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Blog Archiv - Jahr 2012
21.04.2012

Gema vs. YouTube

Eigentlich sollte man meinen, daß ein Gerichtsurteil wie das
im Fall YouTube vs. Gema Klarheit schaffen würde. Das ist auch der Fall: Für
die, die sich in der Materie auskennen und nicht von Lobbyisten gekauft sind,
ist die Sache klar – die von der Gema erhoffte Grundsatzentscheidung zur Frage,
wie mit dem Urheberrecht beim Umgang mit Musik und Filmen im Internet künftig
zu verfahren sei, blieb aus. Ganz im Gegenteil, die Gema verlor sogar ganz
konkret: YouTube darf laut dem Hamburger Urteil weiterhin einige der zwölf in
Frage stehenden Musiktitel in seinem Angebot bereitstellen – anders, als die
Gema in ihrer Klage gefordert hatte. Und die Gema wollte, daß das Gericht
YouTube als Inhalteanbieter haftbar für von Nutzern hochgeladene Inhalte macht.
Auch diesem Teil der Klage ist das Hamburger Gericht nicht gefolgt – danach
haftet YouTube nur als „Störer“, wie es im Juristendeutsch heißt, für die von
Nutzern hochgeladenen Clips, die Rechte von Gema-Mitgliedern verletzen. „Störerhaftung bedeutet eigentlich: Die
Plattform ist erst dann verantwortlich für Rechteverletzungen der Nutzer, wenn
jemand die Plattform auf den konkreten Fall hinweist.“ Allerdings: „Das Hamburger Gericht legt YouTube nun
jedoch erheblich weiterreichende Prüfpflichten auf: Die Plattform muß alle
neuen Uploads scannen und mit Wortfiltern die Begleittexte prüfen“ (Spiegel
Online) – das ist wohl der eher kleine Teilerfolg, den die Gema vor Gericht
erstritten hat.

Auf „Spiegel Online“ weist Konrad Lischka zurecht darauf
hin, daß eine Einigung zwischen Gema und YouTube nun zumindest erleichtert
wird, denn die Gema hat sich nun vom Gericht um die Ohren hauen lassen müssen,
daß, anders als erhofft, von YouTube keine Schadensersatzzahlungen für
Urheberrechtsverletzungen der Vergangenheit geltend zu machen sind. Letztlich
geht es Gema und YouTube natürlich ums Geld – die Gema möchte, daß YouTube
einen festen Beitrag je Abruf eines Werkes bezahlen soll (die sogenannte
Mindestnutzung), und zusätzlich „einen
festen Anteil des auf die Musiknutzung zurückzuführenden Nettoumsatzes (die
sogenannte Regelvergütung). Was bei der Mindestvergütung anfällt, wird mit der
Regelvergütung verrechnet“ (SPON). Die Gema möchte 0,006 Euro pro Abruf –
hört sich wenig an; wenn man sich aber betrachtet, daß deutsche Internetnutzer
z.B. im April 2011 über 3,8 Milliarden Videos abriefen (das ist ein Jahr her,
und die YouTube-Abrufe erfreuen sich drastisch steigender Beliebtheit!), dann
weiß man, daß es da um einen deutlich zweistelligen Millionenbetrag monatlich
geht – diese Summe muß man erstmal mit Online-Werbung verdienen...

Wirklich interessant ist allerdings, wie die Medien auf das
Hamburger Gerichtsurteil reagierten: Daß der embedded journalism der
Musikindustrie keine seriöse Berichterstattung kennen würde, durfte man
erwarten: „GEMA setzt sich mit
YouTube-Klage durch“, titelte die „Musikwoche“ in einer Meldung.

Auch die „Berliner Zeitung“ titelt „Gema erringt einen Teilsieg“, stellt im Artikel dann allerdings
klar, daß das Gericht im Gegenteil in den wesentlichen Punkten „der Argumentation von YouTube folgte“: „Die Gema hatte bislang argumentiert,
YouTube sei hinsichtlich der Gebühren wie ein Inhaltsanbieter zu behandeln. Dem
widersprach nun das Gericht. Google erklärte daher, in der Hauptsache gewonnen
zu haben.“

Die „Süddeutsche“ titelt „YouTube
muß Musik-Clips löschen“ und geht, wen wundert das noch,  Hand in Hand mit Springers „Welt“ („YouTube muß Videos im Internet löschen“).
Die „Welt“ sieht in einem Leitkommentar gar die abendländische Welt gerettet: „Geist gegen Google“, tönt es da wenig
geistreich.

Die „taz“, zu deren Gesellschaftern bekanntlich „Bild“-Chefredakteur
Kai Diekmann gehört, hat wieder einmal nichts verstanden und stößt ins gleiche
Horn wie Springer auf der anderen Straßenseite: In der „taz“ heißt es „YouTube verliert Prozeß“, und sie
berichtet von einem angeblichen „Etappensieg
für die Gema“.

Ist schon drollig, wenn man betrachtet, wie ein und derselbe
Beitrag je nach Kompetenz und Seriösität der Autoren unterschiedlich gewertet
wird – die „FAZ“ berichtet von einem Beitrag von Thomas Hoeren, Professor für
Informations-, Telekommunikations- und Medienrecht an der Universität Münster,
im Deutschlandradio, wonach dem Fachmann die Forderung „unmöglich erscheint, Urheberrechtsverletzungen von YouTube vorab
prüfen zu lassen“: „Ich kann eben im
Internet nicht filtern, ich kann einem Bit nicht ansehen, was es beinhaltet,
ich kann nicht die Millionen von YouTube-Videos, die da sind, auf urheberrechtliche
Lagen hin durchprüfen. Deshalb hatte der Gesetzgeber ausdrücklich ins Gesetz
hineingeschrieben, daß es solche Prüfungspflichten nicht geben soll.“

Und was macht René Martens in der „taz“ daraus, gepaart mit
etwas Mitleid für die arme Gema, die „in der
Öffentlichkeit als bürokratisches Monster wahrgenommen wird“? Das hier: „Der Münsteraner Medienrechtler Thomas
Hoeren hatte schon vor dem Urteil im Deutschlandfunk prophezeit, die Causa
werde bis zum Bundesgerichtshof gehen“. So kann man Leser, die mit wenig
zufrieden sind, natürlich auch desinformieren.

Auf der ersten Seite des Feuilletons der aller
linksradikalen und antikapitalistischen Propaganda unverdächtigen „FAZ“ steht
das, was wirklich in Hamburg passiert ist: „YouTube
erzielt gegen die Gema einen Punktsieg“, titelt die „FAZ“ und berichtet: „Die von der Gema erhoffte Grundsatzentscheidung
zur strittigen Frage, wie mit dem Urheberrecht beim Umgang mit Musik und Filmen
im Internet künftig zu verfahren sei, blieb aus. Im konkreten Fall ging die
Gema sogar als Verliererin vom Platz.(...) Mit dem Urteil hat YouTube einen
weiteren Zwischenerfolg im Rechtsstreit mit der Gema erzielt.“

Ach ja, übrigens: Die Band „Die Ärzte“ stellte gerade ihr
komplettes neues Album kostenfrei ins Netz, und zwar, man höre und staune, bei
YouTube – dort kann man zu den 16 Songs des aktuellen Ärzte-Albums „Auch“ 16
eigens produzierte Videos sehen. Das neue Album wird kommende Woche wohl
dennoch (oder auch deswegen) auf Platz 1 der deutschen Album-Charts einsteigen.
Das Internet funktioniert vielleicht doch anders, als es sich einheimische
Kleinkunstdarsteller und Wutbürger wie Sven Regener ("Weder YouTube noch Google haben selbst
irgendetwas zu bieten, außer
dem, was andere geschaffen haben", „Wir
sehen nicht ein, daß mit Werbung Milliardengeschäfte
gemacht werden, und wir davon nichts abkriegen“, „ein Geschäftsmodell, das darauf beruht, daß diejenigen,
die den Inhalt liefern,
nichts bekommen, ist kein Geschäftsmodell") vorstellen
können...

Und was Verwertungsgesellschaften wie die Gema in Wirklichkeit sind,
kann man beim amerikanischen Komponisten Frederic Rzewski nachlesen, dessen monumentales
Klavierwerk „The People United Will Never Be Defeated“ als Legende und eine der
wichtigsten Kompositionen des 20. Jahrhunderts gilt; Rzewski sagte:

„Alle
Verwertungsgesellschaften sind Diebe.“

17.04.2012

Der Heilige Rock und das Internet

Ein kleiner Blick in die Zukunft: Was machen die Kämpfer für
das alte Urheberrecht im Mai  2012?
Schauen das Champions-League-Finale im TV, werden Sie vielleicht sagen. Aber
nein, ich sage Ihnen: Die Verfechter des Urheberrechts werden den Heiligen Rock
in Trier anbeten, Sie werden sehen.

