30.12.2012

Jahresbestenlisten und Erscheinungstermine

Wir schreiben den 29.Dezember 2012. Das Jahr neigt sich dem Ende zu, wie
man so schön sagt. Die Rauhnächte, zwischen den Jahren. Es wäre eigentlich ein
guter Zeitpunkt für das Staatsfernsehen, Jahresrückblicke zu senden – doch die
hat man schon seit Mitte November ausgestrahlt, ganz so, als ob das Jahr neuerdings
schon einen Monat früher enden würde, oder als ob die letzten drei, vier oder
sechs Wochen im Jahr sowieso nichts Nennenswertes mehr passieren würde und das
Staatsfernsehen das im Voraus wußte.

Es wäre vielleicht auch ein guter Zeitpunkt für die einschlägigen
Leserbefragungen nach den Lieblingsalben, den Lieblingssongs, Lieblingsfilmen
oder Lieblingsbüchern von 2012 – doch diese Befragungen haben die einschlägigen
Publikumszeitschriften natürlich längst schon im Oktober und November
absolviert und Mitte Dezember veröffentlicht, zeitgleich mit den Jahrescharts
der KritikerInnen. Nun gut, Letztere erhalten die CDs ja auch immer schon
Monate vorher, weswegen man zum Beispiel allüberall lauter große Geschichten
über das neue Album von Tocotronic lesen darf, obwohl das erst am 18.Januar
2013 erscheinen wird. Und ich dachte immer, 99% des Musikjournalismus sei als
von der Tonträgerindustrie inszenierte Konsumberatung gedacht – was aber, wenn
der Konsument sich ergibt, das jeweilige Album kaufen möchte, dann aber
feststellen muß, daß selbiges erst in einem Monat erscheinen wird? Das scheint
mir nicht klug genug überlegt, um ehrlich zu sein. Andrerseits liest ja auch
praktisch keiner mehr die Musikzeitschriften, also ist es vielleicht sowieso
egal.

Die Monatsmagazine erscheinen ja generell schon lange nicht mehr in dem
Monat, der vorne auf der Titelseite aufgedruckt ist. Chip Januar? Kommt Ende
November oder so. Musikexpress 1/2013? Wurde am 13.Dezember 2012 ausgeliefert.
Die britischen Musikmagazine wie Mojo oder Uncut erscheinen circa zwei Monate
vorher, allmählich muß man loslaufen, um das Februar-Heft 2013 noch zu
ergattern. Was das alles soll? Ich weiß es nicht, ich habe es noch nie
verstanden. Aber ich würde den Tageszeitungen, die doch so vehement unter Leserschwund
leiden, dringend empfehlen, das Geschäftsmodell der Zeitschriften und des
Staatsfernsehens nachzuahmen. Die Tageszeitung von heute? Nichts könnte
langweiliger sein! Veröffentlichen Sie doch bitte alle Ausgaben mindestens
fünf, besser zehn Tage im Voraus! Die Ausgabe der Süddeutschen Zeitung vom
31.12.2012 sollte rechtzeitig vor Weihnachten ausgeliefert worden sein! Die
Ausgabe der FAZ vom 5.1.2013 erwarte ich am Montag, dem 31.12.2012, in meinem
Briefkasten! Und Mitte Januar wird es höchste Zeit für die Osterausgaben. Die
taz kann dann ja erscheinen, wann sie will. Vielleicht ist so der deutsche
Qualitätsjournalismus noch zu retten...

Und ansonsten warte ich natürlich schon ganz zappelig auf die ersten
Jahresbestenlisten 2013, die spätestens in den März-Ausgaben einschlägiger
Magazine erscheinen dürften.

