20.09.2017

Verbrecherische Automobilindustrie? Worauf die Kanzlerin ihren Amtseid geschworen hat...

Stichwort Automobilindustrie: Erst verhindert die Bundesregierung strengere Abgasnormen für Autos, dann wird bekannt, daß BMW-Großaktionäre kurz zuvor der CDU fast 700.000 Euro gespendet haben (Handelsblatt).
Aber worüber regen wir uns hier eigentlich auf? Wo ist denn das Problem? Die Bundesregierung und die einschlägigen Landesregierungen egal welcher Couleur haben sich mit Haut und Haaren der Automobilindustrie ausgeliefert und lassen es zu, daß sich „die Automobilindustrie, die wissentlich und vorsätzlich Mensch und Umwelt vergiftet“ („Spiegel“), weiter aus ihrer Verantwortung stehlen kann. „Tod liegt in der Luft“ („FAZ“), jedenfalls für die Menschen, die von den Produkten der Automobilindustrie vergiftet werden. „Aber vielleicht fließt durch die Adern der Politiker, die etwas ändern könnten, ja doch Benzin?“, fragt Edo Reents in der „FAZ“. Oder liegt es einfach daran, daß die Automobilindustrie der Politik seit jeher nennenswerte Spenden angedeihen läßt, und daß es eine extrem enge Verflechtung des politischen Personals mit der Automobilindustrie gibt? Der ehemalige Verkehrsminister Wissmann (CDU) ist seit 2007 Präsident des Verbands der Automobilindustrie, also deren Cheflobbyist. Eckart von Klaeden (CDU) war bis 2013 Staatsminister im Kanzleramt, also einer der wichtigsten Helfer der Kanzlerin, und wechselte unmittelbar in den neuen Job als Cheflobbyist von Daimler. Thomas Steg (SPD) war Vize-Regierungssprecher und ist seit 2012 Cheflobbyist von Volkswagen. Michael Jansen war bis 2009 Büroleiter von Angela Merkel in der CDU-Zentrale und ist seit 2015 Leiter der Berliner Vertretung von VW. Maximilian Schöberl war lange Jahre Pressesprecher der SU und ist seit 2006 Cheflobbyist von BMW (alle Fakten aus „SZ“). Die Liste ist beliebig fortsetzbar.
Daß es immer noch keine strikten Fahrverbote für Dieselfahrzeuge gibt, ist ein Skandal, aber relativ einfach erklärbar. Und die Medien, die die großen Anzeigen der Automobilkonzerne abdrucken, tun das ihrige dazu: Da liest und hört man Floskeln wie, es gebe „schlechte Nachrichten für den Diesel“. Für den Diesel? Na, das ist ja unerhört, da muß man sich ja regelrecht Sorgen machen um den Diesel, wenn der morgens seine Zeitung liest und schlechte Nachrichten entdecken muß. Nicht eher schlechte Nachrichten für die Menschen, die durch Dieselfahrzeuge vergiftet werden?!?
Aber wie gesagt, wo ist das Problem? Schließlich hat die Kanzlerin bekanntlich keinen Amtseid darauf geschworen, Schaden von den Menschen der Republik abzuwenden. Nein, der Amtseid der Bundeskanzlerin (aber auch jedes Wirtschaftsministers und jedes Ministerpräsidenten in jedem Bundesland, in dem Automobilkonzerne existieren), das weiß doch heute jedes Schulkind, lautet schließlich, Schaden von der deutschen Automobilindustrie abzuwenden.

20.09.2017

Stickstoffdioxid-Grenzwerte durch Dieselautos systematisch überschritten? FDP-Lindner hat die Lösung!