Und das kommt so:

Um Ostern 2012 herum begab es sich in Deutschland, daß die
Verfechter des Urheberrechts sich mit der katholischen Kirche zusammentaten –
im Grunde eine logische Allianz der Konservativen, die das Bestehende, das
ihnen nützt, anbeten. Erst hat es niemand bemerkt, aber im Nachhinein war die
vom Heiligen Stuhl bestens koordinierte Kampagne eindeutig zu erkennen: Immer
mehr Künstler, Kulturmanager und Politiker geißelten das Internet, und erst
später verstand man den göttlichen Plan, und daß all die Protagonisten heimlich
an den Marionettenfäden des Vatikan hingen:

Sven Regener sprach von „diesen Internetfirmen“, das seien
„große Lobbyverbände“.

Springers Konzerngeschäftsführer für Public Affairs, Christoph Keese, kämpfte unermüdlich gegen das
Wesen des Internets.

Das „Handelsblatt“ hatte an Gründonnerstag unter dem Titel
„Mein Kopf gehört mir!“ ein Pamphlet gegen das Internet und gegen die freie
Zirkulation von Ideen veröffentlicht. „Wo
steht, daß alle kostenlos am Wissen teilhaben müssen?“

Die kulturpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion von Grünen/Bündnis 90 erklärte in der „taz“
die Unzulänglichkeiten des Internets: Das Internet, so Agnes Krumwiede, könne
praktisch gar nichts: Es könne „keinen
Verleger und Investor, keinen Tonmeister und Produzenten ersetzen“. Das
Internet habe „keinen Intellekt, keine
Fantasie, keinen künstlerischen Instinkt, keine Managementqualitäten“.

Internet: böse böse böse!

Eine unheimliche Kamerilla unterschiedlichster Personen
sagte rund um Ostern ein deutliches „nein!“ zur modernen Welt.

Gesteuert allerdings war diese Kampagne, wie gesagt, von den
Kirchen.

„Die Kirchen haben zu
Ostern die Bedeutung des Glaubens als Mittel gegen die Oberflächlichkeit des
Internets hervorgehoben“, berichtete die „FAZ“ am Dienstag nach Ostern
unter der schönen Überschrift „Kirche
kritisieren Internet“. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in
Deutschland, Präses Nikolaus Schneider, stellte fest, allein „der Glaube befähige, das Wesentliche vom
Unwesentlichen zu unterscheiden“, und nicht etwa das Internet, nicht
Facebook, nicht einmal Google, wollte er wohl sagen. Und kritisierte: „Über soziale Netzwerke verbreitet sich
Empörung in Minutenschnelle. Viel zu viele schließen sich ohne Überprüfung oder
Nachdenken an.“ Wie wohltuend sei dagegen eine besonnene Stimme von
Menschen, „die durch ihren Osterglauben
befähigt sind, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu unterscheiden.“

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof
Robert Zollitsch, sieht laut „FAZ“ „den
Glauben als Mittel gegen die Sucht nach Internet“. Zollitsch kritisierte
die Gefahren des Internets, das wie die Sucht nach Alkohol, Medikamenten oder
Drogen zu den „versklavenden Götzen
unserer Zeit“ zähle, so die „FAZ“.

Die Gegenreformation nahm ihren Lauf. Es war natürlich eine
von langer Hand und mit göttlichem Odem vorbereitete Kampagne, die da zu Ostern
oszillierte. Denn längst schon hatte die katholische Kirche beschlossen, nach
Jahrzehnten wieder einmal eine alte Textilie öffentlich zu zeigen, die sie als
den „Heiligen Rock“ bezeichnet, das angebliche Gewand Christi auf seinem
letzten Weg. „Ein Stück verfilzter
Wollstoff, dessen Herkunft nicht zweifelsfrei zu klären ist“, meint die
zweifellos etwas atheistische „Berliner Zeitung“ am Freitag nach Ostern, einem
Freitag den 13. (Symbol!). Wird die Dornenkrone Christi in der Paris Kathedrale
Notré Dame aufbewahrt, die Lanze, mit der sich die römischen Soldaten vom Tod
Jesu überzeugen wollten, in Wien, ein Stück des Kreuzes in der
Santa-Croce-Kirche in Rom, während die Vorhaut Jesu 1983 spurlos verschwand –
so bietet die Stadt Trier seit 500 Jahren eine Möglichkeit des Ablaßhandels für
die Gläubigen: Denn im Jahr 1512 wurde dort erstmals der „Heilige Rock“
gezeigt, den viele Katholiken als eine der kostbarsten Reliquien ihrer Kirche
verehren. 109 Zentimeter breit, 147 Zentimeter (vorn) bzw. 157 Zentimeter (hinten)
lang, wird der Heilige Rock nun im Trierer Dom gezeigt – eine
Heilig-Rock-Wallfahrt, bei der, wir schreiben das 21.Jahrhundert, über 500.000
Menschen erwartet werden. Organisator des Events ist der Trierer Ortsbischof,
Stefan Ackermann, der gleichzeitig die Funktion des „Mißbrauchsbeauftragten der
Deutschen Bischofskonferenz“ wahrnimmt und als solcher als Mann vom Fach gelten
darf, mußte er doch „kürzlich einräumen,
daß er im eigenen Bistum sieben pädophile Priester weiter beschäftigt“
(„Berliner Zeitung“).

Doch wir wollen uns nicht mit Kleinigkeiten aufhalten, denn
hier geht es um Großes – um den Kampf des Heiligen Rocks gegen das teuflische
Internet, um den Kampf der deutschen Bischöfe gegen das Internet, den „versklavenden Götzen unserer Zeit“. Und
für diesen Kampf konnten die Bischöfe, wie aus gewöhnlich gut unterrichteten
Kreisen bestätigt wurde, per Geheimvereinbarung eine ganze Schar williger Mitstreiter
gewinnen – deutsche Künstler, Verlagsmanager, Chefredakteure,
Bundestagsabgeordnete.

Und so kann ich Ihnen nur eines empfehlen – wallfahren Sie
nach Trier! Pilgern Sie zum Heiligen Rock! Dort werden Sie, versteckt unter mönchischen
Büßerkutten, all die Streiter gegen die Gefahren des Internet um den Heiligen
Rock herumwallen sehen. Zollitsch, Gorny, Keese, Regener und Frau Krumwiede.
Sie werden sie kaum wiedererkennen, und doch sind sie geradezu zur
Kenntlichkeit verzerrt. Und das Handelsblatt wird ab sofort von Kardinal
Meißner herausgegeben, während die Musikwoche sich anläßlich des „Welttages des
Geistigen Eigentums“ am 26.4.2012 in „Heilige Rock-Woche“ umbenennt und sich
unter den Schutz des Erzbistums München-Freising begibt.

Und vor dem Trierer Dom, vor den Massen, die zum Heiligen
Rock wollen, macht Chung den Savonarola und hält flammende Bußpredigten gegen
das Internet.

(wo aber finden die Jüngeren unter uns jetzt heraus, wer
oder was Savonarola ist? denn Wikipedia wurde von den deutschen Bischöfen
längst abgeschaltet, versteht sich...)

17.04.2012

Claudia kneift

Die „grüne Gurke“ („taz“), die Bundesvorsitzende der
„Grünen“, Claudia Roth, wird im Internet derzeit als „Claudia kneift“
bezeichnet. Das „Handelsblatt“ hatte zu einer Podiumsdiskussion zum Thema „Urheberrecht,
Netzpolitik, Bildung und Umweltschutz“ die Bundesvorsitzende der „Grünen“ und
den Spitzenkandidaten der „Piraten“ in NRW eingeladen.

Doch in der Zwischenzeit begann der Höhenflug der „Piraten“,
die in NRW derzeit noch vor den Grünen als drittstärkste Partei bei 11 Prozent
liegen (die Grünen bei 10%). Und auf Bundesebene liegen Piraten und Grüne
derzeit gleichauf bei 12%. Zuviel Hype, sagte Claudia Roth und ließ das Duell
absagen: „Die Rahmenbedingungen haben
sich durch den Höhenflug der Piraten verändert“, erklärte Roths
Pressesprecher. Die Grünen-Vorsitzende, die sonst gerne „echte Transparenz und keinen laxen Umgang mit der Wahrheit“
fordert, fühlt sich in der öffentlichen Diskussion offensichtlich nur noch
Kleinstparteien gewachsen. Oder mußte sie gerade wieder der „Bunten“ ein
Interview geben? Die Arroganz einer Altpartei.

Dabei hat Wahlkampf eigentlich mit „kämpfen“, nicht mit „kneifen“
zu tun.