30.12.2012

Studenten und MacLuhan

Ein Student entblödet sich nicht, bei Amazon zum
Buch „absolute McLuhan“ folgenden Kommentar zu schalten:

„Ich habe mir
dieses Buch gekauft, da ich an der Uni ein Referat über McLuahn und seine
Thesen halten musste. Da seine Ansichten aber sehr schwer zu verstehen sind,
hatte ich gehofft ein Buch zu finden, was das ganze verständlicher rüber
bringt. Leider war das, meiner Ansicht nach, bei diesem Buch ein Fehlkauf.
Sicher geht es auf McLuahn in besonderer Art und Weise ein ... aber eben nicht
auf eine schnell verständliche Weise. Nach kurzem Lesen hatte ich schon mehr
Fragen als Antworten ... (...)

Fazit: Wer als
Student auf der Suche nach leichter, schneller McLuahn Kost ist, ist meiner
Meinung nach bei diesem Buch falsch!“

Toll, oder? Der Herr Student ist ganz offensichtlich zu doof nicht nur für
Grammatik, Zeichensetzung oder die korrekte Schreibweise des Autorennamens,
sondern auch für „schwer verständliche Ansichten“ – was er möchte, ist leicht
verträgliche Kost, den ganzen Marshall McLuhan am besten in einem kurzen
Facebook-Posting; was er haßt, sind Gedanken, die verursachen Beschwerden; bloß keine Lektüre, die mehr
Fragen stellt als leichte Antworten liefert...

Gut, geschenkt, blöde Studenten gabs schon immer, das ist keine
Zeiterscheinung. Nur hätten diese früher ihre Stumpfheit nicht eitel und
selbstzufrieden im Internet zur Schau gestellt.

Kann man eigentlich als Steuerzahler die Zwangsexmatrikulation von
Studenten wegen erwiesener Idiotie und Blödheit verlangen?

30.12.2012

Facebook, Bob Lefsetz

„Actually,
everybody who send one of those Facebook invites is a spammer. Actually,
Facebook itself is built on spam. Giving you more information than you need to
know to live your life.If you spend even
an hour a day on Facebook, your career ain't going so well.“

Bob Lefsetz

30.12.2012

Steinbrück der Bankenfreund

Der selbsternannte Bankenkritiker Steinbrück, auch SPD-Kanzlerkandidat,
entpuppt sich immer mehr als Radieschen, außen rot, innen... nun ja. Das von
Steinbrück geführte Bundesfinanzministerium hat jedenfalls, wie gerade bekannt
wurde, über 1,8 Millionen Euro Berater-Honorar an die Anwaltskanzlei
Freshfields Bruckhaus Deringer gezahlt. Die Kanzlei hat, wie es verschämt in
der „SZ“ heißt, seinerzeit „an dem Gesetz
zur Bankenrettung mitgewirkt“.

Lieschen Müller würde nun das Finanzministerium respektive den großen
Bankenkritiker Steinbrück vielleicht fragen wollen, ob die hauseigenen Juristen
nicht in der Lage waren, selbst die Gesetze zur Bankenrettung zu formulieren.
Aber das ist wahrscheinlich die falsche Frage, ts ts, natürlich kam es
Steinbrück und seinem Ministerium ganz genau darauf an: daß die
Bankenlobbyisten auch die Gesetze zur Bankenrettung selbst formulieren durften.
Die können das sicher auch viel besser und wissen genauer, was da drinstehen
muß, damit es den Banken auch wirklich hilft.

Ach ja: als der heldenhafte Bankenkritiker Steinbrück dann 2011 nicht
mehr Finanzminister, sondern nur noch einfacher SPD-Bundestagsabgeordneter war,
hielt er bei der nämlichen Anwaltskanzlei einen Vortrag und bekam dafür 15.000
Euro Honorar. So läuft das.

Wenn sich bei der EsPeDe irgendjemand über die aktuellen Umfragewerte
wundern sollte, darf er oder sie mich gerne anrufen, für ein Honorar in
ähnlicher Größenordnung würde ich sogar den Sozialdemokraten mal zwei Stunden
lang die Welt erklären.

