05.07.2007

Und Ansonsten 2007-07-05

Mochte
die Lieder von Georg Danzer immer sehr, ohne ein eingefleischter Fan des Wiener
Liedermachers zu sein. Und dennoch machte mich der Tod Danzers so melancholisch
wie manche seiner Lieder. Wie so etwas kommt? Ich weiß es nicht.
Ich erinnere mich, wie eine Freundin zu Land-WG-Zeiten um 1980 rum eine
Danzer-Kassette mitbrachte, und was man da an "Liedermacherei" hörte,
war in dem Genre so befreiend wie auf andere Art das erste Hören von sagen wir
Roxy Music oder N.R.B.Q. - daß so etwas ging! Wow! "Sex-Appeal" oder
"Der legendäre Wixer-Blues vom 7.Oktober 1976". Da sang einer in sich
sehr ernst nehmenden, in gewissermaßen alternativ-stalinistischen Zeiten mit
Ironie, mit Selbstironie gar, mit Leichtigkeit, mit Hang zur Melancholie
natürlich auch.
Und so kaufte man zwar nicht viele Alben von Georg Danzer, hörte aber immer
wieder mal seine Lieder, und immer blieb man kurz still, wenn man etwas von
Danzer hörte, und freute sich an seinem Ton. Das witzige "Komm zieh dich
aus" so wie das fabelhafte "I bin a Kniera". Und wer noch nie in
seinem Leben Momente wie "Laß mi amoi no d'Sun aufgeh segn" oder
"I wü no ned hamgeh" erlebt hat, der soll meinetwegen weiter zu
moralinsaurer deutscher Liedermacherei greifen. Ich jedenfalls kann
Feuilletons, die keine Nachrufe auf den großen Georg Danzer gedruckt haben,
nicht ernst nehmen. Danke, SZ, und: Danke, FAZ! Und: Adieu, Georg Danzer.

* * *

In der "Jazzthetik" war in einer Konzertkritik über "Die Zimmermänner"
zu lesen:
"Durch ein geduldiges
Herauszögern des Konzertbeginns dürfen die Musiker schließlich mehr als ihr
Vierfaches vor der Bühne begrüßen, womit der Abend zuvor, in Frankfurt, schon
mal locker getoppt wurde. Merkwürdig ist solches Desinteresse schon, denn in
der einschlägigen Pop-Presse ist das erstaunliche Comeback der Band (…)
durchaus ein Thema für nostalgische Herzensergüsse zumeist älterer Mitarbeiter
gewesen."
Nun, "erstaunlich" ist das alles für unsereinen nicht wirklich. Ich
kanns gerne erklären: Einer der "Zimmermänner" ist ein renommierter
Musikjournalist, der seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten für verschiedene
Popmagazine wie auch andere Publikationen schreibt. Und daß im deutschen
Popjournalismus ein Korpsgeist herrscht, gegen den das preußische Militär eine
Anarchistentruppe war, ist nichts wirklich Neues.
Ein anderer "Zimmermann" ist Managing Director einer der größten
multinationalen Konzerte der Unterhaltungsindustrie, mithin auch
(Mit-)Verwalter eines nennenswerten Marketingbudgets. Also, daß die Presse da
eher Jubelarien denn Verrisse über so eine Band schreibt, erscheint mir nur zu
logisch. Daß das Publikum allerdings auf den Quatsch trotzdem nicht reinfällt,
beweist dann schon wieder eine Unabhängigkeit des Geschmacks, den man sich an
anderer Stelle ebenfalls wünschen würde…

* * *

Meldung von "Musikwoche.de":
"EMI hat sich den
Rauswurf von Alain Levy bisher rund 4,6 Millionen Pfund, umgerechnet 6,8
Millionen Euro, kosten lassen. Und der bis Mitte Januar als CEO und Chairman
der Tonträgersparte EMI Recorded Music tätige Topmanager erhält auch weiterhin
Geld.
Zusätzlich zu seinem
Basisgehalt von 912.100 Pfund (1,3 Millionen Euro) soll Levy leistungsabhängige
Zahlungen in Höhe von 1,1 Millionen Pfund (1,6 Millionen Euro) sowie eine
Abfindung von 2,5 Millionen Pfund (3,7 Millionen Euro) bekommen haben."

Und die kürzlich von EMI unter Vertrag genommene Gruppe Bratsch muß sich ihre
Promo-CDs (also CDs, die für die Werbung von Tourneekonzerten verwendet werden)
von der EMI für EUR 12,99 kaufen, weil dafür bei dem Konzern kein Geld mehr
übrig ist…

* * *

Eigentlich ist die sogenannte "Bionade" ja ein nicht unsympathisches
(Kleinbrauerei aus der Rhön z.B.) und noch dazu durchaus schmackhaftes Produkt.
Was die Firma allerdings bewogen haben mag, nun eine große Werbekampagne unter
der Schlagzeile "Das offizielle Getränk für eine bessere Welt" zu
fahren, ist nicht zu verstehen. Habt ihrs nicht paar Nummern kleiner, bitte?
"Limonadengetränk für Bob Geldof" zum Beispiel?

* * *

Laut Pressetext ist das "Leitmotiv"
beim diesjährigen Berliner popdeurope-Festival "der Alltag von jungen Migranten in den europäischen
Metropolen, der Versuch des Zusammenlebens, der Erfolg und das Scheitern im
Miteinander der Kulturen". Deswegen hat man dann konsequent
auch Bands und Künstler wie Mia, Ohrbooten oder Shantel als Headliner des
Festivals gebucht, die ja bekanntermaßen allesamt bestens den Alltag junger
Migranten in den europäischen Metropolen repräsentieren…

* * *

Ich finde übrigens, daß einschlägig bekannte Kreise der EsPeDe Übles wollen.
Etwa, indem sie der Partei eine Krise andichten wollen angesichts aktueller
Umfragewerte - wobei gemeinhin übersehen wird, wie deutlich die alte Tante das
FDP-"Projekt 18" zu übertreffen immer noch in der Lage ist.
Oder neulich, da ging die "Spiegel"-Meldung durch die Welt, in der
SPD-Bundestagsfraktion würden seit Jahren Zeitarbeitskräfte zu Niedriglöhnen
beschäftigt. So arbeiten Sekretärinnen bei der SPD-Bundestagsfraktion für 6,70
Euro pro Stunde. Dann wird hämisch darauf hingewiesen, daß die SPD in der
Großen Koalition für einen gesetzlichen Mindestlohn bei Zeitarbeit von 7,15
Euro (West) und 6,22 Euro (Ost) eintrete, woraus offensichtlich und aus purer
Polemik ein Widerspruch hergeleitet wird.
Dabei vergessen die selbstgefälligen Kommentatoren gerne, daß der Reichstag und
mithin auch die Bundestagsbüros in "Mitte", also im Osten Berlins
liegen, wo naturgemäß immer noch Ost-Tarife Gültigkeit besitzen. Und mit ihrem
Stundenlohn von 6,70 Euro hat die SPD-Bundestagsfraktion freiwillig und
durchaus heldenhaft ihre eigenen Ziele eines Mindestlohns (Ost) von 6,22 Euro
um satte 7,7% übertroffen. Wenn das mal kein Tarifergebnis ist - 7,7 Prozent!

16.06.2007

Und Ansonsten 2007-06-16

Vorsicht!
Sie betreten den ironischen Sektor dieses Rundbriefes! Hier wird gnadenlos
gescherzt und polemisiert. Eltern haften für ihre Kinder! Die Redaktionen
haften für ihre Journalisten! Explicit content!

* * *
"Wie der komplexe
Handel mit gegenseitigen Gefälligkeiten zwischen Marke, Band und Musikpresse
funktionieren kann, läßt sich am Beispiel Rock Liga exemplarisch beschreiben
(…) Die Musikzeitungen garantieren kontinuierliche Berichterstattung über das
halbe Jahr, in dem die Konzerte stattfinden, gewähren kleine Bevorzugungen wie
zum Beispiel das Abdrucken jener Bandfotos mit Hirschlogo. Sie bekommen dafür
Anzeigen, die unter anderem deshalb wichtig sind, weil sie andere
konkurrierende Markenkunden anziehen. Ungeschriebenes Gesetz einer solchen
"Medienpartnerschaft" scheint zu sein, daß sich eine kritische Berichterstattung
über die Veranstaltung verbietet. Da bei der Rock Liga fast die gesamte
Musikpresse mit im Boot sitzt, ist es nicht weiter verwunderlich, wenn die
meisten Blätter, der Einfachheit halber mehr oder minder offen die Promotexte
ihres Auftraggebers abdrucken. Wie groß die Angst ist, Anzeigenkunden zu
vergraulen, erlebe ich, als ich bei der Intro, mit einer Auflage von 110 000
eines der größten deutschen Musikmagazine, und dem MusikExpress, einem der
ältesten, nachfrage, ob sie nicht Interesse hätten an einem Text über die Rock
Liga.
Die betroffenen Redakteure,
die ich als Journalisten durchaus schätze, antworten unzweideutig: "Sorry,
wir sind da hochgradig verstrickt." Oder: "Mitmachen oder nicht, das
gilt für uns Medien genauso wie für die Bands." Markus Hablizel, als
ehemaliger Redakteur der Spex früher ebenfalls Teil der Verstrickung,
beschreibt die Abhängigkeiten so: "Was definitiv nicht gegangen wäre, ist,
daß wir erst Ankündigungen drucken und dann hingehen und sagen: Die Rock Liga,
das ist eine Scheißveranstaltung. Der Veranstalter ist ja ein Anzeigenkunde vom
Verlag. Das wird dir der Verlag jederzeit rausschmeißen."
Ted Gaier in "Die Zeit" über die "Jägermeister Rock Liga"

* * *

In Berlin-Kreuzberg wird McDonald's dieses Jahr eine Filiale eröffnen. Meines
Wissens gab es zuletzt weltweit lediglich in Kreuzberg und in Nordkorea keine
McDonald's-Filialen - zumindest mit der einen Lücke hat der US-Konzern nun
aufgeräumt…
"Das Schönste an Tokio
ist McDonalds. Das Schönste an Stockholm ist McDonalds. Das Schönste an Florenz
ist McDonalds. Peking und Moskau haben bisher nichts Schönes."
(Andy Warhol, vor Jahrzehnten…)

* * *

"Um ihr neues
Mode-Label in ein interessantes Licht zu stellen, haben Annabelle Mandeng und
Jesko Klatt ihren Werbeclip im Holocaust-Mahnmal aufgenommen."
(TIP Berlin). Zwei erfolgreiche Pop-Unternehmer - "sie hat erfolgreich gemodelt, souverän Galas
moderiert, trat als Schauspielerin mehrfach in Fernsehfilmen und Serien auf und
hat auch beim Prominenten-Eislaufwettbewerb "Stars auf Eis" auf PRO 7
eine gute Figur gemacht", berichtet in einer merkwürdig (und
gleichzeitig passend) verdrucksten Sprache der "Tip" - er, "Ex-Beleuchter, Ex-Barkeeper und
jetzt Betreiber des Clubrestaurants Spindler & Klatt" -
nun haben sie ein neues, gemeinsames Mode-Label namens "Pureberlin",
das "nur noch wie das
I-Tüpfelchen auf einer umfassenden Erfolgsstory wirkt".
"Ja, es ist das
Holocaust-Mahnmal, erklärt Jesko Klatt auf tip-Anfrage. Zusammen mit dem
Regisseur Roman Kuhn, der unter anderem für BMW, die Zigarettenmarke West und
die Bekleidungskette C&A Werbefilme gedreht hat, habe er sich "bewußt
entschieden, daß das in unseren Augen kein Problem darstellt". Jesko Klatt
ist überzeugt, daß sie mit dem Pureberlin-Clip "eine Location"
positiv eingebunden hätten, "die ein Teil von Berlin darstellt, und die
dem Zweck dient, eine Erinnerung am Leben zu halten.""
Mal ganz abgesehen vom Grad der Widerlichkeit, mit dem dieser selbsternannte
Hipster von einem Holocaust-Mahnmal nur als "Location" reden kann (er
hätte sicher auch keine Probleme, seine Mode in einem KZ zu präsentieren, da
würde er sich mit dem Werbefilmer sicher auch "bewußt entscheiden, daß das
in unseren Augen kein Problem darstellt"…) - irgendwie haben sie ja auch
Recht - hier kommt "Pureberlin" ganz genau zu sich selbst. Der
Werbefilmer hat schon für Nazibetriebe gedreht, im "Spindlers und
Klatt" finden auch die Parties der "Yellow Lounge" statt, man
kann also gleich den Wagner-Soundtrack der "Deutschen Grammophon" beim
Catwalking durch die Stelen des Mahnmals verwenden, und so fügt sich in
Pureberlin ganz pur das eine zum anderen. Ekelhaft.

* * *

"Und wenn aus einer
Profession POP wird - siehe unsere Jungschriftsteller von der Firma
KiWi -, dann wird alles
Gewerbe, in jeder Bedeutung des Wortes."
Wiglaf Droste

* * *

Und nochmal Wiglaf Droste, über einen Medienliebling unserer Zeit:
"Was Johannes B. Kerner
in der Welt der medialen Pfannenschwinger tut, hat mit Kochen nichts zu tun,
nicht einmal mit Kochfernsehen (…) Die Mischung aus Gedankenarmut,
uneingeschränktem Abgreiferinstinkt und Ich-hab's-geschafft-Erfolgsgrienen
imponiert hierzulande nicht wenigen; so substanzfern wie Kerner kämen viele
Landsleute auch gern durch ein zusammengelogenes Teuerteuerleben. Müssen dafür
aber unschuldige Filets verbraten werden?"
Nun bin ich seit Längerem der Meinung, daß Kerner in der Klasse von Claudia
Roth spielt, nämlich: in der Klasse der im Grunde
"Nicht-Satisfikations-Würdigen". Aber manchmal dürfen Ausnahmen
gemacht werden. Mir wurde dieser Tage erzählt, wie Bohlen bei Kerner war und
nebenher einfließen ließ, daß er mitunter Musik als Computerfiles verschicken
würde, und daß Kerner dann, ganz Streber, "wissend" einfließen ließ:
"Als PDF-File…" und Bohlen jovial korrigierte: "Nö, als
MP3…" In diesem Moment wäre ich gern dabeigewesen, hätte ich diese Show
gerne einmal 30 Sekunden lang gesehen - wie Kerner einmal Musik als PDF-File
verschickt hat….

* * *

Hübscher kleiner Streit zwischen Frau Merkel und Herrn Putin über die
Demonstrationsfreiheit. Ich möchte ja keineswegs eine Lanze brechen für die
Situation der Menschenrechte in Rußland - wie man allerdings als
Bundeskanzlerin zu einer Zeit, da die Bundesregierung Grundrechte massiv einschränkt
und weiter beschränken will, anderen Staaten über Demonstrationsfreiheit
Vorhaltungen machen kann, läßt sich eigentlich nur so erklären, daß es so schön
klirrt, wenn man im Glashaus mit Steinen wirft…
"Wenn gewalttätige
Demonstranten festgenommen würden, sei das eine Sache. Wenn jemand schon auf
dem Weg zu einer Demonstration festgenommen werde, sei das etwas völlig
anderes", so Frau Merkel lt. FAZ vom 19.5.07.
"Die Polizei stattet
Globalisierungsgegnern im Vorfeld des G-8-Gipfels Hausbesuche ab. Dabei würden
diese vor einer Reise nach Heiligendamm gewarnt, sagte ein Sprecher des
Innenministeriums gestern. (…) Es gehe um eine Zahl im zweistelligen Bereich.
Die Polizei will Demonstrationen rund um den Gipfelort Heiligendamm
verbieten." (dpa-Meldung am gleichen Tag)

* * *

Wie man überhaupt selbst als im Grunde politisch recht desillusionierter
Zeitgenosse über die aktuellen Aktivitäten des Staates, hierzulande Grundrechte
mit den Füßen zu treten, nur staunen kann: Da müssen sich die Herrschenden mit
einem riesigen Zaun, der eher an die Berliner "Mauer" erinnert und
der samt Sicherheitsschnickschnack mehr gekostet hat als die komplette
documenta 2007, vor denen schützen, die sie zu repräsentieren vorgeben; da
greifen hiesige Polizisten zu Stasi-Methoden und sichern Geruchsproben von
Demonstranten; da wird Journalisten die Akkreditierung beim G8-Gipfel
verweigert; da müssen sich die Behörden erst von Gerichten das
Demonstrationsrecht buchstabieren lassen; da finden skandalöse
Hausdurchsuchungen statt, u.a. angeblich, um ein Buch zu finden, das seit
einigen Jahren in jeder Buchhandlung zu kaufen ist; da werden Demonstranten zu
Terroristen gemacht und mit dem Polizeistaatsparagraphen 129a angeklagt, da
können Bürger für 14 Tage in "Unterbindungsgewahrsam" genommen
werden, und und und…
Es ist hier nicht Platz und auch nicht der Raum, dies alles ausführlich
darzustellen und zu kommentieren; wen es interessiert, der sei eingeladen, z.B.
einen Blick auf diesen Aufruf zu werfen: http://129akriminalisiertprotest.wordpress.com

Und was von den ebenso lächerlichen wie ärgerlichen PR-Aktionen von Popgrößen
und Popsternchen von Bono über Grönemeyer bis Wir sind Helden zu halten ist,
dazu hat Berthold Seliger schon vor paar Jahren einen Text für
"Konkret" geschrieben, der auch heute noch ein gültiger Kommentar zu
dem Gewese ist: "Cui Bono?" Kann man auf unserer Website noch mal
lesen, unter "Texte".
Übrigens: Im aktuellen "Spiegel" wurde aus einem geheimen Stabspapier
des Kanzleramts zitiert, unmittelbar nach dem Besuch Geldofs bei Merkel, bei
dem diese ihm von den 750 Millionen Euro erzählt hat, die die Deutschen 2008
zusätzlich für Entwicklungshilfe ausgeben wollen: "Bob Geldof habe ihr
versichert, daß er bei einem solchen Schritt persönlich auf Kritiker wie
Herbert Grönemeyer Einfluß nehmen werde, um deren Kritik zu mäßigen."
Bisher hatte ich mir den Kalauer ja verkniffen, weil Namenskalauer generell
verboten sind, aber nun, da Bob Geldof sich als "Bild"-Chefredakteur
zum nützlichen Idioten (wobei die Betonung auf Letzterem liegt…) gemacht hat,
soll es doch sein: Kein Wunder, daß man aus dem Namen Bob Geldof sowohl die
Wörter "Geld" als auch "doof" zusammenbasteln kann…
Tschuldigung.

* * *

Wie es ja bei G8 ohnedies nur auf die Deutungshoheit über die Symbole ankommt,
auf die "Codes". Da versuchen sich Merkel und in ihrem Gefolge
Wieczorek-Zeul etc. durch die Anhebung der Entwicklungshilfe für Afrika um 750
Millionen Euro ins rechte Licht zu rücken - während die schwarze Angela und die
rote Heidi die Selbstverpflichtung der Erhöhung der Entwicklungshilfe durch die
G8-Staaten die letzten Jahre deutlich unterschreiten, und auch die jetzt
angekündigten 750 Millionen Euro nur ein Tropfen auf den heißen Stein sind. Und
das Geld nicht etwa, wie per Selbstverpflichtung längst festgelegt, aus dem
Bundeshaushalt kommen, sondern über neue Finanzierungsinstrumente
erwirtschaftet werden soll.

* * *

"Die Zeit" wirbt für ihr neues altes Magazin namens "Leben"
mit dem werbe-üblichen Dreier-Wortgeklingel: Denken. Fühlen. Leben.
Was den Werbern dazu an Bildersprachen eingefallen ist, bringt die alte Tante
so ziemlich genau auf den Punkt, ist hübsch selbst-entlarvend: Das Foto zu
"Denken" zeigt den rauchenden Helmut Schmidt. Das Foto zu
"Fühlen" zeigt eine junge Frau in rotem (!) Kleid mit Ausschnitt -
klar, fürs Denken ist bei der alten Tante noch allemal der Mann, fürs Fühlen
die Frau zuständig (letztere aber auch nur in einer sexy Anmachversion). Und
fürs "Leben" dann das "Zeit magazin"… Was für ein
trostloses Leben.