11.04.2012

Und Ansonsten 04/2012

Ob „Unheilig“, ob „Wir sind Helden“, ohne Schiffs-Metaphern
kommt heutzutage anscheinend keine deutsche Band mehr aus. Die „Helden“
erklären in ihrer Quasi-Auflösungs-Stellungnahme „Wir sind erstmal raus“: „Der dicke Tanker WSH wird also fürs erste irgendwo
geparkt, in einer hübschen Bucht mit leichtem Wellengang.“ Einen Absatz
später wird der besagte „Tanker“ rasch zum „Kreuzfahrtschiff“ umgedichtet, was
die Metapher nicht viel besser macht – man weiß doch, daß diese Dinger
heutzutage sogar kleine Mittelmeerinseln rammen... Ist eben alles sehr deutsch
und sehr Bismarck oder EsPeDe im Deutschpop, der Lotse geht vom Boot, der
Tanker kann so schnell nicht wenden und was des Seefahrerquatsches „Meer“
ist...

* * *

Die Marketingleute der Klassiklabels haben irgendwie nicht
alle am Christbaum... Ständig muß alles mit dubiosesten Zusätzen vermarktet
werden – so auch bei der im Grunde so erfreulichen wie brauchbaren „Icon“-Reihe
von EMI, auf der für wenig Geld einige der besten Klassikaufnahmen aller Zeiten
erhältlich sind – allein die 9 CD-Box „Bruno Walter – The Early Years“ dürfte
an Qualität die gesamte Musikindustrieproduktion dieses Jahres aufwiegen, mit
der Walküre von 1936, mit den Mozart-, Schubert- und Mahler-Aufnahmen – und das
für knapp über 22 Euro (wie gesagt, für 9 CDs!).

Allerdings – warum die CD-Box der Sängerin Elly Ameling „The
Dutch Nightingale“ heißen muß oder die Box von Alexis Weissenberg „The
Champagne Pianist“, das würde ich gerne näher erklärt haben...

* * *

„Das
öffentlich-rechtliche Fernsehen hat ja einen Bildungsauftrag. Was machen die
denn? Wo sind die ganzen Klassik-Sendungen geblieben? Da gibt es das grauenhaft
moderierte Klassik-Echo-Preisträgerkonzert mit Herrn Gottschalk. Der hat
dasselbe Interesse an klassischer Musik wie ich am Häkeln.“

Thomas Quasthoff im „Spiegel“-Interview

* * *

Ein weiteres Strukturproblem für die Musikindustrie deckt
der „Spiegel“ in einer mehrseitigen Story auf:

„Vor allem die
Leerkassette stellt die Musikfirmen vor kaum lösbare Probleme. Sie verlieren
durch Überspielungen in Westdeutschland pro Jahr rund eine Milliarde Mark. Das
Unterhaltungsgewerbe steuert in eine Existenzkrise. (...) Die Leerkassette wird
nahezu ausschließlich zum Zweck der privaten Musikaufnahme erworben. In
westdeutschen Bürgerhaushalten stehen schon heute annähernd so viele
Kassetten-Recorder wie Plattenspieler. (...) Schon einmal, bei der Umstellung
von der zerbrechlichen Schellack-Scheibe mit 78 Umdrehungen pro Minute auf die
unzerbrechliche 33er PVC-Longplay, leistete die notorisch konservative
Musikindustrie verbissen Widerstand. (...) Einige Jahre weigerten sich die
Top-Manager von Weltfirmen wie RCA und EMI, die LP anzuerkennen, nur weil sie
bangten, auf Bergen dann unverkäuflichen Schellacks sitzenzubleiben. (...)

Die Auswirkungen für
die Freizeitkultur, für Musikproduktion und Musikgeschäft sind noch
unübersehbar. Denn erstmals in der Geschichte ist der Klangkonsument von der
Handelsware relativ unabhängig. Mit der Kompaktkassette bestimmt er sein
eigenes Programm. Ein Klang-Supermarkt zum Nulltarif: Leichter war das
Mitschneiden noch nie. In westdeutschen Schulklassen ist es zur Regel geworden,
nur noch eine einzige Platte zu kaufen, die sämtliche Schüler kopieren.
Branchenkenner schätzen, daß in der Bundesrepublik rund 10.000 gewerbsmäßige
Schwarzkopierer den Tonträgermarkt unterlaufen. Vor allem aber Tonband-Piraten,
namentlich in Italien, haben mit Billigangeboten in Millionenauflage im letzten
Jahr die westdeutschen Tonträger-Firmen um ihre Rendite gebracht. Mehr als eine
Milliarde Mark ging der deutschen Musikbranche im vergangenen Jahr durch
Leerkassetten und Piraterie verloren. (...)

Das hat für die
Musik-Szene fatale Folgen. Solange Komponisten, Texter, Verleger und
Plattenfirmen mit Schlagern, Jazz, Rock und Klassik Geld verdienen, kann neue
Musik produziert werden. Versiegt der Verkauf von bespielten Kassetten und
Schallplatten, weil der Konsument allen Schall aus dem Äther umsonst
konservieren kann, sind keine Mittel für Neuaufnahmen mehr da. Die
Musikindustrie steht vor ihrer gefährlichsten Krise. Durch den Vormarsch der
Leerkassette werden die Plattenfirmen zu empfindlichen Budget-Kürzungen
gezwungen sein. Sie werden qualifizierte Mitarbeiter entlassen und ihr Repertoireangebot
drastisch einschränken müssen. (...) Keine Aussicht, die Krise zu meistern: Die
Lobby der Musikindustrie bemüht sich gegenwärtig um eine Novellierung des
Urheberrechtsgesetzes (...)“

Ich weiß nicht, wie EMI-Europa-Chef Wilfried Jung und seine
Kollegen diese schwere Krise gemeistert haben, aber Sie werden es längst
gemerkt haben, dieser dramatische „Spiegel“-Artikel ist aus dem Jahr 1977.
Sounds familiar? Piraterie, Schwarzkopierer, Existenzkrise, und es hilft allein
ein neues Urheberrecht? Die Musikindustrie hat also auf jedes neue Geschäftsmodell
schon damals so reagiert wie heutzutage.

Der „Spiegel“-Artikel aus dem Jahr 1977 endet übrigens so:

„Sebastian Tropp vom
Darmstädter Musikarchiv, ein Futurologe der Branche, rechnet mit einer Ablösung
der Schallplatte durch die Musikkassette in den Jahren 1985 bis 1987: „Von 1990
an wird das mechanische Abtastsystem nach mehr als 100 Jahren Anwendung
endgültig im Museum verschwinden.“

Und immer mehr
Leerkassetten kommen auf den Markt. Eine klanglose Zukunft ist das Menetekel.
Wenn die Musikindustrie ihre wirtschaftlichen Probleme heute und morgen nicht
zu lösen vermag, wird es übermorgen bei aller Super-Technik kaum mehr
produzierte Musik geben, die überspielt werden kann.“

Eine Prognose, die sich als unbedingt haltbar erwiesen hat,
wie wir alle wissen.

Lassen Sie sich nicht kirre machen!

* * *

So ungefähr wie der „Spiegel“-Experte argumentiert ja auch
Sven Regener, der gewöhnlich für Biedermeier und gegen Politik plädiert („Es gibt keinen Zusammenhang zwischen
Politik und Kunst“), der dann aber, wenn es um seinen eigenen Profit geht,
sich zum Wutbürger geriert und mit allerlei Plattitüden und wenig durchdachten
Behauptungen auf allen Kanälen herumwulfft: 
„Weder YouTube noch Google haben
selbst irgend etwas zu bieten außer dem, was andere geschaffen haben“,
geißelt der Bestsellerautor die Internetfirmen, während er das hohe Lied der
Plattenfirmen singt, die doch recht eigentlich haargenau das von Regener
geschilderte Geschäftsprinzip vertreten. Wie sich Regener überhaupt eine Welt
ohne Plattenfirmen nicht vorstellen kann: „Zu
glauben, man könne auf Plattenfirmen verzichten, ist ein großer Irrtum“,
stellt Regener fest – einen Tag, nachdem bekannt wurde, daß auch The
Temptations Universal Music (den Konzern, der mit etwa 39% Marktanteilen den
Weltmusikmarkt dominiert und bei dem auch Regener unter Vertrag steht) im
Streit um Tantieme-Zahlungen verklagen, weil sie statt der ihnen zustehenden 50
Prozent aus den Download-Einkünften von Universal nur zwischen 10 und 20
Prozent erhalten haben; zuvor waren bereits zahlreiche andere Künstler und
Bands gegen den Konzern vor Gericht gegangen – Sony Music zahlte bereits 7,95
Millionen Dollar, um einen ähnlichen, bereits fünf Jahre anhaltenden
Tantiemen-Streit mit Bands wie den Allman Brothers, Cheap Trick oder den
Youngboods zu beenden.

Aber so ist das heutzutage – „Musikmenschen verbünden sich mit Konzernen, die ihnen vom Erlös ihrer
Mühen bloß ein Taschengeld bezahlen“ (Dietmar Dath in der „FAZ“) und singen
dann, Brechts Kälbern nicht unähnlich, in der Öffentlichkeit das hohe Lied
derer, die die Almosen verteilen. Mal abgesehen davon, daß für Regener „die Frage, wie Kunst im digitalen Zeitalter
finanziert werden kann, gleichbedeutend zu sein scheint mit der
Aufgabenstellung, Überwachung und Urheberrecht zu verschärfen, damit analoge
Geschäftsmodelle das Internet überleben“ (Jonas Rest in der „Berliner
Zeitung“).

