06.09.2008

Und Ansonsten 2008-09-06

Den
Chinesen bleibt auch nach ihrer Olympiade nichts, aber auch gar nichts erspart:
Nun hat sich die von der Bundesregierung gesponserte deutsche "Initiative
Musik" angekündigt, die zusammen mit dem Goethe-Institut (wie eine
Institution doch runterkommen kann!) eine Reihe namens "Deutschland und
China - Gemeinsam in Bewegung 2007-2010" in sechs chinesischen Metropolen
veranstalten wird, mit sogenannten "Deutschlandpromenaden". Unter der
Schirmherrschaft von Bundespräsident Köhler und Staatspräsident Ju Jintao wird
die Frage nach der künftigen Entwicklung im Musikgeschäft gestellt, es gibt
Workshops, und 30 deutsche Acts spielen aufs Staatskosten den Chinesen auf,
darunter Kira oder die Söhn e Mannheims. Das deutsche Pop-Faktotum Dieter Gorny
ist natürlich auch dabei: "Hier
treffen Unternehmen der Musikwirtschaft aus China und Deutschland zusammen, um
nachhaltige wirtschaftliche Verbindungen zu knüpfen"…

* * *

"Musik war immer dazu
da, die Dinge ein bißchen wilder und sexier aussehen zu lassen, als sie in
Essays irgendwelcher Uniprofessoren rüberkommen."
Judith Holofernes, "Wir sind Helden"

* * *

"Schaut man sich so die
durchschnittliche deutsche Band an, sowas wie die friedlichen Wir sind Helden
etwa, oder hört die Programme von Mainstream-DJs, dann glaubt man gerne, daß
man außer einem Brauseakademieabschluß oder einem irgendwie
sozialdemokratisch-gewerkschaftlich geleisteten Popabitur nichts weiter braucht
und will, um hier auf eine Bühne steigen zu dürfen. Das klingt sowieso schon
alles, als trüge es das Logo eines Mittelklassewagens oder einer Limonade auf
der Stirn."
Markus Schneider in der "Berliner Zeitung"

* * *

Berliner Pop-Musikfeuilleton im Jahr 2008: Am Freitag 15.8. druckt der
"Tagesspiegel" als Aufmacher seines Feuilletons ein interessantes "Gespräch mit dem Pop-Guru"
Diedrich Diederichsen. Am Samstag 16.8. druckt die "Berliner Zeitung"
als Aufmacher ihres Feuilleton einen Artikel von Diedrich Diederichsen über
eine eventuelle Begegnung des Autors mit einer gewissen Louise Veronica
Ciccone, aka Madonna, 1982 in New York, und wie sie gemeinsam die Kneipe, in
der Madonna damals gearbeitet hat, beschissen haben.

* * *

Aber letztlich besser gleichgeschaltet, als inkompetent, wie es meistens der
Fall ist. Da bespricht eine Reporterin das Berliner Madonna-Konzert für die
"Berliner Zeitung", und sie kennt Gogol Bordello nicht ("Und Spaß schienen eigentlich
auch nur diejenigen Musiker auf der Bühne zu haben, deren Namen man zu Hause
erst mal nachschlagen mußte: Gogol Bordello heißt die
Pauken-und-Trompeten-Band…"). Da bespricht ein ansonsten
durchaus geschätzter Reporter das gleiche Madonna-Konzert für die
"Süddeutsche Zeitung", der nicht einmal mehr den Namen der Band nennt
- "…andere läßt sie in
Zigeunermusikversionen von rumänischen Musikern vorfiedeln…".
Bekanntlich ist ja New York, wo Gogol Bordello herkommen, die Hauptstadt
Rumäniens, was gleichzeitig ein Synonym für die Ukraine ist, woher der
US-Immigrant Eugene Hütz stammt.
Nun sollte man als Popmusikkritiker, der nicht für das Hintertupfinger
Anzeigenblatt, sondern für das Feuilleton angesehener Tageszeitungen schreiben
darf, eine Band wie Gogol Bordello kennen. Und selbst als Madonna-Skeptiker
sollte man gehört haben, daß Gogol Bordello eine Version eines Madonna-Songs
spielen und mit der Künstlerin auftreten. Braucht man denn als Pop-Journalist
wirklich gar keine Ahnung mehr zu haben?!? Manchmal kommen mir Konzertkritiker
vor wie Fans bei einem Fußballspiel, die auch zu jedem Spielzug eine Meinung
haben - nur haben die Fußballfans vergleichsweise viel Kompetenz, was man von
Popjournalisten heutzutage nur noch selten feststellen kann.

* * *

Wenn man von "Kompetenz" spricht, sollte man eigentlich Klaus
Wowereit nicht im gleichen Satz erwähnen, ohne die hübsche Vorsilbe
"In-" zu verwenden. Nun war Klaus Wowereit, seit etlichen Jahren
Regierender Bürgermeister von Berlin, auf einem Ausflug namens
"städtebaulicher Busrundfahrt" und stellte fest, wie grauenvoll die
neue Bebauung des Alexanderplatzes aussieht - ein städtebauliches Grauen, das
von keinem anderen als Klaus Wowereit und seinem Senat zu verantworten ist. Nun
entdeckte Wowereit, dessen Dienstsitz, wie die "FAZ" süffisant
anmerkte, "keine fünf
Gehminuten vom Alexanderplatz entfernt liegt", staunend die
"massive Hässlichkeit" sowohl des Einkaufszentrums "Alexa"
als auch des gegenüber entstehenden Shoppingcenters "die mitte".
Wo ein normaler Politiker angesichts der von ihm zu verantwortenden Bausünden
vor Scham einen Kopf so rosa wie die Betonfassade des "Alexa"
bekommen würde, tut sich Wowereit wichtig, kritisiert flugs die Hässlichkeit
der Gebäude, die sein Senat zu verantworten hat, und tut kund, jetzt müsse der
Senat eine "Gestaltungssatzung" für die historische Mitte der
Hauptstadt entwickeln - jetzt, wo die Bausünden längst von Wowereit und
Konsorten genehmigt wurden und gebaut sind.
Und sowas will Kanzler werden.

* * *

"Weinkäufer sind eine
besondere Klientel; vielen geht es um mehr als um einen guten Begleiter zum
Essen oder um den Swing eines angenehmen kleinen Rausches. Wein ist längst ein
Statusobjekt, demonstrativ ausgestellte Weinkennerschaft ist die kulturelle
Ergänzung zur riesigen Uhr am Herrenhandgelenk. Wer einen Löffel und ein Glas
halbwegs festhalten kann, wird zum Genießer ernannt. Das Bürgertum hat sich
freiwillig unter das Joch des Genußzwangs begeben und taumelt von einem
Genußereignis zum nächsten. Es heißt aber nicht mehr Ereignis, man sagt
Event."
Wiglaf Droste

* * *

Wes Brot ich eß…
Die Staatsministerin im Bundeskanzleramt, Hildegard Müller (CDU), mutiert zur
Vorsitzenden der Hauptgeschäftsführung des Bundesverbandes der Energie- und
Wasserwirtschaft, dem sie nun in neuer Stelle dienen und nutzen kann.
Der Vorsitzende der Bahngewerkschaft Transet, Hansen, wechselt, nachdem er den
für die Bahn äußerst vorteilhaften Tarifabschluß mit ausgehandelt hat, als
Arbeitsdirektor in den Vorstand der Deutschen Bahn AG. Wo er u.a. zuständig ist
für die Umsetzung des Tarifvertrags.
Werner Müller arbeitete von 19873 bis 1997 bei RWE und bei Veba (heute Eon).
1998 wurde Müller Wirtschaftsminister im Kabinett Schröder, setzte zugunsten
seines ehemaligen Arbeitgebers komfortable Laufzeiten für die AKWs durch, und
ließ 2001 seinen Staatssekretär die sogenannte Ministererlaubnis erteilen,
nachdem das Bundeskartellamt dem Eon-Konzern die Übernahme einer Mehrheit an
der Essener Ruhrgas AG untersagte. Nachdem er aus der Regierung ausgeschieden
war, diente er der deutschen Energiewirtschaft in anderer Funktion, seit 2003
als Vorstandsvorsitzender des RAG-Konzerns (ehemals Ruhrkohle AG, eng verbunden
mit Eon).
Gerhard Schröder hatte als Bundeskanzler mit Wladimir Putin das Projekt einer
Erdgasleitung durch die Ostsee auf den Weg gebracht. Ende 2005 wurde Schröder
zum Aufsichtsratsvorsitzenden jener deutsch-russischen Gesellschaft bestimmt,
die die Leitung bauen und betreiben soll.
Als NRW-Ministerpräsident hat Wolfgang Clement unter anderem dafür gesorgt, daß
RWE seine lukrative, weil extrem umweltfeindliche Braunkohlestrategie forcieren
konnte. Während seiner Zeit als "Superminister" im Kabinett Schröder
versuchte Clement, das britisch-amerikanische Unternehmen Intergen daran zu
hindern, bei Köln ein hochmodernes Gasheizkraftwerk zu errichten, dessen
fortschrittliche Technologie das Zeug hatte, RWE vollständig zu blamieren. Vor
paar Jahren wurde Clement mit einem Aufsichtsratsmandat bei RWE Power belohnt.
Walter Riester, ab 1998 Arbeitsminister in der Regierung Schröder und als
solcher maßgeblich an der Zerstörung des bis dahin geltenden Systems sozialer
Sicherung beteiligt. Die nach ihm benannte "Riester-Rente" spülte
Riesensummen in die Kassen der Finanz- und Versicherungskonzerne. Derzeit ist
Riester, immer noch Bundestagsabgeordneter der SPD, als Redner u.a. für
folgende Auftraggeber tätig: Die Nürnberger Versicherung, die
Signal-Versicherung, die Sparda-Bank, Sparkassen, Volks- und Raiffeisenbanken,
aber auch verschiedene Investmentfonds. Seit 2006 hat Riester mit derartigen
Vorträgen mindestens 274.000 zusätzlich zu seinem Abgeordnetensalär verdient -
für einen hat sich die "Riester-Rente" also sicher gelohnt…
Die Liste ist beliebig fortsetzbar.

* * *

"In einer ehemaligen
afrikanischen Kolonie Englands überlegte die Regierung, den Rechtsverkehr
einzuführen. Um diesen Fortschritt nicht zu übereilen, entschloß man sich, die
neue Regelung vorerst nur für Lastwagen gelten zu lassen. Mir kommt das
irgendwie bekannt vor." André Müller an Peter Hacks, 7.11.1988

In diesem Sinne einen schönen September, fahren Sie immer auf der richtigen
Seite!

09.08.2008

Und Ansonsten 2008-08-09

Bei
solchen Gelegenheiten freut man sich doch gleich noch mehr über ein
Firmenjubiläum:
"Sehr geehrter Herr
Seliger, herzlichen Glückwunsch zum 20-jährigen Jubiläum!!! Wir möchten Ihnen
die Möglichkeit bieten, Ihr Wirken in der Branche mit einer Anzeige in …
darzustellen.
(…)
Selbstverständlich kann man
sich dann mit der Redaktion unterhalten und Ihr eine Beschäftigung mit Ihren
Themen vorschlagen (!). Ein Feedback würde mich sehr freuen. Viele Grüße…"
(Interpunktion und Rufezeichen so im Original).
Musikjournalismus den sie meinen - wer Anzeigen schaltet, über dessen Künstler
wird berichtet. Nichts Neues, gewiß, nur ein kleiner Beleg für die an dieser
Stelle bereits des Öfteren vertretene Ansicht über den gekauften Journalismus hierzulande.

* * *

In der "taz" versucht sich eine Anne Waak an einer Konzertkritik des
Bonnie "Prince" Billy-Konzerts im Berliner Schillertheater. Leider
fällt ihr nichts ein, leider hat sie von Musik scheinbar keine Ahnung, also
ergeht sie sich über viereinhalb ihrer fünf Spalten über das Aussehen der
Musiker, über das vergangene Konzert (da fällt ihr die originelle Meinung ein,
das damalige Konzert in der Passionskirche handelte sich um eine "dem Ort
angemessene, sprich sakrale Veranstaltung"…), darüber, daß der Sänger die
Hosen aufgekrempelt hat und das Hemd "trotzdem" (?) "verschwitzt
an Brust und Rücken" klebt, und daß der Perkussionist "Bauch und
grauen Zopf" trage - um die Namen der Musiker zu erfragen, wäre schon wieder
eine Recherche nötig, dazu reicht es bei der Dame naturgemäß nicht.
Wenn Sie mich fragen - Anne Waak tut es der Messnerin nach und qualifiziert
sich für höhere Aufgaben, die nächste "Konzertkritik" sollte in der
"Zeit" erscheinen, die drucken heutzutage auch alles.

* * *

Wie Wolfgang Müller in der "Jungen Welt" mitteilt, haben sich Roger
Kusch und Oswald Metzger getroffen, um … nein, nicht wie unsereiner hoffen
würde, ähem… nein, sie haben eine neue Partei gegründet: Die F.T.P. Die
"Freie Todes Partei". Tief beeindruckt von Metzgers Ausspruch "Unser Problem ist die
Längerlebigkeit!" , rief Müller zufolge Kusch den bei Grünen
und CDU gescheiterten Metzger an. "Schneller Sterben: FTP, die Partei des
Todes."

* * *

Aus einer Agenturmeldung:
"Die Sängerin der Band
Wir sind Helden, Judith Holofernes, wäre lieber Autorin in New York statt
Popstar in Berlin. Über ihren Traumarbeitsplatz sagte die 31-jährige der
Hamburger Wochenzeitung "Die Zeit": "Monatelang in einem
wunderbaren, verschrobenen Arbeitszimmer, am besten in New York. Mit einem
Blick zum Schweifen und einem Park vor der Tür zum Hineinspazieren. Keiner will
was von mir." Dort könne sie dann etwas schreiben, "was man am Ende nicht in der
Gegend herumtragen und verkaufen muß"."
Wer denkt, ich würde diese Meldung kommentieren, hat sich getäuscht.

* * *

Laut Musikwoche wertet "der
CDU-Politiker Steffen Kampeter den Vorschlag der EU-Kommission zur Verlängerung
der Leistungsschutzfristen für ausübende Musiker auf 95 Jahre auch als Erfolg
der deutschen Politik". Kampeter wörtlich: "Auch im Leistungsschutzrecht
müssen wir die längere Lebenserwartung zur Kenntnis nehmen und das Recht den
heutigen Gegebenheiten anpassen. Es ist doch aberwitzig, wenn ein Künstler noch
zu Lebzeiten alle Rechte an seinen eigenen Werken verliert",
brabbelt der CDU-Cheflobbyist, "dem
Musikgeschäft als Aufsichtsratsmitglied der Initiative Musik und Vorsitzender
des Dialogforums Musikwirtschaft verbunden".
Wenn man mal davon ausgeht, daß Songs frühestens mit ca. 20 Jahren geschrieben
werden, in der Regel deutlich später, dann geht Kampeter also von einer
Lebenserwartung von 115 und mehr Jahren aus… wer das einfach nur für eitlen
Schwachsinn eines CDU-Politikers hält, hat freilich den Kontext nicht
verstanden: denn natürlich geht es Kampeter und Konsorten nicht um die
Interessen der Musiker, sondern um die Interessen der Musikindustrie.

* * *

In der "FAZ" vom 22.7.d.J. war übrigens zu lesen: "Noch Mitte Juni hatte eine
Gruppe von Wissenschaftlern und Künstlern die Europäische Kommission gewarnt,
"in einem spektakulären Kotau vor einer einzelnen Interessengruppe, der
multinationalen Plattenindustrie", die Schutzrechte verlängern zu wollen
und dies mit Hinweisen auf die "alternden ausübenden Künstler" zu
kaschieren. Die Kritiker waren sich einig in ihrer Ablehnung der
Kommissionspläne: "Die vorgeschlagene Richtlinie zur Verlängerung der
Schutzrechte wird Kreativität und Innovation irreparablen Schaden
zufügen"."

* * *

"Ich kann digitale
Eins-zu-Eins-Kopien machen, und ich habe preiswerte Software, mit der ich diese
Sachen weiterverarbeiten kann. Die technischen Möglichkeiten haben sich
verändert. Wenn ich aber gleichzeitig das Urheberrecht verschärfe, dann tue ich
etwas Paradoxes: Das widerspricht dem Stand der Technik und den Möglichkeiten,
die ja auch die Denkweisen von Künstlern verändern. Aber es wird nichts nützen,
Urheberrechte werden fallen. Ein Herr Schäuble kann schlecht die ganze
Bevölkerung kriminalisieren, nur weil sich Lobbyverbände das so wünschen! (…)
Letztlich stützt man mit der
Gesetzesinitiative nur die, die ohnehin schon irre reich geworden sind. Die
kleinen Produktionen berührt das gar nicht. Die werden aber verschwinden, wenn
sie sich auf Reiussues etwa des Erbes von Furtwängler oder Toscanini
spezialisiert haben. Es gibt ja empirische Untersuchungen darüber, daß in dem
Moment, wo bestimmte Stücke frei werden, sofort ein viel größeres und
variantenreicheres Angebot an Aufnahmen auf dem Markt ist. (…) Urheberrechte
sind eine Einschränkung von Freiheitsrechten und Urheberrechte werden
verschwinden, weil sie nicht durchsetzbar sind. (…) Die Musik- und
Filmindustrie und die EU mit ihren Gesetzgebungen rennen dem Internet nur noch
hoffnungslos hinterher (…) Die laufen einem Zug hinterher, der mit 300
Stundenkilometern durchs Land fährt. Das kannst du vergessen."
Der Komponist Christian von Borries im Interview der "FAS"

* * *

"Musik kann durchaus
einen gewissen Gewinn abwerfen. Aber zu erwarten, daß der Absatz jedes Mal
lächerlich groß wird, ist ein Fehler. Habgier ist oft das Problem. In den 80er
und 90er Jahren stiegen viele Leute ins Musikbusiness ein, die wegen hoher
Löhne und nicht wegen der Musik Gefallen daran fanden. Besser gäbe man sich mit
kleineren Gewinnen zufrieden. (…) Künstler sollten sich vermehrt bemühen, den
Qualitäts-Level etwas anzuheben, der im Musikgeschäft ja ziemlich tief liegt.
(…) Der Hype um Verkaufszahlen und Ehrungen - Nummer eins hier, Top Ten da -
muß aufhören. Solche Preise sind nichts wert, wenn die Musik schlecht
ist."
Danger Mouse und Cee-Lo aka Gnarls Barkley im Interview der "NZZ"

* * *

"Das Privatauto ist am
Ende. Schon einfach deshalb, weil wir keine räumliche Kapazität mehr dafür
haben. Nicht zu sprechen davon, was der Hunger nach Kraftstoff dem Planeten
antut." Paul Virilio

* * *

Der "Spiegel" ist anderer Meinung - in einer Titelgeschichte zum
Thema "Luxus Benzin" tröstet das Heft noch auf der Titelseite: "Warum das Auto trotzdem eine
Zukunft hat."
Diese Erkenntnis wurde dem "Nachrichtenmagazin" mit sechs
ganzseitigen Anzeigen der Automobilindustrie erleichtert.

* * *

In der Berliner Filiale von "Madame Tussauds" ist die Wachsfigur von
Bruno Ganz enthauptet worden. Soviel Untergang war nie.

