04.08.2012

Spanischer Forschungsrat untersucht Musik

Eine Studie des „Nationalen Spanischen
Forschungsrates“, in der sage und schreibe eine halbe Million Songs von 1955
bis 2010 auf bestimmte Muster untersucht wurde, hat ergeben, daß Musiker immer
weniger Akkorde verwenden und immer mehr Melodien schablonenhaft kopieren.
Zugenommen habe lediglich die Aufnahmelautstärke – letzteres eine Erfahrung,
die man jederzeit auch selber machen kann: Die Lautstärke, mit der im
öffentlichen Raum Musik gehört wird, ist in aller Regel indirekt proportional
zur Qualität derselben. Das versichere ich Ihnen anhand einer mehrere
Jahrzehnte währenden Privatstudie. 

24.07.2012

GEMA und Karnevalisten

Die GEMA schafft es nicht, sich mit YouTube zu
verständigen, sodaß weiterhin Hunderttausende YouTube-Videos in Deutschland
gesperrt bleiben, die GEMA führt Krieg mit den Clubbetreibern und gefährdet die
Clubkultur – aber mit dem „Bund Deutscher Karneval“ hat die GEMA gerade einen
Gesamtvertrag abgeschlossen. Jecke unter sich.

24.07.2012

Konservative sind dumm

„Flüchtiges,
anstrengungsloses Denken führt zu einer politisch konservativen Einstellung“
– zu diesem Schluß kommt laut „Telepolis“ eine Studie von US-Psychologen, die
dieser Tage in der Zeistchrift „Personality and Social Psychology Bulletin“
veröffentlicht wurde. Die These der Studie ist: „Geringe Denkleistungen, die den Dingen nicht auf den Grund gehen,
sondern an der Oberfläche stehen bleiben, produzieren Konservatismus, der sich
u.a. durch Akzeptanz von Hierarchien und die Vorliebe für den Status quo
auszeichnet“.

Als ob wir das nicht schon immer gewußt hätten:
Anhänger von konservativen Parteien neigen eher zur Denkfaulheit, und
konservative Politik wird entsprechend intellektuell bescheiden formuliert. 

16.07.2012

Seven Nation Army Bruckner

Nun ist wieder allüberall zu lesen: den „größten
Fußballsong aller Zeiten“ habe Jack White geschrieben, den Song „Seven Nation
Army“ oder besser gesagt: die Baßlinie aus diesem Song, die von einer
runtergestimmten Gitarre mantrahaft wiederholt wird – eine tolle Melodie,
raffiniert und gleichzeitig so einfach, daß Fußballfans sie sich ohne Probleme
merken können. Berühmt auf den Fußballfeldern wurde die White Stripes-Melodie
2006 während der Fußball-WM in Deutschland, als italienische Fans damit ihr
Team, das dann auch Weltmeister wurde, anfeuerten. Bei der diesjährigen
Europameisterschaft wurde der Song ständig in den Stadien angestimmt.

Doch wurde diese Melodie wirklich von den White
Stripes geschrieben? Ich habe da eine andere Theorie. Die Melodie ist nämlich
ganz eindeutig von Anton Bruckner komponiert worden, sie stammt aus dem 1. Satz
(„Adagio. Allegro“) seiner Fünften Sinfonie in B-dur. Auf der mir liebsten
Interpretation, einem Live-Mitschnitt von 1942 mit Wilhelm Furtwängler und den
Berliner Philharmonikern, kann man die Melodie zum Beispiel in der 11.Minute
hören, noch anders moduliert, dann aber ab Minute 17:35 völlig eindeutig und
sich, ähnlich wie es Jack White in „Sven Nation Army“ erfolgreich nachgemacht
hat, steigernd und Schicht für Schicht auftürmend. 

Wie aber gelangte die Melodie in die Stadien?
Schlichtere Gemüter behaupten, es habe mit den White Stripes zu tun. Ich glaube
das nicht. Ich glaube, es ist eine raffinierte Intrige des österreichischen
Fußballverbands, der dafür sorgte, daß diese eindrucksvolle Melodie des
österreichischen Komponisten den Weg in die Fußballarenen fand. Bekanntlich ist
der Operettenstaat im Fußball so erfolglos wie als Intrigenstaat erfolgreich.
Und da eine Teilnahme an Endrunden großer Turniere in der Regel für den
österreichischen Fußball aussichtslos ist, sann man seitens der Funktionäre
nach einem Weg, dennoch allüberall, wenn es um die Entscheidungen geht, in den
Stadien präsent zu sein. Und man verfiel auf die Idee mit dem, wie man heute
sagen würde, „Bruckner-Riff“, dem Ohrwurm und Schlachtgesang.

Interessanter Nebenaspekt: Wie sehen GEMA und
Verwertungsindustrie eigentlich diesen Fall? Der Verfasser dieser Zeilen hat,
das wird Sie nicht wundern, mit der Aneignung oder Modernisierung von Bruckners
Melodie durch Jack White wenig Probleme. Die GEMA dagegen behauptet ja für
gewöhnlich, daß bereits Tonfolgen von drei Tönen geschützt sind – Bruckners
Melodie besteht nachweislich aus mehr als drei Tönen. Auf dem Album „Elephant“
der White Stripes steht: „Words and music by Jack White“, was demzufolge auch
für Seven Nation Army gilt, den ersten Song des Albums. Kein Hinweis auf
Bruckners Urheberschaft. Nun ist Bruckner bereits 1896 verstorben, und selbst
die immer wieder auf Betreiben der Verwertungsindustrie verlängerten
Schutzfristen greifen in diesem Falle nicht mehr. Vielleicht aber könnten die
bekannten Copyright-Cops Hand in Hand mit der GEMA dafür sorgen, daß die
Urheberrechts-Schutzfristen noch weiter verlängert werden, um Bruckner zu
seinem Recht zu verhelfen? Gorny, Chung, GEMA, übernehmen Sie!

16.07.2012

Woody Guthrie 100 Copyright

Wem gehört das Land? Wem gehört die Musik, die in
dem Land gespielt wird?

Wir feiern den 100. Geburtstag von Woody Guthrie
mit einem Zitat des großen amerikanischen Songwriters (und empfehlen neben
seiner Autobiographie das soeben erschienene Buch von Barbara Mürdter, „Die
Stimme des anderen Amerika“):

„Dieses Lied
ist in den USA für 28 Jahre (Woody Guthrie schrieb diesen Text 1930! BS) urheberrechtlich geschützt unter der Siegelnummer
154085, und wer immer dabei erwischt wird, wie er’s ohne Erlaubnis singt, wird
ein gewaltiger Freund von uns sein, weil uns das alles völlig egal ist.
Veröffentlicht es. Schreibt es auf. Singt es. Swingt dazu. Jodelt es. Wir haben’s
geschrieben, und mehr wollten wir nicht tun.“ (Woody Guthrie)

16.07.2012

Katholen Taliban Mosebach Papst Titanic

Das Schöne an den sogenannten Feuilletondebatten ist, daß
man sie meistens ignorieren kann. Wenn sich der „Einstecktüchleinkatholik“
(Wiglaf Droste) Mosebach in der „Berliner Zeitung“ ereifert und als
Katholen-Taliban geriert – muß man im 21.Jahrhundert ernsthaft darüber reden,
daß Mosebachs Sätze wie diese bescheuert sind?:

„Ich will nicht verhehlen, daß ich unfähig bin, mich
zu empören, wenn in ihrem Glauben beleidigte Muslime blasphemischen Künstlern –
wenn wir sie einmal so nennen wollen – einen gewaltigen Schrecken einjagen.“ (wörtlich! Also:
bitte Todesurteile für Salman Rushdie oder Shahin Najafi ausstellen!) „Es wird das soziale Klima fördern, wenn
Blasphemie wieder gefährlich wird.“ Aha.