* * *

"Beck were he
belongs."
Titel der "Offside"-Kolumne von Duleep Allirajah in "Sp!ked
Online" zum Wechsel Beckhams in die Disney-Liga

* * *

In einem Artikel über den überschätzten chinesischen Pianisten Lang Lang im
"Spiegel" stellt Moritz von Uslar nicht ganz korrekt fest: "Der
Konsument muß also begreifen, daß die große Kunst - Wahrheit, Eigensinn,
Innovation - in der Klassik in den seltensten Fällen direkt neben der Kasse
liegt, im Pop dagegen immer wieder doch. Das ist er, der letzte griffige
Unterschied zwischen Pop und Klassik im Sommer 2007."
Als ob die multinationalen Unterhaltungskonzerne, die das "Modern
Talking" der Musikindustrie prägen, ganz gleich ob im Pop- oder im Klassikbereich,
nicht längst die Plätze neben der Kasse als Monopol besetzt hielten. Und als ob
man im Popbereich weniger auf Entdeckungsreise jenseits des von den Multis und
ihrer Manipulationsindustrie geprägten Mainstreams gehen müßte. Sonst aber hat er
natürlich Recht, der Autor, wenn er den großen Grigorij Sokolov über das
Marketingprodukt Lang Lang stellt. Gut gebrüllt, Löwe - auf Seite 183.
Auf Seite 184 liest man in einer Anzeige des "Spiegel Shop"
"unsere aktuelle Empfehlung: Aus unserem großen Angebot von rund 1,6
Millionen spannenden, faszinierenden, exklusiven Produkten" hat der
"Spiegel" für seinen Shop nicht etwa CDs des Klavierriesen Sokolov
oder einer spannenden Sängerin wie der Callas "für Sie
zusammengestellt", sondern wirbt für eine CD von "Badewanna"
Netrebko ("Figaro-Highlights"), die zwei Seiten vorher noch als
Beispiel "für Popstar-Ruhm, wie ihn nur Sportler und Schauspieler
kennen" aus dem redaktionellen Teil des Blattes zusammen mit Lang Lang
lächeln darf.
An der Kasse ist der "Spiegel Shop" halt ein Geschäft wie jedes
andere auch…

* * *

Liebe deutsche Verlage!
Daß ihr den schönen, kurzen Text von Jean-Philippe Toussaint über Zidane
("La Mélancolie de Zidane") über das Finale der
Fußball-Weltmeisterschaft nicht übersetzt und hierzulande veröffentlicht habt,
ist zwar überraschend, weil die anderen Bücher Toussaints ja mit ziemlichem
Erfolg erscheinen - aber geschenkt, ihr habt sicher anderes zu tun, und
hierzulande gilt es ja eher, den Mythos von den freundlich-patriotischen Teutonen
und ihrem "Sommermärchen" zu pflegen und zu befeuern, also sei euch
das verziehen.

Wie ihr es allerdings wagen könnt, das berührend-wunderbare Buch "Lettre à
D." des großen André Gorz immer noch nicht auf Deutsch veröffentlicht zu
haben, das ist nicht zu akzeptieren. Und schon gar nicht, wenn man sich all den
Müll betrachtet, den ihr sonst so auf unschuldiges Papier druckt.

Bei der Gelegenheit dürft ihr auch gerne sofort Georg Kneplers
"Musikgeschichte des 19. Jahrhunderts" wieder auflegen, die skandalöserweise
nur noch antiquarisch erhältlich ist!

Jetzt aber los!

16.05.2007

Und Ansonsten 2007-05-16

Vor
kurzem haben wir an dieser Stelle bereits darauf hingewiesen, daß
Umweltminister Gabriel sich vor seiner Tätigkeit in der Bundesregierung als
Autoindustrie-Lobbyist hervorgetan hat. Da nehmen neuerliche
Pro-Auto-Äußerungen von "Siggi Pop" Gabriel nicht Wunder: der
EU-Umweltkommissar Dimas hatte von Deutschland ein Tempolimit auf Autobahnen
gefordert und darauf hingewiesen, daß ein derartiges Tempolimit praktisch
überall in Europa und in Amerika längst vollzogen und akzeptiert werde - "nur in Deutschland wird das
merkwürdigerweise kontrovers diskutiert", so der
EU-Umweltkommissar. Da hatte Gabriel, der Autolobbyist im Pelz des
Umweltministers, nichts Eiligeres zu tun, als solch ein Tempolimit abzulehnen,
das sei "kein Mittel,
um das Klima zu schützen", so Gabriel.
Und der SPD-Fraktionsvorsitzende Struck schob nach: "Ich schließe mich der Warnung vor der
Klima-Hysterie ausdrücklich an." Plötzlich stehe nur noch der
Klimawandel an der Spitze und Arbeitsplätze in Deutschland seien egal, so
Struck. "Wenn wir eine
Debatte darüber führen, wie viel Gramm Kohlendioxid ein Auto ausstoßen darf,
dann müssen wir die Auswirkungen auf die Unternehmen im Auge haben",
so der SPD-Fraktionsvorsitzende. Es gehe auch um den Wirtschaftsstandort
Deutschland.

* * *

Eine Meldung der Nachrichtenagentur AP:
"Mit Bestürzung haben
Kommunalpolitiker aus New York auf das Bundeswehr-Video reagiert, in dem
Wehrdienstleistende zum Feuern auf "Afroamerikaner" in der Bronx
aufgefordert werden. Der Bürgermeister des Stadtteils, Adolfo Carrion,
erklärte, das negative Image, das da verbreitet werde, stimme ihn sehr traurig.
Die Bundesregierung müsse Aufklärungs- und Erziehungsarbeit leisten. Von der
Bundeswehr verlange er eine Entschuldigung. Dies sei das Mindeste, was die
schwarzen Einwohner der Bronx erwarten könnten."
In den 80er Jahren wurde die "kriegsnahe Ausbildung" der Bundeswehr
diskutiert. Ist das hier ein Blick in die Zukunft weiterer
Out-of-Area-Einsätze, was die außer Rand und Band befindliche Bundeswehr gerade
plant und üben läßt?
Es mußten "Verteidigungs"minister schon aus geringeren Anlässen
zurücktreten…

* * *

Was natürlich genauso für einen wie Oettinger gilt.
Man kann ja fast froh sein, daß Hitler bereits unter der Erde ist, Oettinger
würde sicher auch behaupten, Hitler sei nie ein Nazi gewesen…

* * *

Speaking of - schon lange keinen Hitlerfilm mehr beworben gesehen. Es müssen
gefühlte drei oder vier Monate her sein… Was ist los in Deutschland?

* * *

Allerdings - wenn man bei "buecher.de" die Audio CDs "Elias
Canetti, Leben und Werk" bestellt (sehr schön darauf das Gespräch von
Adorno und Canetti über "Masse und Macht" - auf höherem Niveau haben
zwei große Intellektuelle wohl selten aneinander vorbeigeredet…), taucht als
"Vorschlag der Redaktion" auf: "Im toten Winkel, Hitlers
Sekretärin, zusammen für EUR 28,94". Pervers.

* * *

"Live Earth", die sogenannte "globale
Benefiz-Konzertserie", wollen auch die Antarktis als "siebten
Kontinent" in die Show einbinden (jetzt wollen wir uns nicht darüber
unterhalten, wie es um entweder Mathematik und/oder um Allgemeinbildung der
Musikpresse steht…).
Schöner können sich die selbsternannten Gutmenschen des Rockbusiness, die
kostenlose Promotion für ihre Künstler suchen und sonst gar nichts, nicht
selbst entlarven.
Bob Geldof wird übrigens in Kürze eine Ausgabe der "Blöd"-Zeitung als
Chefredakteur betreuen. Und im Herbst auf Tournee gehen. Unsereinen wundert
schon lange gar nichts mehr…

* * *

Ein SPD-Verteidigungsexperte namens Rainer Arnold forderte den Rücktritt
Bischof Mixas als Militärbischof angesichts Mixas Äußerungen, es sei
"inhuman" und "gegen die Würde der Frau", wenn sie ihr Kind
maximal ein Jahr betreue, wieder in die Wirtschaft gehe und wenig Kontakt zum
Kind habe (na ja, wenn Rabenmütter ständig "in die Wirtschaft" gehen,
hm, ehrlich, das finde ich glaube ich auch nicht gut…).
Dies nahm SPD-Arnold zum Anlaß, den Rücktritt Mixas als Militärbischof zu fordern,
Mixa sei in diesem Amt "nicht mehr tragbar".
Und ich finde genau das Gegenteil. Ich finde, daß Bischof Mixa sich mit
solcherart Äußerungen ganz perfekt zum Militärbischof der Bundesrepublik
Deutschland qualifiziert.

* * *

"Das Schöne am Genuß ist:
Kulinarischen Geist kann man sich für kein Geld der Welt kaufen. Selbst mit
BAföG kann man eine würdevolle Küche betreiben. Auch ein kleines Gehalt kann
man für gutes Essen statt für die neuesten Turnschuhe mit Reflektoren ausgeben.
Die Reflexe des Herdentieres, die Verführungen der Industrie, die Einlullung
durchs Fernsehen - das sind die eigentlichen Feinde der kulinarischen Kultur.
(…) Ohne Hirn kein G'schmack. Aber mehr eine Frage der Persönlichkeit. Genießer
reflektieren, sind wählerisch, Individualisten."
Vincent Klink

(dieser Newsletter empfiehlt die Zeitschrift "Häuptling eigener
Herd". Dies ist keine bezahlte Anzeige)

* * *

Toll ist es, wenn Musikjournalisten, die ja (völlig zurecht, damit da keine
Mißverständnisse auftauchen!) stets umsonst in alle Konzerte kommen und in
aller Regel auch für begleitende Partner keinen Eintritt bezahlen müssen, wenn
derartige Journalisten also Vorschläge machen, daß ein Konzert doch bitte
komplett bestuhlt werden solle, damit weniger Leute ins Konzert kommen und die
Konzentration besser gewährleistet sei. Klar, dem Herrn Journalisten, der
umsonst ins Konzert kommt, kann es ja egal sein, wenn durch eine Verringerung
der Zuschauerzahl die Ticketpreise um ein Viertel bis ein Drittel steigen
würden…

* * *

Im "Jazz-Echo" von "Verve" die Schlagzeile: "Gelassen verlassen - Drogen,
Sex, Skandale - Natalie Cole hat alles getan, um dem Schatten ihres Vaters Nat
"King" Cole zu entkommen." Man muß sich das mal
vorstellen: Frau Cole hatte Sex, um dem Schatten ihres Vaters zu entkommen.
Eine echte Ödipussy, will uns der Autor wohl glauben machen.

* * *

"Musik für
Erwachsene" nannte Arnold Schönberg die Kunst der höchsten
Konstruktivität von Bach, Mozart, Beethoven und Brahms. Denn "reife Menschen denken komplex,
und je höher ihre Intelligenz ist, um so größer ist die Anzahl der
Komplexeinheiten, mit denen sie vertraut sind."
Und sehr schön fügt Wolfgang Schreiber in der "Süddeutschen Zeitung"
hinzu: "insoweit ist
der Verdacht musikalischer Infantilisierung im Bereich heutigen
Pop-Klassikgehabes kaum von der Hand zu weisen".

Mein Tipp: Besuchen Sie die Konzerte "erwachsener" (Pop-)Musik, die
diese Agentur in den nächsten Monaten anbietet.

05.04.2007

Und Ansonsten 2007-04-05

"Denn
die politische und kulturelle Agenda bestimmten längst andere. Joachim Fests
eitle Selbstdarstellung als Kind aufgeklärten Preußentums, Florian
Langenscheidts 250 Gründe, unser Land heute zu lieben, Günter Grass'
Eingeständnis, nicht nur Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein, sondern vor
allem: während der Fußball-WM fröhlich die Nationalhymne mitgesungen zu haben.
Mit allerhand Getöse rauschte eine Debatte über die neue Bürgerlichkeit durch
die Feuilletons und nicht die Grünen, nicht die SPD, auch nicht die Linkspartei
formulieren progressive Familienpolitik. Sondern CDU-Ministerin Ursula von der
Leyen. Gleichzeitig müssen deutsche Soldaten wieder lernen, wie das ist mit dem
Kämpfen, und das Waldsterben erscheint angesichts der Klimakatastrophe wie eine
Kinderkrankheit. Widerstand? Protest? Besser nicht. Das Leben, so lautet die
Lehre der jüngeren Zeit, ist schon riskant genug. Die einzig existierende
Subkultur, das ist die unangenehme Wahrheit, kommt von rechts." Jan Heidtmann in
"Süddeutsche Zeitung Magazin"

* * *

Da waren sich die beiden Berliner Tageszeitungen mal einig in ihrem self
fulling journalism, im Behauptungsjournalismus unserer Tage, und sie titelten
unisono:
"Merkel führt EU zur
Klimawende" (Der Tagesspiegel), oder gar:
"Merkel bringt Europa
auf Öko-Kurs" (Berliner Zeitung).
Was war passiert? Nicht einmal die Unterschlagzeile der "Berliner
Zeitung", daß "20
Prozent weniger Treibhausgase bis 2020" vereinbart worden
waren, hielt ja einer näheren Untersuchung stand, denn diese Reduktion um ein
Fünftel wird am Stand des Jahres 1990 (!) gemessen.
Wenn die EU-Staaten sich an den Klimapakt von Kyoto halten, der ohnedies bis
zum Jahr 2012 eine Reduzierung des Ausstoßes an Treibhausgasen um 15 Prozent
vorsah, sind die zusätzlichen 5 Prozent auf der Basis von 1990 nicht viel mehr
als Augenwischerei. Solange Kanzlerin Merkel sich in der Praxis als
Auto-Kanzlerin geriert, braucht man sie und ihre vermeintlichen Bemühungen um
eine Klimawende sowieso nicht ernst zu nehmen. In der jüngsten Debatte um
Abgasreduktionen hat Angela Merkel bewiesen, daß sie durchaus in der
Kontinuität von anderen Auto-Fördern steht, von Adolf Hitler über Helmut
Schmidt bis Gerhard Schröder. Hitler sagte: "Es
ist unser eiserner Wille, durch Förderung des Automobilwesens nicht nur
Hunderttausenden von Menschen Arbeit und Brot zu geben, sondern damit auch
immer größeren Massen unseres Volkes die Gelegenheit zu bieten, dieses
modernste Verkehrsmittel zu erwerben." Merkel ist mit ihrer
Zurückweisung der EU-Schadstoffsenkungs-Vorgaben davon weder inhaltlich noch
demagogisch weit entfernt: "Ich
werde mit aller Härte gegen die EU-Vorgaben kämpfen. Es geht hier um
Zehntausende Arbeitsplätze in der deutschen Autobranche".

* * *

Der ehemalige SPD-Pop-Beauftragte ("Siggy Pop") und mittlerweile aus
irgendwelchen dubiosen Gründen Umweltminister Sigmar Gabriel übrigens war 2005,
als der Koalitionsvertrag zwischen CDU und SPD ausgehandelt wurde, Mitinhaber
der Firma Cones, die in Brüssel Lobbyarbeit für VW und den Verband Europäischer
Automobilhersteller, Alcea, machte. Der damalige Alcea-Präsident war VW-Chef
Bernd Pischetsrieder. Ein Jahr zuvor war Gabriel in seiner Funktion als
niedersächsischer Ministerpräsident noch stellvertretender Aufsichtsratschef von
VW gewesen. Gabriel nahm, während er Mitinhaber von Cones war, bereits als
zukünftiger Umweltminister an dem Ausschuß teil, der den Koalitionsvertrag
aushandelte. Ganz zufällig liegt der EU-Kompromiß dieser Tage auf der Linie,
die Ende 2005 im Koalitionsvertrag markiert wurde - ein Kompromiß, wie er von
den Lobbyisten Cones und Alcea seinerzeit in Brüssel forciert wurde… ein
erstaunlich effizientes Zusammenspiel von Autokanzlerin Merkel und dem
vermeintlichen Klima-Anwalt Gabriel. Politik, das ist eben ein schmutziges
Geschäft, ich weiß. (Fakten zitiert nach Konkret 3/07).

* * *

Laut Bericht des UN-Büros für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) hat die
Opiumwirtschaft in Afghanistan ein "beispielloses Ausmaß" erreicht.
Im Jahr 2006 habe die Produktion um 49 Prozent zugenommen. Mehr als 90 Prozent
des weltweit produzierten Opiums stammten aus Afghanistan.
Der Mohnanbau am Hindukusch jagt von Rekordernte zu Rekordernte, die ständig
steigenden Profite aus dem Opium- und Heroinhandel fließen in die Taschen von
Druglords und in die der wiedererstarkten Taliban.
Den deutschen Soldaten und ihrem out of area-Einsatz sei Dank.

* * *
"Ich glaube, Nein zu
sagen geht auch jetzt noch. Aber wird aus dem Protest eine Form, ist sie am
nächsten Tag gleich bei Stefan Raab. Was soll man da noch machen?" Schorsch
Kamerun

* * *

Der hierzulande in praktisch allen Positionen, von Schwiegersohn der Nation bis
zum Kanzler, als Idealbesetzung geltende Potsdamer Multi-Immobilienbesitzer
Günther Jauch sperrt sich zusammen mit anderen "Prominenten" gegen
eine moderne Bebauung der Museumsinsel. Er unterstützt die entsprechende,
peinliche Protestbewegung, die möchte, das auf der Museumsinsel alles so
bleibt, wie's unter Hitler aussah…
Jauch, zigfacher Immobilienbesitzer in Potsdam, tat sich dortselbst auf
Gutsherrenart hervor: er weigerte sich laut eigener Aussage, weitere Immobilien
zu erwerben, um nicht wieder den gleichen Sachbearbeitern der
Denkmalschutzbehörde begegnen zu müssen. Der Oberbürgermeister der brandenburgischen
Stadt verhielt sich, wie man es erwartet hat: er nahm sich Jauchs Kritik zu
Herzen und ersuchte beim Großgrundbesitzer unterwürfigst um Entschuldigung -
brandenburgische Bücklingspolitik, Jahrzehnte bestens eingeübt…

* * *

Ob all die Gutmenschen, von Harald Schmidt bis Günther Jauch, die den deutschen
"wir sind Papst" Benedikt so toll finden, irgendeine Meinung dazu
haben, daß Benedikt jetzt wieder mal den Ratzinger raushängen läßt und in Süd-
und Mittelamerika Berufsverbote gegen Befreiungstheologen erteilt?

* * *

"…ich finde MTV
verabscheuungswürdig. Der Sender betrügt eine Generation junger Menschen, indem
er ihnen einen verlogenen materialistischen Lebensstil vorführt: Rock'n'Roll
bei MTV ist nicht mehr Ausdruck von Kunst und Politik, es geht bloß noch um Sex
und Geld."
Patti Smith in einem Interview mit "Der Spiegel"
Herzlich willkommen, Patti Smith, am 23.Juni in Berlin!

* * *
"In
"Revolution" besingen die Anarcho-Bengel "die in Lügen ertränkte
Welt", fordern auf, die "F*** dich-Shirts" auszupacken.
"Was um uns passiert, ist nun mal nicht immer schön", klärt uns
Rapper Timo (19) auf."
Die "Hamburger Morgenpost" über die Teenie-Band "Nevada
Tan". Tempora mutantur. Wenn heutzutage junge Bands an Revolution denken,
dann denken sie daran, ihr "F+++ dich-Shirt auszupacken" (nicht
einmal anzuziehen, scheinbar). Und traun sich nicht mal, das böse F-Wort
auszuschreiben….

* * *

"Die Popmusik, einst
treibende Kraft der Subversion, ist nur noch eine folgenlose Umarmung des
Lebens, die nur noch verspricht, daß eben nichts passiert." Diedrich
Diederichsen

* * *

Die hannoversche Landesbischöfin Margot Käßmann, eine lutheranische
Mixa-Ausgabe im Miniaturformat, die gerne als Maßeinheit für den Weg von einem
Fettnäpfchen ins nächste dienen würde, findet, der Film "Die Flucht"
helfe, "die
Vergangenheit zu verstehen" , denn über das Leid der Deutschen
wurde bislang "meist
geschwiegen" . Stimmt, in den letzten Jahrzehnten sind nur
Hunderte von Filmen und Dokumentationen gezeigt worden, die sich mit dem Leben
und Leiden der Deutschen vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg
beschäftigen. Günter Grassens "Krebsgang" zum Beispiel durfte meines
Wissens hierzulande gar nicht erscheinen, wie der Autor ja in hiesigen
Feuilletons ohnedies völlig totgeschwiegen wird.
Ich finde, daß das Bemerkenswerteste an "Die Flucht" ohnedies die
Tatsache darstellt, daß Maria Furtwängler in die falsche Richtung flieht, sie
sollte eher in Sibirien landen und nicht auf heimische Bildschirme
zurückkehren…

* * *

Speaking of Grass: Der hat soeben auf der Leipziger Buchmesse von der "Entartung des deutschen
Journalismus" gefaselt. Wäre Grass in irgendeiner Kategorie
ernstzunehmen, müßte man sich Gedanken machen - so aber kann man einfach nur
sagen: einer dieser Unverbesserlichen, einmal SS, immer SS.