* * *

Neuerdings darf man mit Fug und Recht behaupten: Universal verkauft Schrott.
Oder auch: Universal veröffentlicht Netrebkos Schrott.
(ich weiß, Namensgags sind eigentlich verboten, aber manchmal…)

* * *

Was der gutaussehende Provinzpolitiker und glänzende Redner noch in Realpolitik
umzusetzen in der Lage ist, wird die Zukunft weisen (auf jeden Fall ist klar,
daß all die, die dem neuen Messias hierzulande grade vorbehaltlos zujubeln,
sich noch ganz schön umschauen werden…). Im Moment ist nur interessant zu
sehen, wie all die, die gerne mit schlechten Witzen über George W. ihren
latenten Antiamerikanismus pflegen, über Holprigkeiten in der Obama-Ideologie
hinwegschauen. Obama verficht die Todesstrafe? Will man nicht wahrhaben. Obama
schlägt vor, die amerikanischen Übersetzer vom Irak nach Afghanistan zu
verlegen? Diejenigen, die darüber lachen konnten, daß George W. Slowenien und
die Slowakei verwechselt haben, findens gar nicht witzig. Und was ist mit dem
Krieg, den Obama in Pakistans Bergen führen will? Und grade stimmte der
"Vorwahl-Obama", der den Überwachungsstaat der Bush-Regierung gerne
öffentlich geißelt, im Senat für die Ausweitung von Telefonüberwachung - sounds
familiar indeed. Und Obama ist mittlerweile für das Recht jeden Amerikaners auf
Waffenbesitz, für Ölbohrungen vor der US-Küste - die Liste läßt sich beliebig
fortzusetzen. Zur Idealisierung, zur Identifikationsfigur bundesdeutscher
Friedens-Träume taugt Obama jedenfalls nicht.

* * *

War schon interessant zu beobachten, wie Merkel und Wowereit um den Platz für
Obamas Berlin-Rede feilschten. Jens Balzer hat in der "Berliner
Zeitung" darauf hingewiesen, daß Frau Merkel und die Bundesregierung
letztes Jahr keine Probleme damit hatten, den Berliner Rapper Bushido
("Berlin wird wieder hart, denn wir verkloppen jede Schwuchtel / Du Nutte
kannst nach Hause gehen, ab jetzt ist Hardcore du Opfer") vor dem
Brandenburger Tor auftreten zu lassen, es dem liberalen amerikanischen
Präsidentschaftskandidaten dagegen verwehrten (Frau Merkel fand nicht etwa
Bushidos Auftritt vor dem Nationalsymbol, sondern Obamas Begehren, dort zu
reden, "befremdlich"). "Was
gefällt der Bundesregierung an Bushido, was ihr an Barack Obama nicht
gefällt?" (Balzer).

* * *

Ein hochinteressanter Artikel über Bienen, zum Bienensterben und der
Verstrickung der Chemieindustrie und, natürlich, der Politik ist auf dem
sowieso immer lesenswerten Blog von Jörg Schröder und Barbara Kalender zu
finden - Pflichtlektüre, würde ich sagen, unter Blogs.taz und dann
Schroederkalender.

* * *

"Deutsche Bands singen
Chinesisch (…) Mit dabei sind Künstler wie Die Ärzte, Wir sind Helden und Die
Sterne", heißt es in einem Presseinfo des zuständigen Labels.
Den Chinesen bleibt aber auch nichts erspart.

* * *

"Olympia hat nichts zu
tun mit Moral, Demokratie oder Freiheit. Olympia is Big Money."
Leon de Winter in der "FAS"

* * *

"The world today seems
absolutely crackers,
With nuclear bombs to blow
us all sky high.
There's fools and idiots
sitting on the trigger.
It's depressing and it's
senseless, and that's why…
I like Chinese."
Monty Python's Flying Circus, 1980

In diesem Sinne fröhliches Olympia-Schaun - trotzen Sie der medialen
Chinaphobie!

05.07.2008

Und Ansonsten 2008-07-05

"Wir
lieben Pop, weil es eines der wenigen Sinnsysteme der Welt ist, die
ausdrücklich Dissidenz ermutigen; und wir hassen Pop, weil es das System mit
der perfidesten Weise ist, Differenz zu organisieren und Dissidenz zu
verschlucken." Georg
Seesslen

* * *

Des Robert Murdoch's MySpace lud am 21.Juni zum "Geheimkonzert mit
N.E.R.D." in München - eine sogenannte "Secret Show", die so
geheim war, daß am 16.Juni bereits "Musikwoche.de" und andere Medien
vorabberichteten.

* * *

Mit dem Zweiten sieht man nichts.
Klar, wer den Schaden hat…
Daß ein Béla Réthy am Tag danach allerdings reklamiert, "das macht einen
über Nacht berühmt", ist schon ein besonderes Stück eitler
Selbstinszenierung. Denn was von Réthy zu hören war beim Bildausfall während
des Fußballspiels, war wenig mehr als die Tatsache, daß er unfähig ist, ein
Fußballspiel zu kommentieren bzw. darüber zu berichten. Solange man Bilder
sieht, tut es weh, fällt aber nicht weiter auf - doch wehe, es herrscht
Bildausfall, dann wirkt der sprachliche Totalausfall sogenannter Sportreporter
umso stärker.

* * *

So funktioniert die deutsche Politik. Da macht sich die "Initiative Musik"
wichtig mit den 2,6 Millionen Euro, die sie für Künstler- und
Infrastrukturförderung ausgibt. 2,6 Millionen? Bundesweit? Abzüglich
Verwaltungskosten, wohlgemerkt! Das ist ein Bruchteil des Jahresetats eines
Opernhauses, um nur mal ein Beispiel zu geben. Und wie zu hören ist, herrscht
eitel Bürokratie bei der Vergabe der Mittel, eben ganz so, wie man es in diesem
Lande erwarten konnte. Im Grunde eine Unverschämtheit. Aber nicht doch - ein
Dieter Gorny kann sich Hand in Hand mit Politikern der Öffentlichkeit anwanzen
und feststellen "heute ist ein denkwürdiger Tag für die deutsche
Musikwirtschaft". Ein kleiner Schritt für die Musikförderung, aber ein
großer Tag für Dieter Gorny, versteht sich.

* * *

Auch so eine Heldin ist Judith Holofernes von der gleichnamigen Band, die bei
der "Klimatour" von Heinrich Böll-Stiftung und Motor Entertainment
mittut. Auf die Frage "haben Sie heute schon etwas für die Umwelt
getan?", antwortet Frau Holofernes: "Ich habe eine halbe Stunde
lang im Internet nach fair produzierten Turnschuhen für Pola gesucht und
endlich welche gefunden: von einer ganz tollen Marke, die Recycling-Schuhe
herstellt."
So sind sie, unsere Nachwuchspopstars - da wird noch jeder eigene Konsumismus
zur Öko-Widerstandstat hochstilisiert.

* * *

"Ich glaube, eine Partei braucht drei Dinge. Eine klare Führung, klare
inhaltliche Orientierung und Geschlossenheit nach außen."
So Hubertus Heil in der "Frankfurter Rundschau". In welcher Partei
ist Heil Generalsekretär?

* * *

Bin mal gespannt, ob all die, die ihren dumpfen Antiamerikanismus bevorzugt an
Bush auslassen, nun, da auch Barack Obama sich (wie sein Rivale John McCain)
für die Todesstrafe ausgesprochen hat, vom Lieblings-US-Demokraten der
Deutschen ablassen…

* * *

Und so kurz vor der Olympiade wollen wir der geneigten Leserschaft wieder eine
Weisheit des Chefs des Gelbmützenordens, des Herrn Tenzin Gyatso, eines der
"ganz großen Gelehrten unserer Zeit" (Holofernes), mit auf den Weg
geben:
"Der Großteil unseres Leidens rührt daher, daß wir zu viele Gedanken
hegen."

20.06.2008

Und Ansonsten 2008-06-20

Durchgeknallt
ist die Dame ja schon lange, und durchgeknallt wohl auch ein bißchen das
Feuilleton der "FAZ", das Alice Schwarzer als Aufmacher fast eine
Seite zur Verfügung stellte, damit sie ihren Ethno-Kitsch und ihre auf allen
Ebenen fragwürdigen Thesen über Burma zum Schlechtesten geben durfte. Doch
davon soll hier nicht die Rede sein, nur: die Dame scheint nicht nur
mittlerweile vollends gaga zu sein, sondern leidet auch unter
Allmachtsfantasien:
"Ich habe mit
Einheimischen vor dem ersten Fernsehen im Dorf gehockt und auf der
Swedagon-Pagode die Sonne untergehen lassen." Sic. Bleibt die
Erde doch ne Scheibe, und Frau Schwarzer läßt die Sonne auf- und untergehen.
Und "bewundert die
Kraft der Wasserbüffel am Flußufer"…

* * *

Aber klar, der Ethno-Kitsch feiert allüberall fröhlich Urständ, In einer nicht
völlig unrenommierten deutschen Musikzeitschrift werden die Bands eines
Sommerfestivals angepriesen: Die "Youngsters"
der Band Freshlyground kommen "mit
munterem Pop aus Südafrika", "gute Laune" wird "mit Sicherheit"
auch die bekannteste Blaskapelle Rumäniens verbreiten, "denn die Herren von Fanfara
Ciocarlia wissen, wie man feiert". Während die Bands aus
Afrika und vom Balkan eher fürs Feiern zuständig sind, bringen deutsche Bands
wie Helge Schneider oder die Geschwister Pfister "das Publikum zum Lachen". Es ist
zum Heulen, wie jedwedes Klischee bedient wird.

* * *

Die Berliner Band "Die Ärzte" weiß, wie sich das Publikum benehmen
sollte:
"Wenn jemand hinfällt,
nicht tottrampeln, sondern aufhelfen", sagte Farin Urlaub laut
Bericht der "Berliner Zeitung" auf dem Konzert der Gruppe in der
Berliner Wuhlheide. Im gleichen Bericht zeigt die Band auch, wie sie sich sonst
so einsortiert:
"Wir machen das jetzt
mal folgendermaßen", wandte Urlaub sich etwa nach der Hälfte des Abends an
seine Hörer. "Wenn ich sage, ihr jubelt, dann jubelt ihr, und wenn ich
sage, jetzt ist Ruhe, dann ist Ruhe, okay?" Zustimmende Rufe aus dem
Publikum. "Jubeln jetzt!" Es wurde gejubelt. "Ruhe." Es
kehrte Ruhe ein. "Jubeln!" Jubel. "Ruhe!" Ruhe. Woraufhin
sich Farin Urlaub erfreut an Bela B. Felsenheimer wandte: "Alter, so war's
auf dem Reichsparteitag auch." Felsenheimer: "Da war die Musik nicht
so gut wie bei uns." Urlaub: "Daran scheiden sich die Geister."
Was haben wir gelacht.

* * *

Ich gebs ja zu: vor Jahren hab ich beschlossen, die Susanne Messmer von der
"taz" nicht mehr in diesem Rundbrief zu behelligen - gar zu eintönig,
gar zu einfach war es, ihre sogenannten "Stellen" zu zitieren, und
eine gewisse Satisfikationsfähigkeit ist Voraussetzung für die Aufnahme in die
"und ansonsten"-Zeilen. Nun aber kann ich nicht widerstehen, der
geneigte Leser mag verzeihen, unsereiner ist letztlich doch zu schwach:
"So singt Tibet" lautet der Titel eines Artikels, den die Susanne
Messmer, die bekanntlich gerne mal ein Vibraphon mit einem Hackbrett
verwechselt und das dann für "Pop" hält, für die "Zeit"
verbrochen hat, deren Feuilleton schon seit längerem nicht mehr das ist, was es
nie war.
Was wir nicht alles über Sa DingDing, die "Kindfrau
auf der Suche nach ihren Wurzeln", von Frau Messmer lernen
dürfen: "Wenn Sa
DingDing Tibet entdeckt, nähert sie sich als verwundertes Kind einem
geheimnisvollen Land. Im Video (…) wandelt sie barfüßig über rissige Erde,
tastet sich vorsichtig an Mauern empor, eine verletzliche Porzellanfee mit
großen, staunenden Mandelaugen, kohlrabenschwarzem Haar und schneeweißem Kleid.
Eine bizarre Landschaft öffnet sich, Berge tun sich auf, und aus dem Stein
wächst ein kolossales Kloster in Rot und Gold" - nicht etwa in
Schwarz-Rot-Gold?
Ethno-Kitsch as Kitsch can.
Jedes Sprachklischee wird eifrigst bedient, wie es eben Leute tun, die nicht
schreiben können, zum Schaden von Umwelt und Mitbürgern aber beschlossen haben,
mit eben diesem Nichtschreibenkönnen ihr Geld zu verdienen. Der Sängerin Augen
sind ohne "Mandel" nicht zu beschreiben, der Sängerin Haar ist
"kohlrabenschwarz", ihr Kleid "schneeweiß", sie ist eine
"verletzliche Porzellanfee" (was das nun wieder sein soll?), und ihre
Stimme ist, logisch, ein "Stimmchen", wie es einer verletzlichen
Porzellanfee gebührt, aber sowas von "glasklar". Begleitet wird die
Sängerin von "tiefen Mönchsstimmen". Trommelschläge sind, da gehen
Frau Messmer kurzzeitig die Adjektive aus, sowas von "topmodern" und
"stützen den Takt", und "auf magische Weise verdoppeln sich die
Mantras und gemurmelten Gebetsformeln".
Wer nun aber denken würde, die Dame sei nur betrunken und höre deswegen alles
doppelt, der wird mit einer weiteren halben Seite Schmonzes bestraft: "Am Ende wird die Halbmongolin
und bekennende Buddhistin im Schoß der geistigen Familie aufgenommen und darf
mit den Tibetern reiten - ein plakatives Bild für die Suche nach Wurzeln in
einer Welt, in der Chinas Regierung derzeit mit" - laßt uns
raten! - "eiserner Hand
seine Interessen durchsetzt."
Frau Messmer kennt sich ansonsten wenn schon nicht mit der deutschen Sprache,
dann doch wenigstens in den chinesischen Charts bestens aus: "Bislang wurden die Charts von
Peking bis Kanton von Gebrauchsmusik angeführt, die süß ist wie Buttercreme und
so verwechselbar daherkommt wie Schlager." Das ist der Moment
in Frau Messmers Artikel, an dem ich schwer enttäuscht bin, denn beim Verwenden
des Wortes "Schlager" kommt Messmer ganz ohne Adjektiv aus. Ist ihr
nichts mehr eingefallen? Susanne Messmer am Ende? Keineswegs, schon fabuliert die
Dame im Rosamunde Pilcher-Stil weiter: "In
dieser schalen Suppe namens Mandopop ist Sa DingDings ethnoinspirierter Blick
auf die Ränder des Reichs der Mitte Ausdruck eines überraschenden Trends: Man
leistet sich ein wenig Romantik. (…) Diese Musik fahndet nach einer
Spiritualität, die im Alltag längst verloren gegangen ist. Fündig wird sie bei
denen, die der rasenden Modernisierung Reste gelebter Traditionen
entgegenhalten."

* * *

Ihre renommierte Schallplatten-Seite hat die "Süddeutsche Zeitung"
sang- und klanglos abgeschafft, wo die Reise hingeht, zeigt ein unkritischer
Werbeartikel über das von "Apple" veranstaltete "iTunes
Live"-Festival in Berlin im sogenannten Feuilleton der Zeitung.

* * *

Musikkritik nach dem Zufallsprinzip: In der "Berliner Zeitung" schreibt
ein Frank Junghänel über Tift Merritt, sie habe "vor ein paar Tagen mit ihrer Band in Berlin
gespielt", was zum einen beweist, daß der Kritiker nicht vor
Ort war, denn sonst hätte er gesehen, daß Tift Merritt (wie angekündigt) solo
ihre Deutschland-Premiere gespielt hat, zum anderen, daß für den Kritiker das
Wörtchen "Recherche" ein echtes Fremdwort ist.

* * *

In der "FAZ" erfahren wir: "Christina
Oiticica, die Frau des Bestseller-Autors Paulo Coelho, glaubt an die Kräfte der
Religion und der Natur. Deshalb sind ihre Bilder erst fertig, wenn sie
monatelang in der feuchten Erde des Jakobsweges gelegen haben."
Könnte ihr Ehemann, der Bestsellerautor Paulo Coelho, mit seinen Manuskripten,
bevor er sie seinem Verlag zum Druck übergibt, nicht ähnlich verfahren? Sie
monatelang in der Erde des Jakobsweges einbuddeln? Die Chance bestünde, daß er
die Manuskripte nie wiederfinden würde, oder daß sie vermodert wären, wenn er
sie ausbuddelt - in beiden Fällen wäre die Welt ein Stück weiter und der
Menschheit geholfen.

* * *

"Für mich lohnt sich
mein Engagement auf jeden Fall."
Claudia Roth im Interview der "Bunten"

* * *

Schön, was Eva Herman, die geschaßte Nachrichtensprecherin, laut "Berliner
Kurier" "kürzlich
auf einem christlichen Festival in Ruhpolding" verkündete: "Ich habe
drei gescheiterte Ehen und ein Kind. Umgekehrt wäre es mir lieber."
Drei gescheiterte Kinder aus nur einer Ehe?

10.05.2008

Und Ansonsten 2008-05-10

Und
das liest man dann in "Newsweek" über Deutschland und seine
politische Klasse:
"Europe's Worst Double
Talkers.
German leaders talk up EU goals on climate and other
issues, but their actions tell a different story. Germany has long painted
itself as the good European. (…) Berlin has fought as hard as anyone (…) for
Europe to become a leader in the battle against climate change. Yet under
Chancellor Angela Merkel, Germany's rhetoric is failing to stand up the reality
of its policy. She portrays herself as a defender of European integration and
the environment by fighting for a new Pan-European treaty and a tough
environmental agenda. But German policymakers in Berlin and Brussels are taking
a different tack altogether."
Was
folgt, ist eine Zusammenfassung der Sprüche, die die deutsche Regierung z.B. in
ihrer Klimapolitik macht, und gleichzeitig eine Aufstellung ihres Versagens,
wann immer es zum Schwur kommt - wie deutsche Politiker unter dem Lobbyismus
der Automobilindustrie einknicken, wie sie der Öffentlichkeit Klimaschutz vorgaukeln,
und in den Hinterzimmern Berlins und Brüssels klimafeindliche Autopolitik
betreiben, usw. usf.
Merkel, Gabriel und wie sie alle heißen - eben nichts als heiße Luft. Gut
genug, daß einheimische Medien in aller Regel drauf reinfallen und die jeweils heiße
Luft als "hottest shit" verkaufen - im Ausland hat man aber längst
erkannt, was wirklich los ist. Blamabel.

