26.03.2018

Mindestlohn - Ausnahme wird zur Regel

Unternehmen in Deutschland nehmen es nicht so genau mit dem gesetzlichen Mindestlohn. Beschäftigten und Sozialkassen werden jährlich Milliardenbeiträge vorenthalten, wie eine am Freitag vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung veröffentlichte Studie belegt.
2016 summierten sich Lohnausfälle und Mindereinnahmen der Sozialversicherung demnach auf rund 7,6 Milliarden Euro. Wird noch das Umgehen allgemeinverbindlicher Branchenmindestlöhne hinzugerechnet, die es beispielsweise auf dem Bau oder in der Pflege gibt, beläuft sich die Gesamtsumme für 2016 sogar auf fast zehn Milliarden Euro. WSI-Arbeitsmarktforscher Toralf Pusch erklärte, dass die staatlichen Kontrollen endlich verbessert werden müssten.

Frauen und Ostdeutsche werden laut Studie besonders oft um ihren Lohn geprellt. 2016 wurden 11,5 Prozent der weiblichen und 4,6 Prozent der männlichen Beschäftigten der Mindestlohn vorenthalten. In Ostdeutschland waren 12,6 Prozent und in Westdeutschland 7,3 Prozent betroffen. Das WSI erklärt diesen Unterschied mit der geringeren Tarifbindung und weniger Betriebsräten in den neuen Bundesländern. Insgesamt bekamen 2016 rund 2,2 Millionen Beschäftigte in Deutschland weniger als die gesetzlich definierte Gehaltsuntergrenze.
Diejenigen, denen laut Studie im Jahr 2016 der Mindestlohn vorenthalten wurde, haben den Berechnungen zufolge im Schnitt 251 Euro monatlich zuwenig erhalten. Die Brutto-Lohnausfälle beliefen sich damit auf 6,5 Milliarden Euro. Und weil auf die niedrigere Lohnsumme weniger Sozialabgaben anfielen, entgingen auch den Sozialversicherungen rund 2,8 Milliarden Euro, von denen rund 1,1 Milliarden Euro von den Unternehmen zu zahlen gewesen wären.

Die Studie zeigt, dass sich Konzerne mit Tarifvertrag und Betriebsrat weitaus konsequenter ans Mindestlohngesetz halten als Firmen, in denen beides fehlt. Im ersten Fall hätten bei einer Befragung lediglich 1,8 Prozent der Beschäftigten angegeben, weniger als den Mindestlohn erhalten zu haben. Dagegen seien es in Betrieben ohne Tarif und Mitbestimmung 15,6 Prozent, also fast neunmal so viele, gewesen.

26.03.2018

Hartz IV - jeder zehnte Haushalt bezieht ALG

In den vergangenen zehn Jahren haben insgesamt 18,2 Millionen Menschen Hartz-IV-Leistungen bezogen. Es waren 9,33 Millionen Männer und 8,97 Millionen Frauen, wie aus der Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linksfraktion im Bundestag hervorgeht. Unter 15 Jahre alt waren 5,47 Millionen Personen. Gezählt wurden die Menschen, die zwischen Januar 2007 und November 2017 mindestens kurzfristig einmal ALG II bekommen haben. Dabei haben auch viele in einer Übergangszeit vorübergehend Grundsicherung bezogen, etwa weil sie keine Ansprüche aus der Arbeitslosenversicherung hatten.

Im Februar 2018 bezogen laut Bundesagentur für Arbeit 5,95 Millionen Menschen Hartz IV. Davon waren 4,26 Millionen erwerbsfähig. Rund zwei Drittel davon waren nicht erwerbslos, sondern hatten etwa Minijobs oder befanden sich in einer Maßnahme zur Rückkehr in den Betrieb. Unterm Strich bezog demnach fast jeder zehnte Haushalt in Deutschland Hartz IV. Im Schnitt machen die Leistungen der Grundsicherung dabei 954 Euro für eine sogenannte Bedarfsgemeinschaft aus. Für Alleinstehende Hartz-IV-Bezieher gilt der Regelsatz von 416 Euro pro Monat.

