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Blog Archiv - Jahr %1
01.09.2013

Levit Zitat

„Aber das Letzte,
mit dem ich Musikmachen je verbunden habe, ist Spaß. Sondern Notwendigkeit und
Arbeit, und daraus resultiert dann Glück.“

Igor Levit im „FAS“-Interview

(Igor Levit kann übrigens von Glück sagen, nicht bei der Deutschen
Grammophon veröffentlichen zu müssen – da hätten sie sein Album sicher mit
einem schicken Foto im Wald verunziert, und den letzten Beethoven-Sonaten einen
speziellen Titel gegeben; so aber liegt dem Album ein ausgesprochen kluges und
interessantes Booklet bei – geht doch!...)

07.08.2013

Und Ansonsten 08/2013

Zum Start der Bundesligasaison ein Wort des klugen César Luis Menotti
(aus dem SZ Magazin): „Fußball ist ein
sehr weises und wunderschönes Spiel. Das Geheimnis des Fußballs ist Zeit, Raum
und Täuschung. Wie im Leben. Mit der Zeit umgehen, Räume finden und mit der
Täuschung zurechtkommen.“

* * *

Ich finde, die Medien tun dem Limburger Bischof Dr. Tebartz-von Elst
Unrecht. Falls Sie es nicht mitbekommen haben: Der Bischof steht nicht nur
wegen eines etwaigen Meineids und wegen Verschwendung unter Beschuß, nein,
möglicherweise hat sich die Berichterstattung über das Treiben des
Katholiken-Funktionärs an einer Luxusreise des Bischofs ins arme Indien
entzündet. Der Bischof wollte laut „FAS“ dem „Spiegel“ verbieten lassen, zu
schreiben: „Herr Bischof Dr. Tebartz-von
Elst ist erste Klasse mit dem Flugzeug nach Indien geflogen.“ Allein, der
Bischof war erster Klasse geflogen, „auf
einem der acht Luxusplätze im Oberdeck des Jumbojets, hin und zurück“ (FAS).
Bezahlt hat der Herr Bischof allerdings nur Business Class, das Upgrade in die
First Class hat ihm sein Mitarbeiter, Generalvikar Prof. Dr. Dr. Franz Kaspar
spendiert. Finden Sie merkwürdig und fragen sich, was das wohl für eine
merkwürdige Beziehung zwischen Bischof und seinem Generalvikar sein mag, daß
der ihm einfach so ein Upgrade spendiert? Das finde ich ausgesprochen
kleinkariert, wie Sie da denken – meine Mitarbeiter stehen zum Beispiel
grundsätzlich Schlange, um mir ein Upgrade in die Business Class bezahlen zu
dürfen, wenn ich Economy fliege – ist doch das Normalste der Welt.

Und insofern stimme ich dem Bischof von und zu Limburg, Herrn Dr.
Tebartz-von Elst, aus vollstem Herzen zu, wenn er behauptet, er sei, da er
Businessklasse bezahlt habe, nicht erster Klasse geflogen. Ist doch klar, oder?

Nun mag es sein, daß der „sterbliche
Leib“ (FAS) des Herrn Bischofs sich auf besagten Indienflügen tatsächlich
in der ersten Klasse befand. Aber was ist damit bewiesen? Wie gesagt, das war
ja nur der sterbliche Leib. Wer an die Mysterien des Katholizismus gewöhnt ist,
dürfte mir unschwer folgen und wissen, daß das Herz und die Seele und damit
überhaupt das Große und Ganze des Herrn Bischofs sich, im Gegensatz zu seinem
sterblichen Leib, auf dem Flug nach und von Indien  ganz sicher nicht in der Ersten Klasse,
sondern in der Holzklasse, in der Economy, befunden haben wird. Und darauf
kommt es doch schließlich und endlich an, oder?

Liebe Medien – seien Sie bitte mit den Funktionären der katholischen
Kirche ein wenig gnädiger!

* * *

„Deutsche werden
immer reicher“, jubiliert SPON – insgesamt haben die Bundesbürger „in Form von Bargeld, Wertpapieren und Bankeinlagen“
(Immobilienvermögen wird hier nicht mitgerechnet) „fast fünf Billionen Euro auf der hohen Kante.“

Doch ach: „Der Reichtum ist nicht
gleich verteilt. Die oberen zehn Prozent der Haushalte vereinen mehr als die
Hälfte des gesamten Nettovermögens auf sich.“

Tschah. Zu früh gefreut.

* * *

Die SPD feiert. Nämlich „Das Deutschlandfest.“

DAS DEUTSCHLANDFEST!

Musikalisch ist sie irgendwo im Jenseits, zwischen dumpfem Deutschrock
und dumpfem Schlager stehengeblieben, denn es spielen u.a. auf: Nena,
Luxuslärm, Fools Garden, Glasperlenspiel, Stefanie Heinzmann, Dick Brave, Die
Prinzen, Roland Kaiser, Julia Neigel und was sonst die deutsche
Unterhaltungsmusik an Schrecklichem aufzubieten hat.

  

„Ein besseres Land kommt nicht von allein.“ Aber mit der SPD ganz sicher auch nicht.

* * *

Die NÖ Festival und Kino GmbH aus Krems schickt mir unter dem Betreff
„Donaufestival 2014 Save the date!“ eine Mail, die, wenn ich es richtig
verstanden habe, hauptsächlich für ein Mineralwasser namens Römerquelle wirbt,
dem gilt jedenfalls der mit Abstand umfangreichste Textteil der Mail:      Was ich nicht genau verstanden habe, ist, ob ich mir den Termin
„Donaufestival 2014“ vormerken soll, um dann gemeinsam mit anderen Besuchern
des Donaufestivals das „trendige emotion“-Wasser zu trinken, oder ob ich besser
aus der Ferne zusehe (via Live-Streaming?), wie die Österreicher „gerne das
ausgezeichnete Wasser in den Sorten prickelnd, mild und still“ zu sich nehmen?
Um Aufklärung wird gebeten.

Gesponsert wurde die Donaufestival-Mail jedenfalls von verschiedenen
Banken, etwa der „Hypo NOE Gruppe“ oder „Raiffeisen Meine Bank“. Very „Lower Austria Contemporary“ das alles
(so ein anderes der vielen Logos in der Werbemail).

* * *

Der Aufmacher auf der Titelseite der „Zeit“ vom 1.August 2013: „Ökomobil – Das politische Auto“,
Unterzeile: „BMW kann nicht nur
schmutzig: Wer die Geländewagen nicht mehr kaufen will, hat jetzt eine
Alternative“, nämlich den BMW i3, „eine
fahrende Utopie aus Carbonfasern und Lithium-Akkus“, wie ein Frank
Drieschner flötet.

Wenn Sie sich fragen, was diese "Story" auf der Titelseite der
„Zeit“ soll, finden Sie nur wenige Seiten weiter die Erklärung: Auf den Seiten
6 und 7 hat BMW eine fette, zweiseitige Anzeige geschaltet: „Wie versprochen. Der elektrische BMW i3.“
„Revolutionär gebaut aus besonders leichtem wie hochfestem Carbon.“

So gehen bei unserer selbsternannten Qualitätspresse die bezahlten
Anzeigen der Industrie und deren willige redaktionelle Umsetzung Hand in Hand.
Läuft eben alles wie geschmiert.

* * *

„Charts KW 31:
Shindy trotz Indizierung auf Platz eins“, berichtet die Musikwoche. Nur hat sich in
diese Zeile wohl das falsche Wörtchen eingeschlichen: ich würde sagen, es müßte
lauten „Shindy wegen Indizierung auf
Platz eins“ – die Indizierung, die Strafanzeige von Berlins Regierendem
Bürgermeister Wowereit und die bereitwillige Kampagne in praktisch allen
hiesigen Feuilletons zeigt Wirkung, soviel kostenlose Werbung für Shindy und
Bushido bringt sicheren Erfolg.

In einem sehr guten Interview mit Thomas Gross und Thomas Winkler in der
„Zeit“ sagt die Berliner Rapperin Sookee, „Quing of Berlin“: „Der mediale Raum, der sogenannten
Rüpelrappern eingeräumt wird, damit sich die Mehrheitsgesellschaft
voyeuristisch an solchen Liedern aufgeilen kann, sollte lieber coolen Leuten
eröffnet werden. Mir zum Beispiel!“

Machen wir doch gerne: Hier „Parole Brückenbau“.

https://soundcloud.com/springstoff/parole-br-ckenbau-sookee

* * *

Der stellvertretende Chefredakteur des „Handelsblatts“ versucht sich an
der deutschen Sprache und hat sich gleich eine wirklich schwierige Aufgabe
vorgenommen, nämlich den Superlativ:

„Berthold Beitz ist tot. Der wohl verdienteste
Manager der deutschen Nachkriegsgeschichte ist am Dienstag mit 99 Jahren
auf Sylt gestorben. Beitz hatte sein Leben in den Dienst Alfried Krupps und des
traditionsreichen Ruhrkonzerns
gestellt. Über Jahrzehnte hatte der "letzte Krupp" und Vorsitzende der
mächtigen, gleichnamigen Stiftung das letzte Wort. Sein Auftrag, das Krupp-Erbe
zu bewahren, bleibt unerledigt. Thyssen-Krupp
steckt in der schwersten Krise
der Firmengeschichte.“ 

Möglicherweise der wohl verdienteste Nachruf auf den Krupp-Manager.

* * *

28.07.2013

Und Ansonsten 07/2013

Sie sind jetzt aber nicht wirklich überrascht, daß der US-Geheimdienst
auch Ihre Daten ausspäht, und daß der US-Nachrichtendienst quasi automatisch
und auf dem sozusagen kleinen Dienstweg über einen geheimen Zugang praktisch
alle Nutzerdaten von Konzernen wie Google, Facebook oder Yahoo erhält, oder?
Wußten wir doch alle längst. Nur die Bundesregierung hat wieder einmal nichts
mitbekommen und zeigte sich komplett „ahnungslos“ (Berliner Zeitung). Besser
könnte man die Netzpolitik der amtierenden Bundesregierung nicht auf den Punkt
bringen: Komplette Ahnungslosigkeit eben. Nur wenn es darum geht, den
Lobbyisten, mit denen man neuerdings gerne auch mal öffentlich rumschmust,
genehme Gesetze zu produzieren, zeigt sich die Regierung auch mal einsichtig.

Der deutsche Bundesnachrichtendienst liest ebenfalls kräftig mit: „Bis zu ein Fünftel des Datenverkehrs, der
bei deutschen Internet-Providern über die Landesgrenzen hinaus fließt“,
wird laut „Berliner Zeitung“ vom deutschen Geheimdienst „ausgewertet“. Allein im Jahr 2010 wurden 37 Millionen E-Mails „analysiert“ – gab die Bundesregierung
wohlgemerkt offiziell zu, die wahre Zahl dürfte also bedeutend höher liegen.