Und sowieso versteht man ja nicht, warum so ein Theater um das angebliche systematische Überschreiten der Grenzwerte von Stickstoffdioxid gemacht wird. Die autofeindliche Presse behauptet, daß „in 28 Städten oder Ballungsräumen hierzulande anhaltend gegen die in der EU festgesetzten Grenzwerte für Stickstoffdioxid verstoßen“ wird („FAZ“).
Awcmon.
FDP-Chef Christian Lindner hat die Lösung, und sie ist sehr einfach, nämlich: die Grenzwerte heruntersetzen! Denn mit niedrigeren Grenzwerten verstößt die Autoindustrie mit ihren manipulierten Dieselfahrzeugen nun mal weniger gegen die gesetzlichen Vorgaben, und es werden sozusagen automatisch weniger Menschen vergiftet.
So klug, so smart, so lösungsorientiert! Hoffen wir, daß Lindner Verkehrsminister der neuen Bundesregierung wird! Die Autofahrernation Deutschland hat sich ihren Lindner redlich verdient.

20.09.2017

Bundestagswahlkampf - Der Tanz um das kleinere Übel?

Bundestagswahlkampf? Schlechter Scherz.
Man kann das, was zu diesem Staatstheater zu sagen ist, sehr klug formulieren wie Rainer Trampert in seinem Artikel „Der Tanz um das kleinere Übel“.
Oder sagen wir es einfach mit Christoph Schlingensief, dessen „Chance 2000“ wir 1998 wählen durften:
„Ihr müsst diese Gesellschaft benutzen, die euch kaputtmachen will. Stürmt die Medien! Stürmt das System!“

20.09.2017

Herbst: Jetzt wird gekärchert!

Herbst. Kärcher-Zeit.
Jetzt treiben sie sich wieder allüberall in den Parks und Gartenanlagen herum, die Lümmel mit ihren lauten Laubverteilungsrohren, die endlos lang das Laub vor sich hin pusten, das früher noch mit Rechen lautlos und zügig zusammengerecht wurde.
Ich denke daran, wie heutzutage jeder Konzertveranstalter massive Lärmschutzmaßnahmen garantieren muß, wie von den Kommunalverwaltungen die dB-Zahlen für alle Rockkonzerte auf kaum mehr wahrnehmbare Grenzen zurückgefahren werden – während all die kärchernden Laubrumpuster die Umwelt mit ihrem brachialen Lärm verschmutzen, der nur aushaltbar ist, wenn sie Lärmschutz tragen. Aber gut, das eine ist Musik, davor muß man die Menschen natürlich schützen, das andere ist Gekärcher, und das muß man eo ipso schützen.

20.09.2017

Pop-Kultur-Festival: Jedes Ticket mit 150 Euro subventioniert!

Nun ist also erneut das überflüssige, vom Berliner Senat via seines Music-Boards veranstaltete „Pop.Kultur“-Festival über die Bühne gegangen. Mit knapp anderthalb Millionen Euro wurde das Senatsfestival laut „Berliner Zeitung“ dieses Jahr gefördert, und man hat gut 70 Konzerte und insgesamt etwa 100 Veranstaltungen kuratiert, die etwa 10.000 Besucher*innen angezogen haben. Jede einzelne Veranstaltung hat also gut 15.000 Euro gekostet. Wow, ein ganz schöner Batzen Geld, nicht? Oder andersherum: jedes Ticket des Festivals wurde mit gut 150 Euro subventioniert, also in einer Dimension, in der sonst die Plätze in Opernhäusern oder bei Philharmonikerkonzerten mit öffentlichen Mitteln finanziert werden – bloß, daß da riesige Ensembles mit bis zu hundert Mitgliedern auftreten, während die meisten Popbands doch nach wie vor in Besetzungen spielen, deren Mitglieder an den Fingern einer Hand abzuzählen sind.