14.02.2018

Alleinstehende in D besonders von Armut bedroht

Fast jeder dritte Alleinstehende in Deutschland ist von Armut bedroht. Nach den jüngsten Zahlen des Statistikamts der Europäischen Union, Eurostat, waren dies 2016 32,9 Prozent. Zehn Jahre zuvor waren es noch 21,5 Prozent.
Der Anteil der von Armut bedrohten Alleinstehenden nahm laut Eurostat bereits 2007 auf 27,3 Prozent zu und liegt seit 2011 bei mehr als 30 Prozent. Besonders betroffen seien ältere Menschen mit kleinen Renten oder Grundsicherung, Jüngere auf dem Weg von einer Ausbildung ins Berufsleben und Niedrigverdiener.
Als von Armut bedroht gilt, wer bei unter 60 Prozent des mittleren Einkommens liegt, 2016 waren dies 1.063,75 Euro pro Monat. Alleinstehende mit einer Beschäftigung waren laut Eurostat zu 17 Prozent armutsgefährdet. Zehn Jahre zuvor waren es nur 10,1 Prozent.

Auch die Gesamtzahl der Alleinstehenden ist in den vergangenen Jahren in Deutschland angestiegen und überschritt 2015 die Marke von 16 Millionen. 2016 waren es 16,43 Millionen alleinstehende Erwachsene ohne Kinder. In mehr als zwei von fünf Haushalten leben Alleinstehende (40,8 Prozent).
Im EU-Durchschnitt sind nur 32,5 Prozent der privaten Haushalte solche von Alleinstehenden. Auch der Anteil der Armutsgefährdung liegt bei ihnen EU-weit unter dem deutschen Wert, nämlich bei 25,6 Prozent.
(aus "Junge Welt", 14.2.2018)
26.08.2017

Hurra! Jetzt 195 Milliardäre in Deutschland!

Laut einer Aufstellung des Wirtschaftsmagazins "Bilanz" vom 25.8.2017, das vom Axel Springer-Verlag herausgegeben wird und mithin klassenkämpferischer Thesen einigermaßen unverdächtig ist, gibt es in der Bundesrepublik Deutschland aktuell 195 Milliardäre (im Gegensatz zu 170 in 2016). Allein der reichste Deutsche, Lidl-Gründer Dieter Schwarz, verfügt demzufolge über ein Gesamtvermögen von etwa 37 Milliarden Euro (zum Vergleich: für die 6,4 Millionen Bezieher von Hartz IV und Sozialgeld hat die Regierung im Bundeshaushalt 2017 21 Milliarden Euro veranschlagt). Allein im vergangenen Jahr setzte die Schwarz-Gruppe 94 Milliarden Euro um. Deren Gründer führt mit seinem Vermögen laut Bericht einen »Club« von 195 Milliardären in Deutschland an. Ihm dicht auf den Fersen sind demnach die Reimanns (Jacobs, Kosmetik), die Schaefflers (Maschinenbau, Reifen), die Aldi-Familien sowie die BMW-Geschwister Susanne Klatten und Stefan Quandt.
"Bilanz" führte auch die 1.000 reichsten Familien in der Bundesrepublik auf. Zusammen verfügen diese demnach über ein Vermögen von etwa 1,1 Billionen Euro – mehr als ein Drittel des deutschen Bruttoinlandsprodukts. Die letzten zwölf Monate seien »eine gute Zeit für die wohlhabenden Familien in Europas größter Volkswirtschaft« gewesen, schreibt "Bilanz". Sie hätten ihre Aktivposten um fast zwölf Prozent erhöht.