Daß so ein Ekeltyp hierzulande ausgerechnet mit dem Büchner-Preis
ausgezeichnet wurde, ist jedenfalls ähnlich unappetitlich wie die Tatsache, daß
ihm für seine Tiraden Platz in einer seriösen Tageszeitung eingeräumt wurde.
Die Metzgerinnung darf ja schließlich auch nicht im Feuilleton für Ekelfleisch
werben, oder?

Doch der Wahnsinn hat Methode. Papst Benedikt fühlt sich durch „Titanic“
in seiner Ehre verletzt. Der Fall des Papstes, der ein Glas Fanta über seine
Soutane verschüttet hat, erregte Thomas Goppel, den Sprecher der „Christsozialen
Katholiken“ (CSK) in der CSU so sehr, daß er öffentlich meinte, er würde dem
Titanic-Chefredakteur Leo Fischer am liebsten die "Lizenz zum Schreiben entziehen". Daß es so eine Lizenz
allerdings gar nicht gibt, sie mithin auch nicht entzogen werden kann, ist dem
Herrn Landtagsabgeordneten und Staatsminister a.D. Goppel wohl entgangen. Aber
worum es den Herren Mosebach bis Goppel geht, ist klar: Zensur! Kopf ab für
Blasphemie! Denn das fördert schließlich das „soziale Klima“...

Wiglaf Droste schreibt dazu in einem aktuellen Text:

„Gesetzt den Fall, Gott existierte – würde ihn
interessieren, was die Leute über ihn reden? Kaum vorstellbar. Anders verhält
es sich, wenn Gott eine Erfindung oder eine Projektion ist von Menschen, die
mit sich und ihrem Leben alleine nicht zurande kommen und an
Autoritätsgläubigkeit leiden. Teil ihrer Zwangsvorstellung ist, daß der von
ihnen halluzinierte Gott auch von jedem respektiert werden müsse, der diese
Vorstellung nicht teilt; tut er es nicht, dann darf man ihn, den Ungläubigen,
der seinen Unglauben womöglich auch noch freimütig bekennt, dafür zur
Rechenschaft ziehen und ihn bestrafen, sogar mit dem Tod. (...)Wenn islamische
Klerikalfaschisten unmißverständlich zum Mord aufrufen und mit der Aussetzung
von Kopfgeldern zum Mord anstiften, dann handelt es sich dabei, unaufgeregt
gesagt, um Straftaten. Mit denen Martin Mosebach offen sympathisiert
(...) 

Ob umgekehrt Gott
die Anwesenheit von schwach denkenden, voraufklärerischen Ödemeiern und
Drögebäckern begrüßte, nur weil sie ihm schwärmerisch schmeicheln, kann nicht
ermittelt werden. Es ist Glaubenssache. Ich glaube nicht, daß Gott, so es ihn
gäbe, sich für einen Repräsentanten des Einstecktüchleinkatholizismus wie Martin
Mosebach interessierte, der aus Langeweile an sich selbst anderer Leute Blut
fließen sehen möchte.“

16.07.2012

Papst Geburtstag

Doch in Zeiten höchster Not, wenn also Farbfotos
des Papstes publiziert werden, der seine Fanta auf seiner Soutane verschüttet
hat, findet sich auch Trost, und er kommt von den Herren Barenboim und
Wowereit, ausgerechnet.

Die „Berliner Zeitung“ meldet, daß der Dirigent
Daniel Barenboim mit seinem West-Eastern Divan Orchestra am 11.Juli dem Papst „mit einem Privatkonzert zum Namenstag
gratuliert“ hat. Musiziert wurde im Castel Gandolfino, der päpstlichen
Sommerresidenz bei Rom. „Gespielt wurden
Werke von Beethoven, Zu dem Konzert kam auch Berlins Regierender Bürgermeister
Klaus Wowereit.“

04.07.2012

Und Ansonsten 6/2012

Da veröffentlichen sie große Serien über den Zustand der
hiesigen Musikkritik – aber wenn es mal darum geht, brauchbare Konzertkritiken
zu schreiben, dann versagen sie auf ganzer Linie. Der bis vor kurzem
Chefredakteur der „Spex“ gewesene Autor etwa darf jetzt für die „Süddeutsche“
das tun, was er anscheinend am wenigsten kann: über Musik schreiben. In einer
Rezension über Patti Smith etwa ergeht er sich endlos in Szenen aus einer
Burroughs-Dokumentation oder aus Patti Smiths Autobiographie, ohne substantiell
auf die Musik des neuen Albums einzugehen. Der gleiche Autor schaut beim
Auftritt des HipHoppers A$AP streng auf die Uhr und stellt fest, daß der
Musiker sein Berliner Konzert „mit
sensationeller Pünktlichkeit“ begonnen hat. Ah ja, so etwas wollten wir ja
auch schon immer wissen. Der Musikkritiker als Stechuhrersatz.

Die Unzulänglichkeit hiesiger Musikkritik konnte man schön
anläßlich der Tournee von Lou Reed beobachten. Immerhin kam einer der
wichtigsten und einflußreichsten Musiker der letzten viereinhalb Jahrzehnte
nach Deutschland; man hätte erwarten können, daß die Musikjournaille sich mit
den Konzerten auseinandersetzt. Aber iwo. Im Bildzeitungsstil wird jedes
bereitliegende Klischee reproduziert und vervielfältigt. „Der alte Griesgram hält die Töne“, titelt die „taz“, deren
Redakteur mehr als die Hälfte seiner „Rezension“ damit verschwendet, sich über
den Konzertort („inmitten von Autohäusern
und Fliesenmärkten“) und die Kleidung der Konzertbesucher (von „das ganze Elend der Funktionsbekleidung“
bis „handgenähte Lederschuhe“)
auszulassen, dann über das Wetter zu berichten, um die zweite Hälfte seines
Artikels mit pseudooriginellen und im Grunde den Tatbestand der Beleidigung
erfüllenden  Beschreibungen des Künstlergesichtes
(„eine Mischung aus Hellmuth Karasek und
Rita Süssmuth“) zu beginnen, nicht ohne vorher noch Unwahres über die
Ticketpreise zu verbreiten („für 56 Euro aufwärts“,
was bei einem Einheitspreis eine ziemlich sportliche Bemerkung ist, denn erstens
haben mehr als 95% der Zuschauer nur 48 Euro bezahlt, und zweitens ist der
Autor natürlich umsonst ins Konzert gekommen und hat eigens noch eine
zusätzliche Gästekarte für seine Begleitung erschnorrt). Auch sonst nimmt es
der „taz“-Autor mit der Wahrheit nicht so genau – er behauptet etwa, daß Lou
Reed seine Bandmitglieder „kürzlich in
einem Interview als Eichhörnchen bezeichnet“ habe. Eine glatte Erfindung –
im Interview der „Berliner Zeitung“ mit Robert Rotifer sagte Lou Reed, bezogen
auf die Fans (!) von Metallica (!): „Aber
manche ihrer Fans, diese Metal-Schädel, haben den Intelligenzquotienten eines
Eichhörnchens.“ Aber so geht eben „Musikkritik“ im Alternativblättchen,
dessen Genossenschaft ja nicht zufällig Bild-Chef Kai Diekmann angehört: was nicht
paßt, wird passend gemacht. Wir biegen uns unsere Realität hin, wie wir sie
brauchen. Gossenjournalismus der abstoßendsten Sorte.