* * *

Überhaupt sind grad wieder alle etwas außer Rand und Band, irgendwie muß von
der Spree bis an die Isar irgendeine Droge an die Frischluft gelangt sein…
nehmen wir die CSU-Latex-Domina (hatten wir übrigens gleich geahnt, irgendwie)
"Sankt Pauli", an deren banalen Fotos sich höchstens noch
CSU-Funktionäre aufgeilen können. Aber was tat die Latex-Lady? Sie tat, als ob
die Fotos ohne ihr Einverständnis gemacht worden seien, und sie fühlt sich
arglistig getäuscht… jo mei…

* * *

Oder der bairische Problembär Edmund, der plötzlich einen (wenn auch nicht
roten, sondern blau-weißen) Kranz mit Schleife am Mausoleum des vietnamesischen
Revolutionsführers Ho Chi Minh niedergelegt hat… jo mei…

* * *

Oder nehmen wir den deutsch-deutschen Problem-Wolf namens Biermann, der findet,
daß es "verbrecherisch
sei, daß in Berlin "die
SPD mit der PDS ins Bett geht" . Ach Wölfchen, wie hättstes
denn gerne?
Auf jeden Fall standen die Granden von SPD und PDS gerne bereit, um sich vom
Biermann wie ein Tanzbär am Nasenring durch die Manage ziehen zu lassen… wäre
nicht passiert, hätten sie statt Problemwolf Biermann den kleinen Eisbär
"Knut" zum Berliner Ehrenbürger ernannt. Was ungefähr gleich effektiv
und schlau gewesen wäre…

* * *

Waren zwei Kumpel in Kölle. Der eine hat eine Plattenfirma, der andere ist
Journalist. Der Kumpel mit der Plattenfirma hat einen französischen Chansonstar
unter Vertrag genommen und lädt seinen Journalisten-Kumpel nach Paris ein,
damit der über den Chanson-Star schreibt. Und der Journalisten-Kumpel liefert
auch brav eine Jubelarie über den Chanson-Star ab, nicht, ohne seinen
Plattenfirmen-Kumpel in dem Artikel mit einem eigenen Jubelabsatz zu bedenken.
Nun sind wir alle keine heurigen Hasen und wissen, daß neunzig Prozent des
deutschen Musikjournalismus reiner Gefälligkeitsjournalismus ist, korrupt bis
zum Gehtnichtmehr. Wenn man so etwas aber mal nicht beim Hintertupfinger
Almboten, sondern bei der "Süddeutschen Zeitung" konstatieren darf,
zieht man doch ein bisserl die Augenbrauen hoch. Vielleicht für eine
Viertelsekunde, denn eigentlich weiß man ja, daß…

* * *

Toll auch, wie die "Berliner Zeitung" sich in ihrem Pop-Feuilleton
zwar ellenlang des Bartes von Bonnie "Prince" Billy annahm, dann aber
weder Energie noch Sorgfalt auf die Auswahl des richtigen Fotos zum
Konzertbericht verwenden konnte und ihren Lesern den Support-Act Sir Richard
Bishop als "Will Oldham
aus Kentucky" verkaufte.
Abgründige Bildunterschrift: "Schützt
sein Innenleben mit diversen Identitäten"… ah ja.

* * *

Der SPD-Vorsitzende Kurt Beck manövriert sich sehenden Auges in die Ecke
zwischen Latex-Pauli und Plantsche-Scharping. Da ist hierzulande
zugegebenermaßen viel Platz…
Neuerdings wirbt Beck auf großen Plakaten für urdeutsche Musik und sagt "Ja zum deutschen Schlager!"

Auch wir sagen unbedingt "Ja", nämlich zum deutschen Osterfest.

25.03.2007

Und Ansonsten 2007-03-25

Eine
drollige Einrichtung, die deutsche Sozialdemokratie, die manchmal mutig immer
noch als "Volkspartei" bezeichnet wird: In Wiesbaden schaffte es die
SPD zwar noch, einen Bürgermeisterkandidaten aufzustellen, scheiterte aber am
Versuch, diesen Kandidaten rechtzeitig zur Wahl anzumelden. In Hamburg
scheiterte die SPD bereits daran, überhaupt einen Bürgermeisterkandidaten
aufzustellen. "Genosse Trend": es wird böse enden…

* * *

Zeitungs-Schlagzeilen vom 27.Februar 2007:
"UN-Gericht spricht Serbien der Beihilfe zum Völkermord für schuldig."
(Berliner Zeitung)
"Keine direkte Schuld Belgrads am Massaker von Srebrenica." (Neue
Zürcher Zeitung)
"Serbien vom Vorwurf des Völkermords freigesprochen." (Frankfurter
Allgemeine Zeitung)
Ach, was lob ich mir die Pressefreiheit!
(Bei der Gelegenheit: Zwei der vier bisherigen Ministerpräsidenten des Kosovo
sind schwerer Kriegsverbrechen verdächtig. Mit Hilfe der UN-Verwaltung im
Kosovo wurden entsprechende Haftbefehle bisher nicht vollstreckt, oder der
ehemalige Ministerpräsident Ramush Haradinaj kam gar auf Intervention der
UN-Verwaltung nach mehrmonatiger Untersuchungshaft in Den Haag wieder frei; der
BND in einer Analyse Anfang 2005: "Die im Raum Decani auf Familienclan
basierende Struktur um Ramush Haradinaj befaßt sich mit dem gesamten Spektrum
krimineller, politischer und militärischer Aktivitäten, die die
Sicherheitsverhältnisse im gesamten Kosovo erheblich beeinflussen. Die Gruppe
zählt ca. 100 Mitglieder und betätigt sich im Drogen- und Waffenschmuggel und
im illegalen Handel mit zollpflichtigen Waren." Derartiges liest man in
hiesigen Tageszeitungen praktisch nicht, Pressefreiheit hin, Pressefreiheit
her…)

* * *

Thees Uhlmann, Sänger von Tomte und Mitgeschäftsführer von "Grand Hotel
van Cleef Musik" und bekanntermaßen Lautsprecher der Branche, dessen
Wortmeldungen leider hinsichtlich Großmäuligkeit versus Intelligenzgrad nicht
selten indirekt proportional sind, vergießt Krokodilstränen, als Grand Hotel
van Cleef Music der Öffentlichkeit mitteilen, daß man nun eine eigene
Booking-Agentur betreibe: "Dass wir creative talent und insbesondere
unseren Freund Philipp Styra verlassen mußten, war so schlimm, wie mit zwei
Freundinnen gleichzeitig Schluß zu machen - und das am Tag, an dem der
Lieblingsverein absteigt."
Sicher wurde Herr Uhlmann als Mitgeschäftsführer von Grand Hotel van Cleef
Musik mindestens unter Waffengewalt gezwungen, diese Entscheidung gegen seinen
bisherigen Tourneeveranstalter zu treffen. Nur so ist die mißlungene Metapher
aus der Ausnüchterungszelle zu erklären.

* * *

Eine dieser Schlagzeilen, wie ich sie liebe:
"Daimler-Chrysler-Aktie schnellt auf Rekordhöhen. 13.000 Jobs in den USA
auf der Kippe (…) schon belohnt die Börse den kriselnden Autokonzern…"
(aus "Spiegel Online").

* * *

Gespensterdebatten noch und nöcher.
Teil einer Strategie, von den tatsächlichen gesellschaftlichen Problemen
abzulenken.
Gespensterdebatte I: RAF. Wieder einmal. In regelmäßigen Abständen. Betrachtet
man die so schrillen wie zum großen Teil skurillen Wortmeldungen von
CDU/CSU-Funktionären wie Ronald Pofalla, Markus Söder oder Günther Beckstein,
dann fühlt man sich nicht nur um dreißig Jahre zurückversetzt, sondern man
merkt auch deutlich, daß diese Herren in keinster Weise eine rechtsstaatliche
Gesinnung vorweisen, die sie ihrem politischen Gegner doch so gerne absprechen.
Man kann zu den Äußerungen des ehemaligen RAF-Mitglieds Christian Klar zur
Linken Lateinamerikas und zum Kapitalismus als solchem stehen wie man will,
Tatsache bleibt, daß dies erstens allgemein politische Äußerungen sind, die
hierzulande gemacht werden dürfen, die damit sogar dem Gedanken der
"Resozialisierung" entgegenkommen, und daß die politischen Äußerungen
eines Gefangenen nun einmal zweitens nichts damit zu tun haben, ob
rechtsstaatliche Gedanken wie die vorzeitige Freilassung wegen "guter
Führung" oder eine vorzeitige Begnadigung durch den Bundespräsidenten
umgesetzt werden.

* * *

Gespensterdebatte II: Die Frage der Kinderbetreuung in der Bundesrepublik. Auf
Typen wie den Augsburger Bischof muß man in diesem Kontext nicht eingehen, die
katholische Kirche und allen voran diverse deutsche Bischöfe haben sich über
Jahrzehnte selbst disqualifiziert als ernstzunehmende familienpolitische
Gesprächspartner.
Warum aber hierzulande über einen einigermaßen vernünftigen Vorschlag
tatsächlich noch diskutiert werden muß, ist ebenso rätselhaft wie die
Schlafmützigkeit der SPD, die sich in dieser Frage ausgerechnet von einer
konservativen Familienministerin der CDU wie ein gescheiterter Tanzbär am
Nasenring durch die Manege ziehen läßt (wenn man mal davon absieht, daß der
Elterngeld-Vorschlag, den die große Koalition nun umgesetzt hat, noch aus der
Feder von Renate Schmidt stammt).
Die Art, wie hier eine Politik, die ein Minimum an gesellschaftlicher Realität
und Modernität umsetzt, diskutiert und von bestimmter Seite diffamiert wird,
zeichnet ein trauriges Bild einer im Grunde kinderfeindlichen
bundesrepublikanischen Gesellschaft, deren meiste familienpolitische Konzepte
letztendlich aus dem Geist des 19.Jahrhunderts, des Biedermeier geboren wurden.

18.02.2007

Und Ansonsten 2007-02-18

Eine
schöne Erfindung, die „Digitale Bibliothek“, Werke aus Philosophie, Musik oder
Literatur auf CD, mit komfortabler Suchfunktion. Weniger schön ist allerdings
die Erfahrung, die man mit der Kulanz der Firma Directmedia Publishing machen durfte.
Eine CD war beim Herauslösen aus dem Digipack zerbrochen, man hat sie
eingeschickt mit der Bitte, sie zu ersetzen. Vergeblich. Angeboten wurde, da
die betreffende CD nicht mehr erhältlich sei, eine ähnliche CD der Reihe
„Digitale Bibliothek“, allerdings unter neuerlicher Berechnung, und obendrauf
sollte man sogar noch die Versandkosten bezahlen – Kulanz, wie sie sie
verstehen…
Auf die Beschwerde hin, daß das doch nicht wahr sein könne, daß die Digitale
Bibliothek ja wahrlich kein billiges Vergnügen sei und man hier locker Werke
von Directmedia Publishing im Wert von mehreren hundert Euro herumstehen habe,
schrieb ein Stefan Tollkühn durchaus tollkühn zurück: „Die Problematik ist
weniger ein Materialfehler, als in der Regel falsches Entnehmen aus der Hülle.
Bitte beachten Sie, daß Sie mit dem Daumen den Knopf in der Mitte der
Verpackung runterdrücken, um die Aretierhaken der DVD-Hülle zu lösen.
Gleichzeitig ziehen Sie mit dem Zeigefinger die DVD aus der Hülle“
(Rechtschreibfehler im Original).
Daß ich das noch erleben durfte, daß mir jemand das unfallfreie Herauslösen
einer CD oder DVD aus einem Digipack erklärt…
Jetzt fehlt nur noch, daß Directmedia Publishing eine CD in der Reihe „Digitale
Bibliothek“ herausgibt, auf der Wörter wie „Kulanz“ oder „Service“ oder
„Kundenbindung“ erläutert werden. Das wäre sozusagen ein tollkühner Vorstoß in
die richtige Richtung.

* * *

Gut gefallen hat mir die Meldung von „Musikwoche.de“, daß sich „River Concerts“
als örtlicher Veranstalter der DEAG von Pop- und Klassik-Konzerten in Hamburg,
wie man auf „Musikindustriesprech“ so schön sagt, „aufstellt“.
DEAG-Vorstandsvorsitzender Schwenkow brachte den Sinn und Zweck von River
Concerts auf den Punkt: sein Unternehmen wolle mit der neu gegründeten Tochter
seine „Wertschöpfungskette verlängern“. Um Musik und Kultur geht es nicht.

* * *

„Mögen die Schallplattenfirmen mit gigantischem Werbeaufwand Jungstars wie Lang
Lang oder Hélène Grimaud zu massenkompatiblen Yellow-Press-Lieblingen
hochpushen: András Schiff kann die neue Medienwelt nichts anhaben. Der
53-jährige Ungar wird als kompromißloser Werkexeget verehrt, ein
Intellektueller, der nichts gelten läßt außer dem Notentext, zugleich Deuter
und Diener der Partitur.“ (Tagesspiegel Berlin)
Und das ist auch gut so. Der erste Klavierabend seines Berliner
Beethoven-Sonaten-Zyklus war jedenfalls ein Konzerthighlight – schön, daß es
das neben all den hochgepushten, aber meist zweit- bis drittklassigen
Zeitgeist-Klassik-Sternchen noch gibt!

* * *

Und wenn wir schon von hervorragenden „Konzerten“ sprechen: der Auftritt von
Wiglaf Droste im gleichen Monat im „Berliner Ensemble“ muß da in einem Atemzug
genannt werden.

* * *

„Die Popgeschichte in ihrem Lauf hält bekanntlich weder Ochs noch Esel auf.“
Schönes und schön doppelbödiges Zitat in einem Grönemeyer-Artikel in der „FAZ“.
Aber was war doch gleich wieder mit dem Verursacher des Originalzitats bald
darauf passiert? Darf man Ähnliches nun für Grönemeyer, soll man Ähnliches nun
fürs FAZ-Feuilleton erwarten?

* * *

Rocko Schamoni über die Popkultur:
„Zu viel Kraft landet in etwas, das wie eine Billigpizza konsumiert wird.“

* * *

Ein Politiker, wie neulich zu sehen war auch zu doof zum Stimmenzählen,
brabbelt über Orkan Kyrill:
„Erst habe ich mir im Fernsehen die Berichterstattung angesehen. Gegen
Mitternacht bin ich dann raus in den Garten und habe mir den Orkan in echt
angeschaut.“ (Walter Momper, aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen Präsident
des Berliner Abgeordnetenhauses, laut „Zeit“).
Und so machen diese Herren auch Politik: erst schauen sie sich die
Berichterstattung an, dann versuchen sie, live dabei zu sein…

* * *

„Man kann auch sein Ding durchziehen, anstatt bloß immer den neuesten
Scheißhausparolen hinterherzuhumpeln und Heil zu schreien, wenn es die
„BILD“-Zeitung oder der „SPIEGEL“ oder ARTE anordnen.“ (Dietmar Dath, Dirac)

* * *

Regelmäßig wird’s in diesem Rundbrief beklagt: Viele Journalisten sind zu faul
für so etwas Altmodisches wie „Recherche“, und zudem offensichtlich mit etwas
Intellektuellem wie „Analyse“ heillos überfordert.
Im Feuilleton der „Süddeutschen Zeitung“ am 20.1. wurde das nachgeplappert, was
unhinterfragt in den Branchendiensten des Music Bizz berichtet wird:
„Am 11.Januar wiederum machte eine Pressemeldung der Londoner EMI Group auch
dem letzten Optimisten deutlich, daß der gefürchtete Sturzflug einer
strukturell angeschlagenen Branche begonnen hat. Die EMI-Musikchefs Alain Levy
und David Munns sind gefeuert. Konzernboß Eric Nicoli, der einst vom
Kekskonzern United Bisquit in die Musik wechselte, muß ein drastisches
Sparprogramm in Höhe von 166,4 Millionen Euro umsetzen. Laut Sunday Times
sollen weltweit mindestens 900 EMI-Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz verlieren.“
Wir wollen nun gar nicht auf sprachliche und inhaltliche Holprigkeiten eingehen
(Nicoli wechselte wohl eher nicht von einem Kekskonzern „in die Musik“, sondern
höchstens zu einem Konzern der Musikindustrie – oder man beachte das schöne,
neoliberale „muß“ im Kontext der Massenentlassung, dem armen Kapitalisten
bleibt halt wieder mal gar nichts übrig…). Aber es wäre doch wohl nicht zu viel
verlangt gewesen, diese Meldung einmal zu hinterfragen – eine kleine Recherche
hätte bereits ausgereicht. In der „FAZ“ vom 13.1.d.J. läßt sich u.a. nachlesen:

„Im Zeitraum 2005/06 (31.März) hatte der Musikkonzern (…) weltweit noch rund 2
Milliarden Pfund erlöst und einen Betriebsgewinn von 250 Millionen Pfund (376
Millionen Euro) erwirtschaftet.“
Ein Betriebsgewinn von 376 Millionen Euro! Nun sind wir alle keine heurigen Hasen
und wissen von Bilanzierungstricks und Schönrechenspielen. Aber dennoch: einen
Verlust kann man nicht zu einem derartigen Betriebsgewinn hochrechnen. Also,
das sind wirklich gar fürchterliche Zahlen. Da müssen umgehend Hunderte von
Arbeitsplätzen gestrichen, fast tausend Mitarbeiter entlassen werden, das
versteht doch jeder… Shareholder value rules.

* * *

Im Übrigen, zurück zur Eingangsbemerkung dieses Rundbriefes, wünsche ich
eigentlich nicht mehr, mit irgend jemandem mich übers Musikbusiness unterhalten
zu müssen, der nicht wenigstens das Buch „a dysfunctional success – The
Wreckless Eric Manual“ von Eric Goulden gelesen hat…

* * *

Im letzten Rundbrief wurde es bereits berichtet: die schwer von
Zweitklassigkeit und Weihnachtsverlust gebeutelte Klüngel-Kapitale Köln schießt
im Nazi-Jargon zurück – nach dem „Kölner Stadtanzeiger“ und verschiedenen
Ex-„Spex“-Redakteuren (siehe „Spex, die Flakhelfer-Söhne und die Popmusik“ auf
unserer Website unter „Texte“) dreht nun auch der Trainer des 1.FC Köln auf:
Christoph Daum verwendete den Freddy Quinn-Song „100 Mann und ein Befehl“, um
seine Zweitliga-Kicker zu motivieren. In der Kabine mußten umgedichtete
Liedzeilen von den Profis gesungen werden. Kostprobe lt. „FAS“: „30 Mann und
nur ein Ziel. Und ein Weg, den jeder will. Fern von zu Haus’ ist einerlei, denn
ich bin bei den 30 Mann dabei.“
Übrigens – erinnert sich irgendwer daran, daß Daum vor Unzeiten mal kurz als
Lichtgestalt des deutschen Fußballs galt? Vom Daum zum Däumling ists manchmal
nur so weit wie eine kleine Linie Koks…

* * *

„Oh Mann. Hat Deutschland Style oder hat Deutschland keinen Style?“
Eine wohl eher rhetorische Frage von Jan Delay bei Raabs „Bundesvision Song
Contest“. Die sich übrigens auch allein schon dadurch beantworten läßt, daß ein
Jan Delay es für nötig hält, an diesem „Contest“ teilzunehmen. Auf seinem Album
„searching for the jan soul rebels“ sang Jan Delay noch: „die mit dem
sonnenbank-funk und dem talkshow-soul / die mit dem kaufhaus-punk und
hannoveranischem rockaroll / ihr wählt doch auch sonst immer das falsche, wenn
ihr die wahl habt / ihr steht doch sonst auch immer auf sauber, ordentlich und
aalglatt! / (und darum) / möchte ich nicht, daß ihr meine lieder singt!“…

* * *

Eigentlich war ich ja davon ausgegangen, daß ein erledigter Fall wie Heinz
Rudolf Kunze nicht nur als „Musiker“, sondern auch generell seine Klappe hält.
Aber nein, er hat es gewagt, ein neues Album zu veröffentlichen, und da er aus
unerklärlichen Gründen als Sachverständiger (boah!) der Enquete-Kommission
„Kultur in Deutschland“ im Bundestag fungiert (da könnte man mit Jan Delay
fragen: Oh Mann. Hat Deutschland Kultur, oder hat Deutschland keine Kultur
mehr? wenn jeder Hinz und Kunze im Bundestag Sachverständiger für Kultur
spielen darf…), hat er auch ein Thesenpapier (boah!) zum Stand des
Kulturjournalismus (boah!) vorgelegt. Darin finden sich neue schöne Sätze von
Kunze, der vor noch nicht allzu langer Zeit gegen „die Flut von ausländischem
Schund“ in deutschen Radios gewettert hat:
„Radio ist Lärmterror für Schwundhirne“ (deswegen möchte Kunze wohl gern im
Radio gespielt werden, haha…), es sei „die systematische Verkürzung und
Verstümmelung der Wahrheit: nicht nur der ästhetischen. Primitive
umgangssprachliche Metastasen durchwuchern die Sprechhaltung am Mikrophon“. So
schwurbelt ein Ex-Lehrer legasthenisch daher, dem noch nie je auch nur eine
Metapher gelungen ist. Aber Kunze setzt noch einen drauf:
„Es gibt einen Flüsterkonsens der Medienarbeiter in den Kantinen, der an das
verdruckste Einverständnis von Mitläufern in Diktaturen erinnert.“ Nun ist der
Autor dieses Rundbriefes bekanntermaßen kein Freund der Entwicklung der
bundesdeutschen Radiolandschaft, aber daß das Nichtspielen von Zeugs des Heinz
Rudolf Kunze, das ja für sich gesehen durchaus eine geschmackssichere Tat
darstellt, nur als „Diktatur“ erklärt werden könnte, scheint doch ein ganz
klein wenig hochgegriffen. (alle Zitate lt. FAS)
Schöne Grüße daher an die flüsternden Medienarbeiter in den Kantinen!

