Internet wäre ja in ihrer
extremsten Interpretation gerade das Recht, alles zu tun, was man will. Die
Autoren wollten wohl sagen, Freiheit ist gut, solange sie nicht als
Gesetzlosigkeit interpretiert werde. Nicht einmal das ist ihnen gelungen. (...)
Diese Erklärung ist ein aufschlußreiches Dokument. Es macht anschaulich, in
welchem Maße ein Verein, der behauptet, für die Existenz hochwertiger Inhalte
zu stehen, nicht einmal in der Lage ist, selbst einen Inhalt zu formulieren,
der verständlich, sprachlich richtig und inhaltlich korrekt ist. Die
Presseerklärung ist mit all ihrem Sprachmüll und ihrer Gedankenlosigkeit ein
Dokument der Hilflosigkeit. Aber ich fürchte, so niedlich es wirkt, wie
ungelenk da Branchengrößen mit Förmchen werfen, so hart ist in Wahrheit der
Druck, den sie hinter den Kulissen auf die Politik ausüben.“

Ich empfehle die Lektüre des ganzen Beitrags von Stefan
Niggemeier auf seinem Blog.* * *„Piracy is the new radio. That’s how music gets
around.“

(Neil Young)

Folgen Sie dem Altmeister! Hören Sie doch mal wieder Radio!

 

29.02.2012

Retten wir das griechische Volk vor seinen Rettern!

Retten wir das griechische Volk vor seinen Rettern! Das ist der Titel eines Aufrufes von Vicky SKOUMBI, Chefredakteurin der Zeitschrift ‚aletheia‘ (Athen), Michel
SURYA, Direktor der Zeitschrift ‚Lignes‘ (Paris) und Dimitris VERGETIS,
Direktor der Zeitschrift ‚aletheia‘ (Athen). Der Aufruf wird u.a. unterstützt von Alain BADIOU, Étienne BALIBAR, Barbara CASSIN, Bruno CLÉMENT, Danièle COHEN-LEVINAS,
Yannick COURTEL, Jacques RANCIÈRE, Judith REVEL und Frieder Otto WOLF. Er beginnt so:In eben dem Moment, in dem jeder zweite jugendliche Grieche
arbeitslos ist, in dem 25000 Obdachlose durch die Straßen von Athen
irren, in dem 30% der Bevölkerung unter die Armutsschwelle gefallen
sind, in dem Tausende von Familien dazu gezwungen sind, ihre Kinder zur
Arbeit zu schicken, damit sie nicht vor Hunger und Kälte sterben, in dem
die neuen Armen und die Flüchtlinge sich auf den öffentlichen
Müllhalden um die Abfälle streiten – in eben diesem Moment zwingen die
„Retter“ Griechenlands unter dem Vorwand, dass die Griechen „sich nicht
hinreichend Mühe geben“, diesem Land einen neuen Hilfeplan auf, der die
verabreichte tödliche Dosis noch einmal verdoppelt. Dieser Plan schafft
das Recht auf Arbeit ab, stürzt die Armen in extremes Elend und bringt
zugleich die Mittelklassen vollständig zum Verschwinden.
Das Ziel dieser Operation kann gar nicht die „Rettung“ Griechenlands
sein: in diesem Punkt sind sich alle Wirtschaftswissenschaftler einig,
die überhaupt diesen Namen verdient haben. Es geht darum Zeit zu
gewinnen, um die Gläubiger zu retten, während zugleich das Land in einen
zeitverschobenen Konkurs getrieben wird. Und es geht vor allem darum,
Griechenland zu einem Laboratorium einer gesellschaftlichen Veränderung
zu machen, die dann in einem zweiten Schritt auf ganz Europa
verallgemeinert werden wird. Das auf dem Rücken der Griechen
experimentierte Modell ist das einer Gesellschaft ohne öffentliche
Dienste, in der die Schulen, die Kliniken und die Abgabestellen für
Medikamente zu Ruinen verfallen, in der Gesundheit zu einem Privileg der
Reichen wird und in der die besonders verwundbaren Bevölkerungsteile zu
einer planmäßigen Eliminierung bestimmt sind, während jene, die noch
Arbeit haben, zu extremen Formen der Verarmung und der Prekarität
verurteilt werden....Den kompletten Aufruf findet man auf der Homepage der European Graduate School:http://www.egs.edu/faculty/alain-badiou/articles/retten-wir-das-griechis... etwas bekommt man in deutschen Zeitungen und Zeitschriften nicht zu lesen...

20.02.2012

Griechenland

Was ja das wirklich ekelhafte an der Griechenland-Diskussion
ist, das ist diese hochnäsige und verlogene Griechen-Feindlichkeit, verbunden
mit der Unwahrheit, mit der unsere Politiker und ihre Bankiers (oder sollte man
das nicht besser andersherum sagen?) argumentieren. Ja, Griechenland ist
pleite, das wird wohl so sein. Aber die Gelder, die Europas Regierungen da zur
Verfügung stellen, dienen eben nicht den Griechen, sondern ihren Gläubigern.
Die „neoliberale Taliban“ (Cohn-Bendit) aus EU, IWF und EZB erpreßt die
griechische Regierung zu immer neuen Sparmaßnahmen, statt dem Land endlich
wieder Wachstumsperspektiven zu geben. Das „Rettungspaket“, das unter der Knute
Schäubles und Merkels zusammengeschnürt wird, „orientiert sich nicht an den
Bedürfnissen der griechischen Bürger, sondern an den angeblichen Gesetzmäßigkeiten
der internationalen Finanzmärkte.“ (SPON).

Was Not tun würde, wäre ein kompletter Schuldenerlaß – denn
die Sparzwänge, die den Griechen derzeit von der EU unter Führung der deutschen
Regierung aufgedrückt werden, führen zu drastisch steigender Arbeitslosigkeit,
Absenkung der Mindestlöhne, extremer Schrumpfung der Wirtschaft und zu
kompletter Perspektivlosigkeit der Menschen in Griechenland. Und daß
ausgerechnet der deutsche Außenmininister (das war eigentlich ein Freudscher
Tippfehler, aber so, wie das dasteht, ists köstlich und treffend, oder?)
Westerwelle, der Griechenland noch vor genau einem Jahr dringend zum Kauf von
Eurofightern und anderen Rüstungsimporten aus Deutschland drängte, jetzt Druck
macht und „scharfe Warnungen an Griechenland“ zu mehr Sparsamkeit richtet, ist
der Gipfel der Verlogenheit.

Für einen kompletten Schuldenerlaß und nachhaltige
Unterstützung gibt es eigentlich ein gutes Beispiel: Vor 60 Jahren erließen die
Gläubiger der Bundesrepublik einen Teil ihrer Schulden – die 65 Gläubigerstaaten,
angeführt von den USA, gewährten der BRD einen Erlaß von 50 Prozent aller
Auslandsschulden sowie eine massive Senkung der Zinsen – und dieser
Schuldenerlaß war nicht etwa an Sparprogramme geknüpft, sondern sah im
Gegenteil wachstumsfördernde Maßnahmen vor. Beim Londoner Schuldenabkommen vom
Februar 1953 verzichtete übrigens auch ein Land namens Griechenland großherzig
auf die Rückzahlung von deutschen Schulden und ermöglichte so den
wirtschaftlichen Aufstieg der BRD. Es wäre an der Zeit, daß sich Deutschland
daran ein Beispiel nähme und Griechenland großzügig behandelt.

