14.05.2006

Und Ansonsten 2006-05-14

Strom
Strom Strom.
Im letzten Rundbrief hatten wir vom neoliberalen PDS-Wirtschaftssenator Berlins
berichtet, der die über 5%ige Preiserhöhung der Stromtarife durch Vattenfall
genehmigt hat.
Am 19.4. lesen wir dazu in der "Berliner Zeitung": "Das Energieunternehmen
Vattenfall wird wieder Stromlieferant fürs Land Berlin. (…) Derzeit werden die
Landeseinrichtungen von den Unternehmen Lichtblick und Electrabel mit Strom
versorgt, die 2004 die Ausschreibung gewonnen hatten. Nun lag Vattenfall vorn
und liefert in den Jahren 2007 bis 2009 rund 900 Gigawattstunden Strom pro Jahr.
Die Kosten für das Land Berlin werden 2007 bei rund 87 Millionen Euro
liegen."
Ein Schelm, wer 1 und 1 zusammenzählt.

* * *

Ein Event wird angekündigt, und wie immer in diesen Spalten lassen wir es uns
nicht nehmen, alle Rechtschreib- und Grammatikfehler des Originals zu
übernehmen:
"T-Mobile präsentiert:
Die Robbie Williams Welcome to the Mansion Clubtour 06
PARTY LIKE YOUR STAR!
In den Metropolen
Deutschlands wird in ausgefallener Club-Atmosphäre gefeiert. Sei dabei und
"Party like your Star!" wenn T-Mobile den Style Robbie Williams,
unterlegt mit funky Housetunes vom Erfolgsduo "Delicious" aus
Dänemark, inszeniert.
Die DJanes aus Kopenhagen
sind die Newcomer in der europäischen Clubszene und haben so z.B. regelmäßige
Auftritte in St. Tropez, Paris, Ibiza usw. . aber nicht nur musikalisch,
sondern auch optisch sind die beiden ein absoluter Hingucker.
Lass dich von den
"Robbie Williams Girls" in gestylter Location empfangen.
Die Kombination aus
klassisch-englischen Dekoelementen, welche die Herkunft des Künstlers
widerspiegeln und der High Tech Welt, sorgen für ein außergewöhnliches
Clubambiente.
Eine Frage die bleibt: Kommt
er oder kommt er nicht?"

* * *

"Jazz ist eine wichtige
Investition in die kulturelle Zukunft, vor allem in einem Land, wo Beethoven
einem die Luft zum Atmen nimmt", stellte Rainer Michalke,
Festival- und Klub-Chef fest. Und ich dachte immer, der wo uns die Luft zum
Atmen nimmt, ist Beckenbauer. Oder so.

* * *

Die "tageszeitung" schreibt mir am 28.März 2006 u.a.:
"…entschuldigen Sie die
Störung, aber wir hätten da mal eine Frage: Was halten Sie eigentlich vom
"Dazugehören"? Ja, wir meinen Sie, Sie ganz persönlich! Gehören Sie
vielleicht auch zu den Menschen, die Wert auf einen eigenen Geschmack legen, aber
gleichzeitig davon träumen, daß irgendwann alle Ökoeier essen? Die für eine
offene Gesellschaft sind, aber selbst lieber am Rande des Mainstreams stehen
bleiben möchten?"
Und so weiter und so fort blubbert das dahin, bis zum Höhepunkt, der
Feststellung:
"Denn wir sind zwar
links, aber nicht naiv. Wir würden gerne die Welt verbessern. Können aber auch
rechnen."
"Zwar" links, "aber" nicht naiv. Sie würden gerne die Welt
verbessern (die Welt will aber wohl nicht mit im Sandkasten spielen?).
"Aber" sie können auch rechnen.
Besser kann man das wohl nicht sagen…

* * *

Die Schauspielerin Jasmin Tabatabei hat sich eine Villa in Berlin-Pankow
gekauft, und zwar die Villa, in der bis 1964 Otto Grotewohl wohnte, der erste
Ministerpräsident der DDR. Nach seinem Tod 1964 wurde die Villa erweitert und
umgebaut und diente dem Schriftstellerverband der DDR. Der Zeitschrift
"Super TV" erklärt die Schauspielerin: "Wie feudal einige Bonzen im Arbeiter- und
Bauernstaat wohnten, hat mich schon überrascht." Ganz so, wie
eine mittelmäßige Schauspielerin in der kapitalistischen Bundesrepublik des
Jahres 2006 nach "behutsamer Renovierung" eben auf 343 Quadratmetern
hausen kann...

* * *

Die "Süddeutsche Zeitung" titelt: "Der
Aufschwung bringt kaum Arbeitsplätze."
Das hätte ich ihnen auch sagen können…

* * *

Dampfplauderer Johannes B. Kerner wirbt landauf landab für Air Berlin. Oder
auch nicht. Wischi waschi wie man es von seinen unerträglichen Shows kennt. Auf
ganzseitigen Anzeigen, z.B. im "Spiegel", sagt Kerner in riesigen
Buchstaben: "Warum ich
auf Air Berlin setze? Bei Aktien setze ich auf Sieger!" Im
wirklich Kleingedruckten liest man dann überrascht: "Diese Veröffentlichung stellt weder ein Angebot zum
Verkauf, noch eine Aufforderung zum Kauf von Wertpapieren dar."
Haben sie wohl nicht so gemeint, aber sie haben natürlich Recht: Das stellt
eher eine Warnung vor dem Produkt dar, wenn Johannes B. Kerner für etwas wirbt…

* * *

Daß Sprachgenie Edmund Stoiber und seine Partei Sprachtests für
Einbürgerungskandidaten einführen wollen, ist zumindest eine mutige
Entscheidung. Nicht, daß der bairische Ministerpräsident irgendwann selbst von
der Kommission vorgeladen wird, "Schauen
Sie sich mal die großen Flughäfen an in Heathrow in London oder sonstwo meine
Charles de Gaulle in äh Frankreich oder in äh in … Rom wenn Sie sich mal die
Entfernungen ansehen dann werden Sie feststellen, daß zehn Minuten Sie
jederzeit locker in Frankfurt brauchen um Ihr Gate zu finden. Wenn Sie vom Flug
- äh vom Hauptbahnhof starten Sie steigen in den Hauptbahnhof ein Sie fahren
mit dem Transrapid in zehn Minuten an den Flughafen in an den Flughafen…"

Und so hoffen wir von Herzen daß Sie äh in Flughafen oder äh in Bahnhof finden
ohne Transrapid, und in U-Bahn dann äh schnell zu unseren Konzerten kommen wo
äh in Mai viele gute Konzerte von äh Bands aus aller Welt äh auf der Bühne in
auf der Bühne…

Viel Spaß und einen schönen Frühling zwischen Straßencafes, Biergärten und
Clubs und Konzertsälen!

01.04.2006

Und Ansonsten 2006-04-01

Dieser
Tage hat die verdienstvolle Organisation "Free Muse" einen 60 Seiten
starken Report über Musikzensur in den USA nach dem 11.9.2001 vorgelegt. Der
Berliner "Tagesspiegel" nimmt diesen Report zum Anlaß zur Schlagzeile
"American Angst. In
George W. Bushs USA herrscht ein Klima der Intoleranz". Als
Höhepunkt des Artikels schimpft der "Tagesspiegel", daß Songs wie Lou
Reeds "Walk On The Wild Side" oder Pink Floyds "Money" von
den Sendern aus ihrem Programm genommen seien. Während man sich hierzulande vor
den täglichen Überdosen "Walk On The Wild Side" oder
"Money" von Radio Brandenburg bis Bayern 3 ja tatsächlich kaum retten
kann…

* * *

Während in der Europäischen Union zum Beispiel Filmzensur ungleich subtiler
funktioniert. Der Filmkritiker und Ex-Staatsanwalt Dietrich Kuhlbrodt berichtet
in der Februar-Ausgabe von "Konkret", daß nach einem rechtskräftigen
Urteil des Europäischen Gerichtshofes regionale Behörden entscheiden, welche
Filme die Eingeborenen sehen dürfen. 1985 war das Otto-Preminger-Institut, das
in Tirol den Spielfilm "Das Liebeskonzil" von Werner Schroeter (nach
Oskar Panizza, dem laut Tucholsky "frechsten und kühnsten, den
geistreichsten und revolutionärsten Propheten seines Landes") gezeigt
hatte, mit einem Strafverfahren überzogen worden. Grund, und das liest sich im
ersten Quartal 2006 ganz besonders pikant: Der Film verunglimpfe mit der
Wiedergabe des bald hundert Jahre alten Theaterstücks Gottvater, Maria und die
Dreifaltigkeit. Die Tiroler Strafgerichte bejahten zwar, daß der Film Kunst
sei, doch "könne der
gläubige Durchschnittsmensch Tiroler Prägung in seinen religiösen Gefühlen
beleidigt werden". Die "Liebeskonzil"-Kopien wurden
eingezogen und vernichtet.
Gegen die Vernichtung der "Liebeskonzil"-Kopien durch die
österreichischen Strafgerichte rief der Veranstalter die Europäische
Menschenrechtskommission an, die über die Wahrung der Kunstfreiheit wacht (§ 10
Europäische Menschenrechtskonvention). Die Kommission entschied zwar, daß
Österreich mit dem Verbot gegen Menschenrechte verstoßen habe - gegen dieses
Urteil zog die österreichische Regierung jedoch vor den Straßburger Gerichtshof
und gewann - 1994 entschied das höchste europäische Gericht, vor die Wahl gestellt,
zwischen Kunst- und Religionsfreiheit abzuwägen, die Entscheidungskompetenz
unter Umgehung der Ländergrenzen direkt an die von Wertekollisionen betroffenen
Regionen abzugeben, und zwar im Urteil vom 20.9.1994 an die Gemeinden in Tirol,
die zu 80% katholisch und Minderheiten gegenüber nicht aufgeschlossen sind.
Im Klartext bedeutet dies, daß innerhalb der Europäischen Union die Regionen
ihre eigene Filmzensur, ja ihre eigene Kunstzensur tätigen dürfen. Wenn Tiroler
Gemeinden oder polnische Städte befinden, daß durch ein Kunstwerk "der
gläubige Durchschnittsmensch" in seinen religiösen Gefühlen beleidigt
werden könnte, dann sind sie laut Europäischem Gerichtshof berechtigt, diese
Kunstwerke zu verbieten.
Unglaublich? Aber wahr. Soviel zum realen Stand der hiesigen zivilisatorischen
Kultur, die in der Diskussion um angeblich blasphemische Karikaturen doch so
gerne hochgehalten wird.

* * *

Ein Mitbewerber bewirbt seinen Künstler, einen von vielen, folgendermaßen:
"Frohlockend
präsentieren wir euch Rainer von Vielen, den Gewinner des
FM4-Protestsongkontests 2005 (…) Von Kehlkopf-Gesangseinlagen, à la
tibetanischer Battle-Mönche, über tiefergelegte Sprechgesangstitel, bis hin zum
Elektro-Punk-Massaker, bringt unser Master of Cerenomy jeden Saal zum kotzen."

Preisfrage: Was stimmt an diesem Text nicht? Die falschen Kommata sind nicht
gemeint, und einen FM4-Protestsongkontest scheint es wirklich zu geben…

* * *

"Alles ist
Entertainment. Ich habe eine bekannte Enkelin, Courtney Love. Ich bin ihr in
den letzten fünfzehn Jahren nur einmal begegnet, und sie schert sich um mich
ebensowenig wie ich mich um sie. Nachdem sich Curt Cobain, ihr Ehemann,
umgebracht hatte, habe ich mir eine Sendung über ihn angehört und war von
seiner mittelalterlichen Art beeindruckt. Musikalisch ist Courtney Love nichts
dagegen. Paris Hilton, Jessica Simpson, um Gottes willen: all diese Leute mit
ihren Pfannkuchengesichtern. (…) Es gibt eine Art von unaufhaltsamem Abgleiten.
Einem Abgleiten unserer Kultur von Tolstoi in Richtung Paris Hilton."
Paula Fox in einem Interview mit der FAZ

* * *

"Momentan (das ist
2004) reagiert mein Körper (oder das was davon übrig ist) mit Abwehr, wenn ich
ins MTV zappe. Schnell weg mit den hampelnden schwarzen, weißen, bunten Bubis
und Girlies, ein Ekel fast wie bei den Politzombies und den Sprechpuppen der
Nachrichtentheken." Klaus Theweleit, "Friendly Fire"

* * *

"Es darf nicht sein,
daß man Michael Ballack ausschaltet und damit Deutschland erledigt."

Günter Netzer

* * *

Im März-Heft des "Rolling Stone" widmet sich der verdienstvolle Klaus
Walter auf kompetente Art und Weise den Niederungen des deutschen
Pop-Journalismus:
"Seit geraumer Zeit
dringt die Reservearmee der Niedriglohnvielschreiber aus der Musikpresse in die
Feuilletons vor und deckt den Bedarf an treuherzigen Geschichten über die Band
der Stunde. Nicht selten verkauft der Niedriglohnvielschreiber einer
renommierten Tages- oder Wochenzeitung für besseres Geld die schlechtere
Version eines Textes, dessen bessere Version er für schlechteres Geld an Intro,
Musikexpress oder Spex verkauft. (…) "Man beginnt wieder Jahrestage im
Leben von überschätzten Rocktrotteln zu begehen. Man ersetzt die naturgemäß
schwierige uneingeführte Reflexion der Pop-Musik und ihrer Schauplätze durch
das gute alte Beobachten von Künstlerlebensläufen. (…)" Diese Diagnose
stammt aus Diederichsens Vorwort zu "Musikzimmer". Natürlich weiß er
selbst, daß man solche Jahrestage braucht, um sich Reflexion von Pop leisten zu
können, denn ohne so einen Anlaß druckt kein Feuilleton die schönste Reflexion.
Vielleicht spart er sich das Relativieren, um in aller Drastik festzuhalten: Es
sieht düster aus im Schreiben und (im Radio) Reden über Pop."
Guter Text, kann man alles so unterschreiben. Abgedruckt wurde der Text wie
gesagt im Märzheft des "Rolling Stone"; im gleichen Heft der
Popzeitschrift finden sich u.a. ein Special anlässlich des 25jährigen Jubiläums
von "Fehlfarben", ein größerer Artikel zum 30jährigen Jubiläum von
"BAP" oder ein Artikel anlässlich des Todes von Wilson Pickett; ein
zweites Mal veröffentlicht hat Klaus Walter eine Version seines Textes Ende
März in der Tageszeitung "Junge Welt"… im Glashaus klirrts so schön…

* * *

Dieser unerträgliche Schmarrn, der regelmäßig im Zweitausendeins-Merkheft
getextet wird. So zum Beispiel Anfang des Jahres über Nat King Cole:
"Die Punktierung der
Achtelnotenfolge macht ihn zu einem der größten Blues-Pianisten."

Die Entdeckung der Punktierung einer Achtelnotenfolge. Die Entdeckung der
Achtelnotenfolge an sich. Wie ja Nat King Cole überhaupt vornehmlich als
"Blues-Pianist" hervorgetreten ist, und keinesfalls als Sänger von
unbekannten Songs wie "Mona Lisa"…

* * *

Aus der lockeren Fortsetzungsfolge "unanständige Avancen durch
subventionierte Kulturveranstalter", Folge 389:
"Am 9.9.2006 findet in
der Berliner Kulturbrauerei die radioeins Nacht des Berliner und Brandenburger
Radiosenders radioeins statt. Dazu sind wir (…) wieder auf der Suche nach
repräsentativen und zu radioeins passenden Künstlern, die Zeit, Lust und Laune
haben ihren Teil zum Erfolg der Veranstaltung beizutragen. Wir erwarten ca.
10.00 Gäste. (…) Dazu möchten wir x als Live-Act zur radioeins Nacht für einen
ca. 30minütigen Auftritt anfragen. Leider besteht hier das kleine Problem, daß
es sich bei radioeins um einen zwar sehr beliebten und erfolgreichen aber eben
auch öffentlich-rechtlichen Sender handelt und somit kein Budget zur Verfügung
steht (bzw. stehen darf). Deshalb hoffen wir auf Künstler und Bands, die sich
hier bereit erklären ausnahmsweise auf ihre normale Gage zu verzichten und mit
einer "Aufwandsentschädigung" zufrieden sind. (…) Ich denke, der für
Künstler und Bands sehr interessante Punkt der Medialeistungen sollte auf jeden
Fall beim Festsetzen der nötigen "Aufwandsentschädigung"
berücksichtigt werden, denn auch wenn's keine Gage gibt, kann man von der
Veranstaltung als Band eigentlich nur profitieren…"
Nun ist "Radio Eins" ganz sicher eines der wenigen
Rundfunk-Highlights, die es in Berlin und überhaupt noch gibt - nicht zuletzt
die abendlichen Sendungen von hervorragenden Journalisten legen immer wieder
beredt davon Zeugnis ab. Und man fragt sich natürlich, ob die Macher von
"Radio Eins" überhaupt wissen, was die von ihnen beauftragte
Medienagentur da so in ihrem Namen treibt. Aber dennoch zeigt dieses Beispiel,
mit welcher Chuzpe heutzutage derartige öffentliche "Events" auf die
Beine gestellt werden. Als ob ein öffentlich-rechtlicher Radiosender keine
Gagen zahlen, kein Budget für eine öffentliche Veranstaltung bereitstellen
dürfe. (und: natürlich weiß ich, daß man sich heutzutage in Radiosendungen, in
Fernsehshows, auf Titelseiten von Musikmagazinen etc. einkaufen kann - klar,
unter diesem Aspekt ist das hier sicherlich eine Lappalie…)

* * *

Wie unsinnig Musikexportbüros manchmal sein können, zeigt die Offensive des
britischen Branchenverbands BPI, der mit Hilfe von Musikwirtschaft und Politik
den Exportförderern von "UK Trade & Investment" ein Jahresbudget
von ca. 730.000 Euros zugeschustert hat. Damit kann man schön arbeiten - und
etwa eine "British Music Week" in Berlin organisieren: Vom 19. bis
26.Mai überziehen die Briten Berlin mit einer Vielzahl von Pop- und Rock-Shows,
"die British Music Week soll die Aufmerksamkeit der Medien und der
Öffentlichkeit auf die gesamte Bandbreite spannender Musik aus Großbritannien
richten", so BPI-Boss Jamieson.
Das finden wir natürlich prima, denn unseres Wissens existiert britische Musik
in Berlin ja praktisch gar nicht. Keine britischen Bands sind in den letzten
Jahren, ach was: Jahrzehnten in Berlin aufgetreten. Irgendwer munkelt von einem
Auftritt der "Rolling Stones" in den 60er Jahren, aber seither - rein
gar nüscht! Keine Oasis, keine Pulp, kein Robbie Williams, keine Belle &
Sebastien, kein niemand. Britische Musik in Berlin - tote Hose! Fehlanzeige!
Ach wie gut, dass es das BPI und die "British Music Week" gibt…

* * *

Meldung in "mediabiz.de" vom 22.3.: "Zypries gibt nach und streicht
Bagatellklausel." Meldung in "mediabiz.de" vom
23.3.: "Zypries hält an
Privatkopie und Geringfügigkeit fest." Klingt absurd oder
zumindest widersprüchlich? Liegt aber nicht an den Medienvertretern, sondern an
der Justizministerin. Die ist vor der Musikindustrie in die Knie gegangen und
hat in einem neuen Gesetzentwurf auf starken Druck von Industrie und CDU/CSU
hin die Bagatellklausel gestrichen - Raubkopien sollen künftig prinzipiell
strafbar sein, egal, wie geringfügig die Urheberrechtsverletzung ist, oder ob
diese zum Erstellen einer Privatkopie begangen wurde. Am Tag nach Bekanntwerden
ihres Kniefalls vor der Musikindustrie imitierte die SPD-Ministerin altbekannte
Umdeutungsversuche ("Mein Ja ist ein Nein", wer würde sich nicht an
Antje Vollmer erinnern?) und behauptete, auch zukünftig sollen Privatkopierer
und Privat-Filesharer weitgehend unbehelligt bleiben. "Die Staatsanwaltschaften haben
Besseres zu tun", sagte die Ministerin und erklärte, sie gehe davon aus,
dass "die Staatsanwaltschaften gemäß § 153 der Strafprozessordnung
voraussichtlich in 99,9 Prozent der Fälle das Verfahren einstellen
werden", wenn die Schuld gering sei und kein öffentliches
Interesse an einer Bestrafung bestehe.
Nun fragt man sich, warum die Frau Justizministerin eine Gesetzesänderung ohne
Bagatellklausel initiiert, wenn sie gleichzeitig denkt, dass die Staatsanwaltschaften
die Bagatellklausel des Gesetzes "in 99,9 Prozent" der Fälle nicht
umsetzen werden.
Mir scheint, man sollte nicht nur die CD-Hersteller boykottieren, die
unverschämte Antikopier-Systeme auf ihren CDs installieren, sondern auch
Politiker, die der Musikindustrie hörig sind, und dann in der Öffentlichkeit
Rückgrat vorgaukeln.

* * *

Speaking of "Rückgrat", wisst ihr, was der Unterschied zwischen einem
neoliberalen CDU-Politiker und einem neoliberalen
"Linkspartei"-Politiker ist?
Nun, der hessische Wirtschaftsminister Rhiel (CDU) hat den hessischen
Stromkonzernen, die z.T. drastische Erhöhungen der Strompreise beantragt
hatten, diese Erhöhungen schlichtweg als "nicht gerechtfertigt"
untersagt.
Der Berliner Wirtschaftssenator Wolf (Linkspartei) dagegen hat dem Stromkonzern
Vattenfall zum 1.Mai d.J. eine Erhöhung seiner Stromtarife für Privatkunden um
5,2 Prozent genehmigt, eine Erhöhung der Stromtarife für Gewerbekunden gar um
5,6 Prozent. Dafür brüstet sich Wolf dann in der Presse, dass er die ursprünglich
von Vattenfall beantragte Erhöhung der Privattarife um 5,8 Prozent quasi
abgemildert habe. Was für ein Held! Wie gut, dass es die Linkspartei gibt!