* * *

Und wenn man sie läßt, lassen sie sich noch jeden Spruch
urheberrechtlich schützen. So hat die Stadt Leipzig seit 2002 den Spruch „Wir
sind das Volk“ dem Markenschutz unterworfen, der eine „unberechtigte Nutzung“
verhindern soll. Die Stadt will den Markenschutz, der nach zehn Jahren
ausläuft, nun verlängern lassen.

BürgerInnen! Wenn ihr auf die Straße geht und „Wir sind das
Volk“ skandieren wollt, müßt ihr vorher den Magistrat der Stadt Leipzig um
Erlaubnis bitten. „Wir sind das Volk“ – das Nähere regelt hierzulande der
Markenschutz. Wäre ja noch schöner.

(ist leider kein Aprilscherz!)

* * *

„Sooo, „Leider geil“
ist jetzt auch gesperrt. Ob Plattenfirma, YouTube oder GEMA, egal wer dafür
verantwortlich ist. Wir wollen, daß unsere Videos zu sehen sind. Regelt euren
Scheiß jetzt endlich mal und macht eure Hausaufgaben. Ihr seid
Evolutionsbremsen und nervt uns alle gewaltig.“

So die Band „Deichkind“, deren Video wegen des Rechtsstreits
zwischen GEMA und Google wie viele andere Musikvideos für deutsche
Internetnutzer gesperrt war, und die in einem anderen Song, „Illegale Fans“,
illegale Musik-Downloads rühmen.

Allerdings: Der Verweis darauf, daß „die da oben“ sich jetzt
gefälligst „einigen“ sollen, scheint mir ein wenig hilflos. Die Bandmitglieder
müssen ihre Autorenrechte ja schließlich nicht von der GEMA verwerten lassen
oder ihre Autorenrechte an einen Musikverlag oder eine Plattenfirma abgeben,
die einen Vertrag mit der Gema haben...

* * *

Ich will ja hier nicht unnötig den Bildungsbürger
heraushängen lassen, aber was mir bei all den Gedenkartikeln zum 100.Todestag
von Karl May fehlt, ist der Hinweis auf den vorzüglichen Karl May-Roman des
vorzüglichen Erich Loest: „Swallow, mein wackerer Mustang“. Der ebenso
vorzügliche Jörg Fauser hatte irgendwann in den 80er (?) Jahren im Berliner
„Tip“-Magazin darauf hingewiesen (wenn ich das recht erinnere, hieß sein
Artikel „Schreib, wackerer Sachse, schreib“ und war ein sehr warmherziges
Porträt des Dichters Erich Loest) und mir ein sehr schönes Leseerlebnis
verschafft – ein Roman über einen Außenseiter im Wilhelminischen Deutschland
und gleichzeitig „ein Essay über Leben,
Wahrheit und Wahrscheinlichkeit, Fiktion und Lüge“ („FAZ“), ein Buch über
Gegenwelten im Kopf und über Kleinbürger damals und heute.

Derzeit, und so sind unsere Zeiten, liegt der Roman nur als
Teil der Werkausgabe Erich Loests vor, aber eine Taschenbuchausgabe ist in
Vorbereitung. Und bei MDR Figaro wird der Roman über den sächsischen
Weltenerfinder derzeit als Fortsetzung gelesen.

* * *

"Mein Kopf gehört mir", titelt das
"Handelsblatt" und zeigt angeblich 100 Künstler - bei Näherem
Hinsehen, Marcel Weiss hat sich die Mühe gemacht, bleiben ganze 26 Künstler
übrig, während 47 der vom "Handelsblatt" als "Kreative"
bezeichneten Personen Manager sind, und zwar meistens von Unternehmen, die
Urheberrechte in der einen oder anderen Form verwerten, weitere 8 sind
Politiker, ebenfalls 8 sind Funktionäre von Branchenverbänden...

Online heißt es beim "Handelsblatt": "Hundert
Kreative provozieren die Netzpiraten".

"100 Kreative", und zwar von Dieter Gorny über
Philipp Rösler, Renate Künast, Utz Claassen bis hin zu Bert Rürup und Helmut
Thoma. Das Auseinandersetzungsniveau im "Handelsblatt" ist fürwahr
erbärmlich...

"Spiegel"-Autor Stefan Niggemeier schreibt dazu:

"Aber die Lügen,
der Irrwitz, die Dummheit und die Dreistigkeit, die ganze niederträchtige
Propaganda des »Handelsblattes« und anderer Medienpartner in der Kampagne gegen
die Piratenpartei und die sogenannte Netzgemeinde: Ich fürchte, die
Auseinandersetzung mit all dem übersteigt selbst meinen Masochismus."

* * *

Stefan Herwig, Labelchef und Autor der „Musikwoche“,
twittert über Bruno Kramm, Labelmacher, Künstler („Das Ich“) und Übersetzer
eines weitverbreiteten Anti-Acta-Videos von Anonymous:

„Bruno, du bist auf
dem besten Wege, zum Joseph Goebbels der Netzkultur zu werden.“

Mann, müssen die Herwigs dieser Welt nervös sein...

* * *

Vielleicht sollten Herwig und seine Copyright-Cops diesen
Ratschlag beherzigen:

„Wenn nichts mehr
geht, lese ich buddhistische Literatur und meditiere.“

(Sasha Waltz, Choreografin)

05.04.2012

Grass & Antisemitismus

Und Günter Grass? Betreibt das, was
er als junges Mitglied von Hitlers Waffen-SS gelernt hat und bis heute am
besten kann: Antisemitismus.

Das ekelhafte, dem deutschen
Antisemitismus konstitutive „man muß doch einmal sagen dürfen“ beweist nur, daß
Grass eine mehr als „gestörte Beziehung
zur eigenen Vergangenheit, zu den Juden und zu Israel hat“ (Shimon Stein).

Interessant ist die Bewertung des
„Gedichts“ durch die im Bundestag vertretenen Parteien. Die „Linke“ macht sich
wieder einmal unwählbar und unterstützt zusammen mit der NPD Grassens
Äußerungen („Günter Grass hat recht“, Wolfgang Gehrke). Von der
sozialdemokratischen Ulknudel Andrea Nahles, die das Gedicht „als irritierend
und  unangemessen“ empfindet, wüßte man
gerne, warum sie ansonsten „Grass sehr schätzt“. Aber der SPD-Vorsitzende
Gabriel hat ja auch ausgerechnet in einer Woche, als die palästinensischen
Terrororganisationen wieder einmal mehr als 100 Raketen auf israelische
Siedlungen abgefeuert haben, Israel als „Apartheid-Regime“ bezeichnet, was will
man also von der Sozialdemokratie erwarten, in dieser Causa und überhaupt.

Erfreulich einzig die eindeutige
Stellungnahme der „Grünen“.

Grass, der in seinem
Schriftstellerleben wenig mehr als einen halben brauchbaren Roman
zusammengeschustert hat, wird hierzulande gerne als Mahner begriffen. Dabei ist
er nur ein plumper Antisemit, der auf seine alten Tage noch einmal Recht haben
will und sich auf dumpfeste Art und Weise inszeniert. Der Thilo Sarrazin der
deutschen Literatur.

Ansonsten wäre es schön, wenn aus
dem Grass’schen Schwachsinn nicht wieder eine endlose Feuilleton-Debatte
entstehen würde, auch wenn ich da ehrlich gesagt skeptisch bin. Und man kann
mit Henryk Broder (in „Kulturvollzug“) nur hoffen, daß der alte Mann seinen
„Judenknacks“ behandeln läßt, denn „es ist nie zu spät, sich in therapeutische
Behandlung zu begeben“. Grass  kann ja
Wolfgang Gehrke und Andrea Nahles und Jakob Augstein mitnehmen und so eine Art
Familienaufstellung machen...

21.03.2012

Bitches in Bookstores

Alles drin, was man braucht: Kluge Frauen, Klasse Musik, originelles Video:

14.03.2012

Kommunismus, Gauck, Eventmanager

Frage: „Jemals nah daran gewesen, Kommunist zu werden?“Harry Belafonte: „Welcher intelligente Mensch wäre das
nicht.“

(Harry Belafonte im Interview des „SZ Magazin“) 

* * *

Antikommunismus ist immer ekelhaft. Besonders aber, wenn er
aus einem besonderen Schoß kriecht, wie bei Ex-Pastor Gauck: Der schreibt im
Buch „Eine Revolution und ihre Folgen. 14 Bürgerrechtler ziehen Bilanz“, er sei
„mit einem gut begründeten Antikommunismus aufgewachsen“. Es lohnt sich, dieses
„gut begründet aufgewachsen“ näher zu beleuchten. Beide Eltern Gaucks waren
treue Gefolgsleute der Faschisten und traten frühzeitig der NSDAP bei – seine
Mutter 1932, sein Vater 1934. Sie zählten zu den „Alten Kämpfern“, während sie
von Gauck verharmlosend als „Mitläufer“ bezeichnet werden. Gaucks Vater beging
wohl Kriegsverbrechen (die Rede ist von Gefangenenerschießungen) und wurde 1951
zweimal zu je 25 Jahren Freiheitsentzug verurteilt.