* * *

Die Hipness-Marke "Apple" lanciert nach London nun auch in Berlin ein
eigenes Festival, das "iTunes Live: Berlin Festival". Ein "neues einzigartiges Konzept für
Live-Musik" verspricht Apple lt. "Musikwoche". An 15
von Apple organisierten Abenden im subventionierten "Radialsystem"
treten jeweils zwei Bands auf, Karten für die Gigs in "intimer Atmosphäre
von jeweils 500 Fans gibt es nicht zu kaufen", sondern bei iTunes im Netz
oder bei sogenannten Medienpartnern wie Axel Springers "Berliner
Morgenpost"; die Konzerte werden digital aufgezeichnet und exklusiv bei
iTunes bereitgestellt.
Soweit so normal, so sind die Zeiten eben. Wie Markus Schneider in der
"Berliner Zeitung" resigniert schreibt: "Was soll schon komisch sein an Limonadenfirmen,
Handyherstellern oder den Musikverwertern iTunes (…) Da sollte man womöglich
gar nicht groß fragen, was es bedeutet, daß iTunes im Netz schon quasimonopolistisch
aufgestellt ist und, wenn demnächst die CD abgeschafft wird, der entscheidende
Ansprechpartner für die Musiker sein wird. Wohl auch für Konzerte. Betrüblich
ist allerdings, was so ein Monopolist geschmacklich repräsentiert. Als
Werbeträger fürs Festival gibt es den ganz, ganz kleinen gemeinsamen Nenner,
musikgewordenen Mittelstand wie Katie Melua und Ich + Ich, Klee und Madsen und
Gonzales. Da denkt man schon darüber nach, was mit dem Abseitigen und Sturen,
dem Zarten und Zerbrechlichen passieren wird."
Ganz klar - mit Musik, mit Kultur hat ein Computerhersteller und Musikverwerter
wie Apple nichts am Hut, da geht es um Werbung für einen Konzern, nicht mehr,
nicht weniger. Und da wird das Mittelmaß das Mittelmaß aller Dinge, sozusagen.
Wenn Markus Schneider allerdings feststellt, "Für
ein bißchen Werbung gibt es vielleicht günstigere Tickets oder eine Handvoll
Euro mehr Honorar", dann muß ich ihn enttäuschen - worüber
sich Apple und all die Medien, die die Werbetexte des Konzern unhinterfragt abschreiben
und nachplappern, nämlich ausschweigen, ist die Tatsache, daß den Künstlern
keinerlei Honorare bezahlt werden, sie also für lau auftreten. So dreist hat
das schon lange kein Mode- oder Telefonkonzern betrieben. Selbst die
Feudalherren des 18. Jahrhunderts haben den für sie auftretenden Künstlern
irgendwelche Honorare bezahlt, und wenn es nur eine goldene Taschenuhr war.
Nicht so der hippe Trendkonzern "Apple", der die auftretenden
Künstler leer ausgehen läßt. Schon interessant, wie sich solch ein trendiger
Konzern mit feudalistischen Ausbeutermethoden profiliert, und wer ihm dabei
hilft und den Weg bereitet.
Bezahlt werden die Auftritte für Apple letzten Endes von den Künstlern selbst
bzw. ihren Plattenfirmen. Und interessant auch, daß die Plattenfirmen, die
darüber klagen, daß die Konsumenten die Musik ohne zu bezahlen downloaden oder
brennen, selbst ständig dabei sind, die Musik ihrer Künstler kostenlos
anzubieten und damit im wahrsten Sinn des Wortes zu "entwerten".
Die Künstler dieser Agentur haben sich auf die skandalösen Praktiken des
Apple-Konzern übrigens nicht eingelassen und werden beim iTunes-Festival nicht
auftreten.

* * *

Die "FAS" titelt: "Merkel
steht zum Dalai Lama." Was für eine Überraschung!
Als jemand, der dabei war, als in den 80er Jahren diskutiert wurde, ob die
Bundestagsfraktion der "Grünen" den Dalai Lama empfangen solle
(Ergebnis: nein), wundert man sich schon ein wenig, wie perfekt die
"orangene Kampagne" über etwa zwei Jahrzehnte gewirkt hat, und
"Seine Heiligkeit" heutzutage bei Merkel und Koch ein und aus geht.
Aber natürlich: mittlerweile ist China eine Weltmacht, eine Wirtschaftsmacht,
oder, wie der "Tagesspiegel" am gleichen Tag schrieb: "Zweistellige Wachstumsraten,
riesige Devisenschätze und ein weltweiter Run auf die Rohstoffe: Der
wirtschaftliche Aufstieg von China (…) weckt Ängste in Europa und
Amerika." Genau das ist der Punkt. Und wie könnte man die
"neue Macht" besser treffen als mit einer vermeintlichen
"Menschenrechtskampagne", in der man sich für das tibetanische Volk
(und nicht etwa für die Menschen in Tibet) stark macht. Und so tun sie alle
mit, die den USA beim Irak-Krieg noch vor ein paar Jahren ihre
Wirtschaftsinteressen ("Kein Krieg für Öl!") vorgeworfen haben, und
die, die sonst jede Koranschule bekämpfen, setzen sich nun dafür ein, daß in
Tibet bereits vierjährige Kinder in die Klöster geholt und dann jahrelang, bis
zu sechzehn Stunden am Tag, einer religiösen Indoktrination unterzogen werden.
Die Kinder sitzen abgeschlossen in muffigen verdunkelten Räumen, unter Funzeln,
in denen stinkende Yak-Butter verbrannt wird. Die Kinder müssen von morgens bis
abends buddhistische Texte auswendig lernen, die sie andauernd halblaut vor
sich hin murmeln. Individuelle Selbstbestimmung? Wohl eher Gehirnwäsche.
Die lamaistische Elite Tibets besaß und besitzt alle Macht über die Menschen
Tibets: sie war und ist Großgrundbesitzer, sie besaß (und besitzt weitgehend)
die politische Macht. Tibet ist ein feudales Patriarchat, Tibet ist in gewisser
Weise die asiatische Form einer feudalen Sklavenhaltergesellschaft. Wer sich
wirklich für Menschenrechte einsetzen will, hat einiges zu tun und sollte in
Tibet selbst beginnen.
Ich will nicht mißverstanden werden - all dies entschuldigt kein Fehlverhalten
Chinas in seiner Tibet-Politik. Aber man sollte doch die Fakten kennen, bevor
man sich in den weltweiten Chor einreiht, der so hübsch "Free Tibet"
singt und doch nichts Anderes ist als ein Unterstützungsorgan der deutschen und
US-amerikanischen Wirtschaft gegen China.

* * *

"Behandeln die Chinesen aber die Tibeter nicht als - übertrieben gesagt -
Untermenschen? Gibt es in der Bevölkerung eine chauvinistische oder gar
rassistische Grundstimmung?"
(allein für die Frage muß man die "Berliner Zeitung" bereits
liebhaben…)
"In puncto Rassismus
haben wir Europäer und Amerikaner dem Rest der Welt die Nase voraus. Das
Problem Tibet stellt sich aus zwei Perspektiven. Zum einen ist Tibet die
einzige noch lebende feudale Kultur, die aus dem Mittelalter bis in die Neuzeit
reicht. Das hat theologisch sicher seine attraktiven Seiten, ist aber aus
gesellschaftlicher Sicht nicht unproblematisch. Wir reden von Klöstern und
Sekten, die den Anspruch auf eine ziemlich weitreichende Verfügungsgewalt auch
im Diesseits erheben."
So der Schriftsteller und China-Experte Tilman Spengler im Interview der
"Berliner Zeitung".

* * *

Schön übrigens die Tatsache, daß das Gros der Pro-Tibet-Fahnen, die weltweit
zum Anti-China-Protest benutzt werden, just in China produziert wurden.
"It's the globalisation, stupid!"

* * *

Zugegeben: manchmal ist das, was da durchs mediale Dorf getrieben wird, auch
wirklich interessant und/oder gut. Scott Matthew etwa. In der Regel aber muß
man doch den Kopf schütteln - wenn man etwa an Rummelsnuff denkt - so viel Rummel
um ein bißchen Snuff. Oder das sogenannte Buch von Charlotte Roche - eine sehr
banale und sehr schwach geschriebene Geschichte, etwas Analsex, etwas
Tabubruch, und schon berichten alle Medien unisono (unisono ist eh das neue
alte Ding hiesiger Medien - in anderen Ländern heißt sowas dann gerne
"gleichgeschaltet"…). Und so wird der Schmarrn tatsächlich Nummer 1
der Bestsellerliste. Und "Feuchtgebiete" wird zum Jakobsweg der
Indieszene, und die Charlotte Roche zu ihrem Hape Kerkeling.

* * *

Speaking of "Rummelsnuff" - das Track-Finding-Programm des Programms
"iTunes" vermerkt als Genre bei den Rummelsnuff-Tracks:
"Children's Music". Und treffender hätte man das wohl nicht sagen
können. Kinderkacke eben.

* * *

"Ändere die Welt, sie braucht es", betitelt "Spex" eine
Modestrecke mit Bertolt Brecht. Die Schuhe kommen von Adidas oder Converse, die
"Tops" und Hosen von Replay oder Lee. Man erinnert sich an die
VW-Kampagne mit Nick Drake's Song - wobei VW den Anzeigenplatz wenigstens bezahlt
haben dürfte... Schlimm genug, daß in allen möglichen und unmöglichen Magazinen
heutzutage als redaktionelle Beiträge getarnte Modestrecken die Einigkeit von
Redaktion und Anzeigenleitung demonstrieren. Aber wenigstens sollte man Bertolt
Brecht außen vorlassen - es sei denn, man will ihn zum schwäbischen
Heimatdichter degradieren.

* * *

"Denn damit hat das
Crossover, die Verschmelzung von Mode und Kunst wohl ultimatives Niveau
erreicht: Beide begegnen einander völlig gleichrangig, ein Gemälde ist ein
Produkt wie ein Paar Schuhe oder eben eine Tasche. Auf einer Augenhöhe wird
Kunst zum Look, zum Stilaccessoire und zur saisonalen Dekorationsware, die
Käufer passend zur Stimmung und Inneneinrichtung wählen und launenhaft oder
investmentbewußt wieder wechseln."
Eva Karcher in "Süddeutsche Zeitung"

* * *

Tolle Meldung auf "Musikwoche.de": "EMI
verzögert Kündigungen aus Kostengründen. (…) Ohne eine neuerliche
Kapitalspritze ist Terra Firma offenbar nicht in der Lage, die Abfindungen für
die bis zu 2.000 zu streichenden Stellen zu bezahlen."
Ein Grundkurs in Kapitalistik, sozusagen. Für die Firma ist es
"billiger", zweitausend Mitarbeiter zu entlassen. Um dies zu tun,
fehlt der Firma allerdings das Geld. Und so muß die Firma die zweitausend
Mitarbeiter weiter beschäftigen. Am Ende läuft EMI sogar noch Gefahr, daß die
2.000 Mitarbeiter, die der Konzern loswerden will, etwas leisten, etwas
produzieren - das wäre dann allerdings ein wirklicher Super-GAU…

* * *

"Es geht unter anderem
darum, daß die beliebte Ansicht, wir lebten in einer technokratischen
Gesellschaft, nicht stimmt - es herrscht keineswegs die Technik oder die
Techniker-Elite, sondern der Schwachsinn, nämlich der Profit, verwaltet von
Profitmachern."
Dietmar Dath im Interview von "de:bug"

* * *

Der religiösen Schwärmerei unserer Tage haben wir wenig entgegenzusetzen,
weswegen wir bis zur Olympiade in Peking im August 2008 in jedem Rundbrief mit
einem Originalzitat des Chefs des Gelbmützen-Ordens, Tentzin Gyatsu, schließen
werden - Besinnlichkeit hat ja nun auch etwas Gutes, dem wollen wir uns nicht
entziehen. Hier also die tibetanische Bauernweisheit zum Monat Mai:
"Eine Pflanze muß
regelmäßig gegossen werden."
Also sprach Seine Heiligkeit die Wiedergeburt.

05.04.2008

Und Ansonsten 2008-04-05

Ein
Prospekt des Berliner "KaDeWe", "Shopping: Pretty Cool Rebell
Chic" steht in der ersten Zeile, und darunter: "Pop Accessories Punk
Meets Denim". Punk meets Denim! Oh yeah! Auf der zweiten Seite stützt sich
eine Blondine auf eine Gitarre, und unter der Überschrift "Punk
Power" darf man erfahren: "Punk
hat Energie, reine Energie". Mimi Müller-Westernhagen, die Tochter von
Marius Müller-Westernhagen ist begeistert von ihrer Musik."Es ist das, was
wir gerade fühlen". Die 22-jährige Sängerin mischt derzeit mit ihrer
Punkband "Battlecat" die Londoner Clubszene auf und steht für ihr
erstes Album im Studio. Auf den folgenden Seiten ist sie zur Präsentation der
Young Fashion und Denim-Mode Frühjahr/Sommer 2008 exklusiv in die Rolle des
Models geschlüpft. Die Power ihrer Musik spürte man auch beim Shooting. Das
Ergebnis: Wild und kraftvoll kommt die zierliche Sängerin herüber. In
stylischen Outfits, die passend dazu lässig, individuell und sehr authentisch
sind."
So individuell, wie eben Sachen sind, die mit Hochglanzprospekten von KaDeWe
angeboten werden - aber man weiß ja, schon immer haben Punks bevorzugt
"stylisch" ausgesehen und im Kaufhaus des Westens eingekauft.
Ein Gürtel dieser "Punk Power"-Kollektion kostet 309 Euro, eine Jacke
409 Euro, ein Shirt auch mal 379 Euro, ein Lack-Trenchcoat 749 Euro, eine
Tasche 149 Euro, und die Jungs, die sich als namenlose Models neben der
"wilden und kraftvollen" Sängerin präsentieren, zeigen sich im Look
des Sängers der "Babyshambles", denn das ist Mode heutzutage.
"Es ist das, was wir gerade fühlen", ganz klar. Warum man den
elitären Scheiß aber ausgerechnet unter dem Signet "Punk" verkaufen
muß, ist etwa so logisch, wie wenn der Volkswagen-Konzern Songs von Nick Drake
für seine TV-Spots nutzt.

* * *

Das war der Presse dann nach all den Jahren, die man Sabine Christiansen auf
dem Fernsehschirm ertragen mußte, falls man nicht rechtzeitig nach dem
"Tatort" zum Beispiel den Aus-Knopf der Fernbedienung erreichte, eine
Meldung wert: "Sabine Christiansen macht PR für Daimler". Na, das
hätte ich ihnen auch nach 15 Minuten ihrer Talkshow sagen können, daß die Dame
für den Kotau mit der Industrie steht, so what?

* * *

Ein unangenehmer und unerfreulicher Quatschkopf ist der Dampfplauderer Jörg
Thadeusz, den von Herrn Kerner nur unterscheidet, daß er erfreulicherweise
deutlich seltener auf der Mattscheibe zu sehen ist. Richtig eklig war dann
allerdings seine Fernsehsendung mit der Juso-Vorsitzenden Franziska Drohsel,
die durch ihre Unterstützung der "Roten Hilfe" ja nicht grade völlig
unangenehm aufgefallen war. Auch in dem TV-Gespräch mit dem eitlen Thadeusz
schlug sich Frau Drohsel wacker. Was dazu führte, daß der Gastgeber zum
Abschied im TV sagte, er stimme mit keiner, aber auch wirklich keiner Aussage
von Frau Drohsel überein. "Ich lade gern mir Gäste ein"? Aber junge
Linke nur zum Desavovieren, so viel Mut hätten Typen wie Thadeusz oder Kerner
bei keinem Konservativen, bei keinem Kapitalisten, und genau das beschreibt
ihre Rolle als öffentlich-rechtliche Handlanger eben am besten. Zu einer
eigenen Meinung, zu einer Haltung gar hats eben nicht gereicht, also bleiben
sie seicht, bleiben sie öffentlich-rechtlich…

* * *

"An einem gewissen
Punkt müssen Sie wählen zwischen der natürlichen Stabilität des Goldes und der
Ehrlichkeit und Intelligenz der Regierung. Bei allem Respekt für diese Herren
empfehle ich Ihnen, solange das kapitalistische System besteht, sich für Gold
zu entscheiden."
George Bernard Shaw, 1928

* * *

Irgendwie ist Ostern zu einem Auferstehungsgeschäft für die
Schokoladenindustrie geworden. Ein Nougatei für 50
Cent. Boah.

* * *

"We have a strong
dollar policy, and it's important for the world to know that. And if people
would look at the strength of our economy, they'd realize why I believe that
the dollar will be stronger." US-Präsident George W. Bush,
November 2007
Now we know that…

* * *

"Drama is more
entertaining than resolution." Stephin Merritt
(wir arbeiten immer noch an einigen Shows von The Magnetic Fields…)

* * *

Auf einem Großplakat in einer U-Bahn-Station in Berlin: "Jürgen von der
Lippe - das Beste aus 30 Jahren", also eine sagen wir etwa zehn oder
fünfzehn Minuten dauernde Show… aber dann ein großer Aufkleber:
"Zusatzwoche 4.3. - 16.3.2008".
Seine Shows sind kurz, aber die Woche hat bei Jürgen von der Lippe zwölf Tage…

* * *

"Es spricht vieles
dafür, daß das Klima in unserer Gesellschaft insgesamt rauher geworden ist und
mehr Gewalt eingesetzt wird - allerdings nicht nur bei Jugendlichen, sondern
vor allem bei Erwachsenen. Die "Ellbogenmentalität" wird in allen
gesellschaftlichen Schichten nicht mehr geächtet, sondern ist Grundlage fast
jeglichen Handelns - und wer sich anders verhält, wird belächelt oder als
"Gutmensch" verhöhnt."
Der Bochumer Kriminologe Thomas Feltes im "Stern"

* * *

Großes Kino war der sogenannte "Empfang" der PopKomm auf der
texanischen Musikmesse SXSW. Nicht nur, daß praktisch niemand von dem vorab in
deutschen Branchenmagazinen großspurig angekündigten Empfang zu wissen schien
und der Besuch im Hinterhof eines Clubs entsprechend mager war, nicht nur, daß
Ambiente und Betreuung der Gäste so ziemlich das Schwächste war, was einem in
fünf Tagen SXSW passieren konnte - als besonders grandios wurde von den wenigen
Anwesenden die Tatsache empfunden, daß von der Bühne im Hinterhof quasi während
des gesamten anderthalbstündigen Empfangs der Soundcheck einer norwegischen
Metal-Band dröhnte und jegliche Kommunikation verunmöglichte. Man kann nur froh
sein, daß, wenn die PopKomm ruft, keine ausländischen Gäste kommen und die
peinliche Veranstaltung quasi unter dem Ausschluß der Öffentlichkeit stattfand.

PopKomm? Nein.

* * *

Bundesarbeitsminister Scholz (SPD) verlangt von der Wirtschaft, Praktikanten
"angemessen" zu bezahlen. Was er damit meint, zeigt er in seinem
eigenen Ministerium: Dort heißt es laut "Spiegel" in einer internen
Richtlinie: "Bitte
beachten Sie, daß Praktika nicht vergütet werden." Dies gilt
scheinbar übrigens für alle Bundesministerien, Ausnahme: Beim
Entwicklungshilfeministerium erhalten Praktikanten sage und schreibe 100 (!)
Euro brutto (!) im Monat.
Ist halt immer leicht, irgendwelche Forderungen rauszuquaken, aber daß
Politiker das sogar wagen, wenn sie selbst eher Ausbeuter von Arbeitskraft
spielen, ist dann schon ein starkes Stück.