Na, dann mal raus zum 1.Mai

04.02.2006

Und Ansonsten 2006-02-04

Diese
ganzen dämlichen Koch-Shows im Fernsehen gehen einem ja ganz schön auf den
Keks. Wenn sogar Koch-Papst Siebeck in der "Zeit" schimpfen muß:
"Eine Welle von
Belehrungen über modernes Essen ist über uns hereingebrochen. Das ist
nervtötend, wiederholt sich ständig, ist geschwätzig, aufdringlich und
dilettantisch. (…) Der Vergleich mit den Massenhysterien des Mittelalters
drängt sich auf. Ganz offensichtlich sind wir die Opfer einer Zwangspsychose,
die zu Halluzinationen führt, bei denen der davon Befallene glaubt, kochen zu
können oder kochen lernen zu müssen. (…) Was sich da unter dem Etikett
"Besser essen und trinken" über die Konsumenten ergießt, gleicht dem
Karneval, dessen ursprüngliche Intentionen von Marketingspezialisten in einen
großen Reibach umfunktioniert wurden. Wirklich gelacht wird dabei nicht, die
Heiterkeit ist einer infantilen Schunkelei gewichen. Nicht anders funktioniert
die Massenbewegung der kochenden Deutschen. Auch dabei dominieren der Reibach
und das stressige Befolgen aktueller Moden. So entspringt die ständig wachsende
Bedeutung dieser Bewegung keineswegs einem Massenbedürfnis nach besserer
Eßqualität, sondern verdankt sich dem Phänomen, daß Kochen ein Statussymbol der
Mittelschicht geworden ist, obwohl kaum noch jemand seine Gemüse selber putzt
und sein Fleisch selber pariert. Das alles wird vorgefertigt in Supermärkten
gekauft." Schreibt Siebeck im Zentralorgan des deutschen
Mittelstandes…
Aber wo er Recht hat, hat er nun mal Recht.
Wo mittlerweile fast jeder mit Easyjet mal eben ein Städtewochenende irgendwo
in Europa verbringen kann, wo die Ferienwochen in den vermeintlichen
Ferienparadiesen von der Türkei bis zur Algarve dem Konsumenten nachgeworfen
werden, da benötigt der Mittelstand ein neues Mittel, seinen Stand zu wahren:
Und wo das untere Drittel der Gesellschaft sich von Billiglebensmitteln
ernährt, wo nach wie vor das klassische "Versorgungskochen"
stattfindet, da goutieren Ober- und Mittelschicht eine Inszenierung der Essenszubereitung,
befeuert von den öffentlich-rechtlichen Knallchargen à la Kerner und
pseudo-coolen Köchen à la Mälzer oder Oliver. "In der Küche werden neue Kriterien für die Klassen
definiert, denn die Schere zwischen den Schichten öffnet sich: In Deutschland
lebt bereits ein Drittel der Menschen im offiziellen
Niedrigeinkommensbereich.(…) Je mehr Menschen verarmen, desto stärker setzen
die oberen Schichten auf Distinktion, also auf Unterscheidung und Abgrenzung
nach unten. Sie erstellen und praktizieren Normen für ihre kleine
"Elite": bei der Wahl der Gebärklinik, bei der Schulausbildung, bei
den Prestigemarken - und in der Eßkultur." (Doris Simhofer)
Kochen als Lifestyledisziplin - die Schichten unterscheiden sich durch den
Geschmack.
Müßig anzumerken, daß mit dem Kochen die Zementierung konservativer Fundamente
einhergeht: In der "neuen Küche" haben vorwiegend Männer das Sagen,
Männer, die die Regeln aufstellen, und Männer, die "öffentlich", also
zum Beispiel für Freunde, kochen und damit etwas "Wertvolles"
einfahren - während das alltägliche Kochen, also die Grundversorgen der
Familie, wieder vermehrt Frauensache ist. Nach sechzehn Jahren Helmut Kohl und
sieben Jahren Schröder-Fischer sind wir wieder im Jahr 1977 angelangt, als
Barbara Duden und Gisela Bock in "Arbeit aus Liebe - Liebe als Arbeit: Zur
Entstehung der Hausarbeit im Kapitalismus" schrieben: "Zu Recht fällt den meisten
Frauen dazu (zur Kleinfamilie als Keimzelle des modernen Staates, BS) nur das
Schreckgespenst von Küche, Kindern und Kirche ein. Das tägliche Essenmachen
wurde als Teil der Hausarbeit wahrgenommen und damit zur Schattenseite par
excellence degradiert."

* * *

"In Hollywood ist man
nie auf der sicheren Seite. (…) Alles, was wirklich zählt ist: wie viele
Millionen hat mein aktueller Film eingespielt. Und daran werde ich immer wieder
aufs Neue gemessen. Das ist ein sehr seltsames und dummes System. (…) Wenn ich
mich nicht damit abfinden will, sagt man mir, der Film, den ich machen möchte,
sei zu riskant, weil sie nicht wissen, wie man ihn vermarkten soll. Sie denken
erst einmal über die Vermarktung nach, bevor irgend etwas anderes geplant wird!
Und dann wundert man sich in Hollywood, daß das Publikum nicht mehr ins Kino
geht. Wenn ich an das vergangene Jahr zurück denke, fallen mir gerade mal drei
Filme ein, die mein Eintrittsgeld wert waren. Und so wie mir geht es vielen
Zuschauern. Man fühlt sich irgendwie betrogen. Die Geschichten sind dämlich,
nicht interessant oder einfach nur das Remake einer Idee, die vor zwanzig
Jahren mal originell war."
Scarlett Johansson in einem Interview der "Berliner Zeitung"

* * *

Im Jahre dieses Dingens, das früher mal "Fußball-Weltmeisterschaft"
hieß, dessen Namen man heutzutage aber nicht mehr in den Mund nehmen darf, ohne
an die FIFA Lizenzgebühren zu zahlen, in diesem Jahr also lohnt es sich ganz
besonders, die inoffiziellen Fußball-Weltmeisterschafts-Kämpfe aufmerksam zu
verfolgen. Nach einer gut halbjährigen Regentschaft von Zimbabwe und einem
kurzen Zwischenspiel von Nigeria ist der aktuelle inoffizielle
Fußball-Weltmeister Rumänien. Tönt merkwürdig? Mehr zum Thema gibt's auf der
wunderbaren Website www.ufwc.co.uk

* * *

Die Titelmusik vom "Spiegel-TV-Magazin" kann man jetzt als polyphonen
Klingelton herunterladen. Eine SMS mit dem Inhalt "Spiegel-TV" kostet
€ 1,99…

* * *

"Wir hatten einmal
380.000 Mitarbeiter; heute sind in Deutschland im Bereich Brief noch 150.000
Menschen beschäftigt. Das ging völlig geräuschlos. Kein Wunder, daß die Japaner
sich jetzt für ihre Privatisierung von uns beraten lassen."
(Deutsche Post-Chef Klaus Zumwinkel in der "FAS" beim Erläutern einer
kapitalistischen Erfolgsstory, deren Auswirkungen jeder Postkunde tagtäglich
erleiden darf…)

* * *

"wozu Menschsein, wenn ins
Menschsein niemand investiert."
Reinhard Jirgl, "Abtrünnig"

* * *

Zur Fußball-Weltmeisterschaft beordert der Bundesinnenminister Awacs-Flugzeuge
von der NATO, um die Stadien zu schützen. Und der Innenexperte der
"Grünen" findets prima. Wo doch heutzutage die Verteidigung
Deutschlands am Hindukusch stattfindet, scheinen mir die Möglichkeiten, sich
bei der Fußball-Weltmeisterschaft die Bundeswehr nutzbar zu machen, hingegen
noch nicht ausgeschöpft. Man könnte etwa die Armee in den eigenen Strafraum beordern
und einen Sicherheitsring, eine richtige "Verteidigung", vor Kahns
Tor bilden lassen. Schließlich ist die Bundeswehr doch eine Verteidigungsarmee.
Und die GSG 9 könnte als schnelle Eingriffstruppe auch mal vor dem gegnerischen
Tor Eindruck schinden. Und deutsche Behörden sollten, wie sie es gewohnt sind,
der CIA Amtshilfe bei der Entführung zum Beispiel von brasilianischen
Fußballstars leisten. Nach der WM kann man die Ronaldos und Ronaldinhos ja
wieder laufen lassen…

* * *

Mitbewerber Henning Tögel versucht sich in einem Gespräch mit der
"Musikwoche" in der deutschen Sprache: "Wir sind der letzte
Mohikaner."

* * *

"(…) Ich glaube, daß
den existierenden, kolossalen Widrigkeiten zum Trotz die unerschrockene,
unbeirrbare, heftige intellektuelle Entschlossenheit, als Bürger die wirkliche
Wahrheit unseres Lebens und unserer Gesellschaften zu bestimmen, eine
ausschlaggebende Verpflichtung darstellt, die uns allen zufällt. Sie ist in der
Tat zwingend notwendig. (…)"
Harold Pinter, Literatur-Nobelpreisträger, Dezember 2005

* * *

Paar Jahresendzahlen aus 2005, aus verschiedenen Publikationen
zusammengestückelt:
Auch 2005 ist die deutsche Exportwirtschaft kräftig gewachsen. Der
Bundesverband des Deutschen Groß- und Außenhandels rechnet gegenüber 2004 mit
einer wertmäßigen Steigerung der Ausfuhren um sieben Prozent auf rund 780
Milliarden Euro. Auch der Außenhandelsüberschuß werde mit rund 161 Milliarden
Euro abermals einen Rekordwert erreichen. -
Gleichzeitig wurden im Boomjahr 2005 rekordverdächtige 300.000
sozialversicherungspflichtige Vollarbeitsplätze vernichtet. -
Deutschland ist nach den USA das Land mit den meisten Milliardären.
PISA-Spitzenreiter Finnland, das nach OECD-Berechnungen innovationsfreudigste
und produktivste Land Europas, kommt dagegen ohne Milliardäre aus. -

* * *

Der Torschützenkönig der italienischen Fußball-Liga "Serie A",
Lucarelli, vom letztjährigen Aufsteiger und derzeitigem Tabellenfünften Livorno
pflegt seine Tore mit der kommunistischen Faust zu bejubeln. Berlusconis
Verbandsfunktionäre belegten Lucarelli dafür mit einer Strafe von 30.000 Euro.
Zum Vergleich: Der faschistische Aufwiegler Paolo di Canio von Lazio Rom, der
regelmäßig den Fans den auch in Italien verbotenen Hitlergruß präsentiert,
erhielt von der Liga eine Geldstrafe in Höhe von 10.000 Euro.
Aber, Freunde, kein Grund, über Italien herzuziehen: Wo gäbe es hierzulande
einen Erstligaspieler, der seine Torerfolge mit der kommunistischen Faust
feiern würde? Sach ich mal…

* * *

Hierzulande dagegen dürfen sich RBB-Redakteure ungestraft mit Goebbels-Zitaten
identifizieren: Der Musikchef des RBB, Christian Detig, leitete am 31.Mai 2005
eine Frühkritik zu einer Produktion des Deutschen Theaters mit folgendem Zitat
ein:
"Das Programm des
Rundfunks muß so gestaltet werden, daß es den verwöhnteren Geschmack noch
interessiert und dem anspruchslosen noch gefällig und verständlich erscheint.
Dabei soll besonderer Bedacht auf die Entspannung und Unterhaltung gelegt
werden, weil die weitaus überwiegende Mehrzahl aller Rundfunkteilnehmer einen
Anspruch darauf hat, in den wenigen Ruhe- und Mußestunden auch wirklich
Entspannung und Unterhaltung zu finden. Demgegenüber fallen die wenigen, die
nur von Kant und Hegel ernährt werden wollen, kaum ins Gewicht."

Soweit Joseph Goebbels. Und müßig zu erwähnen, daß sich die
öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten dieser Republik längst befleißigen, dem
Goebbels-Auftrag gerecht zu werden.
RBB-Musikchef Christian Detig kommentierte das von ihm ausgewählte
Goebbels-Zitat dementsprechend auch folgerichtig:
"Ich behaupte mal, das
könnte so ohne große Abstriche jeder ARD-Intendant unterschreiben. Ich übrigens
auch. Ich lass' es aber lieber, denn dieses Zitat stammt von - bitte
anschnallen - Joseph Goebbels. Der Mann ist immer noch für Überraschungen gut
und längst wissen wir noch nicht alles."
Gekündigt wurde vom RBB übrigens dem Redakteur für Neue Musik, der dies
öffentlich gemacht hatte, und nicht etwa dem RBB-Musikchef, der sich mit
Goebbels' Kulturauftrag an die Rundfunkanstalten "ohne große
Abstriche" identifizieren kann.
Der öffentlich-rechtliche Rundfunk, der gerne seine Hörer dort abholt, wo sie
angeblich sind, nämlich "auf niedrigstem Niveau", ist in der Tat
selbst für uns Kulturpessimisten ständig noch für Überraschungen gut, und wir
versprechen, uns zwischen seichten Telenovelas, Frauenboxen und kostenlosem
"Bunte"-Werbetrailer-TV auch künftig immer brav
"anzuschnallen". Anders hält man das alles ja auch gar nicht aus…

* * *

Und noch kurz in eigener Sache: Wir berichteten im Dezember-Rundbrief von einer
beleidigenden Leserzuschrift eines sogenannten Journalisten, der für eine
hiesige "Zeitschrift für Folk, Lied und Weltmusik", aber auch für den
RBB und den WDR Funkhaus Europa arbeitet, und haben diese Zuschrift in Auszügen
zitiert.
Nun ist der fragliche Journalist heulend zu seinem Rechtsanwalt gerannt und hat
ihn einen Brief an uns schreiben lassen. Nicht etwa, daß sich der Herr
Journalist, wie es unter zivilisierten Bürgern angemessen gewesen wäre, für
seine Entgleisungen und Beleidigungen weit unter der Gürtellinie hätte
entschuldigen wollen, oder daß er wenigstens zu seinen Äußerungen stehen würde
- nein, der Journalist ließ uns per Rechtsanwalt verbieten, weiter zu
veröffentlichen, was er gesagt hat. Ist schon dolle - diese Typen rennen zum
Rechtsanwalt, um verbieten zu lassen, was sie selbst gesagt haben.
Ganz ehrlich - gereizt hätte es mich schon, mit diesem lauen Journalisten vor
Gericht zu ziehen, andrerseits ist mir meine Lebensqualität und meine Zeit für
solcherart Heulsusen-Kram einfach zu schade, und ich habe dem Herrn
Rechtsanwalt bestätigt, nicht weiter zu veröffentlichen, was sein Klient gesagt
hat. Schöne Posse, nicht? Ein Stück realen absurden Theaters aus der Szene, die
die Welt bedeutet…

* * *

"Drum, so wandle nur
wehrlos
Fort durchs Leben, und
fürchte nichts!"
Hölderlin

25.12.2005

Und Ansonsten 2005-12-25

An
dem CIA-Folter-Skandal und dem, was bundesdeutsche Medien und Politiker aus der
Tatsache machen, daß bundesdeutsche Behörden im US-Lager Guantanamo deutsche
Staatsbürger verhört haben, ist in meinen Augen nur eines wirklich interessant:
das Theater als solches nämlich. Die "linksliberale"
"Süddeutsche Zeitung" feuerte den "Skandal" mit sogenannten
"exklusiven Meldungen" dieser Tage an. Neu allerdings war daran wenig
- die Fakten hatte der "Spiegel" bereits im Herbst 2003 in einem
Artikel unter dem Titel "Reif für die Insel" detailliert berichtet -
ebenso wie über den von der CIA nach Afghanistan verschleppten
Deutsch-Libanesen Khaled el-Masri, beispielsweise.
Die "Süddeutsche Zeitung" fand das im Jahre 2003 wenig berichtenswert
- mag das vielleicht daran gelegen haben, daß seinerzeit die von der
"Süddeutschen Zeitung" protegierten Politiker Schröder und Fischer
die Bundesregierung stellten? Und man der angeblich so US-kritischen rot-grünen
Bundesregierung diesen Nimbus nicht nehmen wollte?
Ebenso auffällig ist es, daß bestimmte bundesdeutsche Politiker ihre Liebe zu
den Menschenrechten erst wieder entdeckt haben, seitdem sie in der Opposition
sind…

* * *

Im Jahre 2004 exportierte Deutschland Rüstungsgüter im Wert von 3,8 Milliarden
Euro. Ein Drittel der deutschen Ausfuhrgenehmigungen, Rüstungsgüter im Wert von
1,2 Milliarden Euro, sind dabei an Staaten gegangen, die gleichzeitig
Entwicklungshilfe erhielten - so der "Rüstungsexportbericht" der GKKE
der beiden großen Kirchen.
Die Rüstungsexporte Deutschlands lagen damit in 2004 weit über den Werten von
2001 und 2002 und deutlich über dem Niveau der 90er Jahre.
Auch China, offiziell mit einem Embargo bedacht, erhielt deutsche Rüstungsgüter
im Wert von knapp 900 000 Euro.
So weit, so skandalös.
Die Gurkennummer spielte wieder einmal ein "Grünen"-Politiker: Ein
Winfried Nachtwei forderte angesichts des Rüstungsexportberichts eine "Verschärfung der
Export-Richtlinien." Wohlgemerkt, der Rüstungsexportbericht
galt für das Jahr 2004, in dem seine "Grünen"-Partei an der Regierung
war. Die schärfsten Kritiker der Elche…

* * *

Die Klassik-Plattenindustrie schaufelt behände ihr eigenes Grab. Die
hochgerühmte Einspielung der Beethoven-Klavierkonzerte von Aimard und
Harnoncourt, 3 CDs, war dieser Tage für EUR 13,99 zu erwerben - und ist doch
erst etwa ein Jahr alt.
Das Problem ist doch, daß die Klassik-Käufer in der Regel schon solide
Einspielungen derartiger Werke in ihrem Plattenschrank haben. Wenn sie dann
jedoch wissen, daß Neueinspielungen in kürzester Frist auf dem Grabbeltisch
landen - warum noch EUR 40 oder 50 für die drei CDs ausgeben, wenn es sie in
Kürze billig gibt? Eine verrückte Aufteilung in extrem hochpreisige Klassik-Einspielungen
und kurz danach extreme Schnäppchen - so, liebe Leute von der
Klassik-Industrie, so wird euer Geschäft nicht funktionieren!

* * *

Daß Helge Schneiders "Katzeklo" auf die Melodie von "Jingle
Bells" hört, war immer schon klar. Nun aber, wo "Verve" endlich
das famose Album "Christmas 64" von Jimmy Smith wieder aufgelegt hat
(das auch sonst uneingeschränkt als - quasi nicht "erkennbare" -
Weihnachts-CD zu empfehlen ist), stellt man einigermaßen sprachlos fest, daß
das komplett geklaut ist, bis hin zu jedem Orgel-Glissando. Nur, daß Jimmy
Smith ein unvergleichlich besserer Organist war.

* * *

Ex-Viva-Moderatorin Charlotte Roche im "Spiegel" auf die Frage, ob
sie heute noch ab und zu "Viva" schauen würde:
"Fast nie. Bei
schlechtem Fernsehen muß ich immer schnell umschalten."

* * *

Manchmal kann man ja fast so etwas wie Schadenfreude empfinden.
Vor paar Jahren wurde Mariah Carey mit einem goldenen Vertrag vom EMI-Label
Virgin versorgt, der ihr mindestens 118 Millionen Dollar für vier Alben
eingebracht hätte. Gleich das erste Album hatte sich allerdings nur zwei
Millionen Mal verkauft, weswegen EMI sich mit viel Geld (irgendwas zwischen 28
Millionen und 49 Millionen Dollar) aus dem Vertrag herauskaufte. Der Konzern
stand damals zum Verkauf, weitere Flops hätten potentielle Käufer und
Investoren in die EMI-Aktie nur verschreckt.
Ihr in diesem Jahr beim Konkurrenz-Mischkonzern "Universal"
erschienenes Album "The Emancipation of Mimi" hat sich allein in der
ersten Woche nach Erscheinen allein in den USA mehr als 400 000 Mal verkauft,
wurde achtmal für den Grammy nominiert, hat alle möglichen Music Awards
abgeräumt.
Klassisch verspekuliert, Mister Levy!

* * *

Eine ganz ganz tolle Geschäftsidee hatte jemand bei "Sony" -
"nehmen wir diesen Salzburger Wunderknaben, diesen Mozart, der hat doch
Geburtstag nächstes Jahr, der kommt sogar auf den Titel vom Spiegel. Na, und
dann nehmen wir noch die Kubaner dazu, diese alten Männer, die liebt doch
jeder. Und die lassen wir gemeinsam ein Album machen! Unschlagbar, das wird
endlos verkaufen!"
Und so kam es, und es erschien zur Adventszeit "Swinging Mozart", "die neue CD von Klazz
Brothers & Cuba Percussion". Und "Mozart meets Cuba verblüfft mit
Rhythmus, Witz und Charme! Berühmtes und Bekanntes von Mozart wird mit der
Lässigkeit und dem Musiziervergnügen eines Buena Vista Social Club neu zum
Swingen und Klingen gebracht, vom "Son de Mozart" bis zum
"Kubanischen Marsch" … ein unwiderstehliches Hörvergnügen!"

Mir ist jetzt schon ganz schlecht.
Eine Verfilmung von "Swinging Mozart" durch Wim Wenders hat man
übrigens versäumt…

* * *

Die sogenannte "Prominente", Désirée Nick, behauptete in der
"Bild"-Zeitung vor ca. zwei Jahren, sie würde Leute kennen, "die haben sich so das Gesicht
mit Botox stillegen lassen, daß es jetzt als Immobilie gilt."
Dieselbe sogenannte "Prominente", Désirée Nick, im Dezember 2005 in
der "Bild"-Zeitung: "Ich
habe mir zum Weihnachtsfest Botox in die Stirn spritzen lassen."

Scheinbar kann man sich das Zeug heutzutage auch schon in den Hohlraum spritzen
lassen, in dem sich bei anderen Menschen das Gehirn befindet.

* * *

Im letzten Bundestagswahlkampf sind "Wir sind Helden" laut
Schlagzeuger Pola Roy in der "Zeit" "von so gut wie jeder Partei, ob links oder rechts,
angesprochen" worden, ob man nicht mit Songs der Band werben
dürfe. "Wir haben alles
abgelehnt, aber trotzdem wurden die Songs überall gespielt, auf CDU-Parteitagen
und sogar von rechtsradikalen Gruppierungen."

* * *

Die Zeiten im "Kultur"-Sektor werden, um es mit Goethe zu sagen,
immer "scheißiger", keine Frage. Typisch für Angebote, die man als
Tourneeveranstalter heutzutage erhält, ist dieses Beispiel einer Einladung zu
einer "Heinrich Heine-Nacht":
"Was toll wäre, wäre
die Möglichkeit, vielleicht einige Heine-Texte zu vertonen, die Wisy Guys
werden dies auch machen, so dass auch der unmittelbare Bezug zu Heine da wäre
(…) Ich muß aber auch gleich darauf hinweisen, dass die Veranstalter, die
Kulturbehörde Hamburg, das Deutsche Schauspielhaus und das ZDF bei der
Honorarfrage auf den Enthusiasmus für die Sache hoffen. Sprich nicht die
üblichen Honorare zahlen können, alle werden unter ihren normalen Honoraren
bleiben, ich darf Sie bitten dies zu berücksichtigen" etcetera
pepe.
Ist schon hübsch, wenn sich all diejenigen, die auf fetten BAT-Stellen im
öffentlichen Dienst oder in vergleichbaren Situationen sitzen, zusammentun, um
gemeinsam eine Heinrich Heine-Nacht auszurichten, bei der allerdings die
Künstler bitte für umme auftreten sollen.
Früher hat man, wenn man bei Hofe spielen durfte, wenigstens ein paar
Golddukaten bekommen - heutzutage ist dabei sein alles…
Erfreulicherweise hat die angefragte Band dieser Agentur unter den obwaltenden
finanziellen Bedingungen darauf verzichtet, an der Veranstaltung teilzunehmen,
da müssen Ulrich Tukur, Iris Berben, Margot Hielscher und wie die
öffentlich-rechtlichen Almosenempfänger alle heißen dieses Mal unter sich
bleiben…

* * *

"Was macht das Leben
lebenswert? Ich würde sagen: Groucho Marx, Willie Mays, der zweite Satz der
Jupiter-Symphonie, Louis Armstrongs Aufnahme vom Potatohead Blues, schwedische
Filme natürlich, L'education sentimentale von Flaubert, Marlon Brando, Frank
Sinatra, diese unglaublichen Äpfel und Birnen von Cézanne, die Krabben bei Sam
Wo's, Tracys Gesicht."
Woody Allen, "Manhattan", 1974

Die FIFA übt ja ziemlichen Druck aus auf alle, die Worte wie "WM"
oder "World Cup" benutzen wollen. Das Landgericht Hamburg hat dieser
Tage entschieden. daß die FIFA der Firma Ferrero untersagen darf, für ihre Produkte
die Marke "Deutschland 2006" zu benutzen. Ob ab sofort private
Telefongespräche, in der die Wörtchen "Weltmeisterschaft" oder
"WM" verwendet werden, gebührenpflichtig werden? Der Autor dieses
Newsletter ist ja weit davon entfernt, das Wort "Deutschland" allzu
oft in den Mund zu nehmen - ob das Diktat der FIFA aber am Ende auch die
Verwendung der Jahreszahl "2006" untersagt, wenn man nicht die
Benutzung der Jahreszahl bei der FIFA gegen eine entsprechende Lizenzgebühr
erworben hat? Fragen über Fragen. Und da man nichts falsch machen will, an
dieser Stelle also besser kein gutes "2006", sondern, solange es noch
erlaubt ist, einfach ein gutes neues Jahr…
"Songez à librement vivre!" (Savinien Cyrano de Bergerac)

In diesem Sinne schöne Zeiten zwischen den Jahren und einen guten Rutsch.

