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Blog Archiv - Jahr %1
03.01.2016

Star Wars - Hampelmänner die deutschen Feuilletions sind

Ein
noch besseres Beispiel der Verschränkung des eingebetteten Kulturjournalismus
mit der freidrehenden Kulturindustrie ist das Gewese um den neuen „Star
Wars“-Film. Es gab diesmal keine Vorabvorführung für Journalisten, bis zum
weltweiten Veröffentlichungstag hat praktisch niemand den Film gesehen. Was die
deutschen Feuilletons nicht daran hinderte, seitenlang steil zu gehen. Wenn sie
nicht über den Film schreiben konnten, den sie eben noch nicht sehen durften,
ergingen sie sich eben auf vielen Seiten in Aufsätzen über Geschichte und
Mythologie von Star Wars. Musterbeispiel ist das Zentralorgan der deutschen
Studienrät*innen: Fand „Die Zeit“ 1978 den ersten Star Wars-Film noch „ziemlich öde und langweilig“ und
geißelte ihn als „eiskaltes Spekulationsobjekt“,
so brachte das „Zeit“-Feuilleton diesmal schon eine Woche vor der Filmpremiere
einen anderthalbseitigen Aufmacher und bewies, daß das Hamburger Blättchen sich
eben auch nur als Teil der Marketingkampagnen der Kulturindustrie definiert, auf
deren „eiskalte Spekulationsobjekte“ man eben gerne in vorauseilendem Gehorsam ausführlichst
eingeht.Bloße Hampelmänner
der Kulturindustrie die deutschen Feuilletons sind.

03.01.2016

Gitarrenklänge zur Ehre Gottes - Popmusikstudium bei der Evangelischen Kirche

Gitarrenklänge
zur Ehre Gottes?Ein
neuer Studiengang soll Rock, Pop und Jazz in die evangelischen Kirchengemeinden
bringen: Die Evangelische Kirche von Westfalen (EKvW) plant einen Studiengang
für „Kirchliche Populärmusik“. Laut Bericht in der „Neuen Westfälischen“ sollen
„die christlichen Inhalte mit Rock, Pop,
Jazz und Gospel auf einem hohen musikalischen Niveau vermittelt werden“.
Diese Evangelische Pop-Akademie ist ein europaweit einmaliges Projekt.„Zwar gehört in vielen Gemeinden
Popmusik schon dazu, doch eine Ausbildung, die eine gute musikalische Qualität
sichert, gab es bislang nicht. Präses Annette Kurschus: ‚Gitarren und Keyboards
wurden lange belächelt. Ich bin überzeugt, wenn die populäre Kirchenmusik mit
Niveau gemacht wird, werden wir merken, dass sie eine wichtige ernstzunehmende
Stimme für uns ist.’ Popmusik ziehe sich quer durch die Gesellschaft und
betreffe damit auch die Generationen, die momentan auf den Kirchenbänken
sitzen, sagt der stellvertretende Rektor der Hochschule, Hartmut Naumann: ‚Die
populäre Musik hat das Potenzial, diese Menschen zu berühren’.“Die
Kirchen, die an Mitgliederschwund fast so sehr leiden wie die deutsche
Sozialdemokratie an Wählerschwund, schrecken vor nichts zurück. Sakro-Pop wird
also künftig an evangelischen Pop-Akademien gelehrt. Ob sie Deutschlands
obersten Sakro-Popper Xavier Naidoo als Gastdozent gewinnen werden? Vom Himmel
hoch, da kommen sie her, aktuell etwa Helene Fischer im Duett mit Xavier Naidoo
auf Deutschlands meistverkauftem Album des Jahres.Als ob
die normalen Pop-Akademien nicht schon genug Schaden anrichten würden, nein,
künftig kommen all die Diplom-Popper auch noch mit Gottes Segen daher. John
Lennon wird an der Evangelischen Pop-Akademie jedenfalls verboten bleiben. Sie
wissen schon: „Imagine that there was no more religion“...

03.01.2016

Sarah Connor & Engel

Ebenfalls
als Gastdozentin für die Evangelische Pop-Akademie infrage kommt Sarah Connor.
Die erzählte dieser Tage einem Klatschreporter, daß sie regelmäßig beim
Autofahren Engel rufe – etwa, wenn sie einen Parkplatz sucht. Wird dann ein
Parkplatz frei, „hat sicher einer von oben
geholfen“, sagte Sarah Connor der Zeitschrift „InTouch“.Könnte
natürlich auch sein, daß einfach ein anderer Autofahrer ausgeparkt hat...