Welchen Zweck also hat es, daß der Staat derart tief in die Tasche greift, um seine Vorstellungen von Staatspop bzw. Senatspop durchzusetzen? Cui bono? Es ist ja kein Geheimnis, daß es den Politiker*innen mit ihrer Subvention der Popkultur darauf ankommt, deren eingebrannte (und zugegeben mitunter kaum noch zu erkennende) Widerständigkeit einzuebnen. Es geht um kulturelle Hegemonie, und dieser sollen sich all die „bunten Völkchen“ unterordnen, die vor Zeiten einmal subversive Lebenskonzepte und alternative gesellschaftliche Vorstellungen verfolgt haben. Es lohnt sich, den Gedanken der Kulturstaatsministerin Grütters (CDU) zu lauschen, wenn man eine Vorstellung gewinnen will, worum es hier geht: Die nämlich erklärte in ihrem Grußwort zum „Pop-Kultur“-Festival in dankenswerter Deutlichkeit, daß sie die Popkultur als eine Art Bierkultur ansieht: Grütters warf laut „Tagesspiegel“ die Brau- und die Pop-Kultur in einen (Brau-?)Topf, sprach von „Craft-Pop“ (denn auch eine Kulturstaatsministerin hat heutzutage Redenschreiber, die sich mit dem hippen Craft-Beer auskennen) und von „musikalischen Geschmackserlebnissen“ – Frau Grütters möchte also, daß Popmusik so konsumiert wird, wie man Bier trinkt. Da ist es nicht mehr weit vom Pop-Kultur-Festival zum Oktoberfest, ein Event das eine wie das andere. „Wie die Craft-Beer-Brauer sind Sie die sympathischen Rebellen der Branche“, beleidigte die Kulturstaatsministerin schließlich noch die Popkultur-Musiker*innen und Kulturarbeiter*innen (bzw. den Teil, der eine derartige Verharmlosung noch als Beleidigung begreift). Und so machte einer der Kuratoren dann auch prompt brav Dienerchen und bedankte sich äußerst artig bei Frau Grütters, denn „dank der zusätzlichen Förderung der Beauftragten des Bundes für Kultur und Medien konnte sich das Festival merkbar weiterentwickeln“. Und noch mehr Künstler*innen und Bands auftreten lassen, die ohne die 150-Euro-pro-Ticket-Subvention sonst niemals nicht in Berlin auftreten könnten und würden: Von Balbina, Erobique, Romano, den Sleaford Mods, den Friends of Gas, Andreas Dorau und all den anderen hat man ohne die Senatspop-Veranstaltung in Berlin nämlich bisher noch nie etwas gehört...

Man kann es nicht oft genug wiederholen: Die Popkultur braucht im Großen und Ganzen keine staatlichen Subventionen! Die wenigen Ausnahmen sind Produktionen, die aufwendig sind, bestimmte Spielorte wie Theater benötigen und anders nicht zu finanzieren wären; das sind höchstens 5 Prozent aller Pop-Konzerte. Die Popkultur benötigt auch keine Kuratoren! Sorgt dafür, daß es bezahlbare Mieten und günstige Proberäume gibt! Sorgt dafür, daß es ausreichend Musikunterricht gibt – in Berlin stehen über 10.000 Kinder und Jugendliche auf den Wartelisten der Musikschulen, Berliner Kinder und Jugendliche haben laut Deutschem Kulturrat „bundesweit die schlechtesten Chancen auf kulturelle Teilhabe“! Und sorgt endlich dafür, daß die Musiklehrer*innen auch anständig bezahlt werden! In Berlin sind nur 7 Prozent der Musiklehrer*innen fest angestellt, im Vergleich zu 75 Prozent im Bundesschnitt, und der öffentliche Zuschuß pro Jahreswochenstunde an den Musikschulen ist in Berlin der mit Abstand niedrigste aller deutschen Großstädte. Wenn ihr wirklich etwas für die Musik tun wollt, dann laßt die Popkultur in Ruhe, hört auf, den Distinktionsvorteil der Mittelschichts-Kids und Fan-Boys mit 150 Euro pro Ticket zu finanzieren, und packt das Geld stattdessen in die Musikschulen, denn dort wird es wirklich dringend benötigt!