05.12.2005

Und Anonsten 2005-12-05

Wir
erinnern uns - Ende September hat die deutsche Plattenindustrie den Freitag als
"Musiktag" eingeführt mit Riesentrara - dadurch würden mehr CDs
verkauft, alles werde, wenn nicht gut, dann doch mindestens besser.
Am ersten Charts-Freitag war dementsprechend der Jubel groß, und man vermeldete
steigende Umsätze - was aber bei genauerem Hinsehen eher etlichen
Neuerscheinungen zu verdanken war, die die Musikindustrie kurz vor Quartalsende
aus Bilanzgründen auf den Markt preßte.
Nun aber liegen die Umsatzzahlen von Oktober vor, dem ersten Monat nach
Einführung des "Freitag ist Musiktag"-Schwachsinns. "Selbst die sich glänzend
verkaufenden neuen Alben von Superstars wie Robbie Williams oder Coldplay
konnten nicht verhindern, daß allein im Oktober das CD-Geschäft um knapp sieben
Prozent einbrach", meldete der "Spiegel".
Ach ja, der Kaiser war wieder einmal nackt. Da haben auch die großen Töne der
üblichen Branchen-Wichtigtuer nicht drüber wegtäuschen können.

* * *

Manchmal weiß man nicht, wen man mehr bedauern soll. Zum Beispiel die Sängerin
von "Wir sind Helden", daß sie japanisch radebrechen muß, damit
deutscher Pop auch international Furore machen darf. Oder die armen Japaner,
die sich den Schmarrn dann anhören müssen.
Zum neuen Selbstbewußtsein Deutschlands in der Welt gehört nämlich nicht nur,
daß deutsche Bomben auf Serbien geworfen werden (diesmal mit einem
"Peace"-Aufkleber namens "Nie wieder", man ist ja
schließlich gelernter Realzyniker…), sondern auch, daß die Welt am deutschen
Pop genesen soll. Der, von Haus aus eher etwas dürftig anzuhören, wird mit
vielen hehren Worten aufgepeppt.
Den semantischen Überbau verschafft Beate Geibel vom Mischkonzern Universal
Music: "Man registriert
im Ausland inzwischen, daß aus Deutschland gut gemachte, qualitativ hochwertige
Pop- und Rockmusik kommt.", stellt die Dame fest und verweist
- auf Rammstein, natürlich, die fast zehn Millionen Alben in 40 Ländern
verkauft haben, und auf Schnappi, das Krokodil, von dem in 30 Ländern 1,4
Millionen Singles und 420 000 Alben verkauft wurden.
Das ist in etwa die Bandbreite deutschen popmusikalischen Schaffens, es geht
von Rammstein bis Schnappi. Aber immer "qualitativ hochwertig", gar
keine Frage.

* * *

"Ich wüßte jetzt nicht,
was mich bei Franz Ferdinand vom Hocker reißen sollte."
Harald Schmidt

* * *

Noch vor kurzem machte sich die "Berliner Zeitung" im Kampf gegen
Schleichwerbung bei ARD und ZDF wichtig. Das tägliche Geschäft der
"Berliner Zeitung" geht dagegen viel direkter: Auf Seite 9 der
Ausgabe vom 10.November 2005 hat der Bekleidungskonzern "H & M"
eine ganzseitige Anzeige geschaltet für seine neue "Kollektion" von
Stella McCartney.
Gleich auf der folgenden Seite 10 der gleichen Ausgabe ergänzt die
"Redaktion" (man sollte wohl besser sagen: das ausführende Textorgan
der Anzeigenkundschaft) auf einer halben "redaktionellen" Seite: "Mix aus Mutters Kleiderschrank -
Die Mode-Designerin Stella McCartney hat für die Firma H&M eine
Damen-Kollektion entworfen". "H & M" haben es in
ihrer Anzeige gar nicht mehr nötig, auf die Filialen hinzuweisen, in denen es
die neue Kollektion gibt, das übernimmt die Redaktion der "Berliner
Zeitung", die detailliert die Filialen inklusive genauer Adressen
auflistet, die Website der Firma abdruckt etc. pp.
Was ich mich dabei nur frage - warum schaltet "H & M" denn noch
Anzeigen? Das Geld könnten sie sich doch glatt sparen.

* * *

Die Bundesrepublik Deutschland verkauft 298 Leopard 2-Kampfpanzer an die
Türkei. Die Parteivorsitzende der "Grünen", Gurke Roth, bezeichnet
das Geschäft als "politisch kurzsichtig", es sei "umstritten wegen der
zweifelhaften Menschenrechtssituation in der Türkei, insbesondere in den
kurdischen Gebieten".
Wenn die Dame wenigstens gesagt hätte, daß sie dagegen sei, dann hätte sie wenigstens
eine Meinung. Aber immer diese Politikersprache, die einen gruseln läßt, immer
dieses "zweifelhaft" und "umstritten", immer diese
Andeutungs- und Einschränkungspseudomoral.
Wirklich hübsch an der Geschichte ist aber: 1999 fragte die Türkei zuletzt nach
den deutschen Leopard 2-Panzern an, es wurde zwar ein Probeexemplar geliefert,
danach verzichtete die Türkei jedoch auf den Kauf, und hierzulande hatte sich
die rot-grüne Regierung auf verschärfte Waffenexportrichtlinien geeinigt (die
die bundesdeutschen Waffenhersteller nicht daran hinderten, seither in jedem
rot-grünen Regierungsjahr deutlich mehr Waffen zu verkaufen als zuvor).
Vor einem Jahr äußerte der "Grünen"-Außenminister Joschka Fischer
dann, die Chancen der Türkei auf eine Panzerlieferung hätten sich durch deren
"inneren Wandel" erhöht. Fischer sagte im Oktober 2004, die Türkei
werde jetzt Kandidat für einen EU-Beitritt. Wenn sich also "die
Realitäten" der Türkei grundsätzlich "zum Positiven"
veränderten, dann werde das "zu berücksichtigen sein".
Aber was kümmert die "Grünen"-Gurke Roth das Geschwätz ihres
Außenministers - hat sie doch wieder eine Gelegenheit gefunden, sich moralisch
aufzuplustern.

* * *

"Dieses Land braucht
eine neue Grundmelodie: fröhlich sein, Gutes tun und die Spatzen pfeifen
lassen. Und nicht mehr: o weh, o weh, o wie, o wie, herrjemine."

SPD-Politikerin Andrea Nahles.
Ich wüßte einen Weg, wie Frau Nahles dazu beitragen könnte, daß zumindest ich
ein klein wenig fröhlicher würde…

* * *

"Um Geschmack geht es in
der Politik nur in einem weiteren Sinne. Wer Geschmack hat, wird nicht Mitglied
der CDU." Diedrich Diederichsen

* * *

Im Berliner "Tagesspiegel" stellt ein Harald Schumann einige Fragen:
"Warum verdreifachte
sich der Preis für Rohöl binnen vier Jahren? Warum stagnieren in den
Wohlstandsländern die Löhne, obwohl Produktivität und Unternehmensgewinne
steigen? Warum wächst die Auslandsverschuldung der USA jeden Tag um 1,8
Milliarden Dollar?"
Ja, warum nur dies alles, Harald Schumann? Es gäbe eine so einfache wie
korrekte Antwort auf all diese Fragen.
Der Harald Schumann hat aber seine ganz eigene Antwort: Der Chinese hat Schuld!
"Tatsächlich lassen
sich alle (Fragen, BS) mit dem gleichen Satz beantworten: Die Ursachen liegen
in China."
Und zur Begründung raunt Herr Schumann mit allem auf der Theo Sommer-Uni
angelernten Journalistenlatein von Chinas "Energiehunger", von der
"rasanten Integration" des "Reichs der Mitte" in die
Weltökonomie. Das Angebot an "billiger Arbeitskraft" ist da natürlich
ein "Überangebot" und obendrein noch "unerschöpflich" und
wirkt, ganz ohne Masochismus tuns solche Herren bekanntlich nicht, als
"globale Lohnpeitsche".
Der Handelsüberschuß der USA ist "überbordend", die Chinesen gewinnen
daraus einen "Dollarschatz". Und dann kommt, man hat ihn förmlich
herbeigesehnt, der "Atem des chinesischen Drachens" ins Spiel, und so
holpert es in einem fort, und man hofft inständig, daß die Bildungsreformen,
die angesichts der hiesigen Pisa-Misere vonnöten wären, dazu führen, die
Nutzung standardisierter Adjektive für sagen wir mal zwanzig Jahre bei
Androhung eines "Tagesspiegel"-Abonnements zu verbieten.

* * *

Daß der "Preis für besondere Leistungen der deutschen
Veranstalterwirtschaft" als "LEA" daherkommt, betrachte ich aus
recht persönlichen Gründen als Unverschämtheit.
Aber hierzulande kann die sogenannte Musikindustrie keinen Schritt tun ohne
großes Getöse: Nicht nur "erstmals
in Deutschland", sondern gleich auch "einzigartig in Europa"
würden durch "LEA" nicht die darbietenden Künstler, sondern die am
Erfolg beteiligten Veranstalter ausgezeichnet.
Diese bleiernen Wichtigtuer sollten einfach mal ins finnische Tampere fahren,
wo jeden Herbst, soeben zum 10.Mal, die finnischen Preise der
Veranstalterwirtschaft verteilt wurden - für die besten Manager, die besten
Konzertagenten, die besten Veranstalter, die besten Clubs, die besten Festivals
und so weiter und so fort.
Wenn man schon zehn Jahre braucht, um von den Finnen abzukupfern (und ich
fordere ja schon länger "Von Finnland lernen, heißt siegen
lernen!"…), dann sollte man doch wenigstens auf das gröbste Eigenlob
verzichten. Kollegen, ihr bleibt auch so einmalig. In welcher Kategorie, will
ich jetzt mal dahingestellt sein lassen…

* * *

"Selbst bei gleicher
Intelligenz und Wissensstand hat ein 15jähriger Schüler aus reichem Elternhaus
eine viermal so große Chance, das Gymnasium zu besuchen und damit das Abitur zu
erlangen, wie ein Gleichaltriger aus einer ärmeren Familie. (...) Bereits der
erste Pisa-Test hatte belegt, daß in keinem anderen Industriestaat der Welt das
Schulsystem bei der Förderung von Arbeiter- und auch Migrantenkindern so sehr
versagt wie in Deutschland. In Bayern ist die Chancenungleichheit auf dem Weg
zum Abitur besonders stark ausgeprägt. Kinder aus der Oberschicht haben dort
eine 6,65mal größere Chance, das Gymnasium zu besuchen und die Reifeprüfung
abzulegen, als Schüler aus einem Facharbeiterhaushalt."
(aus Springers "Welt")

* * *

Daß die dämliche "Du bist Deutschland"-Kampagne der Werbeagentur Jung
von Matt direkt von den Nazis abgekupfert wurde, war in dieser Deutlichkeit
denn doch ein klein wenig überraschend. Der Unterschied in den Kampagnen
Hitlers und Jung von Matts besteht nur in den Gesichtern - das im Buch
"Ludwigshafen - ein Jahrhundert in Bildern" abgedruckte Beweisfoto
einer Nazi-Demsonstration aus 1935 verwendet im Gegensatz zu der Kampagne 70
Jahre später den damals aktuellen Kopf mit dem Schnurrbart über dem
gleichlautenden Slogan "Du bist Deutschland", anstelle der in dieser
Pappnasen-Republik üblichen Verdächtigen.

* * *

Aus der Einladung zu einer "Phono Lounge":
"Der Berliner DJ … aus
dem Hause Shitkatapult wird am Abend ein musikalisches Set von eurocrunk über
techno bis hin zum booty hiphop und dancehall-grime hinlegen, womit er die
Lounge schwer ins Schwitzen bringen wird. Seid dabei wenn der Plattenmaster
roughe und elegante Einflüsse aneinander reiben läßt und tut es ihm
gleich!"
Mir wird vom Lesen schon ganz heiß.

* * *

Gut, daß die neue Koalition aus CDU/CSU und SPD sich so intensiv mit der
Kulturpolitik auseinandersetzt. Im Koalitionsvertrag steht es schwarz auf weiß:

"Im Mittelpunkt der
Kulturpolitik steht die Förderung von Kunst und Künstlern."
Mensch, das mußte mal fixiert werden!

* * *

Es stand in der "FAZ":
Árpád Urbán, Abgeordneter der Sozialisten im ungarischen Parlament, hatte im
Mai 2004 Aufregung hervorgerufen, als er behauptete, "innerfamiliäre Gewalt"
komme "hauptsächlich in
Zigeunerfamilien" vor. Am letzten November-Wochenende 2005 nun
wurde eben dieser Árpád Urbán bei der Wildschweinjagd in Nordungarn vom eigenen
Bruder erschossen…

08.11.2005

Und Ansonsten 2005-11-08

Wenn
neue deutsche Popbands Songs schreiben:
Erzähle mir von dir, aber
wenn
dann etwas, was ich noch
nicht kenn'
denn ich will Veränderung
und ich weiß genau warum

Tschah, so hört sich das an, zum Beispiel bei "Paula".
Im Info zu ihrem neuen Album wird das dann zu "Songs mit dem unwiderstehlichen Blick auf die
Dinge" verklärt.
Liegt es an diesem Ort oder
an mir
daß alles, was ich hier seh'

die pure Langeweile ist?

Fragen "Paula" in "Ode an das Leben". Die Frage kann ganz
einfach beantwortet werden: Es liegt an "Paula", daß alles die pure
Langeweile ist im neuen deutschen Pop…

* * *

Die FIFA-Edition "Art Poster 2006 World Cup Germany" zeigt Poster,
die Künstler aus verschiedenen Ländern angefertigt haben. Die meisten sind
nicht besonders originell - offizielles Rahmenprogramm der Fußball-WM halt, in
der man beweisen will, wie modern und weltoffen Deutschland ist. Der Beitrag
des deutschen Norbert Bisky zeigt deutsche Kontinuität: Die Deutschen sind
blonde Bestien und Rasenarbeiter. Guido Westerwelle ist bekanntlich Fan von
Bisky (Sohn). Wen wunderts.

* * *

Auf einen interessanten Aspekt modernen Fußballs wies der englische
Nationalspieler Rio Ferdinand hin: Die Musikauswahl, die in der Kabine gespielt
wird. In England ist für diese Auswahl vor Länderspielen der Kapitän David
Beckham zuständig, und laut Rio Ferdinand ist Beckhams Auswahl so, "daß die Spieler förmlich
einschlafen und spielen wie Zombies". Laut Ferdinand handelt
es sich bei dem schlaffen Potpourri, das der "metrosexuelle" Beckham
zusammenstellt, um Robbie Williams, Balladen, sanft Poppiges, kurzum: "Kaufhausmusik".
Ferdinand schlägt für den Trip nach Deutschland zur Fußball-WM dagegen ein
agressiveres Programm vor, Hip-Hop zum Beispiel.
Kein Wunder, daß die deutsche Nationalmannschaft so erbärmlich spielt - bei der
zur Wahl stehenden deutschen Popmusik! Mit "Juli" oder
"Silbermond" oder "Wir sind Helden" ist eben nicht nur kein
Staat zu machen, sondern auch kaum die Vorrunde zu überstehen. Aber was wäre
die Alternative? Wir fordern eine umgehende Sitzung der Task Force - Klinsmann,
Hoeness, Schily, übernehmen Sie! Unser Vorschlag zum Erreichen mindestens des
Viertelfinales: Schneider TM, F.S.K. und Barbara Morgenstern. Sollte mit
solcherart motivierender und moderner Musik gar das Halbfinale erreicht werden
können, steht Maximilian Hecker für einen Fußballsong auf europäischem Niveau
bereit.
Ach ja, soweit wird es nicht kommen? Stimmt schon. "Dann macht es
bumm" - lange ists her, daß solche Songs von deutschen Stürmern gesungen
wurden…

* * *

Reisen bildet ja bekanntlich. In der "Neuen Zürcher Zeitung am
Sonntag" war zu lesen, daß die Chefs der Schweizer Bundesbahn SBB im Jahr
2005 "weniger Bonus" erhalten. Der Grund: Unpünktliche Züge sowie
unzureichende Information der Fahrgäste. In der Schweiz besteht, wie bei vielen
Konzernen dort üblich, ein Großteil der Managergehälter aus freien
Bonuszahlungen - in 2004 hat die sechsköpfige Geschäftsleitung der SBB etwa ein
Drittel ihrer Gehälter als Bonus erhalten.
Hierzulande ist so etwas kaum vorstellbar. Da müßte Bahnchef Mehdorn ja am Ende
noch Geld mitbringen, bei der Dauerverspätung der DB, und absolut
unzureichender Information der Fahrgäste… Oder man denke an Konzerne wie die
Post oder die Telekom…

* * *

"Verdi"-Chef und "Grünen"-Mitglied Franz Bsirske ringt mit
sich selbst. Die von ihm vertretene Gewerkschaft "Verdi" hat sich auf
den geregelten Atomausstieg festgelegt.
Gleichzeitig aber ist Bsirske auch stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender
des Essener Stromriesen RWE. RWE hält gemeinsam mit den anderen deutschen
Kraftwerksbetreibern aus wirtschaftlichen und umweltpolitischen Gründen eine
deutliche Verlängerung der Reaktorlaufzeiten für zwingend notwendig. Ein
entsprechendes Grundsatzpapier der vier Stromkonzerne wurde auch vom
vermeintlichen Atomgegner Bsirske unterzeichnet.
Als das Doppelspiel des Gewerkschaftsbosses herauskam, redete er sich, wie in
solchen Fällen üblich, heraus - es gehe doch nur um die Ausgestaltung des
Energiekonsenses. "Und
da, so Bsirske, könne es durchaus sinnvoll sein, die begrenzte Laufzeit älterer
Atommeiler durch die Übertragung von Stromerzeugungsmengen neuerer Atommeiler
noch ein wenig zu verlängern." (Berliner Zeitung)
Zuallererst würde davon Block Biblis A profitieren. Ein Atommeiler, den RWE
betreibt. Die Firma, deren stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der
Gewerkschaftsboß Bsirske ist…

* * *

Übrigens, schon mal darüber nachgedacht? Ostdeutsche Naturwissenschaftler als
Rache Honeckers an der BRD? Nur mal so am Rande…

* * *

In einer hiesigen Zeitschrift "für Folk, Lied und Weltmusik", die
sich auf das Dissen all derer bestens versteht, die nicht konform mit der
Weltanschauung der Redaktion gehen, wird Bob Dylan niedergemacht. "Was zählt Bob Dylan heute noch?
Geld" titelt die Zeitschrift und wirft dem Songpoeten erstens
vor, dass er nicht auf der Demonstration gegen Irak & Bush auftrat, und
zweitens, dass sein neues Album in den USA in der ersten Verkaufswoche 75.000
Exemplare eingespielt hat.
Nun kann es dem Mond bekanntlich egal sein, welcher Köter ihn da unten auf der
Erde anKlefft, aber dass der Redakteur die USA "auf dem Weg in einen religiösen Faschismus"
wähnt, nun, da kann man nur noch mit dem Kopf schütteln und festhalten, dass
der Autor nicht ganz bei Trost ist.

* * *

Daß die multinationale Plattenfirma EMI bei der Vermarktung ihres Künstlers
Robbie Williams einen, ähem, sonderbaren und dreisten Weg geht, mag ihr wohl
nur verübeln, wer noch ans Christkind und den Kapitalismus (was ja immer auch
ein bisschen dasselbe ist, letztendlich) glaubt. In einer Halle auf dem Flughafen
Tempelhof hatte die Weltpresse, sorgfältig gefiltert und nach intensiven
Sicherheitskontrollen, einen Vormittag lang Gelegenheit, die neue Platte von
Robbie Williams auf einem Handy abzuhören und anschließend dem Künstler und
seinem Mobilfunkpartner (no kidding!) auf einer sogenannten Pressekonferenz
vorher abgesegnete Fragen zu stellen.
Selbst die konservative Sonntags-"FAZ" kommentierte da nur noch: "Die Präsentation seiner neuen
Platte war eigentlich eine Werbeveranstaltung für zwei Unternehmen aus der
Kommunikationsbranche. Selten wurde so hemmungslos zelebriert, um was es in der
Musikbranche im Innersten geht, um Geld, Geld, Geld nämlich, also um
Klingeltöne, Downloads und Handys mit neuen Funktionen…"
Das ist gewiss die eine Seite der Medaille und den Lesern dieser Rundbriefe
keine Neuigkeit. Die andere Seite aber ist: wie kommt es, dass die Medien,
"die Weltpresse" also gewissermaßen, sich diese Bedingungen der
Musikpräsentation aufzwingen lässt, wie kommt es, dass Journalisten da mitmachen,
sich nicht zu blöd sind, da mitzuspielen?
Ist schon wahr, was Peter Hacks zu sagen pflegte, ein Land, das Medien hat,
braucht keine Zensur…

* * *

"Es ist eben ein
angenehmer Sound, der sich gut konsumieren läßt. Und darum geht es doch immer
mehr: Musik zu konsumieren, Musik als Möbel."
Matthias Arfmann über seine CD "Recomposed", auf der er Werke aus dem
Katalog der "Deutschen Grammophon" (u.a. Smetana, Dvorak)
"remixed" - eine CD erschreckender Schlichtheit und Banalität.

* * *

"Denn daß in diesem
Staat nur das Stumpfsinnige und die Mittellosigkeit und der Dilettantismus
geschützt sind und immer wieder gefördert werden und daß in diesem Staat nur in
das Stümperhafte und in das Überflüssige alle Mittel gestopft werden, ist
klar."
Thomas Bernhard

Einen schönen November wünscht

01.07.2005

Und Ansonsten 2005-07-01

Nun
steht also das "Live 8"-Spektakel ins Haus. Das Forum für
abgehalfterte Popstars, von BAP bis Geldof, von den Toten Hosen bis zu den
jungen Abgehalfterten, von Silbermond bis Juli und, leider, Wir sind Helden.
Ausgerechnet Peter Maffay muß den selbsternannten Gutmenschen, die im Grunde
jedoch eher Wichtigtuer und Selbstinszenierer zu sein scheinen, erklären, daß
die Ziele der globalen Veranstaltung "nicht ausreichend" sind. Wenn
Leute wie Bush, Blair und Schröder den Schuldenerlaß für Afrika bereits
beschlossen haben, ist das wirklich eine unglaublich radikale Forderung der
Live 8-Bands.
Und obendrein peinlich, wie "Live 8" vorgibt, sich für Afrika
einzusetzen, man aber nirgends auf die Idee gekommen ist, zum Beispiel
afrikanische Musiker einzuladen und spielen zu lassen. Klar, wenn die Afrikaner
spielen würden, wäre kein Platz mehr für die Wichtigtuer von Niedecken bis
Campino. Lediglich in Paris ist ein Auftritt von Youssou N'Dour vorgesehen.
Wenn "Live 8" ein Forum für afrikanische Kultur zur Verfügung
gestellt hätte, wenn Musiker wie Baaba Maal, Daara J, Femi Kuti, Rokia Traoré,
Tarika oder wie sie alle heißen auftreten würden, dann hätte man das
"Event" kulturell ernstnehmen können. Wenn "Live 8"
wenigstens ein paar handfeste politische Forderungen stellen würde - man denke
nur an all die Probleme, die die erste
Welt in Afrika verursacht, millionenfaches Aids, ohne daß die westlichen
Pharmakonzerne Medikamente zu vertretbaren Preisen zur Verfügung stellen;
skandalöse Terms of Trade, die die afrikanischen Produzenten benachteiligen;
Ölkonzerne, die Diktaturen unterstützen, um nur einige Beispiele zu nennen -,
dann könnte man das "Event" politisch ernstnehmen. So aber entpuppt
sich "Live 8" als peinliche und sinnlose Veranstaltung, als
Showcase-Forum für abgehalfterte Künstler und solche, die leider nicht allzu
viel Verständnis haben für die Welt und ihre Probleme. Wie Geldof dem "Observer" sagte: "My target audience is 30 million 12 year old girls
in the USA." Nun, die mag er mit seinem schlechten Pop vielleicht
erreichen… Die Bänder übrigens, die Bob Geldof für seine Kampagne "Make
Poverty History" verdaddelt - inzwischen sind bereits mehr als drei Millionen
Bändchen verkauft, es ist ja soo schick! - dieser Geldof-Schmuck also wird, wie
der "Guardian" herausfand, in China hergestellt, unter "ausbeuterischen
Bedingungen".