03.01.2016

Kirchen dominieren Alltag

Trotz
schwindender Verankerung in der Gesellschaft beeinflussen die Kirchen nicht nur
mit ihrem Sakro-Pop viele Bereiche unseres Lebensalltags maßgeblich, wie jüngst
eine Studie „Kirchenrepublik Deutschland“ bewiesen hat. Ingrid Matthäus Meier
(ehemalige FDP- und SPD-Spitzenpolitikerin und Beiratsmitglied der
Giordano-Bruno-Stiftung, die diese Studie mit in Auftrag gegeben hat) dazu im
Interview mit der „Jungen Welt“:„Die Machtstellung der Kirchen ist
vor allem auf umfangreiche Lobbyarbeit zurückzuführen. (...) Keine Organisation
und kein Wirtschaftsunternehmen setzt mehr Personal dafür ein, auf die Politik
einzuwirken, als die beiden großen Kirchen, obgleich sie ins sogenannte
Lobbyistenregister nicht eingetragen sind. Sie bestreiten das und behaupten,
eine öffentliche Körperschaft zu sein, keine kommerziellen Interessen zu
vertreten. Was lächerlich ist. Die Kirchensteuer und ihr riesiges Grundvermögen
– nach dem Staat sind sie der zweitgrößte Grundbesitzer in Deutschland –
zeigen: Katholiken und Protestanten mischen sich ein. Meist, bevor eine
Entscheidung in die politische Diskussion kommt: nahezu geräuschlos, aber
ständig und vehement in Vorgesprächen, Arbeitskreisen zu Staat und Kirche,
Gebetsfrühstücken. Sie laden Professoren ein, sind Beichtvater vieler
Abgeordneter, hören Dinge, die andere nicht wissen können. Sie werden von der
Ministerialbürokratie informiert, können schnell reagieren. (...) In unserer
Verfassung steht, es gibt keine Staatskirche. Tatsächlich haben wir bereits
zwei. Die beiden großen Kirchen bemühen sich, den Islam hinzuzugewinnen. Sie
meinen offenbar, Privilegien besser verteidigen zu können, wenn sie zu dritt
sind.“

03.01.2016

Talkshow der Querdenker

Wofür
zahlen wir Fernseh-Zwangsgeld? Für Talkshows wie diese: „Das Quartett der
Querdenker“ stabreimt „Menschen bei Maischberger“, und diejenigen, die den
doofen Begriff des „Querdenkers“ erfunden haben und/oder ihn so gerne nutzen,
wußten und wissen, was sie tun und wie es gemeint ist – das Quartett der
öffentlich-rechtlichen Querdenker nämlich besteht aus: Thomas Gottschalk! Alice
Schwarzer! Daniel Cohn-Bendit! Heiner Geißler!Zombie-Fernsehen
zur Geisterstunde.

03.01.2016

Klimakonferenz Paris

Glaubt
eigentlich jemand daran, daß diesen Monat in Paris bei der Klimakonferenz die
Erde gerettet wurde? Na, versch...ern können wir uns doch selber, oder? Mal
abgesehen davon, daß das Pariser Abkommen nicht auf gemeinsam ausverhandelten
Verpflichtungen, sondern auf bloßen Absichtserklärungen der Länder baut. Selbst
wenn die Länder diese Verpflichtungen umsetzen würden (woran ernsthaft
gezweifelt werden darf, unmittelbar nach der Konferenz haben in den USA, dem
weltgrößten Klimasünder, die Republikaner, die in beiden Kammern über eine
satte Mehrheit verfügen, bereits verkündet, sie würden die Pariser
Vereinbarungen keinesfalls umzusetzen gedenken), reichen die beschlossenen
Maßnahmen laut Einschätzung aller relevanten Umweltschützer keinesfalls, um den
Klimawandel in Schach zu halten.Das
beschlossene dünne Papierchen sieht keinerlei Sanktionen vor, wenn sich Länder
nicht an die beschlossenen Maßnahmen halten.Warum
uns also die Ergebnisse der Klimakonferenz als gigantisches Heldenepos verkauft
wurden, bleibt rätselhaft (bzw. allzu durchsichtig). Und so setzen sich die grünwählenden
Mütter am Morgen nach der Klimakonferenz in ihre benzinverschwendenden SUVs (denn
Öl ist billig wie lange nicht...) und fahren ihre Kinder zur wenige hundert
Meter entfernten Schule, und die engagierten Naturschützer*innen buchen den
nächsten Wochenendflug per Easyjetset. Wir können beruhigt sein. Wir haben ein
gutes Gewissen. Die Erde ist gerettet.