10.01.2007

Und Ansonsten 2007-01-10

Laut
der "Gemeinsamen Konferenz Kirche und Entwicklung" (GKKE) von
katholischer und evangelischer Kirche sind die Werte der im Jahr 2005 von der
BRD ausgeführten Kriegswaffen gegenüber dem Vorjahr um 44 Prozent auf 1,6
Milliarden Euro gestiegen. Auch bei den Ausfuhrgenehmigungen für Kriegswaffen
und andere Rüstungsgüter ist von 2004 zu 2005 ein Anstieg um 11 Prozent zu
verzeichnen.
Der Wert der Exportgenehmigungen in Entwicklungsländer hat sich von 429
Millionen Euro in 2004 auf 911 Millionen Euro in 2005 mehr als verdoppelt.
Die Bundesregierung wertet diese Zahlen als "Ausdruck einer restriktiven
Politik der Rüstungsausfuhren". Und die Erde ist eine Scheibe. (zitiert
nach "Berliner Zeitung")

* * *

Wir erinnern uns an "Deutschland, ein Sommermärchen", die Fußball-WM
und lauter fröhliche Fähnchenschwenker. Uns wurde damals eingehämmert, das Land
habe zu einem "toleranten Patriotismus" gefunden. Der Leiter des
Instituts für Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld,
Wilhelm Heitmeyer, hat dafür nur einen Kommentar übrig: "gefährlicher
Unsinn, ein Stück Volksverdummung".
Heitmeyer stellte dieser Tage die neuesten Ergebnisse einer
Langzeituntersuchung zu "Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit" vor;
darunter sind Einstellungen wie Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus und
Islamophobie zusammengefaßt, aber auch die Abwertung von Homosexuellen oder
Behinderten. Seit 2002 befragen die Bielefelder Forscher jedes Jahr etwa
zweitausend Deutsche, jedes Jahr veröffentlichen sie ihre Aufsätze in einem
Suhrkamp-Band mit dem Titel "Deutsche Zustände". Im aktuellen Band
weisen u.a. drei Wissenschaftler anhand der Langzeitdaten ziemlich überzeugend
nach, daß Nationalstolz zu "Fremdgruppenabwertung" führt (im
Unterschied übrigens zu einem differenzierten, "patriotischen" Stolz
auf die deutsche Demokratie und den Sozialstaat, der niedrigere
Fremdenfeindlichkeit zur Folge hat). Anhand einer zusätzlichen Umfrage im
August zeigen sie, daß nach der Fußball-Weltmeisterschaft befragte Personen
"nationalistischer eingestellt" waren als früher Befragte. Und weiter:
"Die Vermutung, daß es sich dabei um eine neue, offene und tolerantere
Form der Identifikation mit dem eigenen Land handelt, läßt sich allerdings
nicht bestätigen."
Heitmeyer schreibt, offenbar seien die "Schwarz-rot-geil-Stimmung"
oder Kampagnen wie "Du bist Deutschland" der Versuch eines
"surrogathaften Ankers auf schwankendem sozialen Boden". Ein
ethnisches Kollektiv soll künftig bieten, was die soziale Marktwirtschaft nicht
mehr zu leisten vermag: "Über die Betonung der Schicksalsgemeinschaft mit
raunendem Tiefgang sollen jene Angehörige der Mehrheitsgesellschaft emotional
wieder integriert werden, die andererseits sozial desintegriert worden
sind."
Der soziale Boden der Republik schwankt. Einkommen und Vermögen driften
erheblich auseinander. Und ökonomische Verunsicherung, so die Bielefelder
Forscher, führt zur Ausbreitung "latent immer vorhandener Ideologien der
Ungleichwertigkeit", und das keineswegs nur am rechten Rand, sondern in
der Mitte der Gesellschaft. (zitiert nach "Süddeutsche Zeitung")

* * *

Den Kölnern, siehe auch oben "Und ansonsten extra", geht der Arsch
auf Grundeis, sie scheinen kräftig durcheinander. Die "Süddeutsche"
titelte dieser Tage:
"Daum greift in Köln
durch: Weihnachten abgesagt"
Na, ihr Jungs in Kölle, Spex weg, der 1.FC Mittelmaß in der Zweiten Liga, einen
Kokser als neuen Trainer, und schon habt ihr sogar Weihnachten verloren -
bonjour tristesse…

* * *

Schon Klasse, wie der SPD-Vorsitzende Beck, nicht gerade der Rasiertesten
einer, den Hartz 4-Empfänger aufgefordert hat, sich erstmal rasieren und die
Haare schneiden zu lassen… Dabei kann man scheinbar mit so einem Bart sogar
SPD-Vorsitzender werden (gut, wir schreiben das Jahr 2006: man streiche das
Wort "sogar"…).

* * *

"Weil wir die Kraft zur
Revolte nicht aufbringen, erkennen wir unsere Gebrochenheit an."
(Peter Weiss)

(Am Rande ein kleiner Radio-Tip: ab 15.Januar läuft 12 Wochen lang jeden Montag
um 20.30 Uhr auf Bayern 2 eine Hörspielversion von "Die Ästhetik des
Widerstands" von Peter Weiss, mit Robert Stadlober, Peter Fricke, Hanns
Zischler, Rüdiger Vogler u.a., eingerichtet von Karl Bruckmaier - am 6.Mai 12
Stunden am Stück auf WDR 3 - sollte man sich nicht entgehen lassen!)

* * *

Zwischen den Jahren mit einer kleinen Einkaufsliste in einem großen Berliner
"Kulturkaufhaus", da der Plattenhändler meines Vertrauens grad nicht
auf dem Weg lag. Von acht gewünschten CDs konnten gerade einmal zwei (zwei!)
käuflich erworben werden, der Rest war nicht vorhanden oder es gab ihn lt.
Verkaufspersonal nicht einmal. Und es waren nicht ausschließlich Raritäten oder
Kuriositäten, die ich da vergebens zu erwerben suchte - Alben wie das von Lily
Allen oder von Burial waren in nicht wenigen Jahrescharts auf vorderen Plätzen
zu finden, Scott Walker's neues Album sollte ebenso selbstverständlich in jedem
einigermaßen sortierten CD-Laden stehen wie Toni Kitanovski's
"Borderlands" in jeder brauchbaren Weltmusik- oder Jazzabteilung, und
Tsimon Barto's Rameau-Interpretation oder Jos van Immerseels
Mozart-C-dur-Klavierkonzert in jeder brauchbaren Klassikabteilung.
Der Geschäftsführer der deutschen Phonoverbände, Peter Zombik, wendet sich in
seiner Jahresbilanz wieder einmal heulend an den Gesetzgeber, der solle "die rechtlichen
Rahmenbedingungen bei der Privatkopie und Pirateriebekämpfung deutlich
verbessern". Wie wäre es, wenn die Musikindustrie und die
CD-Geschäfte erst einmal ihre Hausaufgaben machten und die vorhandenen CDs in
die Geschäfte stellten, bevor sie vom Gesetzgeber verlangten, ihre eigene
Unfähigkeit zu kompensieren?

* * *

In Japan gibt's eine Zigarettenmarke namens "Hope". Und die Sorten
"Hope light" beziehungsweise "Hope Menthol" (danke,
Christian!).

* * *

"Denn es ist (…) so,
daß es gerade die Jugend des Jahres 2006 ist, die sich gewissermaßen in
musikalischen Strumpfhosen präsentiert, also so tut, als säße die erste und
nicht die zweite Elisabeth auf Englands Thron, als trage man Pluderhosen und
Puffärmel, als schreite man beim Tanz taktgenau im Kreise. Als schlage man
überall die Laute und die Harfe, wo sich rauschebärtige, fein bläßliche, also
vorwiegend weißhäutige Hippiekinder zusammentun, um Musik zu machen… (…)
Da tut sich also ein feiner,
kleiner Riß auf, vordergründig wieder einmal zwischen den Rassen, in Wahrheit
aber wie meistens zwischen den Klassen: Hip-Hop als Sound für die Doofen, die
Prekären, die Privatfernsehsklaven dieser Welt; dagegen Neo-Folk, Anti-Folk und
all dieses Tudor-Getue, das noch keinen eigenen Markennamen trägt - noch nicht
- für die Kinder aus gutem Haus, einigermaßen belesen, halbgebildet und
durchaus nicht abgeneigt, während eines Freisemesters mal was richtig
Ausgeflipptes zu unternehmen wie etwa einen Joint zu rauchen."
(Karl Bruckmaier in der "Süddeutschen Zeitung")

* * *

"Wer nie vom Schönen je
vernahm vermißt nichts." (Peter Hacks)

16.12.2006

Und Ansonsten 2006-12-16

Weihnachtsgebäck
ist mit Cumarin belastet, was nachweislich leberschädlich ist.
Etliche hierzulande angebotene Produkte enthalten weit höhere Mengen des
Aromastoffs, als die EU-weit geltende Aromaverordnung vorschreibt (Grenzwert in
der EU: 2 mg pro kg). Betroffen sind die Zimtsterne zahlreicher Großanbieter.
Und wie reagieren Bund und Länder auf diese Tatsachen? Nicht etwa, in dem sie
die Konzerne wie Lambertz, Metro oder Kaiser's Tengelmann auffordert, die
unzulässig hoch belasteten und die Gesundheit der Bürger gefährdenden
Lebensmittel vom Markt zu nehmen. Nein, die Bundesregierung in ihrer
unendlichen Weisheit hat einfach neue Orientierungswerte samt
Verzehrobergrenzen eingeführt. Diese neuen Werte überschreiten geltendes Recht
etwa bei Zimtsternen um mehr als das 30fache (!). Begründung der Bundesländer:
Die Industrie habe versprochen, den Stoff ab November zu minimieren.
"Foodwatch" hat Strafanzeige gegen die Konzerne wie auch gegen das
Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz gestellt.
Scheint mir fast zu wenig - aus dem Amt jagen sollte man diese ganze Bande,
geteert und gefedert, mindestens.
(und darüber hinaus: es lebe der selbstgemachte Zimtstern!)

* * *

Die Nackedei-Sozen, immer wieder hübsch, der eine planschte mit seiner Gräfin
im Swimmingpool, der andere macht mit seiner Mitarbeiterin FKK-Urlaub.
Schöne Schlagzeile dazu in der "Abendzeitung":
"Merkel stellt sich vor
nackten Verheugen."
Allein schon die Vorstellung…

* * *

Das für eine Ausgabe wiederbelebte Magazin "Tempo" hat also einer
Reihe von "Prominenten" und wer sich dafür halten mag eine
Ehrendoktorwürde einer "Deutschen Nationalakademie" angeboten - nur
eine Bedingung sollten die zu Ehrenden erfüllen: sich ganz und gar mit den
Zielen dieser Nationalakademie zu identifizieren. Und deswegen wurden dem
Anschreiben "Ziele und Programm" der Akademie beigelegt. Darin heißt
es u.a.: "Eine
Weltanschauung, die bestrebt ist, dem demokratischen Massengedanken eine klare
Ablehnung entgegenzubringen und der Elite des Volkes zu neuer Geltung zu
verhelfen, muß auch dafür Sorge tragen, daß den besten Köpfen im Alltag und in
der Politik der höchste Einfluß zukommt." Ein Satz aus Hitlers
"Mein Kampf".
Einige der Adressaten haben abgesagt (Ingo Schulze, Wickert, Jürgen von der
Lippe), vierzehn haben erfreut die Ehrendoktorwürde angenommen, verbunden mit
rechtsradikalem Gedankengut - darunter so eitle Deppen wie Friseur Udo Walz
oder Dieter Bohlen, Typen, die es scheinbar in ihrem Wichtigtuerwahn keine
Sekunde überraschend fanden, fürs Haareschneiden oder Liederzusammenstümpern
eine Ehrendoktorwürde zu erhalten.
Wirklich bedenklich stimmt, mit welcher Verve der SPD-Politiker, ehemalige
Schröder-Kulturstaatsminister und jetzige Professor für Politische Theorie und
Philosophie an der LMU München, Julian Nida-Rümelin, die Würde akzeptiert. Da
zeigt sich dann doch erstens, wessen Geistes die Schröder-Vasallen waren, und
zweitens, wie tief der Nationalgedanke im Zeitalter des Fußball-Sommermärchens
doch in den Hirnen selbst der Kopfballspieler sitzt.

* * *

Ein Fußballtrainer über deutsche Fußball-Funktionäre:
"Die wissen nicht
einmal, daß im Ball Luft ist. Die glauben doch, der springt, weil ein Frosch
drin sitzt."
In memoriam Max Merkel, Trainer des TSV 1860 München 1964 (Pokalsieg!), 1965
(Endspiel Europacup der Pokalsieger!), 1966 (Deutscher Meister!).

* * *

Übrigens: "Je moderner
das Kommunikationsmittel, desto weniger geprüft gehen die Mitteilungen heraus:
"Ist ja nur eine E-Mail", denken die Leute und versenden Botschaften
submongoloider Sprachqualität."
Max Goldt (in einer Kolumne vor acht Jahren!)

* * *

"Ich bin
popkulturpessimistisch (…) Die Wegstrecke zwischen Subkultur und Markt ist
heute gleich null." Schorsch Kamerun

* * *

Hübsches Späßchen des KLF-Masterminds und Künstlers Bill Drummond:
http://nomusicday.com

* * *

"Ein gelegentlicher
Blick in den Abgrund und gute Beziehung zum Weltschmerz pflegen, das heißt ein
Leben in Wahrheit führen: Ich bin hinfällig und werde sterben, bin umstellt von
mitleidloser Naturgewalt und unzulänglicher Menschenwelt. Das ist die Lage. Ich
habe sie erkannt. Und stelle mich stur oder fromm, sobald diese drei
Widrigkeiten auch nur wagen, mich anzutippen." Thomas
Kapielski

In diesem Sinne - schöne Feiertage, und nur das Beste in 2007!

18.11.2006

Und Ansonsten 2006-11-18

Zwischen
1993 und 2004 hat sich das Nettovermögen des reichsten Viertels in
Westdeutschland um knapp 28 Prozent erhöht. Im ärmsten Viertel zeigt sich
hingegen im selben Zeitraum ein dramatischer Rückgang von 50 Prozent. In
Ostdeutschland hat das Einkommen im reichsten Viertel um fast 86 Prozent
zugenommen, allerdings auf niedrigerem Niveau als im Westen, während das
Einkommen im ärmsten Viertel um knapp 21 Prozent abnahm (lt. „Süddeutsche
Zeitung“).
„Erfolg“ der Politik von Kohl, Schröder und Merkel.
Während seit Jahren über die Streichung von Einkommen des ärmsten Viertels der
Gesellschaft heftigst debattiert wird, ist mir eine Debatte über die Einkommen
des reichsten Viertels nicht erinnerlich.

* * *

Die „Süddeutsche Zeitung“ meldet:
„Die Vertriebenenausstellung
soll auf Reisen gehen.“
Gute Idee. Schießt sie auf den Mond.

* * *

„…daß die Ursache aller
seelischen Krankheiten – und nahezu alle Krankheiten sind ja seelische
Krankheiten – die Familie ist, das stickige Familienleben, das alles Leben
erdrückende große, weiche, muffige Familienbett.“
Imre Kertészs

* * *

Thomas Ostermeier, künstlerischer Leiter der Berliner Schaubühne, zur
Empfehlung der Verfassungsrichter, an der Kultur zu sparen:
„Das ist für mich alles
neoliberale Propaganda. Der Kulturhaushalt beträgt 1,7 Prozent des Berliner
Haushalts, der Schaubühnenetat beträgt so viel wie die Zinsleistungen, die
Berlin für seine Schulden in anderthalb Tagen erbringen muß. Es ist völlig lächerlich,
diese Krümel als Sparopfer in die Diskussion zu bringen. Selbst wenn man sie
einsparen würde, würde man das überhaupt nicht merken. Null. Es handelt sich
bei den kulturellen und sozialen Einrichtungen um Errungenschaften einer sich
organisierenden Gesellschaft des ausklingenden 19. Jahrhunderts. Wir sind
gerade dabei, diese Errungenschaften abzuschaffen. Ohne schlechtes Gewissen.
Stattdessen bekommen diejenigen ein schlechtes Gewissen eingeredet, die auf
diesen Errungenschaften bestehen. Das ist doch krank.“
(zitiert nach „Berliner Zeitung“)

* * *

Auf jeden Fall hat der Berliner Senat nun schon einmal den Posten des
Kultursenators eingespart und eine in jeder Hinsicht „Billigversion“ umgesetzt:
Klaus Wowereit wird jetzt zusätzlich Kultursenator. Neben der deprimierenden
„Message“, die mit dieser Nachricht verbunden ist, fragt man sich, ob Wowereit
bisher nicht ausgelastet war, weil er denkt, jetzt eine derart umfassende
Tätigkeit gewissermaßen „nebenher“ mit erledigen zu können. Für einen wie
Wowereit besteht „Kultur“ wahrscheinlich eh nur im Partyfeiern und saloppe
Sprüche machen. Paßt auch irgendwie zu Berlin.

* * *

Aus einem Interview des „Tagesspiegel“ mit dem Schriftsteller Edhar Hilsenrath
(80):
„In Ihrem neuen Buch „Berlin…Endstation“ wird Lesche, ein gehbehinderter
jüdischer Schriftsteller, von Neonazis auf offener Straße in Berlin erschlagen.
Haben Sie wieder Angst?“
„Das liegt in der Luft, war
schon immer so. Ende der 70er Jahre haben die Nazis eine Lesung von mir
gesprengt. Später haben sie Hakenkreuze an meine Wohnungstür geschmiert. Hier
in Friedenau. Heute hört man wieder Dinge, die vor einigen Jahren noch tabu
gewesen wären. Der eine sagt: Ich mag die Juden nicht. Der andere: Die Juden
sind selbst schuld am Antisemitismus. Das geht alles wieder. Ich war mal am
Holocaustmahnmal, aber es hat mich nicht beeindruckt. Die Deutschen haben es
für sich selbst gebaut. Ich brauche es nicht. Ganz Deutschland ist ein
Holocaustmahnmal.“

* * *

Das ist das, was ich an der „Berliner Zeitung“ so liebe: Am 9.11. titelt das
Blatt „Studie:
Antisemitische und demokratiefeindliche Einstellungen im Westen häufiger als im
Osten“. Die farbigen Statistiken im Artikel allerdings belegen das
genaue Gegenteil: „Befürwortung einer Diktatur“ findet sich etwa im Osten bei
6,5% der Befragten, im Westen bei 4,4%. „Ausländerfeindlichkeit“: Im Osten
30,6%, im Westen 25,7%. „Sozialdarwinismus“ im Osten 6,2%, im Westen 4%.
Thesenjournalismus eben, es muß das rauskommen, was von der Zeitung behauptet
wird…

* * *

„Das sind die Leute, die
immer mit dem Staat und den Mächtigen packeln und entweder links oder rechts
davon sitzen. Der typische deutschsprachige Schriftsteller. (…) Die haben ja
nie einen Charakter gehabt. Nur die Frühverstorbenen, meistens.“
Thomas Bernhard

* * *

Ein schönes Beispiel, wie zeitgenössische, wie überhaupt Kammermusik heutzutage
intelligent und kreativ präsentiert werden kann, ohne das „Modern talking“ der
Klassik-Musikindustrie mitzumachen, lieferte der famose Pianist Pierre-Laurent
Aimard, „Pianist in Residence“, mit Musikern der Berliner Philharmoniker im
Oktober im Kammermusiksaal Berlin. Musikstücke, die scheinbar wenig miteinander
zu tun haben, wurden intelligent gekoppelt – etwa unter der Überschrift
„Quartett für einen wiederholten Ton“ Sätze von Beethoven, Kurtág und Bartók.
Oder Schubert-Ländler und Walzer wurden mit Melodien aus dem „Tierkreis“
Stockhausens kombiniert. Das „Scherzo brilliante“ führte verschiedenste
Solo-Virtuosenstücke zusammen, woraus ein eigenes Stück kreiert wurde. Und zum
Schluß ein Block Ligeti, endend mit dem „Poème Symphonique für 100 Metronome“.
Begeisterte Zustimmung – SO, Freunde, kann „Klassik“, kann zeitgenössische
Musik Spaß machen. Aimard ist ein Glücksfall für Berlin!

* * *

„Musikhören ist nicht
schwer, es sei denn, man hört zu.“ Mauricio Kagel

* * *

Und dann war da noch der Provinzveranstalter eines „Midlake“-Konzerts, der nach
dem Konzert kritisierte, die Band habe ja „null Entertainment, null
Choreographie“. Wenn wir mal Comedy oder Tanztheater auf Tournee schicken,
werden wir uns wieder bei dem Veranstalter melden…

„Soffrir più non si può.“ (Idomeneo)

07.10.2006

Und Ansonsten 2006-10-07

Aufmacher
des Wirtschafts-Teils der "FAZ" am 30.8.2006: "Die deutsche Rüstungsindustrie
entdeckt Indien - Minister Glos wirbt in Neu-Delhi für Waffen - Indien ist der
größte Einkäufer unter den Entwicklungsländern."
Im Feuilleton der gleichen Ausgabe der "FAZ" eine Anzeige: "India on the Rise"
wird da eine Veranstaltung zur Frankfurter Buchmesse beworben, u.a. mit Panels
zu den Themen "India and
the World Economy" oder "India
Today: Changes of Globalisation".
Da weiß man doch gleich wieder, warum Buchmessen-Gastländer eingeladen werden…

* * *

Arlo Guthrie, Sohn des Songwriter-Helden Woody Guthrie, geht zusammen mit dem "hegelianischen Liedermacher"
("Junge Welt") Hans-Eckart Wenzel auf Deutschland-Tournee. Arlo
Guthrie im Interview zur genannten Zeitung: "Alle
sind so müde von all diesen Verrücktheiten, von all diesen Idioten. Und dabei
ist es mir egal, ob es sich nun um Osama oder Bush jr. oder um sonst wen
handelt".
Offenkundig sind dem Songwriter auch die Konzertsäle und Ticketpreise der
Tournee egal, und so treten Guthrie und Wenzel ganz "hegelianisch"
u.a. in der "Alten Oper" Frankfurt (Ticketpreise zwischen EUR 42 und
EUR 48; startet man auf der Website der beiden Künstler den Frankfurt-Button,
bekommt man das Herrschaftshaus der Alten Oper im Postkartenidyllen-Stil auf
mehreren Ansichten gezeigt), im Münchner "Gasteig" (Ticketpreise
zwischen EUR 35 und EUR 47,50…) und auf der Wartburg auf. Was zur Wartburg zu
sagen ist, hat der Komponist und Dirigent Christian von Borries anläßlich
seines fürs Weimarer Kunstfest erarbeiteten "Tannhäuser"-Projekts auf
der Wartburg eine Woche vorher gesagt, u.a.:
"Ein Bild der Wartburg
ziert die Wände des Restaurants "Deutscher Hof" in Kabul. Der
historisch-symbolisch aufgeladene Ort Wartburg, populär durch Richard Wagners
"Tannhäuser" und Martin Luther, ist Ausgangspunkt der Spiegelung
deutscher Geschichte und Ideologie: Psychogeographie."
Und so kommen der Sohn des US-amerikanischen Kommunisten Woody Guthrie und der
"hegelianische Liedermacher" aus Berlin wie selbstverständlich an
diesem aufgeladenen deutschen Ort zusammen, um gegen Bush, Osama oder wie
"all diese Idioten" heißen mögen, anzusingen. Besser könnte man so
etwas nicht erfunden haben.