Aber das ist wahrscheinlich das eigentliche Problem der
einheimischen Musikkritik: sie können es eben nicht besser. Und die, die es
besser können, sind rar gesät – Gastautoren wie Klaus Walter in der „taz“ etwa,
oder das Feuilleton der „Berliner Zeitung“ (könnten die, die’s nicht besser
können, dort nicht mal ein Praktikum absolvieren? macht doch jeder ständig
Praktika hier in Berlin heutzutage...) oder der „FAZ“, manchmal auch ein
Artikel andernorts und in zwei oder drei Musikzeitschriften oder in „konkret“ –
der Rest ist nicht selten gekauft oder schlecht geschrieben (oder gerne auch
beides). Und die, die es besser konnten, sind gestorben (einen wie Martin
Büsser bräuchten wir so dringend!), oder man räumt ihnen keinen Platz (mehr)
ein, oder sie haben sich längst anderen Themen zugewandt. Der Elfenbeinturm in
einem Meer von Scheiße, um auf das Flaubertsche Bild zurückzugreifen, ist karg
besetzt.

(und wie ein glänzend geschriebenes Musikfeuilleton aussehen
kann, zeigt z.B. der von der „FAS“ zur „SZ“ gewechselte Peter Richter anläßlich
des Berliner Madonna-Konzerts – da wird die dumpfe Neureichen-Gated-Community
namens "Soho House" mal eben im Vorbeigehen karikiert und die stumpfe
Mehrzweckhalle am Ostbahnhof mit dem Telefongesellschaftsnamen vernichtet, man
bekommt en passant Interessantes zu Italien und zu Fußball serviert und hat
sogar noch was über Madonna und ihr Konzert erfahren – kann man im Internet
finden, kann ich empfehlen!)

* * *

In einem Facebook-Eintrag heult uns die US-Popsängerin Aimee
Mann ihre angebliche Tourneerealität ins Ohr: „Oft stellt sich die Frage, ob ich mir überhaupt einen Schlagzeuger
leisten kann.“

Ich weiß nicht, wofür Frau Mann ihre fünfstelligen Gagen
verwendet, aber ein paar Dollar sollten da doch auch für einen Schlagzeuger
abfallen, oder?

Ist schon „ein einförmiges Ding um das
(Popmusiker-)Geschlecht“, wenn ausgerechnet die, die ganz ordentlich verdienen,
plötzlich so tun, als ob sie Teil des Musiker-Prekariats wären...

* * *

In der „Süddeutschen Zeitung“ stellt Reinhard Brembeck
erstaunt fest, daß man heutzutage „neue
Klassiktalente (und verloren geglaubte Preziosen) schneller bei Youtube findet,
als in den neuen Veröffentlichungen der einschlägigen Plattenlabels“.

Und ich kann Reinhard Brembeck und Ihnen auch verraten,
woran das unter anderem liegt – der Chef von „Universal Music Classic &
Jazz“ nämlich hat vor allem damit zu tun, eine Koalition mit
Bundesfinanzminister Schäuble zu pflegen. „Liebe
Kultur-, Musik- und Finanzfreunde“ (sic!) flötet der Universal-Classic-Chef
also und lädt zu einer Veranstaltung mit dem schönen Titel „Musik.Zeit.Geschehen. Digitalisierung – Risiko oder Chance für Werte
in Kultur und Finanzen“ im Bundesfinanzministerium ein.

 

 „Die Räume und das
Programm sind spektakulär“, heißt es in der Einladung – nun, die ersteren
wurden von den Nazis gebaut, denn das Bundesfinanzministerium sitzt im Gebäude
des 1935 erbauten Reichsluftfahrtministeriums – das zweite wird u.a. auch von
der Plattenfirma „Universal“ zugetanen Künstlern bestritten, von Till Brönner
etwa. Und den 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker (anno 1935 noch das
„Reichsorchester“...). Und Vorträge und Diskussionsrunden u.a. mit Wolfgang
Schäuble.

Wer solcherart im Reichsluftfahrtministeriumsbau auf dem
Schoß des Bundesfinanzministers sitzt und über „Digitalisierung – Risiko oder
Chance für Werte in Kultur und Finanzen“ nachsinnt, der hat in seinem Alltagsjob
natürlich in aller Regel wenig Zeit, relevante Klassik-Künstler aufzubauen oder
spannende Musik zu veröffentlichen oder gar adäquate moderne (nämlich:
digitale!) Vertriebswege zu entwickeln.

Warum Igor Levit etwa, den Eleonore Büning in der „FAZ“
kürzlich als „einen der großen Pianisten
dieses Jahrhunderts“ bezeichnet hat und der zum Beispiel Frederic Rzewskis
an dieser Stelle bereits mehrfach gepriesenes Monumentalwerk „The People United
Will Never Be Defeated“ einzigartig interpretiert, bis heute keine Platte
veröffentlicht hat, ist schwer zu verstehen. Sie werden Igor Levits
Interpretationen allerdings kostenlos auf Youtube finden – willkommen in der
modernen Welt!

* * *

Was haben Stasi, Atomwirtschaft und Musikindustrie
gemeinsam? Sie haben ihre Leute in der Regierung plaziert. Schaffte die Stasi
das mit ihrem OibE Guillaume nur mit einem persönlichen Referenten des
Bundeskanzlers, so war Wirtschaftsminister Müller (SPD) als ehemaliger
VEBA-Manager natürlich eine Glanzbesetzung, um mit der Industrie den
sogenannten „Kernenergiekompromiß“ zu verhandeln. Nebenbei, wir erinnern uns,
wollte Müller das vom Bundeskartellamt ausgesprochene Verbot der Übernahme der
„Ruhrgas“ durch die Nachfolgegesellschaft seines ehemaligen Arbeitgebers VEBA,
der E.ON AG, aus „Gründen des
überragenden Interesses der Allgemeinheit“ nicht hinnehmen und wies deshalb
seinen Staatssekretär Tacke an, die Fusion durch Erteilung einer
Ministererlaubnis zu ermöglichen. Müller wurde nach dem Ende seiner
Ministerzeit 2003 Chef der Ruhrkohle AG (RAG), an der E.ON bis 2007 mit rund
40% beteiligt war. Tacke wiederum wurde 2004 Vorstandsvorsitzender beim
Stromversorgungsunternehmen STEAG, die wiederum eine 100%ige Tochter der von
Müller, seinem ehemaligen Chef, geleiteten RAG war – läuft eben alles wie
geschmiert...

Und die Musikindustrie? Die hat ihren Cheflobbyisten im
Ministerrang, den „Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien“,
Kulturstaatsminister Bernd Otto Neumann (CDU), dessen öffentliche
Stellungnahmen von Gorny oder Döpfner nicht besser formuliert werden könnten.
Für Neumann, der eigentlich für Kultur und Medien, nicht aber ausschließlich
für Kulturindustrie und Medienkonzerne zuständig ist, ist „der Schutz des geistigen Eigentums in der digitalen Welt die größte
kulturpolitische Herausforderung unserer Zeit“. Neumann ist Fan der
Lobbyorganisation der Kulturindustrie namens „Deutsche Content Allianz“ („In einer Zeit, in der Politik,
Wirtschaft und Gesellschaft angesichts der Verletzlichkeit der Inhalte vor
großen Herausforderungen stehen, ist es auch notwendig, daß die Deutsche
Content Allianz ihre Stimme laut erhebt“) und Fan der GEMA, dem „Club
der oberen 3.400“ (Guido Möbius) – und wurde für seine Verdienste gerade
von der GEMA mit deren „Richard-Strauss-Medaille“ geehrt. Wohlgemerkt, in einer
Zeit, in der die GEMA mit ihren extremen Gebührensteigerungen von oft 400 bis
600 Prozent zum Totengräber für die Clubkultur wird und mit den
Kostensteigerungen die Clubs entweder zur Schließung oder zu einer zunehmenden
Kommerzialisierung der Programme zwingt, in einer Zeit, in der Clubbesitzer und
Hunderttausende Fans um die weitere Existenz der von ihnen bevorzugten
Musikclubs fürchten, in so einer Zeit macht der angeblich für Kultur zuständige
Bundesstaatsminister den Bückling vor der GEMA und läßt sich von der
GEMA-Bossen mit einer Medaille dekorieren. Kein Wort hat man vom Kulturminister
bisher zum von der GEMA verursachten Clubsterben gehört, wohl aber diese artige
Dankesadresse an die Herren der GEMA: „Ohne eine durchsetzungsstarke
Verwertungsgesellschaft stünden die Urheber auf verlorenem Posten.“ Aha.