03.01.2016

Smog in China & Indien

Nur in
China gibt’s Smog. Das konnten wir zuletzt täglich in den Medien erfahren. Und
wer mal ein paar Tage im Beijinger Smog war, weiß, daß das kein Vergnügen ist.

Andrerseits,
im österreichischen „Standard“ vom 10.12.d.J. konnte ich etwas lesen, was ich
in keiner deutschen Zeitung bisher gelesen habe, nämlich: In Indien ist der
Smog „noch schlimmer als der Pekinger Smog“, und während Peking und weitere
Städte in China wegen des Smogs Alarmstufe Rot ausgerufen haben, gibt es „in
Indiens Hauptsatdt Delhi nicht einmal ein Warnsystem – und das, obwohl Delhis
Luft inzwischen noch schlechter ist.“ Während der Luftqualitätsindex in Beijing
den Wert 258 anzeigte, worüber hierzulande alle Medien ausführlichst
berichteten, lag er in Delhi um die gleiche Zeit bereits bei 286. „Besonders
bei den krebserregenden Kleinstpartikeln von weniger als 2,5 Mikrometer
Durchmesser leigt Delhi weltweit vorn. An vielen Tagen sind die Werte so hoch,
daß eigentlich die halbe Stadt sofort evakuiert werden müßte. (...) Immer mehr
Ärzte raten Familien sowie Lungen- und Herzkranken, aus der Hauptstadt wegzuziehen.“

Von den
zehn am meisten umweltverschmutzten Städten der Erde liegen übrigens sieben in
Indien (und drei in Pakistan; keine in China). Warum aber erfahren wir nichts
über den Smog in Indien, wohl aber ständig über den Smog in China? It’s propaganda,
stupid! Sie wissen schon: in China wohnen lauter böse Kommunisten, Zensoren und
Parteibonzen. Während Indien voller Ayurveda, Yogis und Ashrams ist, also all
dem Kram, der „uns“ so viel besser gefällt als jeder Kommunismus. Da können auf
Indiens Straßen noch so viele verhungerte Menschen herumliegen...

03.01.2016

Sigmar Isnogood Gabriel

Und die
SPD? Und ihr Chef, Siggi Pop? Der markiert weiter den emsigen Isnogood, der
Kalif werden will anstelle der Kalifin. Zwar will den kleinen, emsigen Insogood
partout niemand wählen, nicht einmal viele in seiner eigenen Partei. Das
stachelt den Isnogood aber nur noch mehr an: TTIP? Machen wir! Vorratsdatenspeicherung?
Machen wir! Syrien bombardieren? Machen wir mit! Abkanzeln bevorzugt von
weiblichen Journalisten? Machen wir immer wieder gern! Obergrenze für
Flüchtlinge? Auf jeden Fall!Denn
Wahlen, hat Isnogood seiner Partei verkündet, Wahlen werden nicht mit Politik,
sondern „in der Mitte“ gewonnen. Nur hat der kleine, emsige Isnogood, der Kalif
werden will anstelle der Kalifin, leider übersehen, daß dort in der Mitte schon
alle anderen rumlungern: Die Kalifin, die grünen Möchtegern-Kalifen, die FDP
zum Beispiel. Aber so weit kann der kleine, emsige Isnogood eben nicht sehen.

03.01.2016

Karl Marx-Musical und der Prinz

Karl
Marx dagegen ist für den kleinen Isnogood ein ganz ganz böses Schreckgespenst,
wollen wir wetten? Nicht so allerdings für Tobias Künzel von den „Prinzen“. Der
hat mit anderen Autoren ein Musical namens „Comeback! Das Karl-Marx-Musical“
geschrieben, das im Februar 2016 auch im Keller des Europacenters in Berlin
gastiert, bei den Stachelschweinen – was für ein glamouröser Ort – aber zu mehr
hat es für dem Prinzen sein Musical offenbar nicht gereicht. Doch wie hat sich
Tobias Künzel die Inspirationen für sein Marx-Musical geholt? Nicht etwa, wie
Sie jetzt vielleicht denken würden, durch Marx-Lektüre, durch Teilnahme an
einem Marx-Lesekreis etwa, oder durch intensive Recherchen. Nein, der
Gesellschaftsreporter der „Berliner Zeitung“ hat es Künzel entlockt: Künzel
ging mit seinen beiden Mitautoren in London „in
der Hoffnung auf Inspiration zum Grab von Marx und in dessen Stammkneipe“.Wer
nicht lesen kann, aber dennoch unbedingt ein Marx-Musical auf die Bühne bringen
will, hockt am Grab und in der Pinte rum und läßt sich volllaufen. Muß auch
reichen, die Inspiration wird dann schon kommen. Ist ja nur ein Musical, ist ja
nur Murx.Marx’
Gespenster freilich dürften den Tobias Künzel eher nicht heimsuchen...