30.12.2012

Katholische Kirche & Internet

Die katholische Kirche und das Internet:

Kaum wurde das reaktionäre „Kreuznet“ aus dem Netz genommen, beginnt der
Papst auch schon zu twittern.

25.12.2012

SUVs, Panzer, gated communities, Parklücken

Ein Phänomen unserer Zeit sind diese komischen
Panzer-artigen Autos, die zunehmend durch bürgerliche Berliner Stadtviertel wie
Prenzlauer Berg, Dahlem oder auch Kreuzberg fahren. Sie wissen schon, die
sogenannten SUVs – bitte nicht englisch aussprechen, von wegen „Es Ju Vieh“,
nein, sagen Sie es ruhig auf deutsch: Suff! Denn diese Kisten heißen natürlich
so, weil sie extrem viel Benzin saufen.

Bevorzugt sieht man darin interessanterweise
Frauen fahren, die diese Panzer wahrscheinlich als Zweitwagen fahren – „gated
community“ auf Rädern sozusagen, klar, wenn man als spießiger Provinzler in so
einer schlimmen, wilden, gefährlichen Stadt wie Berlin lebt, braucht man Schutz
vor der Welt. Man lebt in der Eigentumswohnung, die Papi am Prenzlauer Berg
gekauft hat, oder in den Ghettos der gated communities, aber wehe, man muß sich
mal ins Offene vorwagen, sagen wir: die Kinder in die Privatschule fahren, oder
Einkaufen, oder zum Friseur. Wie gut, daß man zu diesem Behufe diese
panzerartigen Wagen namens Suv hat.

Und so kommt es, daß in der Mehrzahl „grün“
wählende und sich irgendwie wahrscheinlich „alternativ“ dünkende Menschen, die
in ihren Smalltalks auf den Spielplätzen sagen wir des Prenzlauer Bergs sicher
jederzeit für Frieden in der Welt und für Energiesparen eintreten, in
panzerartigen, Benzin fressenden Großraumautos durch Berlin fahren. Und wenn
unsereiner auf dem Fahrrad wieder einmal eine Frau am Steuer eines SUVs sieht,
die es nicht schafft, ihr Panzergefährt in eine Standardparklücke in Kreuzberg
einzuparken, dann kann ich ein mehr als klammheimliches Lächeln nicht
unterdrücken.

25.12.2012

Julia Holter über Musik 2013

„Listening to
these pieces of music (Musik von Laurel Halo und Nite Jewell, BS) is exciting because it’s clear that both of
the people making them are impulsively writing what they want, without
strategising. It’s just coming out, thoughtful and well formed, but also with
so much soul. For 2013 I plan to maintain my optimistic belief that the
majority of people want to be allowed to experience their own music experience
in their vans, and not to be force-fed manipulative music.“

Julia Holter im Jahresrückblick des „Wire“

25.12.2012

GEMA-Jahresbestsellerliste 2011

Die Älteren unter uns werden sich noch daran
erinnern, wie irgendwann in den 80er Jahren ein Fernsehangestellter einmal die
Neujahrsansprachen von Bundeskanzler Kohl vertauschte, und einfach die
Neujahransprache des vergangenen Jahres gesendet wurde – ohne daß es
irgendjemandem aufgefallen wäre, weil, das Politikergeschwätz alter Zeiten ist
natürlich jederzeit mit dem aktuellen Geschwätz austauschbar.

Daran erinnert mich die vom „Musikmarkt“ vor
Weihnachten veröffentlichte Liste der „GEMA-Jahresbestseller 2011 U-Musik“, die
sich nur marginal von der GEMA-Jahresbestsellerliste U-Musik des Vorjahres unterscheidet
und wie immer beredt Zeugnis ablegt davon, warum wir alle die GEMA so sehr
lieben und sie für eine furchtbar nützliche Veranstaltung halten.