20.02.2012

Max Prosa

Leserinnen und Leser, die diese kleinen Anmerkungen zur Zeit
seit längerem verfolgen, werden wissen, daß der „Diss“  schlechterer Musik dem Autor dieser
Zeilen zumindest an dieser Stelle eher fernliegt, wie ihn Personen in diesen
Anmerkungen ohnehin nur interessieren, wenn sie symptomatisch erscheinen. Wulff
ist einigermaßen wurscht – wofür er steht, konnte ein klein wenig interessant
sein. Lana del Rey ist total wurscht und wird sich mit Wulff einen Wettlauf
liefern, wer eher vergessen sein wird – die Art, wie ihr One Hit-Wonder gemacht
wurde, war interessant. Und nun also: Max Prosa ist nun wirklich vollkommen
egal, einer dieser vielen jungen Menschen, die schlechte Lieder, schlechte
Popmusik schreiben und spielen. Who cares. Interessant ist aber das Phänomen
als solches. Von Zeit bis taz wird Max Prosa als Hoffnungsschimmer deutscher
songorientierter Popmusik bejubelt. Der sonst durchaus geschätzte taz-Autor
läßt sich zum wirklich auf allen Ebenen lächerlichen Vergleich „ein früher,
unvollendeter Dylan“ hinreißen. Kinder, habt ihrs nicht ein bißchen kleiner?

Wenn man der taz glauben darf, hat Max Prosa als Max
Podeschwig sich „das Recht, kreativ zu sein, erkämpfen müssen“, nämlich in
seinem bürgerlichen Charlottenburger Elternhaus. Ach Goddile, kann man sich
lebhaft vorstellen, die Hanno Buddenbrook-Story wird wiederbelebt und
nachgeplappert vom taz-Bürgertum – „kreativ willst du sein, Junge? Lern lieber
was Vernünftiges. Studier Physik oder BWL, Musik ist nur ein Hobby!“

Aber heutzutage hören die jungen Männer ja nicht auf ihre
Eltern, und man ist geneigt, „leider“ zu seufzen. Der junge Herr Podeschwig hat
also, wie schon die Helden, den Popkurs in Hamburg belegt und war „Mitglied im
Bandpool der Popakademie Mannheim“. Geholfen hat es leider wenig, könnte man
sagen. Oder andersherum: dort lernt man also das, womit Herr Podeschwig jetzt
via Sony Music die Welt belästigen muß: „Zerlumpte Clowns, die ihre eigenen
Schatten jagen“, sind „tief im Gefängnis der Welt gefangen“ und verfügen über
„Flügel aus Beton“, so wird da rumgenuschelt, aber: „Die Phantasie wird
siegen“. Die Musik allerdings hat verloren. Wie ein taz-Autor solcherart
Gehumpel als „radikal poetisch“ und seinen Erzeuger als „Hoffnungsträger“, als
„frühen Dylan“ gar bezeichnen kann, ist ein Rätsel. Ob man Dylan-Fan ist oder
nicht: man höre sich dessen erstes Album an, und dann schweige man still, denn
in dem Vergleich ist Max Prosa lediglich eines: ein erledigter Fall. Über den
man den Mantel des Schweigens ausbreiten sollte. 

20.02.2012

Knepler & Reichow

Unsere Stimme für Baku? Und die ganzen Lana del Reys und Max
Prosas unserer Tage?

Manchmal, Jan Reichow hat dieser Tage in seinem immer
lesens- und nachdenkenswertem Blog darauf hingewiesen, hilft Nachhilfe aus
marxistischer Sicht und erklärt, was da stattfindet:

„Was waren die Versuche einzelner
Musiker, was waren die Bemühungen von Vereinigungen, Verbindungen und
Gesellschaften aller Art, die Schlammflut von seichter und schlechter Musik
aufzuhalten, das musikalische Niveau der Massen zu heben, der Korruption und
Heuchelei im Musikleben einen Riegel vorzuschieben – was waren diese Versuche
gegenüber der unerbittlichen Gesetzmäßigkeit, mit der die kapitalistische
Gesellschaft eben diese Übel täglich neu produzierte? Die zur Macht gelangte Großbourgeoisie
hatte vor allem ein Interesse: an der Macht zu bleiben.

Es ist von unabsehbarer
politischer Bedeutung, daß die kapitalistische Unterhaltungsmusik nicht
realistisch war, sondern idealisierend, nicht aufrüttelnd, sondern
besänftigend, nicht sammelnd, sondern zerstreuend, nicht konzentrierend,
sondern ablenkend. (…) Je leichter die Ware, mit der der Musikhunger der
Millionen zu befriedigen war, um so besser für die Verleger. Um so besser aber
auch für die gesamte Klasse der Kapitalisten. Eine solche Musik half mit, die
bestehenden Lebensverhältnisse als erträglich, ja, als ideal, jedenfalls aber
als unabänderlich, als unveränderbar hinzustellen, und wurde auf diese Weise zu
einem wichtigen Träger der Ideologie der herrschenden Klasse. Das ist das (…)
entscheidende Merkmal, durch das sich die von Kapitalisten betriebene Tanz- und
Unterhaltungsmusik von der früherer Epochen unterschied. Die kapitalistisch
betriebene Tanz- und Unterhaltungsmusik brachte also doppelten Profit, so wie
jede Ware, die auf den Markt geworfen wird; und – wichtiger noch – sie trug in
ihrer Eigenschaft, als besondere, als ideologische Ware dazu bei, die ganze
Gesellschaftsordnung mit ihrer Warenwirtschaft, ihrem Markt und ihrem Profit,
mit ihrer Not und ihrem Elend, mit ihren Krisen und Kriegen, mit ihrer
Oberflächlichkeit und Seichtheit zu festigen.“(Georg Knepler, in seiner
„Musikgeschichte des 19.Jahrhunderts“, Band 1)

Jan
Reichow fügt in seinem Blog hinzu:

„Heute
handelt es sich nicht mehr um die Großbourgeoisie und “den” Kapitalismus,
sondern um das Vervielfältigungsunternehmen Fernsehen in Zusammenarbeit mit
einer Zufallsrepräsentanz des Volkes (von Zuschauern, die auf Zuruf ein Handy
bedienen können) sowie einem leitenden und beratenden Gremium von modischen
Kahl- und Hohlköpfen.“

18.02.2012

Prince Purple Rain

Ein unglaubliches Musikvideo steht am Tag, da ich dies hier
schreibe, auf YouTube (und wird dort wahrscheinlich bald verschwinden...):

Unfaßbar, wie gut diese Band, die kurz darauf „The
Revolution“ hieß, spielen konnte!