03.01.2016

Wu Tang Clan & Hedge Fonds-Manager

Ist es nicht
empörend, daß der Wu-Tang-Clan sein jüngstes Album für eine Million dem
umstrittenen Pharmaunternehmer und ehemaligen Hedgefonds-Manager Martin Shrkeli
verkauft hat? In Zeiten, da das Musik-Streaming eine gewisse Gleichheit, eine
Art demokratischer Teilhabe an der Musik ermöglicht, verkauft eine der tollsten
aktuellen Bands seine Musik an einen Pharma-Tycoon, der dafür gesorgt hat, daß
sich der Preis eines AIDS-Medikament, seitdem er die Rechte an diesem
Medikament erworben hat, um das fünfzigfache von 13,50 auf 750 Dollar erhöht
hat. Und mit diesem Profit hat er unter anderem die Auktion um das Werk des
Wu-Tang-Clan gewonnen, das er sich jedoch noch nicht mal angehört hat. Dazu
wird er jetzt auch nicht mehr kommen, denn manchmal gibt es Gerechtigkeit in
der Welt: Jetzt wurde Martin Shrkeli festgenommen und muß sich wegen
Wertpapierbetrugs aus seiner Zeit als Hedgefondsmanager verantworten.

03.01.2016

Buch- und Zeitschriftenverlage, Autoren & das Urheberrecht

Interessant
ist, wie die Kulturindustrie gegen die kleinen Reförmchen, die die
Urheberrechtsnovelle von Justizminister Maas beinhaltet, ins Feld zieht. Insbesondere
die Möglichkeit, daß Urheber künftig fünf Jahre nach Vertragsabschluß die
Gelegenheit haben sollen, ihre Werke an andere Unternehmen der
Verwertungsindustrie zu verkaufen, erbost die Verwerter. Großverleger
behaupten, dies sei eine „Ausgeburt neoliberaler Logik“ und entlarven sich
damit selbst. Ich will jetzt nicht die Urheberrechts-Reform verteidigen, weil
sie nicht weit genug geht und weit von meinem Vorschlag einer
Urheberrechts-Reform entfernt ist (siehe u.a. hier) – ich habe gefordert, daß
das Urheberrecht nach einem festzulegenden Zeitraum von z.B. fünf oder acht
Jahren automatisch an die Urheber zurückfallen sollte (und dann neu verhandelt
werden kann). Dies ist gängige Praxis bei vielen Indie-Plattenfirmen und hat
nicht etwa dazu geführt, daß alle Bands weggelaufen sind, sondern daß
diejenigen, die sich gut behandelt und fair bezahlt fühlten, gerne einen
Folgevertrag mit ihrem Label unterschrieben haben.

Das scheint
mir das eigentlich Pikante an dem Aufstand der Verwerter und der ihnen hörigen
Bestsellerautoren zu sein: Ein vertrauensvolles
Verhältnis zwischen Urheber und Verwerter scheint ihnen eine wesensfremde
Vorstellung zu sein. Dabei ist es doch das entstandene Vertrauen, das in der
Beziehung zwischen Autoren und Musikern auf der einen und Verlagen und
Plattenfirmen auf der anderen Seite eine langfristige Partnerschaft ermöglicht
– aber eben: eine Partnerschaft, bei
der sich die Urheber auf Augenhöhe
mit den Verwertern bewegen und nicht als deren Spielball, der auf unbestimmte
Zeit zu einmal festgelegten Bedingungen ausgebeutet werden kann. Die Basis der
Partnerschaft sollten gesetzliche Regelungen sein, die die Rolle der Urheber
stärken. Schon der Dominikanermönch Henri Lacordaire wußte Mitte des 19.
Jahrhunderts in Nachfolge des Aufklärers Rousseau, daß es „zwischen dem Starken und dem Schwachen das Gesetz“
ist, „das befreit“.