In der „FAZ“ hat GEMA-Chef und
Spitzenverdiener Heker (EUR 484.000 jährlich; zum Vergleich: die
Bundeskanzlerin bekommt 260.000 Euro...) dieser Tage gesagt:

„Schauen Sie: Es gibt ein böses Monopol und ein gutes. Und letzteres
ist im Fall der Verwertungsgesellschaften, von denen die Gema ja nur eine ist,
vom Gesetzgeber ausdrücklich so gewollt“. Was eine glatte Lüge ist, denn
„ausdrücklich gewollt“ wurde das Monopol der Verwertungsgesellschaften nicht
"vom Gesetzgeber" der Bundesrepublik Deutschland, wohl aber von
Goebbels und der NSDAP: „Joseph Goebbels,
der Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, dekretierte 1933 die
Umwandlung der freiwilligen Kooperation (mehrerer konkurrierender
Verwertungsgesellschaften, BS) in ein
staatlich sanktioniertes und kontrolliertes Musikverwertungsmonopol, die
STAGMA“ (Hans G Helms). Das im Juli 1933 erlassene STAGMA-Gesetz wie auch
eine im Februar 1934 erlassene Verordnung sind bis heute die Rechtsgrundlage
der STAGMA-Nachfolgeorganisation GEMA – „die
in den Jahren 1933/34 verfügte monopolistische Ausschließlichkeit der
Wahrnehmung der Musikverwertungsrechte ist erhalten geblieben“ (Helms), bis
heute, was natürlich ein interessantes Licht auf die faktischen
Monopolstrukturen der Gema wirft – aber daß ein GEMA-Chef sich im Jahr 2012 auf
Joseph Goebbels als „Gesetzgeber“ beruft, ist schon sehr besonders.

VUT-Chef Mark Chung bezeichnet die GEMA
übrigens als „unseren Laden“...

* * *

Der Rapper Bushido, der, wir berichteten, in die Politik
gehen und eine Partei gründen will, macht im Moment bei einem
CDU-Bundestagsabgeordneten ein Praktikum. In der „FAS“ hat Bushido schon mal
programmatisch Stellung genommen:

„Weg mit dem Euro! Ich
bin Kind der Deutschen Mark und war immer stolz auf meine Deutsche Mark. Wir
müssen aufpassen, daß wir uns für andere Länder nicht so sehr aufopfern.“

Oder: „Ich bin für
Steuersenkungen. Ich zahle jetzt über 52 Prozent Steuern, das ist legales
Schutzgeld und fuckt mich ab. (...) Mich stört, daß ich immer im Stau stehe.
Dann die Schlaglöcher. Dann muß Berlin sauberer werden. Wir müssen die Adern
unserer Stadt – die Straßen – sauber kriegen, damit das Blut in die Kapillaren
kommt.“

Den politischen Gegner kritisiert Bushido bereits sehr
kompetent: „...das gilt jetzt auch für
den Herrn Özdemir, den Alibi-Türken, oder Claudia Roth. Warum muß Politik so
häßlich machen? Auch Angela Merkel ist überhaupt nicht attraktiv. Aber ich
würde mich auf jeden Fall mit ihr einlassen.“ Frage: Wie jetzt? „Sexuell. Dann könnte ich sagen, ich habe
mit der Bundeskanzlerin geschlafen.“

* * *

„Der Deutsche“ ist nicht selten ein eher merkwürdiger
Zeitgenosse. Da jammert er gern (oder läßt seine Blödzeitung jammern), daß das
Benzin zu teuer sei. Aber „kompakte
Geländewagen sind das absolut am schnellsten wachsende Fahrzeugsegment in einem
gesättigten Markt“, so der „Autopapst“ Ferdinand Dudenhöffer. Fast sechzig
Prozent aller neu zugelassenen PKW sind übrigens sogenannte „Dienstwagen“, und
achtzig Prozent der Porsches – „Kaufpreis
und Betriebskosten werden von der Steuer abgesetzt (...) der Fiskus finanziert
unter engagierter Mitwirkung der FDP den Männertraum aus allen Töpfen“
(Gremliza).

Was machen aber die Menschen mit all den teuren und
spritfressenden Fahrzeugen? Mit diesen sogenannten SUVs, den „sport utility
vehicles“ also mit ihrer erhöhten Geländegängigkeit und der von Geländewagen
abgekupferten Karosserie, oft mit Viehgittern vor der Kühlerhaube? Ich schau
mir das quasi jeden Morgen, wenn ich mit dem Fahrrad ins Büro fahre, staunend
vor demselben an, denn da stehen immer lauter Geländewagen mit dem etwas
merkwürdigen Aufdruck „relentless energy“ herum, sie gehören einem anderen
Mieter in unserem Bürogebäude. Und bevor Sie jetzt anfangen zu belächeln, daß
Leute mitten in Berlin mit Kuhgittern und Geländewagen herumdüsen, bitte ich
Sie sehr zu bedenken: gar nicht selten werden vorne auf der Urbanstraße in
Kreuzberg ganze Viehherden wildwestmäßig über die Straße getrieben, und weltweit
bekannt ist der herbstliche Kreuzberger Almabtrieb, das weiß schließlich jedes
Kind  – you better be prepared! Und wie
oft kommt man im sibirischen Berliner Winter förmlich nicht mehr voran, wird
eingeschneit, müßte im Büro übernachten, wenn man nicht erhöht in seinem SUV
mit Allradantrieb sitzen könnte und durch die Wildnis nach Hause brettern. Sie
müssen sich das so vorstellen: im strengen Berliner Winter geht praktisch
niemand mehr vor die Tür. Der öffentliche Verkehr bricht zusammen. Zehntausende
Kältetote. Auf den Straßen Schneewehen und Eisberge, der einzig mögliche Weg
führt über die vereiste Spree, wo sich nur noch die mit allen Eiswassern und
Energydrinks gewaschenen SUV-Piloten vorankämpfen. Gelt, da vergeht Ihnen das
Lächeln? Und da sehen Sie, wozu SUVs gut sind. Sollen die fetten Karren doch
von uns Steuerzahlern subventioniert werden, wer wollte das angesichts der
Berliner Realitäten kritisieren...

29.06.2012

Fußball und Italien

A propos Fußball: Ich will ja nicht übermäßig unbescheiden
sein, aber darf ich Sie daran erinnern, was Anfang Juni im Blog Ihres
Vertrauens stand? Genau, unter anderem: „Deutschland
wird ganz sicher nicht Europameister! (...) Gute Chancen sollten naturgemäß die
haben, die am meisten unter Deutscher Wirtschaftsknute zu leiden haben – einer
der PIGS-Staaten dürfte also wohl Europameister werden (...) Holland wird es
nicht werden, denn die haben Robben (...) Aber wie gesagt: Deutschland nicht.
Zu viel FC Bayern, zu wenig Dortmund. Haben Sie gesehen, wie die
Nationalspieler im Championsleague-Finale beim Elfmeterschießen gekniffen
haben? Da steckt die Versagensangst in einer ganzen Generation in den paar
Spielern. Oder man kann es begründen wie mein Schweizer Freund und
Fußballkenner: „die Deutschen haben so doofe Frisuren, das wird nichts“...