Nun kann niemand etwas für seine Eltern, auch Gauck nicht.
Daß sein „gut begründeter Antikommunismus“ allerdings seinem stramm
nationalsozialistischem und unbelehrbarem Elternhaus entspringt, darauf sollte
Gauck vielleicht nicht so richtig stolz sein...

* * *

Woraus sich Gaucks vermutlich ebenso gut begründete
Internetfeindschaft nährt, ist uns nicht bekannt. Zuletzt schrieb Gauck jedoch
über das Internet:

„Das weltweite
Internet bietet alle Voraussetzungen, um die in den ersten zehn Artikeln
unserer Verfassung verankerten Grundrechte aller Bürger in diesem Land
auszuhöhlen.“

Da muß man auch erstmal drauf kommen.

* * *

Ein angenehmer Nebeneffekt der Skandale um den Eventmanager
Schmidt, auf dessen Parties sich die Wulffs und Wowereits rumtreiben, ist: Das
scheußliche Wort „Eventmanager“ ist ähnlich geächtet und auf einer Stufe der
unangenehmen Berufe, irgendwo in der Nähe von „Makler“...

10.03.2012

Tonfilm

Copyright-Cops, aufgepaßt! Es droht eine neue Gefahr für die
Musikindustrie und für „die Kreativen“. Eine sehr ernstzunehmende Gefahr. Wie aus
gewöhnlich gut unterrichteten Quellen zu erfahren war, ist diese neue „Gefahr für
den Musikerberuf und die Musikkultur“ ab sofort am Start:Chung, Gorny, Dillig – übernehmen Sie! Wehret den Anfängen!

07.03.2012

Küchenmesser in Neukölln

Großer Bericht in der "Berliner Zeitung" über den Tod eines 18-jährigen aus Neukölln, der nach aktuellem Ermittlungsstand aus Notwehr erstochen wurde, mit einem Küchenmesser. "Sven P., zwei Personen aus der (ca. 20köpfigen, BS) Belagerungsgruppe und Jussef el-A. redeten miteinander. Doch das Gespräch artete zu einer Prügelei aus. Sven P. wollte flüchten und stürzte. Als er die vielen Verfolger über sich sah, habe er sein Messer gezogen und um sich gestochen, gaben er und auch andere Zeugen zu Protokoll. Dabei traf er den 18-jährigen in die Leber. Jussef el-A. starb im Krankenhaus." Soweit der Bericht der "Berliner Zeitung".Und was sind die Reaktionen von Politik und Polizei? Der Grünen-Abgeordnete Benedikt Lux fordert nach diesem Vorfall "ein härteres Vorgehen gegen illegale Waffen". Also keine Küchenmesser mehr in Neukölln? Michael Purper, Landeschef der Gewerkschaft der Polizei, sagt der "Berliner Zeitung": "Gewalt wird - und das ist ein schleichender Prozeß - gesellschaftliche Normalität in Berlin." Ein paar Seiten weiter in der gleichen Ausgabe der "Berliner Zeitung", auf Seite 25, findet sich der Hinweis auf einen Vortrag gleichentags im "Archiv der Jugendkulturen". Dort wird die Wiederveröffentlichung der Studie "Kieg in den Städten" von 1992 vorgestellt. In "Krieg in den Städten" beweisen die Autoren, daß Gewalt weder Genen, Religion noch Kultur entspringt, "sondern daß es sich um Taten Ausgegrenzter und Unterprivilegierter handelt".

02.03.2012

Und Ansonsten Newsletter 03/2012

Eines ist klar: Wenn man sich betrachtet, mit welchem Eifer
und Ernst hierzulande wochen-, wenn nicht monatelang eine Scheindebatte um den
Posten des amtlichen Grußonkels, also des Bundespräsidenten geführt wurde, dann
kann man nur zu einem Schluß kommen: Politik, Wirtschaft und die ihnen
verbundenen Medien können sich die Hände reiben – Ablenkungsgefecht gelungen!
Niemand redet mehr von den Banken, die die Politik diktieren, niemand redet
mehr von den Rechten der Immigranten hierzulande, keiner diskutiert
Rüstungsexporte nach Saudi-Arabien oder die soziale Situation der Unterschicht
– nein, es wird so getan, als ob wir nichts Wesentlicheres zu bedenken hätten
als die Frage, welcher Pope im Schloß Bellevue Platz nimmt (als ob es nicht
ausreichen würde, daß „wir“ schon längst Papst sind...). Aber wenn man sich auf
die Logik des Politik- und Medienbetriebes einlassen möchte, fällt doch eines
auf: Jetzt wird also ein veritabler Konservativer, innerhalb des konservativen
Spektrums am rechten Rand anzusiedelnder Ex-Pastor Bundespräsident. Einer, der
den sozialdemokratischen Salon-Nazi und Bestsellerautoren „mutig“ nennt, einer,
der die Einzigartigkeit des Holocausts anzweifelt und wie die „neuen Rechten“
etwa der „Jungen Freiheit“ von der Ersatzreligion Auschwitz brabbelt und den
Nationalsozialismus mit dem Kommunismus der DDR gleichsetzt (und bekanntlich
hat ja auch die DDR sechs Millionen 
Juden vergast und einen Weltkrieg angezettelt, der 20 Millionen
Todesopfer forderte...). Einer, der die Finanzmarkt- und Antikapitalismus-Debatte
für „unsäglich albern“ hält und den Hartz IV-Empfängern mehr Engagement
empfiehlt. O.k., das alles scheint mir ein relativ realistisches Gesicht der
aktuellen Bundesrepublik zu sein, also könnte man mit Peaches und Joan Jett  sagen (diese Idee hatte Christian Y.
Schmidt):Aber wenn man sich mal einen Moment lang auf die Logik des
herrschenden Diskurses einläßt, kommt man auf dieses hübsche
Bäumchen-Wechsel-dich-Spiel: Auf die Idee, den ausgewiesenen
Rechtskonservativen zum Bundespräsidenten zu machen, kam der linke Grüne Trittin.
In seinem Schlepptau der Sozialdemokrat Gabriel. Dem konservativen
Bundespräsidenten-Kandidat verweigerte sich die konservative Bundeskanzlerin.
Die Witzfigur im ganzen Spiel, also Philipp Rösler (hätte man gedacht, daß man
sich jemals Guido Westerwelle zurückwünschen würde?!?), geriert sich dann
wiederum als Präsidentenmacher, indem er darauf insistiert, den Konservativen
zu wählen, den er und seine Parteifreunde vor zwei Jahren hätten haben können,
als sie aber lieber gewulfft haben. Rösler: „Man kann Ämter verlieren, aber
eben nicht seine Überzeugung.“ Weil ein Clown wie Rösler so etwas eben nie in
seinem Kleiderschrank hängen hatte: eine „Überzeugung“... Nun wird in der
Grünen-freundlichen „taz“ die Präsidentenkür mit guten Gründen kritisiert, und
der linke Grüne Trittin, Fan des erzkonservativen Pastoren, wirft seiner
Hauszeitung „Schweinejournalismus“ vor, den er „nur von der Bild-Zeitung“
kenne.

Wenn man ihn unter vier Augen fragen würde (und ihm vorher
ein Wahrheitsserum eingeflößt hätte), würde Trittin sofort zugeben, daß sein
und Gabriels Vorschlag, Gauck zum Präsidenten zu machen, ein strategischer
Schachzug war, mit dem sie Merkel in die Bredouille treiben wollten. Und das
können sie nun, wo ihr Kandidat zwei Jahre später „Bürgerpräsident“ wird, nicht
zugeben, sondern müssen wie die Honigkuchenpferdlein um die Wette strahlen, um
den Coup nicht dem Rösler zu überlassen.

Und nun erzählen Sie uns mal was von Politikverdrossenheit,
gelt? Und schade mit Trittin, der war eigentlich einer der wenigen, die man
noch ein bißchen ernst genommen hatte...