28.03.2017

Boni bei BMW: Zwischen 1 Milliarde und 9.000 Euro

Die Deutsche Presse-Agentur dpa meldet am 21.3.2017, daß die Geschwister Stefan Quandt und Susanne Klatten von dem Automobilkonzern BMW in Kürze mehr als eine Milliarde Euro Dividende erhalten. BMW hat im vergangenen Jahr 6,9 Milliarden Euro Gewinn verbucht. Nach dem Vorschlag von Vorstand und Aufsichtsrat soll genau ein Drittel davon als Dividende an die Aktionäre ausgeschüttet werden. Die beiden Erben des Großindustriellen Herbert Quandt und von dessen dritter Ehefrau Johanna besitzen 46,7 Prozent der BMW-Stammaktien. Von den 2,3 Milliarden Euro Dividende entfallen damit 1,074 Milliarden Euro auf die beiden »Ankeraktionäre« und Multimilliardäre. Das sind 93 Millionen mehr als im Vorjahr.
Auch die 88.000 BMW-Beschäftigten bekommen einen Bonus: Ein Facharbeiter erhalte demnach etwa 9.000 Euro zusätzlich, wie ein Sprecher sagte.

26.06.2016

Immer mehr Reiche, weltweit und in Deutschland

Deutschland hat laut eines Berichts der „FAZ“ immer mehr Millionäre: Laut des „World Wealth Report 2016“ von Capgemini gab es hierzulande 2015 1,2 Millionen Millionäre, 5 Prozent mehr als im Vorjahr. Mehr Millionäre gibt es nur in den USA (4,5 Mio) und in Japan (2,7 Mio., 11% mehr als 2014). In China sind es 1 Mio. (+ 16%), in der Schweiz immerhin noch 400.000.

Weltweit gibt es, wen wunderts, immer mehr Reiche:
0,2 Millionen Menschen besitzen mehr als 30 Millionen US-Dollar.
1,4 Mio. Menschen besitzen 5-30 Mio. US$.
13,8 Mio. Menschen besitzen 1-5 Mio. US$.

Das Gesamtvermögen der Millionäre wurde 2015 auf 59 Billionen Dollar beziffert; nach Einschätzung der Studie wird dies bis zum Jahr 2015 auf 106 Billionen Dollar ansteigen.
Ach ja: eine Billion ist eine Eins mit zwölf Nullen dahinter: 1.000.000.000.000!
(der Bundeshaushalt beträgt im laufenden Jahr 2016 übrigens 316 Mrd. €, also 0,316 Billionen)

21.03.2016

Vermögen der Deutschen laut Bundesbank-Studie

Das Vermögen der Deutschen steigt - doch es ist zunehmend ungleich verteilt: Den oberen zehn Prozent gehören laut einer Bundesbank-Studie 60 Prozent, der unteren Hälfte nur 2,5 Prozent.

In ihrem aktuellen Bericht über Vermögen und Finanzen privater Haushalte in Deutschland wird die Bundesbank deutlich: Bereits in den ersten Absätzen weist sie darauf hin, dass die Ungleichheit in Deutschland deutlich höher ist als im Schnitt der Eurozone - und zwar gleich in mehreren möglichen Messgrößen.

Zum zweiten Mal hat die Bundesbank von April bis November 2014 repräsentativ ausgewählte Haushalte nach ihren Finanzen befragt. Die erste Erhebung fand im Jahr 2010 statt und wurde drei Jahre später veröffentlicht. Schon damals hatte die Bundesbank eine relativ große Vermögenskluft in Deutschland konstatiert. Daran hat sich in den vier Jahren zwischen den Erhebungen kaum etwas geändert. Die Ungleichheit ist sogar noch etwas größer geworden. So besaß 2014 die untere Hälfte der Haushalte lediglich 2,5 Prozent des gesamten Nettovermögens. Den obersten zehn Prozent der Haushalte gehörten hingegen 59,8 Prozent des Vermögens. Im Jahr 2010 waren es noch 59,2 Prozent.