„You don't believe someone, that a band can be this
good.“ (Bob Lefsetz)

Es war eben nicht alles schlecht in und an den 80er Jahren.
Und in Zeiten, da Lana del Rey oder Max Prosa als tolle Popmusik gefeatured
werden, lohnt es sich, derartige Aufnahmen zu studieren. Wie sie entstehen. Wie
der Mann, der sich damals noch Prince nannte, an dem berühmten Riff arbeitete.
Wie alles wie auf guten alten Opern- und Jazzaufnahmen eben LIVE gespielt
wurde, im Gegensatz zu quasi allen Fernsehaufnahmen und vielen Stadionkonzerten
heutzutage – und wie dieses „live“ so gut war, daß es umstandslos als Platte
veröffentlicht werden konnte.

Atemberaubend. Ein Stück Musikgeschichte, und man kann
begeistert zuschauen. Und das ist das, was uns die Copyright-Cops vorenthalten
wollen...

Und, bitte, liebe Musikindustrie: ihr seid doch gerade so
groß im Verkaufen von alten Platten als Jubiläumseditionen – nehmt euch doch
bitte mal ein Beispiel am Jazz: Bringt gefälligst eine kritische Edition dieser
Aufnahme, dieses Albums heraus! Mit allen Outtakes, die sich im Original nicht
finden (wie zum Beispiel die ersten 3:46 Minuten dieses Videos, oder das erste
Vorkommen des Riffs). Damit würdet ihr die Welt ein klein wenig besser machen!
Wort!

14.02.2012

Lambchop Video

Der Musikjournalist würde schreiben: Schon jetzt eines der besten Musikvideos des Jahres! Aber in der Tat: Ein schöner und überraschender kleiner Film:

10.02.2012

Paul McCartney boykottiert Spotify

Das war nur den Branchendiensten der Musikindustrie eine
Topmeldung wert: Paul McCartney also boykottiert die Streamingdienste, sein
neues Album wird nicht über Spotify & Co, sondern nur über Apples iTunes
gestreamed werden. Und McCartney und seine Plattenfirma ließen auch die alten
Alben des Ex-Beatles von Streamingangeboten wie Spotify, Rhapsody oder Simfy
entfernen.

Aber – does anybody care?

Das ist eben das Schicksal der Altrocker – ihre aktuelle
Musik interessiert niemanden mehr. Wenn Paul McCartney in Berlin ein Konzert
gibt, kommen weniger Leute als zu Shows von beispielsweise Calexico oder Bon
Iver. Mag man bedauern oder nicht, Tatsache aber ist: Die aktuelle Musik von
Paul McCartney interessiert niemanden. Und selbst die Fans, die noch in seine Konzerte
kommen, hoffen eher darauf, daß der Künstler alte Songs aus Beatles- oder
frühen Wings-Zeiten spielt, als daß er seine aktuellen Songs aufführt. Kaum
jemand wird das neue Paul McCartney-Album kaufen. Niemand hierzulande wird im
Ernst heute morgen um vier Uhr früh aufgestanden sein, um auf Apples iTunes den
Stream des Live-Konzerts aus den Capitol-Studios in Los Angeles anzusehen. Die
Chance eines aus der Zeit gefallenen Künstlers wie Paul McCartney wäre es,
seine neuen Songs auf Streams wie Spotify oder Simfy zu präsentieren – da, wo
die Leute ohnehin unterwegs sind und vielleicht mal unverbindlich reinhören,
ohne gleich Songs oder gar das ganze Album extra bezahlen zu müssen. Daß
McCartney und sein Management diese Chance nicht gesehen haben und statt dessen
auf ein für diesen Künstler nicht mehr funktionierendes altmodisches Kaufsystem
setzen, zeigt, daß sie die moderne Welt nicht verstanden haben. Es wird zu
ihrem Nachteil sein.

(und damit wir uns nicht mißverstehen: ich bin kein Fan von
Streamingdiensten, ich mag so etwas nicht – ich kaufe Alben, bevorzugt bei den
Plattenläden meines Vertrauens; aber man kann auch gegen Facebook sein und
trotzdem wissen, daß daran kein Weg vorbeiführen wird; ich war auch gegen die
Vereinigung der beiden deutschen Staaten 1989 und wußte, daß sie kommen
würde... das eine ist das, was man sich wünscht für die Welt, das andere nennt
man: Realität)

08.02.2012

Nordkorea a-ha

Zu den Ländern, "für die die Wahrnehmung der Rechte am GEMA-Repertoire insgesamt nicht durch Mandats- oder Gegenseitigkeitsverträge geregelt ist" (wie es im GEMA-deutsch heißt), gehört unter anderem Nordkorea. Deswegen können wir hier dieses YouTube-Video zeigen, in dem fünf junge nordkoreanische Akkordeonisten den Hit "Take On Me" der norwegischen Popgruppe a-ha spielen: Der norwegische Künstler Morten Traavik hat den Film in Nordkorea gedreht, und diese Woche spielt die nordkoreanische Gruppe im norwegischen Kirkenes beim internationalen Kunst- und Kulturfestival "Barents Spektakel".

07.02.2012

OK Go Hunde-Video, GEMA und Tape.TV

Klar, das neue Video von OK Go, „Needing/Getting“, ist toll
gemacht – aber an den Charme von „White Knuckles“ mit den großartigen Hunden
kommt es nicht heran.

Jetzt würde ich Ihnen gerne das Video hier im Blog in der
YouTube-Version einbinden, aber wenn man in unserem komischen Land bei YouTube „White
Knuckles“ von OK Go abspielen möchte, bleibt der Bildschirm schwarz, und man
bekommt zu lesen:

„Dieses Video ist in
Deutschland leider nicht verfügbar, da es möglicherweise Musik enthält, für die
die erforderlichen Musikrechte von der GEMA nicht eingeräumt wurden.“

Hierzulande schaut man also wieder mal, der GEMA sei
gedankt, in die Röhre.

Und wenn man denkt, daß man ja auf Tape.TV ausweichen könnte
(zumindest, solange deren Geld reicht...), dann merkt man, daß das letztlich auch
ein ziemlicher Schmarrn ist. In den 3:23 Minuten, die das tolle Video dauert,
wird man bei Tape.TV sage und schreibe vier Mal von einer störenden
McDonalds-Werbung belästigt und einem Zeugs namens „McDouble“, in dem angeblich
Beef drin sein soll. Und wie zum Hohn wird gegen Ende des Videos dann noch eine
Werbung von McFit über das OK Go-Video geblendet, damit man weiß, wo man die
sinnlosen McDo-Kalorien wieder abtrainieren kann.

Wenn das die Zukunft des Musikfernsehens ist, dann will ich
kein Musikfernsehen! Spaß macht das nicht.

05.02.2012

Türkisch-schwäbische Möchtegern-Cleverle

Was einen an diesen ganze Wulffs und Özdemirs und wie die
Vertreter des sagen wir „Hannover-Prinzips“ in der Politik (also: Männerbünde
zwischen Politik und Wirtschaft, und eine Hand wäscht die andere, und „willst
du mal eben meine Villa/meinen Privatjet/meine Fußball-Eintrittskarte nutzen?“
etc. pp.) ja fast am meisten nervt, ist diese gespielte Naivität, dieses
Unschuldsgetue, dieses Waschlappenhafte unseres sogenannten Führungspersonals.