* * *

Da freut es unsereinen dann doch gleich noch mehr, daß das
Bundesverfassungsgericht einer Beschwerde von etwa 30.000 Bürgern (inklusive
dem Besitzer dieser Agentur) stattgegeben und das Gesetz zur massenhaften
Speicherung von Telefon- und Internetverbindungsdaten teilweise außer Kraft
gesetzt hat. "Karlsruhe
stoppt ausufernde Überwachung", titelte die "SZ".

* * *

Bis zum 20.2.2008 las man bei Wikipedia zum Thema Kosovo u.a.:
"Bei einem Besuch der
deutschen KFOR-Soldaten im Feldlager Prizren am 15.7.2005 erteilte die
CDU-Parteivorsitzende Angela Merkel einer Loslösung des Kosovo von Serbien eine
klare Absage. Bei den Statusverhandlungen müßten in jedem Fall die Interessen
Belgrads Berücksichtigung finden."
Am 21.2.2008 war dieser Eintrag nicht mehr zu finden.
So wird Politik gemacht. So funktioniert Wikipedia.
(zitiert lt. "Ossietzky", danke B.&J. für den Hinweis!)

* * *

"Opportunismus ist zum
Kotzen, aber er ist kein Monopol der Politiker."
Helmut Schmidt

* * *

"Es geht etwas vor in
Deutschland. Als ein Außenseiter, der ab und zu herkommt, sehe ich, daß etwas
im deutschen Volk vorgeht, das neu und frisch ist."
Wer hats gesagt? Nein, nicht wie ihr denkt - der Bono wars von den U2. Und
schwupps, wurde Bono von Peter Struck, dem Vorsitzenden der
SPD-Bundestagsfraktion, empfangen. Laut "Spiegel" mußten seine
Berater Struck (über Bono: "wer kennt den denn? Ich jedenfalls nicht, mir
wäre Harry Belafonte lieber") zu Bono's Besuch überreden. Schließlich
bekam der Popstar einen Ehrenplatz bei der Sitzung der SPD-Bundestagsfraktion
und durfte sogar die Glocke des Fraktionsvorsitzenden läuten.
Und so ein Bild freut unsereinen dann doch wieder sehr: Bono als der Kurt Beck
der Popmusik!

* * *

"Beobachter auf den
Dächern, die U-Bahn-Stationen geschlossen, der Platz des Himmlischen Friedens
abgeriegelt - der Empfang für das olympische Feuer in Peking verlief unter
schärfsten Sicherheitsvorkehrungen. Sinn der dramatischen Inszenierung:
ungebetene Besucher fernzuhalten", raunt "Spiegel
online" - ein ungewöhnliches Bild - hierzulande hätte man natürlich unter
keinen Umständen bei derartigem Anlaß Sicherheitskräfte auf den Dächern
postiert oder schärfste Sicherheitsvorkehrungen getroffen, nein, hierzulande
wären Kanzlerin und Bundespräsident und sogar Kurt Beck ganz locker mitten in
Millionen von Berlinern hinter dem olympischen Feuer hergeschlendert - man
kennt ja die Leichtigkeit des Vorgehens hiesiger Behörden etwa bei
Veranstaltungen wie dem G8-Gipfel…
Aber so ist das eben mit den gleichgeschalteten hiesigen Medien - da wird mal
eben rumposaunt, und solange es gegen China geht, ist alles recht.
Nachrichtensendungen in TV sowie Zeitungen fälschen Bilder, und die der
Sympathie für China sicher unverdächtige FAZ muß feststellen: "Westliche Augenzeugen stimmen
darin überein, daß die chinesische Polizei zunächst kaum oder halbherzig
eingriff - ein etwas rätselhafter Umstand", schreibt die
"FAZ". Und: "Die
Website von CNN etwa veröffentlichte von einem Bild, das Jugendliche beim
Steinewerfen auf Militärlastwagen zeigte, nur einen Ausschnitt, in dem die
Steinewerfer verschwunden waren und man nur noch einen Mann sieht, der vor
einem Militärlastwagen davonzulaufen scheint. Deutsche Fernsehsender und
Zeitungen nahmen kurzerhand Fotos von nepalesischen Polizisten, die rüde mit
tibetischen Demonstranten umgingen - wer will da schon so genau
unterscheiden."
Nun gut, war "nur" im Feuilleton der Zeitung.
Aber die ebenfalls kommunistischer Umtriebe relativ unverdächtige "Neue
Zürcher Zeitung" schreibt gar im Leitartikel auf Seite 1 ihrer Ausgabe vom
29.3.2008: "Auch die
öffentliche Wahrnehmung der Ereignisse in Lhasa und an anderen Orten der Region
ist verzerrt. Ein Blutbad der Chinesen (hübsch doppeldeutige Formulierung! BS)
wurde geradezu vorweggenommen. Dabei deuten alle Berichte von einigermaßen
neutralen Augenzeugen darauf hin, daß sich Polizei und Militär in der
tibetischen Hauptstadt dieses Mal zurückgehalten haben und ihre chinesischen
Landsleute teilweise ungeschützt der brutalen Gewalt der entfesselten Tibeter
überließen."
Aber hierzulande kann natürlich nicht sein, was nicht sein darf. Und so
verbünden sich bestimmte Medien, die bestimmte Interessen verfolgen, mit all
denen, die in ihrem Leben einen Papst brauchen, den in Rom jedoch zu bieder
finden und den Dalai Lama als "Ratzinger light" verehren. Da kommt
noch was auf uns zu die nächsten Monate, Wort!

08.03.2008

Und Ansonsten 2008-03-08

Es
ist das Erscheinen eines Büchleins von Gewicht anzuzeigen, eines Büchleins, das
so perfekt und großartig geraten ist, daß es schlicht atemberaubend ist. Ein
Büchlein, das etliche Highlights der wunderbaren Fachzeitschrift und kulinarischen
Kampfschrift namens "Häuptling Eigener Herd" vereint, verbunden mit
schönsten Zeichnungen des Gottoderwerimmerhabihnselig F.K. Waechter. Ein Buch
voller Wahrheit - da wird klug über "Vom Genusszwang zur Simulation"
oder "Vom Muckefuck zur Schaumschlägerei" referiert, da gibt es
herrlichste und erfrischendste Gedichte wie etwa "Diät ist Mord am
ungegessenen Knödel", da wird anschaulichst vom Fachmann erklärt, was es
mit der Jakobsmuschel auf sich hat, oder die "Verteidigung der Kartoffel
gegen Veronica Ferres" betrieben, da wird aufs Treffendste mein Erlebnis
beim Betreten eines Fuldaer Bioladens in den 80er Jahren beschrieben (woher
weiß WD das?!?), oder man betrachte nur die Rezepte, man kann da einige Monate
lang von glücklich kochen. Der Blutwurst-Kartoffel-Auflauf! Knurrhahn in
Bouillabaisse!! Borscht nach dem Codex Leninensis!!! Und den Fachartikel
"Die Wespe. Ein Abschiedswort" kann man nicht genug begrüßen, er ist
eins in die Fresse all der wahnhaft verirrten Biohudler und Naturburschen und Naturmädels,
die uns die Killerwespen als "nützlich" verkaufen wollen und ständig
anraten, man solle angesichts der Killerwespenpest stille halten ("Die Wespe ist ein Fehlgriff der
Schöpfung, sie entbehrt jeglichen Charmes. (…) Wespen sind so eklig, sie könnten
Soldaten sein.").
Die einzige kleinliche Mäkelei, die einem zu diesem Buch einfällt, ist
vielleicht das Fehlen einer Kulturgeschichte der Nußecke samt Beschreibung, wo
man die weltbeste finden kann. Aber man kann eben nicht alles haben.
Nur den schönen Artikel "Einiges über das Barwesen" hätte ich kürzer
gekonnt (nämlich: "Was
ist eine richtig gute Bar? Das B…" ach was, das kann man jetzt
nicht verraten, sonst geht da jeder hin, und wer will schon seine Lieblingsbar
mit der Welt teilen? Eben. Nur soviel: Sie fängt mit B an und hört mit N - und
keinesfalls mit S! - auf…).
Also - wer nicht das Glück hatte, daß ihm dieses Buch von einem der beiden
Autoren frei Haus geschickt wurde, der kann, nein: der sollte und muß es
käuflich erwerben, denn dieses Buch darf in keinem Haushalt, der sich der
Kultur und dem Genuß verschrieben hat, fehlen. Es heißt "Wir schnallen den
Gürtel weiter", wurde geschrieben von Wiglaf Droste und Vincent Klink und
ist erschienen im Reclam Verlag. Und das war jetzt keine Werbung, sondern eine
Tatsachenbeschreibung.

* * *

Wie man sie doch lieben muß, die Musikbranche!
Da schaltet eine Firma namens "Kontor New Media" im Fachblatt
"Musikwoche" eine ganzseitige Anzeige, in der lediglich steht:
"Da ist mehr drin!
90/10
Wir distribuieren Ihren
Audio- und Audiovisuellen Content ab einem Split von 90/10."
"Wir distribuieren Ihren Content" - wow! "Wir vertreiben jeden
Scheiß" hätte sich wohl zu banal angehört.

* * *

"The music industry is
a cruel and shallow money-trench. A long plastic hallway where thieves and
pimps run free and good men die like dogs. There is also a
negative side."
Hunter S. Thompson

* * *

Nun sang Hitlers Liebling Johannes Heesters in seiner Heimatstadt Amersfoort,
und erntete etliche Proteste in Holland. Die niederländischen Medien
behandelten ausführlich die Karriere des "singenden
Nazi" (De Pers) oder vom "Großverdiener
des Naziregimes" (NRC Handelsblad), dem vorgeworfen wird, in
München Stammgast in der Ehrenloge von Hitler gewesen zu sein, und einen Brief
an Goebbels unterzeichnete Heesters mit "Heil Hitler! Ihr sehr ergebener
Johannes Heesters".
Man fragt sich allerdings, warum sich die Holländer so aufregten. Heesters trat
anläßlich der Wiedereröffnung des Berliner Admiralspalastes an dem Ort auf, an
dem er während der Nazizeit Triumphe gefeiert hatte - und niemand hat
protestiert. Aber Bolle… oh Verzeihung, nein, nicht Bolle wars, der sich
köstlich amüsierte, sondern der Ackermann von der Deutschen Bank…

* * *

Tolle Kulturberichterstattung im Berliner Stadtmagazin "Zitty": Der
Aufmacher ihrer 14 Tage-Kulturübersicht zeigt ein ganzseitiges Foto der
französischen Sängerin "Rose", und dazu diesen schwülstig-sabbernden
Text:
"Verliebt in Berlin. In
diesen Tagen reden Berliner Männer nur noch über ein Plakat, es zeigt die
französische Chanson-Sängerin Rose, sie wird hier singen. Die Musik, das
Konzert - bestimmt nicht schlecht, aber unwichtig. Die Frau ist gerade
schlichtweg das Hübscheste, was in dieser Stadt rumhängt."
Perfekter hätte man den Sexismus, der in Berlin grade so rumhängt, nicht auf
den Punkt bringen können. Und Musik bei Frau eh unwichtig, weil Hauptsache
hübsch.
(übrigens, es sei beklagt, eine Form von Alltagssexismus im Musikjournalismus,
der gang und gäbe ist, bis hin zur Spex, die mal eben in einem Artikel über die
Jolly Goods Altherrenfantasien über "erwachsenen Sex" junger Frauen
zum Schlechtesten gibt - siehe dazu auch den Leserbrief der Band in der
aktuellen Spex - Respekt! wenn wir die Jolly Goods nicht längst toll finden würden,
das wäre ein weiterer Anlaß, gewiß!)

* * *

Eine Entschuldigung in der Zeitschrift "Spex", 63 Jahre nach der
"Kapitulation", wie man in dem Heft die Befreiung vom
Nationalsozialismus zu nennen pflegt:
"PPS: Eine unglückliche
Formulierung im Vortext zu Aram Lintzels Jahresrückblick in Heft #312 möchten
wir an dieser Stelle korrigieren: Wo stand "Null Bock im neoliberalen
Arbeitslager" hätte korrekt stehen müssen "Null Bock im neoliberalen
Trainingslager. Den Fehler bitten wir zu entschuldigen."
Aber gerne doch. Besser hätte man sich nicht entblößen können…

* * *

Sexismus kann übrigens auch der "Rolling Stone" perfekt:
"Auch diesmal stehen bei Rock am Ring vorwiegend harte Jungs wie Mettalica
auf der großen Bühne. Mit der süßen Kate Nash gibt's aber schon mindestens eine
Kandidatin, mit der wir uns gerne auch in einem stillen Eckchen verkriechen
würden."
Altherrenträume. Wo es doch nicht mal mehr mit der Sprache zu klappen scheint
(verkriechen wollen sich die Herren sicher mit Kate Nash in ein stilles
Eckchen, um dann in eben diesem stillen Eckchen usw. usf.).

* * *

Ob jetzt, wo BMW in Jahren von Rekordgewinnen Massenentlassungen angekündigt
hat, Politiker aller Couleur auf ihre bairischen Staatskarossen verzichten
werden? Ob jetzt, wo Henkel am gleichen Tag Rekordgewinne und
Massenentlassungen ankündigt, all die Politiker, die grade noch ihr
Nokia-Telefon werbewirksam weggeworfen haben, auf Pattex und mein Bac dein Bac
verzichten und ihre Frauen, Haushälterinnen und Geliebten anweisen, künftig
nicht mehr mit Pril abzuwaschen? Und wer wird ihnen künftig einen Persilschein
ausstellen?
So viele Fragen.

* * *

Die gleichgeschalteten Medien dieses unseren Landes berichten seit Wochen von
der in Wiesbaden gerade stattfindenden Weltrevolution, der aktuelle
"Spiegel" schreibt den SPD-Rechten Beck in eine Linie mit Marx und
Lenin. Ich scheine etwas verpaßt zu haben. Das, was ich gehört habe, lautete
lediglich, daß Beck der Genossin Ypsilanti empfahl, sich im hessischen Landtag
von der scheinbar vorhandenen Mehrheit zur Ministerpräsidentin wählen zu
lassen. Sowas nennt die Bourgeoisie Demokratie. Oder? Von einem Politikwechsel,
von der Rücknahme etwa der Agenda 2010 oder von Hartz IV, habe ich nichts
mitbekommen. So what? Hilflos geschwurbelte Aufregung, die glauben macht, es
handele sich um "Politik". Und da hinten rauskommen muß, was vorne
behauptet worden war, kann die Medienmaschine nach zwei Wochen vereinter
Gehirnwäsche dann auch die gewünschten Umfrageergebnisse vorweisen. Merkwürdige
Zeiten.

* * *

Ein Schelm, der behauptet, diese Medienmaschinerie solle nur von dem ablenken,
was deutsche Politik eigentlich heutzutage treibt. Etwa die Kosovo-Politik, die
die seit fast zwei Jahrzehnten betriebene fatale Balkanpolitik Deutschlands auf
die Spitze treibt. Die Sezession des Kosovo, ohne Einverständnis des
UN-Sicherheitsrates betrieben, sichert die neudeutsche Hegemonie auf dem
Balkan. Mittlerweile sind "nahezu
alle Führungsfunktionen auf dem Balkan mit deutschen Staatsbürgern
besetzt". Freilich, im Kosovo sei "die Internationale Gemeinschaft bisher mit ihren
Reformbemühungen gescheitert". "Jenseits politischer Rhetorik gilt es
zu konstatieren, daß der Versuch des Aufbaus einer multiethnischen Gesellschaft
im Kosovo gescheitert ist." In das Kosovo wolle "angesichts der grassierenden
Korruption, der teilweise offenen Schutzgelderpressung sowie der breiten
Übernahme staatlicher Kontrollfunktionen seitens krimineller Akteure" kaum
jemand gehen oder investieren. "Aus früheren UCK-Strukturen im Kosovo haben
sich unter den Augen der Internationalen Gemeinschaft mittlerweile mehrere
Multi-Millionen-Euro-Organisationen entwickelt, die sowohl über
Guerilla-Erfahrung als auch über Geheimdienstexpertise verfügen."Die
Geschäftsfelder dieser Organisationen sind Geldwäsche sowie Rauschmittel-,
Waffen- und Frauenhandel. Zurückhaltenden Schätzungen zufolge erzielen sie
damit einen Jahresumsatz von ca. 550 Millionen Euro - rund ein Viertel des
gesamten kosovarischen Bruttosozialprodukts! "Ein
umfangreiches Waffenarsenal sichert diese Gruppierungen dabei ebenso vor
externen Zugriffen ab wie das hohe soziale Ansehen ihrer Führer, die infolge
ihrer ebenenübergreifenden Machtkonzentration die Fähigkeit zur
Massenmobilisierung besitzen (…) Eine nahezu infiltrationsresistente Clanorganisation
sowie die weitgehende Kontrolle über den Regierungsapparat vervollständigen den
lokalen Herrschaftsanspruch, der mit der Unabhängigkeit des Kosovo in eine neue
Phase treten wird."
"Seit der Stationierung
einer internationalen Friedensgruppe (Kfor) im Juli 1999 und der Einrichtung
der Zivilverwaltung der Unmik ist das Kosovo ein Hauptzielland für Frauen und
Mädchen geworden, die in die Zwangsprostitution verkauft werden."
All die Zitate stammen aus einer als "Verschlußsache" klassifizierten
Studie des Verteidigungsministeriums dieser Republik (mit einer Ausnahme: der
letzte Satz stammt aus einem ausführlichen Bericht von "amnesty
international"). Die, die da regieren, wissen also genau, was sie tun,
wenn sie den Kosovo als Staat anerkennen. Man könnte diese Politik auch als
"verbrecherisch" bezeichnen - wenn, ja, wenn darüber überhaupt
hierzulande berichtet werden würde. Aber hierzulande schreibt man ja lieber
über den Beck und seine Flausen. Ein Schelm, wer Absicht dahinter vermutet.
(Zitate nach "Konkret" 2/08).

* * *

Wie darf man sich das übrigens vorstellen, wenn Carla Bruni ihr neues Album
veröffentlicht? Ruft da die Plattenfirma im Elysee-Palast an? Reicht Carla
Bruni mal eben den Hörer an ihren Mann, den französischen Präsidenten, weiter,
und Sarko erklärt dann dem Produktmanager der Plattenfirma, wann das Album
seiner Frau zu veröffentlichen sei und wie die Werbekampagne auszusehen habe?
Wie gesagt, Fragen über Fragen.

* * *

Und dann war da noch der Geschäftsführer einer hessischen Plattenfirma, der im
Monatsmagazin der Frankfurter "Industrie- und Handelskammer" eine
Eloge auf seinen Arbeitgeber, den Künstler, dem auch das Label gehört,
absonderte, die hündischer kein nordkoreanischer Parteisekretär auf Kim Jong Il
formuliert haben könnte. Aber das ist eben der Zustand der Musikbranche unserer
Tage, zumindest in weiten Teilen - wo in den 60er Jahren
"Jubelperser" waren, da sind heute die "Jubelhessen".
Oder, wie eine Sendung im "MDR" heißt, der "Kahn der guten
Laune".
Und wer wollte sich die gute Laune nehmen lassen? Die Lage ist hoffnungslos,
aber nicht ernst.