Also, wenn Sie mich fragen: einer der
beiden PIGS-Staaten mit brauchbarem Fußball wird’s...“

Und also geschah es.

Ich muß ganz ehrlich sagen: wenn ich mir die ganzen doofen
Fähnchen schwenkenden und tragenden und an ihren Autos herumfahrenden
Mitmenschen so betrachte, habe ich am Donnerstagabend nach der Niederlage gegen
Italien gerne „Azzurro“ mitgesummt, das im polnischen Stadion zu hören war. Ist
sowieso ein guter Song.

Neuerdings wird hierzulande ja der Gemeinplatz gepflegt, die
aktuelle Nationalspielergeneration sei kreativ und toll und überhaupt. Und der
Jogi erst! Ganz ehrlich – mir fehlt der Glaube. Natürlich freue ich mich
darüber, daß jetzt Spieler wie Özil oder Khedira oder Hummels spielen, und
selbst Schweinsteiger ist ein Spieler mit außerordentlicher Fußballintelligenz,
obwohl er beim FC Bayern spielt. Im Großen und Ganzen aber ist das alles so
furchtbar brav, daß es zum Davonlaufen ist. Allein schon, wie der Musterschüler
Lahm immer seine Statements vor den Kameras abgibt – man merkt, da steckt viel
Interviewschulung drin, klar haben alle Nationalspieler heute Manager, die sie
auf Medientrainings schicken, und genau so hört sich das dann an. Brave Bubis, die
funktionieren wollen und werden, die sich toll selbst vermarkten können und
hart an ihrer Selbstoptimierung arbeiten, Bubis, die nichts falsch machen
wollen, egal ob sie auf Auschwitz (hat der DFB vorgegeben) oder Balotelli (hat
Brantelli aufgestellt) treffen. Aber mit Bravheit gewinnt man im Fußball
nichts, und so hat, wie es in der „Berliner Zeitung“ zurecht und süffisant
hieß, der deutsche Kapitän seinem Namen geistig und spielerisch alle Ehre
gemacht. Italien gegen Deutschland, das war „11
Männer gegen 11 Bubis“ (Rüdiger Suchsland).

Es war aber auch das Scheitern des allseits beliebten alemannischen
Langweilers namens Jogi auf der Trainerbank. Dessen Nibelungentreue zu Spielern
wie Schweinsteiger (nach Verletzung noch auf der Suche nach seiner Form), Podolski,
Gomez oder Müller ebenso verhängnisvoll war wie das Festhalten am FC
Bayern-Block. Da standen sieben Spieler des FC Bayern auf dem Platz.  Genau, it’s that simple. Und Spieler
wie Reuss oder Götze oder Bender saßen auf der Bank. Da konnte Jogi noch so
häufig sein Mantra „dieses Mal werden wir als Sieger vom Platz gehen“ absondern
– die Wahrheit ist auf dem Platz, und die Wahrheit war: Löw hatte Angst vor
Spielerpersönlichkeiten der Klasse eines Andrea Pirlo, eines Buffon, eines
Balotelli, eines Montolivo. Und Löw hatte Angst vor der taktischen Finesse
eines Cesare Prandelli. Und es fiel ihm ein: Pirlo in Manndeckung zu nehmen! In
Zeiten höchster Not führt der Mittelweg bekanntlich in den Tod. Noch einmal
Rüdiger Suchsland bei Telepolis:

„Merkel und Löw, das
ist Luther, Bismarck und die anderen (...) Pirlo und Buffon, das ist der Süden!
Das Land der Sonne und des Rettungsschirmes, des besseren Lebens und des
besseren Essens, der Kunst und des Laissez-faire. Der Süden, also Spanien und
Italien stehen für Gelassenheit statt Hysterie, für Leben heute, statt Leben
morgen, für Diesseits statt Jenseits, für ausgeben statt sparen, für Konsum
statt „Geiz ist geil“, für „paßt scho“ statt „Das muß aber seine Ordnung haben“
(...) Unser Fußball muß unvernünftiger werden, spielerischer, leichter...“

In diesem Sinne – lassen Sie uns mit Italien feiern, mit der
wunderbaren Stimme von Adriano Celentano, „die
wie keine zweite Lässigkeit und Melancholie verbindet“ (Eric Pfeil) und „gleichzeitig erzcool und anrührend“
klingen kann. Lassen Sie uns den Sommer genießen, hören wir auf, die Italiener
und Griechen und Portugiesen zu belehren und zu dominieren, lassen Sie uns
diesen Sommer einfach etwas Unvorhergesehenes, gerne auch mal etwas Verbotenes
tun! Es sind ganz sicher zu viele Löws und Merkels in unserem Leben.

29.06.2012

Fußball Polen Priester

Einem echten Polit- und Kirchenskandal um die Fußball-Europameisterschaft
(neudeutsch „UEFA Euro 2012“) ist der Berliner „Club der Polnischen Versager“
auf die Spur gekommen:

„Nachdem
rausgekommen ist, daß polnische Priester für den Sieg nur der polnischen
Mannschaft gebetet haben, empörten sich die Fans der anderen Mannschaften über
den unlauteren Wettbewerb und eventuelle Vorteilsname. Die portugiesischen
Anhänger überlegen sogar eine Schadensersatzklage vor dem jüngsten Gericht
einzureichen. Die Reaktion des Vatikan war schnell und direkt: Keine Gebete mehr
nur für eine Mannschaft, alle Katholiken sind gleich. Die Strafe von ganz ganz
ganz oben hat die polnische Mannschaft selbst getroffen.“

Wobei die Vertreter des Herrn schon seit jeher das
Kriegsgerät jeder Seite separat bespritzt, also gesegnet haben...

29.06.2012

Rousseau

Auch ein anderer, dessen wir diese Woche gedenken, hat sich
mit der Problematik des Eigentums und der Erbschaft beschäftigt und ist zu sehr
eindeutigen Schlüssen gekommen, nämlich Jean-Jacques Rousseau. Für Rousseau war
die Einführung des Privateigentums die Ursache des Verlusts von Freiheit und
Autonomie:

„Der erste, der ein Stück Land mit einem Zaun umgab und auf den
Gedanken kam zu sagen »Dies gehört mir« und der Leute fand, die
einfältig genug waren, ihm zu glauben, war der eigentliche Begründer der
bürgerlichen Gesellschaft. Wie viele Verbrechen, Kriege, Morde, wieviel Elend
und Schrecken wäre dem Menschengeschlecht erspart geblieben, wenn jemand die
Pfähle ausgerissen und seinen Mitmenschen zugerufen hätte: »Hütet euch,
dem Betrüger Glauben zu schenken; ihr seid verloren, wenn ihr vergeßt, daß zwar
die Früchte allen, aber die Erde niemandem gehört.“[, schreibt Rousseau und folgert:

„… alle diese Übel sind die erste Wirkung des Eigentums und das
untrennbare Gefolge der entstehenden Ungleichheit.“

29.06.2012

Walther Rathenau

Zum 90. Todestag von Walther Rathenau, des jüdischen
Industriellen (AEG), Schriftstellers und Außenministers, der von
Rechtsradikalen ermordet wurde, braut sich allerlei Gedenken zusammen: zu einer
Gedenkveranstaltung auf dem Waldfriedhof Oberschönweide werden
Bundesaußenminister Westerwelle (FDP) und Berlins Kulturstaatssekretär Schmitz
(SPD) erwartet. Ein sogenannter „Industriesalon Schöneweide“ beginnt in
Kooperation mit dem Heimatverein Köpenick eine Veranstaltungsreihe „zum Wirken
der Familie Rathenau, die Schöneweide entscheidend geprägt hat“. Eine Website
namens „Neue Solidarität“, die mit der rechtsradikalen Politsekte der
Zepp-LaRouches verbandelt ist, schreibt „in Gedenken an Walther Rathenau:
Führungsstärke in Krisenzeiten“ von „britisch-imperialer Politik“, der sich
einzig Rathenau entgegengesetzt habe. Während in und um Bad Kösen
(Sachsen-Anhalt) Neonazis der Mörder Rathenaus gedenken – all dies erfährt man
auf der ersten Seite der Google-Ergebnisse zu „Rathenau Gedenken“.