Und
wenn die Verleger und ihre Lohnschreiber in den Printmedien derzeit behaupten,
daß diese Regelung im neuen Urheberrecht zum „Sterben vieler kleiner Verlage
führen“ werde (was für ein ausgemachter Blödsinn!) und sogar „unsere (sic!)
Demokratie gefährdet“, dann darf man sie mit den Schriftstellern Juli Zeh und
Ilija Trojanow darauf hinweisen, daß es absurd ist, den „klassischen
Interessengegensatz ‚Autor-Verlag’ auf die Beziehung ‚Autor-Leser’ zu
verlagern. In der Logik des Arbeitskampfes wäre das so, als wollte ein
Fließbandarbeiter bei Opel sein Recht auf Bezahlung gegen die Autokäufer
verteidigen“.
Es ist ja durchaus so, daß Verlage und Autoren sowohl unterschiedliche als auch
gemeinsame Interessen haben. Und wenn die „Süddeutsche Zeitung“ behauptet, daß
die geplante Neuregelung eine „strukturelle Schwächung der Verlagsseite“ bedeute,
die dazu führe, daß man „auf dem künftigen Markt allein mit den Global Playern“
sei, die „als Distributor oder Suchmaschine begonnen haben, aber mehr und mehr
ins klassische Verwertergeschäft – auch in der Buchbranche – einsteigen“, dann
wird man fragen dürfen, ob die Global Player des Buchmarkts nicht zuallererst
Bertelsmann und Holtzbrinck sind.
Den Vogel abgeschossen hat Jan Wiele in der FAZ (das ist jene Zeitung, die
freien Autoren ausschließlich sogenannte „Buy Out“-Verträge anbietet, was
konkret bedeutet, daß diese Autoren einmal ein relativ mittelmäßiges Honorar
erhalten und der Text dann für alle Zeiten der FAZ gehört, die ihn allüberall
verwerten und ausbeuten darf – würde der Autor zum Beispiel seinen eigenen Text
in einem Buch abdrucken wollen, müßte er für seinen Text ein Honorar an die
„FAZ“ bezahlen – kein Wunder, daß es keinen einzigen freien Autoren gibt, der
sich bisher gegen die neue Gestzesregelung ausgesprochen hat, die endlich
verbindliche Vergütungsregelungen beinhaltet...). Jan Wiele erklärt die Verlage
in der „FAZ“ gleich zu Co-Autoren, zu „ im Grunde Miturhebern“. Weil sie die
Texte der Autoren drucken? Weil sie Lektoren vermitteln, die mittlerweile
häufig von den Autoren (mit-)finanziert werden müssen? Viel Spaß wünsche ich der
„FAZ“, wenn sie einem Bob Dylan erklären wird, daß seine Plattenfirma Sony
eigentlich ein „Miturheber“ seiner Songs ist... Aber nichts ist absurd genug,
um nicht gegen im Grunde vernünftige Gesetzesentwürfe in Anschlag gebracht zu
werden.
„Nie wieder Streit / Kein Copyright / Nie wieder Krieg / Und nie mehr Musik!“
(The Schwarzenbach)

03.01.2016

Copyright Diederichsen & Renée Green Wien

Eine
interessante und pikante Umsetzung des Copyrights konnte man in der – übrigens
sehr empfehlenswerten – Wiener Ausstellung „to expose, to show, to demonstrate
(Künstlerische Positionen um 1990)“ sehen. Während man alle Exponate in den
drei Stockwerken im Mumok fotografieren durfte, war das bei der Arbeit
„Import/Export Funk Office“ der afroamerikanischen Künstlerin Renée Green von
1992 explizit verboten. Was wird dort gezeigt? Renée Green bediente sich bei
ihrer Installation der privaten Sammlung des damaligen Spex-Herausgebers
Diedrich Diederichsen, der mit seinem Interesse an „ihrer“ schwarzen Musik- und
Popkultur sowohl Mitstreiter als auch Counterpart war, was seine Identität als
weißer Europäer betraf. Auf Metallregalen stellt Green Bücher der „black
culture“ aus dem Privatbesitz von Diederichsen aus, oder eine Auswahl der
HipHop-Tapes aus seinem Besitz.Warum
man dies nicht fotografieren darf, warum extra eine separate Wächterin dafür
sorgt, daß die Bücher und Tapes aus Diedrich Diederichsens Privatbesitz nicht
fotografiert werden können, würde man doch gerne erklärt bekommen – die
Auskunft des freundlichen Personals lautete einfach: „Copyright“...

03.01.2016

Hitler hatte nur ein Ei!