Jede fünfte Mail also, die ich meinen ausländischen Künstlern, Managern
und Geschäftsfreunden schreibe, wird vom deutschen Geheimdienst mitgelesen, und
jede fünfte Mail, die Sie Ihren Freunden oder Verwandten im Ausland schreiben.
Über 100.000 Mails werden jeden Tag vom deutschen Geheimdienst mitgelesen und
„analysiert“ – das sind deutlich mehr als die Stasi je Briefe und Pakete pro
Tag mitlas. Und übrigens: die NSA-Vorläuferorganisation, die „Black Chamber“,
hat früher alle Telegramme, die international in den USA eingingen, gelesen,
bevor sie ausgeliefert wurden; später, als Telegramme statt auf Papier auf
Disketten gespeichert wurden, erschienen während der Nachtschicht bei den
Telegrafenfirmen NSA-Kuriere, die die Disketten kopierten. Und heutzutage?
Längst haben Geheimdienstler ihre Geräte direkt mit den Internet-Knotenpunkten
in den USA, in Großbritannien oder, ja, in Frankfurt verbunden und haben
ungehemmten Zugriff auf den kompletten Datenaustausch. Und „die NSA und der BND
sind sogar richtig dicke Freunde, sie tauschen viele Erkenntnisse aus und
arbeiten auch eng zusammen beim Anzapfen von Kabeln“, schreibt Georg Mascolo in
der „FAZ“. Eine Kontrolle findet nur statt, wenn deutsche Staatsbürger
betroffen sind, ausländische Staatsbürger werden von deutschen Gesetzen nicht
geschützt. Mascolo fordert: „Die demokratischen Regierungen müssen ihren
Geheimdiensten das Recht zum grenzenlosen Lauschangriff entziehen.“ Doch daran
haben Frau Angela „Neuland“ Merkel und der BND natürlich nicht das geringste
Interesse.

Wir leben in einem Überwachungsstaat. Ob Obama oder Merkel – letztlich
ist das alles das gleiche Pack, das die Privatsphäre ihrer Untertanen ignoriert
und systematisch verletzt.

Constanze Kurz erklärt auf „SZ Online“, warum das Datensammeln
von beispielsweise Google nicht
zu vergleichen ist mit dem Datensammeln des Staates:

„Google ist
schließlich ein Wirtschaftsunternehmen, das für seine Werbekunden die Daten
seiner Nutzer speichert. Die NSA ist ein Geheimdienst. Wenn der dreimal 'Terror' ruft, dann können Menschen
daraufhin sterben, weil ihnen plötzlich Drohnen über die Köpfe fliegen.
Die möglichen Konsequenzen von Datenüberwachung durch den Geheimdienst sind
also offensichtlich sehr viel krasser als bei Google."

* * *

Am 21.Juli 1913, also vor hundert Jahren, schrieb Franz Kafka in sein
Tagebuch:

„Nicht
verzweifeln, auch darüber nicht daß Du nicht verzweifelst. Wenn schon alles
zuende scheint, kommen doch noch neue Kräfte angerückt, das bedeutet eben, daß
Du lebst. Kommen sie nicht, dann ist hier alles zuende aber endgültig.“

* * *

„Unter anderem
sind es die neuen Teilzeitarbeiter und Wenigverdiener, die zur Senkung der
durchschnittlichen Arbeitskosten in Deutschland beitragen. Auf dem Rücken der
Ärmsten werden die Interessen der deutschen Industrie durchgeprügelt, was dann
in der Politikersprache Niedriglohnsektor heißt. – Sektorengrenze, schöner,
neuer Sinn. Die Grenze, sage ich zu K., verläuft nicht zwischen den Deutschen
und den Griechen, sondern zwischen denen, die immer reicher, und denen, die
immer ärmer werden.“ Eugen Ruge, „Das griechische Orakel“, Tagebuch einer Frühjahrsreise, in
„FAZ“

* * *

Im „Finanzmarkt“-Teil der gleichen Zeitung lesen wir zeitgleich:

„Der Club der
deutschen Millionäre ist um 9 Prozent gewachsen (...) Mit insgesamt 362.000
Millionärshaushalten rangiert Deutschland damit im internationalen Vergleich
auf dem siebten Rang. (...) Das gesamte Vermögen der deutschen Privatanleger“ wird für 2012 „auf 6,7 Billionen Dollar geschätzt – ein
Plus von 6,2 Prozent“. „Deutschland gilt nach diesen Maßstäben als die
fünftreichste Nation der Welt.“ Krise ist eben nicht für alle, selbst in der größten Bankenkrise gibt es
noch jede Menge Profiteure.

* * *

Wenn Sie mal ein deprimierendes Stück Musik auf YouTube sehen wollen,
klicken Sie hier:

Warum sich die Rolling Stones für so etwas hergeben? Ein harmloses
Popsternchen, das praktisch nichts kann, einen Song singen zu lassen, den die
große Marianne Faithfull seinerzeit geadelt hat? Nun, es ist ein Geschäft.
Nichts weiter.

* * *

Daß es auch anders geht, haben zwei Konzerte in Berlin in der ersten
Juni-Woche gezeigt. Zwei Konzerte, die vielleicht unterschiedlicher nicht sein
konnten, die aber mehr gemeinsam haben, als man auf den ersten Blick vermuten
würde. Ich spreche vom Auftritt von Neil Young mit Crazy Horse in der Waldbühne
und vom Klavierabend von Grigorij Sokolov in der Philharmonie.

Bertolt Brecht sagt irgendwo, daß man ohne den Begriff der Schönheit
letztlich nicht auskommen wird. Und ich möchte ergänzen: ohne den altmodischen
Begriff der „Haltung“ wohl ebenso wenig – „sag mir wo du stehst“...

Neil Young und Grigorij Sokolov verkörpern in ihren 60ern genau dies.
Sie machen Musik auf einem ungeheuren Niveau, fernab von dumpfen
Marketingkampagnen der aufmerksamkeits-heischenden Kulturindustrie, fernab vom
„Stahlbad“, das da „Fun“ heißt (wie Adorno mal geschrieben hat). Denken Sie an
all die albernen Kampagnen, die die Klassik-Labels so verzweifelt wie
stumpfsinnig betreiben, wie sie Lackäffchen inszenieren, die sich an den Flügeln
produzieren, wie sie junge Sängerinnen oder Instrumentalistinnen mit einer
vermeintlichen Portion Sexyness versehen und Promobilder veröffentlichen, die
in Softpornos der 80er Jahre eher Berechtigung hätten als auf den Covern von
klassischen Alben. Und dann kommen Sie an einem warmen Juniabend in die
Philharmonie, das Konzert eines alles andere als den herkömmlichen
Schönheitsidealen entsprechenden, älteren Pianisten ist ausverkauft, draußen
versuchen verzweifelte Fans noch an Karten zu kommen. Und was spielt dieser
Pianist? Ein anstrengendes Konzert mit Werken von Schubert und mit Beethovens
Hammerklaviersonate, und das Konzert ist von einer Intensität und Schönheit und
zeugt von einer Haltung und einer Klasse, wie sie all die Kunstprodukte des
aktuellen Klassikzirkus in ihrer ganzen Karriere nicht hervorbringen werden.
Eine glücklich machende Gratwanderung. Ich weiß nicht, ob man den Erfolg von
Sokolov schon als Beginn einer Gegenbewegung bezeichnen kann, als eine
Gegenbewegung gegen all die Hypes und die Trostlosigkeit, die uns die
Musikindustrie gemeinhin vorsetzt. Aber es ist auf jeden Fall ein schönes
Gefühl, zu sehen, daß mehr als zweitausend Menschen es genießen, sich einem
anspruchsvollen dreistündigen Konzert auszusetzen, und glücklich nach Hause
gehen.

All dies kann man auch über den großen Auftritt von Neil Young und Crazy
Horse schreiben. Die Gratwanderung. Die Intensität. Die Schönheit. Die Klasse
einer Musik, die kein Produkt sein will. Musiker mit Haltung, die sich den
Verwertungsprozessen der Kulturindustrie bewußt entziehen und eine Musik
kreieren, wie man sie sonst kaum zu hören bekommt. Musiker, die einem wieder
eine Vision davon verschaffen, wie großartig ROCKmusik doch sein kann, was man
angesichts all der gesichtslosen Magerprodukte, die allüberall hergestellt und
beworben werden, fast schon vergessen hatte.

Kunst beansprucht, wie Dietmar Dath sagt, „keine objektive Gültigkeit. Stattdessen kommuniziert sie eine
Haltung.“

Daran haben Neil Young und Grigorij Sokolov im Juni 2013 in Berlin
eindrucksvoll erinnert.

* * *

Wie den Medien zu entnehmen war, soll Justin Bieber einen Flug ins All
gebucht haben.

Gute Idee. Schickt Justin Bieber auf den Mond! Dann ist der nicht mehr
unbewohnt.

(ich hätte übrigens noch ein paar weitere Vorschläge von Leuten, für
deren Mondfahrt ohne Rückfahrkarte ich mit ner Spendendose oder meinethalben
auch per Crowdfunding sammeln würde...)

* * *

Cem Özdemir, der schwäbische Grünen-Politiker, riet auf seiner
Fressenkladde den „lieben konservativen
Politikern“, doch „vom Rock’n’Roll“
lieber die Finger zu lassen. „Diese
Musik“ stehe „ziemlich für das exakte
Gegenteil Eurer Politik“, meinte er großmäulig den politischen Gegnern
hinter die Ohren schreiben zu müssen, als er las, daß Herr und Frau Wulff
gemeinsam ein Bruce Springsteen-Konzert besucht hatten.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht – aber ich halte viel davon, wenn man
das Privatleben von Politikern ignoriert, genauso wie ich mir wünsche, daß mein
Privatleben privat bleibt. Es geht uns nichts an, und ich will damit auch nicht
belästigt werden. In welche Konzerte Herr Wulff und Herr Özdemir mit ihren
Dulcineas gehen, ist mir herzlich wurscht. Wobei ich anmerken möchte, daß es
mir in etwa so unangenehm wäre, in einem Konzert neben Herrn Wulff zu stehen,
wie neben Herrn Özdemir. Denn wer sich derart an eine vermeintliche Zielgruppe
heranwanzt wie der schwäbische Provinzpolitiker, dem will ich nirgends begegnen
müssen. Nicht auf einem Rockkonzert, nicht im Straßencafé, nicht im
Gemüseladen, nirgends.

Als Berliner kann man Politikern nicht so leicht aus dem Weg gehen. Man
begegnet beim Brotkauf oder in der Oper (Wagner!) schon mal Frau Merkel, man
trifft Herrn Ströbele auf dem Fahrrad oder Herrn Schily im Kaffeehaus. Es ist,
wie es ist, man sieht den einen lieber als den anderen, aber solange sie sich
nicht wichtig machen, ist es einfach ein Stück Alltag, um den man kein Gewese
machen muß. Am wenigsten will ich aber intoleranten schwäbischen
Grünen-Politikern begegnen, deren Politik so spießig ist wie die Musik der
schwäbischen Schlagerband „Pur“, die aber verzweifelt Anschluß an Hipsterkreise
suchen – oder an Kreise, die sie für hip halten, die aber letztlich auch nur so
spießig sind wie sie selber. Oder wollen Sie von jemandem regiert werden, der
von Ihnen einen Gesinnungscheck will, bevor er Sie ins Rockkonzert läßt?

Und ansonsten möchte man Cem Özdemir „si tacuisses“ zurufen, denn laut
„Spiegel“ lief am Ende von Versammlungen der „Grünen“, bei denen sich ihre
Spitzen-KandidatInnen der Basis vorstellten, „Sag mal, hast du das gesehn? Das
hat die Welt noch nicht gesehn“ vom unsäglichen Christen-Popper und
Bundeswehr-Bespaßer Xavier Naidoo.

Sie sitzen im Glashaus und werfen mit Steinen. Es klirrt so schön.

* * *

Die Redakteure der „Geld & Mehr“-Seite der „Frankfurter Allgemeinen
Sonntagszeitung“ haben anscheinend frei genommen, jetzt lassen sie mal die
Volontäre ran – die wissen zwar, was sie schreiben sollen, könnens aber nicht
so recht: Unter der Überschrift „Der Dollar wird stärker“ berichtet die FAS am
9.6.2013: „...der Dollar wertete
gegenüber dem Euro auf. Für einen Euro muß jetzt nur noch 1,3216 Dollar gezahlt
werden.“

Während es vor der Aufwertung viel mehr, nämlich zwischen 1,26 und 1,30
Dollar waren...