18.02.2008

Und Ansonsten 2008-02-18

Endlich
hat der "Spiegel" mal wieder eine Titelgeschichte mit Adolf Hitler,
endlich gab es für das sogenannte Flagschiff der bundesdeutschen Presse wieder
eine Gelegenheit, Adolf Nazi flächendeckend in der Reichshauptstadt zu
plakatieren. Da sind wir aber beruhigt. Nur, warum sie beim "Spiegel"
neuerdings nur noch vom "Untergang" raunen, verstehen wir noch nicht
so ganz, Adolf und der "Spiegel" sind doch prima im Geschäft.

* * *

Laut "Spiegel" habe Frankreichs Staatspräsident den französischen
Ex-Tennis- und mittlerweile Pop-Star Yannick Noah für ein Konzert am
Nationalfeiertag mit einem Phantasiehonorar "kaufen wollen" -
Bedingung: ein gemeinsames Foto.
Irgendwie schade, daß Noah abgesagt hat, da hätte doch was draus werden können.
Und wäre doch allemal eine noch schillerndere und wegweisendere Geschichte
gewesen als mit der Soft-Chartreuse Carla Bruni… Wohl eine verpasste Chance
irgendwie.

* * *

Bei den vielen Meldungen über den Niedergang des Musikkonzerns EMI fragt sich
unsereiner ein paar Dinge. Dazu gehört, wie die fast komplette Tages-, Wochen-
und Musikpresse dazu kommt, unrecherchiert und unkommentiert die von
Finanzinvestor Guy Hands genannte Zahl von ca. 264 Millionen Euro, die EMI
durch die Massenentlassung von 2.000 der europaweit 5.500 Stellen angeblich
einsparen wird, nachzuplappern. Normalerweise würde man sich doch fragen, wie
Herr Hands auf eine derartige Zahl kommt - denn erstens werden die entlassenen
Mitarbeiter ja wohl Abfindungen erhalten, zweitens wird auch der
inkompetenteste EMI-Mitarbeiter nicht den ganzen lieben Tag lang Nase popeln
und privat im Internet surfen, sondern auch arbeiten und damit Produktivität
schaffen - noch bei der letzten Massenentlassung bei der EMI im Jahr 2002
zahlte die EMI im Durchschnitt EUR 215.556 pro "eingespartem"
Arbeitsplatz.
Zweitens fragt man sich, warum die Mitarbeiter der EMI nicht einfach mal streiken.
Ich meine, wenn bei einem Konzern 2.000 von 5.500 Stellen gestrichen werden,
hat das ja zumindest mal Nokia-Bochum-Dimensionen. Gibt's da keinen
Betriebsrat? Was macht ver.di, oder wer immer da zuständig ist?
Drittens kann man nur den Kopf schütteln angesichts angeblicher Streiks von
Popstars wie Robbie Williams, der sein angeblich bereits fertig produziertes
Album vorerst nicht bei EMI veröffentlichen will. Nur - von einem Robbie
Williams-Album war dieses Jahr eigentlich nichts bekannt. Und wenn Künstler wie
Robbie Williams, Coldplay oder wer da sonst noch grade die Klappe
öffentlichkeitsgeil aufreißt, es ernst meinen würden mit ihren angeblich
"spektakulären Aktionen" ("FAZ") gegen die Sparpläne, wie
wäre es dann, wenn diese Künstler ihre Aktionen mit konkreten Bedingungen
zugunsten der EMI-Mitarbeiter verbinden würden? Starke Künstler könnten ja ohne
weiteres darauf bestehen, daß Entlassungen zurückgenommen werden, daß
Mitarbeiter weiter für ihre Alben arbeiten. Doch davon ist keine Rede. Es geht
eher darum, die eigenen Brötchen im Trockenen zu behalten. "Als sich die
EMI im Jahr 2002 bereits einmal von 1.800 Mitarbeitern (einem Fünftel der
damaligen Belegschaft) trennte und von den 100 Millionen Pfund, die damit
(angeblich, B.S.) eingespart wurden, 80 Millionen Pfund umgehend auf das Konto
von Robbie Williams überwies, damit dieser auch seine nächsten Schallplatten
für die EMI aufnimmt, gab es von der Seite von Robbie Williams keinerlei
Protest", konstatiert die "Berliner Zeitung" völlig zurecht.

* * *

War mal ein mittelmäßiger DJ namens Tomekk, mittlerweile abgehalftert und sich
nicht fürs depperte RTL-Dschungelcamp "Ich bin ein Star - holt mich hier
raus!" zu schade. Dann kam heraus, daß DJ Tommek auf einem Video den
Hitlergruß macht und die erste Strophe des Deutschlandlieds singt.
DJ Tommek entschuldigte sich flugs für seinen "niveaulosen" Humor
(Humor?). Er sei "sehr betroffen von dem Video", und nein,
"keinerlei rechtes Gedankengut oder nazistische Ideen trage ich in
mir". Wohl weniger "in mir", als "nach außen"…
"Ich bin kein Star - hättet ihr mich doch im Dschungel gelassen"…

* * *

Die Briten haben wirklich Sorgen. In Ascot bei der königlichen Rennwoche sind
jetzt Miniröcke verboten. Es gelten klare Ausstattungsvorschriften im
königlichen Tribünenbezirk: grauer Zylinder, Cutaway und Weste für die Herren.
Miniröcke und schulterfreie Kleider sind für die Damen nun nicht mehr zulässig,
Träger von Kleidern haben fortan "mindestens einen Inch breit" zu
sein, "Hut oder ansehnlicher Kopfputz" bleiben selbstverständlich.
Die spinnen, die Briten, wußte schon Asterix.

* * *

Wenn sie dann nach Deutschland kommen, die Briten, und ihre "British Music
Week" organisieren lassen, dann klingt das etwa so: "Die British
Music Week bietet den Partnern und Bands wieder ein umfangreiches Marketing-
und PR-Paket an, darüber wird jede einzelne Veranstaltung mit einem
wirtschaftlichen Incentive unterstützt werden."
Lang her, daß man sagen konnte, "it's only
rock'n'roll, but we like it"…

* * *

Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse hat auf seinem offiziellen Briefpapier
dagegen protestiert, daß der berühmte Sonnabend-Markt am Kollwitzplatz verlegt
wurde, von einer Seite des Platzes auf die andere, direkt vor Thierses Haustür.

So sind sie, unsere Politiker, wenn es sie selbst betrifft, benehmen sie sich
immer noch am liebsten als Feudalherren und nicht als Demokraten.

* * *

Eine drollige Idee hat die SONY BMG - ein neues Musikmedium namens
"musicbon", eine "hochwertige Guthabenkarte in Kreditkartengröße,
die im Handel zu kaufen sein wird" und "das Herunterladen eines
kompletten Albums im mp3-Format erlaubt"; der Musicbon selbst sei
"ein tolles Sammlerstück". Perdauz, was haben sie sich das toll
ausgedacht, Respekt!
Was zu dieser brillanten Idee zu sagen ist, hat Jens Balzer in der
"Berliner Zeitung" auf den Punkt gebracht, wie wir es nicht besser
hätten tun können:
"Früher ging man in ein
Geschäft, kaufte sich eine Schallplatte und spielte sie zu Hause ab. Heute geht
man in einen Mediamarkt, kauft sich einen "musicbon", geht mit diesem
nach Hause, ruft mit seinem Computer eine Internetseite auf, tippt die auf dem
"musicbon" eingeprägte 12-stellige Kode-Nummer ein, lädt sich eine
Datei herunter, brennt diese auf eine CD-R, die man sich vorher im Mediamarkt
gekauft hat, und steckt diese CD-R in die Hülle, die man mit dem
"musicbon" erworben hat. Schwuppdiwupp, schon kann der Musikspaß
beginnen! Faszinierend, wie der technische Fortschritt das Leben für uns alle
immer einfacher macht."

* * *

Verzweifelt immer. Entmutigt nie.

06.01.2008

Und Ansonsten 2008-01-06

Die
"Linke"-Europaabgeordnete Sahra Wagenknecht, Chefin der
"Kommunistischen Plattform", wurde in Straßburg bei einem opulenten
Hummeressen gesichtet und von einer Parteifreundin abgelichtet. Am nächsten Tag
besorgte sich die Kommunistin lt. "Spiegel" von der Parteifreundin
die Kamera und löschte heimlich die Fotos, die sie beim Hummeressen zeigten.
Damit wir uns nicht mißverstehen: keine Probleme damit, daß eine Kommunistin
Hummer ißt; Kommunismus sollte "Kaviar für alle" sein. Eklig ist das
spießig-kleinbürgerliche Verhalten danach - daß Frau Wagenknecht nicht zu ihren
Gelüsten steht, das erinnert fatal an den röhrenden Hirsch in den Häusern der
SED-Parteibonzen. Den Klemmi-Kommunismus von Frau Wagenknecht will unsereiner
jedenfalls eher nicht…

* * *

"They're less evil than Universal."
Kim Gordon, Rockmusikerin (Sonic Youth), entdeckt beim Verteidigen der
Tatsache, daß ihre Band ihr jüngstes Album bei der umstrittenen
Kaffee-Zu-Gehen-Kette Starbucks veröffentlicht hat, die Relativitätstheorie.

* * *

Jens Friebe hat für seine einleuchtende Bemerkung, das deutsche Kino sei das
schlechteste der Welt, viel Prügel einstecken müssen. Und nun das:
"Deutsche Schauspieler
sind das sichtbare Ergebnis der in allen Künsten aktuellen Erziehung zur
Harmlosigkeit. Style kommt eben nicht mit der Post. (…)
Frage: Den deutschen Film schätzen Sie nicht.
Der deutsche Film existiert
gar nicht. Er wird gemacht von der Generation "Schöner losen". Er muß
raus aus diesem Gefängnis. Für Amerikaner ist staatliche Filmförderung ein
Relikt aus faschistischen Zeiten. Jack Valenti hat gelegentlich dagegen
protestiert. Aber davon hört man schon lange nichts mehr. Die haben längst
kapiert, daß staatliche Filmförderung das Ding ist, mit dem sich die Europäer
freiwillig verzwergen und so nie eine Konkurrenz für Hollywood werden können.

Frage: Sie sind seit langem gegen Filmförderung.
Jeder einzige, noch so
altbackene Hollywoodfilm ist subversiver als 90 Prozent aller deutschen Filme eines
Jahrgangs zusammen."
Filmregisseur Klaus Lemke in einem Interview mit der "Tageszeitung"

* * *

Da will sich mal wieder ein Politiker wichtig machen, und wie könnte dies
leichter funktionieren als mit einem aktuellen Thema? Also begab es sich um die
Weihnachtszeit, daß Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) die Gehälter von
Fußball-Profis kritisierte. "Ich
ärgere mich erheblich über die Gehalts-Exzesse, die wir seit Jahren im Sport -
insbesondere im Fußball - erleben. Da setzt mein Fassungsvermögen inzwischen
fast ganz aus", sagte der CDU-Politiker lt. "Berliner
Zeitung". So weit, so gut gebrüllt.
Aber wie paßt das zusammen mit der Meldung, die in der gleichen Woche im
"Spiegel" zu lesen war, nämlich, daß Vereine der ersten und zweiten
Bundesliga auch weiterhin als gemeinnützig gelten und deshalb steuerlich
bevorzugt werden sollen? Von CDU-Lammert, immerhin auch ein versierter
Haushaltspolitiker, war dazu nichts zu vernehmen. Das muß man sich mal
vorstellen - nirgendwo ist die vielkritisierte "Kommerzialisierung"
des Sports derart fortgeschritten wie im Fußball, nirgendwo werden hierzulande
im Sport größere Umsätze gefahren, längst ist der Fußball ein profitables
Geschäft - die Vereine werden aber immer noch geführt wie Kaninchenzüchtervereine,
und die Finanzbehörden werfen ihnen die Steuer-vorteilhafte
"Gemeinnützigkeit" noch hinterher. Pervers.
Und eine Woche zuvor war in der "FAZ" zu lesen, daß Deutschland der
UEFA "Steuerfreiheit anbietet"; in Berlin oder München soll in den
Jahren 2010 oder 2011 das Endspiel der Champions League stattfinden, "die von der
Finanzministerkonferenz mit gewichtigen Argumenten ausgestattet worden sind:
der Befreiung von der Quellensteuer sowie der Steuerfreiheit für den
europäischen Fußballverband Uefa".
Das muß man sich mal überlegen - wenn hierzulande eine kleine US-amerikanische
oder französische oder afrikanische Band spielt, dann muß jeder Künstler
Ausländersteuer abführen, und die Finanzbehörden überwachen die Zahlung der
Ausländersteuer mit Argusaugen, nehmen kleine Veranstalter und Tourneeagenturen
in die Pflicht. Wenn aber der Kommerz-Fußball namens UEFA oder FIFA anklopft,
wird in vorauseilendem Gehorsam den Multimillionären Steuerfreiheit garantiert.
"Da setzt mein Fassungsvermögen ganz aus", möchte man da mit dem
CDU-Bundestagspräsidenten sagen…

* * *

"Paris Hilton will
jetzt Eisberge nach Afrika schleppen lassen. (…) Und dann die seltsame
Botschaft des Tages: Von jeder Dose Prosecco wird ab sofort ein Cent
abgezweigt, um damit Eisberge in Gegenden zu schleppen, wo Trinkwassermangel
herrscht." (Berliner Zeitung, 13.12.07, keine Satire).
Na dann: Prosecco!

* * *

"Meine Maximalforderung
ist ein heller freundschaftlicher Sozialismus, entbürokratisiert, beispiellos.
Ich bin Utopist, wünsche auf jeden Fall das Beste. Mit meinen marxistischen
Freunden (ich bin keiner) bekämpfe ich Industrie- und Kapitalkonzerne. Dies ist
- ich weiß - ein Gemeinplatz." Nicolas Born (Februar 1972)

* * *

In der Musikzeitschrift "Spex" fabulieren sie nun so, wie es ihre
Wehrmachts-Großväter getan hätten: Im Eingangstext zum Jahresrückblick in der
aktuellen Ausgabe heißt es: "62
Jahre nach der Kapitulation, 18 Jahre nach der sogenannten Wiedervereinigung,
ein Jahr nach der Verlegung des Spex-Redaktionssitzes…" Kapitulation?
Ob die munter-bemühten Schreiberlinge die Befreiung vom Nationalsozialismus
meinen? Wohl bißchen zuviel "Tocotronic" durch die Ohren geblasen
bekommen, hm?

* * *

Ist man beim Durchblättern der aktuellen Ausgabe von "Spex" bereits
nach sieben Seiten Anzeigen beim Inhaltsverzeichnis angelangt, so geht das beim
Mitte-"Liebling", dem neuen Projekt von Herrn Peichl, bei dem mühsam
redaktionelle Beiträge geschaffen werden, um der Warenwelt der Anzeigen ein
einigermaßen schmerzloses Umfeld zu schaffen, nicht so rasch. Interessant
allerdings ein DJ-"Gipfel"-Gespräch zwischen den DJs Fetisch, Hell
und Westbam. Nach einigem Geplänkel landen sie bei ihrer Lieblingsmusik: das
"Air" von Bach zum Beispiel (Westbam), "Paff, der Zauberdrache"
(in der Marlene Dietrich-Version). Oder Modern Talking (Hell), "die sind total mißverstanden
worden". Westbam verrät, daß er bald wieder in die katholische
Kirche eintreten möchte. Und dann sind die Herren, deren banale konservative
Weltanschauung Mode ist ("Gut
schaust aus! Die Schuhe sind super!"), beim eigentlichen
Thema, der Religion: "Die
Leute aus Mitte gehen dann nach dem Gottesdienst direkt ins Berghain"
(Fetisch), "ich wollte
als Kind immer Ministrant werden" (Hell), "ein erhebendes Gefühl: Ein paar
Minuten allein an Jesu Christus' Grabstätte zu sein"
(Westbam), "magic
moment!" (Hell), "ich
finde sogar: Immer wenn Leute zusammenkommen, kommt man der Sache Gott
irgendwie näher." (Fetisch).
Wie schrieb doch gleich wieder Canetti in "Masse und Macht", als ob
er aktuelle Tanzveranstaltungen, die die DJs zelebrieren, vorausgeahnt hätte?
"In bestimmten Räumen,
zu bestimmten Zeiten werden die Gläubigen versammelt und durch immer gleiche
Verrichtungen in einen gemilderten Massenzustand versetzt, der sie beeindruckt,
ohne gefährlich zu werden, und an den sie sich gewöhnen (…) Wo viele gehen,
gehen andere mit. (…) Da ist wichtig, daß jeder von ihnen dasselbe tut. Jeder
stampft auf, und jeder tut es auf die gleiche Weise. Jeder schwenkt die Arme,
jeder bewegt den Kopf. (…) In diesem Tanze, an dem alle teilnehmen können,
empfindet sich der Stamm als Masse. Sie bedienen sich seiner, wann immer sie
ein Bedürfnis danach fühlen, Masse zu sein und vor anderen als solche zu
erscheinen."

* * *

Und die "Süddeutsche Zeitung" bringt es in ihrem Wirtschaftsteil
fertig, über fast eine Seite und als Aufmacher "U2-Sänger und Afrika-Aktivist"
Bono zu interviewen, und das liest sich dann derart unterwürfig, daß man wieder
mal daran denkt, daß Journalisten es mitunter fertig bringen, auf ihrer eigenen
Schleimspur auszurutschen (ein Bild, das irgendwie an Lucky Luke erinnert, der
ja bekanntlich schneller schoß als sein Schatten). Kein kritisches Wort, keine
kritische Nachfrage, was besonders einem Wirtschaftsteil einer
"liberalen" Zeitung eigentlich selbstverständlich sein müßte.

* * *

970 Kassams, kleine Raketen, die 500 Dollar kosten, sind 2007 bis Mitte
Dezember auf Siderot niedergegangen. Fast täglich schlagen sie ein, seit sieben
Jahren. Meistens werden Gebäude beschädigt, immer wieder gibt es Tote und
Verletzte. Es bleiben höchstens 30 Sekunden Zeit, um es in einen der Bunker zu
schaffen. Im Durchschnitt 20 Raketen pro Woche, abgefeuert vom Gazastreifen auf
die südisraelische Stadt.
Berichterstattung in deutschen Medien? Fehlanzeige (wenn man mal von der
"Jüdischen Allgemeinen" absieht). Der Terror von Hamas, Islamischem
Dschihad und Al-Quds-Brigaden hat System; die Nicht-Berichterstattung
hierzulande allerdings nicht minder.

* * *

Man muß schon in die britische oder auch in die Schweizer Presse schauen, um
eine einigermaßen korrekte Berichterstattung des "Afrika-Gipfels" und
vor allem über die unglückselige Politik von Angela "bella figura"
Merkel dabei zu erhalten. Merkel versuchte im deutschen Namen ein Freihandelsabkommen
("Ökonomisches Partnerabkommen") durchzusetzen, was für die
afrikanischen Nationen wirtschaftlichen Selbstmord bedeutet hätte. Doch die
afrikanischen Politiker ließen sich von Merkel nicht neo-kolonialisieren. Von
Senegals Präsidenten Abdoulaye mußte sich Merkel sagen lassen, sie habe keine
Ahnung, der südafrikanische Präsident Mbeki nannte Merkels Rede "fehl am
Platze", und der Informationsminister Simbabwes wies Merkel darauf hin,
daß sein Land keine deutsche Kolonie sei. Die deutliche Mehrheit der afrikanischen
Länder lehnte das von Merkel und ihren EU-Freunden propagierte
Freihandelsabkommen denn auch ab - eine deutliche Niederlage und, wenn man die
Art und Weise ihrer Politik miteinbezieht, eine peinliche Bauchlandung Merkels
auf internationalem Parkett - auf dem sie, glaubt man den in dieser Frage eher
gleichgeschalteten deutschen Medien, doch immer so gute Figur macht.