* * *

"Ich bin ein Weltbürger
- überall zu Hause und fremd überall."
Erasmus von Rotterdam an Ulrich Zwingli, 1529

* * *

Trotz eines Gewinnverlustes von zuletzt 13 Prozent, und auch angesichts der von
ihnen zu verantwortenden Massenentlassungen müssen die Topmanager der EMI nicht
darben: Konzernchef Nicoli's Gehalt belief sich im letzten Geschäftsjahr auf
ca. 1,65 Mio. Euro - zusätzlich erhielt Nicoli zwei Aktienpakete, die er ab
Juni 2007 abstoßen darf und die beim jetzigen Kurswert etwa eine Mio. Pfund
wert sind.
Alain Lévy, Chef der Division Recorded Music, erhielt 3,15 Mio. Euro. Martin
Bandier, Chairman und CEO der Verlagssparte, erhielt 4,65 Mio. Euro.

* * *

"Durch die
Privatisierung der chinesischen Wirtschaft befindet sich auch die chinesische
Musikwirtschaft seit einigen Jahren im Umbruch", weiß das Deutsche
Musikbüro German Sounds AG: "Zahlreiche
Unternehmensgründungen lassen unter anderem die Lizenzierung von Musik als
zusätzliches Geschäftsfeld zunehmend an Bedeutung gewinnen",
radebrecht der Rundbrief der German Sounds AG.
"Vom Mobiltelefon ist die
chinesische Nation geradezu besessen: Für 2005 wird erwartet, daß der Markt für
MP3-fähige Handys um satte 100% wächst, und der rasant wachsende
Klingelton-Markt wird auf rund eine Milliarde Euro geschätzt. Die japanische
Musikindustrie erzielt in China durch die Lizenzierung von Musik für
Mobiltelefone bereits fast den Umsatz, der durch den traditionellen
Musikvertrieb generiert wird. Neue Anwendungen zeigen, wohin der Weg in die
Zukunft führt, wie zum Beispiel, die Möglichkeit, per Mobiltelefon für die
China Music Billboard Charts abzustimmen."

* * *

Schon Klaus Augenthaler wußte:
"Wir leben alle auf
dieser Erde, aber eben auf verschiedenen Spielhälften."

* * *

Da darf auch die grüne Gurke nicht fehlen:
"Wir sind modern, was
die Modernisierung angeht." (Claudia Roth)

* * *

Wo sich doch jetzt alle Parteien vereinigen, scheint mir eine weitere
Vereinigung doch obsolet: Wenn sich PDS und diese komische Wahlalternative,
oder wie das heißt, um Nazi-Jargon-Lafontaine zu "Die Linkspartei"
verbünden, wie wäre es denn, wenn SPD und CDU/CSU auch… Sie könnten sich doch
einfach "Die Partei" nennen. Den Deutschen würde es gefallen, die
würden eh am liebsten in einer Monarchie leben und jeden Samstag
Königshochzeiten schauen. Klar, so eine vereinigte Zentralpartei würde für die
SPD einen ziemlichen Linksruck bedeuten…

* * *

Und die Jugendorganisation der SPD, die Jusos, haben sich auch schon mit der
führenden sozialdemokratischen Deutschrock-Band vereinigt: "Wir sind
gekommen, um zu bleiben. Alternativlosigkeit bekämpfen" war der geklaute
Titel des Juso-Bundeskongresses in Leipzig.

* * *

Die Aktienmärkte reagieren erstaunlich verhalten auf Münteferings Ankündigung
von Neuwahlen. Rüdiger von Rosen, Chef des Deutschen Aktieninstituts,
interpretierte dies gestern so: "An
der Börse glaubt man nicht so recht, daß das Klima noch sehr viel
unternehmerfreundlicher werden kann." ("Taz")

* * *

"Schröder tickt ganz
einfach, er will von den feinen, den reichen, den mächtigen Leuten anerkannt
werden. Er ist ein aufstiegssüchtiger Plebejer voll schrecklicher
Minderwertigkeitskomplexe." Peter von Oertzen, 81, 20 Jahre im
SPD-Vorstand, ehemaliger Kulturminister in Niedersachsen, der nach 59jähriger
SPD-Mitgliedschaft sein Parteibuch zurückgegeben hat

* * *

Daß unsere Politiker nicht wissen, was sie tun, ist eine Weisheit der Marke
Binsen. Wie erklärte doch Frau Antje Vollmer angesichts ihrer Zustimmung zur
Bundeswehrbeteiligung an out of area-Einsätzen vor Jahr und Tag? "Mein Ja
ist ein Nein." Unvergessen. Ein neues Kapitel schlagen die
Sozialdemokraten im Moment auf - ihre Enthaltung bei der Vertrauensfrage, so
erklären es Müntefering & Co., ist, natürlich, ein "ja", ein
Vertrauensbeweis zu Schröder.

* * *

Während Unternehmensprofite überall auf der Welt in die Höhe schießen, geht es
momentan 89 Ländern wirtschaftlich schlechter als Anfang der neunziger Jahre.
(…) Die 356 wohlhabendsten Familien der Welt erfreuen sich zusammen eines
Reichtums, der mittlerweile das Jahreseinkommen von 40 Prozent der gesamten
Menschheit übertrifft. Die drei allerreichsten Familien, Bill Gates, Warren
Buffet und die Waltons von der Wal-Mart-Supermarktkette, verfügen zusammen über
mehr Vermögen, als es dem Jahreseinkommen der 940 Millionen ärmsten Menschen
der Erde entspricht. ("Die Zeit")

* * *

"Und neulich sagte
jemand zu mir, daß ich in den Herzen und im Geist meiner Landsleute weiterleben
werde. Ich will aber in meinem Appartement weiterleben! Es bedeutet überhaupt
nichts, ein Vermächtnis zu haben. Die amerikanischen Präsidenten sind immer um
ihr Vermächtnis besorgt. Was für ein Witz! Nur solange wir hier sind, haben die
Dinge Bedeutung. Weg ist weg. Ich pfeife auf mein Vermächtnis. Ich hätte da
auch noch ein Zitat anzubringen: "Kunst ist der Katholizismus der Intellektuellen."
Der Katholik glaubt an das Jenseits, und der Künstler und Intellektuelle glaubt
an das Jenseits des Werks. Leider täuschen sich beide."
Woody Allen

In diesem Sinne einen schönen Sommer!

03.06.2005

Und Ansonsten 2005-06-03

Keiner
hat uns lieb. Alle möglichen "Beitrittsstaaten" landeten auf vorderen
Plätzen beim Grand Prix in der Ukraine, die Griechen nahmen "uns",
nach der Fußball-Europameisterschaft, nun auch den Schlager-Grand Prix ab - und
für die Gracia reichte es nur zum letzten Platz, mit jämmerlichen vier Punkten.

Nichts, was irgendwen interessieren würde. Aber taz-Redaktuer Jan Feddersen
stand plötzlich in Kiew und erklärte dem ARD-Publikum lang und breit, worans gelegen
hat. Schon schlimm genug, daß der Feddersen seit Jahr und Tag die taz mit
seinem Grand Prix-Gedöns vollschreibt - jede Zeitung bringt eben die Kultur,
die sie verdient. Und schlimm genug, daß Kolumnisten wie Wiglaf Droste, die
sich über Feddersen lustig machten, von der taz-Chefredakteurin (die mit dem
Porsche aus dem letzten Rundbrief…) mit Schreibverbot bedacht wurde. Daß der
Feddersen sich nun aber auch bei der ARD aufplustern darf mit seinem Dünnpfiff
- ach, beinah hätte ich das kommentiert, aber eigentlich muß man zugeben: Kein
Wunder. Paßt doch prächtig.

* * *

Die regierungsnahe "taz" sucht "Helden des Alltags". In der
Ausschreibung für ihren "Preis für HeldInnen des Alltags - taz-Panter
2005" radebrecht die taz in Anzeigen: "Die
taz sucht Menschen, die sich trotz Hartz IV und Bush II nicht an den Stammtisch
zurückziehen, sondern versuchen, die Welt ein bißchen zu retten. Falls Sie ein
Held des Alltags sind, oder so jemanden kennen, melden sie sich bitte bei
uns."
"Die Welt ein bißchen retten" - genau dort ist die regierungsnahe
Zeitung heute angelangt. Die Panzer, die sie wahlweise in den Kosovo oder nach
Somalia schicken, um dort das Vaterland zu verteidigen, sollen möglichst einen
olivgrünen Anstrich aus Biofarbe erhalten. Dann ist sie ein bißchen gerettet,
diese Welt.
Mein Vorschlag für den Panther, so wie die taz ihn versteht, nämlich höchstens
rosarot: Nicole. "Ein bißchen Frieden" sang sie in der Schnulze von
Ralph Siegel.
Und kulturell dürften die tazler damit auch nicht so viel Schwierigkeiten
haben. Sie können ja ihren Feddersen die Laudatio halten lassen.

* * *

Die SPD lud ein zu einer Diskussion "Pop meets Politics".
Im Pressetext heißt es so schön: "Im
Anschluß an das Event spielt die Band Schrottfisch."
Eine Band mit passenderem Namen hätte sich die SPD kaum aussuchen können.

* * *

"Deutsche Musiker sind
zu schlecht. Man riskiert hier nichts."
Aktueller Kommentar von Alec Empire zum Stand der deutschen Musikszene

* * *

Ich finde es ja schon seit langem eine Pest, daß einem alle möglichen und
unmöglichen Händler etwas andrehen wollen, was mit ihrem originären Geschäft
wenig zu tun hat. Tankstellen bieten Sandwiches an, Kaffeeröster Fahrräder oder
auch mal Tickets für Konzertveranstaltungen, die dann völlig floppen, und seit
geraumer Zeit meinen Zeitungsverlage, einem italienischen Vorbild folgend, CDs
und DVDs und Bücher anbieten zu müssen. Letztendlich ist das ein
post-postmodernes Zeichen des "anything goes" und hat viel mit dem
Niedergang unserer Wirtschaft zu tun - wenn Bäcker sich nicht mehr darauf
konzentrieren, gutes Brot zu backen, wenn Zeitungen sich immer weniger um die
Qualität ihrer Printprodukte kümmern, dann hat das einfach Qualitätseinbußen
zur Folge.

Die Süddeutsche Zeitung, einer der Vorreiter dieser Nebengeschäfte hierzulande,
bringt nun eine "CD-Diskothek" auf den Markt. Konrad von Löhneysen
stellt die CDs nach dem Motto "die besten Songs aus jedem Jahr"
zusammen. Sein Auswahlkriterium: "Hearability".
Nur an der "Thinkability" haperts bei all diesen Geschäften leider
ziemlich…

* * *

"Wie Heuschrecken
kommen sie über unser Land."
Veit Harlan in seinem antisemitischen Film "Jud Süß" über die
(historische) Ankunft der Juden in Stuttgart

"Da gibt es welche, das
sind Nutztiere, und es gibt auch welche, die sind Heuschrecken."

Ludwig Stiegler, stellvertretender Vorsitzender der SPD-Fraktion im Reichs-,
ähem: Bundestag, über Investment-Firmen

Und die Zeitschrift "Metall", Mitgliederzeitschrift der IG-Metall,
zeigt auf ihrem Titelbild der Mai-Ausgabe 2005 unter der Überschrift
"US-Firmen in Deutschland - Die Aussauger" eine Illustration, die in
ihrer Widerwärtigkeit dem Text nicht nachsteht: Der US-Kapitalist als Mücke,
mit Zigarre und überquellendem Geldkoffer, und auch den Goldzahn hat man, ganz
im "Stürmer"-Stil, nicht vergessen.

"Wurden die Urheber
solcher Statements in den vergangenen Wochen mit dem berechtigten Vorwurf des
Antisemitismus konfrontiert, reagierten sie empört. In der Diskussion um die
Lauterkeit der individuellen Absicht kam der eigentliche Skandal mit keiner
Silbe zur Sprache: dass deutscher Antikapitalismus, sobald er radikal wird,
seit mehr als hundert Jahren regelmäßig und kollektiv im gleichen Ressentiment
gipfelt und insofern über die immer noch populären volkswirtschaftlichen
Weisheiten der Nazi-Ideologen nicht hinauskommt."
Ralf Schröder, "Konkret"

Einmal national-sozialistisch, immer national-sozialistisch.

* * *

Herbert Grönemeyer, der ja bekanntlich "nicht tanzen" kann, erklärt
auf einer internationalen Konferenz in Paris, auf der über kulturelle Identität
und die Zukunft des gewachsenen Kontinents debattiert wird: "Rock- und Popmusik ist Welt und
Europa umfassend. Zu Livekonzerten kommen keine Menschen, die auf Stühlen
sitzen wollen, sie wollen sich berühren. (klar, tanzen können sie
bei Grölemeyer ja nicht… BS) Rockmusik
ist in Deutschland keine Kultur. Das Geld fließt in die zahlreichen Opern und
in alte und vermuffte Kultur. Wir müssen die Subventionen der Opernhäuser
kürzen und die Hälfte davon jungen Musikern und junger Rockmusik zufließen
lassen."
Na, wenn wir was müssen, dann müssen wir wohl dem "Gröbaz… dem größten
Bochumer aller Zeiten" (Jan Reichow) das Maul stopfen.
Ich will ja gar nicht verhehlen, dass ich mir hierzulande auch eine Förderung
von Zeitkultur wünsche. Keine Frage. Aber wer den einen Teil der Kultur mit der
anderen verrechnet, der wird all den "Kultur"politikern jeglicher
Coleur in die Hände spielen, die sowieso nur das eine wollen: immer weniger für
Kultur ausgeben!
Jenseits dessen, dass die Frage ist, ob Rock- und Popmusik wirklich staatlich
gefördert werden sollten. Deutsche Bands des Mittelmaßes, die längst
erfolgreich sind mit ihrem Beamtenpop, gibt's doch wirklich schon mehr als
genug. Und Musiker, die "mehr riskieren", wenn man den Gedanken von
Alec Empire oben aufgreifen will, die wird man kaum am Subventionstropf
heranziehen…

* * *

"Die von Grönemeyer
beschworenen Gelder müssen dafür ausgegeben werden, dass jeder Mensch eine
Ahnung hat, was es mit Opern und guter Musik auf sich hat. Statt
daherzuschwafeln, dass die Menschen sich im Konzert berühren sollen, muß man
ihnen eine Chance geben, wahrzunehmen, was da überhaupt läuft. Vielleicht
sogar, aufmerksam und hellwach - auf den Stühlen sitzenzubleiben. Und vor allem
muß es Konzerte aller Art geben! Manche laufen von selbst, andere brauchen
Unterstützung; und die letzteren können wichtiger sein als die ersteren. Musik
ist Grundnahrungsmittel." Jan Reichow, WDR

* * *

Hurra! Eine deutsche Produktion an der Spitze der englischen Single-Charts!
Nach Kraftwerks "Model", Trios "Da Da Da" und Nenas
"99 Luftballons" nun, tusch!: "Crazy Frog" der Gruppe Bass
Bumper. "Der einem
Motorengeräusch eines Autos nachempfundene verrückte Frosch war bereits im
vergangenen Jahr von der Firma Jamba! als Klingelton angeboten worden. Nachdem
er wochenlang exklusiv auf englischen Handys gepiepst hatte, verkaufte sich nun
die CD-Version viermal so oft wie die neue Single der britischen Erfolgsband
Coldplay"(Hollow Skai).
Wenn mir in den nächsten Jahren noch mal jemand mit dem Wunsch nach
Exportförderung für deutsche Popmusik kommt, dann verweise ich denjenigen mit
seinen Klingeltönen nicht nur der Tür! Ich bin nun mal kein Pazifist.

* * *

Zumal das Goethe-Institut doch längst "deutsche Kultur" ins Ausland
bringt. Auch deutsche Pop-Kultur. Bei einem Konzert in Warschau anlässlich des
deutsch-polnischen Jahres mussten die Polen die deutschtümelnde Band Mia
ertragen ("…und betreten neues deutsches Land…", na, das ist doch die
Popversion von "Theo wir fahrn nach Lodz" für die Landser des
21.Jahrhunderts…). Deren Sängerin "Mieze" erzählte der Berliner
Zeitung, in der Hauptstadt des neuen Europa erlebe sie eine "happymäßige Stimmung, in der die
Sonne total krass scheint, so dass alle Leute matt und freundlich sind".

Matt bin ich auch oft, wenn ich so etwas lesen muß. "Happymäßig" dann
allerdings eher seltener.

05.05.2005

Und Ansonsten 2005-05-05

Hübsch
ist es, die aktuellen Erfolgsgeschichten der sogenannten
"Musikindustrie" zu verfolgen (wir erinnern uns: das ist der von den
Medien, auch den Branchenmagazinen, gern so bezeichnete kleinere Teil der
Musikwirtschaft, nämlich die Plattenkonzerne). Waren bis vor wenigen Monaten
noch die Downloads Ursache für den Niedergang der "Musikindustrie",
so ist davon jetzt nicht mehr die Rede. Was kümmert mich mein Geschwätz von
gestern…
Aber da die Plattenkonzerne jetzt wieder fette Gewinne schreiben, liegt dies
natürlich nicht mehr, wie bei den Verlusten, an der bösen Umwelt, an der
Politik, die endlich Quoten liefern muß, an den Downloads, nein: erfolgreiche
Manager haben jetzt plötzlich in die Hände gespuckt und durch pure Leistung den
Karren aus dem Dreck gezogen.
Böswillig ist, wer meinen würde, die Musikmanager hätten eventuell auch Schuld
an dem Desaster der Plattenindustrie während der letzten Jahre, schließlich
kann nicht sein, was nicht sein darf…

* * *

Am 10.April gaben die Berliner Symphoniker ihr letztes Konzert. Gescheitert ist
dieses traditionsreiche Berliner Orchester daran, daß die Berliner
Landesregierung unter dem Druck des Regierenden Spaßbürgermeisters Wowereit und
mit tätiger Mithilfe des Kultursenators ein Ende der Förderung beschlossen
hatte - gegen ein älteres Votum des Parlaments, und gegen den Protest vieler
Bürger.
"Was das Ende der
Symphoniker für das Gemeinwesen bedeutet, das wurde in dieser Zeitung im
letzten Jahr ausführlich erklärt: Anspruchsvolle Musik ist hier für ein
Publikum zugänglich gemacht worden, das die Schwelle zu den glanzvolleren
Konzerten bürgerlicher Selbstrepräsentation nicht einfach überschreitet. Diesem
Publikum hat die Entscheidung der Landesregierung die klassische Musik
weitgehend genommen. Und auch im Bereich der musikalischen Jugendarbeit ist
eine Lücke gerissen. Wie kein anderes Orchester haben die Symphoniker in den
Schulen und in eigenen Familienkonzerten Kinder und Familien für die Musik gewonnen.
Die Basisarbeit der Symphoniker bleibt jetzt unerledigt liegen, und das in
einer Stadt, in der dem Musikunterricht an den Schulen ohnehin nur ein
mangelhaft gegeben werden kann." (Berliner Zeitung)
Man könnte das vielleicht noch deutlicher sagen: Dem Berliner Senat, den
Genossen Wowereit oder Flierl (der sich nicht entblödete, ausgerechnet an dem
Tag, an dem das letzte Konzert der von ihm mitbeerdigten Symphoniker stattfand,
ein "Sozialticket" für klassische Musik zu fordern, was angesichts
der Faktenlage wirklich nur noch als Unverschämtheit bezeichnet werden kann…)
ist es völlig wurscht, ob das genannte Publikum und die Jugend an klassische
Musik herangeführt wird. Solange Wowereit zu den Philharmonikern kann oder
Desiree Nick knutschen darf, ist er glücklich und zufrieden, solange Flierl
Freikarten bei der Berlinale schnorren kann, fehlt dem nichts. Widerlich.
Irgendwann kann die Berliner Landesregierung ja dann alle Leute mit einem Handy
in die Konzertsäle einladen. Da können dann die Klingeltöne miteinander Musik
machen. Und Typen wie Flierl dürfen das dann dirigieren.

* * *

Die "Zeit" bietet in ihrem Sonderheft zur "Stunde Null", zu
1945, eine "Zeit-Musikedition: Musik der Stunde Null" an. Aus dem
Werbetext des "Zeit"-Shop: "Diese
exklusive CD-Edition führt zurück in die Zeit, als Deutschland endlich wieder
hören durfte, was es hören wollte. Von "Lilly Marleen" bis hin zu den
"Capri-Fischern" sind alle Hits von 1938 bis 1946
zusammengefaßt."
In der Tat, daran erinnern wir uns, dem "Untergang" sei Dank, ja ganz
genau: 1938 bis 1945, das war wirklich ganz genau die Zeit, zu der
"Deutschland (!) endlich wieder hören durfte, was es hören wollte"…
Entartete Musik hat der Hitler jedenfalls in der Zeit nicht zugelassen.

* * *

Wo die ARD den ganzen Samstag über die Hochzeit irgendeines Thronfolgers mit
irgendeiner Tusnelda live überträgt, und das ZDF direkt im Anschluß daran eine
umfassende Zusammenfassung dieses wichtigen Events bringt, an solch einem Tag
weiß man doch wieder, wofür man gerne seine erhöhten Rundfunkgebühren zahlt.
Die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten nehmen endlich wieder ihren
Kulturauftrag wahr. ARD, danke! ZDF, danke! Ohne euch bliebe nur der
Kulturbeutel übrig.

* * *

Hübsch, wie "Grünen"-Parteichef Bütikofer der deutschen Autoindustrie
"jahrelange Boykottstrategie" gegen Rußfilter für Dieselautos
vorwirft, und das als einen "Skandal" bezeichnet. Den Konzernen sei
bekannt gewesen, "daß in Deutschland jährlich 65 000 Menschen wegen der
Feinstaubbelastung sterben". Umweltminister Jürgen Trittin appellierte an
die Länder, endlich ihren Widerstand gegen Kfz-Steuer-Rabatte für Dieselautos
mit Filtern aufzugeben.
Nach neuesten Erkenntnissen ist seit 1998 keine rot-grüne Bundesregierung im
Amt, nach noch neueren Erkenntnissen ist seit 1998 kein "grüner"
Bundesumweltminister namens Jürgen Trittin im Amt, mithin konnte nach
allerneuesten Erkenntnissen die Bundesregierung natürlich kein Gesetz erwirken,
das Rußfilter für Dieselautos verpflichtend zum Standard gemacht hätte. Den armen
Politikern waren die Hände gebunden. Wir recherchieren noch, wer seit 1998 als
Bundesregierung wirkt, und sind für sachdienliche Hinweise dankbar.

* * *

Manchmal wissen auch die Leute von der CSU Bescheid. "Man muß die Einzelschicksale
sehen", sagt der Würzburger Landrat Waldemar Zorn, CSU, und
macht selbigem weiter Luft: "Da
sind über 1000 Menschen betroffen, für die geht doch alles den Bach runter. Und
das nur, um irgendwelchen anonymen Großaktionären ein paar Prozent mehr zu
verschaffen, das sind perverse Verhältnisse."
Findet der CSU-Mann, wenn der Großkonzern Siemens in Würzburg 600 Arbeiter
entlassen will. Das Prinzip, das zu dem einen wie dem anderen führt, würde
natürlich kein CSU-Mann jemals in Frage stellen, und auch Herr Müntefering führt
seine Heuschrecken-Kampagne ja nur im luftleeren Raum, wo das Zirpen der
Zikaden nichts kostet…

* * *

Öffentliche Ausgaben pro Kind im Elementarbereich (drei bis sechs Jahre) im
Jahr 2001 in Euro: Großbritannien 8.115 - Italien 6.468 - Niederlande 5.083 -
Österreich 5.058 - Frankreich 4.629 - usw. usf. Schlußlichter: Deutschland
3.448 und Spanien 3.360.
(Quelle OECD, zitiert nach "Spiegel").