Ach ja, und ein Letztes: Einigermaßen drollig finde ich immer das „Argument“ der Journalisten, das Staats- bzw. Senatspop-Festival trete doch gar nicht in Konkurrenz zu den vielen Berliner Veranstaltern, die tagtäglich ohne Subventionen versuchen, ein anspruchsvolles popmusikalisches Programm auf die Beine zu stellen, weil es doch so ein schönes Festival mit so guten Konzerten geworden sei. Der Zweck also heiligt die Mittel? Mich würde interessieren, was die Damen und Herren des eingebetteten Popjournalismus schreiben würden, wenn der Berliner Senat auf die Idee kommen würde, eine Tageszeitung herauszugeben. Ist ja auch etwas, was nicht zu den Kernaufgaben der öffentlichen Hand gehören würde, genauso wie das Veranstalten von Popfestivals. Und wenn diese Senats-Tageszeitung dann einigermaßen o.k. wäre, wäre dann auch alles in Ordnung, und die Journalisten würden sich über sinkende Auflagen (und nachfolgende Entlassungen...) ihrer Publikationen freuen, oder sie zumindest nonchalant in Kauf nehmen?

20.09.2017

Kuratoren zum Teufel!

„Meinetwegen können die Kuratoren alle zum Teufel gehen."
Bazon Brock

20.09.2017

Softpunk betreibt Entschleunigung

Auch toll:
Ein „Goldrausch“ genanntes „Event“, bei dem lauter sich „freie Kuratorinnen“ nennende Menschen auftreten. Dazu gibt es Performances, Kunst und, Achtung!, ein
„Konzert von und mit Sophia Mix“, die laut Flyer „Singer/Softpunk/Songwriter“ ist. Softpunk! Also die Grütters-kompatible Version von Punk? Das Craftbeer unter den Punkbands gewissermaßen?
Und was betreibt eine derartige Singer/Softpunk/Songwriter-Künstlerin? „Entschleunigungsmusik“! Im Ernst, so steht es da.
Na, wenn solche Musik nicht sofort Staatszuschüsse bekommen sollte! Oh, Verzeihung: bekommt sie ja längst. Denn „Goldrausch“ wird unter anderem von der Europäischen Union und von der Berliner Senatsverwaltung für, ähem, Gesundheit, Pflege und Gleichstellung finanziert.

20.09.2017

BDS-Kampagne: Sollen wir die Absagen antisemitischer Künstler "bedauern"?

Die Boykottkampagne der Anti-Israel-Bewegung BDS gegen das Berliner Pop-Kultur-Festival war nicht nur vom Anlaß her lächerlich, sondern vor allem ausgesprochen „widerlich“, wie Berlins Kultursenator Lederer zu Recht sagte. Eine derart eindeutige Stellungnahme hätte man sich auch von den Macher*innen des Festivals gewünscht: Diese „bedauerten“ die Absagen der Künstler*innen, die nicht bei einem Festival auftreten wollten, bei dem auch eine israelische Band spielt, deren Reisekosten von der israelischen Botschaft bezuschußt wurden.
Sorry, aber kann man „bedauern“, was einfach nur widerlich ist? Kann man eine Absage „bedauern“, deren Motiv die offene Diskriminierung Israels, also plumper Antisemitismus ist? Tut mir leid, dafür habe ich kein Verständnis, und ich bedauere es keineswegs, wenn derartige Bands auch in Zukunft zu Hause bleiben und hierzulande keine Plattform für ihre dumpfe Israel-Feindlichkeit erhalten.
(am Rande: wann immer ich in der Vergangenheit Gastspiele meiner Bands in Israel geplant und durchgeführt habe, sind sowohl meine Bands – wie z.B. Calexico, Lambchop, The Residents oder Tortoise – wie ich selbst unter Beschuß der BDS geraten. Business as usual. Und ich bin froh und, ja, auch ein klein wenig stolz darauf, daß alle von mir gebuchten Bands mit Freude in Israel aufgetreten sind und keine auch nur in Erwägung gezogen hat, derartige Konzerte abzusagen. Siehe auch meinen Artikel „Der Boykott-Blues“ aus der „Jüdischen Allgemeinen“ aus dem Jahr 2013)
 