Nehmen wir den Grünen-Parteichef Özedemir. Der läßt sich vom
Partyveranstalter Manfred Schmidt eine billige Eintrittskarte für ein längst
ausverkauftes Fußballspiel besorgen, bei dem so mancher von uns gerne dabei
gewesen wäre, nämlich für Barcelona gegen Madrid. Bestürzt behauptet das türkisch-schwäbische
Möchtegern-Cleverle nun, er habe das Ticket doch bezahlt, und er habe keine
Ahnung gehabt, daß die Eintrittskarte in Wirklichkeit viel teurer geworden sei.
Nämlich 615 Euro statt der 119 Euro, die Schmidt dem Grünen-Politiker in Rechnung
gestellt hat.

Konnte Özdemir, der ja vor paar Jahren schon mal über einschlägige
Vetterles-Geschäftle gestürzt war, natürlich nicht wissen. Wer immer nur
eingeladen wird von den Bonzen, für die er Politik macht, der hat natürlich
keine Ahnung, was so ein Ticket kostet, wenn man sich am Stadion in der
Schlange anstellt oder versucht, solch ein Ticket bei ebay zu schießen.

Und dann läßt sich der Grünen-Chef die Flugreise nach
Barcelona und die Übernachtung von seiner Partei (also vom Steuerzahler!)
bezahlen, weil er da schnell mal ein wahrscheinlich wahnsinnig wichtiges
Treffen mit den katalanischen Grünen sowie ein Interview mit einer spanischen
Zeitung arrangieren konnte. Reiner Zufall natürlich.

Damit wir uns nicht mißverstehen: ja, ich glaube, daß die
Özdemirs und Wulffs die hiesige Gesellschaft, das Gschaftlhubertum, die
Sponsoring-Realität und „geiz ist geil“ und unterschwellig korrupte (aber immer
formal recht legale) Verhältnisse ganz gut abbilden. Deswegen sollten sie auch
nicht zurücktreten. Nur: ich will mit solchen Typen nichts zu tun haben. Ich
will solche Typen nicht wählen müssen, und ich will von solchen Chargen nicht
repräsentiert werden. Und wenn einer wissen will, warum die Bürgerinnen und
Bürger von „der Politik“ und dem politischen Personal nichts mehr wissen und
statt dessen politikverdrossen sein wollen: ich könnte es erklären. Und ich
bitte ansonsten, in Sachen ÖzdemirWulffGuttenberg und wie sie alle heißen mögen
medial nicht mehr belästigt zu werden. Sind Flaschen leer. Und ich hab Nase
voll.

30.01.2012

qu2

Wer mal wieder zuschauen will, wie ein internationaler Popstar „gemacht“ wird, der beobachte den großen Zirkus um die 25jährige, ganz nett aussehende Lana del Rey, deren neues Album erst Ende Januar erscheinen wird, von der aber längst alle Magazine und Feuilletons voll sind, von der Titelstory in „Spex“ bis zum Aufmacher des Feuilletons der „Berliner Zeitung“. „2008 nimmt sie als Lizzy Grant ein Album auf, es liegt zwei Jahre unveröffentlicht herum. Dann der Bruch. Lizzy wird zu Lana del Rey, weil der Name morbiden, geheimnisvollen Hollywood-Glamour verheißt. Sie läßt sich einen Schmollmund spritzen, was sie tapfer dementiert.“ (Steffen Rüth) Ihr neues Label, der Unterhaltungskonzern Universal Music, organisiert aktuelle englische Starproduzenten, die auch Künstler wie Adele, Duffy oder Robbie Williams so produzieren, wie das die Musikindustrie gerade hören will. Dann gibt es einen Clip, der nichts weiter ist als eine Collage aus Filmschnipseln der 50er und 60er Jahre, zu der sie eine relativ banale, nette Retroballade singt. „Ein tieferer Sinn, sagt del Rey, steckt nicht hinter den Bildern. Sehen halt hübsch aus. So wie sie selbst. (...) Leere, hochattraktive Hüllen.“ (Steffen Rüth)Im Interview mit der „Frankfurter Rundschau“ bekennt die Sängerin: „Ich spiele nicht mehr Gitarre, ich war nie besonders gut darin. Mein Onkel Tim hat mir sechs Akkorde beigebracht und damit habe ich mein erstes Album geschrieben. (...) Ich hatte nie Ambitionen, ein Popstar zu werden, ich wollte eine Musikerin sein, die durch Nordamerika touren kann.“ Kann man sich lebhaft vorstellen: eine Musikerin, die mit ihren sechs Akkorden durch die Welt tourt...Zu ihrem Video – das Filmchen wurde auf YouTube schon über zehn Millionen mal angeklickt, gerne wird behauptet, „das Internet“ habe den Star gemacht, ich würde sagen: der Konzern hat durch geschicktes „social marketing“ den Hype im Internet kreiert – sagt Lana del Rey: „Ich benutze die Bilder, weil ich sie schön fand. Das wars.“ Und warum projiziert sie zu ihrer Show mit den sechs Akkorden Kennedy und Elvis auf die Bühne? „Elvis ist mein Lieblingsmusiker. Ich mag es, wie er singt, und ich finde, er hat ein schönes Gesicht. Und wenn JFK lächelt, bin ich derart vom Blitz getroffen von dem Optimismus dieser Zeit. (...) Ich bin nicht daran interessiert, Dinge zu dekonstruieren. Ich bin sehr zufrieden damit, wie alles ist.“Zu ihrer unkritischen Haltung zu Kriegstreibern wie Kennedy und ihrer Beschwörung eines „kraftstrotzenden, zukunftsgläubigen Amerika, das auf dem Weg zum Mond und nicht auf dem zum Bankrott war“ (Niklas Maak) paßt das reaktionäre Frauenbild, das Lana Del Rey propagiert: Frauen sind ihren Männern bedingungslos ergeben („you fit me better than my favourite sweater“, oder „you can be the boss“ trällert die Sängerin ganz ironiefrei), „Mann fährt schnelles Auto, Mann bricht in Bank ein; Frau sieht toll aus und schmachtet und schnurrt und wartet.“ (Niklas Maak) – Neokon-Musik eben für Biedermeier-Zeiten und für Leute, die sehr zufrieden damit sind, wie alles ist. Und die, die nicht mehr zu kritischer Analyse des Phänomens und seiner gesellschaftlichen Funktion fähig sind, sabbern im gewohnten Altherren-„Popkritik“-Stil von der Sängerin sexy Aussehen wie ein Ueli Bernays in der „NZZ“: „Wenn die Sirene Lana Del Rey, dieses schlanke, feingliedrige Geschöpf mit hübschem Gesicht, mit spitzer Nase, grotesk großen Lippen und einem lasziven Kiffer-Blick, singend durch solche Klangsphären schweift, fühlt man sich wie angefixt, verführt und verloren in Nostalgie."Passen Sie gut auf, wer Ihnen in den nächsten Wochen und Monaten etwas empfiehlt, und merken Sie sich diese Personen! Und lassen Sie sich nicht jeden Scheiß andrehen, zu dem alle hinrennen! Seien Sie ein selbstbewußter, kritischer Konsument!