* * *

Laut "Berliner Zeitung" versuchen Anwälte des
US-Musikindustrieverbandes Riaa derzeit, ein amerikanisches Ehepaar wegen
angeblich illegalen Umgangs mit gekaufter Musik vor Gericht zu bringen. Die
Angeschuldigten hatten lediglich ihre CDs in digitale MP3-Dateien umformatiert,
um sie auf dem PC abspielen zu können.
"Die Geisterfahrt der
Musikindustrie durch das digitale Zeitalter, so scheint's, geht weiter.",
kommentiert die Zeitung völlig richtig.

* * *

"Better to ask
forgiveness than permission." (Bonnie "Prince"
Billy)

15.12.2007

Und Ansonsten 2007-12-15

Das
muß man sich auf der Zunge zergehen lassen: Der Stromkonzern Eon, einer der
Energiemonopolisten dieses Landes, der im ersten Halbjahr 2007 seinen Gewinn
vor Steuern auf sagenhafte 5,43 Milliarden Euro bezifferte (und gleichwohl
höhere Strompreise fordert…), finanziert den „Thüringer Literaturpreis“ mit
sage und schreibe 6.000 Euro jährlich. Deutlicher hat wohl selten ein
Großkonzern die Kultur spüren lassen, daß man deren Protagonisten (in diesem
Jahr immerhin Ingo Schulze) nicht einmal mehr ein Almosen zukommen zu lassen
gedenkt. Da waren die vergangenen Zustände feudaler Landesherren gerade
kulturfördernder Luxus dagegen.

* * *

„Mich stört, daß es kaum
noch einen Ausstellungskatalog gibt ohne das Logo oder den Namen einer Firma,
beinah jedes Festival oder Gastspiel gibt zu Beginn die Liste seiner Sponsoren
bekannt.“ (Ingo Schulze)
Singing for Pepsi, singing for Coke, singing for Jägermeister, singing for Eon…
Der
Sound unserer Tage.

* * *

Für sein Lebenswerk hat Heinz Rudolf Kunze am 20.November aus den Händen von
Ministerpräsident Christian Wulff die höchste Auszeichnung Niedersachsens, den
„Staatspreis“, erhalten.
Und das ist keine Satire.

* * *

Daß der deutsche Verlag von John Mearsheimers anti-israelischem Bestseller „Die
Israel Lobby. Wie die amerikanische Außenpolitik beeinflußt wird“ auf dem
Buchcover eine amerikanische Flagge mit Davidsternen darin verwendet hat, die
es so bereits 1942 auf einem Nazi-Pamphlet über die „Kräfte hinter Roosevelt“ gegeben
hat, ist erstmal nur ein besonders „hübsches“ Beispiel vorauseilendem
antisemitischen Gehorsams, der viel über diese Zeit und die geistige Situation
dieses Landes aussagt. Die Autoren distanzieren sich nicht etwa von dem Cover
der deutschen Auflage, sondern stellen nur lapidar fest, sie „hätten davon zu
spät erfahren“.
Und die „Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik“ distanziert sich nicht
etwa von der antisemitischen Natur der „Verschwörungstheorie“, die Mearsheimer
und sein Co-Autor anbieten, sondern geben den beiden Autoren unkommentiert
Gelegenheit, ihre antisemitische Propaganda in Berlin auf Einladung der DGAP
darzulegen.
Daß das kein Zufall ist, dazu gibt es weiter unten noch zwei weitere
signifikante Beispiele.

* * *

Ein anderes gelungenes Bild des „neuen Deutschland“ bietet „Schöner Wohnen im
alten Reichskriegsgericht“ („Berliner Zeitung“): 2005 haben holländische
Investoren das bundeseigene Gerichtsgebäude erworben, in dem sich von 1936 bis
1943 das Reichskriegsgericht, die höchste Instanz der Wehrmachtsjustiz, befand.
Dort wurden mehr als 260 Kriegsdienstverweigerer und zahllose Frauen und Männer
aus dem Widerstand zum Tode verurteilt. Allein in der Zeit des Zweiten
Weltkrieges wurden in dem Gericht mindestens 1.400 Todesurteile gefällt,
darunter gegen die Widerstandskämpfer der „Roten Kapelle“.
Nun wurde das Gebäude von den Investoren zu Luxuswohnungen umgebaut, mit Räumen
„zum Verlieben“, alles „vom Besten“, „vom Feinsten“, wie es in der Werbung
heißt. Der große Gerichtssaal ist noch nicht fertig umgebaut. Er wird lt.
„Berliner Zeitung“ „originalgetreu
saniert, aber nicht, um Wohnraum zu schaffen, denn „wer will hier wohnen“,
fragt Groth (der Geschäftsführer des Investoren). Er möchte dort einen
Mietergemeinschaftsraum einrichten, mit rotem Samt, Kamin, Klubsesseln und
einem Fernseher zum Fußballgucken. „Hier sollen sich Mieter treffen, ihre
Zigarren rauchen und ihren Cognac trinken“, sagt er.“
Das hätte den verbrecherischen Nazi-Richtern, die in dem Saal ihre Todesurteile
ausgesprochen haben, sicher auch gut gefallen, wenn sie nach „getaner Arbeit“
im gleichen Raum noch ein bißchen bei Zigarre und Cognac hätten „chillen“
können. Nun können das ihre Söhne und Enkel nachholen…

* * *

So sind sie, die Damen und Herren Musikjournalisten (zumindest manche von
ihnen, manchmal, grins…). Da rezensiert ein Kritiker für die „FAZ“ ausführlich
die gerade erschienene DVD von Lambchop, „No Such Silence“. Zu dem, was er
festhält, läßt sich wie immer einiges sagen, manches teilt man, manches weniger,
wie es eben so ist. Aber dann der Satz:
„Das polnische
Dafo-Quartett, das als fester Gast die Konzerte begleitet, spielt zum Auftakt
Pendereckis zweites Streichquartett – allerdings nur einen vierminütigen
Happen, den die DVD dreist als ganzes Stück ausgibt.“
„Dreist?“
Dreist ist etwas ganz anderes. Offensichtlich ist, daß der Musikkritiker der
„FAZ“ von Streichquartetten überhaupt keine Ahnung hat, denn sonst wüßte er,
daß Pendereckis 1968 entstandenes und 1970 bei den Berliner Festspielen uraufgeführtes
zweites Streichquartett eben nur aus einem kurzen Satz besteht – und eben
dieses kurze, aber komplette Streichquartett hat das Dafo-Quartett aufgeführt,
und es ist komplett auf der DVD enthalten.
Nun kann man sich darüber streiten, ob ein Lambchop-Kritiker so etwas wissen
muß. Ich finde: im Grunde schon, und erst recht, wenn er sich darüber ausläßt.
Jenseits dessen, daß man von einem „FAZ“-Kritiker erwarten können muß, daß er,
wenn er schon keine Ahnung hat, doch wenigstens kurz bei Google recherchiert,
um seine allzu offensichtlichen Wissenslücken nicht drucken zu lassen.
Aber um Kompetenz geht es bei hiesiger Musikkritik eben schon lange nicht mehr.
Es geht einfach darum, etwas zu behaupten, was dann „bewiesen“ wird. Reiner
Behauptungsjournalismus. Den man aber „dreist“ als Kritik gegen die Band und
ihre Plattenfirma wendet. Daß selbst bei der seriösen „FAZ“ heutzutage solch
inkompetenter Schmierenjournalismus möglich ist, ist traurig und zeigt den
Zustand der Musikkritik in diesem unserem Land. Wahrscheinlich sollte man noch
froh sein, daß der Kritiker die DVD, über die er schreibt, überhaupt angesehen
hat…

* * *

Ist inkompetenter Musikjournalismus in der „FAZ“ noch selten, so ist er in der
alten Tante „Zeit“ längst gang und gäbe. Oder was halten Sie von folgendem
Geschwurbel:
„Ich wollte Maria atmen
hören. Die schöne, beseelte Maria Joao, eingehüllt in die Luft von Lissabon.
Atlantik-nah. Einen Scat aus Hechel-Lauten stellte ich mir vor, denn ihr Gesang
ist so. Immer hat sie Luft unter den Tönen und treibt sie wie Dünung. Sie
sollte nur dastehen und ventilieren, das Gesicht in Aktion, außer Atem.“

Unglaublich? Tschah, würde man denken, und man würde dann weiter denken, so
schreibe ein alternder Lüstling mit sagen wir Erektionsproblemen, der halt
irgendwie vor sich hinsabbert.
„Vor einem Konzert hatte ich
sie hübsch genannt. „Ja“, hatte sie gesagt, „wenn ich musiziere, ziehe ich ein
schönes Kleid an, mein schönstes, um genau zu sein, lege Make-up auf, was ich
sonst nie tue – ich fühle mich hübsch, attraktiv, geliebt…“ Dann hatte sie
gesungen. (…)
Am nächsten Tag ging ich
wieder zu ihr, und sie atmete für mich, vor einer Holzwand stehend, tonlos,
besinnungslos.“ Man stelle sich das vor: sie atmet nicht etwa,
um weiterzuleben, nein, sie atmet für den sie anbetenden Journalisten der
„Zeit“ – wenn Männer zu viel lieben… bzw. zu viel plappern… Doch der Text endet
mit einem Softporno a la David Hamilton, das war wohl die Zeit, in der sich der
Autor erotisch „sozialisierte“ – „Dann
fuhren wir an den Atlantik, und sie sagte: „Das Meer orchestriert all deine
Möglichkeiten, glücklich zu sein. Ich habe es hier in mir, es ist immens, mal
blau, mal grau mit all seinen Farben, und alles scheint möglich… Manchmal ist
das Meer bitterkalt. Aber heute ist es angenehm. Komm rein!“ Dann legte sie ihr
Leibchen ab und tauchte durch die Schaumkronen. Von Liebeskummer keine Spur.
Viva Maria!"
Das, was da auf der „Feuilleton“ genannten Seite der altehrwürdigen „Zeit“ vor
sich hinsabberte, nennt sich Roger Willemsen. Ob die „Redaktion“ seinen
Pennäler-Erlebnisaufsatz gekürzt hat? Denn wir wüßten doch zu gerne, ob auch
das Roger Willemsen sich seines „Leibchens“ entledigte, und warum ihn die
„Schaumkronen“ des Atlantiks vor Portugal wieder hergegeben haben. Oder war das
Willemsen plötzlich „besinnungslos“? „Tonlos“ ja nun leider nicht…

* * *

Der gleiche Roger Willemsen übrigens, der sich auf einer gemeinsamen
Veranstaltung mit NSDAP-Kindermitglied Dieter Hildebrandt lt. „Konkret“ nicht
entblödete, ein angebliches Talmudzitat (u.a. „Denn das Vermögen des Nichtjuden ist als Gemeineigentum
anzusehen, und es gehört dem Juden, der es sich sichern kann.“) zu verlesen,
das „seit über 150 Jahren eifrig weitergereicht wird, zusammengelogen
vornehmlich von katholischen Theologen des 19.Jahrhunderts (…) Sicher ist, daß
das erfundene „Talmudzitat“ exakt in der Formulierung von Willemsen im Internet
von diversen bekennenden Antisemiten triumphierend hochgehalten wird.“
(„Konkret“)
Unser kleiner, gemütlicher, alltäglicher Antisemitismus…

* * *

Die „FAS“ betitelt einen Artikel über eine andere Medien-Nervensäge:
„Zehn Jahre verkörpert
Johannes B. Kerner Mittelmaß – und das wird sich nie ändern“.
„Mittelmaß“? Ganz schön hoch gegriffen, fast schon ein Kompliment…

* * *

„Burger King“ propagiert in ganzseitigen Anzeigen einen „Whopper Dollar“ mit
den Worten „Ausschneiden.
Falten. Essen.“ Ob den Testessern der Unterschied zwischen
Zeitungspapier und den Dingern, die da als „Whopper“ aus den Filialen der
Hamburgerkette kommen, auffallen wird?

* * *

„Wenn das, was Mario Barth
macht, Unterhaltung ist, müßte ein Trabi das erfolgreichste Auto aller Zeiten
sein. Und jeder Kuhfladen könnte darauf bestehen, zukünftig mit Pizza Margarita
angeredet zu werden.“ Henryk M. Broder im „Spiegel“

* * *

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), die sich gerne als Heldin im Kampf gegen
die Klimakatastrophe geriert, schreibt am Tag, an dem ihr Kabinett
symbolträchtig neue Klimaschutzgesetze verabschiedet, lt. „Berliner Zeitung“
einen Brief an EU-Kommissionspräsident Barroso, in dem sie ihr wahres Gesicht
zeigt, nämlich das einer gnadenlosen Auto-Lobbyistin. In ihrem Brief setzt sich
Merkel dafür ein, für kleine und große Fahrzeuge unterschiedliche Obergrenzen
der Grenzwerte für den CO2-Ausstoß festzusetzen, ganz so, wie es die deutsche
Autoindustrie fordert, denn dies würde der deutschen Autowirtschaft nutzen, die
anders als die Konkurrenz etwa in Frankreich oder Italien vornehmlich schwere
Wagen mit hohem CO2-Ausstoß produziert.
Leuchtet ja auch unmittelbar ein – wer es sich leisten kann, ein protziges
deutsches Auto zu kaufen, sollte berechtigt sein, auch mehr CO2 auszustoßen –
mir san mir!
Mag sein, daß Frau Merkel, wie immer gern behauptet wird, irgendwo „bella
figura“ macht – auf dem Gebiet der Politik allerdings nicht.

* * *

Da hatten sie sich schon die Hände gerieben über ihren Medien-Coup: der
deutsche Außenminister Steinmeier (SPD) beim fröhlichen Singsang mit dem
Berliner Rapper Muhabbet, und alle Medien, bis hin zur Tagesschau, waren dabei,
wie sich der stellvertretende SPD-Vorsitzende locker und anbiedernd gab.
Nur die renommierte Journalistin Esther Schapira mochte sich nicht mitfreuen,
sie erinnerte sich daran, wie der angeblich so moderate Star-Rapper Muhabbet
sich paar Tage vorher bei einer Filmpreisverleihung als islamistischer
Extremist geoutet, ihr gegenüber nicht nur den Mord am niederländischen
Regisseur Theo van Gogh gebilligt, sondern noch eins draufgesetzt hatte – laut
Schapira sagte Muhabbet, „daß
van Gogh Glück gehabt habe, daß er so schnell gestorben sei. Wenn es nach ihm
gegangen wäre, hätte er ihn erstmal in den Keller gesperrt und noch gefoltert“
(„FAZ“).
Soweit, so schlecht.
Interessant ist aber, was dann passierte: der SPD-Außenminister Steinmeier etwa
distanzierte sich nicht von Muhabbet, sondern warf den Journalisten vor,
sorglos recherchiert zu haben. Die „taz“, ausgerechnet, spricht von
„Verdachtsjournalismus“. Hübsch auch die Position der „Berliner Zeitung“, die
festhält, „Muhabbet ist,
auch wenn er mit Außenministern singt, ein Musiker“, und für den
würden andere Kriterien gelten als für Politiker. Daher fragt die „Berliner
Zeitung“ jovial: „Wie politisch inkorrekt dürfen eigentlich Muslime sein?“ Als
ob es darum gehe, ein bißchen „politisch inkorrekt“ zu sein, und nicht um
Akzeptanz von Mord und Folter.
Wes Geistes Kind der Islam-Rapper ist, der sich mit seinen Kuschelballaden und
Soft-Raps gern als Außenministers Liebling geriert, hätten SPD-Steinmeier und
die Journalisten von „taz“ bis „Berliner Zeitung“ unschwer feststellen könnten,
wenn sie sich mit den Texten von Muhabbet auseinandergesetzt hätten. Kleine
Kostprobe:
„Diese Stadt ist voller
Schwuchteln und Schlampen, oberflächlicher Ottos und richtig linken Ratten.“
Auch eine Gewaltandrohung ist bei Muhabbet enthalten: „Ich bin der, der schweigt und dir das
Messer zeigt / nachdem ich zugestochen habe, warne dich: geh nicht zu weit! /
Kill dich, denn für Fotzengelaber hab ich keine Zeit (…) Lauf oder willst du
als Kanakenfutter dienen / eine Holzkiste hab ich für dich reserviert / Die
Straßen gehörn mir“ usw. usf.

* * *

„oh diese Deutsch’n!
„Die halbe Nazion iss irre;
(& die andre Hälfde
Nich ganz bei Groschn!)““

(Arno Schmidt)

* * *

„Difficile est saturam non scribere.“ (Juvenal, um 100 n.Chr.)

In diesem Sinne, eine angenehme Jahresendzeit

10.11.2007

Und Ansonsten 2007-11-10

"Ich
dachte, Musik, das sind nur wir und das Publikum, und wir dürften uns dem
Establishment nicht ausliefern und verkaufen. Aber stattdessen hat das
Establishment uns gekauft, sodaß wir zu diesem riesenhaften Business geworden
sind.
SZ: Lustigerweise bricht die Musikindustrie gerade mit lautem Getöse zusammen.
Recht geschieht es ihr,
zusammenbrechen soll sie! Die Musikindustrie ist aufgebläht und eingebildet,
sie muß sich endlich mit der Wirklichkeit anfreunden."
Neil Young im Interview mit der "Süddeutschen Zeitung"

* * *

So ist das im Leben. Der eine, Erwin Wagenhofer, macht einen klugen Film,
"We Feed the World". Der andere, Al Gore, war acht Jahre lang
US-Vizepräsident, hat in dieser Zeit wenig getan und noch weniger erreicht, und
erhält für eine Powerpoint-Präsentation, für eine "Mischung aus Erweckungspredigt und Disneyland, mit
der er durch die Lande zieht (eine nomadische Geldmaschine)" (Georg
Seeßlen) erst einen Oscar und dann den Friedens-Nobelpreis.
In seinem aktuellen Buch empfiehlt Gore als Hilfe aus größter Not - genau, das
Internet.
"Blogger sind
mitdenkende Bürger." Auf Wikipedia kann jeder zurückgreifen!
"Für Al Gore trifft es
sich jedenfalls gut. Er ist als Direktor und Berater für Google tätig, auch für
Apple Computer, für den Satelittensender Current TV und für Generation
Investment Management." (Dietrich Kuhlbrodt) Und entsprechend
endet Gore's Buch "Angriff auf die Vernunft" nicht nur mit einem
Plädoyer fürs Internet, für dessen Konzerne der Herr Ex-Vizepräsident
heutzutage den Frühstücksdirektor mimt, sondern auch ganz plump mit Werbung für
die eigenen Unternehmen. www.current.tv biete kostenfrei das beste
Online-Schulungsprogramm etc. pp.
"Wir sind erst der
Anfang einer globalen Bewegung, hat unser Autor in diesem Jahr befunden -
diesmal aber als Präsident der Herzen auf den milliardenträchtigen
Live-Earth-Konzerten. Großsponsor Daimler-Chrysler beteiligte sich und nutzte
den globalen Beginn zur Imagewerbung. Noch Fragen?" (Dietrich
Kuhlbrodt)
So ist das eben - reinklicken bei Al Gore und dann was Kleines spenden, und
dadurch "in der Summe
die gewaltigen Spenden der wenigen Großsponsoren bei weitem übertreffen",
so funktioniert die Welt des Al Gore, und da machen sie alle gerne mit, bei
Live Earth wird mitgeklatscht, bei www.algore.com wird mitgespendet, bei
"Angriff auf die Vernunft" wird mitgelesen. Wir sind Oscar, wir sind
Friedensnobelpreis. Unsre kleine, kuschelige Klimakatastrophen-Mitmachwelt.