* * *

Lassen Sie uns diesen Vorgang mal rekapitulieren, damit wirs alle
verstehen.

Der SPD-„Ich will nicht Kanzler werden“-Kandidat Steinbrück entläßt
seinen Sprecher. Das Verhältnis zwischen Steinbrück und seinem Sprecher wurde
unter anderem dadurch belastet, daß der Sprecher ein Interview Steinbrücks mit
der „FAS“ freigegeben hatte, in dem Steinbrück kritisiert hatte, daß Kanzler
gemessen an ihrer Leistung zu wenig verdienten.

Wohlgemerkt, Steinbrück fand anscheinend nicht, daß er wieder mal Mist
geredet hatte, sondern er ärgerte sich über seinen Sprecher, weil der
Steinbrücks Mist freigegeben hatte. Wäre es nicht einfacher, der, der den Mist
produziert hat, würde sich seiner Veranstaltung stellen und selbst
zurücktreten? Damit wäre uns allen geholfen.

Aber nein, Steinbrück entließ seinen Sprecher und nahm sich einen neuen.
Der hat allergrößte Qualifikationen: Er leitete jahrelang das Hauptstadtbüro
der Blödzeitung und arbeitete zuletzt als Lobbyist für einen umstrittenen
Immobilienkonzern. Diesem Konzern, der „Deutschen Annington“, gehören circa
180.000 Wohnungen mit, um es mal so zu sagen, nicht immer zufriedenen Mietern,
von denen sich etliche in Mieterinitiativen zusammengeschlossen haben. Man
wirft der einer britischen Private-Equity-Gesellschaft gehörenden Firma laut
„Telepolis“ unter anderem „eine
übermäßige Renditeerwartung zulasten der Mieter, undurchsichtige
Nebenkostenabrechnungen und einen Kabel-Zwangsumstieg vor“. Steinbrücks
Sprecher, eben noch Immobilienkonzern-Lobbyist, ist sicher die Idealbesetzung,
wenn es darum geht, die angebliche „Wir kämpfen für die Mieter“-Politik der SPD
im Wahlkampf zu verkaufen...

Ebenfalls in sein Inkompetenz-Team berufen hat Steinbrück die ehemalige
Justizministerin Zypries, die Mutter der erst vom Bundesverfassungsgericht
gestoppten Vorratsdatenspeicherung, die ansonsten auch die Auskunftsansprüche
gegen Access-Provider durchsetzte und so Filesharing-Massenabmahnungen
überhaupt erst möglich gemacht hat, wie IT-Fachanwalt Thomas Stadler erklärte.

Ein echtes Albtraumteam hat der Sozialdemokrat da am Start.

* * *

„Im Lauf der Jahre
habe ich ihre (der Musiker, BS) weiteren Eigenschaften kennengelernt. Ehrgeiz
finden sie anstrengend. Leidenschaft ist ihnen peinlich wie ein
Pubertätspickel. Und Eleganz halten sie für einen Tick von Homosexuellen. Das
Problem an Bands sind die Musiker.“

            Kristof
Schreuf in einem herrlichen Text namens „Wie ich Künstler geworden bin“,

            hier: http://kristofschreuf.wordpress.com/2013/06/10/wie-ich-kunstler-geworden...

* * *

„Der Name der
Zukunft: Kultur“ ist der Nachruf auf den großen Schriftsteller und Science-Fiction-Autor
Iain Banks von Dietmar Dath in der „FAZ“ überschrieben.

Wenig Kultur hat allerdings allem Anschein nach die Republik der Dichter
und Denker, denn hierzulande ist beispielsweise eines der wichtigsten Werke von
Iain Banks, „Consider Phlebas“, nicht mehr im Buchhandel erhältlich, was ein
echter Skandal ist.

Banks hatte sich übrigens ein von Kapitalinteressen und
feudalmonarchistischen Rückständen befreites Großbritannien gewünscht, „nach innen antiautoritär sozialistisch,
nach außen tolerant anarchistisch“. R.I.P., Iain Banks!

* * *

Andere Wünsche hat die Abiturientin Alina, 18, laut „Berliner Zeitung“
vom 15.6.2013: Sie will sich „die Nase
richten lassen (...) Die Nase lasse ich mir einen Monat vor Ausbildungsbeginn
machen. Ich will den Höcker wegmachen lassen, allgemein kürzen, vorne kleiner
machen, dünner und feiner und anheben. (...) Ich hatte im März Geburtstag, und
zum 18. kriegen die anderen ein Auto und sowas, und ich wollte eine Nase haben.
Meine Eltern haben mir die Nase versprochen, unter der Bedingung, daß ich ein
gutes Abitur mache, mindestens 2,6. Jetzt freue ich mich schon total.“ Denn
Alina hat „sehr, sehr viel gelernt und
nur von Kaffee und Energydrinks gelebt“ und, hurra!, ihr Abi mit 2,5
geschafft. Einer neuen Nase steht nichts im Weg.

Abitur in Deutschland im Jahr 2013...

* * *

2.000 Euro hat ein Benefiz-Konzert für die Flutopfer in der
Kleingartenanlage Klein Attach in Sachsen-Anhalt eingebracht, etwa 4.500 Euro
wurden von Musikern wie Dirk Zöllner, André Herzberg oder Dirk Michaelis bei
einem Benefizkonzert in der Berliner Kulturbrauerei eingespielt. Alle haben auf
ihr Geld verzichtet: Die Künstler haben umsonst gespielt, die Clubs haben ihre
Säle und das Equipment umsonst zur Verfügung gestellt, das Personal hat umsonst
gearbeitet, damit möglichst viel für die Opfer der Flutkatastrophe übrig
bleibt.

Nur einer hielt die Hand auf und hat abkassiert und dafür gesorgt, daß
weniger Geld an die Flutopfer ausgezahlt werden kann: Das war die GEMA. In
Klein Attach hat die GEMA erst etwa 80 Euro berechnet, dann nach dem Protest
der Beteiligten einen 25%igen „Rabatt“ gewährt. Am Berliner Benefizkonzert wird
sich die GEMA mit ca. 160 Euro bereichern.

Bei der GEMA heißt es auf Anfrage von „Telepolis“, man sei den
Benefiz-Veranstaltern „so weit entgegen
gekommen, wie es gesetzlich möglich war“, leider leider, das sei eben „der gesetzliche Rahmen“, für weitere
Zugeständnisse seien der Verwertungsgesellschaft „die Hände gebunden“.

Was natürlich eine glatte Lüge ist. Denn die Regeln, an die die GEMA
gebunden ist, werden von den in Geheimklausur tagenden Gremien der
Verwertungsgesellschaft ja weitgehend selbst aufgestellt (und dann vom
Patentamt genehmigt). Und würde die Öffentlichkeit oder das Patentamt oder die
Politik die GEMA verklagen, wenn sie im Falle von Benefizkonzerten einmal über
ihren eigenen, großen Schatten springen würde und auf die paar Euro verzichtet?
Oder: wie wäre es denn, wenn die GEMA der Öffentlichkeit mitteilen würde, daß
sie das Problem bei den GEMA-Gebühren von Benefizkonzerten sieht und ihren
Gremien eine Änderung der Bestimmungen vorschlägt? Aber die GEMA läßt nichts
unversucht, ja keine Sympathien bei der Bevölkerung zu gewinnen. Während gerade
bei "Musikmarkt Online" zu lesen war, daß die GEMA eine "neue
Kommunikationsstrategie entwickelt"...

* * *

Auch ein toller Verein ist die staatliche „Initiative Musik“, die
unbeirrt unbekannte Nachwuchspopkünstler fördert, die niemand kennt und die
sonst keine Chance hätten. In der aktuellen 22.Förderrunde der Initiative Musik
wurden u.a. unbekannte Nachwuchskünstler wie Thees Uhlmann (dessen letztes
Album bloß auf Platz 4 der deutschen Charts zu finden war und der locker
fünfstellige Gagen für seine Auftritte kassiert), der österreichische Rapper
RAF 3.0 (dessen Alben es bisher bloß auf Platz 7 der deutschen Charts
schafften) oder die Band Kreidler mit Staatsknete bedacht.

Scheint ein Prinzip des Staatspop á la Initiative Musik zu sein – „wir
scheißen unsere Steuerdukaten prinzipiell nur auf die größten Haufen“...

Ähnlich macht es auch die neugegründete Berliner Popbehörde namens Musicboard
– da werden mit der Gießkanne über 462.000 Euro ausgeschüttet über manche
sinnvolle, aber auch etliche merkwürdige Projekte und solche, die sich
eigentlich auf dem Markt finanzieren sollten – und schließlich finden sich
unter den 19 geförderten Projekten auch solche von wirtschaftlich erfolgreichen
und hochkommerziellen Unternehmen wie die des Rolf Budde Musikverlages oder der
Melt Booking GmbH & Co KG. Lang lebe die Berliner Subventionswirtschaft,
die unter dem Pop-Senat fröhlich Wiederauferstehung feiert!

Staatspop und Senatspop sind oft ein rechter Flop.

* * *

Und während der Berliner Senat seine Gießkanne über erfolgreiche
Unternehmen ausgießt, ist für die „Freie Szene“ weiter wenig zu erwarten. Im
Haushaltsentwurf 2014, den der von der SPD ernannte Finanzsenator dieser Tage
vorlegte, wächst der Kulturetat von 368 auf 396 Millionen Euro. Das zusätzliche
Geld allerdings fließt, wie Birgit Walter gerade in der „Berliner Zeitung“
festgestellt hat, „in die Institutionen,
das meiste in die Opern, dort wiederum in höhere Gehälter“. Nun, nichts
dagegen, wenn angestellte Musiker ordentliche Gehälter bekommen. Nur sollte
dies gleichzeitig auch für die hochprekären Protagonisten der freien Szene
gelten, die oft am Existenzminimum entlanghangeln. Birgit Walter schätzt, daß
den rund 1.900 Künstlern und Kulturarbeitern, die in den Institutionen ein
ordentliches Einkommen erhalten, rund 10.500 Beschäftigte in der freien Szene
gegenüberstehen, „die das künstlerische
Prekariat dieser Stadt bilden“. Für die Freie Szene, die SPD und CDU laut
Koalitionsvertrag ausdrücklich stärken wollten, stehen weiterhin nur 10
Millionen Euro von den knapp 400 Millionen des Kulturhaushalts zur Verfügung.
Und daß dieser Etatposten „gehalten
werden konnte“, wird vom Senat als Erfolg verkauft.

Kulturpolitik, die sie meinen...

* * *

Doch nicht nur der Staat läßt die freien und selbständigen Künstler
darben und verelenden.

Auch das Vereinsorgan des liberalen, wohlhabenden Bürgertums und der
Studienräte, die „Zeit“, dreht kräftig an der nach unten weisenden
Honorarschraube.

Wie Silke Burmeister in einem „taz“-Interview mit dem Geschäftsführer
des Zeit-Verlages, Rainer Esser, feststellte, berichtet die Zeit „häufig über Themen wie Fair Trade oder
Generation Praktikum. Die Bedingungen aber, unter denen die Zeit entsteht,
stehen dazu im Gegensatz“, die Honorare, die die „Zeit“ an freie Autoren
zahle, seien sehr gering, und während die Zeit bei 154 Millionen Jahresumsatz
eine Menge Gewinn mache, würden Honorare für freie Autoren drastisch gesenkt
oder für Zweitverwertungen nur minimale Honorare gezahlt. Es ging um die höchst
lukrativen Nebengeschäfte der „Zeit“ und im Kern um die Frage, ob es angesichts
der blendenden wirtschaftlichen Verfassung der „Zeit“ nicht angemessen wäre, die
Freien Mitarbeiter besser zu bezahlen.