Vielleicht könnte man Walther Rathenau am besten ehren, wenn
man sich mit einigen seiner Gedanken beschäftigen würde, die er etwa in „Von
kommenden Dingen“ geschrieben hat und die relativ nah an dem sind, für das die
neue Linken-Vorsitzende zuletzt von den bundesdeutschen Medien gescholten wird:

„Oberhalb einer
mäßigen Vermögenseinheit gehört jeder Nachlaß dem Staat“, fordert Rathenau,
der im Erbrecht die Wurzel der ungleichen Vermögens- und Machtverteilung sah
und das Erbrecht daher abschaffen wollte. Wenn eine Familie mehr als 3000 Mark
im Jahr verbrauche, solle dem Staat auf jede weitere Mark des weiteren Konsums
eine weitere Mark zustehen, forderte Rathenau ebenso wie strikt abschreckende
Steuern auf Luxuswaren und „übermäßigen
Verbrauchsgenuß“.

Ob Westerwelle oder Schmitz bei ihren Reden diese Gedanken
Walther Rathenaus aufgenommen haben, weiß ich nicht.

22.06.2012

Und Ansonsten 2012 06 1/2

Drolliges
Bäumchen-wechsel-dich-Spiel im deutschen Musikjournalismus. Und irgendwie hängt
allüberall irgendwie „SS“ drin, „Spex“ und „Springer“. Der ehemalige
Chefredakteur der Spex  leitet seit
geraumer Zeit das Kundenmagazin der Deutschen Telekom, das sich verschämt
„Electronic Beats“ nennt. Der ehemalige Redakteur des „Rolling Stone“
(„...erscheint monatlich in der Axel Springer Mediahouse Berlin GmbH...“) wird
Chefredakteur von „Spex“, der ehemalige „Spex“-Redakteur wird Chefredakteur des
„Rolling Stone“. Der ehemalige Chefredakteur der „Spex“ schreibt jetzt für die
„Süddeutsche Zeitung“ (und zeigt dort anhand des aktuellen Patti Smith-Albums,
was er nicht kann, nämlich: über Musik schreiben...). Der Pop-Chef der
„Berliner Zeitung“ wechselt mit einer Kolumne von „Spex“ zu „Rolling Stone“
ebenso wie ein weiterer geschätzter Autor des Feuilletons der „Berliner
Zeitung“ (wobei ich mich immer frage, worin der Charme für eine kompetente
Musikzeitschrift besteht, Kolumnen bei Redakteuren des Feuilletons zu bestellen,
außer: daß die vielleicht besser schreiben können? aber wäre es in Zeiten
drastisch sinkender Auflagen der Musikzeitschriften und eines damit
einhergehenden Bedeutungsverlustes der Musikkritik nicht sinnvoller, eigenes Profil zu gewinnen, als es sich
beim bürgerlichen Feuilleton zu leihen?). Der ehemalige Spex-Redakteur  wurde im Sommer 2011 beim „Musikexpress“
(„...erscheint monatlich in der Axel Springer Mediahouse Berlin GmbH...“) als
„unser neuer Mann an Bord“ und Redaktionsleiter vorgestellt und ist im Frühjahr
2012 plötzlich Redakteur des „Rolling Stone“.

Man kommt
förmlich nicht mehr hinterher. Und was hat das alles zu bedeuten? Es ist wie
bei der Tonträgerindustrie, als derartige Bäumchenwechseldichspiele in der
zweiten Hälfte der 90er Jahre und im frühen 21. Jahrhundert zur Regel wurden
und viele Angestellte im Zwei-Jahres-Rhythmus zwischen den großen Playern der
Plattenfirmen hin und her wechselten – es hat, neben vielen anderen Gründen,
auch mit Krise zu tun, in der die
Akteure zu Verzweiflungstaten greifen. Die Auflagen der großen
Musikzeitschriften haben sich in den letzten paar Jahren halbiert.

* * *

Maria Furtwängler
ist Leni Riefenstahl. Die Frau des
Verlegers Hubert Burda soll in einer ZDF-Produktion mit dem Regisseur Niki
Stein („Rommel“) Hitlers Lieblings-Regisseurin („Triumph des Willens“) spielen.
Die Idee zu dem Fernsehfilm stammt laut „Bild am Sonntag“ von Maria Furtwängler
selbst, die sich seit vier Jahren intensiv mit Riefenstahls Biographie beschäftige.

* * *

Und „die
Wanderhure“ ist Stephanie zu Guttenberg. In einem
geplanten Fernsehfilm über Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg
soll Alexandra Neldel dessen Ehefrau Stephanie spielen, erfahren wir in einer
Meldung der „Berliner Zeitung“. Alexandra Neldel, die mit der Serie „Verliebt
in Berlin“ bekannt wurde und zuletzt mit „Die Wanderhure“ und „Die Rache der
Wanderhure“ erfolgreich war, hat laut Fernsehproduzent Nico Hofmann für
Stephanie zu Guttenberg „genau die
richtige Figurentiefe“.

* * *

Die Einführung
des sogenannten Betreuungsgeldes ist so ziemlich der ärgerlichste Beitrag der
an Ärgerlichkeiten nicht eben armen Politik der Bundesregierung. Mit welchen
undemokratischen Mitteln eine Politik, die von der OECD in einer Studie als
nachteilig für berufstätige Frauen und für die Integration von Zuwanderern
analysiert wurde, hierzulande durchgesetzt wird, erzählt ein Beitrag der
„Berliner Zeitung“.

Demzufolge ist
geplant, das Betreuungsgeld trotz immer neuer Hinweise auf seine Nachteile „offenbar ohne längere parlamentarische
Beratungen durch den Bundestag zu drücken“. Die 20
CDU-Bundestagsabgeordneten, die in einem Protestbrief im April angekündigt
hatten, aus guten Gründen gegen das Betreuungsgeld stimmen zu wollen, wurden
jetzt von Angela Merkel besucht (oder doch eher heimgesucht?). Zweck des
Treffens: „Den Abgeordneten die
strategische Bedeutung der Abstimmung über das Betreuungsgeld deutlich zu
machen. Die CSU hat dieses Projekt zu einem Prüfstein für die Koalition erklärt
– eine Kränkung der bayerischen Partei will Merkel ein Jahr vor der schwierigen
Landtagswahl wohl nicht riskieren“. Politik also nicht aus inhaltlichen,
sondern aus „strategischen“ Gründen. Bundestagsabgeordnete, die nicht, wie es
das Grundgesetz vorsieht, ausschließlich ihrem Gewissen verantwortlich sind,
sondern Abgeordnete, die von der Regierungschefin auf Kurs gebracht werden – „das Bemühen, die Kanzlerin nicht zu
beschädigen, spielt dabei offenbar unabhängig von den Inhalten eine große
Rolle“.

Realpolitik in
der Post-Demokratie. Würde so etwas in Moskau oder Beijing passieren –
Machtpolitik am Parlament vorbei, Abgeordnete vom Machthaber auf Kurs gebracht
–, die  Parteien und Medien würden Amok
laufen...