Also, Tusch! Hier ist die
GEMA-Jahresbestsellerliste 2011 U-Musik“ (in Klammern die Platzierungen der Vorjahresliste):

1. „Ein Stern, der deinen Namen trägt“ (dargeboten
von DJ Ötzi, im Vorjahr: Platz 1)

2. „Du hast mich tausendmal belogen“ (dargeboten
von Andrea Berg, die auch den Text mitgeschrieben hat; im Vorjahr ebenfalls auf
Platz 2)

3. „Take Me Home, Country Roads“ (John Denver, im
Vorjahr ebenfalls auf Platz 3)

Auf den Plätzen folgen u.a. „New York, New York“
(im Vorjahr nur auf Platz 5, diesmal Platz 4), „Griechischer Wein“ (in beiden
Jahren auf Platz 6), „Böhmischer Traum“ (dieses Jahr von Platz 9 auf Platz 8
geklettert) und „The Girl From Ipanema“ sowie „As Time Goes By“.

Merkwürdig und irritierend nur, daß ausgerechnet
in Zeiten der gnadenlosen Selbstoptimierung der Song „My Way“, 2010 noch auf Platz 4, aus
den GEMA-Top 10 verschwunden ist. Die GEMA gibt eben immer wieder Rätsel auf.

25.12.2012

Frauen und Kinder

Aus dem Artikel „Deutsche versprechen sich wenig
von Kindern“ in der „FAZ“ vom 18.12.2012:

„Die
Untersuchung nennt für die niedrige Geburtenrate auch ein normatives Dilemma
bei der Vereinbarkeit von Elternschaft und Beruf. Das kulturelle Leitbild der
„guten Mutter“, die zu Hause bei den Kindern bleibt, sei vor allem in den alten
Bundesländern noch so stark verbreitet, daß sich berufsaffine Frauen im Zweifel
eher gegen ein Kind entschieden. Der Aussage „Ein Kleinkind wird wahrscheinlich
darunter leiden, wenn die Mutter berufstätig ist“, stimmten im Westen 63
Prozent der Befragten zu, im Osten 36 Prozent.“

25.12.2012

Bundesregierung erläßt Konzernen Milliarden durch Mautsysteme

Laut einem Bericht der „Berliner Zeitung“ ist die
Bundesregierung offenbar bereit, „auf
Einnahmen in Milliardenhöhe zu verzichten, um die Betreiber des
Lkw-Maut-Systems Toll Collect zu schonen“. Da die Konzerne für
Schadensersatz und Vertragsstrafe in Höhe von sieben Milliarden Euro, die das
Verkehrsministerium vor Gericht von den Großkonzernen verlangt, keinerlei
Rückstellung gebildet haben, „erwäge der
Bund sogar, Teile der Summe auf Umwegen wieder an sie zurückfließen zu lassen“.

„Verkehrspolitiker
im Bundestag berichten, Toll-Collect-Vertreter hätten sie damit unter Druck
gesetzt, daß bei einer Milliarden-Zahlung der Maut-Betrieb nicht gewährleistet
sei (...) Aus Regierungskreisen höre man zudem, der Bund dürfe „zwei
strategisch wichtigen Konzernen“ nicht schaden.“

Recht und Gesetz gelten also scheinbar für
Großkonzerne dann nicht mehr, wenn diese „strategisch wichtig“ sind. Der
Steuerzahler bezahlt...

25.12.2012

Copyright: Bruderwirtschaft und Axel-Springer-Lohnschreiber

„Der
Hannoveraner Reservekorvettenkapitän Eckhard von Klaeden ist Staatsminister im
Bundeskanzleramt. Sein Bruder Dietrich ist beim Axel-Springer-Verlag, der als
Hauptinteressent an dem jüngst vom Kabinett beschlossenen“ und in einer
kurzen Nachtsitzung im Bundestag in erster Lesung durchgewunkenen „neuen Monopolrecht für Presseverlage gilt,
für die Beziehungen zur deutschen Bundesregierung zuständig“, berichtet
„Telepolis“.