Und wie reagiert der Verlagschef der „Zeit“? Er kanzelt die Journalistin
hochnäsig ab und tritt später nach, indem er im Internet Burmeisters Honorare
veröffentlicht.

Den ganzen Vorgang können Sie bei Stefan Niggemeier nachlesen:

http://www.stefan-niggemeier.de/blog/das-revanchefoul-des-zeit-geschaeft...

„Für ›Die Zeit‹ zu
arbeiten, macht sehr viel Freude.“ (Rainer Esser)

* * *

Sony-Chef Ginthör erklärt uns in der „Musikwoche“ die Welt:

„Weitere Maßnahmen
des Gesetzgebers zum Schutz der Kreativen und ein gesamtgesellschaftliches
Bewußtsein für den Wert kreativer Inhalte sind geboten (...) Kommerzielle
Anbieter von illegalen Downloads verdienen unter anderem durch Werbung
unrechtmäßig viel Geld.“

Aha.

* * *

„Change Is Inevitable.“ (Disclosure)

* * *

Leistungsschutzrecht? Anti-Google-Gesetz? War da was?

Jetzt jedenfalls hat Google die Zeitungsverleger aufgefordert, sich zu
entscheiden, ob ihre Inhalte weiter unentgeltlich auf „Google News“ erscheinen
sollen oder ab August, wenn das Leistungsschutzrecht in Kraft tritt, aus Google
News verschwinden sollen.

Und was passiert? „Zeit Online“, „Süddeutsche.de“, „Spiegel Online“ und
andere werden das Angebot annehmen oder prüfen es derzeit wohlwollend. Bisher
hat sich laut „FAZ“ noch kein deutscher Zeitungsverlag ablehnend geäußert.

„Mit dem Leistungsschutzrecht
wollten die Verlage Google eigentlich dazu bringen, ihnen Geld zu zahlen“, schreibt die
„FAZ“. War wohl nichts. „Mit dem weltweit
einzigartigen Leistungsschutzrecht dürften sich die Verleger selbst ins Knie
geschossen haben, denn der eigentliche Wunsch, an dem Dienst mitzuverdienen,
ist damit passé“, kommentiert Markus Kompa auf „Telepolis“.

Wahrscheinlich verliert der Axel-Springer-Verlag, der quasi die Rolle
des Chef-Lobbyisten für das neue Leistungsschutzrecht spielte, jetzt zunehmend
an Einfluß – was das Schlechteste ja nicht wäre. „Welt“ und „Bild“ haben sich
ja schon hinter Paywalls versteckt...

* * *

„I think one of the most
difficult aspects of modern culture is knowing how edit or eliminate all the
crap in order to get to the good stuff.“ (The Residents im Interview mit „Jungle
World“, erscheint dieser Tage)

21.07.2013

Judith & Tina sind Buddhistinnen

Was haben Judith Holofernes, die Sängerin von „Wir sind Helden“, und
Tina Turner gemeinsam? Beide haben nach buddhistischem Ritus geheiratet.

21.07.2013

Dieter Raider heißt jetzt Twix Max Mohr

Und was haben der Schokoriegel Raider und der öffentlich-rechtliche
Moderationstexte-Aufsager Dieter Mohr gemeinsam? Beiden gefiel ihr Name nicht
mehr.

Bei Raider, der 1976 in Deutschland und Österreich auf den Markt kam,
entschied das der Lebensmittelkonzern Mars Inc. bereits 1991. Der Schokoriegel,
zu dessen Inhaltsstoffen Zucker, Glukosesirup, Magermilchpulver,
Butterreinfett, Molkenpulver, Emulgator (Sojalecithin), Backtriebmittel und
Aroma gehören, heißt seitdem Twix.

Dieter Mohr, der 1958 auf die Welt kam, entschied 2013, im Alter von 54
Jahren, daß ihm sein Name nicht mehr gefällt, und erklärte seinen Namenswechsel
von Dieter zu Max damit, es sei „Zeit
sich zu emanzipieren“ und „zu ändern,
was die Altvorderen bestimmt haben“. Er wolle jetzt „abschaffen, was mich seit 50 Jahren stört: Meinen Vornamen. Ab sofort
und endlich erkläre ich mich selbst zum Max.“

Auch für Dieter Max Mohr, zu dessen Inhaltsstoffen eine substantielle
Drögheit und pseudo-originelle, betuliche Erklärungen („Die Schweiz war das
Afghanistan Europas“) gehören, gilt der Spruch „Raider heißt jetzt Twix...sonst
ändert sich nix.“ Leider.

21.07.2013

Wagenknecht und Ausländerfeindlichkeit

Immer mal wieder verraten sich Funktionäre der Partei der „Die Linken“
und zeigen, wes rechten Geistes Kind sie im Grunde sind. Wer erinnert sich
nicht an die fremdenfeindlichen Töne von Oskar Lafontaine im
Bundestagswahlkampf 2005: „Der
Staat ist verpflichtet, seine Bürgerinnen und
Bürger zu schützen. Er ist verpflichtet zu verhindern, dass Familienväter und
Frauen arbeitslos werden, weil Fremdarbeiter zu niedrigen Löhnen ihnen die
Arbeitsplätze wegnehmen.“

Seine Lebensgefährtin Sahra Wagenknecht tut es ihm jetzt gleich und
spielt ebenfalls die nationalistische und ausländerfeindliche Karte: Die
stellvertretende Parteivorsitzende der „Linken“ fordert, bei der Jobvergabe „zuerst an Jugendliche in Deutschland zu
denken“. Im Interview mit Springers „Welt“ forderte Wagenknecht, bevor
„Talente aus anderen Ländern“ abgeworben würden, müsse eine
Ausbildungsoffensive in Deutschland starten, und fügte hinzu, Röslers Einladung
an arbeitslose Jugendliche aus südeuropäischen Ländern, eine Ausbildung in
Deutschland zu machen, sei „eine Ohrfeige
für Hunderttausende junge Menschen, die in Deutschland leben und von denen
viele nie eine Chance bekommen haben“.

Deutsche Arbeits- und Ausbildungsplätze sollen gefälligst nur Deutschen
zugute kommen, sollen die Opfer deutscher Austeritätspolitik in Südeuropa doch
selbst sehen, wo sie bleiben!

„Der ganze ‚linke’
Lärm befindet sich innerhalb der gegenwärtigen Logik der Herrschaft.“

(Alain Badiou)

21.07.2013

Gartenzwerge und DDR

Es war nur ein kleiner Absatz in einem Artikel im Feuilleton der
„Berliner Zeitung“ am 17.Juli 2013, aber ich meine, hier auf eine große
Weisheit gestoßen zu sein: die definitive Erklärung zum Untergang der DDR
nämlich.

Es lag nicht am wirtschaftlichen Niedergang, an der fehlenden Reisefreiheit
und schon gar nicht an der sogenannten „Revolution“ der Bürger von Leipzig.
Nein, der Untergang der DDR war dem Staat sozusagen schon 1958 in den Genen eingeschrieben worden (wenn man mal so tun will, als ob Staaten Gene haben). Damals nämlich sagte der SED-Chefideologe Alfred Kurella
laut „Berliner Zeitung“, „Gartenzwerge
würden an die Märchenwelt anknüpfen und den Aufbau des Sozialismus nicht
stören.“

Da haben Sie’s! Ein Staat, der findet, daß seinem Aufbau Gartenzwerge
nicht im Weg stehen, ist automatisch dem Niedergang geweiht.

Was das nun für den Gartenzwerg-Staat BRD heißt, in dem Gartenzwerge in
den Vorgärten seiner Bürger gewissermaßen konstitutiv sind? Tschah, Sie werden
sehen...

21.07.2013

Snowden und Datenschutz und Politik

Die meisten werden diese berühmte Zeile aus Patti Smith’s „Gloria“
kennen:

„Jesus died for
somebody’s sins but not mine.“

Man kann das auf T-Shirts tragen, und wann immer Patti Smith auf ihren
Konzerten „Gloria“ singt (oder sollte man nicht besser sagen: performed?), gehört
das zu den Höhepunkten der Show. Bei ihren Deutschland-Konzerten im Juli
buchstabierte Patti Smith jedoch aus guten Gründen einen anderen Namen, nicht
mehr das legendäre G-L-O-R-I-A:

„And I said
darling, tell me your name, she told me her name
She whispered to me, she told me her name
And her name is, and her name is, and her name is, and her name is...

And the tower
bells chime, 'ding dong' they chime
They're singing, 'jesus died for somebody's sins but not mine.':

S – N – O – W –
D – E – N!“

Und ansonsten – geht es Ihnen auch so wie mir? Man will die ganzen
Einzelheiten um den Überwachungsskandal gar nicht mehr weiter verfolgen, weil
die Grundlinien längst klar sind: Wir leben in Überwachungsstaaten, egal ob in
den USA oder in der BRD, wir Bürger stehen generell „unter Verdacht“ (was dann
wieder eine Gemeinsamkeit zum sogenannten „Biedermeier“ ist, zu Metternichs
Spitzelstaat). Die Geheimdienste drehen frei und tun, was sie wollen (nur von
Nazis systematisch begangene Morde ignorieren sie eher). Die herrschende
Narration von Merkel und dieser Witzfigur, die wir uns als Innenminister
leisten, lautet: „Alles nicht so schlimm! Wenn
die USA uns und die deutsche Wirtschaft systematisch bespitzeln würden, wäre das ein Skandal.“ Leben im
Konjunktiv – das, was Snowden aufgeklärt hat, das, was Guardian oder Spiegel
veröffentlicht haben, wird systematisch wegignoriert, es kann ja schließlich
nicht sein, was nicht sein darf. Und das gigantische Bespitzelungsprogramm der
USA dient schließlich dem „edlen Zweck, Menschenleben in Deutschland zu retten“
(Friedrich). Aha.

Hier jedenfalls noch ein paar Schnipsel zum Thema aus den letzten
Wochen:

„Eine der Fragen,
die Menschen wie Bradley Manning und Edward Snowden stellen, lautet: Was ist
wichtiger – die Wahrheit oder die Nation? Der unkontrollierten Macht im Inneren
der Macht ist beides egal. Ihre stärkste und einzige Waffe ist Geheimhaltung.“

(Peter Glaser in „Edward mit den Sharing-Händen“, Berliner Zeitung) –

Außenminister
Guido Westerwelle (FDP) sprach sich gegen die Aufnahme Snowdens aus, er verwies
darauf, daß die USA "enge
Verbündete", "Freunde"
und ein "Rechtsstaat mit
unabhängiger Justiz" seien. Außerdem würden sich sowieso die "dunklen Wolken der Abhöraffäre wieder
vom Himmel verziehen". –

100 Millionen Euro
soll der BND für ein Technikaufwuchsprogramm bekommen, um das Internet
besser zu überwachen – „natürlich müssen
auch unsere Nachrichtendienste im Internet präsent sein"
(Bundesinnenminister Friedrich). „Es kann
ja nicht sein," so der Minister, „daß
die Verbrecher technologisch aufrüsten, immer effizienter das Netz nutzen - und
wir als Staat dem nichts entgegensetzen können." Man müsse dafür Sorge
tragen, „daß wir Kontrollverluste über
die Kommunikation von Kriminellen durch neue rechtliche und technologische
Mittel ausgleichen" (laut „Telepolis“). Natürlich kann man von einem
deutschen Innenminister nicht erwarten, daß er die Verfassung kennt – danach
ist für die Verbrechensbekämpfung nämlich immer noch die Polizei zuständig,
nicht der BND... –

Doch auch die SPD,
die sich aktuell und aus Wahlkampfgründen gegen die Überwachung der Bürger
ausspricht, ist eigentlich für mehr Überwachung, sie forderte ebenfalls den „Ausbau der Internetüberwachung“
(Stern.de), ihr innenpolitischer Sprecher, Michael Hartmann, geht konform mit
CSU-Innenminister Friedrich: „Deutschland
hat einen gewaltigen Nachholbedarf in der Internetüberwachung." Gegenüber
der "Berliner Zeitung" erklärte Hartmann, es sei wichtig, „Geld in die Hand zu nehmen, damit der BND
auf die Höhe der Zeit kommt." –

„Müssen wir uns mit dieser Monstrosität nun
abfinden, weil es eine Art Naturgesetz sein soll, daß die Geheimdienste eben
machen, was technisch geht? Aus den verwanzten europäischen Gremien ist
jedenfalls Hilfe kaum zu erwarten.“ (Constanze Kurz, „FAZ“). –

Einer Analyse von
„Daten-Speicherung.de“ zufolge liegt die Beteiligungsquote der SPD an
„verfassungswidrigen Überwachungsgesetzen“ bei 78 Prozent. Auf Platz 2 folgen
CDU/CSU mit 67 Prozent, auf Platz 3 die Grünen mit 44 Prozent (laut
„Telepolis“). –

Der
SPD-Innenpolitiker Dieter Wiefelspütz erklärte zum Asylantrag des
Whistleblowers Edward Snowden: „Ich kann
nicht erkennen, dass der Mann politisch verfolgt wird." –

„’Tagesspiegel’-Kolumnist Harald Martenstein
verschmolz Faktenaversion mit sensationell selbstgerechter Onkeligkeit und
schrieb: ‚Die Amerikaner tun also nichts, was Tausende Deutsche in ihrer
Familie nicht auch tun: Sie spionieren.’ Als wären Privatpersonen und Staaten
auch nur ironisch vergleichbar.“ (Sascha Lobo auf SPON).