("Spiegel Online", 21.3.2016)

21.03.2016

Lidl - Mindestlohn und megareicher Mann

Am 14.2.2016 eine
ganzseitige Anzeige in der Schweizer „Sonntagszeitung“: „Lidl Schweiz erhöht
erneut den Mindestlohn!“ Und zwar auf 4.100 Schweizer Franken. „Für 20-jährige
Ungelernte.“ Und für 20-Jährige „mit 2-jähriger funktionsnaher Berufsbildung“
beträgt der Mindestlohn bei Lidl Schweiz 4.200 SFr, für 20-Jährige mit
3-jähriger Berufsbildung 4.350 SFr.
Nun wollen wir nicht
vergessen, daß die Schweiz ein megateures Land ist und dort 4.200 Franken
weniger sind, als es sich anhört. Aber natürlich doch um einiges mehr als das,
was hierzulande als Mindestlohn so gezahlt wird.

Interessant wäre allerdings
zu erfahren, welche Gehälter Lidl Deutschland seinen Mitarbeiter*innen bezahlt.
Und in Frankreich müssen die Lidl-Mitarbeiter*innen für gerechte Löhne
streiken, dort bot die Geschäftsführung des Konzerns an, die Gehälter um gerade
einmal 0,2% anzuheben. Lidl ist in Frankreich auf Expansionskurs, derzeit hält
Lidl einen Marktanteil von mehr als 5% (Aldi Frankreich 2,2%) und will dies auf
8% steigern. Letztlich vor allem ein Indiz für sinkende Einkommen im westlichen
Nachbarland.

Ach ja: Lidl-Besitzer
Dieter Schwarz vergrößerte laut der jüngst veröffentlichten jährlichen
Milliardärsliste des US-Magazins „Forbes“ sein Vermögen im vergangenen Jahr um
800 Millionen US-Dollar auf 16,4 Milliarden. Er ist der fünftreichste Deutsche
und steht in der Rangliste der weltweit reichsten Menschen auf Platz 47. So ist
das alles.

02.12.2015

Soziale Mindestsicherung in D

Fast jeder zehnte in Deutschland ist laut Statistischem Bundesamt (12/2015) auf sogenannte soziale Mindestsicherung angewiesen. Zum Jahresende 2014 erhielten 7,55 Millionen Menschen Hartz IV, Sozialhilfe, Grundsicherung im Alter, Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz oder der Kriegsopferfürsorge. Das entspricht einem Bevölkerungsanteil von 9,3 Prozent.
Dabei gibt es starke regionale Unterschiede: Während die Quote in Baden-Württemberg (5,3 Prozent) und Bayern (4,7) am niedrigsten ist, finden sich in den Stadtstaaten Berlin (19,3) und Bremen (17,5) besonders viele Menschen, die vom Existenzminimum leben müssen.
Den größten Anteil machen Bezieher von Hartz IV aus. Ende 2014 gab es 6,03 Millionen Empfänger dieser „Grundsicherung für Arbeitssuchende“. Dabei haben viele von ihnen durchaus einen Job, denn 1,1 Millionen abhängig Beschäftigte sind auf ergänzende Hartz-IV-Leistungen angewiesen, und sogar 2,56 Millionen üben einen Zweitjob aus, 66.000 mehr als im Vorjahr.