20.09.2017

Antisemitismus in der Indie-Pop-Kultur

Antisemitismus wird allerdings heutzutage nicht nur von Neonazis und von den BDS-Leuten gepflegt. Er ist längst auch in Teilen der Indie-Pop-Kultur fest verankert. Wie Jonas Engelmann in einem wichtigen Artikel in der „Jungle World“ schreibt, vermeiden die Betreiber des Labels Constellation Records systematisch den Vertrieb ihrer Produkte in Israel. Constellation ist ein renommiertes Label, das unter anderem die Alben von Godspeed You! Black Emperor, Matana Roberts oder A Silver Mt. Zion herausbringt. „No Export to Israel!“ lautet die klare Ansage des Montrealer Labels an seinen Vertrieb, eine Aussage, die neuerdings auch auf jedem Presseinfo des Labels kleingedruckt zu lesen ist.
Und was sagen die Bands dazu? Klar, Godspeed und Silver Mt. Zion betreiben diese merkwürdige Politik, sie haben offensichtlich kein Problem, wenn ihre Musik in Scharia-Staaten oder Militärdiktaturen veröffentlicht wird, nur in Israel soll das eben nicht sein. Aber es gibt ja auch noch andere Künstler auf Constellation. Aber irgendwie scheint das „dumpfe Bedienen von Ressentiments einer neuen Selbstverständlichkeit zu entsprechen“ (Engelmann).

20.09.2017

Gehälter von ARD-Intendanten (und ein Rechenfehler)

Die „Welt“ staunt über die Steigerungsrate bei den Gehältern der ARD-Intendanten: „Als vor rund sieben Jahren die erste Transparenzwelle durch die ARD-Führungsetage schwappte, sahen die Gehälter noch ganz anders aus. Die damalige WDR-Chefin Monika Piel kam im Jahr 2009 auf ein Grundgehalt von 308.000 Euro." Der jetzige WDR-Chef Tom Buhrow verdient 399.000 Euro. „Zwischen diesen sieben Jahren liegt demnach ein Sprung von 22 Prozent."
Nun wollen wir nicht kleinlich sein, aber ein Anstieg von 308.000 auf 399.000 Euro in sieben Jahren entspricht nicht 22, sondern knapp 30 Prozent, weil die Bezugsgröße natürlich das ursprüngliche Gehalt ist...
Ansonsten ist das inhaltlich natürlich völlig korrekt – die Intendant*innen von ARD und ZDF bekommen riesige Gehälter, die von den Zwangsabgaben der Gebührenzahler*innen finanziert werden. Wie das alles zustande kommt, kann man immer noch in meinem 2015 erschienenen Buch „I Have A Stream“ nachlesen...

20.09.2017

LCD Soundsystem, Bilderbuch, M.I.A., Zalando...

Die New Yorker Band LCD Soundsystem, deren Mastermind sich zuletzt hauptsächlich als Betreiber einer schicken Weinbar hervorgetan hat (und nichts gegen den Genuß von Wein, bitte!), hat ein Deutschland-exklusives Konzert in Berlin gegeben. Wer das Konzert erleben wollte, mußte allerdings erst einmal eine etwa zweieinhalbstündige Werbeveranstaltung über sich ergehen lassen, ganz so, wie es bei Seniorenbusfahrten ja auch kein Essen ohne vorherige Verkaufsveranstaltung gibt...
Welchen Teil von „Ain’t singing for Pepsi, ain’t singing for Coke“ hast du, lieber James Murphy,  nicht verstanden?