Sascha Lobo bemerkt in seinem Blog zu der engen
verwandtschaftlichen Verflechtung von Bundesregierung und Axel-Springer-Konzern
treffend: „Es wäre natürlich Unsinn, hier
von Vetternwirtschaft zu sprechen, die beiden sind ja viel näher verwandt als
Vettern.“

Bruderwirtschaft zum Nutzen des Axel-Springer-Konzerns,
sozusagen.

Im aktuellen Heft des vom Axel-Springer-Verlag
(„Bild“) herausgegebenen „Rolling Stone“ plappert eine Iris Marx entsprechend
Konzern-treu über das angebliche „Comeback des Copyright“ – ein Comeback, das
bisher nur vom Axel-Springer-Konzern und deren Lohnschreibern ausgemacht wurde:
„Es (das Copyright, BS) hat jahrelang schlimm gelitten. Niemand
wollte mit ihm noch etwas zu tun haben. Es galt als der seelenlose Gehilfe der
ekligen Platten- und Verlegerindustrie. Man trat auf ihm rum, beschimpfte es
und wollte es fast gänzlich zerstören. Allein was das arme Urheberrecht im
Rahmen der Anti-ACTA-Proteste 2012 erleiden mußte, hätte es fast umgebracht.
(...) Vielleicht bekommt es nächstes Jahr einen neuen Verwandten: Das
Leistungsschutzrecht für Presseverlage, das vor allem gewerblichen
Internetsuchmaschinen für das Anzeigen der Schlagzeilen einen angemessenen
Beitrag abverlangt. Es ist sicherlich nicht gut für Google, aber es ist gut für
die Presse. Ein Gesetzentwurf liegt auf dem Tisch. 2013 wird Deine Zeit kommen,
liebes Urheberrecht. Denn der Geiz, 99 Cent für einen Lady-Gaga-Sing
auszugeben, ist kein Ausdruck von Meinungs- oder Informationsfreiheit. Jeder
Mensch mit dem IQ eines Rhesusäffchens, der MTV oder Viva im Jahr 2012 aus Versehen
eingeschaltet hat, dürfte inzwischen bemerkt haben, daß wir Dich in den
vergangenen zehn Jahren wirklich viel zu schlecht behandelt haben. Du bist doch
gar nicht so übel, liebes Urheberrecht! Welcome back!“

Niedlich, oder? Ganz offensichtlich werden beim
Axel-Springer-Verlag neuerdings Autorinnen, die für „Bild“ nicht ansprechend
genug formulieren können und deren IQ deutlich unterhalb dessen eines
Rhesusäffchens liegt, direkt an das hauseigene Musikmagazin weitergereicht, um
dort die Verlagspropaganda auf niedrigstem Level unters Volk zu bringen.

08.12.2012

Oscar Niemyer, Reiche und Arme

„Die Welt wird von den Reichen regiert. Früher
haben die Armen die Reichen bekämpft. Heute bekämpfen die Reichen die Armen.“                         Oscar Niemeyer - R.I.P.!

08.12.2012

Advent: Regierung schafft Armut ab!

„Es ist Adventszeit – Seliger, seien Sie nicht
immer so negativ! Wo bleibt das Positive?“

Hier: Die Bundesregierung hat die Armut
abgeschafft!

Nun gut, vielleicht noch nicht ganz, und erstmal
nur auf dem Papier, aber immerhin.