* * *

Seit dem 10.9. kann man relativ genau bemessen, wieviel die "taz",
manchmal auch "Kinder-FAZ" betitelt, den "Weltenläufen" (um
mal bei Hegel zu bleiben) hinterherhinkt: Es sind etwas mehr als zwei Jahre. Am
10.9. die Titelseite der "taz": Ein großes Bild von Usama Bin Ladin,
darüber stehen ganz einfach die Worte "Der Sieger", mit der
Unterzeile "Warum Bin Laden gewonnen hat". Eine zugegeben originelle
Perspektive im Angesicht der Müll-Schwemme, zu der die Medien rund um den 11.9.
sonst gegriffen haben.
Am 25.4.2004 allerdings: Auf der Titelseite des Feuilletons der
"FAZ": Ein Bild von Usama Bin Ladin. Darüber stehen ganz einfach die
Worte "Der Sieger", mit der Unterzeile "Er ist dabei, den
"Krieg gegen den Terror" zu gewinnen"…

* * *

Nochmal die "taz", gleiche Ausgabe, Stichwort gekaufter Journalismus:
einem nicht uninteressantem Artikel über Bergurlaub auf einer Hütte in den
Schweizer Hochalpen ist verschämt folgender Vermerk angefügt: "Die Reise wurde unterstützt von
Schweiz Tourismus." Was das wohl bedeuten mag? Hat
"Schweiz Tourismus" dem sogenannten "Journalisten" (oder
sollte man besser sagen: dem gekauften Werbetexter?) die Reise bezahlt? Oder
ihn bestochen? Oder die Zeitung selber, damit der Artikel erscheinen kann?
Billige Werbung wars für "Schweiz Tourismus" allemal - für die
Seriösität der "taz" allerdings weniger…

* * *

Daß ich das noch erleben darf: Die SPD stürmt in Richtung
"Klassenkampf", und der "Tagesspiegel" ist dabei. Der Wirtschaftsteil
des "Tagesspiegel" vom 9.9.06 macht Ernst: "Politik gegen den Strom",
titelt das Blatt, und in der Unterzeile heißt es, "…die SPD will sogar das Oligopol brechen".

Der deutsche Strommarkt wird bekanntlich von vier Unternehmen dominiert: Eon, RWE,
Vattenfall und EnBW. Die Politik ist diesen Unternehmen zum größten Teil
willfähriger Steigbügelhalter. Doch nun? Der stellvertretende SPD-Fraktionschef
Ulrich Kelber verkündet: "Wir
müssen das Oligopol brechen." Jedes Gesetz im Energiebereich
müssen einem "Monopol-Tüv
unterzogen" werden. Ob sich SPD-Kelber das eher so vorstellt,
wie unter dem zwischen Energieriesen und SPD-Regierung nahtlos hin und her
wechselndem Wirtschaftsminister Müller, der allgemein Großkonzern-freundliche
und speziell Energie-Riesen-freundliche Gesetze erlassen hatte, oder was er
sonst für eine subversive Strategie betreiben will, darüber ließ sich Kelber
nicht aus.

* * *

Der "grünen Gurke" hat immer noch niemand das Mikro abdrehen können:
"Ich freu mich, daß ich
jetzt auch mal offen sagen kann, daß ich Benedikta heiße, Claudia
Benedikta." (Die Grünen-Vorsitzende Claudia Roth in N24 zum
bevorstehenden Besuch Papst Benedikts XVI. in Bayern).
Was sind wir froh. War die Menschenrechtsbeauftragte der rot-grünen
Bundesregierung doch zuvor jahrelang unter Folter gezwungen worden, ihren
zweiten Vornamen geheimzuhalten.

* * *

Eine der widerlichsten Verhaltensweisen von Politikern ist die Benutzung des
Wörtchens "alternativlos". Zu ihrer Politik gebe es keine Alternative,
der Reformkurs oder die Mehrwertsteuererhöhung oder was auch immer sei
alternativlos.
Dies ist zutiefst anti-demokratisch. Schröder tat sich mit diesen Bemerkungen
groß, und nun flüchtet sich auch Angela Merkel in diese stalinistische Pose:
Die Beschlüsse der Bundesregierung seien "alternativlos".
Frau Merkel - eine Enttäuschung auf ganzer Linie. Deprimierend, daß unsereiner
realpolitisch immer nur die "Alternative" zwischen Pest und
"Kohl-Ära" hat…

* * *

"Wir sind Papst", und die "Spex" ist katholisch geworden
und glaubt an Legenden, also an lt. Duden "fromme Sagen": In einem
schönen Artikel zum Erscheinen der genialen Tortoise-Box "A Lazarus
Taxon" schreibt der "Spex"-Autor: "…und zuletzt fand sich der Legende nach nicht
einmal mehr ein Livepublikum für die Herren…". Ich kann den
Autor beruhigen, in der Realität fand sich nach wie vor ein nennenswertes
Livepublikum für Tortoise - eine kurze Nachfrage hätte dies richtigstellen
können. Sowas nannte man früher, zu Zeiten seriöserem Journalismus, mal
"Recherche". Aber heutzutage müssen journalistische Behauptungen ja
in der Regel nicht der Wahrheit, sondern dem aktuellen Weltbild ihres Autors
entsprechen.

* * *

Die (gespielte?) Empörung über das sogenannte "Gammelfleisch" kann in
einem Land, in dem Geiz geil ist, nur für Verwunderung sorgen. Wiglaf Droste
schreibt dazu in der "taz":
"Dabei ist der
massenhafte Verkauf von verdorbenem Fleisch nur die Konsequenz aus der hiesigen
Geschäftsordnung, deren oberstes Prinzip der Profit um jeden Preis ist. Solange
das so ist, wird Tiermehl an Rinder verfüttert, die an BSE erkranken, und so
lange wird auch so genanntes Gammelfleisch verkauft. Man nennt das freies
Unternehmertum. Es hat das Gesetz auf seiner Seite. (…)
Wer seine Rübe jeden Tag mit
Bild, Brüllradio und Gestörtenfernsehn vollprengelt, kann sich über Gammel im
Fleisch nicht mit Recht beschweren. Der veritable Fraß entspricht dem medialen.
Billigbilligbillig will es der Dauerkonsument, Parolen wie "Geiz ist
geil!" ahndet er nicht mit Boykott, Scheibeneinwurf oder stillem
Vorübergehn. Sie gefallen ihm, und genauso steckt er sich jeden Dreck auch in
den Mund und nennt das: essen. Dabei ist es nur ein Mangel an Selbstachtung und
Verstand. (…)
Wer ausgerechnet bei so
etwas Elementarem wie dem Essen immerzu nur sparen will, liefert die dumme
Nachfrage zum schmutzigen Angebot. Jede Wette: In ein paar Tagen wird ein
anderes Thema die massenmedial durchseuchten Köpfe der Deutschen füllen, und
dann werden sie wieder herzhaft in den Billiggammel beißen."

* * *

"Harte Arbeit hat noch
keinem geschadet, der es auf der Welt sonst kaum aushält."
Dietmar Dath

* * *

Der SPD-Bundestagsabgeordnete Johannes Kahrs war von 1994 bis 1998
stellvertretendes, von 1998 bis 2002 reguläres Mitglied des Verteidigungsausschusses
des Bundestags.
Im Bundestagswahlkampf 2005 hat der SPD-Politiker Spenden von Rüstungsfirmen
erhalten, die jeweils knapp unter der Veröffentlichungspflicht von 10.000 Euro
lagen. Laut einem Bericht der "Frankfurter Rundschau" erhielt Kahrs u.a.
Spenden an seinen Hamburger Kreisverband SPD-Mitte von Krauss-Maffei Wegmann
und Rheinmetall in Höhe von knapp 20.000 Euro.
Seit Beginn der neuen Wahlperiode 2005 ist der SPD-Politiker als Mitglied im
Haushaltsausschuß Berichterstatter der SPD-Fraktion für den Verteidigungsetat,
als solcher entscheidet er u.a. über die Rüstungsbeschaffung der Bundeswehr.
Ende Juni 2006 wurde vom Haushaltsausschuß mit der Stimme Johannes Kahrs die
Beschaffung von geschützten Fahrzeugen vom Typ Dingo 2 im Wert von 110 Millionen
Euro beschlossen. Hersteller: Krauss-Maffei Wegmann.
Von einem "Interessenkonflikt" kann laut Aussage von Johannes Kahrs
nicht die Rede sein. Das stimmt wohl auch, er und die Firmen, die ihm Spenden
zukommen lassen, dürften ja die gleichen Interessen haben…

* * *

Der Unterschied von FAZ-Feuilleton und SZ-Feuilleton, manchmal - hier anhand
des auf CD gepreßten Drecks namens "Pur":
Die "FAZ" schreibt über die aktuelle Club-Tour der Band unter dem
schönen Titel "Bandkäs'
mit Musik" u.a.:
"Es wird ja wohl, so
hofft man, genug Ansätze für eine differenzierte Betrachtungsweise geben. Doch
schon nach wenigen Tönen und nur einem von Sänger Hartmut Engler intonierten
Refrain versagt die Hoffnung. Sie duckt sich weg und nimmt Reißaus. (…)
Ein "Pur"-Konzert
ist eine Reise an einen Ort, wo unter originalitätsfreiem Gedudel die Essenz
aus dem gesamten Deutschrock-Schrecken der achtziger Jahre gepreßt und auf
Schlager runtergekocht wird."
Die "SZ" schreibt unter dem Titel "Radikal
normal" u.a.:
"Die Musik von Pur
ästhetisch abzulehnen, ist das eine. Aber man muß Pur im Konzert hören, zum
Beispiel das alte Lied "Wenn sie diesen Tango hört", das ganz ähnlich
wie das neue "Immer wieder" eine Geschichte von einer einsamen Frau
erzählt. Das sind klassische "Eleanor Rigby"-Genrelieder. Natürlich
kann man die Arrangements muckerhaft finden, man kann sich über die
Erwartbarkeit der Akkordfolgen aufregen, aber: Diese Lieder wirken. Sie jagen
selbst Leuten einen Schauer über den Rücken, die weder alleinstehende Witwen
kennen noch Alkoholikerinnen, sondern allenfalls in wehmütigen Momenten einmal
darüber nachdenken, daß hinter all den Fenstern der Häuser Menschen mit
Geschichten leben, und eben auch Witwen und Alkoholikerinnen. Das ist das
Wunder der Musik: Wenn sie funktioniert, kann man sich gegen sie nicht
wehren."
Das ist der Zauber des Journalismus: Wenn er "funktioniert", schafft
mans nicht mehr rasch genug aufs Klo… Oder, wie der Popautor der SZ in dem
Artikel festgestellt hat: es handelt sich um einen "schmalen Grad" (sic).
Und jetzt raten wir gemeinsam: welche der beiden Zeitungen hatte zum jüngsten
Papstbesuch eine tägliche redaktionelle Sonderbeilage?

* * *

Der ehrenwerte und hervorragende Pianist Michael Korstick, dessen
Beethoven-Einspielungen in jede einigermaßen sortierte Plattensammlung gehören,
gehört zu denjenigen, um die weniger Tamtam gemacht wird als um andere. Dafür
hat er etwas, was selten geworden ist: Geschmack und Rückgrat.
Soeben hat Korstick beim Landgericht Berlin erwirkt, daß Sony BMG die CD
"Kuschel Klassik Vol. 10" in der vorliegenden Form vom Markt nehmen
muß. Korstick erklärte, seine Aufnahme von Beethovens "Bagatelle" op.
126.1 für das Label Ars Musici sei ohne seine Zustimmung an Sony BMG
weiterlizensiert worden: "Die
Idee, ausgerechnet den späten Beethoven als Kuschelmusik zu verramschen, ist
vollkommen absurd", sagte der Pianist laut "Berliner
Zeitung".
Wir gratulieren von Herzen und hoffen, daß den Erfindern von Ungetümen wie
"Kuschelklassik" der Süßkram im Halse stecken bleibt.

* * *

"Gegen die Benutzung
von Musik kann sich niemand schützen."
Christian von Borries

* * *

Und dann war da noch die nicht völlig unbekannte und nicht völlig
unerfolgreiche Berliner Rockband, deren Sängerin bei einem Konzert in
Niederösterreich nicht auftreten wollte, weil sie im Saal die Werbung eines der
Sponsoren des Kulturzentrums, "Bank Austria", sah. Als man den
Musikern erklärte, daß sie doch am Tag zuvor in Wien sogar in der "Bank
Austria-Arena" gespielt hatten, hatte sich der heldenhafte Vorstoß der
Gutmenschen schnell wieder erledigt…

04.09.2006

Und Ansonsten 2006-09-04

"Die
Welt hat wieder Angst vor uns", eine Parole von Oliver Bierhoff, nur in
ausländischen Feuilletons diskutiert. Zwei Beispiele aus den Tageszeitungen des
7.Juli 2006, zwei Beispiele nur für das "neue
entspannte Nationalgefühl" (Reinhold Beckmann), das sie
meinen:
In einem Dorf in Sachsen-Anhalt werden eine amerikanische Flagge und das
"Tagebuch der Anne Frank" verbrannt. Praktisch das ganze Dorf steht
dabei und sieht zu, inklusive des Bürgermeisters der sogenannten
"Linkspartei", der sogar Mitglied des ortsansässigen "Heimat
Bund Ostelbien" war, einer rechtsradikalen Vereinigung in der Nachfolge
der vom Innenministerium verbotenen Kameradschaft
"Ostelbien-Pretzien". (lt. FAZ) -
Bei der Feier eines Berliner Hochzeitspaares auf Schloß Marquardt im Potsdamer
Norden tauchten in der Nacht kahl geschorene Schläger auf, sie pöbelten,
prügelten sich mit dem Bräutigam und Gästen und demolierten das Partymobiliar.
Die Skinheads riefen "Das ist unser Dorf, ihr habt hier nichts zu
suchen!" Die mehrfach von den Gästen angerufene Polizei erschien erst mit
gehöriger Verspätung. Als Grund für den Angriff der Skinheads auf die
Hochzeitsgesellschaft nannten Potsdamer, bei der Hochzeit sei "türkische
Musik" gespielt worden, daher sei im Dorf das Gerücht aufgekommen,
"da ist eine Türkenhochzeit", und so zogen die Skinheads vom Dorffest
zu der Hochzeit. Wenn das kein ausreichender Grund ist. (lt. Tagesspiegel) -

* * *

Der "Tagesspiegel" erklärt die Welt, anhand der Hochzeit eines
anderen Potsdamer Bürgers, nämlich von Günther Jauch:
"Von seinem
Millionenvermögen haben durch seinen Einsatz in Erhalt und Wiederaufbau
historischer Potsdamer Bauten alle was."
(zur Info: lt. Grundbuchauszügen gehören Günther Jauch in Potsdam 21 Villen
bzw. Villengrundstücke)

* * *

Eine Tanja Rest darf die "Süddeutsche Zeitung" vollbrabbeln:
"Die deutschen Fans
haben bei dieser Weltmeisterschaft ein Vorurteil widerlegt. Deutsche Fans,
behauptet das Vorurteil, sind nicht kreativ. (…) Doch gerade bei den Deutschen
kam bei der WM etwas dazu: Kreativität und Witz."
Als Beispiel für die gerühmte "Kreativität", als Beispiel für den
"Witz" wird der Artikel mit einem Bild unterlegt, auf dem ein
Fan-Plakat hochgehalten wird, auf dem steht:
"Danke Kaiser Franz für
diese geile WM"
Als weitere Belege für Kreativität und Witz führt Frau Rest in ihrem Artikel
u.a. die folgenden Fanplakate an: "Wir
stehen hinter Euch", oder "Meine
Frau gegen Tiket".
Kreativität und Witz in den Zeiten von Pisa.
(aber nichts zu blöd, als daß es nicht noch von einer liberalen Tageszeitung
ausgewalzt werden würde)

* * *

In der "tageszeitung" macht Daniel Bax, Kulturredakteur, Stimmung für
die Hisbollah: angeblich unterstütze im Libanon "eine Mehrheit über alle Religionen hinweg (!) den
militärischen Widerstand" der Hisbollah (das Ausrufungszeichen
ist von Bax). Wie Islamisten-Terror zu "Widerstand" hochgeschrieben
wird, darin tun sich hierzulande "Süddeutsche Zeitung",
"tageszeitung" oder Rechtsradikale gemein. Der Aggressor ist längst
ausgeguckt: Israel ist aggressiv. "In
Bild und Text kommen israelische Juden nur als Täter und Aggressoren vor, es
werden vor allem Männer, Soldaten abgebildet; der Libanon hingegen scheint aus
Frauen und - vorzugsweise toten - Kindern zu bestehen. Die Hisbollah kommt
ebenso wenig vor wie das Flüchtlingselend auf israelischer Seite" (Tjark
Kunstreich). Imre Kertész spricht bereits von einem
"Euro-Antisemitismus". Der selbstredend auf
Boulevard-"Niveau" stattfindet. Gefälschte Fotos werden unkommentiert
abgedruckt, im Nachhinein entschuldigen sich dafür weder SZ noch taz, es geht
ja nur um Stimmungsjournalismus. Manipulierte Opferzahlen, verdrehte Fakten
werden nirgends richtig gestellt - es geht um eine besondere Form des
Antisemitismus, da dürfen Fakten nicht im Wege stehen.
So macht in Deutschland eine breite Front von links bis ganz rechts Stimmung
für die Hisbollah und gegen Israel. Es ist widerlich, dies zu verfolgen.
"Entspannter Patriotismus" nennt sich das seit Neuestem…

* * *

Doch wenn hiesige Medien über die Nazizeit brabbeln dürfen, dann lassen sie
selbst die Schmähung Israels auf die hinteren Seiten des Feuilletons wandern.
Die neueste Sau, die durchs Nazidorf getrieben wird beziehungsweise eher
freiwillig dort rumsuhlt, heißt Günter Grass. Der hat plötzlich festgestellt,
daß er in der Waffen-SS war. Und will dafür Mitleid.
Und die Medien landauf landab spielen mit bei dieser "Reklameaktion eines
Publicity-Süchtigen, der ein neues Buch geschrieben hat" (Klaus
Theweleit).
Nun könnte es einem ja relativ egal sein, was ein schlechter Schriftsteller,
der in seinem Leben vielleicht ein halbes ordentliches Buch zustande gebracht
hat, ein erbärmlicher Zeichner, aber moralinsaurer Wichtigtuer sondergleichen
in seiner Jugend getrieben hat. Dennoch lohnt es sich, zwei Details näher unter
die Lupe zu nehmen:
Das eine ist, wie einer noch heute verklärt, wie er unter die Nazis geriet,
gewissermaßen als anti-bürgerliche, als anti-autoritäre Widerstandsaktion: "Mir ging es zunächst vor allem
darum rauszukommen. Aus der Enge, aus der Familie. Das wollte ich beenden, und
deshalb habe ich mich freiwillig gemeldet." Und daß er bis
heute nicht viel gelernt hat, sagt er wenig später im FAZ-Interview: "Wir (im Westen, BS) hatten
Adenauer, grauenhaft, mit all den Lügen, mit dem ganzen katholischen Mief. Die
damals propagierte Gesellschaft war durch eine Art von Spießigkeit geprägt, die
es nicht einmal bei den Nazis gegeben hatte. Die Nazis hatten auf
oberflächliche Weise eine Art Volksgemeinschaft etabliert. Klassenunterschiede
oder religiöser Dünkel durften da keine vorherrschende Rolle spielen."
Grass sozusagen als Propagandist des Strasser-Flügels der NSDAP; hierin hätte
er sich gut mit Michael Kühnen und anderen Propagandisten der verbotenen ANS
verstanden.
Und besonders ekelhaft, wie Grass sich nicht zu blöde ist, selbst seine
Waffen-SS-Enthüllung noch zum primitiven Antiamerikanismus zu nutzen: denn
Rassismus, so Grass, habe er nicht etwa unter den Nazis, sondern das erste Mal
im amerikanischen Kriegsgefangenenlager erlebt, als schwarze Soldaten
"Nigger" genannt worden seien.
Michael Wuliger schreibt zu dieser Haltung von Günter Grass ganz richtig: "Spätestens mit Grass' Bekenntnis
ist diese Lebenslüge futsch, wie schon vor ihr andere. Gewiß, der
Schriftsteller war nur wenige Monate in der SS. Und nach 1945 hat er sich als
untadeliger Demokrat bewährt. Das allerdings verdanken wir nicht Grass'
Gewissen, sondern der Tatsache, daß die Anti-Hitler-Koalition die Nazis besiegt
hat. Wäre es andersherum gekommen, wer weiß was aus dem Mann in der SS noch
hätte werden können." -
Und zweitens: Grass tut, wie so viele seiner Generation, so, als ob
"man" nichts hätte wissen können. Die Zustände, sie waren eben so.
Wie kommt es dann, daß andere junge Menschen seiner Generation den Weg in den
Widerstand gefunden haben? Wie kam es zur Weißen Rose, zu den Edelweißpiraten?
Oder wenigstens zum Beispiel den Katholiken oder Bürgerlichen, die einfach nicht
mittun wollten bei den Nazis?
Mal ganz abgesehen davon, daß ihm seine Worte vom 8.Mai 1985 nun kräftig auf
die Füße fallen, gehalten anläßlich des Besuchs des Soldatenfriedhofs Bitburg
von Kohl und Reagan: "Doch
was sagen die wiederholten Beteuerungen, es habe die überwiegende Mehrheit des
deutschen Volkes von Gaskammern, Massenvernichtungen, vom Völkermord nichts
gewußt? Diese Unwissenheit spricht nicht frei. Sie ist selbstverschuldet, zumal
die besagte Mehrheit wohl wußte, daß es Konzentrationslager gab und wer alles
in sie hineingehörte…"
Damit wir uns nicht mißverstehen - ich weiß, daß es aus heutiger Sicht ein
Leichtes ist, diese Fragen zu stellen. Noch leichter ist es aber, den Weg in
die Waffen-SS als unausweichlich, als alternativlos zu beschreiben, weil es ja
keine andere Möglichkeit gegeben habe…
Und ein Letztes: auch andere Künstler waren in verschiedensten Nazi-Verbänden,
Erich Loest, Dario Fo, der große Maler Bernhard Heisig sogar ebenfalls in der
Waffen-SS. Keiner der beispielhaft Genannten machte aber je ein eitles Gewese
darum, und jeder dieser beispielhaft Genannten hat sich vor Jahrzehnten bereits
mit diesen Irrwegen auseinandergesetzt. Bernhard Heisig merkt man noch heute
jedem seiner großartigen Gemälde die Verzweiflung angesichts der Erlebnisse im
Zweiten Weltkrieg an. Dies ist eine künstlerische Auseinandersetzung, vor der
man nicht tief genug den Hut ziehen kann.
Günter Grass dagegen betreibt eine eitle, nach Tagen dann gar weinerliche
Werbekampagne, man möge nun sogar Mitleid mit dem Wichtigtuer haben. Nein
danke, Grass, den habe ich satt.