Das war mal echt investigativer Journalismus, als die Blödzeitung am 19.12.2015 auf der Titelseite großbuchstabig das Ergebnis ihrer Recherchen bekanntgab: „Hitler hatte nur einen Hoden!“ Wenn jetzt mal nicht die Geschichte des Dritten Reichs umgeschrieben werden muß.Wobei, wenn die Welt und meinethalben auch die Blödzeitung 1993 bereits das Gedicht „Die Wahrheit über den Führer“ von Wiglaf Droste aufmerksam studiert hätten, hätten sie (also die Welt und die Blödzeitung) nicht 22 Jahre uninformiert bleiben müssen. Denn Wiglaf Droste reimte seinerzeit in zwei Zeilen lapidar, wozu die Blödzeitung nun weite Teile ihrer Titelseite mißbrauchte, nämlich: „Der Führer hatte nur ein EiDaran brach das Reich entzwei.“ Es lohnt sich eben immer und grundsätzlich, jedes Buch von Wiglaf Droste zu lesen, ach was sage ich: aufmerksam zu studieren (a propos, wenn Sie noch kein Weihnachtsgeschenk haben sollten...). In dem aufklärerischen und schön gereimten Führer-Gedicht Drostes heißt es übrigens auch: „Hitler kriegte keinen hochNur der rechte Arm ging noch.“ Und ich finde, das wäre doch eine schöne Gelegenheit für die anderen Heroen des investigativen Journalismus, den „Spiegel“, für eine weitere große Titelgeschichte über ihre Lieblingsfigur, über Hitler also, in diesem Fall: Über Hitlers Sexualleben. Nur mal so als Tipp. Nicht zu danken, gern geschehen. Wobei die Spiegel-Leute mir grade flüsterten, sie würden für diese Story noch 11 Jahre brauchen, bis die Recherchen usw. usf. Womit bewiesen wäre, daß der Spiegel doppelt so schnell arbeitet als seine Kollegen von der Blödzeitung. Was ja auch eine Erkenntnis zum Jahresausklang ist, oder?

03.01.2016

Tun wirs wie die Ameisen!

So geht
jetzt ein recht merkwürdiges Jahr seinem Ende entgegen, und wie so oft wünscht
man sich: Kann eigentlich nur noch besser werden (der Verstand meldet sich dann
sofort zu Wort: geht natürlich alles noch immer schlimmer!). „World gone
wrong“, wie oft hat man diese Zeile in den letzten Jahrzehnten verwendet.Diejenigen,
die Angst davor haben, daß die Heimatvertriebenen in eine der knapp fünf
Millionen hierzulande leerstehenden Wohnungen einziehen und sich auch sonst wie
die Made im Speck an unseren Errungenschaften laben könnten, seien darauf
hingewiesen, daß wohl kaum jemand freiwillig und ohne Grund endlose
Entbehrungen auf sich nimmt und in wackelige Boote steigt, um übers Mittelmeer
zu fahren, um in einem Land zu landen, in dem dieses Jahr soviele Flüchtlingsunterkünfte
wie noch nie angegriffen oder angezündet wurden, über 1.000.„Wer würde schon ohne Gefahr Asien,
Afrika oder Italien aufgeben, um nach Germanien zu ziehen, in jenes abstoßende
Land mit seinem rauen Klima, seiner unfreundlichen Kultur und Erscheinung!“Schrieb
Tacitus in seinem Text „Germania“, im Jahr 98 nach Christus...Ich
wünsche uns allen mehr Solidarität und Empathie. Und Ihnen wünsche ich, daß Sie
Gelegenheit haben, „zwischen den Jahren“ und in 2016 ein bißchen mehr wie die
Ameisen zu leben. Die sind nämlich entgegen landläufiger Einschätzung durchaus
auch faule Tierchen und liegen gerne mal gemütlich einfach in der Hängematte.
Neueste Forschungsergebnisse der Universität Arizona zeigen, „daß 72 Prozent der sogenannten Arbeiter bei
den Ameisen die Hälfte der Zeit gar nichts tun, also sozusagen halbtags
arbeiten“ (Ivo Bozic). 25 Prozent tun sogar überhaupt nichts. Nie. Ob diese
Ameisen unfreiwillig arbeitslos sind (etwa wegen des Ameisensterbens, das es
leider hierzulande gibt) oder einfach nur Müßiggänger, haben die Forscher
bisher nicht herausgefunden.Tun wirs
also wie die Ameisen! Weniger arbeiten, mehr leben!