* * *

Im Münchner
Literaturhaus eine Ausstellung über Gerhard Polt (dem an dieser Stelle
herzlichst zum 70.Geburtstag gratuliert sein soll! der erste Künstler, den die
Konzertagentur Berthold Seliger jemals veranstaltet hat, zwei ausverkaufte
Konzerte von Gerhard Polt und den Biermösl Blosn in Fulda im September
1988...), und darin neben den vielen wirklich komischen und gleichzeitig sehr
abgründigen Szenen („Habemus Papam!“, wie Polt als Papst Bene mit einem Kärcher
das Laub vor sich hintreibt und dabei in päpstlicher Fistelstimme vor sich
hinplappert, bis die Biermösl-Blosn auf die Bühne kommen und mit Alphörnern
ausgerechnet und exakt Orffs Carmina Burana intonieren – wie sich also wirklich
ALLES auf wunderbarste Weise zu ALLEM fügt, darüber kann man förmlich nicht
aufhören zu lachen! gibts auch auf DVD übrigens) – o.k., ich bitte neu ansetzen
zu dürfen: besonders auffällig ist aber die Kabarett-Sendung über den
Rhein-Main-Donau-Kanal, dieser legendäre Höhepunkt der Fernsehgeschichte – was
Fernsehen damals durfte! Unglaublich. Wie in bester aufklärerischer Manier
klargemacht wird, wie die Industrie die bayerischen CSU-Bonzen schmiert, um die
entsprechenden Baugenehmigungen zu erhalten, wie da alle Namen genannt werden
bis hinauf zum Ministerpräsidenten – so etwas war einmal möglich bei der ARD!
Und so etwas würde heute nicht mehr möglich sein. So etwas würde keine
Redaktion in Auftrag geben, es würde nicht gesendet werden, vor allem aber
auch: so etwas würde sich kein TV-Autor und -Darsteller heutzutage mehr trauen!
Und das ist eben auch die Wahrheit.

Ad multos annos,
G.P.!

* * *

Im „Handelsblatt“
schreibt Gabor Steingart:

„Sie wundern sich zuweilen über die steigenden Energiepreise? Der ehemalige russische Diplomat und heutige
Lobbyist Andrey Bykov erklärte unserem Reporter Jan Keuchel, wie der Stromkonzern EnBW die Gelder der
Kundschaft ausgibt. Rund 200 Millionen
Euro erhielt Bykov aus den Kassen der EnBW. Die eine Hälfte davon war
für den Lobbyisten, die andere Hälfte für Kirchen, Denkmäler und Wallfahrten in
Russland bestimmt. "Damit wurden 84 Kirchen, 30 Denkmäler, 60
Schachschulen, eine Oper und drei Orchester finanziert, dazu Dutzende von
Kindergärten, Schulen und Krankenhäusern", sagt Bykov.

Diese Ausgaben dienten "der politischen
Klimapflege", um an die Gasvorräte
der Russen zu kommen. Das Geld sei über Scheinverträge geflossen. Schwere Vorwürfe, die sich auf die
Zeitdauer von immerhin drei Vorstandsvorsitzenden der EnBW erstrecken.“ 

* * *

Klaus Walter hat
darauf hingewiesen:

„Die Firma EMI schmückt ihre Erfolgsreihe
”Ballermannhits” mit einem Ötzi-esken Stimmungshit von Klana Indiana: "Wer jetzt net hupft, is schwul!"

Das also ist
der Stand der Querness in diesem unseren Land, in dieser unserer
Musikindustrie.

* * *

Die „Musikwoche“, das Fachblatt für den Copyright-Cop, jubiliert: „524 Millionen Schaden“ soll und will
der deutschen Musikindustrie im Jahr 2010 durch „digitale Piraterie“ entstanden sein; „allein 256 Millionen Euro davon entfielen hochgerechnet nach
Marktanteilen auf Musik aus deutscher Produktion. Zu diesem Ergebnis kommt eine
vom Medienboard Berlin-Brandenburg und dem Bundesverband der
Computerspielindustrie (G.A.M.E.) in Auftrag gegebene Studie“.

Hört sich alles topseriös an. Und so stößt der Chef der Universal, Frank
Briegmann, ins Nebelhorn: „Wir erleben
Umsatzverluste, die mehr als existenzgefährdend sind – für Künstler,
Arbeitsplätze und Unternehmen“.

Doch wo sich der klar und logisch denkende Mensch schon immer gefragt
hat, wie denn die Musikindustrie ihre genauen Verluste durch sogenannte
illegale Downloads berechnet, da hat sich der Wiener
Wirtschaftswissenschaftler, Professor für Kulturbetriebslehre und Betreiber des
angesehenen „Blog Musikwirtschaftsforschung“, Peter Tschmuck, die Arbeit
gemacht, die angebliche „Studie“ des Medienboards BeBra auf Herz und Nieren zu
durchleuchten. Fazit: da bleibt nicht viel übrig.

Im Einzelnen die wichtigsten Kritikpunkte, die Tschmuck in einem
ausführlichen Text belegt:- Die Untersuchung des Medienboards basiert in erster
Linie nur auf einer Sekundäranalyse der vorhandenen Literatur, ergänzt durch
einige ExpertInnenintervciews. „Eine
methodische Auswertung der Interviews im Rahmen einer qualitativen
Inhaltsanalyse ist nicht erkennbar.“- Ähnlich mangelhaft ist laut Tschmuck die
Vorgehensweise bei der Schadenserrechnung für die Musikindustrie: die
„Pirateriemenge“ wird einfach mit einer aus der Literatur abgeleiteten
Substitutionsrate multipliziert.- In der gesamten „Studie“ werden die Begriffe
„Musikwirtschaft“ und „Musikindustrie“ nicht definiert und voneinander
abgegrenzt.- Besonderes Bubenstück der „Studie“: die vom
Bundesverband der Musikindustrie (BMI) zur Verfügung gestellten (und per se
zweifelhaften) Zahlen werden „dem
theoretischen Umsatzwachstum nach der Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts
(BIP) auf Basis des Jahres 1999 gegenüber gestellt“ – diese Darstellung „muß allerdings als suggestiv bezeichnet
werden, weil es keinen empirisch-kausalen Zusammenhang zwischen der Entwicklung
des BIPs und der Umsatzentwicklung in der phongraphischen Industrie gibt“,
stellt Tschmuck lapidar fest.- Und so geht es weiter – in der „Studie“ werden
Feststellungen willkürlich getroffen, die an keiner Stelle belegt werden, die
Zahlen, die die „Studie“ etwa bei den Beschäftigten nennt, stehen „in keiner nachvollziehbaren kausalen
Beziehung“. Bei der Addition der Gesamtsumme der „illegalen“ Tracks stellt
Tschmuck fest, daß „eine simple Addition
der Werte durch nichts gerechtfertigt ist“, und „die Zahlen für den Festplattentausch“ sind  „so gut
wie gar nicht empirisch gesichert“, die Kapitelüberschriften seien „suggestiv“, es werden nicht alle
verfügbaren Studien berücksichtigt, sondern nur ausgewählte (man kann sich
leicht vorstellen, welche Studien
ausgewählt wurden – die, die den Autoren in den Kram paßten natürlich), und
Tschmuck faßt schließlich zusammen:- Die Studie „liefert
keine empirisch gesicherten und somit brauchbaren Ergebnisse, die den
Zusammenhang von Musik-Filesharing und physischen sowie digitalen
Musikverkäufen erklären könnten. (...) Zum Teil fällt die Darstellung suggestiv
aus und es werden vorliegende Statistiken und Studien verkürzt und
oberflächlich interpretiert. (...) Insgesamt muß konstatiert werden, daß die
Berechnung des wirtschaftlichen Schadens der phonografischen Industrie in
Deutschland und in der Region Berlin-Brandenburg jeglicher Grundlage entbehrt
und alles andere als eine verläßliche Zahlenbasis bietet. Darüber hinaus wird
die Studie ihrem Titel (...) in keinster Weise gerecht (...) In diesem Sinn
leistet die vorliegende Studie keinen brauchbaren Erklärungsbeitrag, welche
wirtschaftlichen Auswirkungen Musik-Filesharing auf die phonografische
Industrie im Speziellen und die Musikindustrie in Deutschland im Allgemeinen
hat.“

So etwas nennt man wohl eine gewaltige Ohrfeige. Setzen, sechs!