30.01.2012

Und Ansonsten 30.01.2012

Der deutschen Pop-Quatschköpfe größten einer ist Thees Uhlmann, der gerade im Berliner „Tip“-Magazin unter der Kapitelüberschrift „Knalltüten und Pfeifen“ zu den „100 peinlichsten Berlinern“ gezählt wurde. Stichprobe aus Uhlmanns neuem Werk gefällig? Da ließ er sich diese Zeilen einfallen: „Dein Herz ist wie eine Berliner Synagoge / Es wird Tag und Nacht bewacht.“Es brabbelt und textelt eben so vor sich hin, das deutsche Unterbewußtsein, und wenn man schon keine brauchbare Liebeslyrik herzustellen vermag, dann soll es doch wenigstens irgendein deutsches Thema sein...* * *„...und jedes kleine Kaff hat seine eigene Fashion Week!“, sagt Modemacher Miguel Adrover im „Spex“- Interview.Fast wie in der Musikindustrie, gelt? Wir sahen uns bei der Eurosonic Mitte Januar in Groningen...* * *Brian Ferry (das ist dieser Sänger, der seinem Sohn die Freundin ausgespannt und geheiratet hat) dient neuerdings als Kleiderständer für H & M und tritt für das Kundenmagazin eines deutschen Telekommunikationskonzerns auf. Er wird eben alt und braucht das Geld.* * *Peter Sloterdijk, den manche hierzulande als „Denker“, als „Philosophen“ gar bezeichnen, wo doch schon der große Jean-Luc Godard knapp festgehalten hat: „Sloterdijk kann nicht schreiben, was ihn aber nicht davon abhält, ein Buch nach dem anderen zu publizieren“, ich sage: jener Sloterdijk also hat im Rahmen einer Fernsehsendung vor geraumer Zeit behauptet: „Das war die große Erkenntnis von Margaret Thatcher (...): daß sie erkannt hat, der Staat ist per se sozialistisch.“ In 2011 allerdings hat der Meisterdenker ebenfalls im Fernsehen, im sogenannten „Philosophischen Quartett“, festgehalten: „Der Staat ist per se eine semisozialistische Institution.“Und seither rätseln alle Menschen hierzulande: wann und wohin ist „dem Staat die Hälfte des ihm inhärenten Sozialismus“ (Jürgen Roth) abhanden gekommen? Da kann nur des Sloterdijks neuer Säulenheiliger, der ihm in „Herrenmenschen-Propaganda“ (Rainer Trampert) ebenbürtige Rudolf Steiner, weiterhelfen, denn: „Steiner hat die menschliche Subjektivität gewissermaßen nach oben anschlußfähig gemacht. Er hat den Stecker entdeckt, mit dem man höhere Energien anzapfen kann, die normalerweise aus den Konversationen der bürgerlichen Gesellschaft verbannt waren.“* * *Das niederländische Pendant zur GEMA, die Verwertungsgesellschaft Buma/Stemra, wird, wie man in der „taz“ lesen konnte, gerade von einem Skandal erschüttert. Brein, eine Stiftung „zur Bekämpfung der Piraterie geistigen Eigentums“, bat einen Komponisten, mit einem Musikstück eine Kampagne zu unterstützen (ich lasse die einzelnen Schritte dieses Vorgangs jetzt einmal unkommentiert...). Er komponierte also die Musik für einen Kinospot „zur Warnung vor dem Diebstahl geistigen Eigentums, der laut Vertrag nur einige Male gezeigt werden sollte“. Die Anti-Piraterie-Stiftung allerdings hielt sich nicht an den Vertrag, sondern kaperte das Musikstück für eine DVD und etliche andere Datenträger.Nun bat der Komponist die niederländische Verwertungsgesellschaft Buma/Stemra, deren Mitglied er ist, „die Vertragsverletzung zu klären und die ausstehenden Tantiemen einzutreiben“. Die Buma/Stemra allerdings ignorierte den Fall, bis sich ein Vorstandsmitglied des Rechteverwerters mit dem Vorschlag beim Steuerberater des Komponisten meldete, dieser solle das fragliche Stück an den Musikverlag des Buma/Stemra-Vorstands überschreiben und ein Drittel der zu erwartenden Einnahmen direkt an das Buma/Stemra-Vorstandsmitglied weiterreichen. Allerdings schnitt ein Amsterdamer Radiosender das Telefongespräch mit, und einen Tag nach Ausstrahlung mußte der Buma/Stemra-Vorstand zurücktreten.Die „taz“ faßt zusammen: „Die wegen ihres erbarmungslosen und bisweilen rechtlich zweifelhaften Vorgehens gegen mutmaßliche illegale Downloader und Filesharer sehr unpopuläre Buma/Stemra hat so auch an ihrer Basis, bei den Mitgliedern, deren Rechte sie durchsetzen soll, erheblich an Vertrauen verloren.“ Doch anders als hierzulande, wo die Geschäftspraktiken der sozusagen sehr unpopulären GEMA in der Politik keine Folgen zeigten, regte sich in unserem Nachbarland das Parlament, das das Geschäftsgebaren des Rechteverwerters genauer unter die Lupe nahm. Erste Gesetzentwürfe sehen die Befreiung von Buma/Stemra-Gebühren für gemeinnützige Vereine und eine Begrenzung der Vorstandsgehälter auf maximal 130 Prozent der Bezüge des Ministerpräsidenten vor; ein Gesetzentwurf der niederländischen Regierung, der den Download von Filmen und Musik kriminalisieren sollte, scheiterte am 23.12.2011 im Parlament.Sollten wir die Vorschläge der niederländischen Politik nicht aufnehmen? Wie wäre es mit einer gesetzlich geregelten GEMA-Befreiung für gemeinnützige Vereine, oder auch Kindergärten und Schulen? Und wie wäre es mit einer Deckelung der Gehälter des GEMA-Vorstands? Der Vorstandschef der GEMA, Harald Heker, kommt laut „Spiegel“ auf ein Jahresgehalt von 380.000 Euro. Zum Vergleich: ein Ministerpräsident verdient hierzulande pro Jahr je nach Bundesland zwischen 123.600 und 241.200 Euro, die Bundeskanzlerin kommt auf 226.000 Euro. Während laut Statistik der Künstlersozialkasse das durchschnittliche Jahreseinkommen von Musikern im Jahr 2010 ganze 11.521 Euros betrug...* * *Hierzulande hat die GEMA jedoch die gegenteilige Richtung eingeschlagen: die GEMA-Gebühren, die jeder Konzertveranstalter zu entrichten hat, steigen laut Angaben des „Verbandes der Deutschen Konzertdirektionen“ (VDKD) um mehr als 400 Prozent. Bis zum Jahr 2014 müssen die Konzertveranstalter bis zu zehn Prozent der Konzerteinnahmen an die GEMA abführen, was zwangsläufig ab 2012 zu drastisch erhöhten Ticketpreisen führt. Wie reagiert die GEMA auf die Vorwürfe des VDKD? Die fast 25%ige Anhebung der GEMA-Gebühren für ein Konzert vor 3000 Zuschauern bei einem Ticketpreis von 50 Euro beurteilt der Nürnberger GEMA-Direktor Baier quasi als „Peanuts“, die Erhöhung sei „absolut gesehen nur unerheblich mehr“. Ob der GEMA-Direktor einer knapp 25%igen Gehaltskürzung auch einfach so eben zustimmen würde? Ist ja auch „absolut gesehen nur unerheblich“ weniger...* * *Und nun raten Sie mal, welche Urheber mit welchen Titeln anno 2010 bei der GEMA-Abrechnung ganz vorne lagen. Sie kommen nicht drauf. Platz 1: „Ein Stern, der deinen Namen trägt“ (Nik P./DJ Ötzi), Platz 2: „Du hast mich tausendmal betrogen“ (Andrea Berg), Platz 3: „Take me home, country roads“ (John Denver), und auf den Plätzen folgen „My Way“ (in verschiedenen Versionen), „New York, New York“, „Lucky Lips“ („Rote Lippen soll man küssen“), „Griechischer Wein“, „The Girl From Ipanema“, „Böhmischer Traum“ und „Über den Wolken“.* * *Der Darling der deutschen Musikindustrie und ihrer Lobbyorganisationen, Siegfried Kauder, hat nach seinem Scheitern als Copyright-Propagandist und -Nutzer ein neues Betätigungsfeld gefunden: nach Angaben des „Spiegel“ hat Kauder nach dem Besuch eines Vorstandsmitgliedes des Verbandes der Deutschen Automatenwirtschaft jetzt „sein Herz für die Glücksspielwirtschaft“ entdeckt. Neuerdings verlangt Kauder, dessen leichte Beeinflußbarkeit wie seine Großspurigkeit bereits der Musikindustrie aufgefallen war, sogar in einem Brief an die Bundeskanzlerin, der Bund solle das Glücksspielwesen selber regeln – er sei „hell entsetzt“, wie versucht werde, private Glücksspielanbieter vom Markt zu drängen.