30.11.2015

Xavier Naidoo, Marek Lieberberg und die Escape-Taste

„Esc“ ist ja an
sich eine sehr hübsche Abkürzung, die nicht nur für die „Escape“-Taste des
Computers steht, die laut Wikipedia „meist zum Abbrechen von Aktionen“ genutzt
wird, sondern auch zum Beispiel für die „European Scooter Challenge“, also die internationale
Meisterschaft im, ja, Schaltrollerrennen, oder für die Europäische Shōgi-Meisterschaft
und, schon etwas sinnfälliger, für die European Shooting Confederation, also
die Europäische Schützenunion, und den European Steady Cycle, den
Abgasprüfzyklus für schwere Nutzfahrzeuge, oder den European Stationary Cycle,
den Prüfzyklus zur Emission-Zertifizierung schwerer Dieselmotoren. Ach ja, und
natürlich steht ESC auch für dieses komische, jährlich stattfindende Dingens,
in dem größtenteils mindestens belanglose, meist jedoch nachgerade schlechte
Musik der nationalen Euphorisierung dient und sogar sonst eher unbefangenen
Menschen aus nationalen Gründen ziemlich feuchte Höschen und Unterhosen macht,
besonders, wenn es um die „nationale Aufgabe“ (Goebbels 1935, Stefan Raab 2010)
geht, das Ding zu gewinnen. So weit, so schlecht, und ehrlich gesagt ist mir
das alles jenseits der Analyse, daß Nation
eben vor allem „eine Inszenierung der
Unterhaltungsindustrie“ (Seeßlen) und eine des Staatsfernsehens ist,
reichlich wurscht. Und ganz ehrlich, ich hätte auch nichts dagegen gehabt, wenn
Xavier Naidoo zum ESC gefahren wäre, ganz im Gegenteil, ich hätte es für
einigermaßen konsequent gehalten, wenn Pegida-Deutschland mit seinen über 500
Angriffen auf Flüchtlingsunterkünfte in diesem Jahr von einem
Sakro-Pop-Soul-Sänger vertreten würde, dessen „politische Äußerungen teilweise als homophob, antisemitisch und
weltverschwörerisch aufgefasst werden. So nannte er Deutschland ein besetztes,
unfreies Land und will aus der Bibel herausgelesen haben, dass Amerika
untergehe. Er selbst bezeichnete sich in einem Interview als Rassist ohne
Ansehen der Hautfarbe. Auch schreckte er nicht davor zurück, vor den
Reichsbürgern und der NPD zu sprechen, da er sich ebenfalls als Systemkritiker
betrachtet“ („Musikmarkt“). Das Gesicht des häßlichen Deutschen, mit dem
„wir“ in Europa auftreten, muß ja nicht immer nur das von Schäuble oder
Seehofer sein.

Insofern habe
nicht so recht verstanden, warum sich so viele Menschen darüber entrüstet
haben, daß „wir“ oder „unser Land“ beim ESC von Xavier Naidoo vertreten werden
sollte. Als ob es dieser Tage keine wirklich wichtigen gesellschaftlichen
Fragen zu verhandeln gäbe.Interessant ist
allerdings, und da kommen wir zu zwei Themen, denen ich meine letzten Bücher
gewidmet habe, zum Einen die Frage, inwieweit der Shitstorm im „Plapperorgan Internet“ (so der
Oberplapperer Jan Feddersen im Plapperorgan „taz“), der zur Absage des NDR an
Naidoo geführt hat, finanzielle Folgen hat. Denn man lese die Stellungnahme
Naidoos auf Facebook, nachdem er vom NDR rausgeworfen wurde, mal sehr aufmerksam:„Wenn sich nun kurz nach unserer vertraglichen
Einigung mit dem NDR und dem Abschluss aller Vorbereitungen die Planungen der
ARD durch einseitige Entscheidung geändert haben, dann ist das ok für
mich", schreibt Naidoo, und so reden nur Leute daher, die ihre Rechtsanwälte
bereits in Stellung gebracht haben – „kurz nach unserer vertraglichen
Einigung“, und „nach dem Abschluß aller Vorbereitungen“ und „einseitige
Entscheidung“ der ARD – Profis, die sich mit Vertragswerken und
Ausfallhonoraren auskennen, wissen: Naidoo wird auf die vereinbarte Gage
keineswegs verzichten, bloß weil ihm die ARD durch „einseitige Entscheidung“
gekündigt hat. Das riecht nach Ausfallgage wie ein Limburger Stinkkäse.
Insofern wüßte ich gern, wieviel Gebührengeld bzw. Haushaltszwangsabgabe die
ARD an Xavier Naidoo bezahlt, damit er nicht zum ESC fährt. Wollen wir wetten,
daß der Betrag sechsstellig ist?