Einen Dreh weiter gehen Bands wie die gehypten Austro-Popper Bilderbuch oder die sich gern als radikal inszenierende Rapperin M.I.A., die von vornherein auf einem als Musikfestival verkleideten Vermarktungsevent der Firma Zalando auftraten. „Der Online-Modehändler Zalando hat alles zusammengeworfen und will mit dem Modefestival ‚Bread & Butter’ Zehntausende Kunden und solche, die es werden sollen, nach Berlin locken“, berichtet die „FAZ“. Es geht um Streatwear, um Alltagskleidung, „weshalb auch Unternehmen wie Nike, Adidas oder Reebock zum Aufgebot gehören.“ Und: „Alle Produkte, die in der Arena Berlin gezeigt werden, sind sofort danach auf der Plattform des Online-Händlers verfügbar.“ Und die Musi spielt dazu, im wahrsten Sinne des Wortes Verkaufsförderungspop von Allesmitmachern der Mitmachklasse A+.
Und auch das Publikum darf mitmachen, nämlich mit seinen Daten: „Jeder Besucher bekommt ein Band ans Handgelenk, das mit RFID, also einer Funktechnik, ausgestattet ist. An 350 Sensoren, die über das Gelände verteilt sind, können die Besucher etwa von Fotografen geschossene Fotos direkt auf ihre Facebook-Kanäle hochladen, bestimmte Lieblingsstücke auf Wunschlisten speichern oder gleich neue Schuhe kaufen.“
Und big brother Zalando freut sich, daß die Besucher*innen, die denken, daß sie sich auf einem Musikfestival herumtreiben, dem umstrittenen Konzern bereitwillig ihre Daten spenden...

04.09.2017

Rapper disst Hurricane "Harvey"

Toll, wie der Rapper Biggie Balls aus Houston dem Hurrikan „Harvey“, den er als „Punk Bitch“ disst, eine formidable Abreibung verpaßt, sich also direkt mit der Naturgewalt anlegt:
„You tryna be like Ugly God / Drop water all over Houston / You need to get a job / Harvey, stop flooding our city / Or I will flood your brain!“
Nachzuhören auf Soundcloud.
Ganz neu ist das Dissen von Stürmen und Unwettern allerdings nicht, schon in Claudio Monteverdis „Il Ritorno d’Ulisse in patria“ aus dem Jahr 1640 findet sich eine ausführliche Beschimpfung des Sturms...

04.09.2017

BMG-Manager erklärt, wer wirklich am Musik-Streaming verdient - und wie Musiker*innen von Plattenfirmen abgezockt werden...

Hartwig Masuch ist einer der klügsten Köpfe der internationalen Musikindustrie. Und weil das so ist, findet man ihn auch selten auf dumpfen Branchenevents, auf denen sich die einschlägigen Wichtigtuer*innen tummeln, dafür aber gerne mal mit Hintergrundgesprächen und Interviews in Zeitungen, hinter denen bekanntlich immer ein kluger Kopf steckt:
„Wer wirklich am Musik-Streaming verdient“ lautet der Titel eines Artikels im Wirtschaftsteil der „FAZ“ vom 20.7.2017 (online hier, leider nur hinter einer Paywall – aber diese € 1,99 sind gut investiert, versprochen!).
Masuch, „der oberste Musikmanager des Gütersloher Medienkonzerns Bertelsmann“, erklärt ausführlich, wer daran Schuld ist, daß Musiker*innen so wenig am Streaming verdienen: Überraschung! Es sind die Plattenkonzerne! „In Wahrheit seien es doch vor allem die großen Plattenfirmen, die beim Streaming zu Lasten der Musiker abkassierten. ‚Es bleibt viel Geld bei den Plattenlabels’, sagt Masuch. Die Branche biete den Musikern nicht den ‚bestmöglichen Gegenwert’ beim Musikstreaming.“
Masuch „geht mit der Musikindustrie hart ins Gericht. ‚Das digitale Musikgeschäft ist transparenter geworden, und Transparenz erfordert Fairness’, sagt er. Früher seien Musiker regelmäßig von ihren Plattenfirmen abgezockt worden. ‚In den alten Zeiten waren Teile der Musikindustrie mit einer Form der organisierten Kriminalität vergleichbar.’ Und heute? ‚Ich muß leider feststellen, daß die Denkweise, selbst so viel mitzunehmen, wie man nur kann, in unserer Branche immer noch existiert’, sagt Masuch.“