* * *

"…aber wenn du gute
Musik machst, ist es egal, ob du aus Hamburg, Köln oder Bautzen kommst",
sagt Silbermond-Sängerin Stefanie Kloß. Aber wenn die Musik schlecht ist, was
dann?

* * *

"Lou Reed, daran läßt
er keinen Zweifel, ist nicht von New York nach Berlin gekommen, um
ganzkörperschlenkernde Faxenköpfe zu ermutigen. Mir ist das sehr recht. In der Kunst
gelten strengere Gesetze als im Leben. Eins davon heißt: Eurythmie, fick dich
ins Knie!"
Wiglaf Droste in einer Konzertrezension

* * *

Deprimierend ist nicht nur der Tod von Hasil Adkins (und ich bin noch heute den
wunderbaren Southern Culture On The Skids dankbar, daß sie mich auf diesen
großen Rock'n'Roller aufmerksam gemacht haben! und Bands wie Yo La Tengo
machten ihm die Vorband…), sondern auch die Tatsache, daß all diejenigen, die
die jeweils aktuellen Rock-Säue goutieren, die die Musikindustrie allmonatlich
durchs mediale Dorf treibt, daß all diejenigen den Namen Hasil Adkins wohl nie
gehört haben dürften. Dabei hat jede Schallplatte von Hasil Adkins, des "Genius des
Pop-Primitivismus" (Karl Bruckmayer), mehr Seele, mehr Energie
als die ganze Jahresproduktion Deutschrocks aller Majors zusammen. Was
zugegebenermaßen jetzt auch wieder kein Kunststück ist, aber ihr wißt schon,
was ich meine. "Will You Miss Me" hat
Adkins auf einem Country-Album gecovert ("To
me, the way I see it, I wouldn't be in music at all if there was no country
music."). Yes, we will miss you, Mister Hasil Adkins, and your
"Happy Guitar"!

* * *

Frankreich, du hast es besser! Wie oft war das an dieser Stelle bereits zu
lesen. Jüngster Beleg: Ein Pariser Gericht hat in Berufungsinstanz entschieden,
daß Kopierschutzsysteme auf DVD generell (!) rechtswidrig sind, da sie den
Verbraucher hindern, sein Recht auf Privatkopie auszuüben. Das Gericht hat die
Produktionsfirma unter Androhung einer Geldstrafe von 100 Euro pro Tag angewiesen,
den Kopierschutz von sämtlichen im Handel befindlichen Exemplaren der DVD zu
entfernen.
Toll!
Allerdings befindet sich eine europäische Richtlinie zum Urheberrecht angeblich
im Entwurfsstadium, und wenn man die industriehörige Haltung zum Beispiel der
Bundesregierung und die rot-grüne Position zur Privatkopie kennt, kann man sich
ausmalen, wie diese Richtlinie am Ende aussehen wird…

* * *

Dafür hat die regierungsnahe "taz" zu ihrem 26.Geburtstag für eine
Woche einen Porsche erhalten. Die Zeitungsleute, merkt die "FAZ"
süffisant an, hätten in halb ironischer, halb hedonistischer Absicht an
Porsche-Chef Wendelin Wiedeking geschrieben, auch sie würden gerne mal mit
einem 911 zur Arbeit fahren. Porsche schickte für eine Woche den Wagen, und
prompt war taz-Chefin Bascha Mika, sich auch sonst für keine Peinlichkeit zu
schade, in dem silbernen Fahrzeug in Berlin unterwegs.

* * *

Ich bin schwach, ich gebe es zu. Wie oft hatte ich schon angekündigt,
Grünen-Chefin Roth sei in diesen Spalten nicht mehr satisfaktionsfähig. Aber
wollt ihr wirklich auf die Meldung verzichten, daß Claudia Roth nun, nach der
Papstwahl, der Öffentlichkeit ihren zweiten Vornamen preisgegeben hat? Eben.
Benedikta heißt sie, die grüne Gurke, und das paßt doch alles so prächtig, daß
man es nicht besser hätte erfinden können, oder?

* * *

Was daran skandalös sein soll, daß der Musikmanager David Brandes mit dem Kauf
von CDs seiner eigenen Künstler deren Position in den Charts zu verbessern
suchte, versteh ich nicht so richtig. "Wenn
keiner den Scheiß kaufen will, den die Musikindustrie produziert, muß sie es
eben selbst tun" (Hollow Skai). What's da problem?

* * *

Der "Spiegel"-Titel vom 2.5.2005, nach Wochen des langen und bangen
Wartens endlich wieder Hitler auf dem Cover: "Albert
Speer und sein Führer". Könnte Goebbels das noch erleben, er
wäre zufrieden mit seinen Propagandaerfolgen. Hat mal jemand die Hitler-Cover
des Spiegel gezählt?
Eine Frage allerdings habe ich - müßte das nicht eigentlich korrekt
"Albert Speer und unser
Führer" heißen?

Komm lieber Mai und mache…

05.04.2005

Und Ansonsten 2005-04-05

Die
F.A.Z. schreibt es der Bundesregierung ins Stammbuch: "Denn eine kontinuierlich
wachsende, erzwungene Beschäftigungslosigkeit von Millionen Menschen wird früher
oder später als Versagen des politischen und ökonomischen Systems
begriffen."
Ach ja, tatsächlich? Sag ich's doch…

* * *

Es gibt ja heutzutage Sängerinnen, die haben ihre eigene Kosmetika-Reihe.
Karstadt wirbt vor Ostern mit dem Duft von Celine Dion, nein, mit "dem unverwechselbaren Duft der
Diva". Es gibt ein "Celine Dion Belong" Shower Gel,
und ein EdT-Spray.
Wer sowas kauft, bekommt gratis einen "Kuschelhasen" (verkleinert
abgebildet).
Na denn…
Was da noch für Merchandising-Potentiale brach liegen. Der unverwechselbare
Sandgeschmack der Wüste von Calexico. Oder das Showergel "Keith
Richards".

* * *

"Zu den Erkenntnissen
von Eichinger & Co. wird allerdings gehören, daß es Ausdruck der
psychischen Disposition von Bevölkerungen sei, ihr Geld für Schrott auszugeben.
Eine Sucht. Schrott, den die Kinogänger als beste Unterhaltung und historische
Belehrung konsumieren wie von TV und Presse vorgeschrieben. Nicht Geiz ist
geil, sondern die Verschleuderung: "Geld für Scheiße" - diese Formel
zieht. Die Käufer wissen genau, was "Bild" oder Eichinger/Fest
anbieten, kann nur Scheiße sein. Es ist der alte deutsche Weg, die eigene
Freiheit unter Beweis zu stellen, nämlich durch Antiintellektualismus. (…)
Der Erfolg des
"Untergang" ist zu verstehen als Selbstfeier eines Publikums, das
seine eigene Entmündigung unterschreibt. Genau das ist die Absicht dieses
Films."
Klaus Theweleit

* * *

"Bild"-Kolumnist Franz Josef Wagner:
"Es wird niemals mehr
einen Hitler geben. Bitte lachen Sie mich nicht aus - es wird keinen Hitler
geben, weil es "Bild" gibt und den "Spiegel"."

Genau…

* * *

Frage: "Sie halten also das Gros der deutschen Bevölkerung für
blöde?"
Harry Rowohlt: "Nein, nicht nur der deutschen Bevölkerung! Der
Weltbevölkerung!"

* * *

Sagen wir doch mal, wies ist: Der gerade so gehypte Adam Green ist ein klein
wenig, ähem, überschätzt. Wenn nun aber ausgerechnet der Suhrkamp Verlag ein
Fanzine des Adam Green in seiner "edition suhrkamp" veröffentlicht,
dann ist es kein Wunder, daß jemand wie Harry Rowohlt findet, daß heutzutage
das Wort "Suhrkampautor" praktisch ein Schimpfwort darstellt. Die
Fitzelchen, die Adam Green da unter dem Titel "magazine"
veröffentlicht, sind ein depperter Schmarrn. Tut mir leid, aber das ist noch
freundlich formuliert.
Jede Zeile aus Jörg Fausers Gedichtband "Trotzki, Goethe und das
Glück" zum Beispiel wiegt dieses poetische Leichtgewicht mehr als auf.

* * *

Der PDS-Vorsitzende Lothar Bisky hat eine Autobiographie geschrieben. Darin
beschreibt er nicht nur die Karriere eines angepaßten DDR-Strebers, der als
Jugendleiter mit Schnitzeljagden und Geländespielen beschäftigt war, als die
Mauer gebaut wurde, nein, er erhielt auch Bestenförderung, Karl-Marx-Stipendium
und wurde Mitarbeiter des Instituts für Jugendforschung. In dieser Funktion
sorgte er dafür, daß die Rockgruppe "Puhdys" den Preis für
Unterhaltungskunst in der DDR glücklicherweise doch noch bekam. Ein echter Held
der Arbeit, dieser Mann! Man stelle sich vor, die Puhdys hätten sich aus Frust
aufgelöst - welche Kapelle hätte denn dann in den 80er Jahren die dörflichen
Schützenfeste in der hessischen Rhön bespielen sollen?

* * *

Auch heute noch geht es der deutschen Unterhaltungskunst furchtbar, sie wird
geknechtet noch und nöcher, und auch die konzertierten Unterstützungsaktionen
von SPD, GRÜNEN und NPD fruchten nicht viel - jüngstes Beispiel der mißlichen
Situation: In den deutschen Album-Verkaufscharts vom 21.3.2005 ist das Album
"Schnappi und seine Freunde" von einem Amerikaner namens "50
Cent" von der Spitzenposition verdrängt worden. Mit Schnappi (Platz 2),
Westernhagen (3), Peter Maffay (4), Kettcar (5), Söhne Mannheims (6), Juli (8)
und Hansi Hinterseer (9) sind nur noch sieben der neun Spitzenpositionen der
deutschen Album-Charts mit deutscher Musik besetzt.
Herr Thierse, Frau Vollmer, Herr Apfel - schreiten Sie ein! Aber dalli!
Zwangsquoten einführen! Zwangsabgaben! CD-Verbrennungen! Der Mittel sind viele,
seien Sie kreativ! So kann es nicht weitergehen!

* * *

Die Bundesregierung will das Monopol auf das Recht auf eine "vorbeugende
Telefonüberwachung" ihrer Bürger behalten.
Da bleibt einem als Bürger eigentlich nur die "vorbeugende Abwahl"
der Regierung.

* * *

Der Schleswig-Holsteinische SPD-Promi Peter von Oertzen (ehemals Mitglied des
SPD-Bundesvorstands) ist nach 60 Jahren Mitgliedschaft aus der SPD ausgetreten.
"um öffentliche
Treueerklärungen für die Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände abzugeben,
bin ich 1946 nicht in die SPD eingetreten", begründete von
Oertzen seinen Schritt. Im Augenblick gebe es keine Partei, "die mehr die Auffassungen des
großen Kapitals vertritt, als die SPD".

* * *

"Um Pierre Boulez'
lebenslange Rebellion gegen die französische Musikkultur zu verstehen, muß man
wissen, daß diese Kultur - vorsichtig ausgedrückt - stets ihren eigenen
Gesetzen gehorcht hat. Das gilt auch und gerade für die Pflege des Repertoires.
(…) Boulez hat das französische Musikleben von Anfang an heftig kritisiert -
und zwar keineswegs einseitig. Es gab viele musikalische Entwicklungen, die in
Frankreich fehlten. Und es existiert bis heute eine chauvinistische Sicht auf
die französische Musik, ungeachtet ihrer Qualität. Pierre Boulez aber hat sich
immer als Internationalist verstanden, als ästhetischer Kosmopolit, dem es in
erster Linie um die Weiterentwicklung der Kunst und die Weitererforschung der
Musik gegangen ist." Daniel Barenboim über Pierre Boulez

* * *

Hierzulande ist in einem Teil der Szene übrigens ein Frankreich-Pop-Hype entstanden,
der völlig unkritisch gegenüber der in Frankreich entstehenden Popmusik ist.
Kritiker und Publikum geben Verstand und Geschmack manchmal an der Garderobe ab
- solang der Pop nur französisch ist, ist er "tres chic". Jüngstes
Beispiel ist Coralie Clement, die nach einem piepsigen, langweilen Album ein
zweites, pseudo-rockiges, langweiliges Album abgeliefert hat, das hierzulande
aber von jedem selbsternannten Frankreichexperten bejubelt und vom Publikum
eifrig gekauft wird. Bedient es doch aufs Hübscheste jedes leibgewonnene
Frankreich-Klischee. Wenn die gleiche Musik von einem deutschen
Schlagersternchen abgeliefert worden wäre, würde man mit Recht nur die Nase
rümpfen, ach was, dann würden die Musikmagazine da nicht einmal Kenntnis von
nehmen. Komische Welt.
(Wer ein gutes aktuelles französisches Pop-Album hören will, der greife zu
Camille, "Le Fil" - gaanz toll! Und wirklich tres charmant…)

* * *

Greenpeace hat mitgeteilt, daß die in den sieben größten deutschen
Supermarktsketten derzeit angebotenen Früherdbeeren fast alle mit Pestiziden
belastet sind. 93 Prozent der Proben waren belastet - der höchste Anteil seit
Beginn der Greenpeace-Erdbeerentests. Bei 70 Prozent der untersuchten Proben
seien zudem Mehrfachbelastungen mit bis zu fünf Pestiziden entdeckt worden, was
gesundheitlich besonders bedenklich sei.
Alle Erdbeeren stammten den Angaben zufolge aus Spanien und Marokko.
Die deutsche Verbraucherschutzministerin Renate Künast (Grüne) hat übrigens
laut Greenpeace zu Jahresbeginn die gesetzlichen Grenzwerte für häufig
verwendete Pestizide bis um das 20fache angehoben. Darunter sind besonders
gefährliche Stoffe wie das krebserzeugende Kresoxim-Methyl.
Immer um die Gesundheit der Bürger heftigst besorgt, die Frau
Verbraucherschutzministerin…

* * *

Keine Geschichte in der Politik, die die hiesigen Politiker nicht zur Farce
nutzen würden.
So gibt es seit 1999 EU-weit (von selber würde eine deutsche rot-grüne
Regierung auf so etwas nicht kommen!) eine neue Richtlinie zur Verminderung
gefährlicher Feinstäube in der Atemluft, wonach an höchstens 35 Tagen im Jahr
mehr als 50 Mikrogramm Staub je Kubikmeter Luft gemessen werden dürfen. Bereits
jetzt, Ende März, hat München diese Grenze erreicht, andere Städte wie Berlin
und Stuttgart stehen kurz davor. Wie gesagt, diese Grenzwerte sind seit 1999
bekannt, 2002 sind sie in nationales Recht umgesetzt worden. Passiert ist -
nichts!
Die Berliner SPD-PDS-Regierung hat eine besonders drollige Regelung entwickelt.
Man hat soeben einen "Luftreinhalteplan" verabschiedet, wonach ab
2008 (!) die Innenstadt für Dieselfahrzeuge ohne Rußfilter gesperrt wird. Eine
wirklich groteske Regelung - entweder ist der Feinstaub gesundheitsgefährdend,
dann muß eine derartige Regelung sofort her. Oder es ist eben wurscht, dann ist
es auch in 2008 noch wurscht. Die SPD-Stadtentwicklungssenatorin sagte dazu: "Schnelle Fahrverbote sind nicht
umsetzbar. Dafür brauchen wir eine Kennzeichnung der Autos, spezielle
Verkehrsschilder und ausgewiesene Zonen." Ach, wie die Dame
sich doch bei der Bürokratie bedankt, damit die von ihr regierten Bürger weiter
gesundheitsschädlich verseucht werden dürfen! Man hat drei Jahre verpennt, und
nun beschließt man, drei weitere Jahre zu pennen, denn die Gesundheit der
Bürger ist solchen Politikern natürlich völlig egal. Im Gegensatz zu den
Interessen der Automobilindustrie.
Feinstaub wird hauptsächlich von Dieselfahrzeugen verursacht. Er gilt als stark
Krebs erregend und wird jährlich für 65.000 Todesfälle in Deutschland
verantwortlich gemacht.
Besonders ekelhaft sind natürlich wieder einmal die aufgeblasenen Wortmeldungen
von Politikern der SPD und der Grünen, die nun "schnelle
Entscheidungen" fordern und über die Splitter im Auge der Anderen
medienwirksam diskutieren. Etwa der Vize der SPD-Bundestagsfraktion, Michael
Müller, der Städten und Ländern vorwirft, das Problem "verschleppt"
zu haben und meint: "Es
rächt sich nun, daß keine systematischen Minderungsstrategien entwickelt worden
sind." Oder der Grünen-Umweltminister Jürgen Trittin, der
Ländern und Kommunen bei der Umsetzung der Feinstaubrichtlinie der EU
Untätigkeit vorgeworfen hat.
Wir erinnern uns - bereits im Rundbrief Juni 2004 hatten wir den
"Spiegel" zitiert: "Eine
Initiative zur beschleunigten Einführung des Russfilters für Diesel-Pkw in
Deutschland droht am Widerstand der Autoindustrie zu scheitern. Ein
entsprechender Entschließungsantrag, den SPD und Grüne gemeinsam in den
Bundestag einbringen wollten, blieb in der SPD-Fraktion hängen, noch ehe es zur
formalen Abstimmung kam. Der Vorschlag sah eine Steuerentlastung von bis zu 600
Euro für Autokäufer vor, die sich frühzeitig für Dieselfahrzeuge mit moderner
Filtertechnik entscheiden oder ihre Altwagen entsprechend nachrüsten. Die
ultrafeinen Abgaspartikel aus Dieselmotoren gelten als Ursache von
Atemwegserkrankungen und Krebs. Der rot-grüne Antrag verschwand in der Ablage,
nachdem vor SPD-Fachpolitikern ein Brandbrief des VW-Vorstandsvorsitzenden
Bernd Pischetsrieder an Partei- und Fraktionschef Franz Müntefering verlesen
worden war, in dem der Manager heftig gegen die Pläne zu Felde zieht. VW und
andere deutsche Autohersteller fürchten, dass das beabsichtigte Steuergeschenk
ausländischen Herstellern wie Peugeot und Citroen, die eine aufwendige
Filtertechnik schon seit Jahren serienmäßig auch in kleineren Modellen
einsetzen, weitere Käufer zutreibt."
Das haben wir gerne - erst machen sich deutsche Politiker zum Büttel der
Autoindustrie und kippen gesundheitsförderliche Regelungen zugunsten der
Bürger. Ein dreiviertel Jahr später blasen sich die gleichen Politiker auf und
tun in der Öffentlichkeit so, als ob andere versagt hätten. Eine widerliche
Bagage ist das alles, man kann bekanntlich nicht so viel essen, wie man kotzen
möchte…

* * *

Jede europäische Milchkuh wird immer noch mit zwei Dollar am Tag
subventioniert, während mehr als eine Milliarde Menschen von weniger als einem
Dollar pro Tag leben müssen.

* * *

Berlin. "So viel Untergang war nie", Folge 457. Die in einem windigen
Verfahren eingeholten Pläne für den Neubau des BND in der Hauptstadt lassen
schlimmste Befürchtungen wach werden. "Vorgeschlagen
wird eine gewaltige symmetrische Anlage, in der viertausend Mitarbeiter in
einer Großform mit 100.000 Quadratmeter Hauptnutzfläche untergebracht werden
sollen. Herausgekommen ist dabei ein Palast für Apparatschiks, der sich
hervorragend eignen würde für eine Verfilmung von Kafkas Visionen über die
totale Bürokratie." ("Süddeutsche Zeitung") Und: "Wer im Grundriß der geplanten
Zentrale des Bundesnachrichtendienstes die Formen eines Hakenkreuzes entdeckt,
hat Einiges begriffen von der Wirkung des Kasernenkolosses, den das Büro
Kleihues und Kleihues vorschlägt." (ebenda)

* * *

In einer Edition der Galerie Brusberg Berlin ist ein schönes Künstlerbuch des
Leipziger Malers Bernhard Heisig erschienen: "Ruhig mal die Zähne
zeigen" der Titel, mit Aufsätzen und Reden des Künstlers "über Kunst,
Künstler und die Gesellschaft". Daß der Bundeskanzler die große Leipziger
Ausstellung Heisigs zu dessen 80.Geburtstag eröffnet hat, sollte einen nicht
von der Auseinandersetzung mit diesem großen Künstler abhalten, denn
bekanntlich findet auch ein blindes Huhn mal ein Korn.
"Man kann sich ab und
zu ruhig einmal die Zähne zeigen. Man tut das übrigens am besten lächelnd, weil
man da die Zähne besser sieht." (Bernhard Heisig)

In diesem Sinne einen schönen April!

04.03.2005

Und Ansonsten 2005-03-04

Merkwürdige
Welt. Da entläßt die Deutsche Bank, obwohl gerade sehr erfolgreich, Tausende
von Mitarbeitern, und die Politik heult Krokodilstränen. Dabei hat ihnen ihr
amtliches Verlautbarungsorgan, die FAZ, doch in der gleichen Woche bereits die
Welt erklärt:
"Und daß das
Kapitalverhältnis auf Ausbeutung fußt, muß man nicht mehr, wie in den Siebzigern,
mit Verweis auf die Dritte Welt mühsam herbeideduzieren, weil der Kapitalismus
nach dem Umweg über allerlei Sozialkrempel jetzt, da die sozialistische
Konkurrenz besiegt ist, weltweit zu sich selber kommt und halt vollbringt, wozu
er gut ist: Ausbeuten, Verwüsten, Krieg führen, sich von Krisen durchschütteln
lassen, das ganze Programm."
(Dietmar Dath in einer Rezension des "Kapital" von Karl Marx, FAZ
31.1.2005)

* * *

Die "Süddeutsche Zeitung" dagegen muß einmal pro Woche fast die
gesamte Seite 3 bereitstellen, um den Werdegang des Bundespräsidenten zu
bejubeln: Erst beweihräuchert sie Köhler, weil er sich in Auschwitz nicht
daneben benommen hat, und eine Woche später die Lobhudele, weil Köhler es auch
in Israel verstand, sich korrekt zu verhalten. Als ob das nicht das Mindeste
ist, was man von einem deutschen Bundespräsidenten erwarten kann, daß er
Auschwitz und Israel besuchen kann, ohne sich nennenswert daneben zu benehmen.
Oder soll das alles heißen, daß man heutzutage darüber schon froh sein sollte?

* * *

Der SPD-Politiker Sigmar Gabriel ist sich für keine Peinlichkeit zu schade:
Nicht nur, daß er nach seiner Abwahl als niedersächsischer Ministerpräsident
zusätzlich zu seinem Landtagsmandat noch (indirekt) auf der Gehaltsliste des
VW-Konzerns stand, nein, mit dem Ex-Fußballprofi Strunz ("was wollen
Strunz?") und Ex-RTL-Sportchef Potofski hatte Gabriel auch noch eine GbR
namens "Strunz & Friends". Potofski beschreibt die Aufgabe des
ehemaligen Pop-Beauftragten der SPD so: "Wir
wollten Gabriels gute Beziehungen nutzen und zusammen Sportler und Pop-Musiker
vermarkten." Aber wahrscheinlich versteht Gabriel vom Geschäft
so wenig wie von der Popmusik, denn er sagt selbst, er habe bei Strunz &
Friends "keinen Cent
verdient und niemals eine Funktion wahrgenommen. Ich habe lediglich ein paar
Freunden beim Start ihres Unternehmens geholfen." Sowas kennt
unsereiner natürlich, wir verdienen bei all unseren Unternehmensbeteiligungen
auch nie einen Cent…
Allfällige Nebenbemerkung: Daß weder Politiker wie Gabriel oder Volmer noch die
berichterstattenden Medienvertreter je die Peinlichkeit bemerken und
kommentieren, die darin besteht, daß die Herren Politiker bei ihren
Nebengeschäften ja angeblich "nie einen Cent verdienen", ist schon
merkwürdig. Heißt doch im Klartext - nicht nur unfähige Politiker, nein, auch
noch zu doof zum Geschäftemachen…

* * *

Die mittelhessische Provinzband Juli erklärt, warum sie auf deutsch singt: "Bei uns kann einfach niemand gut
genug Englisch, um in den Texten das auszudrücken, was wir wirklich sagen
wollen." Eine Art Pisa-Spätfolge ist das also. Aber da
Selbsterkenntnis bekanntlich der erste Schritt zur Besserung ist, und die Band
bereits erkannt hat, daß sie nicht gut genug Englisch kann - wie wärs denn,
wenn "Juli" dann auch noch die notwendigen weiteren Schritte der
Selbsterkenntnis gehen würden? Denn Deutsch können sie ja nachweislich auch
nicht ("Ich weiß, daß
alles in dir schreit / Weil gar nichts von mir bleibt",
holpert es dahin…), Musik können sie auch nicht, also, wenn sie aus diesen
Fakten noch die richtigen Schlüsse ziehen, sind wir wenigstens eine Quälband
wieder los. "Wenn du
lachst, dann ist mir / alles andere so egal"…

* * *

Die Popgruppe "2raumwohnung" weiß allerdings, wer an all dem neuen
Deutschpop Schuld ist - die Ossis natürlich: "Durch
die nicht englischsprechenden Ostler gibt es seit der Wende ganz andere
Zuhörer", sagt Inga Humpe in der FAZ. Sag ich's doch,
Gorbatschow ist Schuld!