Ansonsten bleibt nur zu sagen, was Friedrich Küppersbusch
festgestellt hat: „Und da ist es schon ein Statement, nach Christian
"Der Islam gehört zu Deutschland" Wulff standrechtlich eine bunte
Auswahl christlicher Pfaffen auszugucken. Wenns nur einer mit ordentlich
Mitgliedern sein sollte, sähe ich DGB-Chef Sommer knapp vor dem
ADAC-Präsidenten. Ich mag nicht glauben, daß dieses Land Parteipolitiker,
Kirchenfürsten und sonst nur Deppen am Start hat.“

Und ansonsten sagen wir mit Alphonse Allais: „Wir können nicht genug Vorsicht jenen unter
unseren Lesern empfehlen, die sich aus diesem oder jenem Grund gezwungen sehen,
Geistliche in ihre Wohnung zu lassen.“ Was nicht minder fürs Schloß
Bellevue gilt...* * *„Ich finde zwar,
daß ein bißchen Musikwissenschaft nie schadet, denn je mehr
Unterscheidungskriterien ich habe, desto mehr Vergleichsmöglichkeiten habe ich.
Aber die Unterscheidung ist kein Wert an sich. Viele Leute finden es toll, wenn
sie viel unterscheiden können. Ich finde es deswegen toll, weil ich dann viel
vergleichen kann. Mich interessiert es immer mehr, Sachen zusammenzubringen,
als Sachen auseinanderzusäbeln. (...) Aber natürlich soll gerade Popmusik von
vornherein auf Leute wirken, die alle keine Noten lesen können, nämlich auf die
sogenannten Massen. Da ist es dann tatsächlich so, daß ich als Kritiker mit
dieser ersten Faszinationsebene anfangen muß."

„Denen (dem bürgerlichen
Feuilleton, BS) war klar, daß man nicht
nur etwas von Luigi Nono verstehen muß, wenn man sein Publikum darüber
unterrichten will, was an dieser Front "Musik" gerade Intelligentes
läuft, sondern man muß auch von Neil Young oder Bob Dylan und allmählich sogar
von HipHop etwas verstehen." (Dietmar Dath)

Wobei mir das Problem im Musikjournalismus heute eher andersherum zu
sein scheint, nämlich, daß man zwar viel von Bob Dylan und (zu) wenig von
HipHop versteht, aber kaum etwas von Luigi Nono gehört hat...* * *Um Wulffs Verfehlungen haben sie so einiges Gewese gemacht.
Daß dieses Land längst eine geschmierte Republik ist und im Korruptionsindex
von „Transparency International“ im europäischen Vergleich bestenfalls im
Mittelfeld landet (weit hinter Dänemark, Finnland,  Schweden, den Niederlanden oder der Schweiz),
beweist die Tatsache, daß sich die Bundesrepublik seit Jahren weigert, die
UN-Konvention gegen Korruption zu ratifizieren. Im Kern geht es darum, daß
Deutschland endlich den Straftatbestand der Abgeordnetenbestechung
internationalen Standards anpassen, also verschärfen müßte. Bestechung und
Bestechlichkeit von Mandatsträgern müßte ebenso konsequent unter Strafe
gestellt werden wie schon die verwerfliche Beeinflussung eines Abgeordneten bei
der sonstigen Wahrnehmung seines Mandats. Da will Deutschland nicht mitmachen und
hat die UN-Konvention gegen Korruption (UNCAC) bis heute nicht unterzeichnet –
und steht damit in einer Reihe mit Staaten wie Saudi-Arabien, Syrien, Birma und
Sudan...* * *Und während hierzulande jede vermeintliche Beschränkung des
Internets in China von Politik und embedded journalism wortreich verfolgt wird,
hat die Todesstrafe für Twitter-Meldungen in Saudi-Arabien nur für wenig
Aufsehen gesorgt. Der junge saudi-arabische Journalist Hamsa Kaschgari hat auf
Twitter ein logischerweise fiktives, stellen weise kritisches Gespräch mit dem
Propheten Mohammed geführt. Kaschgari floh vor dem „streng gläubigen“
saudi-arabischen Mob nach Malaysia, von wo er jedoch nach Riad abgeschoben
wurde, wo die saudische Polizei ihn umgehend festnahm. „Nun muß er um sein Leben fürchten, denn in dem erzkonservativen
Königreich kann der „Abfall vom Islam“ mit dem Tod bestraft werden.“ (FR)

Doch wer nun glaubt, die deutsche Politik, die sich doch
sonst an allen Stellen gerne als Vorkämpferin der „Freiheit“, insbesondere der
„Meinungsfreiheit“ geriert, würde Druck auf Saudi-Arabien ausüben, der sieht
sich eines Schlechteren belehrt. Saudi-Arabien, einer der „autoritärsten
Staaten der Welt“, in dem massiv die Menschenrechte mißachtet werden, die
Regierung friedliche Regimekritiker jahrelang einsperren und foltern läßt, wo
Homosexuelle ausgepeitscht und Ehebrecher, Drogendealer und Räuber mit der
Todesstrafe rechnen müssen, dieses Saudi-Arabien also bezieht von Deutschland
seine Kampfpanzer und ist auch sonst ein wichtiger Verbündeter und
Wirtschaftspartner. „Die Saudis sind lukrative Geschäftsfreunde und wichtige
geostrategische Partner“ (FR), das reicht der deutschen Regierung, um den
saudischen Despoten nicht lästig zu werden und bei den Menschenrechten auch
einmal beide Augen zuzudrücken. Ekelhaft.* * *Das „Universal Presse Webteam“ teilt mir aufgeregt mit:
Die Unheilig-Autogrammstunden in Köln und Stuttgart wurden in größere Locations
verlegt! „In
den ursprünglich angekündigten Lokalitäten sind diese leider nicht mehr durchführbar,
da die zu erwartenden Besucherströme zu groß werden könnten. Glücklicherweise
wurden in beiden Städten alternative Locations für die Autogrammstunden mit dem
GRAF gefunden. Wir bitten darum, diese neuen Loactions zu kommunizieren.
Der Unheilig Charity-Kooperationspartner (für Herzenswünsche e.V.) XXXLutz gibt
dem Graf die Möglichkeit im XXXL Mann Mobilia Möbelhaus in Fellbach bei
Stuttgart die angekündigte Autogrammstunde für Stuttgart ausrichten, in Köln
wird diese nun in der Live-Music-Hall stattfinden.“

Dieser höflich, aber ein wenig konfus vorgetragenen Bitte auf
„Kommunizierung dieser neuen Loactions“ (Low-Actions?) kommen wir gerne nach.
Und im nächsten Leben buchen wir nur noch Autogrammstunden in so charmanten
Loactions wie dem XXXL Mann Mobilia Möbelhaus zu Fellbach. Versprochen.* * *Die Berliner Musikschulen haben nach einem Bericht der
„Berliner Zeitung“ fast 2.000 Lehrer jahrelang als Scheinselbständige
beschäftigt, also ohne Sozialabgaben zu bezahlen. Dies ergab eine Prüfung der Rentenversicherung.
Nur sieben Prozent der 2.100 Musiklehrer an Berlins staatlichen Musikschulen
sind festangestellt.

Wer nun gedacht hätte, daß der Berliner Senat aus diesem
veritablen Skandal vernünftige Konsequenzen ziehen würde, ist ein bißchen naiv.
Natürlich werden die 93% selbständigen Musiklehrer an Berlins Musikschulen nun
nicht etwa festangestellt, nein, die Senatsverwaltung hat die Musikschulen
aufgefordert, nun die Verträge zu ändern – dort darf fortan „kein Merkmal abhängiger Beschäftigung mehr erkennbar
sein“. Die Senatsverwaltung hat außerdem die Musikschulen „zu konkreten Schritten aufgefordert“:
Honorarkräfte dürfen keine Vertretungen mehr machen, Unterrichtsmaterialien
müssen sie nun auf eigene Kosten besorgen, und die Teilnahme an Vorspielen ist
künftig freiwillig.

Übrigens: der Senat Berlins, der die Scheinselbständigkeit
der Musiklehrer und die Nichtzahlung der Sozialabgaben zu verantworten hat,
wurde die letzten zehn Jahre von SPD und „Linken“ gebildet. Parteien, die sich
in ihren Programmen massiv gegen Scheinselbständigkeit aussprechen. Wobei die
neue Koalition aus SPD und CDU zweifelsohne in ihren Sonntagsreden die
musikalische Bildung junger Menschen jederzeit fordern würde – nur sollen die
Lehrer eben möglichst selbständig arbeiten und ohne soziale Absicherung.* * *Und was gibt’s Neues an der Copyright-Front?

Unter anderem: „Die
Rückkehr der Internet-Zombies“ (so Constanze Kurz in der „FAZ“).