Das Problem ist, daß die Plattenfirmen von ihren Profiten zu wenig an die Künstler abgeben. Spotify hat 2016 bei einem Umsatz von 2,9 Milliarden Euro (eine Steigerung um etwa 50 Prozent) einen Verlust vor Steuern von 539 Millionen Euro gemacht. Universal Music, der Weltmarktführer, hat im gleichen Zeitraum einen operativen Gewinn von 687 Millionen Euro verbucht. Musiker*innen! Wenn ihr wieder mal barmt, daß ihr am Musik-Streaming angeblich so wenig verdient – demonstriert und kämpft an der richtigen Stelle! Sorgt dafür, daß eure Plattenfirmen und Musikverlage euch faire Anteile von ihren Streaming-Einnahmen auszahlen!
Noch einmal Masuch laut „FAZ“: „Wer bei uns ein Album aufnimmt, der kriegt 75 Prozent des Nettoumsatzes, statt 20 bis 25 Prozent bei traditionellen Verträgen.“
Das sollte eigentlich selbstverständlich sein. Ist es aber nicht. Wenn ich Musiker wäre, ich würde wohl eine Gewerkschaft gründen. Mir aber vor allem einen guten Rechtsanwalt besorgen, der einen anständigen und fairen Vertrag mit den Rechteinhabern aushandelt...
(und ja, ich weiß schon, das alles ist für Sie als aufmerksame Leser*innen dieses Blogs oder auch meines Buchs „Das Geschäft mit der Musik“ jetzt nichts Neues. Klar. Aber wenn das alles einer der einflußreichsten Musikmanager sagt, der seit über 30 Jahren in dem Geschäft und der aktuell Chef der Bertelsmann-Musiksparte BMG ist, hat das schon noch ein besonderes Gewicht, oder?)

04.09.2017

Merkel allein im Finale

Am Samstag, 2.9.2017, auf der Titelseite der „Berliner Zeitung“:

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Liebe Berliner Zeitung – wenn nur zwei Menschen oder Mannschaften etwas ausfechten, nennt man das „Finale“. Ein Halbfinale besteht in der Regel aus vier Parteien, und die beiden Gewinner der Halbfinals bestreiten dann das Finale. Wenn man schon so tut, als ob das langweilige und apolitische und auf allen Kanälen gleichzeitig übertragene Gequatsche zweier Spitzenkandidaten, deren Parteien seit etlichen Jahren gemeinsame Sache machen, ein „Duell“ ist, dann geht ihr doch sicher aus, daß dieses Duell von einer oder einem gewonnen wird? Und der steht dann nach eurer Logik im Finale – allerdings allein. Und gegen wen tritt er oder sie dann an? Gegen die Wähler*innen? Das wäre allerdings ganz fein und dialektisch gedacht...
(daß ihr auf Seite 2 der gleichen Ausgabe das TV-Duell zum „Hochamt“ hochjazzt, ist dann allerdings nur noch lächerlich)

04.09.2017

Audienz beim Heiligen Ai

Aber die Berliner Tageszeitungen habens allem Anschein nach derzeit mit dem Katholizismus. Wenige Tage vorher gratuliert Susanne Messmer (ja, die! das Faktotum dieses Blogs von vor etlichen Jahren ist zurück!) Ai Weiwei über fast eine ganze Seite zum 60. Geburtstag. Und wie? Und wie! Nämlich so: „Es war im August 2008. Ein Interview mit Ihnen in Ihrem schönen, weitläufigen Atelier in Peking. Vielleicht fühlen sich Audienzen beim Papst so ähnlich an.“
Liebe Susanne Messmer, Ai Weiwei ist nicht der Papst (denn der Papst ist nach der Logik des Katechismus nur der Statthalter des Herrn auf Erden) – nein, Ai ist der Heilige Ai! Und ein Heiliger ist viel viel mehr als bloß ein Papst. Und mithin ein viel gewaltigerer Anlaß zum Feuchte-Höschen-Kriegen, als es eine Audienz beim Papst jemals sein kann. Sie haben einen Heiligen interviewt! Fehlt bloß noch der liebe Gott. Aber Sie werden auch den noch schaffen, da bin ich mir ganz sicher.

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