* * *

Wobei man sich natürlich ohnehin nur noch wundern kann über den Geisteszustand
einer Gesellschaft, in der ein dämliches und garantiert humor- und
inhaltsfreies Liedchen von "Schnappi dem Krokodil" seit Wochen die
Single-Charts anführt, 800.000 Tonträger verkauft und und und. Oder vielmehr:
Da wundert einen im Grunde gar nichts mehr…

* * *

Nicht mehr ganz bei Trost sind die bundesdeutschen Rundfunkanstalten, was
allerdings auch nichts wirklich Neues mehr ist und an dieser Stelle schon öfter
nachgewiesen wurde. Der Hessische Rundfunk hat es nun binnen Jahresfrist zum
zweiten Mal geschafft, die Spitzenposition beim Kulturabbau der
öffentlich-rechtlichen Sender zu behalten: Nach Erfolgssendungen wie
"Schwarz-Weiss" spart der HR nun am Jazz und hat die Einstellung des
"Jazz-Festivals" angekündigt - ein Festival, das seit 1953
ununterbrochen veranstaltet wurde und damit das älteste kontinuierlich
stattfindende Jazzfestival der Welt ist. Ersparniseffekt: 150.000 Euro.
Unglaublich.
Peinlich in diesem Kontext auch, wie sich Ministerpräsident Koch und seine
CDU-FDP-Landesregierung aufgeblasen haben: In den nächsten drei Jahren will das
Land Hessen jeweils sage und schreibe EUR 10.000 an das Jazzfestival
überweisen, um das Festival "zu erhalten". Großartig, großzügig, euer
Ehren. Aber keine Tat eines Politikers ist blöd genug, als daß sie nicht noch
in den Medien präsentiert würde.

* * *

Wenn man sich mal zum Beispiel eine komplette Sendung von sagen wir Sara
Kuttner auf Viva angeschaut hat, dann stellt man fest, daß das deutsche
Musikfernsehen ganz zurecht zu einer Abspielstation von Klingeltönen
umgewandelt wurde. Viva und Konsorten - eine garantiert hirnfreie Zone. Gut,
daß das endlich alles eingestellt wird.

* * *

"Jeder isst seine
Hamburger bei McDonald's, aber es würde keiner behaupten, dass Fast Food mit
der Küche eines Sternekochs vergleichbar wäre. Die Popmusik ist per
definitionem eine Fast-Listening-Music, die ihre Effekte auf den Moment
ausrichtet. Nehmen Sie den Rhythmus eines Rap-Songs und vergleichen ihn mit der
anarchischen Vielfalt von Strawinskys "Le sacre du Printemps", dann
werden Sie sehen, dass Pop meilenweit hinter den Erkenntnissen der Neuen Musik
hinterherhinkt. Ich wünsche mir, dass Menschen in der Schule musikalisch
erzogen werden, um zu erkennen, wie limitiert das Radio-Gedudel ist. Aber das
ist ein pädagogisches und damit ein politisches Problem."
Pierre Boulez - herzlichen Glückwunsch zum 80. Geburtstag!

* * *

Kulturpolitik auf Gutsherrenart macht seit längerem der PDS-Kultursenator von
Berlin, Thomas Flierl. Wenn er nicht gerade Freikarten für den ganzen Senat bei
der Berlinale schnorrt, schreibt der pseudorote Kulturpolitiker auch mal ein
Grußwort an das Festival Musik und Politik und ergeht sich in seinem typischen
Jammerton, "Jungs, ich
würde euch gern Geld geben, aber ihr müßt ohne mich zurechtkommen."
Wohlgemerkt, der Kerl verwaltet Steuergelder, er muß nicht etwa in die eigene
Tasche greifen. Aber natürlich ist ihm kein Anlaß zu gering, um sich nicht doch
noch aufzuplustern und wichtig zu machen: "Ich
weiß natürlich, wie wichtig politische Kunst ist, und daß man sie fördern
müßte. Gerade in Berlin, und gerade auch 2005 (…) Ich bekomme schon mit, daß
das Publikum sich wieder mehr für politische Kunst interessiert. Selbst das
totgeglaubte Wort "Protestsong" ist wieder da. Nicht ohne Grund, denn
die Welt ist einfach nicht heil, im Gegenteil: Sie ist es viel weniger, als
viele es sich nach dem Ende des Kalten Krieges erhofft hatten."
Und so weiter und so fort brabbelt der PDS-Mann vor sich hin, wo er doch
einfach am liebsten nur "heile heile Gänschen" singen würde.
Natürlich, die Macher des Festivals trifft dieser plumpe Anbiederungsversuch
nicht unverdient - wer diesem unfähigen Politiker, der seit Jahren das Festival
ignoriert, noch eine Darstellungsfläche gibt, anstatt eine Demonstration vor
Flierls Amtssitz zu organisieren, dem ist halt nicht zu helfen. Und wer einen
Konstantin Wecker zum Festival einlädt, der hat eh nichts Anderes verdient, als
so verarscht zu werden. Die dümmsten Kälber…

* * *

Die Friedrich-Schiller-Universität Jena schreibt zusammen mit dem Suhrkamp
Verlag und der "Zeit" einen Essay-Wettbewerb aus. Das Thema: "Was heißt und zu welchem Ende
kann man heute Schiller lesen?"
Kein Wunder, wenn der Nachwuchs a la "Juli" in der deutschen Sprache
derart rumstolpert, wenn es diejenigen, die die Sprache lehren sollten, selber
Stümper in derselben sind.

* * *

"Edelweißpiraten" nannte sich eine Gruppe von unorganisierten Kölner
Jugendlichen, die sich 1944 mit der Hitlerjugend prügelte, die Juden,
Zwangsarbeiter und Deserteure versteckte und eine Sprengung der Kölner
Gestapo-Zentrale plante. Die Jugendlichen flogen auf, wurden verhaftet,
gefoltert und zur Abschreckung öffentlich ermordet. Noch lange galten sie als
Kriminelle, und erst 2003, mehr als 30 Jahre, nachdem der Staat Israel die
Edelweißpiraten in die Gedenkstätte Yad Vaschem als "Gerechte unter den
Völkern" geehrt hatte, wurden die Edelweißpiraten endlich auch in
Deutschland als Widerstandskämpfer anerkannt.
"Edelweißpiraten" heißt auch ein Spielfilm von Niko von Glasow, der
am Abreisetag der Berlinale Europa-Premiere feierte. Die Weltpremiere fand 2004
auf dem "Festival des Films du Monde de Montreal" statt, wo wenig
andere Filme so heiß diskutiert wurden. Um den Vertrieb kümmert sich einer der
wichtigsten kanadischen Verleiher, und zwischenzeitlich wurde der Film mit
einer herausragenden und renommierten Schar von Schauspielern, von Anna
Thalbach und Bela B. Felsenheimer bis Jan Decleir, in etliche Staaten verkauft,
u.a. Belgien, Spanien, Thailand oder die Niederlande. In Deutschland, dem Land
des peinlichen "Untergangs", steht ein Kinostart nicht in Aussicht,
hat sich bislang kein Verleih gefunden.

* * *

"Dieser
Kleinterrorismus, wie ich ihn nenne, ist nur eine Spiegelung des
Großterrorismus, der die Militärdoktrin der Supermächte bestimmt."
Otto Schily über die RAF, 1981

* * *

Frankreich, du hast es besser. Unter der Überschrift "Befreit die
Musik" veröffentlichte das französische Wochenmagazin "Le Nouvel
Observateur", gewissermaßen der "Spiegel" Frankreichs, ein
Manifest gegen die "absurde juristische Verfolgung" der Leute, die
Musik im Netz tauschen. "Bald
wird Dutzenden Netizen der Prozeß gemacht, weil sie Musik über P2P-Programme
heruntergeladen haben. Wir verurteilen aufs Schärfste diese überzogene und
repressive Politik, die an Einzelnen ein Exempel statuieren will",
heißt es in dem Manifest. Zu den Erstunterzeichnern gehören Manu Chao oder
Khaled, der Globalisierungsgegner Jose Bové, etliche Politiker, Künstler und
Professoren - insgesamt fast 20.000 Franzosen. Sie alle bekennen sich dazu,
selbst schon einmal Musik aus dem Internet heruntergeladen zu haben. "P2P - Wir sind alle
Piraten" ist die Unterschriftenliste überschrieben. "Wie acht Millionen andere
Menschen haben auch wir schon Musik aus dem Internet heruntergeladen und sind
demnach potentielle Verbrecher. Wir verlangen die sofortige Einstellung dieser
absurden juristischen Verfolgung", heißt es in dem Manifest,
in dem u.a. auch ein runder Tisch mit Künstlern, der Regierung und der
Musikindustrie gefordert wird, um gemeinsam "bestmögliche
Antworten auf Fragen des Urheberschutzes, aber auch auf die des
Verbraucherschutzes zu finden, die der heutigen Zeit entsprechen."

* * *

Der Gesetzentwurf der Regierungsparteien gegen Neonaziaufmärsche verharmlost
den Holocaust. Der "Entwurf eines Gesetzes zur Änderung des
Versammlungsgesetzes und des Strafgesetzbuches", der in kürzester Zeit
durchs Parlament gepeitscht werden soll, soll angeblich Neonazi-Aufmärsche am
Brandenburger Tor verhindern. Soweit die Außendarstellung der Bundesregierung.
Wenn man sich den Gesetzestext aber näher anschaut, gerät man ins Grübeln -
verboten werden demnach Aufzüge an Orten, die "an die Opfer einer organisierten menschenunwürdigen
Behandlung" erinnern. Was SPD und Grüne mit dieser
Formulierung meinen, ist der staatliche Massenmord an sechs Millionen Juden, an
Zwangsarbeitern und Zigeunern. "Mit
welchem Recht aber empören sich Politiker, die den Holocaust begrifflich derart
verharmlosen, über das NPD-Schlagwort "Bombenholocaust"?"
(Jürgen Elsässer) Noch brisanter scheint die vorgesehene Änderung des § 130
StGB. Mit bis zu fünf Jahren Gefängnis wird demnach bestraft, wer Völkermord
"billigt, rechtfertigt, leugnet oder verharmlost". Der Entwurf fasst
darunter freilich nicht nur Taten, die "unter der nationalsozialistischen
Gewalt- und Willkürherrschaft", sondern auch "unter einer anderen
Gewalt- und Willkürherrschaft" begangen wurden, soweit dieser Völkermord
"durch die rechtskräftige Entscheidung eines internationalen Gerichts,
dessen Zuständigkeit die BRD anerkannt hat, festgestellt ist". "Srebrenica-Leugner werden in
einen Sack mit Holocaust-Leugnern gesteckt (…) So kann man die Erinnerung daran
tilgen, dass das Kabinett Schröder/Fischer 1999 einen Völkermord erfunden hat, um
Jugoslawien bombardieren zu können. Wer solche Antifaschisten hat, braucht
keine Neonazis mehr." (Jürgen Elsässer)

* * *

Wenn man sich mal betrachtet, wo die Leute sitzen, die 1987 so vehement gegen
die Volkszählung protestiert und gegen den "gläsernen Bürger"
gekämpft haben, dann wundert einen gar nichts mehr - sie sitzen nämlich
heutzutage in der Bundesregierung. Und man ahnt schon - sie tun nichts Gutes…
Vom 1.April an etwa darf die GEZ Personendaten bei kommerziellen
Adressenhändlern kaufen und mit den in den GEZ-Computern erfassten Daten
abgleichen. Oder wer sich den Spaß gemacht und im Internet ein Ticket für die
Fußball-WM bestellt hat, der musste ja sämtliche Details angeben, von der
Schuhgröße der Urgroßmutter bis hin zu Personalausweisnummern und Haarfarbe der
Enkelkinder. Wird alles schön brav abgespeichert und auf einem Chip auf die
Karte gespeichert. Alles ist möglich. Am Übelsten scheint mir aber, dass vom
1.April an jeder Finanzbeamte und jegliche Behörde, die Sozialleistungen zahlt,
Zugriff auf die Stammdaten aller bundesdeutschen Bankkonten erhält. Der
"gläserne Steuerzahler" wird Realität, ein bürokratisches Monstrum
wird geboren, das die Bürger hilflos dem "Staatshacking" ausliefert.
Das Gesetz, das den Datenschutz preisgibt, wurde von SPD und Grünen
beschlossen, den Kämpfern gegen die Volkszählung 1987…

Ach ja, übrigens - die Bankdaten aller Bezieher dieses Rundbriefes wurden inkl.
der Schuhgrößen und Augenfarben längst an das Innenministerium gemeldet - bei
aktiver Terrorismusbekämpfung will diese Agentur nicht in der zweiten Reihe
stehen.

In diesem Sinne einen schönen März

04.02.2005

Und Ansonsten 2005-02-04

Den Neujahrswünschen der "Jüdischen Allgemeine" würde man sich nur zu
gerne anschließen: "Und
wenn Sie uns fragen, wie viele Filme über den "Führer" wir im
sechzigsten Jahr nach Kriegsende und Befreiung der Konzentrationslager sehen
möchten: am liebsten gar keine. Hitlers Frauen, Hitlers Männer, Hitlers
Untergang, Hitlers Hund, Hitlers Briefmarkensammlung auf dem Berghof - wollen
wir nicht sehen, weder im Kino noch bei Knopp. Auch die Geschichten von
Flakhelfern, deutschen Kriegsgefangenen und Leuten, die auf dem Dorf wohnten
und von allem nichts gewußt haben, dürfen getrost unerzählt bleiben. Statt
dessen ist 2005, das Einstein-Jahr, der richtige Zeitpunkt, dem einen oder
anderen noch mal zu erklären, warum das deutsche Forschergenie (und viele
andere) ab den dreißiger Jahren in den USA arbeitete, und nicht mehr in
Berlin."
Wie so viele Neujahrswünsche dürfte auch dieser ein frommer Wunsch bleiben -
denn wenn diese Gesellschaft sich nicht mit "Hitlers Untergang",
"Noch mehr Hitlers Untergang", "mehr Untergang war nie"
beschäftigen, wenn Bruno Ganz nicht ganz und gar den Hitler geben dürfte - mit
welcher Existenzberechtigung sollten denn dann die Massenmedien von
"Spiegel" bis "Stern" ihre Hitler-Titelbilder drucken und
sie in ganz Berlin pflastern dürfen? Denn auch das war 2004 - noch nie seit
1945 prangte derart viel Hitler auf den Litfaßsäulen der Republik.

* * *

Die "Hartmut Engler Redaktion" textet mich ungefragt und ungebeten
per Email zu: "Liebe/r
Seliger, Berthold, ab kommenden Montag könnt ihr endlich die erste Single aus
Hartmuts Album in den Händen halten" Solange die Fans das
widerliche Teil nur in Händen halten, und niemand die Single abspielt, ginge
das ja noch. Aber es kommt, wie immer, noch schlimmer: "Hol dir "Fortunate
Guy" als Real Music Klingelton auf Dein Handy! Schicke HARTMUT1"
nicht auf den Mond, sondern "an
die 82008". Ob der Klingelton auf meinem Handy funktioniert,
erfahre ich dann auf "emi-mobile.de".
Wobei, vielleicht ist die Idee mit dem Hartmut Engler-Klingelton gar nicht so
schlecht - da hört man schon vorab, wer einen schlechten, ach was: wer gar
keinen Geschmack sein eigen nennt. Und kann sofort Reisaus nehmen, wenn der
Hartmut Engler-Klingelton ertönt…

* * *

Um bei deutscher Trash-Kultur, bzw. den sogenannten "Celebrities", zu
bleiben:
"Ich bin blond, ich hab
mir den Busen machen lassen, ich trage gerne Rosa - aha, dann muß ich eine
doofe Tussi sein." Wer wollte Cora Schumacher da
widersprechen…

* * *

Das Berliner Stadtmagazin Zitti schafft es eine ganze Seite lang, unsere
Künstlerin Lisa Bassenge, die sie interviewt, als "Lisa Bessenge" zu
schreiben.
Dämlicher ist schwer möglich. Und wir dachten, Pisa gilt erst für den
Nachwuchs, der in 10 Jahren die Zitti-Seiten vollschreibt…

* * *

Speaking of Pisa - Finnland ist nicht nur Pisa-Spitzenreiter, sondern auch
"der umweltfreundlichste Staat der Erde. Deutschland belegt Platz 31 -
hinter Panama, Slowenien und Japan", so meldet die FAZ die Ergebnisse des
"Umweltindex Nachhaltigkeit 2005" von Forschern aus Yale und
Columbia, die 146 Länder nach 21 Faktoren wie Treibhausgasemissionen,
Wassergüte und umweltpolitischem Engagement verglichen haben. Nun ja, ist man
geneigt zu sagen, die anderen Länder haben ja auch nicht seit sechs Jahren
einen "grünen" Umweltminister…

* * *

Die Tsunami-Katastrophe in Südasien hat ein merkwürdiges Konglomerat aus
Betroffenheit und Spendenwahnsinn nach sich gezogen. Ganz besonders widerlich
all diejenige, die auf kleiner oder großer Ebene die Situation zu ihren Gunsten
ausnutzen wollten - seien es die Deutsche Bank, die versucht hat, mit einer
Großspende ("Peanuts") ihr ramponiertes Image zu verbessern, sei es
Steuerflüchtling Schumacher, seien es die verschiedenen Politiker, aber auch
etliche Kleingewerbetreibende, die nach dem Motto "für jede 100 € Umsatz
führen wir einen € Spende ab" eher ihre eigene Kasse im Auge haben.
Ein eher kleines Problem hatte die Nachwuchsband "Juli", deren Song
"Die Perfekte Welle" (daß die Deutschquotenfans keine deutsche Groß-
und Kleinschreibung beherrschen, wurde bereits im letzten Rundbrief angemerkt…)
plötzlich von den Medien nicht mehr gespielt wurde, was Band und Plattenfirma
"Universal" umgehend gut hießen. Keine Einwände von dieser Stelle aus
- ein schlechter deutscher Song weniger in Radio und TV. Ob aber die deutschen
TV- und Radioanstalten nicht überlegen könnten, den FDP-Vorsitzenden
WesterWELLE aus ähnlichen Gründen erstmal aus dem Verkehr zu ziehen…? (schöne
Grüße an die Herren Greser & Lenz übrigens). Klar, Westerwelle hat wenig mit
der "perfekten Welle" gemein, aber… irgendwie wäre uns doch so allen
gedient, oder?
Und ob der "Spiegel" gut beraten war, in seinem der Katastrophe
gewidmeten Heft auf einer ganzseitigen Anzeige seine aktuelle
Spiegel-CD-Edition mit dem Titel "Wave Music" anzupreisen ("entspannte und groovige Musik
irgendwo zwischen Jazz, Soul und intelligentem Pop"… eine
zusätzliche gelbe Karte für die Worthülsen aus dem Arsenal des
Musikindustriesprech!), ist zumindest eine Frage wert.

* * *

Der Berliner "Tagesspiegel" betreibt eine wöchentliche Termin-Beilage
namens "Ticket". In Ausgabe 1/2005 zeigt der "Tagesspiegel"
die ganze Bandbreite der Hauptstadtkultur: Auf Seite 3, im Kino-Teil, ein
großes Foto von Hannelore Elsner, Unterschrift "Hannelore Elsner und Henry Hübchen machen einen
Jüdisch-Crashkurs: Alles auf Zucker!". Ein paar Seiten weiter
ruft der Klassik-Teil, ein Foto von Hannelore Elsner wirbt unter dem Titel "Ein verregneter Urlaub"
für "Ein Winter auf
Mallorca mit Hannelore Elsner und Sebastian Knauer". Auf Seite
18, im Potsdam-Teil, schließlich - ein großes Foto, na, von wem wohl? Unter dem
Titel "Der Duft der
Unschuld" liest eine Schauspielerin aus "Das Parfüm, illustriert von
französischer Musik" (haben die Franzosen denn keine Quote?
fragt man sich da erstaunt), und wer den Namen der Schauspielerin errät -
tschah, der gewinnt leider leider gar nichts…

* * *

Wenn man liest, wie sich durch einen Erlaß, den der damalige
GRÜNEN-Staatsminister im Auswärtigen Amt, Vollmer, unterschrieben hat, der
Menschenhandel durch Schleusergruppen zunächst ermöglicht und später geduldet
wurde, dann kommt einem schon wirklich das Frühstück wieder hoch… Allein in
2001 wurden in Kiew 400.000 Visa für die Einreise in die BRD erteilt -
"quasi unter den Augen" der rot-grünen Ministerien wurde nach Ansicht
des Kölner Landgerichts "bandenmäßige Schleusung" ermöglicht.
2001, da war doch was? Genau, das war das Jahr, in dem etlichen Künstlern
dieser Agentur die Visaerteilung für Tourneen in der BRD durch bundesdeutsche
Behörden extrem erschwert wurde - dies galt vornehmlich für afrikanische
Künstler, aber auch beispielsweise für den UNESCO-Kulturpreisträger Alim
Qasimov, der nur nach Intervention auf höchsten Ebenen überhaupt ein
Deutschland-Visum erhielt. Geradezu eine perverse Praktik der Verhinderung des
Kulturaustausches durch die rot-grüne Bundesregierung, die nun angesichts des
gleichzeitigen Ermöglichens massenhaften Menschenhandels mehr als einen
bitteren Beigeschmack bekommt.

* * *

Die aktuellen deutschen Album-Verkaufscharts vom 24.1.2005 spiegeln wieder
deutlich die Meinung der Politiker Thierse und Vollmer wider, nämlich, daß
deutsche Musik zu kurz kommt und dringend einer Quote bedarf, um endlich
wirtschaftlich erfolgreich zu sein: Bloß ganze 5 (fünf!) deutsche Produktionen
sind unter den Top 6 (sechs) der Charts zu finden… Übrigens - wenn es weniger
gewesen wären, wäre das durchaus besser für die Qualität der Musik gewesen.

* * *

Aber man soll da nicht so hart sein, denn nur eine Woche später kann man
nachlesen, dass es der deutschen Plattenindustrie wirklich schlecht geht. Denn
am 29.1. sind sowohl "De Randfichten" mit ihrem abgründigen
Protestsong "Dr Holzmichl" als auch die "Ärzte" mit
"Die Band, die sie Pferd nannten", nicht mehr in den Top 100 der
deutschen Album-Charts, sondern nur noch auf der "Warteliste" zu
finden. Uns wundert, dass weder Thierse, Vollmer und ihre NPD-Kollegen aus dem
sächsischen Landtag, noch die einschlägigen Claquere der Musikindustrie einen
Hilferuf an Kanzler Schröder für eine umgehende und drastische Gesetzesänderung
gestartet haben. Thierse, Vollmer, Renner, Stein - wo wart ihr?!?