„Acta oder der Schutz
der Raubritter“ (so die Schweizer Wirtschafts-Professoren Volker Grossmann
und Guy Kirsch ebenfalls in der „FAZ“, wo ohnedies die interessantesten
Beiträge zum Copyright zu lesen sind derzeit): „Denn Urheberrechte manifestieren oftmals eine im vordigitalen
Zeitalter erworbene Machtposition, mittels derer die Unterhaltungsindustrie
eine Rente, das heißt ein leistungsloses Einkommen, erwirtschaftet. Wie ehedem
die Raubritter: Auch diese nahmen die Bauern aus (...) In dieser Situation
liegt es für die Unterhaltungsindustrie nahe, sich den Staat dienstbar zu
machen. Genau dies wird mit Acta versucht (...) Die Bestrebungen zur
Beeinflussung der Politik durch den Einfluß der Lobby waren offensichtlich so
groß, daß man Acta unter Ausschluß der Öffentlichkeit zur Unterschriftsreife
gebracht hat (...) Gesetze aber, die dem Rechtsempfinden zuwiderlaufen, sind
auf die Dauer nicht durchzusetzen; mehr noch: Sie zerstören den Glauben an
Gesetzlichkeit.“

Die Deutsche Inkontinenz Allianz – pardon, es muß natürlich
heißen: Die „Deutsche Content Allianz“ fordert dagegen die ACTA-Unterzeichnung,
und zwar pronto, „ohne weitere Verzögerung“ – der „Spiegel“-Journalist und
Blogger Stefan Niggemeier dazu:

„In der „Deutschen
Content Allianz“ haben sich die Dieter Gornys dieses Landes zusammengeschlossen.
Sie versuchen, sich vor dem Ertrinken zu bewahren, indem sie sich gegenseitig
umklammern und das Wasser beschimpfen. (...) Jedenfalls hat die „Deutsche
Content Allianz“ (DCA), die man vielleicht treffender als den Verband der
urheberrechteverwertenden Industrie bezeichnen könnte, gestern die
Bundesregierung aufgefordert, das ACTA-Abkommen unverzüglich und unverändert zu
unterzeichnen.(...) Inhaltlich ist zum Streit um ACTA an anderen Stellen
reichlich gesagt worden; ich möchte hier vor allem die verräterische Sprache
würdigen. Die ganze hilflose Traurigkeit offenbart schon die Überschrift:
„Deutsche Content Allianz fordert Bundesregierung zur konsistenten
Positionierung zum Urheberrecht auf.“ Man muß sich das bildlich vorstellen,
Monika Piel und Dieter Gorny auf einer Demonstration vorm Kanzleramt, in den
Händen identische Plakate mit der Aufschrift: „Mehr Konsistenz wagen!“ (...)

Die „DCA“
diskreditiert berechtigte Sorgen um die Freiheit des Internets als
Diskreditierung. Und dann beteuert sie: „Diese Freiheit sei ein hohes,
unbestrittenes Gut, solange sie nicht als Rechtlosigkeit interpretiert werde.“
Da hat vermutlich Freud zugeschlagen. Niemand – außer vielleicht die
Musikindustrie in ihren feuchtesten Träumen – käme auf die Idee, Freiheit als
Rechtlosigkeit zu interpretieren. Freiheit im Internet wäre ja in ihrer
extremsten Interpretation gerade das Recht, alles zu tun, was man will. Die
Autoren wollten wohl sagen, Freiheit ist gut, solange sie nicht als
Gesetzlosigkeit interpretiert werde. Nicht einmal das ist ihnen gelungen. (...)
Diese Erklärung ist ein aufschlußreiches Dokument. Es macht anschaulich, in
welchem Maße ein Verein, der behauptet, für die Existenz hochwertiger Inhalte
zu stehen, nicht einmal in der Lage ist, selbst einen Inhalt zu formulieren,
der verständlich, sprachlich richtig und inhaltlich korrekt ist. Die
Presseerklärung ist mit all ihrem Sprachmüll und ihrer Gedankenlosigkeit ein
Dokument der Hilflosigkeit. Aber ich fürchte, so niedlich es wirkt, wie
ungelenk da Branchengrößen mit Förmchen werfen, so hart ist in Wahrheit der
Druck, den sie hinter den Kulissen auf die Politik ausüben.“

Ich empfehle die Lektüre des ganzen Beitrags von Stefan
Niggemeier auf seinem Blog.* * *„Piracy is the new radio. That’s how music gets
around.“

(Neil Young)

Folgen Sie dem Altmeister! Hören Sie doch mal wieder Radio!

 

29.02.2012

Retten wir das griechische Volk vor seinen Rettern!

Retten wir das griechische Volk vor seinen Rettern! Das ist der Titel eines Aufrufes von Vicky SKOUMBI, Chefredakteurin der Zeitschrift ‚aletheia‘ (Athen), Michel
SURYA, Direktor der Zeitschrift ‚Lignes‘ (Paris) und Dimitris VERGETIS,
Direktor der Zeitschrift ‚aletheia‘ (Athen). Der Aufruf wird u.a. unterstützt von Alain BADIOU, Étienne BALIBAR, Barbara CASSIN, Bruno CLÉMENT, Danièle COHEN-LEVINAS,
Yannick COURTEL, Jacques RANCIÈRE, Judith REVEL und Frieder Otto WOLF. Er beginnt so:In eben dem Moment, in dem jeder zweite jugendliche Grieche
arbeitslos ist, in dem 25000 Obdachlose durch die Straßen von Athen
irren, in dem 30% der Bevölkerung unter die Armutsschwelle gefallen
sind, in dem Tausende von Familien dazu gezwungen sind, ihre Kinder zur
Arbeit zu schicken, damit sie nicht vor Hunger und Kälte sterben, in dem
die neuen Armen und die Flüchtlinge sich auf den öffentlichen
Müllhalden um die Abfälle streiten – in eben diesem Moment zwingen die
„Retter“ Griechenlands unter dem Vorwand, dass die Griechen „sich nicht
hinreichend Mühe geben“, diesem Land einen neuen Hilfeplan auf, der die
verabreichte tödliche Dosis noch einmal verdoppelt. Dieser Plan schafft
das Recht auf Arbeit ab, stürzt die Armen in extremes Elend und bringt
zugleich die Mittelklassen vollständig zum Verschwinden.
Das Ziel dieser Operation kann gar nicht die „Rettung“ Griechenlands
sein: in diesem Punkt sind sich alle Wirtschaftswissenschaftler einig,
die überhaupt diesen Namen verdient haben. Es geht darum Zeit zu
gewinnen, um die Gläubiger zu retten, während zugleich das Land in einen
zeitverschobenen Konkurs getrieben wird. Und es geht vor allem darum,
Griechenland zu einem Laboratorium einer gesellschaftlichen Veränderung
zu machen, die dann in einem zweiten Schritt auf ganz Europa
verallgemeinert werden wird. Das auf dem Rücken der Griechen
experimentierte Modell ist das einer Gesellschaft ohne öffentliche
Dienste, in der die Schulen, die Kliniken und die Abgabestellen für
Medikamente zu Ruinen verfallen, in der Gesundheit zu einem Privileg der
Reichen wird und in der die besonders verwundbaren Bevölkerungsteile zu
einer planmäßigen Eliminierung bestimmt sind, während jene, die noch
Arbeit haben, zu extremen Formen der Verarmung und der Prekarität
verurteilt werden....Den kompletten Aufruf findet man auf der Homepage der European Graduate School:http://www.egs.edu/faculty/alain-badiou/articles/retten-wir-das-griechis... etwas bekommt man in deutschen Zeitungen und Zeitschriften nicht zu lesen...

20.02.2012

Griechenland

Was ja das wirklich ekelhafte an der Griechenland-Diskussion
ist, das ist diese hochnäsige und verlogene Griechen-Feindlichkeit, verbunden
mit der Unwahrheit, mit der unsere Politiker und ihre Bankiers (oder sollte man
das nicht besser andersherum sagen?) argumentieren. Ja, Griechenland ist
pleite, das wird wohl so sein. Aber die Gelder, die Europas Regierungen da zur
Verfügung stellen, dienen eben nicht den Griechen, sondern ihren Gläubigern.
Die „neoliberale Taliban“ (Cohn-Bendit) aus EU, IWF und EZB erpreßt die
griechische Regierung zu immer neuen Sparmaßnahmen, statt dem Land endlich
wieder Wachstumsperspektiven zu geben. Das „Rettungspaket“, das unter der Knute
Schäubles und Merkels zusammengeschnürt wird, „orientiert sich nicht an den
Bedürfnissen der griechischen Bürger, sondern an den angeblichen Gesetzmäßigkeiten
der internationalen Finanzmärkte.“ (SPON).

Was Not tun würde, wäre ein kompletter Schuldenerlaß – denn
die Sparzwänge, die den Griechen derzeit von der EU unter Führung der deutschen
Regierung aufgedrückt werden, führen zu drastisch steigender Arbeitslosigkeit,
Absenkung der Mindestlöhne, extremer Schrumpfung der Wirtschaft und zu
kompletter Perspektivlosigkeit der Menschen in Griechenland. Und daß
ausgerechnet der deutsche Außenmininister (das war eigentlich ein Freudscher
Tippfehler, aber so, wie das dasteht, ists köstlich und treffend, oder?)
Westerwelle, der Griechenland noch vor genau einem Jahr dringend zum Kauf von
Eurofightern und anderen Rüstungsimporten aus Deutschland drängte, jetzt Druck
macht und „scharfe Warnungen an Griechenland“ zu mehr Sparsamkeit richtet, ist
der Gipfel der Verlogenheit.