* * *

Wobei, am Rande sei's angemerkt, das größte Verbrechen von Grass wahrscheinlich
darin besteht, seine Leser zu langweilen, die Betrachter seiner Zeichnungen zu
quälen. Das nun wieder hat er mit weiten Teilen des liberalen
Kulturestablishments gemein, und insofern hat er seinen Literaturnobelpreis
wohl zurecht erhalten. Strafe muß sein, und so muß das von Grass geschmähte
Bürgertum sich nun Grassens "Zwiebel" kaufen und neben die ebenfalls
ungelesenen Klötze von Butt bis Gutloff stellen…

* * *

Der Popsänger Bono hat mit Grass so manches gemein: Ein ebenso schwaches (so
wie Grass es nur auf einige Kapitel Blechtrommel gebracht hat, die Bestand
haben, so sinds von U2 vielleicht drei vier sehr alte Songs, die man gelten
lassen kann…) wie heillos überschätztes Werk - wenn es einen Musiknobelpreis
geben würde, jede Wette, der Bono hätte ihn längst erhalten. Und wie der eine
geht einem auch der andere mit moralinsaurer Wichtigtuerei ganz gewaltig auf
die Nerven. Sitzt der eine beim Schröder auf dem Schoß, wanzt sich der andere
an Blair ran. Und der eine war in der Waffen-SS, während der andere seiner
öffentlichen Globalisierungskritik dadurch Nachdruck verleiht, daß er 40% an
der Bibel des Kapitalismus, dem Forbes-Magazin (Untertitel: "Wie man reich
wird und das genießt"), erwirbt. Dabei hat sich Bono, der von der irischen
Regierung einen Zuschuß zum Schuldenerlaß verlangte, mit U2 ins Ausland
abgesetzt, um höhere Steuern zu vermeiden - die die U2-Songs verwaltende
Holding hat nun ihren Sitz in Holland, wo Künstlereinkommen nur geringfügig
besteuert werden - "im
Gegensatz zu Irland, das seit dem Dezember Abschreibungsmöglichkeiten für
Hochverdiener weitgehend reduziert hat", wie der
"Spiegel" schreibt.
Cui Bono? Es geht eben auch bei öffentlichwirksamen Wichtigtuer-Auftritten nur
um den eigenen Reichtum.

* * *

"Pop hat seine
Grenzen." (Pierre Boulez)

* * *

Jeder Songtext von Lou Reed ist mehr wert, als alles, was
JuliSilbermondWirsindHeldenTomte und wie sie alle heißen in ihrem ganzen Leben
schreiben werden. Insofern ist ein Buch namens "Lou Reed: Pass Thru Fire -
The Collected Lyrics / Alle Songs" zunächst einmal eine erfreuliche
Neuerscheinung.
Dann aber liest man die deutschen Übersetzungen, die von einer kaum zu
überbietenden Jämmerlichkeit sind. Das schöne "Sunday morning / Brings the dawn in"
etwa wird vergewaltigt zu "Sonntagmorgen
/ Frühe Sorgen". Und man fragt sich, warum der Band "Lou
Reed: Texte" bei KiWi mit den Übersetzungen von Diedrich Diederichsen
nicht mehr aufgelegt wird. Der ist hervorragend, während vor "Pass Thru
Fire" nur gewarnt werden kann.

* * *

Hitlers Lieblingsbildhauer Arno Breker, dessen Statuen auch das
Fußball-Weltmeisterschaftsstadion zu Berlin verunreinigen, hat auch nach 1945
Kontakte ins rechtsextreme Milieu gepflegt. Wen wunderts. Der Bundesverband
Bildender Künstlerinnen und Künstler, BBK, hat daher die Schließung der
Breker-Ausstellung in Schwerin gefordert. Eine Ausstellung, für die sich Günter
Grass natürlich eingesetzt hat…

* * *

Um beim Thema zu bleiben - unkommentiert von den Medien feierte die Berliner
Waldbühne am 5.August ihr 70jähriges Bestehen. Mathematik schwach? Genau - die
Nazikultstätte wurde 1936 eröffnet (und 1965 beim legendären Auftritt der
Rolling Stones völlig zu Recht demoliert, wenn man das so sagen will…).
1981 "übernahm", wie es verschämt in den Meldungen anläßlich des
Waldbühnen-Jubiläums heißt, Peter Schwenkow die Spielstätte als Veranstalter.
Man könnte natürlich auch sagen: 1981 pachtete CDU-Mitglied Schwenkow vom
CDU-Senat die Waldbühne, aber dazu hätten Journalisten ja das tun müssen, wofür
sie bezahlt werden, nämlich: recherchieren… Im September diesen Jahres, also 25
Jahre nach der Übernahme der Waldbühne, tritt der DEAG-Boß für die Berliner CDU
übrigens zu den Wahlen des Abgeordnetenhauses an. -
Zu den Jubiläumskonzerten gehört ein von der DEAG geplantes
"Taschenlampenkonzert" der Band "Rumpelstil". Sind eben
erwiesenermaßen alles ganz kleine Lichter, irgendwie.

* * *

Aus einer Buchbesprechung in der Zeitschrift "Mobil - Das Magazin der
Bahn":
"Pharmakonzerne und
andere Verbrecher sind bereit, dafür über Leichen zu gehen…"
Wo sie Recht haben, haben sie Recht.

* * *

Schon faszinierend, wie die gleichgeschaltete Presse ein von der Deutschen Bank
finanziertes Event im Vorfeld großschrieb und dann trotz offenkundigen
Scheitern nicht verriß, sondern lediglich ein wenig unfreundlich kommentierte.
Wochenlang konnte man vor der Neueröffnung des Berliner "Admiralspalastes"
Porträts und Interviews des Regisseurs der neu-inszenierten
"Dreigroschenoper" Brechts, Brandauer, oder eines seiner
Hauptdarsteller, Campino von den sogenannten "Toten Hosen", oder des
Besitzers des neuen Kulturpalastes, Falk Walter, förmlich nicht entrinnen.
Dann gebar der Berg, und heraus kam nicht einmal eine Maus.
Doch natürlich verreißt die gleichgeschaltete Presse nicht ein Event, für das
die Deutsche Bank, wie zu hören war, 3,5 Millionen Euro ausgegeben hat - wer
wollte es sich schon mit einem deutschen Machtfaktor verderben? Und so
konstatierte man landauf landab, daß Brandauer seine Schauspieler nicht
"führen" könne, vermeldete als "die
größte Überraschung des Abends, daß Campino, sonst Held der Toten Hosen, der
hier den Mackie Messer gab, nicht nur kein Schauspieler ist, sondern auch kein
Sänger, jedenfalls keiner, der Weill singen könnte."
("Die Zeit"). Campino kann nicht singen? Das hätte ich ihnen auch
vorher schon sagen können, das kann man unschwer feststellen, wenn man die
Schlagerband namens "Tote Hosen" hört, die hierzulande als
"Punk" gilt (denn in Deutschland findet selbst der Punk im Saale
statt, und das Publikum löst nicht nur eine Bahnsteigkarte, sondern kauft teure
Tickets…).
Der eigentliche Skandal des Abends im Admiralspalast war aber die Aneignung
Brechts durch die Deutsche Bank, der ja bereits, im Wortsinn, etliche Werke
moderner Kunst gehören und die ihren Ackermann zur Premiere schickte, feist
grinsend wie üblich. Die Message, die da ausgesendet wurde, war klar: Wir, die
Deutsche Bank, vereinnahmen Brecht und lassen ihn von ein paar willfährigen
Hanswursteln aus Österreich und Düsseldorf zum schwäbischen Heimatdichter
deformieren.
Und so war es nur konsequent, daß sich Ackermann und Konsorten nach der
Premiere bei Gesängen des Johannes Heesters vergnügten, der zuletzt 1940 an
gleicher Stelle aufgetreten war; auch Hitler und Goebbels sollen sich damals
schon wie Bolle amüsiert haben, und die Deutsche Bank fühlte sich hier wie da
sauwohl.

* * *

Die grüne Gurke Claudia Roth "war
nach eigenen Angaben als Menschenrechtsbeauftragte der rot-grünen
Bundesregierung nicht über deren Vorgehen im Fall Murat Kurnaz informiert",
meldet der "Tagesspiegel". Und daraus kann man zweierlei lesen:
Erstens, daß selbst ihre eigenen Leute die heutige "Grünen"-Chefin
wohl für zu unwichtig hielten, als daß man sie über irgendwelche
Regierungsgeschäfte hätte informieren sollen. Und zweitens - was tut Roth nun?
Sie fordert, genau, "eine
Erklärung".

* * *

Das ZDF räumte "einer
Rockgruppe ausführlich redaktionellen Platz ein, mit der es bereits einen
Lizenzvertrag zur Vermarktung gab" ("Spiegel").
Gegen Bezahlung einer "pauschalen
Lizenzsumme durch die Plattenfirma" wurden die über 20
gesendeten ZDF-Trailer für das Länderspiel Deutschland-Slowenien mit einem
aktuellen Titel der Band unterlegt. Und am Wochenende vor dem Länderspiel
sendete die ZDF-Sportreportage, bisher ja nicht gerade als Musiksendung
aufgefallen, einen fast siebenminütigen Beitrag, in dem eben diese Band
vorgestellt wurde und über den slowenischen Fußball plaudern darf.
Und so läuft wieder einmal alles wie geschmiert: Eine blöde Plattenfirma, die
das Musikgeschäft als Marketingangelegenheit begreift und nicht an die Musik
ihrer Gruppe glaubt; eine blöde Band, die offensichtlich ohne "eine Hand
wäscht die andere"-Geschäfte keiner hören wollte; und eine blöde
"öffentlich-rechtliche" Redaktion, die die von der Plattenfirma im
Vorfeld vorgeschlagene "redaktionelle
Einbindung" der Band gerne annimmt.
Nichts Besonderes, ich weiß, nur ein Beispiel von vielen. Aber eben auch ein
Beispiel dafür, wie verlottert die Sitten beim öffentlich-rechtlichem Rundfunk
und Fernsehen längst sind.

Die Bands dieser Agentur werden Sie dagegen nicht in der ZDF-Sportreportage
finden. Und wir glauben so sehr an die Qualität der Musik "unserer"
Bands, daß wir, auch wenn wir es könnten, unsere Bands nicht in Funk- und
Fernsehsendungen einkaufen würden (und glauben Sie mir: Angebote dergestalt gab
es bereits!).
Sie müssen schon in die Konzerte gehen, um die Musik "live" zu
erleben. Dafür garantieren wir Ihnen unverfälschte, spannende, nicht
manipulierte Musikerlebnisse…

02.06.2006

Und Ansonsten 2006-06-02

Manchmal
wird so getan, als ob es ein Leben nach der Fußball-Weltmeisterschaft nicht
gäbe. Ein Versicherungskonzern schreibt in einer Werbesendung zum Beispiel: "…kümmern Sie sich um wichtige
Dinge noch vor dem WM-Anpfiff, z.B. um die Versorgung Ihrer Familie, falls
Ihnen einmal etwas zustößt. Schließen Sie jetzt ab und wir versichern Sie
beitragsfrei bis September. Verwandeln Sie jetzt diesen Freistoß…"
Bei mir landete der Freistoß im Papierkorb. Volltreffer.

* * *

Gute Verarsche auch die Kampagne der Bahn. Die bietet eine "Weltmeister
BahnCard" an zum Preis von "nur 19.- Euro in der 2.Klasse". Bei
Abschluß bis zum 9.6. gilt die Bahncard "mindestens bis 31.7.2006".
Normalerweise kostet die "BahnCard 25" EUR 59.- und gilt 12 Monate.
Je nachdem, wann der Kunde die "Weltmeister BahnCard 25" abschließt,
gilt sie 3 Monate oder 2 Monate oder gar nur 51 Tage - was einem Jahrespreis
von EUR 76.- (!), von EUR 114.- (!!) oder noch mehr entspricht - die
Weltmeister Bahncard kommt den Fan, der nicht mitrechnet, also bis zu doppelt
so teuer als die übliche gleiche Bahncard.
Selbst, wenn man annehmen mag, daß die deutsche Fußballmannschaft eine oder gar
zwei Runden weiterkommt im WM-Turnier und die "Weltmeister-Bahncard"
sich mithin einen oder zwei Monate verlängert, ist sie immer noch teurer als
die gewöhnliche Bahncard. Lediglich bei Erreichen des Halbfinals oder Finals
rechnet sich die "Weltmeister BahnCard" ein kleines bißchen.

* * *

Gar nicht verstehen mag man die Aufregung um die Äußerungen des früheren
Regierungssprechers Uwe-Karsten Heye, in Brandenburg gäbe es "kleinere und mittlere Städte, wo
ich keinem raten würde, der eine andere Hautfarbe hat, hinzugehen. Er würde es
möglicherweise lebend nicht wieder verlassen." Leider hat Heye
nur die Wahrheit formuliert. Und ich würde hinzufügen, daß diese traurige Wahrheit
leider nicht nur für weite Teile Brandenburgs, sondern ebenso für weite Teile
Sachsens, Thüringens oder Mecklenburg-Vorpommerns, aber auch für Teile Berlins
gilt. Diese Agentur vermeidet jedenfalls seit Jahren Auftritte ausländischer
Künstler in Orten, wo wir ihnen "nicht raten können, hinzugehen", in
Brandenburg, Sachsen und andernorts.
Daß sich nun all diejenigen "empören", die nichts tun gegen
rassistische Gewalt, die aber bereit sind, den Überbringer der schlechten
Nachricht zu hängen, spricht Bände über die bundesrepublikanische Realität des
Jahres 2006.

* * *

Die beiden Mosambikaner Antonio Mendez und Eustaquio Bobby Amaral wurden
beispielsweise am 25.5.2006 mitten in Weimar am frühen Abend von 15
rechtsradikalen deutschen Jugendlichen gepeinigt. Die Rechten, glatzköpfig und
in Springerstiefeln, haben seinen Namen gekannt, drangen in den Innenhof ein,
zerrten die beiden Mosambikaner auf die Hauptstraße, sie traten und schlugen
auf sie ein. Die Nachbarn schauten aus ihren Fenstern zu, andere standen auf
der Straße, geholfen hat den beiden Mosambikanern niemand. (lt. Berliner
Zeitung vom 27.5.d.J.)
Weimar, eine Stadt deutscher Hochkultur?

* * *

Einfach widerlich, wie die deutschen Medien, allen voran die Popjournalisten
von TV und Print, die Drogensucht des Sängers der "Babyshambles",
Pete Doherty, genüßlich ausweiden, um ihre Einschaltquoten und Auflagen zu
steigern. Ganz besonders tun sich bei diesem primitiven Journalismus in
"Bild"-Zeitungs-Manier MTV und "Berliner Zeitung" hervor.
MTV berichtet stolz und atemlos davon, wie Doherty bei einem Interviewversuch
einen Redakteur und einen Kameramann mit einer Spritze auf die
"Journalisten" gespritzt habe, und der Popredakteur der
"Berliner Zeitung" widmet diesem Sensationsjournalismus einen fünfspaltigen
Bericht unter dem Titel "Pete
Doherty ist pünktlich zu einem Konzert erschienen", und
entblödet sich nicht, im zynischen Tonfall von "Dohertys Fortschritten in der
Drogen-Rehabilitation" zu schwafeln, ganz so, als ob es im
sogenannten "Feuilleton" der Zeitung nichts Wichtigeres zu berichten
gäbe. Seriöse Zeitungen würden so etwas nicht drucken - genauso, wie ja auch
niemand über die Alkoholsucht oder das Gekokse von Popjournalisten berichtet…
Darf ein Popstar keine Privatsphäre haben? Wie gesagt: einfach widerlich.

* * *

Am Tag darauf findet es der Popredakteur der "Berliner Zeitung" unter
der Überschrift "Pete
Doherty kaufte sich in Köln ein Frauenkleid" berichtenswert,
daß Doherty beim Köln-Konzert der "Babyshambles" in einem Frauenkleid
erschien, "das er sich
zuvor in einem Kölner Secondhand-Laden gekauft hatte; den Kaufpreis von 80 Euro
hatte er bei zwei weiblichen Babyshambles-Fans erbettelt, die vor der Halle auf
den Konzertbeginn warteten."
Verzeihung, im Abschnitt vorher habe ich von
"Bild"-Zeitungs-Journalismus gesprochen, das war doch wohl zu hoch
gegriffen, "Bravo"-Journalismus wäre der realistischere Begriff
gewesen.

* * *

Daß dieser Pop-Redakteur der "Berliner Zeitung" irgend etwas
abzuarbeiten hat, daß ihm Pete Doherty geradezu zu einer Obsession geworden
ist, beweist er eine gute Woche später: "Pete
Doherty ohne Plattenvertrag" lautet die Meldung, die er für
das "Feuilleton" seiner Zeitung mit mehr als nur klammheimlicher Häme
geschrieben hat. Nun berichtet der Pop-Redakteur im
"Bild"-"Bravo"-"Bunte"-Stil, daß Doherty am
Wochenende "von seiner
Ex-Freundin Kate Moss verprügelt" worden sei. Und,
Schadenfreude ist die größte Freude: "Die
Publicity, die Doherty wegen solcher Vorfälle auch außerhalb des Pop-Publikums
genießt, hat sich auf den Absatz seiner Platte übrigens nicht ausgewirkt: Von
"Down in Albion" wurden seit dem Erscheinen gerade einmal 110.000
Stück verkauft."
Ist schon doll, wie solche Meldungen entstehen - nun tut man so, als ob es eine
neutrale "Publicity" um Doherty gegeben habe, wo es doch einzig und
allein Schmierfinken verschiedenster Blätter waren, die mit Schaum vorm Mund
das beschrieben haben, was sie besser hätten sein lassen. Wobei die Anmerkung
erlaubt sein mag, daß 110.000 verkaufte Alben heutzutage nun wahrlich nicht so
schlecht ist, und wohl so viele CD-Verkäufe darstellen, wie sagen wir mal die
letzten 20 Bands zusammengenommen verkauft haben dürften, über die der
Pop-Redakteur der "Berliner Zeitung" sonst so gerne schreibt.
Wenn es nicht so einen bitteren Beigeschmack hätte, und wenn der Zustand des
hiesigen Popjournalismus, wie er sich hier wieder einmal zeigt, nicht so
traurig wäre, diese ganze Geschichte hätte das Zeug zu einer veritablen
Schmierenkomödie. Aber eben doch nur auf RTL II-Niveau.