„Es geht bei diesem Grundrechte-Skandal nicht um
konservative oder progressive Einstellungen und auch nicht mehr um die Abwägung
zwischen Sicherheit und Freiheit. Die ausufernde Spionagemaschinerie ist keine
Krise des Internets, sondern eine Krise der Demokratie, die sich am Internet
entzündet hat. Ein international vernetzter Überwachungsapparat ignoriert die
Maßstäbe der Demokratie. (...)

Es geht um die Frage, ab welchem Punkt sich ein
Rechtsstaat durch systematische, heimliche Überwachung selbst pervertiert. Die
Antwort darauf ist nicht trivial. Aber wer diese Frage angesichts der
Enthüllungen durch Edward Snowden gar nicht erst diskutieren möchte, weiß
entweder nicht, wie tief die digitale Vernetzung bereits in das Leben
ausnahmslos aller Menschen eingreift. Oder er verhält sich antidemokratisch,
indem er ohne umfassende Kenntnis der Vorgänge und Technologien vorauseilend
Unbedenklichkeitsbescheinigungen ausstellt.“ (Sascha Lobo, SPON) –

Selbst sein
eigenes Ministerium muß den Innenminister korrigieren, um ihm aus der Patsche
zu helfen. In einer Pressekonferenz hatte Friedrich nach seiner Rückkehr aus
den USA behauptet, daß die NSA-Spähprogramme weltweit 45 Anschläge - und fünf
davon in Deutschland - verhindert hätten. Nur zwei Tage später mußte ein
Sprecher des Innenministeriums die Darstellung des Ministers widerrufen. Als
Journalisten darauf drängten, mehr über die vereitelten Anschläge außer bloßen
Ziffern zu erfahren, stellte sich heraus, daß der Begriff "Anschlag"
irreführend ist: „Auf der
Regierungspressekonferenz am Montag schien nun durch, dass offenbar nicht
ausschließlich konkrete Anschläge verhindert, sondern teilweise auch nur
'Überlegungen' dazu durchkreuzt wurden." Wie konkret die
"Überlegungen" waren, ob sie sich in Anschlagplänen äußerten, wie
weit fortgeschritten sie waren, darüber verweigerte das Innenministerium nun
ein Festlegung - es könne auch ein „sehr
frühes Stadium gewesen sein", zitiert die
SZ. „Was dem hinzugefügt wird, entkernt
die Behauptung Friedrichs völlig und stellt sie als potemkinsche Fassade aus“,
stellt „Telepolis“ fest und zitiert den Sprecher des Innenministeriums: „Zu sagen, dass wir hier vor fünf konkreten
Terroranschlägen standen, das wäre jetzt sicherlich die falsche
Botschaft." –

Der
CSU-Innenminister, der einen Eid darauf geschworen hat, die Verfassung zu
schützen (wobei wir natürlich wissen, was die Eide von CSU-Innenministern wert
sind, denken Sie an Old Schwurhand Zimmermann...), erklärt der verblüfften
Welt, es gebe ein „Supergrundrecht
Sicherheit“. Blöd nur, daß so ein Grundrecht Sicherheit im deutschen
Grundgesetz nicht zu finden ist, weder als „Grundrecht“, noch als
„Supergrundrecht“. Eine glatte Lüge des Innenministers also. Im Grundgesetz
könnte man dagegen, wenn man nur wöllte, ein Grundrecht auf den Schutz des Fernmeldegeheimnisses
oder auf den Schutz der Privatsphäre oder den Schutz der Menschenwürde finden.
Aber davon hat der Superinnenminister sicher noch nie etwas gehört.

Dafür findet
Friedrich, die Bürger sollten selbst für den Datenschutz sorgen. Nehmen wir den
Innenminister beim Wort und sorgen selbst für Aktion: Jagen wir den
Superinnenminister aus dem Amt. Natürlich nicht, ohne vorher für ausreichend Teer
und Federn gesorgt zu haben... –

Aus einem
Interview mit der US-Juristin Marjorie Cohn (Juraprofessorin in San Diego und
etliche Jahre Vorsitzende des Juristenverbands National Lawyers Guild) auf
„Telepolis“ (Hervorhebungen von mir): „Frau
Cohn, die Regierung von US-Präsident Barack Obama setzt derzeit alles daran,
des Geheimdienst-Enthüllers Edward Snowden habhaft zu werden. Was hätte Snowden
im Fall einer Auslieferung aus Russland an die USA zu erwarten?

Marjorie Cohn: In den USA würde Snowden wohl andauernde Einzelhaft
drohen. Zumindest läßt der Fall des Militärs Bradley Manning darauf schließen. Das Problem bei dieser Einzelhaft ist, daß
sie Folter gleichkommt, weil sie früher oder später zu Halluzinationen,
Katatonie und sogar Suizid führen kann. Für
Snowden wäre es sehr schwer, einen fairen Prozess zu bekommen, wenn man das
politische Klima betrachtet, das die Obama-Regierung in Bezug auf Whistleblower
geschaffen hat.

Frage: Nach der Flucht Snowdens aus den USA hat es
von US-Seite zahlreiche Drohungen gegen China und Russland gegeben, die dem
30-Jährigen geholfen haben. Wie bewerten Sie diese Politik der US-Führung?

Marjorie Cohn: Nach Ansicht von Michael Ratner, dem Anwalt von
Wikileaks- Mitbegründer Julian Assange, übt die Obama-Regierung massiven Druck
auf Staaten weltweit aus, um eine Auslieferung Snowdens zu erreichen. Er soll
um jeden Preis wieder in den Zugriffsbereich der USA gelangen. (...)
Außenminister John Kerry hat Russland aufgefordert, "das Richtige zu
tun", also Snowden die Ausreise zu verweigern und ihn an die USA zur
Strafverfolgung auszuliefern. Dies sei wichtig vor dem Hintergrund der Beziehungen
zwischen Washington und Moskau, dem geltenden Recht und seiner Standards. Das
alles hat ein Ziel: Die US-Regierung
will möglichen Nachahmern die klare Botschaft zukommen lassen, dass die etwaige
Weitergabe geheimer Daten schreckliche Konsequenzen für weitere Whistleblower
haben würde. Schon jetzt geht die
Obama-Regierung auf eine beispiellose Weise gegen Geheimnis-Enthüller vor. Sie hat gegen acht Personen Anklage auf
Basis des Spionage-Gesetzes erlassen. Das sind doppelt so viele entsprechende
Anklagen unter dieser Regierung als unter allen Regierungen zuvor
zusammengenommen.“ –

Angela
Merkel und ihre Minister wollen erst aus der Presse von den Spähprogrammen der
US-Regierung erfahren haben. Doch nach Informationen des SPIEGEL nutzen
deutsche Geheimdienste eines der ergiebigsten NSA-Werkzeuge selbst. –

„Die Strategie der Koalition, sich im Zuge
des NAS-Skandals extra doof zu stellen... (...) Was gilt dort („auf
deutschem Boden“, BS)? Einstweilen
Anarchie. Deutsches Recht gilt auch nicht bei Facebook, denn das wohnt in
Irland. So als wären das ferne Gestade, Neuland oder Taka-Tuka-Land, mit denen
uns kein Abkommen und keine EU verbindet. Und es gilt auch nicht in Wiesbaden,
jedenfalls nicht auf dem schicken neuen Stützpunkt der Amerikaner, denn der gehört
ja denen. Was gilt dort? Was ganz anderes.

Merkel und Friedrich suggerieren den
Bürgern, die sie für Kinder halten, eine fragmentierte und letztlich vormoderne
Welt. In manchen Winkeln unserer großen Welt toben wilde Kerle, gegen die man
nichts tun kann. (...) Nur in Merkels kleiner Republik ist man geborgen.“
(FAZ)

21.07.2013

Günter Anders

„Nicht nur gilt: ‚Die
Welt wird ins Haus geliefert’, sondern auch: ‚Das Haus wird der Welt
ausgeliefert’.“          Günther Anders (1958)

21.07.2013

Democracy

„Die Klientel, für
die Schwarz-Gelb regiert, ist politisiert, organisiert und haut mächtig auf die
Pauke. Man kennt seine Interessen. Unternehmensverbände, neoliberale
Think-Tanks, konservative Meinungseliten (...)

Zwei Drittel bis
drei Viertel der Gesellschaft sind spätestens nach der Finanzkrise für einen
gesetzlichen Mindestlohn, regulierte Banken, höhere Steuern für
Besserverdienende und große Vermögen, mehr Frauen in Führungspositionen, mehr
Geld für Kitas, Schulen und Universitäten. Schon länger lehnen sie Atomenergie
ab und wollen Klimaschutz und gleiche Rechte für Schwule und Lesben. Die
ideologische Hegemonie des Neoliberalismus ist vorbei. Doch eine klare Mehrheit
der linken Mitte in der Gesellschaft führt nicht automatisch zu einer
politischen Mehrheit im Bundestag und Bundesrat.“

Jürgen Trittin im „Spiegel“

Gut gebrüllt. Nun könnte man sich, erstens, die Frage stellen, warum das
so ist, daß in unserer Demokratie die BürgerInnen nicht das bekommen, was sie
wollen. Interessante Frage. Schon Rousseau schlägt sich mit dem Problem der
repräsentativen Demokratie herum und der Frage, warum der „Gemeinwille“ ausgerechnet
in Form einer numerischen Mehrheit erscheinen soll. Und das war im ausgehenden
18.Jahrhundert – während wir aktuell eher von „einer ‚Demokratie’ der Prokuristen des Kapitals“ sprechen sollten,
„die inegalitär und repräsentativ ist“
(Alain Badiou). „Unser System läßt sich
nicht mehr als Demokratie bezeichnen. Es handelt sich längst um eine
Plutokratie. (...) Die Funktion der Masse in einer Demokratie ist die des
Zuschauers, nicht des Partizierenden.“ (Noam Chomsky, „FAZ“).