* * *Vor geraumer Zeit haben wir an dieser Stelle bereits darauf hingewiesen, daß es schon drollig ist, daß die Volksbühne als öffentlich finanziertes Haus ausgerechnet einen Tourneeveranstalter zum Kurator ihrer Popkonzerte, den Bock also zum Gärtner gemacht hat. Nun hat dieser Popmusikkurator für das Neujahrskonzert eine Künstlerin gebucht, die er selbst als Tourveranstalter vertritt. Wie man sich die Gagenverhandlung wohl vorstellen darf? Ruft der Kurator den Tourveranstalter, also sich selbst an? Und der Tourveranstalter macht einen Gagenvorschlag, über den der Kurator dann mit sich selber diskutiert? Oder wulfft der Herr sich  quasi gegenseitig auf seine Mailbox?Über dem Bundespräsidenten sein Klinkerhäuserl und wie er das von seinen Bankenspezln oder Geschäftsfreundln finanzieren läßt, regt man sich auf – dabei ist so etwas heutzutage in allen Bereichen längst systemisch.* * *Wie lange bleiben junge Menschen aufmüpfig, bevor sie sich brav in die autoritären Strukturen der Gesellschaft einsortieren? Ein halbes Jahr? Zwei Jahre? Und wie lange hauen deutsche Rapper auf die Kacke? Die harten Berliner Rapper Bushido und Sido, musikalisch unterstützt von Peter Maffay, erklären ihr „Erwachsen sein“ im Jahr 2011 jedenfalls so:„Damals wollt ich draufgeh’n, rausgeh’n und mich rumtreib’n /Heut will ich mit Frauchen in nem Haus leben und gesund bleib’n.“* * *Soll man wirklich noch was zu dem dilettantischen Isnogood im Schloß Bellevue sagen? Nebbich. Allerdings weiß ich auch nicht so recht, worüber sich alle Leute so aufregen. Was der da so treibt, ist doch business as usual. Mir gehts jedenfalls immer und überall so wie dem Bundespräsidenten: Hab ich im Hotel wie üblich das billigste Zimmer gebucht, bietet mir die freundliche Rezeptionistin ein kostenloses Upgrade in eine Suite an – wer das bezahlt hat? Keine Ahnung. Steige ich in einen Flieger, beeilt sich die Stewardess, mir einen kostenlosen Platz in der First Class anzubieten. Wer das bezahlt? Keine Ahnung. Und wenn ich mal irgendwo Urlaub machen möchte, überbieten sich meine Freunde, mir ihre Traumvillen am Strand von Mallorca oder in Florida zur kostenlosen Nutzung anzubieten (nur mag ich leider weder Mallorca noch Florida). Sollte ich ein Buch schreiben, ist da hinten irgendeine Anzeige abgedruckt, und irgendwer hat dem Verleger vorab zwanzigtausend Euro überwiesen, aber keine Ahnung, wie das alles passiert ist. Und wenn ich mal einen Veranstalter bitten muß, ein Konzert um ein paar Tage zu verschieben, dann wulffe ich ihm auf seine Mailbox und drohe ihm mindestens mit „Krieg“. Und ich kenne die Mailboxen aller Chefredakteure aller europäischen Musikmagazine, klar.Nur eines würde ich für kein Geld der Welt machen, auch wenn mich die staatliche Hypothekenbank noch so sehr darum bettelt, mir das mit einem günstigen Kredit ermöglichen zu dürfen: Nie würde ich in ein derart spießiges, dumpfes Klinkerhäuschen ziehen, und mich dann gar davor mit einem Rasenbewässerungsschlauch von der Presse ablichten lassen. Never. Soviel Selbstwertgefühl muß man schon haben, finde ich.* * *Axel Springers „Rolling Stone“ titelt im Februarheft „Revolution jetzt!“, und ich bin fast ein wenig erschrocken, ob ich etwa was verpaßt habe. Aber iwo, schon Tucholsky wußte, daß die Deutschen, wenn sie Revolution machen, erst eine Bahnsteigkarte kaufen, und so kritzeln doch nur die üblichen Verdächtigen des bräsigen Mittelmaßes, von Spiegel’s Matussek bis SPD-Nahles, diesmal die Bahnsteigkarten voll, und weiter hinten im Heft dann eine ganzseitige Anzeige von „axel springer“ mit dem Titel „Ich bin ein Radikaler der Mitte (...) Journalist, Unternehmer, Freiheitskämpfer“ über den Firmengründer, und alles ist wieder im Lot, und man weiß, wie der Titel gemeint ist. * * *Besitzen Sie ein Mobiltelefon? Und verwenden es, anders als der Filmemacher Aki Kaurismäki, nicht nur zum Öffnen von Bierflaschen, sondern auch zum Telefonieren? Dann seien Sie vorsichtig, wenn Sie nach Berlin kommen oder gar in Berlin leben – hier sind Sie als Handybesitzer nämlich prinzipiell verdächtig und werden gerne mal von der Polizei überwacht. Die Berliner Polizei hat in den vergangenen vier Jahren auf der „Jagd“ nach Autobrandstiftern rund 4,2 Millionen Verbindungsdatensätze ausgewertet, meldet die „Berliner Zeitung“. In keinem Fall wurden die Betroffenen informiert. Gut 1,7 Millionen Datensätze sind immer noch nicht gelöscht (nur am Rande: das Bundesverfassungsgericht hat die „Vorratsdatenspeicherung“ ausdrücklich untersagt – aber was schert die deutsche Polizei schon die Verfassung...). Verdächtige wurden durch die massenhafte Telefonüberwachung übrigens nicht ermittelt...* * *"Heute ist Europa eine deutsche Exportkolonie, regiert mit Hilfe eines Juniors, der sich, ein wenig selbstironisch wohl schon, noch immer die Grande Nation nennt. Was ein spanischer Arbeitsloser zu fressen bekommt, ein portugiesischer Lehrer verdient, wann ein Franzose in Rente geht und Irland der Dispo gestrichen wird, wessen öffentliches Eigentum an welchen - deutschen - Kapitalisten zu privatisieren ist, wie lange ein griechischer oder italienischer Ministerpräsident im Amt bleiben darf und von wem er ersetzt werden muß, wer sein Volk nach dessen Meinung fragen und wann er Wahlen abhalten darf, wird in Berlin entschieden und von Hiwis in Brüssel wie dem EU-Ratspräsidenten van Rompuy verkündet."(Hermann L. Gremliza in "Konkret")* * *Eric Pfeil hat es in seinem immer lesenswerten Pop-Tagebuch aufgedeckt: die „Traditionsfirma“ Warner Records (die sich längst in den Fängen eines russischen Oligarchen befindet) hat anläßlich des Karnevals eine Compilation mit Stimmungsmusik herausgebracht unter dem Titel „Karneval Kult Hits“ (heutzutage ist eben wirklich alles immer gleich „Kult“...). Ein Sampler, „auf dem sowohl die Düsseldorfer Post-Punks Fehlfarben als auch die norddeutschen Stimmungs-Großwesire Klaus und Klaus vertreten sind“, also: „Musik kann manchmal doch eine Brücke sein. Manchmal sogar eine Krücke.“ (Eric Pfeil) Wenn Sie wissen wollen, was sonst noch zu den „Karneval Kult Hits“ von Warner zu sagen ist, den die Plattenfirma in gewohnter Eloquenz ankündigt („Es sind alle gekommen, die in Sachen Gute Stimmung was zu sagen haben“), und wer da drauf ist (neben den genannten u.a. auch Boney M, Christian Anders mit seinem Bombenstimmungsknaller „Es fährt ein Zug nach nirgendwo“), und ob Jochen Diestelmeyer und Leonard Cohen es auch drauf geschafft haben, dann müssen Sie Eric Pfeils Pop-Tagebuch vom 25.Januar 2012 lesen. Es lohnt sich, wie immer!* * *Aus unserer beliebten Reihe „unverlangt eingesandte Künstlerangebote“, wie immer in Originalrechtschreibung und -interpunktion:„Aktuelles Video „geliebt&verletzt“ wird als Single ab dem 15.Januar promotet ( „geiler isses hier“ das war der Song mit dem wir im Sommer 2009 bei einigen Radiosendern Platz1 erreichten, hier in einer Version mit Sinfonieorchester (...) Hier ein Ausschnitt (Coverprogramm) Geburtstagskonzert 2007 im Stadion der Freundschaft (...) A.E. war mal bei uns Sängerin, bevor sie bei den Superstars teilgenommen hat (...) Die zehn Songs bestechen durch unverblümte Sprache und schnörkellose Musik, „schließlich wollen wir uns nicht verbiegen!“. Gemeinsam hat die Band in fast zwei Jahrzehnten 1,2 Millionen Straßenkilometer zurückgelegt und hat am 28.10.2012 (wohlgemerkt, erhalten habe ich diese Mail am 24.1.2012! BS) ihr 2.222. Konzert gegeben. Nun lässt sie ihr neues Album „Narben und Souvenirs“ vom Stapel. Es zeigt einen Steuermann mit seiner Mannschaft, die manch schweren Sturm überstanden hat. Six erweist sich als seetauglich, bereit, auf große Fahrt zu gehen, um auch außerhalb ihres Kernlands Brandenburg Fans zu begeistern. Ihr Kommando lautet: Volle Kraft voraus!