Die Bundesregierung hat nämlich in ihrem
offiziellen Armutsbericht laut SPON „Passagen
über die wachsende Ungleichheit in Deutschland geglättet“. „Passagen über sinkende Löhne im unteren
Bereich sind getilgt worden“, dafür wird jetzt darauf verwiesen, „daß im unteren Lohnbereich viele
Vollzeitjobs entstanden seien“. Und während es in der Ursprungsversion des
Armutsberichts noch hieß, „im Jahr 2010
arbeiteten in Deutschland knapp über vier Millionen Menschen für einen
Bruttostundenlohn von unter sieben Euro“, ist dieser Satz nun gestrichen.
Ich bin mir zwar nicht ganz sicher, ob das bedeutet, daß hierzulande keine vier
Millionen Menschen mehr für einen Bruttostundenlohn von unter sieben Euro
arbeiten, aber bald kommt das Christkind, da wollen wir nicht kleinlich sein
und die frohe Botschaft verkünden: Die Regierung hat die Armut abgeschafft!
Hurra! Und Friede auf Erden und den Menschen Wohlgefallen.

08.12.2012

Musikindustrie investiert Milliarden in Künstler!

Ach, war das wieder eine schöne Schlagzeile: „Musikunternehmen investieren Milliarden in
die Nachwuchsförderung“ titelte die „Pjöngjang Times“ der Musikindustrie,
die „Musikwoche“. Was war geschehen? Hatte die Tonträgerindustrie plötzlich ihr
Herz für die Musik entdeckt und ihre heimlichen Goldschätze versilbert und an
die jungen Bands verschenkt? War ein Wunder geschehen? Ist die Erde plötzlich
eine Scheibe? Iwo.

Es war bloß Propaganda auf quasi nordkoreanische
Art. Die sogenannte „Studie“ hat der „Internationale Dachverband für Tonträgerhersteller“,
IFPI, hergestellt – man hat also nicht einmal so getan, als ob man ein
„unabhängiges“ Marktforschungsinstitut beauftragt, nein, man hat die „Studie“
gleich selbst zusammengebastelt. Mit welchen Zahlen aber? Genau: „Für die
Studie wurden die Investitionen von Musikfirmen zusammengetragen“, kann man
beim „Musikmarkt“ lesen (nicht bei der „Musikwoche“, da wird so getan, als ob
es tatsächlich eine Studie sei, die da veröffentlicht wurde...). Und die von
der Musikindustrie, also von sich selber, zusammengetragenen Zahlen ergeben schwupps
genau das Ergebnis, das die Musikindustrie erwartet hatte, und das die
Musikindustrie dann kommentieren darf, etwa der Kim Il Sung der deutschen
Musikindustrie, Dieter Gorny („...damit
sind die Musikfirmen die wichtigsten Investoren beim Aufbau langfristiger
Musikerkarrieren“), oder der Chef von Warner Music, Bernd Dopp („Deshalb brauchen die jungen, talentierten
Künstler von heute mehr denn je Partner wie uns, die sie auf eigenes
wirtschaftliches Risiko und mit (...) Herzblut fördern und gemeinsam mit ihnen
zu Marken aufbauen und etablieren“), oder der Chef von Universal, Frank
Briegmann („Investing in Music ist ein
Credo von Universal Music“).

Die durchschnittlichen Kosten dafür, einen neuen
Künstler am Markt zu etablieren, beziffert die IFPI auf bis zu 1,4 Millionen
Dollar (man beachte: „durchschnittlich“ und „bis zu“ – echt Studie eben). Mal
so rumgefragt, liebe Universals, Warners oder wie ihr alle heißt – in wie viele
„junge, talentierte Bands“ habt ihr denn zuletzt, sagen wir in den letzten
drei, vier Jahren „im Durchschnitt bis zu“ 1,4 Millionen Dollar investiert?
Guter Scherz.