Für einen kompletten Schuldenerlaß und nachhaltige
Unterstützung gibt es eigentlich ein gutes Beispiel: Vor 60 Jahren erließen die
Gläubiger der Bundesrepublik einen Teil ihrer Schulden – die 65 Gläubigerstaaten,
angeführt von den USA, gewährten der BRD einen Erlaß von 50 Prozent aller
Auslandsschulden sowie eine massive Senkung der Zinsen – und dieser
Schuldenerlaß war nicht etwa an Sparprogramme geknüpft, sondern sah im
Gegenteil wachstumsfördernde Maßnahmen vor. Beim Londoner Schuldenabkommen vom
Februar 1953 verzichtete übrigens auch ein Land namens Griechenland großherzig
auf die Rückzahlung von deutschen Schulden und ermöglichte so den
wirtschaftlichen Aufstieg der BRD. Es wäre an der Zeit, daß sich Deutschland
daran ein Beispiel nähme und Griechenland großzügig behandelt.

20.02.2012

Max Prosa

Leserinnen und Leser, die diese kleinen Anmerkungen zur Zeit
seit längerem verfolgen, werden wissen, daß der „Diss“  schlechterer Musik dem Autor dieser
Zeilen zumindest an dieser Stelle eher fernliegt, wie ihn Personen in diesen
Anmerkungen ohnehin nur interessieren, wenn sie symptomatisch erscheinen. Wulff
ist einigermaßen wurscht – wofür er steht, konnte ein klein wenig interessant
sein. Lana del Rey ist total wurscht und wird sich mit Wulff einen Wettlauf
liefern, wer eher vergessen sein wird – die Art, wie ihr One Hit-Wonder gemacht
wurde, war interessant. Und nun also: Max Prosa ist nun wirklich vollkommen
egal, einer dieser vielen jungen Menschen, die schlechte Lieder, schlechte
Popmusik schreiben und spielen. Who cares. Interessant ist aber das Phänomen
als solches. Von Zeit bis taz wird Max Prosa als Hoffnungsschimmer deutscher
songorientierter Popmusik bejubelt. Der sonst durchaus geschätzte taz-Autor
läßt sich zum wirklich auf allen Ebenen lächerlichen Vergleich „ein früher,
unvollendeter Dylan“ hinreißen. Kinder, habt ihrs nicht ein bißchen kleiner?

Wenn man der taz glauben darf, hat Max Prosa als Max
Podeschwig sich „das Recht, kreativ zu sein, erkämpfen müssen“, nämlich in
seinem bürgerlichen Charlottenburger Elternhaus. Ach Goddile, kann man sich
lebhaft vorstellen, die Hanno Buddenbrook-Story wird wiederbelebt und
nachgeplappert vom taz-Bürgertum – „kreativ willst du sein, Junge? Lern lieber
was Vernünftiges. Studier Physik oder BWL, Musik ist nur ein Hobby!“

Aber heutzutage hören die jungen Männer ja nicht auf ihre
Eltern, und man ist geneigt, „leider“ zu seufzen. Der junge Herr Podeschwig hat
also, wie schon die Helden, den Popkurs in Hamburg belegt und war „Mitglied im
Bandpool der Popakademie Mannheim“. Geholfen hat es leider wenig, könnte man
sagen. Oder andersherum: dort lernt man also das, womit Herr Podeschwig jetzt
via Sony Music die Welt belästigen muß: „Zerlumpte Clowns, die ihre eigenen
Schatten jagen“, sind „tief im Gefängnis der Welt gefangen“ und verfügen über
„Flügel aus Beton“, so wird da rumgenuschelt, aber: „Die Phantasie wird
siegen“. Die Musik allerdings hat verloren. Wie ein taz-Autor solcherart
Gehumpel als „radikal poetisch“ und seinen Erzeuger als „Hoffnungsträger“, als
„frühen Dylan“ gar bezeichnen kann, ist ein Rätsel. Ob man Dylan-Fan ist oder
nicht: man höre sich dessen erstes Album an, und dann schweige man still, denn
in dem Vergleich ist Max Prosa lediglich eines: ein erledigter Fall. Über den
man den Mantel des Schweigens ausbreiten sollte. 

20.02.2012

Knepler & Reichow

Unsere Stimme für Baku? Und die ganzen Lana del Reys und Max
Prosas unserer Tage?

Manchmal, Jan Reichow hat dieser Tage in seinem immer
lesens- und nachdenkenswertem Blog darauf hingewiesen, hilft Nachhilfe aus
marxistischer Sicht und erklärt, was da stattfindet:

„Was waren die Versuche einzelner
Musiker, was waren die Bemühungen von Vereinigungen, Verbindungen und
Gesellschaften aller Art, die Schlammflut von seichter und schlechter Musik
aufzuhalten, das musikalische Niveau der Massen zu heben, der Korruption und
Heuchelei im Musikleben einen Riegel vorzuschieben – was waren diese Versuche
gegenüber der unerbittlichen Gesetzmäßigkeit, mit der die kapitalistische
Gesellschaft eben diese Übel täglich neu produzierte? Die zur Macht gelangte Großbourgeoisie
hatte vor allem ein Interesse: an der Macht zu bleiben.

Es ist von unabsehbarer
politischer Bedeutung, daß die kapitalistische Unterhaltungsmusik nicht
realistisch war, sondern idealisierend, nicht aufrüttelnd, sondern
besänftigend, nicht sammelnd, sondern zerstreuend, nicht konzentrierend,
sondern ablenkend. (…) Je leichter die Ware, mit der der Musikhunger der
Millionen zu befriedigen war, um so besser für die Verleger. Um so besser aber
auch für die gesamte Klasse der Kapitalisten. Eine solche Musik half mit, die
bestehenden Lebensverhältnisse als erträglich, ja, als ideal, jedenfalls aber
als unabänderlich, als unveränderbar hinzustellen, und wurde auf diese Weise zu
einem wichtigen Träger der Ideologie der herrschenden Klasse. Das ist das (…)
entscheidende Merkmal, durch das sich die von Kapitalisten betriebene Tanz- und
Unterhaltungsmusik von der früherer Epochen unterschied. Die kapitalistisch
betriebene Tanz- und Unterhaltungsmusik brachte also doppelten Profit, so wie
jede Ware, die auf den Markt geworfen wird; und – wichtiger noch – sie trug in
ihrer Eigenschaft, als besondere, als ideologische Ware dazu bei, die ganze
Gesellschaftsordnung mit ihrer Warenwirtschaft, ihrem Markt und ihrem Profit,
mit ihrer Not und ihrem Elend, mit ihren Krisen und Kriegen, mit ihrer
Oberflächlichkeit und Seichtheit zu festigen.“(Georg Knepler, in seiner
„Musikgeschichte des 19.Jahrhunderts“, Band 1)

Jan
Reichow fügt in seinem Blog hinzu:

„Heute
handelt es sich nicht mehr um die Großbourgeoisie und “den” Kapitalismus,
sondern um das Vervielfältigungsunternehmen Fernsehen in Zusammenarbeit mit
einer Zufallsrepräsentanz des Volkes (von Zuschauern, die auf Zuruf ein Handy
bedienen können) sowie einem leitenden und beratenden Gremium von modischen
Kahl- und Hohlköpfen.“

18.02.2012

Prince Purple Rain

Ein unglaubliches Musikvideo steht am Tag, da ich dies hier
schreibe, auf YouTube (und wird dort wahrscheinlich bald verschwinden...):

Unfaßbar, wie gut diese Band, die kurz darauf „The
Revolution“ hieß, spielen konnte!

„You don't believe someone, that a band can be this
good.“ (Bob Lefsetz)

Es war eben nicht alles schlecht in und an den 80er Jahren.
Und in Zeiten, da Lana del Rey oder Max Prosa als tolle Popmusik gefeatured
werden, lohnt es sich, derartige Aufnahmen zu studieren. Wie sie entstehen. Wie
der Mann, der sich damals noch Prince nannte, an dem berühmten Riff arbeitete.
Wie alles wie auf guten alten Opern- und Jazzaufnahmen eben LIVE gespielt
wurde, im Gegensatz zu quasi allen Fernsehaufnahmen und vielen Stadionkonzerten
heutzutage – und wie dieses „live“ so gut war, daß es umstandslos als Platte
veröffentlicht werden konnte.

Atemberaubend. Ein Stück Musikgeschichte, und man kann
begeistert zuschauen. Und das ist das, was uns die Copyright-Cops vorenthalten
wollen...

Und, bitte, liebe Musikindustrie: ihr seid doch gerade so
groß im Verkaufen von alten Platten als Jubiläumseditionen – nehmt euch doch
bitte mal ein Beispiel am Jazz: Bringt gefälligst eine kritische Edition dieser
Aufnahme, dieses Albums heraus! Mit allen Outtakes, die sich im Original nicht
finden (wie zum Beispiel die ersten 3:46 Minuten dieses Videos, oder das erste
Vorkommen des Riffs). Damit würdet ihr die Welt ein klein wenig besser machen!
Wort!

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