“Alles sehr toll, aber eine Frage hab ich doch: wie kann man in seinem Kernland Brandenburg 1,2 Millionen Straßenkilometer zurücklegen? Immer im Kreis gefahren?* * *Daß die modernen Menschen ihre „sogenannte Freiheit im Internet“ (Gillig-Degrave) nutzen, um gegen die amerikanischen Gesetzesvorhaben „Sopa“ und „Pipa“ zu kämpfen, ist den einheimischen Copyright-Cops und ihren medialen Claqueuren natürlich alles andere als recht. Die Unterstützung des umstrittenen Sopa-Gesetzes wurde von den Lobbyisten der US-Unterhaltungsriesen mit enormem Aufwand betrieben, zuletzt drohte ein Vertreter der Lobbyverbände dem Präsidenten mit dem Entzug von Wahlkampfspenden. In den USA ist, anders als hierzulande, öffentlich, welche Firmen einen Gesetzentwurf unterstützen – so hat das Repräsentantenhaus die „List of Supporters: H.R.3261, the Stop Online Piracy Act“, ins Internet gestellt. Und damit für alle, die sich damit beschäftigen wollen, deutlich gemacht, wes Geist das Sopa-Kind ist. Neben den erwartbaren multinationalen Konzernen der Unterhaltungsindustrie, von BMG Chrysalis über CBS, Disney, EMI, Sony Music, Time Warner bis hin zu Universal und Warner finden sich in der Liste auch Konzerne wie Estée Lauder, L’Oreal, der Viagra-Hersteller Pfizer, Revlon, Tiffany & Co oder Visa. Dazu kommen Or
anisationen wie eine „Alliance for Safe Online Pharmacies“, die „American Bankers Association“, die „Christian Music Trade Association“, die „Church Music Publishers’ Association“, ESPN, eine „International Union of Police Associations“, „Let Freedom Ring“, „Major Country Sheriffs“, die „Major League Baseball“, die „National Association of Prosecutor Coordinators“, die „National Football League“ wie die „National Sheriffs’ Association“ oder die „National Troopers Coalition“, das „United States Olympic Comitee“ wie die „United States Tennis Assciation“ oder „Zumba Fitneß“ sowie einige Organisationen der Tea Party-Bewegung. Besonders gefallen unter den Unterstützern des Sopa-Gesetzentwurfs hat mir allerdings eine Organisation oder Firma namens „True Religion Brand Jeans“. True Religion Brand Jeans! Der US-Blogger Bob Lefsetz kommentiert das Rückzugsgefecht der Content-Industrie so: „Let's start with what everybody seems to be interested in, money. What's the best way to make a lot of money? The major labels knew how. They controlled radio and retail, not allowing anybody else to play. And they reaped all the rewards. To this day it's almost impossible to get your record on the radio if you're an indie act, and in the days of physical retail, if you weren't aligned with a major, you could never get paid, no matter how many units you sold. This is the game the content industries are trying to cement in stone with SOPA/PIPA. It's got nothing to do with theft/copyright infringement. That's a smoke screen. They want control. And online, they've lost it.“Aber was die Content-Industrie unterschätzt hat: You don’t mess with the web! Man hätte gedacht, die großen Content-Konzerne hätten das aus der Schlacht mit Napster. Und: „So macht sich der Staat zum Büttel der Verwertungskettenknaller, Autoren, Komponisten und Urheber gehen so oder so leer aus. Wäre schick, die USA hätten ein liberaleres Recht als zum Beispiel China.“ (Friedrich Küppersbusch in der „taz“).Hierzulande gibt es nur ein paar isolierte Ewiggestrige wie die CDU-Bundestagsabgeordneten Heveling und Krings, die dem rabiaten US-amerikanischen Sopa-Gesetzentwurf die Stange halten – und müssen sich vom CDU-Netzpolitiker Kretschmer um die Ohren hauen lassen: „Es ist wie so häufig: Mangelndes Fachwissen führt zu den abstrusesten Vorschlägen.“ Selbst in der CSU sind Sopa-Positionen nicht mehr opportun, die CSU-Politikerin Bär meint, es sei ein „großes Problem“, wenn Internetdienstleister dazu verpflichtet werden sollten, Seiten zu überwachen und zu sperren, die vermeintlich gegen das Urheberrecht verstießen. „Es darf nicht sein, daß bei Urheberrechtsverletzungen der Rechtsschutz ausgehebelt wird und Tatsachen geschaffen werden ohne rechtsstaatliches Verfahren“, schreibt CDU-Kretschmer den Sopa-Fans ins Stammbuch.Nur die hiesigen Haudraufs von Gillig-Degrave („Dicke Schlitten, dralle Weiber“ - die Musikwoche also rechts vom Bayernkurier, sozusagen) bis „Blutbrüdaz“ („Sag mal bist du bescheuert, Alter? Hast du uns beklaut, jetzt? So ne Scheiße, Alter“, und dann Stinkefinger) machen weiter wie eh und je. * * *Die Firma Apple hat im letzten Quartal bei einem Umsatz von über 46 Milliarden Dollar einen Nettogewinn von über 13 Milliarden Dollar erwirtschaftet.Etliche Arbeiter in den chinesischen Fabriken des taiwanesischen Konzerns Foxconn, wo viele Apple-Produkte, aber auch solche von Firmen wie Dell, Nokia, Motorola, Sony, Nintendo oder Hewlett-Packard hergestellt werden, haben zuletzt mit Massenselbstmord gedroht, um gegen die unzumutbaren Arbeitsbedingungen bei Foxconn zu protestieren. Foxconn gilt als der weltgrößte Elektronikhersteller. Noch 2011 hat Apple Foxconn bestätigt, Apples „Supplier Responsibility Report“ komplett zu erfüllen, und Steve Jobs sagte, bei Foxconn würden die Arbeiter in einem „Paradies“ leben mit Kinos, Swimmingpools und Luxus. Im Jahr 2011 war Foxconn bereits aufgrund einer Serie von Selbstmorden unter Druck geraten. Der im letzten Jahr von Foxconn mehrfach angehobene durchschnittliche Monatslohn der 300.000 Arbeiter im Werk in Shenzhen beträgt mittlerweile laut Angaben der 2000 Yuan; das entspricht 244 Euro.Die Wirtschaftszeitschrift „Economist“ geht davon aus, daß die Herstellungskosten zum Beispiel eines iPhones von Apple etwa 178 Dollar betragen, wovon die Herstellungskosten bei Foxconn etwa 7 Dollar kosten (der Löwenanteil geht für Komponenten drauf, die Apple u.a. bei Samsung, Infineon oder Texas Instruments zusammenkauft). Aber irgendwie muß der Quartalsgewinn von 13 Milliarden Dollar ja auch erwirtschaftet werden...* * *Wo aber, Seliger, bleibt das Positive?Hier: Wie die amtliche nordkoreanische Nachrichtenagentur KCNA via AFP mitteilte, begab es sich zu Berlin-Mitte vor der Botschaft Nordkoreas am Tage nach der Bekanntgabe des Todes von Kim Jong Il: Eine Meise habe eine Stunde vor der Eingangstür ausgeharrt, während eine Pflanze trotz der Winterzeit zu blühen begonnen habe. „Es schien, als ob der Vogel bei der traurigen Nachricht des Dahinscheidens des herausragenden Mannes zu der Trauerstelle flog, um sein Beileid auszudrücken“, während die Pflanze hinwiederum „als Zeichen der Trauer um seinen Tod mitten am kalten Wintertag zu blühen begonnen“ habe.(Die FAZ ergänzt den Satz „Kim Jong-il war am 17.März gestorben“, was nicht allzu wahr ist. Zu dem Bild Nordkoreas in hiesigen Medien kann man Berthold Seligers Beitrag „Pjöngjang im Kaffeesatz“ aus Konkret 11/2010 auf unserer Website unter „Texte“ nachlesen; an gleicher Stelle kann man auch den dreiteiligen Reisebericht aus Nordkorea, aus Konkret 9/2007 - 1/2008, unter den Überschriften „Ein Teddy von der FDJ“, „Im Saal der Tränen“ und „Happiness“ finden. Ich will nicht behaupten, daß man nach einer Woche Nordkorea wirklich viel von dem „katholischsten Land der Erde“ erfahren hat oder eine umfassende Analyse anbieten kann – immerhin aber war unsereiner vor Ort und hat sich eigene Eindrücke verschaffen können, im Gegensatz zu allen Journalisten, die über das Land in allen hiesigen Medien berichten und eben nie dort waren, sondern in Tokio oder Peking sitzen und ihre Berichte aus südkoreanischen Fernsehberichten und nordkoreanischen Agenturmeldungen zusammenschreiben...)