Hinzu kommt, daß es eben letztendlich in der Regel
nicht die Plattenfirmen sind, die in die Künstler investieren – denn die
Investitionen, für die sich die Musikindustrie hier so brüstet, sind ja in den
Künstlerverträgen zu großen Teilen „recoupable“, wie es im Musikindustriesprech
heißt, bedeutet: jeder Euro, den die Plattenfirma ausgibt, wird im Zweifel gegen
die Einnahmen der jeweiligen Künstler gerechnet bzw. verrechnet – im Klartext:
kommt eine Band in die Gewinnzone, erhält sie nicht etwa irgendwelche
anteiligen Gewinne aus ihren Plattenverkäufen, sondern muß erstmal der
jeweiligen Plattenfirma die von diesen getätigten Investitionen zurückbezahlen.
Also: die Plattenfirmen leihen sich sozusagen das Geld von den Bands, sie
betreiben eine Art Bankgeschäft. Von wegen „wir investieren in die Karrieren
junger, talentierter Künstler“ – alles fake, alles nur geliehen! Wenn
heutzutage bei Plattenfirmen noch langfristiger Künstleraufbau betrieben wird,
dann von den kleinen Plattenfirmen – und die haben alles andere als „im
Durchschnitt bis zu“ 1,4 Millionen pro Band oder Künstler zur Verfügung...

Was für ein aufgeblasener Bullshit, den die Funktionäre
der Musikindustrie da Hand in Hand mit dem embedded journalism der
Musikindustrie von sich gegeben haben!

Die Wahrheit sieht doch eher so aus wie in diesem
Beispiel: Eine der Bands des Jahres 2011 waren The Weeknd aus den USA. Während
die Musikindustrie sich über Copyright-Verletzungen erregte, verschenkte der
junge Kanadier Abel Berihun Tesfaye, der sein Projekt The Weeknd nennt, seine
Musik. Und zwar konsequent, nicht nur hier mal einen Song und da einen
Download, nein, komplette Kurz-Alben (die er Mixtapes nannte) konnten
monatelang von seiner Website kostenlos heruntergeladen werden. Und was
passierte? The Weeknd wurden eine der angesagtesten Bands in den USA, und ihre
Konzerte waren ausverkauft – ja, genau, eine Newcomer-Band ohne Albumveröffentlichung,
die von keinem Label „gesigned“ war, verschenkte ihre Musik auf der eigenen
Website, und paar Wochen später erhielt diese Band Gagen von 25.000 Dollar und
mehr, verkaufte ihre Konzerte aus, spielte die wichtigsten amerikanischen
Festivals, verschenkte immer noch ihre Musik auf ihrer Website, trat in
wichtigen amerikanischen Fernsehshows auf, die Konzertgagen stiegen weiter, die
Band verdiente weit mehr, als wenn sie sich auf die Herren Gorny, Dopp oder
Briegmann eingelassen hätte. Alles per „Mund“- (also Internet-)propaganda und
durch Verschenken ihrer Musik.

Natürlich – The Weeknd machen auch verdammt gute
Musik. Das ist das Geheimnis. Aber: früher wären sie mit ihrer guten Musik auf
die Gnade von Labels angewiesen. Heute veröffentlichen sie ihre Musik selbst
und machen sich selbst zu Stars. Willkommen im 21.Jahrhundert! (und hübsche
Drehung: mittlerweile haben sie ihre ersten drei Mixtapes wahrscheinlich für
ziemlich viel Geld an Universal verkauft, die diese mit paar zusätzlichen
Tracks als „Trilogy“ auf den CD-Markt gebracht haben – wahrscheinlich ein smart
move der Band, denn so können auch die old school-Musikkäufer sich die Alben
ins Regal stellen...).

Und jetzt fragen Sie einmal den Herrn Briegmann
von der Firma Universal so wie im Ricola-Werbespot: „Wer hat The Weeknd
erfunden?!?“ – „Wer hat The Weeknd zu Stars gemacht?!?“ Genau, Herr Briegmann,
nicht die Musikindustrie ists gewesen, sondern DO IT YOURSELF!

08.12.2012

Prada-Kommunismus

„Wer nicht
dumm war, war links.“

Die Modedesignerin Miuccia Prada über die 70er
Jahre, als sie Mitglied der Kommunistischen Partei Italiens war

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