* * *

Eine Claudia Roth, in der "taz" auch unter dem Begriff "grüne
Gurke" bekannt, "stellt
am Donnerstagmorgen eine Kerze auf die ehemalige Laderampe der Deutschen
Reichsbahn in Berlin. Von hier aus wurden Juden in das Konzentrationslager
Auschwitz deportiert." (Tagesspiegel) Natürlich kann eine wie
Claudia Roth nichts tun, ohne damit breit in der Öffentlichkeit zu posieren -
wenn Bosnien-Kriegstreiberin Roth irgendwo eine Kerze aufstellen muß, dann hat
sie mindestens eine ganze Horde Pressefotografen vorher informiert, und es gibt
dann auch Zeitungen, die auf einer Viertelseite Auschwitz-Werbung für die
Grünen-Politikerin machen. Widerlich, auf allen Ebenen.

* * *

In der "Berliner Zeitung" ist zu lesen, wie der Berliner rot-rote
Senat für die vom US-Milliardär Anschutz geplante neue Arena nicht nur
"nichts" bezahlen wird ("Das
Schönste ist ja, dass hier jemand ohne öffentliche Mittel ein Projekt starten
wird", so SPD-Staatssekretär Thomas Härtel vor drei Jahren),
sondern wie die Sozialdemokraten und, ähem, Sozialisten doch die bescheidene
Summe von mindestens 12 Millionen Euro dafür zur Verfügung stellen werden, dass
eine Investorengruppe zukünftig den jetzt schon nicht ausgelasteten Berliner
Hallen weitere Konkurrenz machen wird. Ganz klar, da herrscht unbedingt
"öffentliches Interesse". Und für die Berliner Symphoniker und für
etliche andere kulturelle Projekte ist dann wieder kein Geld da…

* * *

"Die Medien müssen alle
voneinander abschreiben, um genügend Informationen für ihre Artikel zu haben.
Heraus kommt eine stark vereinfachte Sichtweise, die sie in ihren Zeitschriften
abdrucken, um Anzeigen zu verkaufen." Conor Oberst,
"Bright Eyes"

* * *

Und, liebe Musikjournalistinnen und Musikjournalisten - schön wäre es ja doch,
wenn ihr bei Gelegenheit mal schreiben würdet, daß dieser Adam Green zwar ein
ganz ordentlicher Musiker, aber eben auch völlig überschätzt ist… und nicht im
Entferntesten weder an Bob Dylan, mit dem er so gerne verglichen wird, noch
beispielsweise an die Bright Eyes heranreicht… nur so am Rande, wenn ihr mal
Muße habt…

* * *

"Ruhe ist die
erhabenste Form der Kraft. Ich versichere allen, die es sonst nicht merken
würden: es ist die größte aller Kunstanstrengungen, sich über diese Welt mit
etwas Anstand zu äußern." Peter Hacks

In diesem Sinne allerbeste Grüße und eine "ruhige" Zeit…

24.12.2004

Und Ansonsten 2004-12-24

Eine
halbe 2raumwohnung erzählt, wie sie einmal versucht hat, Musik zu machen - Inga
Humpe in einem Interview mit der "Zeit":
"Ich wollte immer mal
eine Straßenmusikerin sein. Neulich habe ich das dann auch versucht und bin
nach Saint Tropez gefahren, nur mit meiner Gitarre (…) Es war furchtbar. Ich
habe mich so geschämt. Erst mal wurde ich am Hafen verscheucht (…) Ich dachte
ja, ich werde auf irgendwelche Yachten eingeladen und könnte dann dort
weiterspielen. Klappte überhaupt nicht. Dann war ich in so einer peinlichen
Fußgängerzone, gegenüber von einem schicken Restaurant, in dem ich selber gern
gesessen hätte, und spielte unter anderem Venus, Bobby McGee und irgendwas von
Bob Dylan. Ich hatte die Texte, konnte aber die Griffe noch nicht richtig und
mußte immer runter in das Songbook gucken. (…) Es war alles ein Trauerspiel.
(…) Meine Gitarre habe ich übrigens dort gelassen, ich habe mir dann hier eine
neue gekauft."
Soweit, so peinlich. Habe ja schon immer gesagt, daß sich ihre Musik so anhört,
als ob sie die Griffe nicht könne… Aber daß die Franzosen in ihren Fußgängerzonen
einen besseren Musikgeschmack als die deutschen CD-Käufer haben, die
2raumwohnung auf vordere Charts-Plazierungen hieven, ist nichts Neues.
Wahrscheinlich hätte man der Deutschquoten-Propagandistin sagen sollen, daß die
französische Quote nicht für fade deutsche Musik gilt.

* * *

"Auf die Politik hört
hier keiner mehr hin. Es ist das Jahr des großen Elends und ein Tal der Tränen,
damit basta. Merkwürdig ist höchstens, mit welch besonderem Eifer das Kapital
sich an der Liquidation des Kleinbürgertums als Klasse macht; das hat
stalineskes Format."
Peter Hacks (5.10.1990)

* * *

Die auch sonst gerne etwas durchgeknallte Katharina Rutschky ist außer Rand und
Band:
"Ich gebe es zu: Ich
liebe meinen Kanzler. Ich wähle den auch wieder, und ich liebe und verehre
ihn."
Wenn Frauen zu viel lieben…

* * *

Die "Dschungelkönigin" und auch sonst ausgewiesene Nervensäge Désirée
Nick und der Berliner König und auch sonst ausgewiesene Nervensäge Showereit
haben sich bei der Aids-Gala in der Deutschen Oper lang und innig auf den Mund
geküßt. Große Gefühle. Keine Frage, die beiden würden in jedweder Hinsicht gut
zueinander passen, und Niveauunterschiede scheint es auch keine zu geben.
Politisch gilt 2004 wie auch in den Vorjahren - Showereit ist nicht nennenswert
aufgefallen…

* * *

Der Deutsche Bundestag hat mit einem DDR-Wahlergebnis von 98,2% der
Landesverteidigung am Horn von Afrika zugestimmt. Ganze zehn Parlamentarier
stimmten gegen die Teilnahme der Bundeswehr an der Operation "Enduring
Freedom".

* * *

Der Berliner "Tagesspiegel" hat sich am 12.11. nicht entblödet, seine
gesamte Titelseite für eine Anzeige von H & M mit Karl Lagerfeld
freizuräumen. Die Todesnachricht von Arafat zum Beispiel befand sich nur noch
klein und einzeilig knapp unter dem Titel.
Nun ja. In zehn Jahren wird der Tagesspiegel so eine Meldung wie den Tod
Arafats gar nicht mehr bringen, und sein ganzes Blatt bezahlter Werbung zur
Verfügung stellen. In zehn Jahren? Ach, ich vergaß, da wird's den Tagesspiegel
längst nicht mehr geben…

* * *

Der brandenburgische PDS-Landtagsabgeordnete Frank Hammer mag die DVU: "Die DVU ist eher eine
bürgerliche Partei, die hin und wieder Ausflüge ins Rechtsextreme macht",
befand der Politiker. Na, demnach steht die DVU der PDS ja durchaus nahe…

* * *

"Als mein Bruder in
Hamburg Bürgermeister war, habe ich ihm gesagt: Nimm die Kultur als eine
Katastrophe. Für Katastrophen ist immer Geld da." (Christoph
von Dohnányi, Dirigent und Bruder des ehemaligen Ersten Bürgermeister Hamburgs,
Klaus von Dohnány)

* * *

Die "Prinzen" (da kann sich ganz schnell ein Tippfehler
einschleichen, und schon hat man "Peinzen", was ja irgendwie mit
peinlich zu tun hat, grins…) gehen ab Januar wieder auf Tournee und lassen sich
die Tour von einer Brauerei sponsorn. Sebastian Krumbiegel: "Wir sind alt genug, Bier zu
trinken und Werbung auch dafür zu machen." Ah ja. Jedenfalls
sieht Krumbiegel das Brauereigeld als Kultursponsoring: "Das ermöglicht uns, die
Kartenpreise niedrig zu halten." Die Tickets für die Show im
Friedrichstadtpalast kosten übrigens zwischen EUR 35,50 und EUR 52,75…

* * *

Aus dem Anzeigetext einer bundesdeutschen Plattenfirma für das neue Album eines
amerikanischen Künstlers: "Die
11 Songs leben von der spannenden Aneinanderreihung und Verflechtung der
Elemente Soul, Alternative Rock, Westcoast Pop, Funk, Blues und Country - von
unglaublich viel Roots-Bewusstsein zeugend und mit augenzwinkerndem Pop-Genius
verfeinert." Ich finde, da fehlt doch noch einiges - hätte man
nicht noch augenzwinkernden HipHop-Genius aneinanderreihen und mit etwas Gospel
verfeinern können, beispielsweise?

* * *

"Stern Musik" und EMI machen es möglich: "neudeutsch" heißt
die CD zur politischen Initiative von SPD, Grünen und NPD. "Ihre Musik ist sehr unterschiedlich,
aber sie alle verbindet ein erfrischend selbstbewußter Umgang mit der deutschen
Sprache", radebrecht es in einer ganzseitigen Stern-Anzeige
daher. Daß sich für solcherart Schmarrn neben einschlägig aufgefallenen Bands
wie "Mia" auch z.B. "Tocotronic" oder "Wir sind
Helden" hergeben, ist schade genug. Einen "erfrischend selbstbewußten
Umgang mit der deutschen Sprache" fernab aller alten und neuen
Rechtschreibung und Grammatik dokumentiert Stern Musik jedenfalls bei der
ausnahmslos Großschreibung aller Songtexte auf der CD: Von "Rüssel An Schwanz"
über "Ich Habe Nichts
Erreicht Ausser Dir" oder "Bis
Zum Erbrechen Schreien" und "Die
Stadt Gehört Dir" bis hin zu "Ich Weigere Mich Aufzugeben".
Leider.

* * *

Ausgerechnet in "Spex" war es. Der Titel der Story machte neugierig: "Die Linke tanzt"
hieß es da. Leider war es nur die linke Hand von Gonzales, die von einer Miriam
Stein zum Tanzen gebracht wurde. Lesenswert war der Artikel dennoch, wenngleich
auch nur als Musterbeispiel unfreiwilliger Komik, denn die Dame machte ein
Entdeckung, von der die Musikgeschichte noch Jahrzehnte, ach was: Jahrhunderte!
zehren wird: "Die linke
Hand eines guten Pianisten muß unabhängig von ihrer rechten Schwester agieren
können.", stellt die gewiefte Autorin fest. Und was? "Und umgekehrt"
natürlich. "Links gibt
den Rhythmus, rechts den Ton an."
Daß die moderne Entdeckerin bei der Revolution der Musikgeschichte, oder doch
zumindest immerhin bei der Modernisierung des Klavierspiels, nun ausgerechnet
die Linke des Herrn Gonzales, der ja neuerdings ein Album biederen
Schmuseklaviers irgendwo zwischen Jarrett und Tiersen eingespielt hat, gleich
bejubelt mit "Seine
Linke zählt zu den besten überhaupt", nimmt einen doch ein
wenig Wunder und beweist eigentlich hauptsächlich, daß Frau Stein in ihrem
jungen Leben noch nicht viel Klaviermusik gehört haben dürfte.
Unsereins hat in seinem ja bereits ein klein wenig längerem Leben schon so
manche Komödie der Musikkritik erlebt - da wurde vor Jahren der "New
Folk" ausgerufen, so, als ob es noch nie vorher Folk gegeben hätte, da
wurden zweitklassige Songwriter "entdeckt", so, als ob es die
Neuerfindung der Musikwelt sei, und und und. Nun also ist Keith Jarrett dran,
und das ist doch schon wieder pikant, diese neue Keithjarrettisierung des Musiklebens
junger Leute. Die Generation, die wahrscheinlich zu mehr als der Hälfte zu den
Klängen des Köln-Konzerts auf filzigen Flokati-Teppichen gezeugt wurde,
entdeckt das Klavierspiel. Aber nicht etwa die schwierigen Synkopen und die
donnernde linke Hand eines, sagen wir mal: Billy Mayerl, nein, der Sound des
Ökokitsches und der alternativen Wohngemeinschaften der späten 70er Jahre muß
es sein. Und ihren Helden haben sie scheinbar schon gefunden: Gonzales macht
ihnen wahlweise den Jarrett oder den Liberace. Eine fade Geschichte, gewiß.
Wenn da nicht in dem Brustton der Überzeugung, die Musikgeschichte neu zu
schreiben, drüber gepupst würde. Ich aber sage euch: Der König ist nackt!

"Und ansonsten", versteht sich - Friede auf Erden! Und den Menschen
ein Wohlgefallen!

13.11.2004

Und Ansonsten 2004-11-13

Die
Süddeutsche Zeitung, die mit der Bild-Zeitung gemeinsam hat, daß sie versucht,
mit der Herausgabe von Büchern ihre Defizite zu übertünchen (und Defizite steht
jetzt bewußt ganz allgemein gehalten da…), die Süddeutsche Zeitung also bewirbt
die ersten 50 Bände ihrer "Sammlung" gekonnt feuilletonistisch und
völlig anders, als es die Bild-Zeitung tun würde:
"Tauschen? Niemals! Wer
diese Sammlung erstmal komplett hat, gibt sie nicht wieder her. Die Süddeutsche
Zeitung Bibliothek, 50 große Romane des 20.Jahrhunderts für je nur 4,90 €. (…)
Und das Beste: Diese Sammlung beeindruckt sogar ihre wahnsinnig attraktive
23-jährige Kollegin."
Ach, was haben wir über den schwülen Altherrenhumor gelacht. Das Niveau der
Süddeutschen Zeitung scheint direkt proportional zu sein mit dem des Kanzlers,
den sie protegiert…

* * *

Ich weiß ich weiß, jedesmal verspreche ich, die grüne Gurke Claudia Roth in
Ruhe zu lassen, von wegen nicht satisfikationsfähig undsoweiter… Aber wenn ich
so was in der "Bunten" lese, wäre es doch zu schade, das zu verschweigen
- also, Claudia Roth, wie sie Politik macht, unter dem Titel, Klappe auf: "Hallo, ich bin wieder da!",
und schon grinst die Gurke ums Eck und erklärt, wie sie auf dem
Grünen-Parteitag zur Obergurke gewählt wurde:
Sie entschied sich bewußt
für Rot. "Ich wollte etwas Knalliges anziehen, um ein Signal zu setzen und
zu zeigen, daß ich kämpferisch an meine neue Aufgabe herangehe", sagt
Claudia Roth, 49. "Ich will klar machen, daß wir Grünen andere Ziele haben
als Schwarz-Gelb. Für dieses Vorhaben brauche ich eine äußere Ausstattung, die
mich innerlich stärkt."
Stundenlang habe sie - vor
Beginn des Parteitags ihrer Grünen-Partei am letzten Samstag in der Ostseehalle
in Kiel - im Hotel vor ihrem Koffer gestanden und sich geärgert, daß sie nicht
genug Kleidung eingepackt habe: "Weil, typisch Claudi, ich zu dem Rot
natürlich noch ein bißchen Glamour und Glitzer kombinieren wollte. Deswegen die
Bluse mit der Blumenstickerei und die schwarz-weiß karierte Hose." Ihre
Augen glänzen, sie hat rot erhitzte Wangen und "blendende" Laune.

Ich schwörs, so steht das da, so redet die daher. Typisch Claudi eben, mit
ihrem schwarz-gelben Inneren, den glamourhaft erhitzten Wangen und der
kleinkarierten Ausstrahlung. Sorry, wenn ich da was verwechselt haben sollte,
aber für Mode sind andere zuständig.

* * *

Marcel Reich-Ranicki in der gleichen Satire-Zeitung, der Bunten, mit einem
kleinen Schuß Häme in Richtung Kanzleramt, auf die Frage "Welches Buch
empfehlen Sie dem Kanzler?":
"Unbedingt Sigrid Damms
"Das Leben des Friedrich Schiller". Dessen 150.Todestag steht bevor. Das Buch ist leicht geschrieben, es
wird Herrn Schröder nicht überfordern. Er könnte von Schiller unendlich
viel lernen."
Hervorhebung von mir. Arg gemein, der alte Herr, nicht?

* * *

Daß der große Jörg Fauser gerade eine kleine Renaissance erlebt, sei mit
Freuden vermerkt. Immer lesenswert, immer lesenswert. Mir fehlt höchstens der
Hinweis darauf, daß Jörg Fauser neben Teja Schwaner und Carl Weissner einer der
drei Übersetzer der 155 Stones-Songs war, die 1977 unter dem Titel "The
Rolling Stones - Songbook" mit Noten bei Zweitausendeins erschienen. Sehr
lesenswertes Buch das, nicht nur für Stones-Fans und Stones-liebende
Klavierspieler…

* * *

Im Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie, Klavierabend Yundi Li, seit
Wochen ausverkauft, hübscher junger Pianist spielt Chopin und Liszt, das ist
was für junge Mädchen und alte Frauen… Der Klavierabend ist eigentlich
ordentlich, man hat zwar alle Stücke schon besser gehört, aber schlecht ist Li
keinesfalls. Man fragt sich nur, was diese ganze öffentliche Inszenierung um
Pianisten (und andere klassische Musiker) als Popstars soll - da werden
"die jungen Chinesen" oder "die Netrebko" oder junge
Geigerinnen zu Models, zu Abziehbildern von Kampagnen der Schallplattenindustrie,
und werden künstlich hochgepushed, bevor sie noch eine Note gespielt haben. Und
wo bleiben die wirklich großen Pianisten unserer Zeit? Der wunderbare
Pierre-Laurent Aimard, jeglichen Selbstinszenierungen abhold und charismatisch
sich des anspruchsvollen modernen Repertoires annehmend - sein herausragender
Klavierabend paar Tage vorher im selben Saal, mit Debussy und Ives - der Saal
nicht einmal halb gefüllt. Oder ein Grigorij Sokolov, sicher einer der
wunderbarsten Pianisten und integersten Musiker unserer Tage, aber wahrlich
kein Model - wird er noch den Weg in die Feuilletons finden, wenn es nur um
Tastenlöwen und schicke Outfits geht?

* * *

"Heute dagegen werden
Weltstars auch in der klassischen Musik nach den Regeln von Industrie und
Marketing im Eiltempo aufgebaut, oft auf völlig sachfremde Art mit Sex und
Glamour. Entsetzt Sie das?
Alfred Brendel: Das sind Verzweiflungstaten großer
Firmen, wo der kommerzielle Druck von Pop und Rock auch auf die Klassik greift.
Da wird dann vielleicht eifrig nach dem nächsten blinden und tauben Tenor
gesucht. Es gibt aber etliche kleinere Firmen, die mit den technologischen
Umwälzungen besser fertig geworden sind und ohne falschen Personenkult
auskommen."
Alfred Brendel im "Spiegel"-Interview

* * *

Die deutsche Kultusministerkonferenz hat beschlossen, daß es bei der
neoliberalen und dämlichen Rechtschreibreform bleiben soll. Herr, schmeiß Hirn
vom Himmel!, möchte man flehen, aber so viel Hirn kann gar nicht vom Himmel
fallen, daß die Leerkörper in den Köpfen deutscher Kulturpolitiker sich auch
nur annäherungsweise füllen ließen.

* * *

Während in den letzten zehn Jahren der Umsatz der 500 größten Unternehmen um 45
Prozent anstieg, haben sich die Profite dieser Unternehmen beinahe
verdreifacht. Diese 500 Unternehmen, die alljährlich vom US-Wirtschaftsmagazin
"Fortune" als "Global 500" zusammengestellt werden,
vereinten auf sich eine Umsatzsumme von 14.873 Milliarden US-Dollar, was etwa
45% des weltweiten Bruttosozialprodukts entspricht. Sie wiesen einen addierten
Gewinn von 731 Milliarden US-Dollar aus.

* * *

"Der eiserne Vorhang
war eine Zeitmauer. Solange es ihn gab, war das Zeitproblem geographisch
gebunden. Jetzt ist diese Bindung weg, und der Mensch ist der Maschinenwelt
schutzlos ausgeliefert. Er kann nur hoffen, zwischen den sich unendlich
vermehrenden Maschinen noch einen Ort für sich zu finden. In der Bundesrepublik
gibt es schon jetzt mehr Fläche für Autos, also Straßen, Parkhäuser und
dergleichen, als Wohnraum. Zeitgewinn im Sinne des Kapitalismus ist Zeitverlust
für das Subjekt. Von der kapitalistischen Struktur her gesehen, ist die Ameise
der ideale Mensch. Der Mensch ist der Feind der Maschine, für jedes geordnete
System ist er der Störfaktor. Er ist unordentlich, macht Dreck und funktioniert
nicht. Also muß er weg, und das ist die Arbeit des Kapitalismus. Die Logik der
Maschine entspricht die Reduzierung des Menschen auf den Rohstoff, auf das
Material plus Zahngold. Rationalität als einziges verbindliches Kriterium
reduziert den Menschen auf seinen Marktwert."
Heiner Müller, 1990

* * *

Ein Journalist will gebildet scheinen und schreibt: "Das Trio Jean Paul spielte (…) den ersten Satz
exakt so wie der Komponist es vorgesehen und (…) sich gewünscht hätte: allegro
ma non troppo. Fröhlich, aber nicht zu sehr."
Pech, daß "Allegro" im Italienischen "schnell" heißt und
nicht "fröhlich", und daß es in der Musik genau das bedeutet: Schnell
eben. Allegro ma non troppo - "schnell, aber nicht zu sehr".
Am Ende des gleichen Artikels zitiert der Arno Widmann in der Berliner Zeitung
dann den Außenminister: "Der
junge Bundestagsabgeordnete Joschka Fischer hat das Parlament einmal als
"Schnapsbude" bezeichnet." Nach meiner Erinnerung
hat der Joseph Fischer seinerzeit vom Bundestag als "unglaublicher
Alkoholikerversammlung" gesprochen, aber das mögen andere richtig stellen,
falls sie sich dazu bemüßigt sehen.

* * *

Die neuen "Auswärts"-Nationaltrikots, die Adidas für die deutsche
Fußball-Nationalmannschaft entworfen hat, sollen, ausgerechnet, rot sein. Rotes
Hemd, weiße Hose, rote Stutzen. Am Ausschnitt ist auch gold und schwarz
eingearbeitet. Wenn schon sonst nichts mehr rot in diesem Land ist, dann
könnens auch die Nationaltrikots sein, dachte man da wohl. Die Auswärtstrikots
waren bisher übrigens - genau: grün…

* * *

"Ich möchte, daß
verstanden wird, was Kapitalismus ist. Die ebenso typische wie bösartige
Reaktion auf unverstandenen Kapitalismus ist Nationalismus. Was dem Staat als
ideellen Gesamtkapitalisten natürlich sehr zupaß kommt. Der Herr Bundeskanzler,
der vor 20 Jahren noch zu "Konkret"-Feiern ging, besucht heute - in
durchaus politischer Absicht - das Soldatengrab seines Vaters in Rumänien, hält
in der Normandie oder zur Flick-Ausstellung Reden, die an widerlicher Geschichtsrevision
nicht zu übertreffen sind, reicht den Polen die Hand zur Versöhnung, als hätten
die Deutschen etwas zu vergeben. Ich gebe zu: Das alles ist sehr geschickt
gemacht, Schröder ist sein Geld wert. Wie er Deutschland als Großmacht
etabliert, bevor die Nachbarn noch so richtig merken, was läuft - das ist
widerlich, aber es ist perfekt gemacht." Hermann L. Gremliza
in einem Interview mit "Zitty"

* * *

Aber wenn man so was schreibt oder zitiert, ist das manchen Leuten gar nicht
recht. So fragte ein Journalist des öffentlich-rechtlichen Deutschland-Radios,
der wohl seinen Job eben den Schröders und Fischers und Konsorten und plumpem
Proporz zu verdanken hat, ob es diesen Rundbrief nicht auch "ohne diese wichtigtuerischen,
einseitig blinden Schlusskommentare" gebe, und sachkundig
ergänzt der werte Herr, der offensichtlich nicht einfach das "Und
ansonsten" ignorieren kann: "Wäre
weit weniger widerlich. Wohl nie übers JU-Schülerzeitungs-Niveua
hinausgekommen?" Daß man rot-grün auch von links kritisieren
kann, ist wohl jenseits der Vorstellungskraft dieses Herrn. Rinks und lechts
kann man ja bekanntlich nicht velwechsern, wusste schon Ernst Jandl.