Doch eine „Studie“ kann noch so absurd und inkompetent und lügnerisch
daherkommen – Hauptsache, es kommt das raus, was rauskommen soll, und schon
wird sie vom „President Universal Music GSA“ und vom Bayernkurier der
Verwertungsindustrie Hand in Hand (die eine wäscht bekanntlich die andere) im
großen Stil der Öffentlichkeit präsentiert. Hatten wir schon: die Lage der
Verwertungsindustrie muß verzweifelt sein, wenn sie ihr Anliegen derart
vorantreiben muß...

(Tschmucks Stellungnahme im Netz: http://musikwirtschaftsforschung.wordpress.com/2012/06/15/die-auswirkung... )

* * *

Doch auch die Abmahnindustrie bleibt nicht untätig. Jüngstes Opfer, wie
wir auf „Perlentaucher“ erfahren: der Filmemacher Rudolf Thome („Rote Sonne“),
der auf seiner Website zwei Kritiken aus dem „Tagesspiegel“ zu seinen Filmen
dokumentiert hatte und deshalb von einer Hamburger Rechtsanwaltskanzlei
aufgefordert wurde, knapp 950 Euro zu bezahlen. Thome war selbst 15 Jahre lang
Autor von Filmkritiken für das Blatt, das der Berliner gerne „Tagesspitzel“
nennt. „Wie kann dem Tagesspiegel ein
Schaden durch die Wiedergabe zweier uralter Kritiken entstanden sein“,
fragt sich Thome.

Besonders skurril: Im „Tagesspiegel“ fand man im März 2012 noch recht
deutliche Worte gegen die Abmahnindustrie: „Wenn
das aktuelle Abmahnwesen in Deutschland eine Farbe hätte, wäre es
schmutzig-grau. Mit allerlei Tricks versuchen Geschäftemacher, über Abmahnungen
Geld zu verdienen.“

Bekanntlich sind die größten Kritiker der Elche selber welche...

* * *

Ebenfalls aktiv ist der Computerhersteller Apple, der laut einem Bericht
der „Zeit“ bei Musikstücken anstößige Texte zensiert und sie durch „gesäuberte“
Versionen ersetzt, ohne daß die Nutzer darauf aufmerksam gemacht würden. Aus dem „We gonna party for the motherfucking right to
fight“ der Beastie Boys wird in der gated community von Apples iTunes einfach
„We gonna party for the KRATZGERÄUSCH right to fight.“

Es gibt eine längere Zensurliste bei Apple: keine Nackten im
James-Joyce-Comic „Ulysses Seen“ von Rob Berry im Juni 2010; im Mai „fiel die App zur Münchener
Pinakothek-Ausstellung Frauen – Picasso, Beckmann, de Kooning dem Brustverbot
aus Kalifornien zum Opfer. Der Kunst-App-Hersteller sollte Beckmanns nackte
Schlafende aus den Bildern entfernen, die das Produkt bei iTunes bewerben. Erst
danach stellte Apple die App wieder online.“ Brave new world.

10.06.2012

Lilian Thuram

Zum Auftakt der
Fußball-Europameisterschaft bringt das Feuilleton der FAZ ein ganzseitiges
Interview mit dem französischen Rekord-Nationalspieler Lilian Thuram, der
unlängst ein Buch unter dem Titel „Manifeste pour l’egalité“ herausgebracht und
eine Ausstellung im Pariser Musée du Quai Branly organisiert hat, die „zeigt,
wie der Westen den Wilden erfunden hat“. Thuram hat auch eine Stiftung
„Erziehung gegen Rassismus“ ins Leben gerufen.

„Der Rassismus ist ein intellektuelles
Konstrukt, das von einer Generation an die nächste weitergegeben wird. Unsere
Gesellschaft ist immer noch durchsetzt von rassistischen Vorurteilen. (...)
Wenn diese Fans Rassisten sind, so weil es um sie herum, in der Gesellschaft,
Rassismus gibt. Der Fußball lebt nicht in einem abgeschlossenen Raum.“

Thuram, der in
seiner Karriere Welt- und Europameister wurde, war berühmt dafür, sich vor
einem Spiel der Championsleague in ein Buch von Frantz Fanon zu vertiefen.

Und nun frage ich
Sie – wissen Sie, wer deutscher Rekordnationalspieler ist? Genau, Lothar
Matthäus. Und nun versuchen wir uns einmal vorzustellen, welches Buch (bzw.
„was ist das?“) Loddar vor einem Fußballspiel lesen würde. Oder was passieren
würde, wenn Loddar eine Museumsausstellung kuratieren oder gar der FAZ ein
ganzseitiges Interview geben müßte. Und Sie können sich so ungefähr den
Unterschied zwischen Frankreich und Deutschland sinnlich vorstellen... 

10.06.2012

China, Familien, Kolonko

Am Samstag, dem
9.Juni 2012, argumentiert Petra Kolonko (das ist die Dame, die für FAZ und NZZ
gleichlautende Artikel über China oder Nordkorea schreibt, die sie vor ihrem
Fernseher in Tokio sitzend verfaßt; siehe auch „Pjöngjang im Kaffeesatz“,
Konkret 11/2010, auch auf unserer Homepage: http://www.bseliger.de/sites/default/files/Seliger11-10.pdf)
im Leitkommentar der „FAZ“ unter dem Titel „Chinas roter Adel“: „Daß prominente Familien wirtschaftlichen
und politischen Einfluß haben, ist in Asien nicht ungewöhnlich. In Staaten, wo
das Rechtssystem schwach ist, wie in China, sind familiäre Bande noch immer die
Garantie für loyale Zusammenarbeit. (...) Die Familienpolitik beschränkt sich
nicht nur auf die obersten Parteiführer. Auch auf der mittleren Politik-Ebene
und im Geschäftsleben spielen Familienbande und persönliche Loyalitäten eine
starke Rolle. Sowohl in der Wirtschaft als auch in der Politik regieren
informelle Strukturen, die für Ausländer undurchdringlich sind und an denen sie
oft scheitern.“

Am selben Tag,
Samstag, dem 9.Juni 2012, lesen wir auf Seite 2 der „Berliner Zeitung“ eine
Sonderseite zum Thema „Familienmacht:
Politikerdynastien in Deutschland“, die sich unter dem Titel „Nachname
verpflichtet“ mit Familien beschäftigt, denen „Politik im Blut zu liegen scheint“ – Adenauer, Bismarck, von der
Leyen/Albrecht, Gysi, Schäuble sind die Beispiele. Und von den Flicks oder vom
Bertelsmann-Clan, der dem Kohl sein Mädel nach Gütersloh einbestellt, um der
ehemaligen FDJ-Funktionärin den Kurs vorzugeben, ist in der Sonderseite nicht einmal
die Rede.

Und was soll uns
das lehren? Wahrscheinlich will man uns einfach hintenrum verdeutlichen, daß
Deutschland eben ein Land ist, wo das Rechtssystem schwach ist, mit all den
prominenten Familien und deren wirtschaftlichem und politischem Einfluß...

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