02.12.2015

Jeder Achte ist überschuldet

Und am gleichen Tag ist in der „Berliner Zeitung“ zu lesen:
„Jeder Achte ist überschuldet – Trotz guter wirtschaftlicher Entwicklung steigt die Zahl der Erwachsenen, die ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen können.“
Doch was ist eine „gute wirtschaftliche Entwicklung“? Gemeint ist hier wohl eher eine gute Entwicklung für die Wirtschaft denn eine gute wirtschaftliche Entwicklung für die Menschen. Und eine gute Entwicklung für „die Wirtschaft“ bedeutet eben nicht, daß es den Menschen gut geht.
Ein Vertreter „der Wirtschaft“, den die „Berliner Zeitung“ zitiert, zeigt sich überrascht von der Entwicklung, daß in Berlin die Zahl der überschuldeten Erwachsenen ab 18 Jahren zum zweiten Mal in Folge gestiegen ist, auf mittlerweile mehr als 376.000 Menschen – der höchste Stand seit 2008. Jochen Wolfram, geschäftsführender Gesellschafter der Wirtschaftsauskunft Creditreform Berlin Wolfram KG, sagt laut „Berliner Zeitung“, ein „unangemessenes Konsumverhalten habe bei manchen zu kreditfinanzierten Mehrausgaben geführt. Zudem sei zuweilen offenbar die Einkommenswirklichkeit überschätzt worden.“
„Einkommenswirklichkeit“, „unangemessenes Konsumverhalten“, so reden sie daher heutzutage, wenn sie über Armut sprechen und davon, daß Hunderttausende überschuldet sind, so viele wie seit 2008 nicht mehr. Sollen sie sich und ihre wirtschaftlichen Verhältnisse gefälligst nicht überschätzen, sondern sich ihrer Einkommenswirklichkeit stellen. Und sollen die 12,99 Prozent der Berliner Bevölkerung, die überschuldet sind, eben gefälligst nicht mehr am Konsum im Konsumkapitalismus teilnehmen, sondern sich ihrer Armut ergeben. Selber schuld, wenn Sie überschuldet sind! Und natürlich selber schuld, wer arm ist!

02.12.2015

Hunger ist nirgendwo unvermeidlich

Aus einem Gespräch mit Martín Caparrós, dessen neues Buch „Der Hunger“ dieser Tage bei Suhrkamp erschienen ist, in „Die Welt“ vom 28.11.2015:

„Natürlich tragen wir ein Stück Verantwortung für die Zustände weltweit, aber die Hauptverantwortung trägt das System des globalen Finanz- und Wirtschaftskapitalismus. Die Produktion ist so organisiert, dass die Bedürfnisse in den wohlhabenden Ländern gedeckt werden. Es geht nicht darum, dass möglichst viele Menschen ernährt werden.“
Fehlt es uns an Einsicht und an Empathie?
„Jeder Achte hat nicht genug zu essen. Aber das ist keiner von den Menschen, denen wir täglich begegnen. Es sind vielmehr Menschen, die weit entfernt leben. Das macht es einfach, sie zu vergessen: Es ist nicht unser Problem. Wenn wir ihren Hunger nicht bewusst zu unserem Anliegen machen, dann sehen wir es nicht. Wir schauen einfach in eine andere Richtung. Wir sind einfach so strukturiert, uns um die Dinge zu kümmern, die uns nah sind.“
(...)
Sie schreiben, strukturellen Hunger gäbe es eigentlich gar nicht. Wie meinen Sie das?
„In Niger wird der Hunger als strukturell vorgeführt, das heißt, er ist angeblich unvermeidlich. Der Boden ist unfruchtbar, es ist ungeheuer trocken, heiß. Die Erde gibt unter diesen Bedingungen einfach nicht genug her. Man kommt also rasch auf den Gedenken, tja, da lässt sich einfach nichts machen. Und dann entdeckt man, dass Niger eines der Länder mit den reichsten Uranvorkommen ist. Man könnte von den Gewinnen aus dem Export eine Infrastruktur aufbauen, die jedem Einwohner ein Leben ohne Hunger ermöglichen würde. Aber das Uran wird von einem französischen und einem chinesischen Unternehmen gefördert, die stecken alle Gewinne ein.“
(...)
„Mir wurde klar, dass dies eine der schlimmsten Folgen von Armut ist, diese Perspektivlosigkeit, diese Verkümmerung der Träume, die fehlende Fantasie, sich ein anderes Leben auch nur vorzustellen. Sich eine Zukunft auszumalen – das ist auch ein Luxus der Reichen.“
(...)
„Es gibt 1,2 Milliarden Menschen, die für das kapitalistische System völlig nutzlos sind. Man weiß einfach nicht, wie man sie ausbeuten soll. Sie leben in Slums, an den Rändern der großen Städte oder irgendwo auf dem Land. Man kann sie nicht einfach massenweise sterben lassen, also schickt man ihnen von Zeit zu Zeit ein bisschen Essen, Medizin, ein paar Ärzte. Da ist ein gewaltiger Fehler innerhalb des globalen Systems, es kann die vorhandenen Ressourcen nicht nutzen.“