* * *

Und die Musikindustrie hört nicht auf, ihre Kunden zu bekämpfen. Gerd Gebhardt,
Vorsitzender des Bundesverbands der Phonographischen Wirtschaft, fordert die
Bundesregierung auf, bei der Novellierung des Urheberschutzrechts die Zahl
legaler Privatkopien zu begrenzen. Sie schaufeln sich selbst ihr Grab, aber
dabei immer große Klappe…

* * *

Und ein anderer Großsprech der Musikindustrie, der gescheiterte und geschasste
Universal-Manager Tim Renner:
"Was fordert die
Popmusik von der Politik? Da sind wir bescheiden: (…) 2. Plattform sichern,
sprich eine Quote im öffentlich-rechtlichen Radio. Plus: Mitarbeit an einem
deutschen Popbewusstsein." (am 21.9.2002 auf
bundesregierung.de)
Als ob die Quote nicht schon eine ausreichend bescheuerte Forderung wäre, nein,
jetzt soll die Bundesregierung auch noch an einem "deutschen
Popbewusstsein" mitarbeiten. Es bleibt einem auch wirklich nichts erspart.

* * *

John Peel ist tot. Und Jens Balzer begann seinen Nachruf in der "Berliner
Zeitung" wie folgt:
"Irgendwann gab es in
dieser Welt einmal eine Epoche, da wurden die Radiostationen noch nicht von
Computern und deren Erfüllungsgehilfen regiert; da wurde Musik nicht nur als
Füllsel zwischen Werbeeinspielungen angesehen; da wählte keine Software die
Schallplatten aus, die dann - nach "Musikfarben" schematisiert -
unauffällig und willenlos durch den Äther dudelten. Damals saßen noch richtige
Menschen mit einer richtigen Plattensammlung in den Stationen; Menschen mit
einer Leidenschaft für die Musik, die sie spielten; Menschen, die sich tagein
und tagaus durch immer neue Demobänder und Debütschallplatten wühlten; voller
Neugier auf neue Bands, noch nicht gehörte Stile und Schulen und Sounds -
einerlei, aus welchem Winkel der Welt diese stammten; einerlei, mit welchen
Instrumenten sie gespielt wurden; und vor allem: einerlei, ob sich die Manager
der Musikindustrie davon einen Hitparadenerfolg erhofften oder nicht.
Das war die große Zeit des
Radios: die große Zeit der Radio-DJs. Die Zeit der moderierenden
Musikwahnsinnigen, der Fanatiker und Nerds. John Peel war von ihnen allen der
größte. Der wahnsinnigste und leidenschaftlichste und klügste. Der Mann mit dem
besten Geschmack und der größten Neugier; der Moderator, der mit dem
herrlichsten Akzent die interessantesten Geschichten erzählte: ein Patron der
Popmusik, wie es neben ihm keinen anderen gab. Und keinen mehr geben wird."

Und das hätten wir nicht besser sagen können. Gerade in diesen "scheißigen
Zeiten" (Goethe) würde die Radiolandschaft Journalisten benötigen, die
wenigstens etwas von John Peel haben. Und durch seinen viel zu frühen Tod sind
diese scheißigen Zeiten noch ein bißchen scheißiger geworden.
Wir trauern um John Peel. Eine Ikone des Musikjournalismus. Und ein Freund und
Förderer vieler Bands und Künstler dieser Agentur. Und wir denken, John Peel
würde es gefallen, wenn man über seinem Grab mit einem guten Rotwein anstoßen
würde, und daher schenken wir dem- oder derjenigen, der oder die uns als erstes
die nicht-britische Band mit den meisten Peel-Sessions nennt (nur per Email),
eine gute Flasche Rotwein. Bedingung: Mit wem auch immer der Gewinner oder die
Gewinnerin diesen Rotwein öffnen wird, der erste Toast geht in memoriam John
Peel. Versprochen? Versprochen.

And I won't forget to put roses on your grave

No I won't forget to put roses on your grave.

01.10.2004

Und Anonsten 2004-10-01

Über
die Perversion, daß in Berlin von den Staatlichen Museen die Flick-Collection
eröffnet wurde, wurde an dieser Stelle bereits mehrfach geschrieben. Dass
Politiker wie Schröder und Wowereit bei der Weißwaschung von
Kriegsverbrecher-Geldern dienen. Und dass die Berliner Museen wieder einmal
Museumsarbeit durch das Ausborgen einer Sammlung ersetzen, was, wenn dieser
Kalauer angesichts des Namens des Berliner Museumsgenerals, Peter-Klaus
Schuster, erlaubt ist, die übliche "Flickschusterei" ergibt…
Eine Ausstellung übrigens, über die selbst die FAZ-Sonntagszeitung im Titel nur
drei Worte fand: "Unmoralisch. Langweilig. Überflüssig."
Natürlich ist es pervers, dass ein Bundeskanzler Schröder, diese
personifizierte Zumutung deutscher Politik, am Wochenende die
"Mitnahmementalität" der Deutschen bei Sozialleistungen geißelt, und
in der Woche darauf als Eröffnungsredner der Flick-Collection einem
milliardenschweren Steuerflüchtling den Hof macht. Und es ist pervers zu sehen,
wie deutsche Sozialdemokraten den Bückling machen vor dem Erben eines
Kriegsverbrechers, der sich bis heute weigert, in die Stiftung zugunsten
ehemaliger Zwangsarbeiter einzuzahlen - wohl wissend, dass seine Sammlung in
den Jahren, die sie in Berlin auf staatliche Kosten gezeigt wird, im Wert
steigen wird, während die ehemaligen Flick-Zwangsarbeiter in diesen Jahren
sterben werden. Das ist das, was in dieser Republik "Normalisierung"
heißt -
Eichinger zeigt uns Hitler privat, und Schröder und Wowereit präsentieren eine
feinsinnige Kunstsammlung, die auf Kosten der Opfer Hitlers entstanden ist.
Eine moralische Bodenlosigkeit sondergleichen. Einfach widerlich.

* * *

"Ich kenne die Sammlung
Flick nicht, und diejenigen, die sie jetzt so hochloben, kennen sie auch nicht
- das ist doch schon mal ein widerliches Theater. Da wird mit Namen gepokert,
da werden Werte und Qualitäten behauptet, und eigentlich wird nur gezeigt, wie
leicht und wie schnell es heute geht, eine so genannte hochkarätige Sammlung
hinzuklotzen. Mit etwas Geld kann das fast jeder. Und wenn Herr Flick dann
seine Sammlung den Berlinern sieben Jahre leiht, behandeln das viele schon wie
ein Geschenk an die Nation. Die moralische Seite der ganzen Geschichte, sofern
man diese überhaupt von einer ästhetischen Seite trennen kann, ist doch auch
nur ekelhaft für mich."
Gerhard Richter in der "Zeit"

* * *

Und, übrigens, das muß man sich heutzutage von der alles andere als
linksradikalen FAZ im Aufmacher des Wochenend-Feuilletons sagen lassen:
"Die
Ausstellungseröffnung im Hamburger Bahnhof, genauer: das Ausbleiben ihrer
Absage, signalisiert eine Verschiebung in der Diskursstruktur, die über den
Anlaß hinaus von Bedeutung ist. Um die Tiefe des Einschnitts zu gewärtigen, muß
man sich nur auszumalen versuchen, wie die Sache vor zehn, fünfzehn Jahren
ausgegangen wäre: Kaum vorstellbar, dass der schwerreiche Erbe eines
verurteilten Kriegsverbrechers schon damals zum Darling des Berliner
Establishments hätte werden können, wenn er sich, wie Friedrich Christian Flick
heute, in einer Mischung aus Bockigkeit und Naivität geweigert hätte, in den
Entschädigungsfonds für ehemalige Zwangsarbeiter einzuzahlen; schwerer noch
vorzustellen, Politik und Stiftung wären bei ihrer Unterstützung für die
Ausstellung geblieben, nachdem ein prominentes Mitglied der jüdischen Gemeinde
dem Sammler vorgeworfen hätte, mit seiner Leihgabe die moralische Reinwaschung
von "Blutgeld" zu beabsichtigen; nahezu undenkbar, dass die Ausstellung
überhaupt stattgefunden hätte."
Ja, genau so ist es.
Wir werden noch einmal in nicht so ferner Zukunft feststellen, dass die
Regierung derer Schröder und Fischer und Konsorten das größte Übel war, das
dieser politisch nicht gerade verwöhnten Republik passieren konnte. Die
regierungsamtlich vollzogene Verwurschtung von Protest und Gegenöffentlichkeit
hin zu einer Anything Goes-Politik, unterstützt von einer pseudoliberalen, im
Geist der eigenen Wichtigtuerei gleichgeschalteten "Öffentlichkeit" -
wer hätte gedacht, dass dies in nur sechs Jahren möglich sei?

* * *

"Ich! will! Nicht
dazugehören!"
Peter Rühmkorf in "Tabu I"

* * *

Übrigens hat es natürlich eine Tradition: Schon Großvater Flick hat schließlich
Hermann Göring zum Geburtstag "alte Meister" geschenkt, so, wie der
Enkel nun vermeintlich dem Staat wieder etwas Kunst (diesmal:) leiht.
Und als ob die Flick-Collection nicht schon übel genug sei, schlüpfen prompt
auch Görings Erben aus ihren Nestern und fordern von Schröder und dem Staat,
ihnen Raum zur Verfügung zu stellen für eine "Göring Collection": www.carinhall-thecollection.de

* * *

Und Schröder zum Zweiten - da besucht der Bundeskanzler den Plattenkonzern
Universal. Und macht schön brav seine Honneurs, beziehungsweise gibt eine
Gefälligkeitsstellungnahme ab, denn die Bundesregierung setzt endgültig nur
noch Beschlüsse der Bertelsmann AG und Universal Deutschland um: Demzufolge "sieht der Kanzler keinen
Anspruch auf eine Privatkopie", vermeldet das Branchenmagazin
Musikwoche im Anschluß an das Treffen. Individuelle Rechte von Privatpersonen -
Fehlanzeige bei einem Kanzler, der innenpolitisch noch alle Freiheitsrechte der
Bürger in den letzten drei Jahren eingeschränkt hat.

* * *

Der Kopierschutz, den Kanzler Schröder gutheißt, macht der EMI und BMG Sorgen:
Die französischen Ableger dieser beiden Global Player der Musikindustrie sehen
sich nämlich mit einem Verfahren wegen "Betrugs hinsichtlich der
Warenqualität" konfrontiert, das eine Justizkommission gegen die Firmen
eröffnet hat, weil die mit einem Kopierschutz frisierten CDs auf Computern und
im Auto nicht abgespielt werden können. Das französische Wettbewerbs- und
Betrugsbüro hat den Kopierschutz inzwischen für unzulässig erklärt. Eine
Verurteilung könnte Strafen in Höhe von 188.000 EUR nach sich ziehen, zudem
müssten alle kopier-geschützten CDs aus dem Handel entfernt werden. Frankreich,
Du hast es besser! In Frankreich ist da, wo bei uns ein Kanzler der Bosse
regiert und Unternehmerpolitik betreibt, ein Wettbewerbsbüro tätig, das
Bürgerrechte verteidigt. Übrigens nicht nur in Frankreich - ähnliche Verfahren
laufen in Belgien, dort sind neben BMG und EMI auch Universal und Sony Music
angeklagt.
Hoffen wir, dass die EU endlich auch hierzulande mal für etwas gut ist und
entsprechende Verfahren von den westlichen Nachbarn auch nach Deutschland
schwappen…

* * *

SPD und Grüne präsentieren eine Halbzeitbilanz rot-grüner Kulturpolitik. Und
fordern, versteht sich, denn man spricht ja deutsch, eine "nationale
Musikquote in den deutschen Rundfunksendern".
Der Musikmarkt und die freie Marktwirtschaft, according to Antje Vollmer,
"Kultur"-Politikerin der Grünen: "Die
hier lebenden Künstler müssen eine Chance haben, am Markt überhaupt teilnehmen
zu können." Und: "Die
Auswirkungen der Globalisierung auf die nationale Kultur wurde auch von den
Sendern lange nicht wahrgenommen." "Nationale
Kultur"! Und: "Junge
Künstler in Deutschland haben längst ein neues Selbstbewußtsein und nicht mehr
das Problem, sich in der eigenen Sprache auszudrücken." (alles
zitiert nach dpa)
Wenn es nicht so bitter und so zum Kotzen wäre, könnte man darüber lachen, wie
peinlich die grüne Heulsuse vom Dienst hier von "nationaler Kultur"
blabert, wie inkompetent, wie wirr. Als ob irgendeinem deutschen Künstler
jemals verboten worden wäre, deutsch zu singen. Als ob Rammstein und Reinhard
Mey, als ob Pur und Andrea Berg verboten würde, am Markt, oh, Verzeihung,
wahrscheinlich sagt man bei den Grünen jetzt "am nationalen Markt"
teilzunehmen. Wie gesagt, es ist selten dämlich, da hilft im Grunde nur
ignorieren.
Aber hinter dem Ganzen steckt Methode. Auf der einen Seite fordern die
rot-grünen nämlich "nationale Kultur", und wie sie das in der
Realität buchstabieren, zeigt sich auf der anderen Seite der Medaille - das
Haus der Kulturen der Welt in Berlin beispielsweise erhält vom Bund drastisch
weniger Subventionen und wird im nächsten Jahr so renommierte Musikreihen wie
"Transonic", das "Festival of Sacred Music" oder das
"popdeurope"-Festival einstellen müssen. Und hier entlarvt sich die
neo-nationalistische Kulturpolitik von Rot-Grün vollends - man streicht die
Mittel für europäische und außereuropäische Musik zusammen und fordert im
gleichen Moment eine "nationale Musikquote".
Widerlich, einfach nur widerlich.

* * *

Früher galt eine altmodische Verhaltensweise - bevor man etwas behauptet hat,
hat man recherchiert (galt für Journalisten, those were the days…), hat man
Untersuchungen gemacht (galt für Politiker, those were the days). Heutzutage
wird jeder halbe Gedanke, den irgendjemand hat, rausgepupst, und so sind die
Zeiten eben.
Gerade die Quotendiskussion eignet sich wunderbar dazu, irgendwas rumzublabern,
denn erstens fühlt doch jeder und jede irgendwie "deutsch", irgendwie
hört doch jeder Musik oder das, was er oder sie dafür hält, und irgendwie
braucht man von nichts Ahnung zu haben und kann sich dennoch aufblähen wie der
größte Furz.
Die grüne Gurke Claudia Roth etwa meint, die "Existenzsituation nationaler
Künstler" sei "besorgniserregend", und daher brauche es die
Quote. Das ist natürlich erstens dreist, denn wenn es der Dame tatsächlich um
die Existenzsituation von Künstlern gehen würde, dann würde sie sich erstmal
dafür einsetzen, dass die von SPD und Grünen vor Jahren beschlossene drastische
Kürzung des Bundeszuschusses zur Künstlersozialkasse rückgängig gemacht würde.
Zweitens aber ist es eben auch einfach unsinnig, denn so Leute wie Pur oder
2raumwohnung oder Rammstein oder die Böhsen Onkelz, um nur einige Beispiele
nationaler Hochkultur zu nennen, bevölkern ja eben die Spitzenpositionen
deutscher Album-Charts, und ich weiß nicht, was die grünen Heulsusen Roth oder
Vollmer denken, aber die Charts passieren so, dass Verkäufe über den Ladentisch
gemessen werden, allwöchentlich. Ja, in der Tat, es gibt Leute, die kaufen so
was. Tut mir auch weh, kann man aber nicht ändern.
Oder wenn sich Bartträger Thierse ereifert, es müsse "ja nicht gleich ein
Gesetz sein, es kann ja auch freiwillig sein, damit unser musikalischer
Nachwuchs eine Chance bekommt". Nun, den musikalischen oder auch sonstigen
Nachwuchs eines Herrn Thierse möchte ich weder hören noch sehen müssen… aber
jenseits dessen ist es ja nun wirklich so, dass der "musikalische
Nachwuchs" heutzutage und hierzulande so erfolgreich ist wie ewig nicht
mehr - unabhängig von Qualitätskriterien, aber auch Bands wie Wir sind Helden
oder Silbermond bevölkern heutzutage ja die Charts.
Und letztlich hat keiner von all denen, die die Quote fordern, mir je erklären können,
warum Radiomacher, die bisher jeden formatierten Bockmist dudeln lassen,
plötzlich anspruchsvollere Musik spielen würden, wenn 40% des Bockmistes
deutscher Herkunft wäre. Es ist nun eben leider einmal so, dass die Radios auch
bei einer Quote nicht plötzlich anfangen werden, Jens Friebe oder Blumfeld oder
Wiglaf Droste und das Spardosenterzett zu spielen. Sie würden nur den einen
Müll durch einen anderen Müll ersetzen.
Was soll der ganze Quatsch also, wenn faktisch eh nichts dran ist? Und da sind
wir wieder beim Ausgangspunkt: Den Quotenfreunden gleich welcher Coleur geht es
um nationale Identitätsstiftung, um nationale Kultur, um Nationalismus. Nichts
anderes. Und so, wie Schröder vor paar Jahren die Parole "Kriminelle
Ausländer raus", die im September von der NPD im sächsischen Wahlkampf
zitiert und plakatiert wurde, vorgab, so pfeifen die Quotenfreunde nun ihre
nationalistische Melodie, auf dass in ein paar Jahren… Es ist wirklich
widerlich.

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In der DDR galt übrigens eine 60%-Quote bei öffentlichen Aufführungen - 60
Prozent der aufgeführten Werke hatten Inland-Pop oder der aus sozialistischen
Bruderländern zu sein, 40 Prozent durfte Musik aus dem
"nichtsozialistischen Wirtschaftsgebiet" sein. Kein Wunder, dass die
Ex-Maoistin Antje Vollmer die Quote mag, das wird sie an früher und an andere
staatssozialistische Experimente erinnern…

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"Es gibt ja Leute, die
sagen, unsere Politiker, das sind alles Verbrecher. Das ist natürlich Unsinn.
Das wirklich organisierte Verbrechen, das arbeitet auf höherem Niveau. Da
werden Menschen auch mal zur Verantwortung gezogen."
Matthias Beltz

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Wenn man die Stellungnahmen Schröders zur Tschetschenien-Politik Putins und zu
dessen Innenpolitik verfolgt, fragt man sich, wozu diese Bundesregierung noch
eine Menschenrechtsbeauftragte braucht, wo der Kanzler diese doch sowieso nicht
ernst nimmt und ungefragt alles für gut heißt, was sein Freund Putin so treibt.

Und was war der Preis? Die Vermittlung eines kleinen russischen Mädchens… (wenn
es hierzulande noch so etwas wie kritische Öffentlichkeit geben würde, dann
würde diese fragen, wie das Ehepaar Schröder ohne jede Genehmigung der
zuständigen Stellen kleine Kinder adoptieren darf…). Schröder zum Dritten. Und
damit endgültig versteigert.

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Sonnabend, 18.September 2004, Werbeplakat der Bild-Zeitung in Berlin:
"Super Bingo. Meteorit
in Wohnhaus gekracht"
So kann mans natürlich auch sagen…

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"Wer braucht schon
Plattenfirmen. Worum es geht, sind die Fans. Wir haben keinen Kontakt zu Labels,
weil wir nichts haben, was sie verkaufen könnten. Falls und wenn wir doch was
anbieten können, werden wir sehr vorsichtig vorgehen. Heute ist es so, dass die
Labels uns Künstler nötiger brauchen als wir sie."
Frank Black über ein neues Pixies-Album
(zitiert nach "Musikexpress")

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Wenn man liest, dass Quentin Tarantino als Jury-Präsident des Filmfestival
Cannes dagegen gekämpft hat, dass dem unseligen Populisten Michael Moore die
Goldene Palme verliehen wird (leider konnte er sich nicht durchsetzen), dann
mag man den Pulp Fiction-Regisseur gleich noch ein bisschen mehr…

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Dieses lächerliche Theater um die Rechtschreibreform. Natürlich bin ich seit
jeher gegen diese Reform (in rot-grünen Zeiten ist das einfach der logische
Reflex, gegen alles zu sein, was sich "Reform" schimpft, grins…),
aber man muß, wenn man nach etlichen Jahren aufwacht wie die neue Koalition von
"Spiegel" und "Blöd", ja nicht gleich das Beharren auf der
alten Rechtschreibung als revolutionären Akt begreifen, und man muß so etwas
nicht gleich völkisch überhöhen.
"Die (Alphabet)-Schrift
(…) ist, das hat die Schriftforschung längst gezeigt, eine Kulturtechnik sui
generis, Literalität ist etwas anderes als verschriftete Oralität. Schierem
Unfug kommt es daher gleich, wenn Linguisten die Vereinfachung des Schreibens
dadurch meinen begründen zu können, jeder sollte im Grunde schreiben dürfen,
wie ihm der Schnabel gewachsen sei. So schafft man mit dem Schreiben eine
Bildungsidee ab, die schriftsprachliche Kompetenz als reflexive Ermöglichung
von Eigensinn und Freiheit versteht - und nicht als Ausbildung einer
technokratich umrissenen, rein dem Verwertungsgedanken gehorchenden
"Berufsbefähigung"." So Jürgen Roth in
"Konkret".
Und der Schriftsteller Robert Menasse weist darauf hin, dass die sogenannte
Rechtschreibreform "rassistisch"
und "neoliberal"
sei: "Der Anspruch der
Vereinfachung der Regeln keucht vor der Gier danach, das gesellschaftliche
Denken zu versimpeln… Das ist eine Sprachpolitik, die unter dem Motto steht:
"Survival of the fittest"."

* * *

Der mit großem Getöse und per Knopfdruck von Bundeskanzler Schröder gestartete
Online-Vertrieb der deutschen Musikindustrie, "Phonoline", ist
gescheitert, Phonoline wurde aufgegeben. Na, hätte ich denen gleich sagen
können, ein Konzept, an dem die Deutsche Telekom beteiligt ist, und bei dem
Schröder auf den Startknopf drückt, so etwas muß einfach schief gehen, das weiß doch
längst jedes Kind…

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Die Popkomm macht sich um die Weltmusik verdient - aus einer Presserklärung
dieser hippen, tollen Großveranstaltung: "Gleich
nebenan im Kesselhaus steht Weltmusik aus Frankreich auf der Agenda: Raul Paz
setzt auf kubanische Rhythmen, Naab auf die kongeniale Mischung von
orientalischen Klängen und elektronischen Dance-Beats, und die ursprünglich aus
dem Senegal stammende Formation Gnawa Diffusion verzaubert das Publikum mit
einer Melange aus Ragga und Trance."
Wie man erstens möglichst viel ausgemachten Schmarrn (jaja, so isser, der
Kubaner, er "setzt" eben einfach mal "auf kubanische
Rhythmen", zum Beispiel) zweitens in einer Sprache, die auf jeden Fall mal
nicht deutsch ist (wo doch jetzt nationales Liedgut so gefördert werden soll -
sagt mal, wie soll das denn in der Praxis funktionieren?!?), in nur einem Satz
unterbringt, das ist die eine popkulturelle Leistung. Daß man dann aber
drittens von Tuten und Blasen eh keine Ahnung hat und eine algerische Gruppe,
vielleicht noch mit marokkanischen Wurzeln, einfach mal eben aus dem Senegal
kommen lässt, das ist schon doll. Naja, ist ja eh alles eins da unten in der
dritten Welt bei den Kaffern…

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"Leben kann man nur
inmitten einer Bewegung, die die Welt anklagt. Die Welt zu akzeptieren bedeutet
Tod."
Paul Nizan

Leicht gesagt. Schwer getan.

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