* * *

Frankreich, du hast es besser.
Das wöchentliche (!) kostenlose (!) Kulturmagazin der Handelskette FNAC
"Epok", bietet zum Beispiel in der Ausgabe Nr. 33 zunächst ein
vierseitiges Streitgespräch zwischen dem Direktor der Pariser Oper, Gérard
Mortier, und dem Musikologen Philippe Beaussant ("Fausses notes à
l'Opéra?"), dann folgt ein großer Bericht über die Kunstausstellung
"Where Are We Going?" im Palazzo Grassi, eine umfassende
Titelgeschichte über Detektivromane, und daneben natürlich all das, was man an
CD-, DVD-, Film-, Buch- und Kunstkritiken in einem interessanten Kulturmagazin
so erwarten darf.
Und für die nächste Ausgabe ist eine Debatte zur Erinnerung an den
Sklavenhandel angekündigt.
Eine Vielfalt, die hierzulande kein Kaufmagazin bietet…

* * *

"Früher war mehr Platz,
mehr Zeit. Heute sind die Räume so eng, ist alles so defensiv. Und so obsessiv.
Es ähnelt ein bißchen der Art, wie wir in der modernen Welt leben: Die Leute
haben nicht mehr so viel Spaß wie früher. Der Streß nimmt zu, der Zeitdruck
auch. Das Verhalten wird ängstlicher, besorgter und obsessiver. Man freut sich
mehr am Gewinn als am Spiel. Als ich zur Schule ging, war Betrügen viel
schlimmer als Verlieren. Heute ahmen die Kinder die Profis nach."
John Cleese

* * *

Zugegeben, ist nicht sonderlich originell, Bayern Ministerpräsidenten Stoiber
bei seinen Sprechversuchen zu zitieren, aber lustig ist es doch - so lustig wie
seinerzeit Verteidigungsminister Scharping beim Plantschen im Swimmingpool mit
seiner Gräfin. Also, tusch, CSU-Stoiber zu einem besonderen Fall von
Einwanderungspolitik:
"Äh, natürlich freuen
wir uns, das ist gar keine Frage, freuen wir uns, und die Reaktion war völlig
richtig, einen, äh, sich normal verhaltenden Bär in Bayern zu haben, äh, ja das
ist gar net zum Lachen. Äh, und der Bär im Normalfall, ich muß mich ja auch,
äh, Werner Schnappauf hat sich hier intensiv mit so genannten Experten
ausgetauscht und austauschen, äh, müssen. Nun haben wir, der normal verhaltende
Bär lebt im Wald, geht niemals raus und reißt vielleicht ein bis zwei Schafe im
Jahr. Äh, wir haben dann einen Unterschied zwischen dem normal sich
verhaltenden Bären, dem Schadbär und dem Problembär. Und, äh, es ist ganz klar,
daß, äh, dieser Bär, äh, ein Problembär ist und es ist im Übrigen auch, im
Grunde genommen, durchaus ein gewisses Glück gewesen, er hat um 1 Uhr nachts
praktisch diese Hühner gerissen. Und Gott sei Dank war in dem Haus, äh, war,
also jedenfalls ist das nicht bemerkt worden. Auf Grund von, äh, es ist nicht
bemerkt worden. Stellen Sie sich mal vor, der war ja mittendrin, stellen Sie
sich mal vor, die Leute wären raus und wären praktisch jetzt, äh, dem Bär
praktisch begegnet. Äh, was da hätte passieren können."
SWR3 hats aufgezeichnet, und wers nicht glaubt, kann dem bairischen
Problemministerpräsidenten auf www.tagesspiegel.de/baerenkunde im Originalton
lauschen.

* * *

Was einem so auffällt. Beispielsweise das Großgetue mancher
Konzertveranstalter, was Ticketverkäufe angeht. Da werden die Karten für
riesige Sporthallen binnen 30 Minuten ("Rekord!" schreien sie dann)
ausverkauft, angeblich. Jenseits der Frage, wie das rein technisch gehen soll
(geht natürlich nicht,
was jedem klar denkenden Menschen sofort einsichtig erscheinen dürfte) -
wirklich interessant ist es dann, paar Wochen später zu erleben, daß plötzlich
wieder Tickets für angeblich doch längst schon ausverkaufte Hallen- oder auch
Stadionkonzerte erhältlich sind - und das wochenlang. Ob solcherart
Publikumsverarsche dem Geschäft dienlich ist?

* * *

Eine "Pur Redaktion" versendet eine Rundmail:
"Ab heute gibt es die
neue Pur-Single "SOS" neben der CD-Version auch als legalen Download
zu kaufen! All diejenigen, die die gute Sache unterstützen möchten, können nun
die Single bequem und schnell von zu Hause aus für nur 0,99 € bei Musicload
downloaden!
Damit unterstützt ihr nicht
nur die gemeinsame Aktion von Pur und SOS-Kinderdörfer, sondern helft auch mit,
Pur ganz oben in die Charts zu bringen." Was wohl das sein
dürfte, worum es den Geschäftemachern aus dem "Abenteuerland"
eigentlich geht.

* * *

In der "Berliner Zeitung" schreibt ein Frank Junghänel:
"Julie Delpy und
Vanessa Paradis fingen auch zu singen an, als sie kaum noch was zu spielen
hatten.", was in beiden Fällen ebenso falsch wie inkompetent
ist.
Das Problem nicht weniger Journalisten ist, daß sie zu schreiben anfingen, als
sie kaum noch was zu sagen hatten. Manche hatten gar noch nie was zu sagen…

* * *

"We used to take about
a day andnight
To try to sing up all the
soul in sight
And anyone who couldn't see
the light
We had to leave behind
And the sweetest thing you
ever heard
Was the singing of the
Speckled Bird
And commercial was a dirty
word
We laid it on the line"

Kris Kristofferson in "The Show Goes On"

* * *

"Immer mehr gleicht der
Westen dem chinesischen System mit einem freien Markt und einem autoritären
Regime." Neil Tennnant, Pet Shop Boys

* * *

Und nicht vergessen:
"Alles, was ich sicher
über Moral und Pflicht weiß, verdanke ich dem Fußball."
(Albert Camus, 1930 Torwart bei Racing Universitaire in Algier)

In diesem Sinne eine anregende Fußball-Weltmeisterschaft

14.05.2006

Und Ansonsten 2006-05-14

Strom
Strom Strom.
Im letzten Rundbrief hatten wir vom neoliberalen PDS-Wirtschaftssenator Berlins
berichtet, der die über 5%ige Preiserhöhung der Stromtarife durch Vattenfall
genehmigt hat.
Am 19.4. lesen wir dazu in der "Berliner Zeitung": "Das Energieunternehmen
Vattenfall wird wieder Stromlieferant fürs Land Berlin. (…) Derzeit werden die
Landeseinrichtungen von den Unternehmen Lichtblick und Electrabel mit Strom
versorgt, die 2004 die Ausschreibung gewonnen hatten. Nun lag Vattenfall vorn
und liefert in den Jahren 2007 bis 2009 rund 900 Gigawattstunden Strom pro Jahr.
Die Kosten für das Land Berlin werden 2007 bei rund 87 Millionen Euro
liegen."
Ein Schelm, wer 1 und 1 zusammenzählt.

* * *

Ein Event wird angekündigt, und wie immer in diesen Spalten lassen wir es uns
nicht nehmen, alle Rechtschreib- und Grammatikfehler des Originals zu
übernehmen:
"T-Mobile präsentiert:
Die Robbie Williams Welcome to the Mansion Clubtour 06
PARTY LIKE YOUR STAR!
In den Metropolen
Deutschlands wird in ausgefallener Club-Atmosphäre gefeiert. Sei dabei und
"Party like your Star!" wenn T-Mobile den Style Robbie Williams,
unterlegt mit funky Housetunes vom Erfolgsduo "Delicious" aus
Dänemark, inszeniert.
Die DJanes aus Kopenhagen
sind die Newcomer in der europäischen Clubszene und haben so z.B. regelmäßige
Auftritte in St. Tropez, Paris, Ibiza usw. . aber nicht nur musikalisch,
sondern auch optisch sind die beiden ein absoluter Hingucker.
Lass dich von den
"Robbie Williams Girls" in gestylter Location empfangen.
Die Kombination aus
klassisch-englischen Dekoelementen, welche die Herkunft des Künstlers
widerspiegeln und der High Tech Welt, sorgen für ein außergewöhnliches
Clubambiente.
Eine Frage die bleibt: Kommt
er oder kommt er nicht?"

* * *

"Jazz ist eine wichtige
Investition in die kulturelle Zukunft, vor allem in einem Land, wo Beethoven
einem die Luft zum Atmen nimmt", stellte Rainer Michalke,
Festival- und Klub-Chef fest. Und ich dachte immer, der wo uns die Luft zum
Atmen nimmt, ist Beckenbauer. Oder so.

* * *

Die "tageszeitung" schreibt mir am 28.März 2006 u.a.:
"…entschuldigen Sie die
Störung, aber wir hätten da mal eine Frage: Was halten Sie eigentlich vom
"Dazugehören"? Ja, wir meinen Sie, Sie ganz persönlich! Gehören Sie
vielleicht auch zu den Menschen, die Wert auf einen eigenen Geschmack legen, aber
gleichzeitig davon träumen, daß irgendwann alle Ökoeier essen? Die für eine
offene Gesellschaft sind, aber selbst lieber am Rande des Mainstreams stehen
bleiben möchten?"
Und so weiter und so fort blubbert das dahin, bis zum Höhepunkt, der
Feststellung:
"Denn wir sind zwar
links, aber nicht naiv. Wir würden gerne die Welt verbessern. Können aber auch
rechnen."
"Zwar" links, "aber" nicht naiv. Sie würden gerne die Welt
verbessern (die Welt will aber wohl nicht mit im Sandkasten spielen?).
"Aber" sie können auch rechnen.
Besser kann man das wohl nicht sagen…

* * *

Die Schauspielerin Jasmin Tabatabei hat sich eine Villa in Berlin-Pankow
gekauft, und zwar die Villa, in der bis 1964 Otto Grotewohl wohnte, der erste
Ministerpräsident der DDR. Nach seinem Tod 1964 wurde die Villa erweitert und
umgebaut und diente dem Schriftstellerverband der DDR. Der Zeitschrift
"Super TV" erklärt die Schauspielerin: "Wie feudal einige Bonzen im Arbeiter- und
Bauernstaat wohnten, hat mich schon überrascht." Ganz so, wie
eine mittelmäßige Schauspielerin in der kapitalistischen Bundesrepublik des
Jahres 2006 nach "behutsamer Renovierung" eben auf 343 Quadratmetern
hausen kann...

* * *

Die "Süddeutsche Zeitung" titelt: "Der
Aufschwung bringt kaum Arbeitsplätze."
Das hätte ich ihnen auch sagen können…

* * *

Dampfplauderer Johannes B. Kerner wirbt landauf landab für Air Berlin. Oder
auch nicht. Wischi waschi wie man es von seinen unerträglichen Shows kennt. Auf
ganzseitigen Anzeigen, z.B. im "Spiegel", sagt Kerner in riesigen
Buchstaben: "Warum ich
auf Air Berlin setze? Bei Aktien setze ich auf Sieger!" Im
wirklich Kleingedruckten liest man dann überrascht: "Diese Veröffentlichung stellt weder ein Angebot zum
Verkauf, noch eine Aufforderung zum Kauf von Wertpapieren dar."
Haben sie wohl nicht so gemeint, aber sie haben natürlich Recht: Das stellt
eher eine Warnung vor dem Produkt dar, wenn Johannes B. Kerner für etwas wirbt…

* * *

Daß Sprachgenie Edmund Stoiber und seine Partei Sprachtests für
Einbürgerungskandidaten einführen wollen, ist zumindest eine mutige
Entscheidung. Nicht, daß der bairische Ministerpräsident irgendwann selbst von
der Kommission vorgeladen wird, "Schauen
Sie sich mal die großen Flughäfen an in Heathrow in London oder sonstwo meine
Charles de Gaulle in äh Frankreich oder in äh in … Rom wenn Sie sich mal die
Entfernungen ansehen dann werden Sie feststellen, daß zehn Minuten Sie
jederzeit locker in Frankfurt brauchen um Ihr Gate zu finden. Wenn Sie vom Flug
- äh vom Hauptbahnhof starten Sie steigen in den Hauptbahnhof ein Sie fahren
mit dem Transrapid in zehn Minuten an den Flughafen in an den Flughafen…"

Und so hoffen wir von Herzen daß Sie äh in Flughafen oder äh in Bahnhof finden
ohne Transrapid, und in U-Bahn dann äh schnell zu unseren Konzerten kommen wo
äh in Mai viele gute Konzerte von äh Bands aus aller Welt äh auf der Bühne in
auf der Bühne…

Viel Spaß und einen schönen Frühling zwischen Straßencafes, Biergärten und
Clubs und Konzertsälen!

01.04.2006

Und Ansonsten 2006-04-01

Dieser
Tage hat die verdienstvolle Organisation "Free Muse" einen 60 Seiten
starken Report über Musikzensur in den USA nach dem 11.9.2001 vorgelegt. Der
Berliner "Tagesspiegel" nimmt diesen Report zum Anlaß zur Schlagzeile
"American Angst. In
George W. Bushs USA herrscht ein Klima der Intoleranz". Als
Höhepunkt des Artikels schimpft der "Tagesspiegel", daß Songs wie Lou
Reeds "Walk On The Wild Side" oder Pink Floyds "Money" von
den Sendern aus ihrem Programm genommen seien. Während man sich hierzulande vor
den täglichen Überdosen "Walk On The Wild Side" oder
"Money" von Radio Brandenburg bis Bayern 3 ja tatsächlich kaum retten
kann…

* * *

Während in der Europäischen Union zum Beispiel Filmzensur ungleich subtiler
funktioniert. Der Filmkritiker und Ex-Staatsanwalt Dietrich Kuhlbrodt berichtet
in der Februar-Ausgabe von "Konkret", daß nach einem rechtskräftigen
Urteil des Europäischen Gerichtshofes regionale Behörden entscheiden, welche
Filme die Eingeborenen sehen dürfen. 1985 war das Otto-Preminger-Institut, das
in Tirol den Spielfilm "Das Liebeskonzil" von Werner Schroeter (nach
Oskar Panizza, dem laut Tucholsky "frechsten und kühnsten, den
geistreichsten und revolutionärsten Propheten seines Landes") gezeigt
hatte, mit einem Strafverfahren überzogen worden. Grund, und das liest sich im
ersten Quartal 2006 ganz besonders pikant: Der Film verunglimpfe mit der
Wiedergabe des bald hundert Jahre alten Theaterstücks Gottvater, Maria und die
Dreifaltigkeit. Die Tiroler Strafgerichte bejahten zwar, daß der Film Kunst
sei, doch "könne der
gläubige Durchschnittsmensch Tiroler Prägung in seinen religiösen Gefühlen
beleidigt werden". Die "Liebeskonzil"-Kopien wurden
eingezogen und vernichtet.
Gegen die Vernichtung der "Liebeskonzil"-Kopien durch die
österreichischen Strafgerichte rief der Veranstalter die Europäische
Menschenrechtskommission an, die über die Wahrung der Kunstfreiheit wacht (§ 10
Europäische Menschenrechtskonvention). Die Kommission entschied zwar, daß
Österreich mit dem Verbot gegen Menschenrechte verstoßen habe - gegen dieses
Urteil zog die österreichische Regierung jedoch vor den Straßburger Gerichtshof
und gewann - 1994 entschied das höchste europäische Gericht, vor die Wahl gestellt,
zwischen Kunst- und Religionsfreiheit abzuwägen, die Entscheidungskompetenz
unter Umgehung der Ländergrenzen direkt an die von Wertekollisionen betroffenen
Regionen abzugeben, und zwar im Urteil vom 20.9.1994 an die Gemeinden in Tirol,
die zu 80% katholisch und Minderheiten gegenüber nicht aufgeschlossen sind.
Im Klartext bedeutet dies, daß innerhalb der Europäischen Union die Regionen
ihre eigene Filmzensur, ja ihre eigene Kunstzensur tätigen dürfen. Wenn Tiroler
Gemeinden oder polnische Städte befinden, daß durch ein Kunstwerk "der
gläubige Durchschnittsmensch" in seinen religiösen Gefühlen beleidigt
werden könnte, dann sind sie laut Europäischem Gerichtshof berechtigt, diese
Kunstwerke zu verbieten.
Unglaublich? Aber wahr. Soviel zum realen Stand der hiesigen zivilisatorischen
Kultur, die in der Diskussion um angeblich blasphemische Karikaturen doch so
gerne hochgehalten wird.

* * *

Ein Mitbewerber bewirbt seinen Künstler, einen von vielen, folgendermaßen:
"Frohlockend
präsentieren wir euch Rainer von Vielen, den Gewinner des
FM4-Protestsongkontests 2005 (…) Von Kehlkopf-Gesangseinlagen, à la
tibetanischer Battle-Mönche, über tiefergelegte Sprechgesangstitel, bis hin zum
Elektro-Punk-Massaker, bringt unser Master of Cerenomy jeden Saal zum kotzen."

Preisfrage: Was stimmt an diesem Text nicht? Die falschen Kommata sind nicht
gemeint, und einen FM4-Protestsongkontest scheint es wirklich zu geben…

* * *

"Alles ist
Entertainment. Ich habe eine bekannte Enkelin, Courtney Love. Ich bin ihr in
den letzten fünfzehn Jahren nur einmal begegnet, und sie schert sich um mich
ebensowenig wie ich mich um sie. Nachdem sich Curt Cobain, ihr Ehemann,
umgebracht hatte, habe ich mir eine Sendung über ihn angehört und war von
seiner mittelalterlichen Art beeindruckt. Musikalisch ist Courtney Love nichts
dagegen. Paris Hilton, Jessica Simpson, um Gottes willen: all diese Leute mit
ihren Pfannkuchengesichtern. (…) Es gibt eine Art von unaufhaltsamem Abgleiten.
Einem Abgleiten unserer Kultur von Tolstoi in Richtung Paris Hilton."
Paula Fox in einem Interview mit der FAZ

* * *

"Momentan (das ist
2004) reagiert mein Körper (oder das was davon übrig ist) mit Abwehr, wenn ich
ins MTV zappe. Schnell weg mit den hampelnden schwarzen, weißen, bunten Bubis
und Girlies, ein Ekel fast wie bei den Politzombies und den Sprechpuppen der
Nachrichtentheken." Klaus Theweleit, "Friendly Fire"

* * *

"Es darf nicht sein,
daß man Michael Ballack ausschaltet und damit Deutschland erledigt."

Günter Netzer

* * *

Im März-Heft des "Rolling Stone" widmet sich der verdienstvolle Klaus
Walter auf kompetente Art und Weise den Niederungen des deutschen
Pop-Journalismus:
"Seit geraumer Zeit
dringt die Reservearmee der Niedriglohnvielschreiber aus der Musikpresse in die
Feuilletons vor und deckt den Bedarf an treuherzigen Geschichten über die Band
der Stunde. Nicht selten verkauft der Niedriglohnvielschreiber einer
renommierten Tages- oder Wochenzeitung für besseres Geld die schlechtere
Version eines Textes, dessen bessere Version er für schlechteres Geld an Intro,
Musikexpress oder Spex verkauft. (…) "Man beginnt wieder Jahrestage im
Leben von überschätzten Rocktrotteln zu begehen. Man ersetzt die naturgemäß
schwierige uneingeführte Reflexion der Pop-Musik und ihrer Schauplätze durch
das gute alte Beobachten von Künstlerlebensläufen. (…)" Diese Diagnose
stammt aus Diederichsens Vorwort zu "Musikzimmer". Natürlich weiß er
selbst, daß man solche Jahrestage braucht, um sich Reflexion von Pop leisten zu
können, denn ohne so einen Anlaß druckt kein Feuilleton die schönste Reflexion.
Vielleicht spart er sich das Relativieren, um in aller Drastik festzuhalten: Es
sieht düster aus im Schreiben und (im Radio) Reden über Pop."
Guter Text, kann man alles so unterschreiben. Abgedruckt wurde der Text wie
gesagt im Märzheft des "Rolling Stone"; im gleichen Heft der
Popzeitschrift finden sich u.a. ein Special anlässlich des 25jährigen Jubiläums
von "Fehlfarben", ein größerer Artikel zum 30jährigen Jubiläum von
"BAP" oder ein Artikel anlässlich des Todes von Wilson Pickett; ein
zweites Mal veröffentlicht hat Klaus Walter eine Version seines Textes Ende
März in der Tageszeitung "Junge Welt"… im Glashaus klirrts so schön…

* * *

Dieser unerträgliche Schmarrn, der regelmäßig im Zweitausendeins-Merkheft
getextet wird. So zum Beispiel Anfang des Jahres über Nat King Cole:
"Die Punktierung der
Achtelnotenfolge macht ihn zu einem der größten Blues-Pianisten."