(„Hunger ist nirgendwo unvermeidlich“, in: „Die Welt“, 28.11.2015)

07.01.2015

Armut in BRD 2013

Jeder fünfte Einwohner Deutschlands war 2013 von Armut oder sozialer Ausgrenzung betroffen. Das entspricht rund 16,2 Millionen Menschen beziehungsweise 20,3 Prozent der Bevölkerung, wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden am Dienstag aus der Untersuchung "Leben in Europa 2013“ berichtete.
(SPON, 16.12.2014)

07.01.2015

Piketty & Ungleichheit

„Der Erfolg (von Pikettys Buch, BS) erklärt sich aus unserer Sicht aus der ökonomische Situation der jüngsten Vergangenheit. Also aus der Finanz- und Wirtschaftskrise. Vor der Krise gab es die neoliberale Wende. Da galt: Investieren muss wieder Spaß machen, dazu müssen wir mehr Ungleichheit herstellen. Es sollten Anreize geschaffen werden, höhere Renditen ermöglicht werden, die Gewerkschaften wurden mancher Orts entmachtet. Das sollte allgemeines Wachstum schaffen, von dem dann alle irgendwie profitieren. So das Versprechen.
Mit der Krise hat diese Strategie ein Legitimationsproblem bekommen. Es kam die Frage auf, ob wachsende Ungleichheit auch eine Ursache der Krise sein könnte? Außerdem haben die staatlichen Rettungsmaßnahmen in der Krise die Staatsschulden erhöht. Nun wird diskutiert, inwiefern man das Kapital, "in Haftung nehmen" kann, um die hohen Staatsschulden tragbar zu machen, etwa durch höhere Steuern.

Sie schreiben auch, dass Sie in dieser Debatte eine Spaltung im Mainstream des ökonomischen Denkens beobachten.

Stephan Kaufmann: Ja, im Prinzip streitet sich der Mainstream darüber: Ist Ungleichheit gut, schafft sie Wachstum, von dem dann alle profitieren? Oder schadet sie dem Wachstum und schafft Instabilität und Krisen? Bemerkenswert finde ich dabei: Die Kritik an der Ungleichheit ist keine Beschwerde über Armut, keine Kritik an sozialen Gegensätzen. Die Debatte um Ungleichheit und auch um Löhne ist derzeit derart vorgeformt, dass alle Akteure nur noch damit argumentieren, was dem Gesamtsystem, also "uns allen", vermeintlich nutzt und was nicht. Es scheint in den Auseinandersetzungen gar keine Parteien mehr zu geben, keine Profiteure und Verlierer, keine Gegensätze. Solche Diskussionen sind mittlerweile normal. Auch die Gewerkschaften fordern hohe Löhne mit dem Argument, das sei gut für die Kaufkraft und damit für die Gesamtwirtschaft und damit für die Unternehmen. Die Unternehmen kontern, Lohnsenkungen wären für alle gut, weil sie die Arbeitslosigkeit senken. Alle argumentieren mit dem Wohl des Gesamtsystems. Damit werden Gegensätze weggelogen, die es real aber gibt.

Kommen wir zu Ihrer Kritik an Pikettys Ansatz. Sie kritisieren vor allem die Gründe, die Ungleichheit aus seiner Sicht zu einem Problem machen.

Stephan Kaufmann: Das stimmt. Ungleichheit wurde schon immer kritisiert, aber meist unter dem Titel der sozialen Gerechtigkeit: Es darf doch nicht sein, dass es hier Arme gibt und dort Reiche. Dieser Punkt interessiert Piketty nicht und auch nicht die Ungleichheits-Kritiker aus dem ökonomischen Mainstream. Sie fragen nicht: Was tut der Kapitalismus den Armen an? Sondern: Was tun die Armen dem Kapitalismus an?