* * *

Joe Boyd lt. "Berliner Zeitung" auf einer Lesung in Berlin, begleitet
vom Musiker Geoff Muldaur:
"Ich gebe mir Mühe, sie
zu mögen, aber jemanden wie Joanna Newsom finde ich einfach nur lächerlich.
Oder was sagst du dazu, Geoff?" - "Ich finde, daß es mit der Welt
generell den Bach heruntergeht."

* * *

Unser Newsletter-Leser Werner Pieper weist anläßlich des im Oktober-Rundbrief
erwähnten "CocaCola Soundwave! Berlin 07" am Brandenburger Tor darauf
hin, daß die "braunsoßigen Coca Colas ja auch die Olympischen Spiele 1936
in Berlin finanzierten. Damals zum einen das erste Sportmarketing auf dem
Level, zum andern fand der Begriff "eiskalt" damals Eingang ins
Sprachgut der Nazis. Oder war es umgekehrt?"
Mehr zum Thema in Werner Piepers Buch "Nazis on Speed - Drogen im
3.Reich".

* * *

Copyright kills music!

* * *

Bei einem Vortrag in Berlin machte Friedensnobelpreisträger Al Gore den Robbie
Williams und hebelte die Pressefreiheit aus: Journalisten mußten einen Vertrag
(!) unterzeichnen, in dem sie sich verpflichteten, kein Gore-Wort zu zitieren.

* * *
Andere Friedens- und Umweltaktivisten rücken mit ihrer Steuererklärung erneut
ins Zwielicht: Die Band U2 und ihre Firma U2 Ltd., die die weltweiten Rechte
und Einkünfte aus der Songverwertung der Formation verwaltet, waren mit der
Verlegung ihres Firmensitzes von Irland in die Niederlande in die Kritik geraten.
Mehr Geld für das Entwicklungshilfeprogramm "Ireland Aid" von der
irischen Regierung zu fordern, aber selbst als Steuerzahler nichts dazu
beitragen zu wollen, das paßt nur in Bono's Welt ("cui Bono?")
zusammen.
Jüngster Fall der Widersprüchlichkeiten: U2 Ltd. weist für das Jahr 2006 lt.
"musikwoche.de" umgerechnet fast 21 Millionen Euro an Umsätzen aus,
fast 18 Millionen davon wurden an fünf namentlich nicht genannte Angestellte
des Unternehmens ausgezahlt, bei denen es sich laut Medienspekulationen vermutlich
um die vier Bandmitglieder Bono, the Edge, Adam Clayton und Larry Mullen sowie
Bandmanager Paul McGuinness handeln dürfte.
2005 haben U2 Ltd. In Irland ganze 32.300 Euro Steuern bezahlt, im Jahr 2006
waren es rund 750.000 Euro. Die aktuellen Unterlagen, die der zuständigen
Handelskammer in Dublin kürzlich zugeleitet wurden, zeigen nun, daß die vier
Bandmitglieder mit dem Umzug ihres Unternehmens von Dublin nach Amsterdam aus
dem Vorstand der U2 Ltd. ausgeschieden sind. Parallel tauchten jedoch zum
ersten Mal die namenlosen, aber hochbezahlten Angestellten in den Büchern auf…
Noch im Vorjahr, als die Musiker noch im Vorstand von U2 Ltd. saßen, hatte die
Gesellschaft die Summe der Zahlungen an Mitarbeiter mit Null angegeben.
Über Steuerzahlungen der U2-Mitglieder in ihrem Heimatland ist ansonsten nichts
bekannt, obwohl die Musiker mit einem geschätzten Vermögen von zusammen gut 1,2
Milliarden Euro zumeist auf der Liste der reichsten Iren vertreten sind.

* * *

Alles auf "sakral" gestellt im Weihnachtsgeschäft: Die neue von der
"Deutschen Grammophon" herausgegebene Fritz Wunderlich-CD heißt
"Sacred Arias". Verramscht wird derzeit Sting's (mittlerweile auch
Künstler des Gelb-Labels) "Sacred Love". Ja Sakradi…

* * *

Im Jahr 2008 wird hierzulande ein großer Weltklimagipfel stattfinden, zu dem
Umweltminister Gabriel, der Ex-Pop-Beauftragte der SPD, einladen wird. Zum
kulturellen Rahmenprogramm stellt sich "Siggi Pop" ein
Pop-Rock-Konzert vor, bei dem, wegen der Symbolik, aus jedem Kontinent der Erde,
denn wir sitzen ja in einem Boot, ein Künstler auftreten soll. Und nun raten
Sie mal, wenn Siggi Pop als Vertreter Europas auserkoren hat! Eben, genau den
mit "doof" im Namen. War zu einfach? Wollen Sie erraten, wer auf der
Vorschlagsliste des Umweltministers für Nord- und Südamerika steht?

20.10.2007

Und Ansonsten 2007-10-20

Jeder
blamiert sich, so gut er kann.
Die Bundesrepublik Deutschland hält sich für Blamagen im Ausland das
Goethe-Institut.
Wie die "Musikwoche" meldet, werden im Oktober auf Einladung des
Goethe-Instituts deutsche Bands wie Juli, 2raumwohnung, Tele, Mia, Die Prinzen
oder Dr. Motte bei einem chinesisch-deutschen Popfestival in Nanjing auftreten.
Das Festival ist Teil einer "Deutschland-Promenade" und geht im
Rahmen des dreijährigen Projekts "Deutschland und China - gemeinsam in
Bewegung" über die Bühne, einer gemeinsamen Initiative des
Goethe-Instituts und des Auswärtigen Amts. Damit will sich Deutschland als
"Wirtschaftspartner, Kulturland sowie als wichtiger Standort für Bildung,
Forschung und Investitionen" in verschiedenen Regionen Chinas
präsentieren.
Na, wenigstens braucht man sich, solange Goethe-Institut und Auswärtiges Amt
nur einige der deppertsten deutschen Bands nach China exportieren, keine Sorgen
darum machen, daß die Chinesen diese drittklassige deutsche Popmusik kopieren
und als Klone selbst auf den Weltmarkt werfen…
Aber das Finstere ist: dies ist nur ein erster Stapellauf, das Goethe-Institut
will, daß Deutschland auch bei der Olympiade in Peking von Deutschpop a la Mia
oder 2raumwohnung kulturell repräsentiert wird. Mal abgesehen davon, daß ich
als Bürger und Steuerzahler gar nicht im Ausland repräsentiert werden möchte -
aber wenn es denn schon sein muß, darf ich erwarten, daß eine Institution wie
das Goethe-Institut wenigstens den Hauch eines kulturellen Auswahlkriteriums
walten läßt und wenigstens Gruppen wie sagen wir F.S.K., Blumfeld, Kraftwerk
oder Manuel Göttsching einlädt, die Bundesrepublik bei Olympia darzustellen.
Von deutscher Kulturpolitik ist nicht viel zu erwarten, klar, aber selbst die
deutsche Kulturpolitik sollte nicht unter ein gewisses Mindestniveau gehen. Wer
wählt eigentlich die ahnungslosen Kulturfunktionäre im Goethe-Institut aus? Ich
verlange Rechenschaft - wozu zahlt unsereiner seine Steuern?

* * *

Al Gore, US-Politiker, selbsternannter Umweltschützer und neuerdings
Friedensnobelpreisträger, soll lt. "Spiegel" Ende Oktober auf einem
Klimakongreß des Karlsruher Energiekonzerns EnBW auftreten - daß Al Gore damit
eine Menge Geld machen will (die Gage soll bei 180.000 Dollar liegen), ist das
eine. Der ehemalige US-Vizepräsident soll aber, und das ist nun wirklich
peinlich, den Strom aus Kernkraftwerken bei EnBW als eine notwendige Energie
loben, heißt es lt. "Spiegel". Der Stromkonzern hält seine Marke
"Yello Strom" bekanntlich mit einem hohen Atomstromanteil billig. So
bleibt Gore in gewisser Weise konsequent, denn auch als Vizepräsident der USA
hat er sich ja nicht wirklich als Umweltpolitiker hervorgetan.

* * *

"I don't worry about
Greenland if the ice melts; I worry about the Netherlands and Venice."

Anda
Uldum, Bandleader von "DDR" aus Nuuk/Grönland

* * *

"Dort, wo die Kultur
von der Gottesverehrung abgekoppelt wird, erstarrt der Kultus im Ritualismus
und die Kultur entartet. Sie verliert ihre Mitte."
So spricht Joachim Kardinal Meisner, Köln, nicht 1938, sondern 2007.
Was weiß ein Erzreaktionär wie Meisner, der gezielt mit Nazi-Terminologie
arbeitet, von "Mitte"? Wie wäre es, der Herr Kardinal hielte einfach
seinen Rand? Damit wäre uns allen gedient.

* * *

Im letzten Rundbrief hatte ich geklagt, daß Journalisten sich doch mal was
Anderes einfallen lassen sollten, als die sogenannte "Weltmusik" als
irgendwie ewig gestrig, selbstgestrickt, multikulti-eitatei usw.
abzuqualifizieren - und das mit dem Stoßseufzer verbunden, es wäre doch schön,
wenn der Unsinn, Popmusik wie BeatlesMadonnaM.I.A. sei die eigentliche
"Weltmusik", mal nicht weiter verbreitet würde.
Die Hoffnung war vergebens. Prompt blaberte ein Jan Freitag in des deutschen
Studienrats Zentralorgan, der "Zeit": "Weltmusik ist ein altbackener Begriff, beladen mit
dem schwülen Duft von Patschuli, ausgefranst an den Juterändern, überfrachtet
mit Folklore und stets gefährlich nahe am Panflötenpop."
Merke: wer in der "Zeit" Musikkritiken schreiben darf, darf nicht nur
keine Ahnung haben, nein, er muß gleichzeitig beweisen, daß er vor keinem
schiefen Sprachbild, das er andernorts aufgeschnappt hat, halt macht. Aber
natürlich schlägt, um im Bild zu bleiben, Freitag die Blechtrommel der Stunde,
Disco macht derzeit jeden Balkan-7/8-Takt zum Vierviertel-Bumbum und läßt das
Partyfolk (haha) austicken: "Ein
triftiger Grund, die viel gescholtene Dominanz technoider (sic! B.S.) Musik zu
begrüßen - ist es doch das Elektronische an neueren Soundmixturen, das aus
Weltmusik etwas jetztzeitigeren Ethno-Pop macht. Dabei wären wir auch schon bei
M.I.A."
Ah ja. Und dann ergeht sich der Schreiberling in aber auch jeder Sprachhülse,
die Popjournalisten in ihrem Dilettantismus so gerne verwenden: die Sängerin
ist mal "bezaubernd",
mal "rotzig",
sie "stülpt die Stile
ihrer südasiatischen Wurzeln über jede Strophe, jede Note, jeden Satz"
- da möchte man gerne dabei sein, wie die Stile der Wurzeln über die Strophen
gestülpt werden, ganz anders, als Jute über … nun ja. Mit sowas bekommt man
Zeilenhonorar - erstaunlich.
Drums sind bei "Zeit"'s Freitag "ekstatisch"
und "fegen durch die
Harmonien", ständig "streichen
orientalische Geigen (sic! B.S.) hinein",
und "flächige Gesänge
schwirren wie Mantras umher". Ich weiß, wenn man das vorlesen
würde, glaubt einem keiner, daß so ein Scheiß im deutschen Feuilleton
veröffentlicht und bezahlt wird.
Die Künstlerin ist erstaunlicherweise "spielfreudig",
ihre Performance ist "aufgekratzt
mädchenhaft", nein, M.I.A. "kocht
über". Das Album enthält "Musik,
die vor den Gedanken den Körper erreicht" und bis heute nicht im
Kopf des Rezensenten angekommen zu sein scheint. Der Dancepop ist "zappelig", und
dann kommt das berüchtigte "zwischen", in diesem Fall nämlich "zwischen Bollywood,
Achtzigerjahre-Disco, Panjabi MC und dem Ethnojazz einer Neneh Cherry"
(wußte gar nicht, daß man deren HipHop bei der "Zeit" jetzt als
"Ethnojazz" bezeichnet…).
Es wird versucht, "Ethnopop
vom Ballast des Politischen (sic! B.S.) zu befreien, um andere Perspektiven aufs Leben in der
Migration zuzulassen". Und so weiter und so fort. Ich bitte,
den Text des Schreiberlings Jan Freitag aus der altehrwürdigen "Zeit"
bei der nächsten "Open Mic"-Veranstaltung als Satire vorlesen zu
dürfen, oder wo auch immer in der Popkultur-Debatte mal ein Brechmittel
benötigt wird.
(und damit wir uns nicht mißverstehen: Klasse Album das, M.I.A.s
"Kala" - ich würd das nur gerne sprachlich und inhaltlich ein bißchen
anders begründet sehen)

* * *

Als Oppositionspolitikerin und CDU-Parteichefin hatte Angela Merkel 2003 die
Übernahme der Berliner Staatsoper durch den Bund als "nationales
Projekt" gefordert.
Als Kanzlerin hält Merkel von dieser Idee nichts mehr. "Wendehals"
nannte man sowas mal…

* * *

Die Künstlersozialabgabe hat der Gesetzgeber für 2008 von 5,1% auf 4,9%
reduziert. Wie Verbände wie der Deutsche Kulturrat oder der VDKD dies als
"Erfolg" feiern können, bleibt ein Rätsel - 2003 betrug der
Abgabesatz noch 3,8%, die Erhöhung wurde durch die von rot-grün vorgenommene
drastische Reduzierung des Bundeszuschusses der Künstlersozialkasse notwendig.

* * *

"Vor uns liegt eine
goldene Zukunft, wenn es ausschließlich um Musik und deren Verbreitung geht und
weniger um dieses klassische Produktmanagement mit Herstellung, Lagerhaltung
und Versand. Wir freuen uns darauf und sind bereit (…) Entscheidend ist es, glaube
ich, das Ganze nicht zu ernst zu nehmen. Um in dieser Industrie erfolgreich zu
sein, muß man eine Menge Humor haben und mal ehrlich: Alle, die in der
Musikindustrie arbeiten, sind doch eigentlich Herumlungerer und Taugenichtse,
die da gelandet sind, weil sie zu früh mit ihrer Band aufgegeben oder ihr
Germanistik-Studium abgebrochen haben."
Patrick Wagner, Louisville Records
(diese Agentur legt allerdings Wert auf die Feststellung, daß eine
Mitarbeiterin über ein abgeschlossenes Germanistik-Studium verfügt…)

* * *

Vor einigen Monaten habe ich noch geklagt, daß zwei wunderbare französische
Bücher hierzulande nicht erschienen waren - nämlich Toussaints "Zidanes
Melancholie" und André Gorz's Liebesbrief an seine Frau, "Lettre à
D."
Nun sind dieser Tage beide Texte endlich auf deutsch erschienen - aber so
richtig froh kann unsereiner daran nicht werden, denn Andre Gorz ist gemeinsam
mit seiner Frau aus dem Leben geschieden, und wem das nicht nahegeht, der muß
ein schlechter Mensch sein.
Und wieder ist die Welt um einen Großen ärmer, um einen kritischen und im
besten Sinne radikalen Denker, der einen spätestens seit "Abschied vom
Proletariat" in der intellektuellen "Menschwerdung" begleitet
und inspiriert hat.
So sterben sie dahin, die Andre Gorz, die Max Roach, und es wachsen keine nach,
die sie ersetzen, die nur annähernd sie erreichen könnten im unsäglichen
medialen Geplapper unserer Zeit.
"An ein Jenseits mochte
André Gorz allerdings nicht so recht glauben. Er war kein Romantiker. Und auch
kein religiöser Mensch. Ihm ging es um das Diesseits, um die Verbesserung der
Welt. Er war ein undogmatischer Marxist und philosophischer Materialist. Seine
großen Themen waren die Emanzipation des Menschen - vom Geld und von der Ware -
und seine Freiheit. Er definierte sie als Selbstbestimmung und meinte das
Gegenteil von Entfremdung." (Jürg Altwegg in der "FAZ).

* * *

"Der Joschka Fischer
ist in meinen Augen ein begabter Demagoge, ein glänzender Sprecher. Aber sonst:
bis gestern Friedensbewegung und plötzlich, 1998, ein Bellizist - ob es
Bosnien, Kroatien oder Herzegowina war. Und das dann auch noch im Namen von
Auschwitz, das ist Fischer." Helmut Schmidt

* * *

Unter dem Titel "Stilkritik" darf ein Stefan Kornelius in der
"Süddeutschen Zeitung" über das "Koreanische Gipfeltreffen"
schreiben:
"Das nordkoreanische
Volk ist dem Führer modisch nicht weit voraus: Frauen tragen wadenlange Röcke,
Männer bevorzugen einfache Anzüge, die Farben changieren zwischen Schwarz und
Anthrazit…"
War Stefan Kornelius vor Ort? Sicher nicht, denn dann hätte er festgestellt,
daß zum Beispiel nordkoreanische Frauen durchaus interessante Mode tragen und
alles andere als "wadenlange Röcke".
Hat Stefan Kornelius eine der zurzeit relativ häufig gezeigten Dokumentationen
auf 3sat oder in einem der hiesigen Dritten Programme gesehen? Sicher nicht,
denn dann hätte er ein anderes Bild von der Mode, die nordkoreanische Frauen
tragen, oder hätte vielleicht gar das Interview mit einem nordkoreanischen
Schuhproduzenten und dessen Produkte gesehen.
Aber das ist eben der Stand des Journalismus in unserer Zeit, selbst bei
einigermaßen seriösen (oder zumindest einstmals seriösen) Zeitungen wie der
"SZ": Das Wort "Recherche" ist für diese Journalisten ein
Fremdwort, Hauptsache, sie betreiben Behauptungsjournalismus und radebrechen
und brabbeln ihre Zeilen voll, stimmen muß nichts von dem, was sie sagen, nur
ihre Behauptungen müssen irgendwie in das "Modern Talking" der
Mediengesellschaft passen.