30.01.2012

P.S. Blaue Frau

Damit wir uns nicht mißverstehen: ich will nicht über die Maßen old school und als ewiger Spielverderber erscheinen. Und mir ist dieser nette kleine Flyer eher wurscht. Aber wenn die „taz“ schreibt: „Aus dem übergroßen Angebot (zu Silvesterparties, BS) sei hier die Spacy Stardust Show ausgewählt, vor allem, weil ihr Flyer so schön blau ist und ein sexy Cowgirl zeigt; in ironischer Postgenderpose selbstverständlich und nicht als Sexobjekt, schließlich befinden wir uns in der aufgeklärten Metropole“, dann würd ich das doch gerne näher erklärt bekommen. Ich meine, der erste Satz ist ja völlig o.k. – nettes Blau, sexy Cowgirl, warum nicht. Aber das dann alles mit einem pseudo-intellektuellen Überbau versehen zu müssen, der in seiner Klemmigkeit schon wieder so was von Biedermeier ist – die Sexyness darf eben nur „ironisch“ daherkommen und in vermeintlicher „Postgenderpose“, schließlich befinden wir uns in einer „aufgeklärten Metropole“ – awcmon, ihr Klemmies und Klemmchauvis von der taz, ihr wißt zwar, was ihr sagen müßt in diesen „aufgeklärten“ Zeiten, aber ihr habts dann auch wieder so was von nicht drauf...

Seiten