Sie schreiben an einer Stelle, Piketty habe "über die Art und Weise, wie Ungleichheit im Kapitalismus entsteht und fortbesteht, bemerkenswert wenig zu sagen". Tatsächlich?

Stephan Kaufmann: Das würde ich schon sagen. Ein Beispiel: Es gibt bei Piketty zwei Arten von Einkommen, Arbeit und Kapital. Für ihn stehen sie ganz friedlich nebeneinander. Was er nicht betrachtet und was für die ursprüngliche, aber auch dauerhafte und notwendige Entstehung von Ungleichheit zentral ist: Die Einkommen aus Arbeitsleistung und die aus Kapital haben zwei ganz unterschiedliche ökonomische Zwecksetzungen. Arbeitseinkommen sichert Lebensunterhalt, der Zweck des Gehalts ist der Konsum, was dazu führt, dass es im Wesentlichen verbraucht wird. Am Ende des Monats ist es weg. Zweck des Kapitaleinkommens dagegen ist, dass es stetig das Kapital vermehrt, es ist darin Selbstzweck. Die Ungleichheit hat also ganz zentral mit der Quelle des Einkommens zu tun, mit einem qualitativen Unterschied. Pikettys Fokus aber liegt bloß auf dem quantitativen Verhältnis. Es ist außerdem nicht nebensächlich, dass die Arbeit die Kapitalrendite generiert. Geld arbeitet ja nicht und eine Maschine auch nicht.“

Martin Steinhagen im Gespräch mit Stephan Kaufmann, Telepolis 3.12.2014

01.12.2014

Armut trotz Arbeit

„Es gibt vermehrt Armut trotz Arbeit. Gleichzeitig hat die Lohnspreizung zugenommen. Sowohl beim Einkommen wie auch beim Vermögen spaltet sich die Gesellschaft deutlicher in Arm und Reich. Während die reichsten 10 Prozent der Bevölkerung laut Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung über 53 Prozent des Nettogesamtvermögens verfügen, muss sich die ärmere Hälfte mit gerade mal 1 Prozent des Nettogesamtvermögens begnügen. Nach einer neueren Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) haben 20,2 Prozent der Menschen keinerlei finanzielle Rücklagen und 7,4 Prozent sogar mehr Schulden als Vermögen.

Über 22 Millionen Menschen, die in der Bundesrepublik leben, haben nichts auf der hohen Kante, sind also bestenfalls eine Kündigung oder eine schwere Krankheit von der Armut entfernt. Nicht viel besser steht es um die Gerechtigkeit hinsichtlich der Einkommensverteilung in unserer Gesellschaft.“

Christoph Butterwegge im Interview mit Reinhard Jellen, „Telepolis“, 21.11.2014

01.11.2014

Arm trotz Jobwunder

„Arm trotz Jobwunder.
In Deutschland sind 13 Millionen Menschen in einer finanziell prekären Situation.
In Deutschland hat die Beschäftigung einen Rekordwert erreicht, die Zahl der Erwerbstätigen steigt seit Jahren. Trotz des viel gepriesenen ‚Jobwunders’ ist die Zahl der armen Menschen nicht gesunken. Unter den Erwerbstätigen ist das Armutsrisiko sogar gestiegen. Das zeigen Daten, die das Statistische Bundesamt jetzt veröffentlicht hat.
Insgesamt war in Deutschland zuletzt fast jede sechste Person armutsgefährdet, das sind 13 Millionen Menschen. (...) Besonders schlecht gestellt sind seit Jahren Arbeitslose: Fast 70 Prozent waren zuletzt armutsgefährdet. Auch viele Alleinerziehende verfügen über wenig Geld. (...) ist Berufstätigkeit nicht mehr eine Garantie für ein gutes Einkommen. So waren zuletzt 8,6 Prozent aller Erwerbstätigen armutsgefährdet, bei Frauen war es jede Zehnte. Vier Jahre zuvor lag der Anteil noch bei 6,8 Prozent.“
(Berliner Zeitung, 29.10.2014)

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