Und zum Anderen,
jetzt geht’s ums „Geschäft mit der Musik“, finde ich es interessant, wie seinem
Tourneeveranstalter Marek Lieberberg, der so manche Million mit Naidoo verdient
haben dürfte, der Popo auf Grundeis zu gehen scheint angesichts des
Imageverlustes seines Schnulzenpop-Schützlings. Die Reinwaschungsstrategie, um Naidoos
deutlich beschädigten Ruf zu retten, ist pures Marketing – „Menschen für
Naidoo“ steht fett über einer ganzseitigen Anzeige in der FAZ, die Konzertveranstalter
Marek Lieberberg laut „Stern“ organisiert hat und die knapp 70.000 Euro teuer
war. Es wird so getan, als ob Naidoo ein großes Unrecht geschehen sei, und als
ob dieses Unrecht so ziemlich das Schlimmste sei, das man 2015 erleben mußte –
kein Kleinkind, das ertrunken an der griechischen Küste im Sand lag, keine
enthauptete IS-Geisel, keine erschossenen Konzertgänger im Pariser Bataclan und
auch keine Charlie Hebdo-Satiriker haben in diesem Jahr die deutsche Pop- und
Comedy-„Elite“ und die Musikbranche (und all die Künstler und Kollegen, die
Lieberberg als dem deutschen Konzert-Mogul auf die eine oder andere Art und
Weise verpflichtet bzw. von ihm abhängig sind) so sehr aufgewühlt, daß sie
„Menschen für...“ auf einer ganzseitigen, knapp 70.000 Euro teuren Anzeige
postulieren mußten, wie die ESC-Absage für Naidoo. „Menschen“ müssen sich
dieser Naidoo angetanen Ungerechtigkeit entgegensetzen, woraus rhetorisch ja
auch folgt, daß diejenigen, die gegen Naidoo sind, eben keine „Menschen“ (oder
vielleicht Untermenschen?) sind. Unterschrieben haben unter anderem: Tim
Bendzko, Yvonne Catterfeld, Roger Cicero, Jan Delay, Samy Deluxe, Die Prinzen,
Andreas Gabalier, Annette Humpe, Heinz Rudolf Kunze, Jan Josef Liefers, Johnny
Logan, Anna Loos, Tim Mälzer, Michael Mittermeier, Mousse T, Max Mutzke, Pur,
Sasha, Kool Savas, Atze Schröder, Klaus-Peter Schulenberg, Til Schweiger,
Silly, Christina Stürmer, The Bosshoss, Thomas D oder, „mein Ja ist ein Nein“,
Antje Vollmer. Dankenswerterweise haben wir hier also eine Liste von über 100
Leuten aus der Unterhaltungsindustrie, die nicht nur fragwürdigen musikalischen
Geschmack beweisen, sondern denen es auch zum Beispiel egal zu sein scheint, ob
ein Musiker rechtsradikales Gedankengut als Redner auf rechtsradikalen
Veranstaltungen zum Schlechten gibt.

Interessant ist
auch die Vorwärtsverteidigung, die ansonsten betrieben wird: Marek Lieberberg
zeigt sich „zutiefst erschüttert
über die unglaubliche Hetze, die widerliche Heuchelei und den blinden Hass, für
die es keinerlei Berechtigung gibt", und er meint damit nicht etwa Naidoos
reaktionäre Äußerungen, sondern die der Naidoo-Kritiker; Lieberberg will in
mehr als 20 Jahren bei Xavier Naidoo nie „auch
nur den Hauch eines antisemitischen, rassistischen, xenophobischen oder
nationalistischen Sentiments" bei Naidoo erkannt haben. Liest
Lieberberg keine Zeitungen? Weiß er nicht, wie man YouTube-Videos anschaut? Und Herbert
Grönemeyer stößt ins gleiche Horn: „Xavier ist einer der besten und
etabliertesten Musiker und Sänger bei uns, weder homophob, noch rechts und
reichsbürgerlich, sondern neugierig, christlicher Freigeist und zum Glück
umtriebig und leidenschaftlich.“ So umtriebig und leidenschaftlich wie die
Teilnehmer eines Pegida-Auflaufs eben.Es kann
einfach nicht sein, was nicht sein darf, das ist das Prinzip der Vogel
Strauss-Vorwärtsverteidigung zugunsten des Mannheimer Popstars – als ob all die
Äußerungen von Naidoo frei erfunden wären und es nun darum gehe, daß man die
Freiheitsrechte eines von der Staatsmacht zensierten oder gar gefolterten
Protestsängers sichern müsse.

ESC? Man
würde doch gerne einfach die „escape“-Taste drücken...

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