Die Entdeckung der Punktierung einer Achtelnotenfolge. Die Entdeckung der
Achtelnotenfolge an sich. Wie ja Nat King Cole überhaupt vornehmlich als
"Blues-Pianist" hervorgetreten ist, und keinesfalls als Sänger von
unbekannten Songs wie "Mona Lisa"…

* * *

Aus der lockeren Fortsetzungsfolge "unanständige Avancen durch
subventionierte Kulturveranstalter", Folge 389:
"Am 9.9.2006 findet in
der Berliner Kulturbrauerei die radioeins Nacht des Berliner und Brandenburger
Radiosenders radioeins statt. Dazu sind wir (…) wieder auf der Suche nach
repräsentativen und zu radioeins passenden Künstlern, die Zeit, Lust und Laune
haben ihren Teil zum Erfolg der Veranstaltung beizutragen. Wir erwarten ca.
10.00 Gäste. (…) Dazu möchten wir x als Live-Act zur radioeins Nacht für einen
ca. 30minütigen Auftritt anfragen. Leider besteht hier das kleine Problem, daß
es sich bei radioeins um einen zwar sehr beliebten und erfolgreichen aber eben
auch öffentlich-rechtlichen Sender handelt und somit kein Budget zur Verfügung
steht (bzw. stehen darf). Deshalb hoffen wir auf Künstler und Bands, die sich
hier bereit erklären ausnahmsweise auf ihre normale Gage zu verzichten und mit
einer "Aufwandsentschädigung" zufrieden sind. (…) Ich denke, der für
Künstler und Bands sehr interessante Punkt der Medialeistungen sollte auf jeden
Fall beim Festsetzen der nötigen "Aufwandsentschädigung"
berücksichtigt werden, denn auch wenn's keine Gage gibt, kann man von der
Veranstaltung als Band eigentlich nur profitieren…"
Nun ist "Radio Eins" ganz sicher eines der wenigen
Rundfunk-Highlights, die es in Berlin und überhaupt noch gibt - nicht zuletzt
die abendlichen Sendungen von hervorragenden Journalisten legen immer wieder
beredt davon Zeugnis ab. Und man fragt sich natürlich, ob die Macher von
"Radio Eins" überhaupt wissen, was die von ihnen beauftragte
Medienagentur da so in ihrem Namen treibt. Aber dennoch zeigt dieses Beispiel,
mit welcher Chuzpe heutzutage derartige öffentliche "Events" auf die
Beine gestellt werden. Als ob ein öffentlich-rechtlicher Radiosender keine
Gagen zahlen, kein Budget für eine öffentliche Veranstaltung bereitstellen
dürfe. (und: natürlich weiß ich, daß man sich heutzutage in Radiosendungen, in
Fernsehshows, auf Titelseiten von Musikmagazinen etc. einkaufen kann - klar,
unter diesem Aspekt ist das hier sicherlich eine Lappalie…)

* * *

Wie unsinnig Musikexportbüros manchmal sein können, zeigt die Offensive des
britischen Branchenverbands BPI, der mit Hilfe von Musikwirtschaft und Politik
den Exportförderern von "UK Trade & Investment" ein Jahresbudget
von ca. 730.000 Euros zugeschustert hat. Damit kann man schön arbeiten - und
etwa eine "British Music Week" in Berlin organisieren: Vom 19. bis
26.Mai überziehen die Briten Berlin mit einer Vielzahl von Pop- und Rock-Shows,
"die British Music Week soll die Aufmerksamkeit der Medien und der
Öffentlichkeit auf die gesamte Bandbreite spannender Musik aus Großbritannien
richten", so BPI-Boss Jamieson.
Das finden wir natürlich prima, denn unseres Wissens existiert britische Musik
in Berlin ja praktisch gar nicht. Keine britischen Bands sind in den letzten
Jahren, ach was: Jahrzehnten in Berlin aufgetreten. Irgendwer munkelt von einem
Auftritt der "Rolling Stones" in den 60er Jahren, aber seither - rein
gar nüscht! Keine Oasis, keine Pulp, kein Robbie Williams, keine Belle &
Sebastien, kein niemand. Britische Musik in Berlin - tote Hose! Fehlanzeige!
Ach wie gut, dass es das BPI und die "British Music Week" gibt…

* * *

Meldung in "mediabiz.de" vom 22.3.: "Zypries gibt nach und streicht
Bagatellklausel." Meldung in "mediabiz.de" vom
23.3.: "Zypries hält an
Privatkopie und Geringfügigkeit fest." Klingt absurd oder
zumindest widersprüchlich? Liegt aber nicht an den Medienvertretern, sondern an
der Justizministerin. Die ist vor der Musikindustrie in die Knie gegangen und
hat in einem neuen Gesetzentwurf auf starken Druck von Industrie und CDU/CSU
hin die Bagatellklausel gestrichen - Raubkopien sollen künftig prinzipiell
strafbar sein, egal, wie geringfügig die Urheberrechtsverletzung ist, oder ob
diese zum Erstellen einer Privatkopie begangen wurde. Am Tag nach Bekanntwerden
ihres Kniefalls vor der Musikindustrie imitierte die SPD-Ministerin altbekannte
Umdeutungsversuche ("Mein Ja ist ein Nein", wer würde sich nicht an
Antje Vollmer erinnern?) und behauptete, auch zukünftig sollen Privatkopierer
und Privat-Filesharer weitgehend unbehelligt bleiben. "Die Staatsanwaltschaften haben
Besseres zu tun", sagte die Ministerin und erklärte, sie gehe davon aus,
dass "die Staatsanwaltschaften gemäß § 153 der Strafprozessordnung
voraussichtlich in 99,9 Prozent der Fälle das Verfahren einstellen
werden", wenn die Schuld gering sei und kein öffentliches
Interesse an einer Bestrafung bestehe.
Nun fragt man sich, warum die Frau Justizministerin eine Gesetzesänderung ohne
Bagatellklausel initiiert, wenn sie gleichzeitig denkt, dass die Staatsanwaltschaften
die Bagatellklausel des Gesetzes "in 99,9 Prozent" der Fälle nicht
umsetzen werden.
Mir scheint, man sollte nicht nur die CD-Hersteller boykottieren, die
unverschämte Antikopier-Systeme auf ihren CDs installieren, sondern auch
Politiker, die der Musikindustrie hörig sind, und dann in der Öffentlichkeit
Rückgrat vorgaukeln.

* * *

Speaking of "Rückgrat", wisst ihr, was der Unterschied zwischen einem
neoliberalen CDU-Politiker und einem neoliberalen
"Linkspartei"-Politiker ist?
Nun, der hessische Wirtschaftsminister Rhiel (CDU) hat den hessischen
Stromkonzernen, die z.T. drastische Erhöhungen der Strompreise beantragt
hatten, diese Erhöhungen schlichtweg als "nicht gerechtfertigt"
untersagt.
Der Berliner Wirtschaftssenator Wolf (Linkspartei) dagegen hat dem Stromkonzern
Vattenfall zum 1.Mai d.J. eine Erhöhung seiner Stromtarife für Privatkunden um
5,2 Prozent genehmigt, eine Erhöhung der Stromtarife für Gewerbekunden gar um
5,6 Prozent. Dafür brüstet sich Wolf dann in der Presse, dass er die ursprünglich
von Vattenfall beantragte Erhöhung der Privattarife um 5,8 Prozent quasi
abgemildert habe. Was für ein Held! Wie gut, dass es die Linkspartei gibt!

Na, dann mal raus zum 1.Mai

04.02.2006

Und Ansonsten 2006-02-04

Diese
ganzen dämlichen Koch-Shows im Fernsehen gehen einem ja ganz schön auf den
Keks. Wenn sogar Koch-Papst Siebeck in der "Zeit" schimpfen muß:
"Eine Welle von
Belehrungen über modernes Essen ist über uns hereingebrochen. Das ist
nervtötend, wiederholt sich ständig, ist geschwätzig, aufdringlich und
dilettantisch. (…) Der Vergleich mit den Massenhysterien des Mittelalters
drängt sich auf. Ganz offensichtlich sind wir die Opfer einer Zwangspsychose,
die zu Halluzinationen führt, bei denen der davon Befallene glaubt, kochen zu
können oder kochen lernen zu müssen. (…) Was sich da unter dem Etikett
"Besser essen und trinken" über die Konsumenten ergießt, gleicht dem
Karneval, dessen ursprüngliche Intentionen von Marketingspezialisten in einen
großen Reibach umfunktioniert wurden. Wirklich gelacht wird dabei nicht, die
Heiterkeit ist einer infantilen Schunkelei gewichen. Nicht anders funktioniert
die Massenbewegung der kochenden Deutschen. Auch dabei dominieren der Reibach
und das stressige Befolgen aktueller Moden. So entspringt die ständig wachsende
Bedeutung dieser Bewegung keineswegs einem Massenbedürfnis nach besserer
Eßqualität, sondern verdankt sich dem Phänomen, daß Kochen ein Statussymbol der
Mittelschicht geworden ist, obwohl kaum noch jemand seine Gemüse selber putzt
und sein Fleisch selber pariert. Das alles wird vorgefertigt in Supermärkten
gekauft." Schreibt Siebeck im Zentralorgan des deutschen
Mittelstandes…
Aber wo er Recht hat, hat er nun mal Recht.
Wo mittlerweile fast jeder mit Easyjet mal eben ein Städtewochenende irgendwo
in Europa verbringen kann, wo die Ferienwochen in den vermeintlichen
Ferienparadiesen von der Türkei bis zur Algarve dem Konsumenten nachgeworfen
werden, da benötigt der Mittelstand ein neues Mittel, seinen Stand zu wahren:
Und wo das untere Drittel der Gesellschaft sich von Billiglebensmitteln
ernährt, wo nach wie vor das klassische "Versorgungskochen"
stattfindet, da goutieren Ober- und Mittelschicht eine Inszenierung der Essenszubereitung,
befeuert von den öffentlich-rechtlichen Knallchargen à la Kerner und
pseudo-coolen Köchen à la Mälzer oder Oliver. "In der Küche werden neue Kriterien für die Klassen
definiert, denn die Schere zwischen den Schichten öffnet sich: In Deutschland
lebt bereits ein Drittel der Menschen im offiziellen
Niedrigeinkommensbereich.(…) Je mehr Menschen verarmen, desto stärker setzen
die oberen Schichten auf Distinktion, also auf Unterscheidung und Abgrenzung
nach unten. Sie erstellen und praktizieren Normen für ihre kleine
"Elite": bei der Wahl der Gebärklinik, bei der Schulausbildung, bei
den Prestigemarken - und in der Eßkultur." (Doris Simhofer)
Kochen als Lifestyledisziplin - die Schichten unterscheiden sich durch den
Geschmack.
Müßig anzumerken, daß mit dem Kochen die Zementierung konservativer Fundamente
einhergeht: In der "neuen Küche" haben vorwiegend Männer das Sagen,
Männer, die die Regeln aufstellen, und Männer, die "öffentlich", also
zum Beispiel für Freunde, kochen und damit etwas "Wertvolles"
einfahren - während das alltägliche Kochen, also die Grundversorgen der
Familie, wieder vermehrt Frauensache ist. Nach sechzehn Jahren Helmut Kohl und
sieben Jahren Schröder-Fischer sind wir wieder im Jahr 1977 angelangt, als
Barbara Duden und Gisela Bock in "Arbeit aus Liebe - Liebe als Arbeit: Zur
Entstehung der Hausarbeit im Kapitalismus" schrieben: "Zu Recht fällt den meisten
Frauen dazu (zur Kleinfamilie als Keimzelle des modernen Staates, BS) nur das
Schreckgespenst von Küche, Kindern und Kirche ein. Das tägliche Essenmachen
wurde als Teil der Hausarbeit wahrgenommen und damit zur Schattenseite par
excellence degradiert."

* * *

"In Hollywood ist man
nie auf der sicheren Seite. (…) Alles, was wirklich zählt ist: wie viele
Millionen hat mein aktueller Film eingespielt. Und daran werde ich immer wieder
aufs Neue gemessen. Das ist ein sehr seltsames und dummes System. (…) Wenn ich
mich nicht damit abfinden will, sagt man mir, der Film, den ich machen möchte,
sei zu riskant, weil sie nicht wissen, wie man ihn vermarkten soll. Sie denken
erst einmal über die Vermarktung nach, bevor irgend etwas anderes geplant wird!
Und dann wundert man sich in Hollywood, daß das Publikum nicht mehr ins Kino
geht. Wenn ich an das vergangene Jahr zurück denke, fallen mir gerade mal drei
Filme ein, die mein Eintrittsgeld wert waren. Und so wie mir geht es vielen
Zuschauern. Man fühlt sich irgendwie betrogen. Die Geschichten sind dämlich,
nicht interessant oder einfach nur das Remake einer Idee, die vor zwanzig
Jahren mal originell war."
Scarlett Johansson in einem Interview der "Berliner Zeitung"

* * *

Im Jahre dieses Dingens, das früher mal "Fußball-Weltmeisterschaft"
hieß, dessen Namen man heutzutage aber nicht mehr in den Mund nehmen darf, ohne
an die FIFA Lizenzgebühren zu zahlen, in diesem Jahr also lohnt es sich ganz
besonders, die inoffiziellen Fußball-Weltmeisterschafts-Kämpfe aufmerksam zu
verfolgen. Nach einer gut halbjährigen Regentschaft von Zimbabwe und einem
kurzen Zwischenspiel von Nigeria ist der aktuelle inoffizielle
Fußball-Weltmeister Rumänien. Tönt merkwürdig? Mehr zum Thema gibt's auf der
wunderbaren Website www.ufwc.co.uk

* * *

Die Titelmusik vom "Spiegel-TV-Magazin" kann man jetzt als polyphonen
Klingelton herunterladen. Eine SMS mit dem Inhalt "Spiegel-TV" kostet
€ 1,99…

* * *

"Wir hatten einmal
380.000 Mitarbeiter; heute sind in Deutschland im Bereich Brief noch 150.000
Menschen beschäftigt. Das ging völlig geräuschlos. Kein Wunder, daß die Japaner
sich jetzt für ihre Privatisierung von uns beraten lassen."
(Deutsche Post-Chef Klaus Zumwinkel in der "FAS" beim Erläutern einer
kapitalistischen Erfolgsstory, deren Auswirkungen jeder Postkunde tagtäglich
erleiden darf…)

* * *

"wozu Menschsein, wenn ins
Menschsein niemand investiert."
Reinhard Jirgl, "Abtrünnig"

* * *

Zur Fußball-Weltmeisterschaft beordert der Bundesinnenminister Awacs-Flugzeuge
von der NATO, um die Stadien zu schützen. Und der Innenexperte der
"Grünen" findets prima. Wo doch heutzutage die Verteidigung
Deutschlands am Hindukusch stattfindet, scheinen mir die Möglichkeiten, sich
bei der Fußball-Weltmeisterschaft die Bundeswehr nutzbar zu machen, hingegen
noch nicht ausgeschöpft. Man könnte etwa die Armee in den eigenen Strafraum beordern
und einen Sicherheitsring, eine richtige "Verteidigung", vor Kahns
Tor bilden lassen. Schließlich ist die Bundeswehr doch eine Verteidigungsarmee.
Und die GSG 9 könnte als schnelle Eingriffstruppe auch mal vor dem gegnerischen
Tor Eindruck schinden. Und deutsche Behörden sollten, wie sie es gewohnt sind,
der CIA Amtshilfe bei der Entführung zum Beispiel von brasilianischen
Fußballstars leisten. Nach der WM kann man die Ronaldos und Ronaldinhos ja
wieder laufen lassen…

* * *

Mitbewerber Henning Tögel versucht sich in einem Gespräch mit der
"Musikwoche" in der deutschen Sprache: "Wir sind der letzte
Mohikaner."

* * *

"(…) Ich glaube, daß
den existierenden, kolossalen Widrigkeiten zum Trotz die unerschrockene,
unbeirrbare, heftige intellektuelle Entschlossenheit, als Bürger die wirkliche
Wahrheit unseres Lebens und unserer Gesellschaften zu bestimmen, eine
ausschlaggebende Verpflichtung darstellt, die uns allen zufällt. Sie ist in der
Tat zwingend notwendig. (…)"
Harold Pinter, Literatur-Nobelpreisträger, Dezember 2005

* * *

Paar Jahresendzahlen aus 2005, aus verschiedenen Publikationen
zusammengestückelt:
Auch 2005 ist die deutsche Exportwirtschaft kräftig gewachsen. Der
Bundesverband des Deutschen Groß- und Außenhandels rechnet gegenüber 2004 mit
einer wertmäßigen Steigerung der Ausfuhren um sieben Prozent auf rund 780
Milliarden Euro. Auch der Außenhandelsüberschuß werde mit rund 161 Milliarden
Euro abermals einen Rekordwert erreichen. -
Gleichzeitig wurden im Boomjahr 2005 rekordverdächtige 300.000
sozialversicherungspflichtige Vollarbeitsplätze vernichtet. -
Deutschland ist nach den USA das Land mit den meisten Milliardären.
PISA-Spitzenreiter Finnland, das nach OECD-Berechnungen innovationsfreudigste
und produktivste Land Europas, kommt dagegen ohne Milliardäre aus. -

* * *

Der Torschützenkönig der italienischen Fußball-Liga "Serie A",
Lucarelli, vom letztjährigen Aufsteiger und derzeitigem Tabellenfünften Livorno
pflegt seine Tore mit der kommunistischen Faust zu bejubeln. Berlusconis
Verbandsfunktionäre belegten Lucarelli dafür mit einer Strafe von 30.000 Euro.
Zum Vergleich: Der faschistische Aufwiegler Paolo di Canio von Lazio Rom, der
regelmäßig den Fans den auch in Italien verbotenen Hitlergruß präsentiert,
erhielt von der Liga eine Geldstrafe in Höhe von 10.000 Euro.
Aber, Freunde, kein Grund, über Italien herzuziehen: Wo gäbe es hierzulande
einen Erstligaspieler, der seine Torerfolge mit der kommunistischen Faust
feiern würde? Sach ich mal…

* * *

Hierzulande dagegen dürfen sich RBB-Redakteure ungestraft mit Goebbels-Zitaten
identifizieren: Der Musikchef des RBB, Christian Detig, leitete am 31.Mai 2005
eine Frühkritik zu einer Produktion des Deutschen Theaters mit folgendem Zitat
ein:
"Das Programm des
Rundfunks muß so gestaltet werden, daß es den verwöhnteren Geschmack noch
interessiert und dem anspruchslosen noch gefällig und verständlich erscheint.
Dabei soll besonderer Bedacht auf die Entspannung und Unterhaltung gelegt
werden, weil die weitaus überwiegende Mehrzahl aller Rundfunkteilnehmer einen
Anspruch darauf hat, in den wenigen Ruhe- und Mußestunden auch wirklich
Entspannung und Unterhaltung zu finden. Demgegenüber fallen die wenigen, die
nur von Kant und Hegel ernährt werden wollen, kaum ins Gewicht."

Soweit Joseph Goebbels. Und müßig zu erwähnen, daß sich die
öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten dieser Republik längst befleißigen, dem
Goebbels-Auftrag gerecht zu werden.
RBB-Musikchef Christian Detig kommentierte das von ihm ausgewählte
Goebbels-Zitat dementsprechend auch folgerichtig:
"Ich behaupte mal, das
könnte so ohne große Abstriche jeder ARD-Intendant unterschreiben. Ich übrigens
auch. Ich lass' es aber lieber, denn dieses Zitat stammt von - bitte
anschnallen - Joseph Goebbels. Der Mann ist immer noch für Überraschungen gut
und längst wissen wir noch nicht alles."
Gekündigt wurde vom RBB übrigens dem Redakteur für Neue Musik, der dies
öffentlich gemacht hatte, und nicht etwa dem RBB-Musikchef, der sich mit
Goebbels' Kulturauftrag an die Rundfunkanstalten "ohne große
Abstriche" identifizieren kann.
Der öffentlich-rechtliche Rundfunk, der gerne seine Hörer dort abholt, wo sie
angeblich sind, nämlich "auf niedrigstem Niveau", ist in der Tat
selbst für uns Kulturpessimisten ständig noch für Überraschungen gut, und wir
versprechen, uns zwischen seichten Telenovelas, Frauenboxen und kostenlosem
"Bunte"-Werbetrailer-TV auch künftig immer brav
"anzuschnallen". Anders hält man das alles ja auch gar nicht aus…

* * *

Und noch kurz in eigener Sache: Wir berichteten im Dezember-Rundbrief von einer
beleidigenden Leserzuschrift eines sogenannten Journalisten, der für eine
hiesige "Zeitschrift für Folk, Lied und Weltmusik", aber auch für den
RBB und den WDR Funkhaus Europa arbeitet, und haben diese Zuschrift in Auszügen
zitiert.
Nun ist der fragliche Journalist heulend zu seinem Rechtsanwalt gerannt und hat
ihn einen Brief an uns schreiben lassen. Nicht etwa, daß sich der Herr
Journalist, wie es unter zivilisierten Bürgern angemessen gewesen wäre, für
seine Entgleisungen und Beleidigungen weit unter der Gürtellinie hätte
entschuldigen wollen, oder daß er wenigstens zu seinen Äußerungen stehen würde
- nein, der Journalist ließ uns per Rechtsanwalt verbieten, weiter zu
veröffentlichen, was er gesagt hat. Ist schon dolle - diese Typen rennen zum
Rechtsanwalt, um verbieten zu lassen, was sie selbst gesagt haben.
Ganz ehrlich - gereizt hätte es mich schon, mit diesem lauen Journalisten vor
Gericht zu ziehen, andrerseits ist mir meine Lebensqualität und meine Zeit für
solcherart Heulsusen-Kram einfach zu schade, und ich habe dem Herrn
Rechtsanwalt bestätigt, nicht weiter zu veröffentlichen, was sein Klient gesagt
hat. Schöne Posse, nicht? Ein Stück realen absurden Theaters aus der Szene, die
die Welt bedeutet…

* * *

"Drum, so wandle nur
wehrlos
Fort durchs Leben, und
fürchte nichts!"
Hölderlin

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