Und zweitens könnte man Herrn Trittin natürlich fragen, was sein Beitrag
und der seiner Partei war, um der Ideologie des Neoliberalismus im
Regierungshandeln hierzulande Tür und Tor zu öffnen. Wer hat denn Hartz 4
eingeführt? Wer hat die Deregulierung der Banken, das ungehemmte Agieren des
Finanzsektors durch Regierungshandeln ermöglicht? Wer hat Leiharbeit und
Minilöhne gefördert? Wer hat die Besteuerung der Besserverdienenden und der
großen Vermögen so stark gesenkt, wie es Helmut Kohl nie gewagt hätte? Da war
doch was, oder? Es war nun mal die rot-grüne Bundesregierung, die all das
ermöglicht hat, wogegen die rot-grünen WahlkämpferInnen sich jetzt mal mehr,
mal weniger gekonnt in Position bringen.

„Im Übrigen bin
ich skeptisch, was die Einführung eines gesetzlichen flächendeckenden
Mindestlohns angeht. Ich sehe einfach nicht, wie der funktionieren soll.“ (Peter
Steinbrück, Kämpfer für den gesetzlichen Mindestlohn, im Frühjahr 2005)

21.07.2013

Strompreise

Die Strompreise werden 2014 deutlich steigen, wahrscheinlich werden wir
Verbraucher mit einem Aufschlag von etwa zehn Prozent leben müssen.

Allerdings: Der Anstieg der Strompreise ließe sich begrenzen, wenn
Vergünstigungen für die Industrie wegfielen, wenn die Bundesregierung also die
liebgewonnenen Privilegien für die Konzerne streichen würde. Für etwa 1.700
Firmen gibt es laut einer Studie des Öko-Instituts eine höchst umstrittene
Befreiung von der EEG-Umlage, die jedes Jahr neu berechnet wird und mit der die
Stromkunden Erneuerbare Energien fördern. „Die Stromkunden“? Nun ja, Sie als
Verbraucher natürlich, und all die kleinen und mittleren Firmen – nicht aber
die Großverbraucher. Geflügelmäster oder regionale Käsehersteller zum Beispiel.
Und es liegen Befreiungsanträge von 3.000 weiteren Firmen vor, von Aldi, von
Golfplätzen, vom Braunkohle-Bergbau. Deren fehlende Umlagen Sie mitfinanzieren
müssen, so will es die lobby-treue Bundesregierung.

21.07.2013

Isnogood

Der Kandidat Isnogood von der traurigen Gestalt, der so verzweifelt
nicht Kanzler werden will statt der Kanzlerin, im Fragebogen der „FAS“:

„Welche Fragen bei
‚Wer wird Millionär’ finden Sie schwieriger: die ersten oder die letzten vier?“

Steinbrück: „Ich habe die Sendung
noch nie gesehen.“

„Welches
Orchesterinstrument würden Sie gerne spielen?“

Steinbrück: „Klavier oder
Schlagzeug.“

„Haben Sie etwas
von Rainald Goetz gelesen?“

Steinbrück: „Ich weiß gar nicht,
wer das ist.“

21.07.2013

Rheinischer Kapitalismus

Rheinischer Kapitalismus:

„Germans don’t
work such long hours as you might think. The average German works 1.413 hours a
year – that’s almost 400 hours less than wage earners in the US.“

(in Monocle #61)

21.07.2013

ZMF Berlin

Wieder einmal stirbt ein wichtiger Veranstaltungsort in Berlins Mitte:
das legendäre ZMF („Zur Möbelfabrik“), das nicht nur ein toller Tanzclub,
sondern auch ein Raum für Kunst, Theater und Performance war. Das Kulturzentrum
muß zum 30.Juni schließen, weil der Eigentümer des Gebäudes Eigenanspruch
angemeldet hat und über dem Club sein Penthouse errichten will.

„Es geht um die
Einstellung: Wenn man immer nur das macht, was innerhalb jeder Grenze bleibt,
was legal ist, nicht zu laut, entspannt, nicht zu groß und so weiter: Wie soll
das was Besonderes werden? (...) Es ist doch bemerkenswert: Hier gibt es eine
Subkultur, die viele Menschen in der Stadt, ja sogar in der ganzen Welt
interessiert. Und trotzdem hat sie keine starke Lobby. Ich würde mir wünschen,
daß jemand mal sagt: Man kann das im Zweifelsfall auch mal laufen lassen. Ich
glaube, daß eine Stadt, die lebendig sein will, voller Widersprüche sein muß.“

ZMF-Betreiber Maarten de Jonge im Interview mit der „Berliner Zeitung“

30.05.2013

Und Ansonsten 06/2013

Und, haben Sie schon das großartige Album des Rappers Ghostface Killah
gehört? Dessen wie immer hinreißende Musik kann auch zu ganz anderen Gedanken
verleiten, etwa zu denen, die ausgerechnet die konservative „FAS“ so
formulierte: „Wenn man mit diesen samtigen
Aus-einem-Guß-Soulchören auf dem Ohr durch die Stadt läuft, dann überlegt man
sich das doch noch mal ganz genau mit dem gesetzestreuen Leben.“

Ich weiß nicht, wie gesetzestreu Sie Ihr Leben so führen, ich glaube
aber, daß Ghostface Killah sich unter einem nicht gesetzestreuen Leben etwas
anderes vorstellt als sagen wir Uli Hoeneß, der angeblich mit seinen an der
Steuer vorbeigeschleusten Millionen, die er sich irgendwie von Adidas
ausgeliehen hat, an der Börse zockte. Hoeneß macht ja ansonsten Werbung für
McDonalds, während Herr Killah eher zu Burger King geht, was ich genau weiß,
denn ich selbst war mal mit Ghostface Killah in einem Burger King essen. Und
das kam so:

Der Wu-Tang Clan war, ich würde sagen Ende der 90er Jahre, auf
Europatournee, und neben den einschlägigen Festivals wie Roskilde und den
üblichen Großstadtkonzerten war auch ein Konzert in Offenbach of all places
angesetzt, zu dem ich mit einem Kumpel ging.

Wir hatten uns das so ausgedacht: wir fahren mit dem Zug nach Offenbach,
treffen uns dort, laufen zur Halle und gehen dort in der Nähe, bis das Konzert
beginnt, etwas Essen und Trinken. Und so trafen wir uns am Offenbacher Bahnhof
und liefen zur Konzerthalle. Ich weiß nicht, ob Sie schon einmal in Offenbach
waren. Ich kann Ihnen jedenfalls versichern, daß Offenbach zumindest auf dem
etwa halbstündigen Weg zwischen Bahnhof und Konzerthalle eine Stimmung
verbreitet, die mit „Tristesse pur“ sozusagen euphorisch beschrieben wäre. Wir
kamen also an einem grauen Tag an der Halle an, wo Tausende junge Menschen
rumstanden und warteten. Um die Halle herum: Nichts, nur Wohnblocks. Keine
Kneipe, nirgends. Nur: eine Tankstelle (wenn ich mich richtig erinnere), und
ein Burger King. Nach einiger Zeit Rumlungern entschieden wir uns dafür,
mangels Alternativen ins Burger King zu gehen, und reihten uns in die Schlange
ein, die vom Eingang bis zur Verkaufstheke reichte. Plötzlich Gekreische und
Blitzlichtgewitter. Wir wußten, das konnte nicht uns gelten. Aber wem dann?
Ganz offensichtlich dem jungen Schwarzen, der direkt vor uns in der Schlange
stand. Und der einer der Rapper des Wu-Tang-Clans zu sein schien.

Nun weiß ich nicht, wie Ihnen das mit dem Erkennen von sogenannten
Promis geht. Ich bin da jedenfalls völlig ungeeignet. Man hat mir schon mal
Michael Stipe backstage vorgestellt, „Berthold, you know Michael?“, und mir
ging erst gefühlte fünf Minuten später auf, daß ich da mit dem REM-Sänger
plauderte. Und als in einem anderen Backstage mal direkt vor meiner Nase Bob
Dylan vorbeischlurfte, hab ich ihn auch nicht erkannt. Also... Jedenfalls waren
die einzelnen Rapper des Wu-Tang Clans jenseits von RZA, Ol’ Dirty Bastard und
Method Man damals noch nicht soo bekannt, und die Plattenfirma verteilte
deswegen draußen vor der Halle Drehscheiben, mit dem man die einzelnen
Gesichter und die dazugehörigen Namen recherchieren konnte. Und dann wußten
wir, daß es zweifelsfrei Ghostface Killah war, der in der Schlange im Burger
King direkt vor uns stand und sich mit Victory-Pose von den kreischenden
Jungmenschen fotografieren ließ, relativ gelassen wartete, bis er seinen Fraß
bestellen konnte, uns kurz anlächelte und mit einer Tüte voll Fast Food in dem
neben der Halle geparkten Tourbus verschwand.

So war das also, als ich mal mit Herrn Ghostface Killah im Burger King
zu Offenbach war.

Das Konzert war, als es dann endlich mit mehrstündiger Verspätung
losging, leider nicht besonders, wie so oft bei Rap-Gruppen, deren Alben man
liebt, live ists dann eben nicht selten eine Enttäuschung (wie unlängst in
Berlin zum Beispiel auch Kendrick Lamar – während Chance The Rapper in Austin
eine Offenbarung war btw). Aber ich hatte immerhin eine kleine Geschichte, mit
der ich meine Tochter beeindrucken konnte.

* * * 

Eine deutsche Szene im Mai 2013:

Die Musikgruppe „Rammstein“ tritt an zwei Abenden im 1939 von den Nazis
feierlich eröffneten Heizkraftwerk von Wolfsburg auf, das mittlerweile das vom
von den Nazis gegründeten Automobilkonzern „Volkswagen“ gesponserte „werkseigene“ („Welt“)
Moviementos-Festival beherbergt.

Laut „Welt“ legt vor Rammsteins Auftritt ein DJ auf, „er mischt die Rockhymnen mit schlimmer
Tanzmusik und läßt dazu Bilder aus Videos laufen – auch die Ausschnitte aus
Leni Riefenstahls Olympia-Film, mit denen Rammstein sich Mitte der Neunziger in
Stellung brachten“.

Rammstein wandeln ihren Songtext dem veranstaltenden Automobilkonzern
zuliebe ab und singen statt von einem Mercedes von einem VW: „VW Passat und Autobahn / Alleine in das
Ausland fahren / Reise, Reise, Fahrvergnügen.“

Und die Kreativdirektorin der „Autostadt“, Maria Schneider, würdigt laut
„Welt“ Rammstein für ihre „deutsche
Wertarbeit“: „Hier zeigt sich der
Gestaltungswillen in seiner furchtlosesten und furiosesten Form, irgendwo
zwischen Wagner und Wernher von Braun.“ 

* * *

Man würde ja gerne mal wissen, wer genau die alte Tante „Zeit“ liest,
dieses Vereinsblatt der deutschen Mittelschichts-Spießer. Klar, auch in der
„Zeit“ gibt es immer mal wieder einen Lichtblick, einen brauchbaren Artikel.
Aber die Grundposition der „Zeit“ gegenüber der modernen Welt, dieses ständige
Hinweisen auf die Gefährlichkeit des bösen Internet, dürfte für Menschen mit
ein bißchen Restgrips nur schwer erträglich sein. Manchmal jedoch wird diese
Grundposition einfach nur ekelerregend – wenn die „Zeit“ zum Beispiel ausgerechnet
in der Woche, in der endlich der Prozeß gegen die NSU-Terroristen beginnt,
nichts Dämlicheres zu schreiben hat wie: „Der
bevorzugte Ort des Hasses ist das Internet.“

Vielleicht sollte sich die „gutbürgerliche“ Zeit mal fragen, was
Immigranten, die einer neonazistischen Mordserie unter detaillierter
Beobachtung bundesdeutscher Geheimdienste und unter kompletter Ignoranz von
Politik und Medien ausgesetzt waren, von dieser These des „bevorzugten Ortes
des Hasses“ halten.

Wie Harald Staun in der „FAS“ beobachtet, will die „Zeit“ dagegen „ausgerechnet am Fall Hoeneß einen
‚Kipppunkt’ im ‚Umgang der Gesellschaft mit Skandalen’ erkennen, ein
‚Bewußtsein dafür, daß es so nicht weitergehen kann’.“

* * *

Ich habe die Düsseldorfer „Tannhäuser“-Inszenierung nicht gesehen, kann
also nichts zur Ästhetik dieser Inszenierung sagen. Was ich aber sagen kann,
ist, daß es ein Skandal ist, wenn eine Inszenierung nach nur einer Vorstellung
abgesetzt, also zensiert wird, wie es der Intendant der Düsseldorfer Oper, Christoph
Meyer, nun getan hat, der alle weiteren Aufführungen aufgrund von einzelnen
Zuschauerprotesten gekippt hat. Entscheidend, so Meyer, sei allein
gewesen, daß „einige Szenen, insbesondere
die sehr realistisch dargestellte Erschießungsszene, für zahlreiche Besucher
sowohl psychisch als auch physisch zu einer offenbar
so starken Belastung geführt haben, dass diese Besucher sich im Anschluss in
ärztliche Behandlung begeben mussten".

Wolfgang Höbel hat es im „Spiegel“ auf den Punkt gebracht: „Der zürnende Kulturbürger von heute (...)
ruft nach dem Sanitäter. Mindestens zehn Premierenbesucher, so wird in
Düsseldorf berichtet, hätten sich nach der Premiere in ärztliche Betreuung
begeben müssen. Das hat für die Absetzung gereicht. Die Deutschen haben in
ihrer jüngeren Geschichte sechs Millionen Juden umgebracht, aber wenn sie im
Jahr 2013 auf einer Opernbühne daran erinnert werden, rufen sie nach dem Onkel
Doktor.“

* * *

McDonalds verkauft laut Aussage von Firmenchef Don Thompson auf der
jüngst stattgefundenen Hauptversammlung des Fastfood-Konzerns „kein Junk-Food“, sondern „wir verkaufen viel Obst und Gemüse bei
McDonald's und wir wollen noch mehr verkaufen." Ah ja. Doch nicht nur Herr Thompson
verkauft uns für doof, nein, auch die sogenannten deutschen Film- und
Fernsehstars spielen mit.

In einem neuen Werbespot für McDonalds treten u.a. Moritz Bleibtreu (der
einen, sic,  Cheeseburger
verkörpert), Alexandra Maria Lara, Christian Ulmen (die Bio-Apfeltüte), Jürgen
Vogel (der Veggieburger TS) oder Joko Winterscheidt auf und machen Werbung für
die ungesunde Ernährung, für die zuletzt auch schon der steuersündende
Wurstfabrikant Uli Hoeneß und der sogenannte Starkoch Alfons Schuhbeck auf die
Pauke hauten (was im Fall von Schuhbeck schon besonders perfide ist, wo er sich
doch sonst allüberall als Apologet gesunder, frischer Ernährung inszeniert).

Martin Nowicki, Vorstand Marketing McDonald’s Deutschland,
sagt dazu: „Mit der hochkarätig besetzten
Kampagne inszenieren wir auf charmante Art und Weise unsere Snack-Produkte. Wir
haben dafür erstklassige Schauspieler und Künstler buchstäblich auf die Bühne
geholt, die unsere Produkte spielen und in überraschenden Dialogen unser neues
Angebot vorstellen." Das ist werbechinesisch für: Wir haben wieder
paar Idioten gefunden, die sich nicht zu schade sind, für ein paar Euro den
jungen Menschen unseren Fraß andrehen.

Ach ja, und im Hintergrund steht der komische Typ mit der
Pandamaske rum – Cro macht McDonalds den Snack Wrap TS. Für Geld tun unsre
B-Promis eben wirklich alles.

* * *

Wiglaf Droste erzählt in seiner neuen Glosse „Ahlmänner, aalglatt“ von
den Herren Dehm und Niedecken – hier zu Ihrem Vergnügen der Teil über den
Kölner Volkssänger, mit herzlichem Dank an Wiglaf Droste für die
Abdruckgenehmigung:

„Auf Facebook / vulgo Fressenkladde forderte der
62jährige BAP-Sänger Niedecken seine Anhängerschaft auf, bei einem von C &
A ausgelobten Schulwettbewerb für den Abiturjahrgang seiner Tochter zu
stimmen. Gekürt werden sollte „das originellste Abi-Motto mit dem besten
Logo“, eine Vorauswahl von 25 Einsendungen wurde zur Abstimmung ins Internet
gestellt, als Preis gab es von C & A 10.000 Euro für den Abi-Ball und für
alle Beteiligten T-Shirts mit dem prämierten Logo. Der Abiturjahrgang von
Niedeckens Tochter nannte sich „Die wilde 13“, und als Parole hatten sich die
jungen Menschen ganz bescheiden „Take over the world“ ausgedacht.

„Jim Knopf und die wilde 13“ ist eins von den
erträglicheren Kinderbüchern, und Pubertierenden ist vieles erlaubt. Dennoch
könnten unverschlafene deutsche 19jährige schon mal darüber nachdenken, ob sie
mit ihrer Forderung nicht doch erschreckend den Gleichaltrigen ähneln, die ab
dem 1. September 1939 eben mal so die Welt übernehmen sollten oder wollten.

Das Engagement von Papa Niedecken war ein
Rohrkrepierer. Die angebliche Schwarmintelligenz des Internets, die Niedecken
nutzen wollte, erwies sich zuverlässig als das, was sie ist: als pure Doofheit.
Man warf Niedecken, erwartbar fade, Manipulation vor. Niedecken, dem
Legionär Taubenus aus „Streit um Asterix“ geistesverwandt, nölte allerdings
nicht minder öde zurück: „Habt ihr eigentlich nichts besseres zu tun??“ Die
Frage hätte er sich vorher selber stellen können, wenn er denn dazu fähig
gewesen wäre.

„Ahl Männer,
aalglatt“, Alte Männer, aalglatt hieß ein BAP-Album, das 1986 erschien, und 27
Jahre später hat man die überlebenden Lemuren am Hacken, die nicht einmal einen
anständigen Abgang hinkriegen. Wolfgang Niedecken, der Weltgeneralbeauftragte
für Menschenrechte auf kölsch, zeigt, was ein sich als politisch ausgebender
Musiker heute noch wählen kann: C & A. Als – gepriesen sei das Wort –
„Skoda-Kulturkopf“ steckt Niedecken ja selbst ohnehin schon bis zu den
Schultern in der Brown-Nosing-Werbebranche.“

* * *

Haben Sie schon das explosive neue Video „FIXURLIFEUP“ von Prince
gesehen?

Oh. ich vergaß, Sie leben ja im GEMA-Land, da sind Sie natürlich von
solchen kulturellen Vergnügen ausgeschlossen. In China dagegen, nur am Rande,
könnten Sie das Video ohne Probleme sehen...

* * *

Wenn Sie in einem Düsseldorfer Hotel eine Broschüre finden, in der ein
Artikel „Comeback des Neandertalers – Einer für alle“ überschrieben ist, an wen
haben Sie dann sofort gedacht? Na?!? Genau, an den Schlagersänger Andreas Frege
natürlich, der sich in seinem Bühnenleben nach einem Fruchtbonbon benennt und
der aus unerfindlichen Gründen „als ein
Vertreter der rebellischen Bewegung“ und als der „berühmteste Punk Deutschlands“ gilt. Aber in diesem unseren Land
gilt ja auch „Bild“ als Zeitung, was will man also erwarten.

* * *

Speaking of Blödzeitung – haben Sie sich auch gefragt, warum deren Boss
Kai Diekmann so herzlich mit dem deutschen Wirtschaftsminister Philipp Rösler
in der Öffentlichkeit herumgeschmust hat, als Rösler Diekmann im Silicon Valley
besucht hat?

Genau, es war der Wirtschaftsminister der FDP, der gerne damit
kokettiert, mit Internet und Emails nicht viel zu tun zu haben (um seine
„Privatsphäre zu schützen“...), und der gegen den Widerstand des
Koalitionspartners CDU/CSU und der Opposition den deutschen Pressekonzernen,
angeführt vom Axel Springer-Konzern, von Gruner+Jahr und von Burda, heftig zu
Willen war und ein Leistungsschutzrecht im Bundestag durchgesetzt hat, das sehr
einseitig die Interessen der Medienkonzerne berücksichtigt und die von Urhebern
und Konsumenten ignoriert.

Rösler auf Schmusekurs mit den Pressekonzernen, für die er Politik macht
– jetzt eben auch als Bildgeschichte...

* * * 

Der Hannoveraner Reservekorvettenkapitän Eckhard von Klaeden ist
Staatsminister im Bundeskanzleramt. Zum Ende des Jahres wird von Klaeden
Cheflobbyist beim Daimler-Benz-Konzern. Wer nun erwartet hätte, daß von Klaeden
sofort beurlaubt wird, kennt natürlich unsere Lobby-treue Regierung und
Kanzlerin Merkel schlecht - von Klaeden soll seine letzten Monate vor dem
Wechsel zu Daimler weiter im Machtzentrum der deutschen Regierung verbringen,
wo er seinem neuen Arbeitgeber natürlich besonders nützlich sein kann.

"Diese Haltung
offenbart ein Ausmaß an Dreistigkeit und an Ignoranz von Regeln guter
Regierungsführung – die Angela Merkel in anderen Ländern gern lehrmeisternd
einfordert –, daß man nur staunen kann. Andererseits folgt sie konsequent der
Linie von CDU/CSU und FDP, die noch jedes Bemühen um mehr Transparenz und
Lobbykontrolle im Bundestag blockiert hat. Anhand des Falles von Klaeden
versteht man erst jetzt so richtig, weshalb Schwarz-Gelb im vergangenen Herbst
alle Anträge der Opposition so entschieden abgelehnt hat, die auf eine
Karenzzeit für Politiker zielten, die in die Wirtschaft wechseln. Wären sie
angenommen worden, müsste der CDU-Staatsminister jetzt mindestens 18 Monate
warten, ehe er die Stelle bei Daimler antreten könnte. So lange währt die
Abkühlzeit für EU-Kommissare. Lobbykontrollorganisationen fordern sogar drei
Jahre für Regierungsmitglieder", kommentiert Holger Schmale in der
"Berliner Zeitung".

Doch die enge Verstrickung des Regierungsmitglieds von Klaeden
mit Konzernen, für die seine Regierung Politik macht, ist kein Zufall - wir
hatten bereits berichtet, daß "sein Bruder
Dietrich beim Axel-Springer-Verlag, der als Hauptinteressent an dem jüngst vom
Kabinett und Bundeestag beschlossenen neuen Monopolrecht für Presseverlage
gilt, für die Beziehungen zur deutschen Bundesregierung zuständig ist“ („Telepolis“).

An Dreistigkeit ist unsere Regierung jedenfalls kaum zu überbieten. 

* * * 

Die Blödzeitung leistet sich ansonsten die Frechheit, ausgerechnet ein
Buch von Kurt Tucholsky (nämlich „Deutschland, Deutschland über alles“) in
einer „Bild“-Mini-Bibliothek noch einmal neu aufzulegen. Und dafür zu werben,
dieses Buch sei „ein Buch wie eine frühe
‚Bild’-Zeitung“.

Tucholsky kann sich gegen derartige Unverschämtheiten und
Leichenfleddereien nicht wehren. Wir aber können Tucholsky lesen. Das hilft.
Auch gegen jedwede Blödzeitung.

* * * 

Daß die Großverlage unter „Urheberrecht“ alles andere als das, sondern
vielmehr ein Verwertungsindustrierecht
verstehen, ist eine Weisheit der Marke Binsen, das weiß mittlerweile jedes
Kind. Von einem besonders drastischen Beispiel berichtet Stefan Niggemeier auf
seinem Blog: Gruner+Jahr, die auch die Münchner Vereinszeitschrift für
Urheberrechtspropaganda in der Musikindustrie herausgeben, versucht vor Gericht
durchzusetzen, daß Zeitschriften das Recht haben sollen, „Texte ihrer Autoren auch gegen deren Willen komplett umzuschreiben,
keinen Satzbaustein auf dem anderen zu lassen, selbst wörtliche Zitate von
Gesprächspartnern zu ändern“ (Niggemeier). So nämlich argumentieren die
Anwälte des Gruner+Jahr-Blattes „Geo“ in einem Prozess gegen den altgedienten
Reporter und langjährigen „Geo“-Autor Christian Jungbluth, der „Geo“ verklagt
hatte, weil die Zeitschrift einen Artikel von ihm in einer grundlegend
veränderten und für ihn nicht akzeptablen Version unter seinem Namen
veröffentlicht hatte. Urheberrecht, wie die Großverlage und Medienkonzerne es
verstehen, die sich in der Öffentlichkeit sonst so gerne als Vertreter der
Autoren inszenieren.

In erster Instanz hat Gruner+Jahr übrigens vor dem Landgericht Hamburg
verloren, doch „Geo“ ist in Berufung gegangen, in zweiter Instanz gab es dann
einen Vergleich.

Wer wissen möchte, auf welch ekelhafte und würdelose Art und Weise die
Anwälte des Gruner+Jahr-Blatts nicht nur gegen die Rechte seiner Autoren,
sondern auch gegen die Pressefreiheit argumentieren, kann das detailliert auf
Niggemeiers Blog nachlesen:

http://www.stefan-niggemeier.de/blog/wie-geo-gegen-die-rechte-von-autore... 

* * * 

Das Feiertags-Abendprogramm am 9.Mai („Christi Himmelfahrt“) im
Staatsfernsehen, ARD/„Das Erste“: 20.15 „Helene Fischer – Für einen Tag –
live“. Eine 105minütige Show des „Schlagerstars“. Gefolgt von: 22.00 „Helene
Fischer – Allein im Licht“. Eine „Doku über Leben und Arbeit der mit Kollegen
Florian Silbereisen liierten Sängerin“ – ich würde eher sagen: eine unkritische
90minütige Werbesendung für Helene Fischer.

Und um 01.20 Uhr wird die Show von 20.15 Uhr nochmal wiederholt, damit
auch wirklich jede und jeder von Helene Fischer beglückt wurde.

Ich will Sie an dieser Stelle jetzt nicht mit dem verfassungsmäßigen
Kulturauftrag der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten langweilen – ich wäre
schon zufrieden, wenn das Staatsfernsehen auch mal zu bester Sendezeit eine
anderthalbstündige Sendung mit sagen wir klassischer Musik und ein andermal mit
HipHop und Rap oder mit Weltmusik ausstrahlen würde. Zum Beispiel. Wenn es also
irgendeine Art von kultureller Vielfalt im Programm des Staatsfernsehens gäbe,
und nicht nur quotenorientierte Promosendungen für Schlagerstars und sonstigen
Weltzustimmungs-Schwachsinn.

(Nachbemerkung: Der „Musikmarkt“ meldet zweieinhalb Wochen nach der
Ausstrahlung des Werbeabends für Helene Fischer in der ARD den Erfolg der
Promo-Maßnahme: „Keine andere Künstlerin
konnte vor ihr drei Alben gleichzeitig in den Top 10 der deutschen Charts
platzieren.“) 

* * *

„Wenn ich ein Schostakowitsch-Konzert
spiele, ist es nicht Sinn der Sache, daß sich das Publikum dabei amüsiert.“ Julia
Fischer 

* * * 

Die „Berliner Zeitung“ schafft es, in einem vierspaltigen Artikel im
Feuilleton über „Schriftsteller, die es
aus dem Westen in den Osten zog“, Ronald M. Schernikau mit keinem Wörtchen
zu erwähnen... 

* * *

„Mit Typen wie
Diepgen oder Landowsky an der Macht gäbe es die Love Parade heute noch in
Berlin. Die waren viel offener. (...) Man spart jetzt jedes Jahr vielleicht
eine Million für die Müllbeseitigung, aber dafür gibt man 20 Millionen für die
Be-Berlin-Kampagne aus.“ Westbam im Interview mit der „taz“

* * *

„Große Fische,
wenige Angler“ lautet der Titel einer Sonderseite der „Berliner Zeitung“ am 18.5.d.J.
Es geht um Steuerfahnder – „rund 1,5
Millionen Euro treibt ein Beamter im Jahr ein. Dennoch sind die
Steuerverwaltungen hoffnungslos unterbesetzt, besonders im Süden der Republik
(wo die CSU regiert und wo die meisten Reichen wohnen, BS). Warum der Staat sich jährlich bis zu 30 Milliarden
Euro entgehen läßt.“

Ja, warum wohl? Lassen Sie uns raten... 

* * * 

In den letzten
Monaten wurde in etlichen Medien, von „Süddeutscher Zeitung“ bis Bayerischer
oder Hessischer Rundfunk, immer wieder beklagt, daß die Streaming-Plattformen
Spotify und Simfy für Musikstücke bedingt bekannter Gruppen pro Abspielvorgang
lediglich 0,001312 und 0,001248 Euro (beziehungsweise 0,1312 und 0,1248 Cent)
zahlen – wir berichteten (siehe auch Berthold Seligers Artikel "Mozarts
Subscriber" im "Freitag", den Sie auf unserer Homepage unter
"Texte" finden können). Deshalb, so das Fazit der Berichte, biete das
Streaming Musikern keine wirtschaftliche Basis. Legt man diese Maßstäbe an,
dann gilt das jedoch für das herkömmliche Analogradio in noch weit stärkerem
Maße – darauf weist jetzt Peter Mühlbauer in „Telepolis“ hin.

Demnach „errechnete Christian Hufgard vom Verein
Musikpiraten, wie viel Geld die deutschen Radiosender auf einzelne Hörvorgänge
umgerechnet zahlen, indem er anhand von Zahlen der Medien-Analyse Radio und der Verwertungsgesellschaften GEMA und GVL“
nachrechnete.  Dabei kam Hufgard
auf einen Betrag von sage und schreibe 0,000193644 Euro – „nicht einmal ein Siebtel dessen, was die relativ unbekannte
Beispielsband aus der BR-Sendung on3 pro Abspielvorgang bei Spotify erhält.“

* * *

Wie der „Musikmarkt“ dieser Tage meldete, hat der EU-Mediator António
Vitorino ein Jahr lang unabhängig die verschiedenen Pauschalabgaben für
Privatkopien in der EU untersucht und ist zu dem Schluß gekommen, daß „die Pauschalabgabe eine Doppelbelastung für
die Verbraucher darstellt. Denn Urheber würden dank lizenzierter Inhalte bereits
direkt vergütet und eine Privatkopie des Verbrauchers bedeute keinen Schaden
für den Urheber. Der Käufer zahle allerdings aufgrund der Pauschalabgabe
doppelt. Insgesamt habe Vitorino Zweifel an dem bestehenden System und
empfiehlt eine intensive Debatte über Alternativmodelle.“

Ich habe ehrlich gesagt auch „Zweifel am bestehenden System“, aber
ändern wird das wenig – Sie werden auch künftig doppelt bezahlen, und das
sogenannte Urheberrecht wird weiterhin zu Ihren Lasten und zugunsten der
Verwertungsindustrie funktionieren. Da wette ich drauf. 

* * *

Lustig, wie die konservative „FAZ“ anläßlich der blamablen
Verlosungsaktion für die Presseplätze im Münchner NSU-Verfahren plötzlich zur
harten Kritikerin von großen Medienkonzernen, von Monopolen und Großindustrie
wurde. In der Gerichtslotterie hatten 
„konzernunabhängige Titel wie die
(...) taz oder diese Zeitung (die FAZ, BS) kaum eine Chance“ (man betrachte
die schöne Konstruktion der gemeinsamen Konzernunabhängigkeit!), während „große Medienhäuser sich mit Mann und Maus
an dem Losverfahren beteiligen konnten nach dem Motto: mehr Lose, mehr Chancen“.

Die FAZ also als linksradikale Kampfpresse gegen Monopolismus und
Wirtschaftskonzentration? Wir hören nicht auf zu lernen.

* * *

Und wenn Ihnen interessierte Kreise einhämmern wollen, daß in Wembley
„der deutsche Fußball“ gesiegt habe, „wir“ als „Fußballnation“ in Europa
führend und quasi schon Weltmeister seien – gemach, gemach, ich rate zur
Nachdenklichkeit. Nur im "Großkotzertum"
(Krauss/Wittich in "Jungle World") sind deutsche Fans und Medien
unerreicht.

Das Endspiel um die Championsleague war ein attraktives Stück Fußball,
keine Frage. Und der komische FC Bayern hat nicht völlig unverdient gewonnen,
auch wenn Dortmund ein mindestens ebenbürtiger Gegner war – und die Bayern
hätten sich nicht beschweren dürfen, wenn in der ersten Halbzeit Ribery vom
Platz geflogen wäre, und wenn der Schiedsrichter bei Dantes Foul Elfmeter
pfiff, mußte er ihm auch gelb-rot geben und vom Platz stellen. Aber es ist nun,
wie es ist.

Man sollte jedenfalls vorsichtig sein mit der sogenannten
„Vorherrschaft“ – die Bayern waren gegen Arsenal im Achtelfinale fast schon ausgeschieden, hatten dann im Halbfinale das Glück, auf
einen FC Barcelona in einer Krise und ohne Messi zu treffen; und Dortmund kam
gegen Malaga und Real Madrid zweimal auch nur mit viel Glück weiter (so sehr
ich mich über die glanzvolle Dortmunder Championsleague-Saison gefreut habe).

Vor allem aber – wo war er denn genau, der dominante deutsche Fußball? Die Mehrzahl der
Spieler des FC Bayern hat jedenfalls keinen deutschen Paß, und ohne die Tore
von Lewandowski und die Qualität seiner drei ausländischen Kollegen wäre
Dortmund nie ins Finale gekommen. Zehn der zweiundzwanzig
Endspiel-Protagonisten waren keine deutschen Spieler, und unter anderem genau
deswegen konnte so ein attraktives Spiel geschehen. Und wieviele Spieler kamen
aus den eigenen Nachwuchsabteilungen der beiden Vereine?

Sehen Sie, es lohnt sich, genauer hinzuschauen. Im Fußball wie im Leben.

Ich halte es jedenfalls weiterhin mit dem klugen Xavi Hernández vom FC
Barcelona, der nicht nur sagt, er und seine Mitspieler wollten immer „einen sehenswerten Fußball bieten, mit dem
sich die Leute identifizieren können“, sondern auch: „Es gibt etwas Größeres als das Ergebnis, etwas Nachhaltiges, ein
Vermächtnis.“

Das hätte ich nicht besser formulieren können. Denn auch anläßlich des
25jährigen Jubiläums meiner kleinen Tourneeagentur kann ich nur immer wieder
versichern: Es gibt etwas Größeres als Einspielergebnisse, als ausverkaufte
Hallen, als kommerziellen Erfolg. Nämlich etwas Nachhaltiges – schöne,
intensive, glücklich machende Konzerte! Ich wünsche Ihnen und uns allen
möglichst viele davon – Konzerte, die in Erinnerung bleiben mögen.

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