* * *

Wie Journalismus betrieben wird, darüber gibt am gleichen Tag ein Artikel auf
der Medienseite der "Berliner Zeitung" über "Neuland",
einen Ableger des Wirtschaftsmagazins "brand eins", Aufschluß: "Wir gucken uns nur Regionen an,
die uns auch wollen", sagt Risch und spricht damit indirekt die
Finanzierung des Heftes durch Unternehmen an, die es nicht versäumen mögen, bei
der von Art-Director Mike Meiré charmanten Präsentation dabei zu sein."
(das holprige Deutsch findet sich so im Original der "Berliner
Zeitung"). "Schon
bei der ersten Produktion ließen es sich Unternehmer und Landräte nicht nehmen,
die Berichterstatter persönlich zu den schönsten Flecken zu fahren."
Das ist Journalismus im ersten Jahrzehnt des 21.Jahrhunderts: eine
Neudefinition feudaler Hofberichterstattung, man läßt sich von Unternehmern und
Landräten zu schönen Flecken kutschieren und berichtet darüber. "Einen Interessenkonflikt sieht
Chefredakteurin Risch, die sich als "Dienstleisterin" versteht,
nicht, wenn Lobbyisten Chaffeur spielen und ein Heft finanzieren, das deren
Güter und Dienste vorstellt. "Der journalistische Anspruch ist kein
Widerspruch dazu, daß wir auch Unternehmer sind", sagt sie."

"Journalistischer Anspruch"? Der liegt bei null, es geht um Penunze,
die sie von den Unternehmern bekommen wollen, von denen sie sich rumkutschieren
lassen. Früher haben die Hersteller von Werbebroschüren wenigstens nicht getan,
als ob sie Journalisten seien, und hätten es nicht gewagt, dann noch frech von
"Anspruch" zu faseln.

* * *

Eva Herman? Geschenkt. Wer sich darüber ereifert, hat nichts kapiert.
Daß aber ein Dummschwafler wie Johannes B. Kerner ("Manche Sachen gehen nicht und Autobahn geht eben
auch nicht.") sich nach seinem allzu leicht durchschaubaren
"Coup" nun als "Gutdeutscher" selbstdarstellen darf, ist
einfach nur widerlich.

* * *

Die zweitägige Werbeveranstaltung am Brandenburger Tor anläßlich des
"Tages der Einheit" wurde von Coca-Cola finanziert, sowas nennt sich
heutzutage "CocaCola Soundwave! Berlin 07", und die Musikindustrie
läßt sich von der Zuckerbrause ihre Acts finanzieren, von Sportfreunde Stiller
bis 2raumwohnung.

* * *

Ein kluger Kopf der Musikszene ist Rick Rubin, mittlerweile Co-Chef der
ruhmreichen und großen "Columbia Records" im Sony-Konzern. Er
schreibt der Musikindustrie einige Merksätze ins Stammbuch, über die
nachgedacht werden sollte, zum Beispiel:
"Eine Plattenfirma
sollte in erster Linie versuchen, großartige Musik zu verkaufen. (…) Es darf
nur um die Musik gehen. Viel zu viele Entscheidungen bei den großen
Plattenfirmen fallen aus den falschen Gründen. Es sollte aber darum gehen,
zeitlose Musik zu entdecken."
Aber wie lange wird Ruck Rubin noch an der Schaltstelle seines Multis sitzen?
Wie viel wird er bei Columbia und Sony bewegen können? All dies wirkt von außen
betrachtet so sympathisch wie gleichzeitig als eine der vielen
Verzweiflungstaten der Musikindustrie in diesen Tagen…

* * *

Übrigens, am Rande sei es angemerkt: Wenn Rick Rubin sich für Paul Potts
begeistert, den dicken, schüchternen Handy-Verkäufer, der in der britischen
"Superstar"-Sendung mit einer Puccini-Arie Wellen schlug, die ihn
nicht nur zu Rick Rubin, sondern auch auf den Stuhl des unerträglichen Johannes
B. Kerner führten (Rubin: "Niemand
erwartet etwas Besonderes von diesem langweiligen Durchschnittstypen. Jury und
Publikum ärgern sich sogar, als sie erfahren, daß er keinen Popsong singen
wird. Und dann singt er so unglaublich schön."), dann täuscht
sich die Produzentenlegende, denn Paul Potts singt bestenfalls mittelmäßig -
das, was sein Publikum und Rubin bis Kerner begeistert, ist Puccini, nicht Paul
Pott (ist eigentlich schon mal jemandem aufgefallen, was herauskommt, wenn man
Paul Pott englisch ausspricht? Eben - ein Schreckensregime, diesmal allerdings
von der Musikindustrie losgetreten…). In all dem furchtbaren Schund, den
Fernsehsendungen und Plattenindustrie heutzutage auf die Menschheit loslassen,
fällt eine Arie von Puccini wie von selber als große Kunst auf, selbst, wenn
sie nur mit bescheidensten Mitteln gesungen wird.
Und was folgt daraus? Es kann jedenfalls nicht schaden, sich mit sämtlichen
Aufnahmen von Maria Callas zu beschäftigen, beispielsweise.

In diesem Sinne, viel Spaß beim Stöbern in den Archivaufnahmen…

04.09.2007

Und Ansonsten 2007-09-04

Diesen
Schmarren muß unsereiner in regelmäßigen Abständen lesen, der irgendwie, in
diesem Kontext sei die Phrase erlaubt, an tibetanische Gebetsmühlen erinnert:
Die Weltmusik sei tot, gäbe es nicht, die eigentliche Weltmusik seien wahlweise
die Beatles, Madonna oder M.I.A. (die "wahre Weltmusik" lt. aktuellem
"Prinz"). Ach, liebe Journalisten, liebe Popkritiker und
Musikfunktionäre, laßt euch doch mal was Originelleres einfallen!
Mag sein, daß der Begriff "Weltmusik" nicht sonderlich geschickt oder
perfekt treffend ist (wer einen besseren weiß, soll Bescheid geben - ich
persönlich bevorzuge Formulierungen wie "Ethnic Avantgarde" oder das
fRoots'sche "local music from out there", aber das ist im Grunde
relativ wurscht, weil die meisten sehr wohl wissen, was gemeint ist, wenn man
"Weltmusik" sagt, mit Ausnahme der US-Amerikaner vielleicht, für die
das etwas gänzlich Anderes ist…). Was aber nervt, ist dieser besserwisserische,
oberlehrerhafte Tonfall, mit dem der Unsinn verbreitet wird, Weltmusik seien
BeatlesMadonnaM.I.A. Leute, die das behaupten, haben relativ wenig Ahnung von
dem, was sie sagen, und setzen im Grunde den Fehler der deutschen Romantik fort
- Herder hatte auch schon diesen falschen Begriff, damals hieß das
"Volkslied". Aber: Nicht "das Volk", nicht "die
Welt" hat diese Musik gemacht, sondern jeder kleinste Teilbereich für sich
und in aller Regel für den eng umgrenzten Eigengebrauch. Nicht, ob die ganze
Welt (das ganze "Volk") eine Musik hört, ist hier entscheidend,
sondern die Herkunft - eben "Ethnic Avantgarde", eben "local
music from out there". Oder man lese Bela Bartok's Definition der
"Bauernmusik" und der "Volksmusik" in seinen ethnomusikologischen
Schriften nach. Soviel sollte man als Kulturfunktionär oder Musikjournalist
eigentlich schon wissen. Aber die Tendenz, die Beatles oder Madonna zur
"Weltmusik" zu erklären, scheint unausrottbar.

* * *

Und bei der Gelegenheit: was fast genauso nervt, ist die Tendenz, das Publikum
von "Weltmusik"konzerten als ewig gestrig
"Holzperlenketten-Multikulti" und in bunten Klamotten oder sonst
irgendwie hinterwäldlerisch darzustellen. Ein beliebter "Diss" gerade
in der aktuellen Popkritik. Zugegeben, mitunter ziehen sich Besucher von
Weltmusikkonzerten komisch (meist etwas an die dargebotene Kultur anbiedernd)
an. Aber komisch aussehende Leute sollen auch schon bei Konzerten von Bands wie
Sunnooo))) gesehen worden sein, um nur mal ein Beispiel zu nennen. Und wer eine
ungefähre Ahnung davon bekommen möchte, wie "stylish", wie ungeheuer
modern nicht nur die Sounds zum Beispiel Afrikas waren zu einer Zeit, als die
Eltern der heutigen Popgroßkritiker hierzulande noch Schlagerparade gehört
haben, sondern wie modern auch die Mode, die ganze Ausgehkultur dieser Zeit
war, dem sei, nur ein Beispiel, der wunderbare Band "Malick Sidibé"
von André Magnin empfohlen. Da können die Designer und Modefuzzis von
Berlin-Mitte sich noch so sehr anstrengen, soviel "Style" wie im
Bamako der späten 50er, frühen 60er Jahre werden sie nie haben… Word!

* * *

Wenn man Konzerte mit dem BAP-"Sänger" organisiert, bleibt einem gar
nichts Anderes übrig, als diese derart holprig anzubieten:
"Wolfgang Niedecken and Friends plus a very special Feuerwerk" findet
am 14.Oktober in der very spezial Jahrhunderthalle zu Bochum statt.

* * *

(kleiner Nachtrag zum "Spex"-Interview über Digitalisierung:
"Der totale Datenverlust.
Was mich ärgert am Sterben, ist die Löschung aller Informationen, die ich im
Kopf habe. Wozu war ich in der Schule? Der Inhalt einiger tausend Bücher ist in
meinem Kopf gespeichert. Das alles ist mit einem Schlag weg. Andere müssen es
sich mühsam wieder aneignen. Ich weiß jetzt schon, wie dumm sie sich dabei anstellen
werden. Ich bin entbehrlich. Vielleicht auch das Wissen in meinem Kopf. Aber es
ist unersetzlich. Was wir dringend brauchen, ist eine Methode, von meinem
Gehirn eine Sicherheitskopie anzulegen. Auf einen Chip von der Größe des Nagels
meines kleinen Fingers würde alles draufpassen."
Peter O. Chotjewitz)

* * *

Eine kurze Meldung aus der "Berliner Zeitung":
"Opium-Rekordernte am Hindukusch.
Kabul. Die Produktion des Heroin-Rohstoffs Opium in Afghanistan ist laut einem
UN-Bericht in diesem Jahr um mehr als 30 Prozent auf einen neuen Rekordstand
gewachsen. In der Saison 2007 seien in Afghanistan 8 200 Tonnen Opium geerntet
worden, teilte das UN-Büro für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC)
mit."
Da weiß man doch, wofür die Bundeswehr das Vaterland am Hindukusch verteidigt…

* * *

Merkwürdige Sachen gibt's. Da liest man einen Bericht, daß sich ausgerechnet
Punks und Hardcore-Musiker der "Straight-Edge"-Bewegung angeschlossen
haben - kein Alkohol, keine Zigaretten, Verzicht auf Drogen, Promiskuität und
auf den Konsum von tierischen Produkten. In dem "FAZ"-Artikel heißt
es über den Musiker André Moraweck demzufolge: "Seitdem trinkt er am
liebsten alkoholfreies Radler, rührt keine Zigaretten mehr an, geht nicht
gleich mit jeder Frau ins Bett"… Der Sänger der Metalcore-Band Maroon ißt
am liebsten gutbürgerlich: "Ich bin eher so der Biedere. Oder sagen wir
mal, ich wohne auf dem Dorf, hab's gern ordentlich und hör' gern andere Musik,
als ich selbst mache: Klassik, ruhige Folkmusik oder experimentelle Avantgardemusik."

Essen tut der Thüringer am liebsten Tofuschnitzel mit Rotkohl und Klößen.
Straight edge eben.

* * *

Auch Skandal-Rapper Bushido hats zuhause gerne straight edge: "Klingt
ziemlich spießig, privat bin ich auch ein Spießer. (…) Zu Hause will ich meine
Ruhe haben. Hecken schneiden, Depeche Mode hören und Frikadellen brutzeln. Das
ist wie bei Heinz Rühmann." Glaub ich sofort, und aufs Wort!

* * *

In den Grundschulen hierzulande fallen lt. "Berliner Zeitung" 80
Prozent des Musikunterreichts aus.

* * *

An der "Schengen-Grenze", quasi also der Außengrenze der EU, sind in
den letzten 10 Jahren 7000 Menschen zu Tode gekommen (Quelle: Philippe
Rekacewicz, "Grenzen in Bewegung, Menschen in Bewegung", Serie von 12
Zeichnungen, aus: Documenta Magazine 1-3, 2007). Vielleicht könnten all
diejenigen, die auch knapp 18 Jahre nach Fall der Mauer nur ständig über die
Schießbefehle dort diskutieren können, denen 125 Menschen zum Opfer fielen,
sich mal mit der Wahrung der Menschenrechte an den EU-Grenzen beschäftigen?
Und: wer ist verantwortlich für diese Todesopfer an den EU-Grenzen? Faktisch,
und moralisch?
Wer hat von der europäischen Grenzschutzagentur "Frontex" (was für
ein Name!) gehört, einer "Behörde" mit Sitz in, ja, Warschau, die den
zuständigen nationalen Dienststellen beim "Schutz der
EU-Außengrenzen" helfen soll. Im Internet kann man Fotos vom Frontex-Chef
mit Schäuble finden. Frontex hat dieses Jahr 40 Millionen Euro zur Verfügung,
die diesjährige Frontex-Operation im Mittelmeer heißt "Nautilus",
drei Schiffe waren beteiligt, "Deutschland stellte zwei Hubschrauber zur
Verfügung. Ziel war es, im zentralen Mittelmeer die Schleuserroute von Libyen
nach Malta und Lampedusa zu überwachen" ("FAZ").
Die genannte Zahl von 7000 Todesopfern in 10 Jahren dürfte vom "Le Monde
diplomatique"-Autor Rekacewicz eher noch gering geschätzt sein, worauf
etwa die der Polemik in diesem Fall unverdächtige "FAZ" in einem
größeren Artikel hinweist: "Allerdings weist William Spindler von der
Genfer UNHCR-Zentrale auf einen tragischen Nebeneffekt dieser Politik hin: Da
die kurzen Seewege zwischen Afrika und Europa mittlerweile besser überwacht
würden, nähmen die Einwanderer lange und gefährliche Routen in Kauf, wie etwa
von der Elfenbeinküste oder von Guinea auf die Kanaren. "Das ist viel
gefährlicher, denn die Überfahrt dauert dann nicht mehr ein oder zwei, sondern
mehrere Tage." Vorläufige Zahlen deuten darauf hin, daß aus diesem Grund
immer mehr Migranten ertrinken. Alleine in Spanien sind in Medienberichten in
diesem Jahr 400 Todesopfer erwähnt worden, Nichtregierungsorganisationen
sprechen dort sogar von mehr als 1000 Menschen, die den Traum von einer
Übersiedlung nach Europa mit dem Leben bezahlen."
Der SPD-Abgeordnete Wolfgang Kreissl-Dörfler kritisiert, daß Frontex eine
Sommerpause bei der Überwachung der EU-Außengrenze einlegt: "Eine
Organisation, die nicht da ist, wenn Highlife ist, die kann zumachen".
Die Verbrecher haben Namen, Gesichter, Adressen, wußte schon Bertolt Brecht.

* * *

"Während es Maciunas darum ging, die Kunst von den entwürdigenden
Kinkerlitzchen und debilen Attitüden, die ihr der Kunstmarkt aufzwingt, zu
reinigen, sie radikal vom Markt, auch vom Markt der Eitelkeiten, zu trennen,
und die Künstler wieder mit sinnvollen Tätigkeiten zu beschäftigen, erleben wir
heute die Apotheose eines als Kunst oder Antikunst deklarierten
Schwachsinns." Peter O. Chotjewitz

* * *

Und: seien Sie in diesen Septembertagen vorsichtig!
Verwenden Sie keinesfalls das Wort "Gentrifikation".
Der Begriff bezeichnet die Aufwertung und Verteuerung bestimmter Stadtteile und
die damit einhergehende Verdrängung der alteingesessenen Bevölkerung - man kann
das von Richard Sennett bis Mike Davis nachlesen.
Die Bundesanwaltschaft freilich wirft einem Soziologen nicht etwa die direkte
Teilnahme an bestimmten Taten vor, sondern daß er in seinen veröffentlichten
Schriften "Schlagwörter und Phrasen" verwende, die auch in den
Bekennerschreiben der "militanten gruppe" auftauchten. Einer dieser
Begriffe ist eben "Gentrifikation".
Die Anklage lautet auf Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung.
Wie schreibt die "FAS" so hübsch: "…wenn der Gebrauch des
Begriffs unter Strafe gestellt wird, müßte man beim nächsten
Stadtsoziologenweltkongreß die Mehrzahl der Teilnehmer verhaften." Aber
ungefähr so haben sich Schäuble und Konsorten das auch vorgestellt…

Also: Gentrifikation! Gentrifikation! Gentrifikation! Murmeln Sie das vor sich
hin! Summen Sie das Wörtchen auf der Straße! Seien Sie § 129a!

08.08.2007

Und Ansonsten 2007-08-08

Der
Mensch ist schwach, ich weiß. Und ich ganz besonders. Mehrfach wurde an dieser
Stelle bereits das Diktum verkündet: Die "grüne Gurke" (taz) Claudia
Roth ist nicht mehr satisfikationsfähig. Aber was kann unsereiner tun, wenn es
immer wieder aus der grünen Menschenrechtsgurke rausläuft, zum Beispiel so (lt.
"Der Standard", Internetausgabe):
"Die Steinigung eines wegen Ehebruchs im Iran zum Tode verurteilten
Iraners hat im Westen heftige Proteste ausgelöst (…) In Deutschland erklärte
die Grünen-Chefin Claudia Roth, die iranische Staatsführung stehe "in der
Pflicht, die Zusagen der Internationalen Gemeinschaft gegenüber einzuhalten,
die besonders grausamen Strafen nicht mehr zu praktizieren und sie
längerfristig abzuschaffen.""
Das darf man sich ruhig mal auf der Zunge zergehen lassen.
Ob Claudia Roth damit zufrieden wäre, wenn im Iran zukünftig nur noch ein
bißchen gesteinigt würde? Oder in welchem Zeitraum sollen Steinigungen
"längerfristig" abgeschafft werden? Also ruhig noch drei vier Jahre
weiter steinigen, und dann schaun wer mal?
Die Hilflosigkeit der internationalen Politik ist das eine. Die Art und Weise,
wie aber noch die tragischsten Ereignisse einer plumpen grünen Politikerin dazu
dienen, sich den Medien anzuwanzen, ist mit dem Begriff "ekelhaft"
viel zu schwach beschrieben.

* * *

Unsereiner erlebt schon etwas mehr als "klammheimliche Freude", wenn
er lesen darf, daß das "Live Earth-Konzert" in der Hamburger
HSH-Nordbank-Arena (sic) floppte und nur 29.000 statt 45.000 Karten verkauft
wurden. Besonders hübsch der letzte Absatz der "Musikwoche"-Meldung:
"Neben dem operativen Minus schlägt sich vor allem eine Abgabe in Höhe von
750.000 Euro an die "Alliance for Climate Protection", die weltweite
Live-Earth-Initiative, negativ in den Büchern nieder. Dieser Betrag soll die
Umweltbelastungen ausgleichen, die durch die Reisen und den Transport der
Künstler und ihrer Entourage entstanden ist. Das neunstündige Konzert selbst
wurde klimaneutral durchgeführt."
Mal ganz abgesehen davon, wie das funktionieren mag, ein Konzert
"klimaneutral" durchzuführen, scheint mir ein wesentlicher Posten im
Saldo zu fehlen: Die akustische Umweltverschmutzung, die durch dieses Konzert
hervorgerufen wurde. Da haben die Organisatoren wieder mal zu kurz gerechnet…

* * *

"Fortune favors the bold." Ben Weaver

* * *

"What would you most like to see recycled?"
"I'd recycle the major record companies into a landfill site. The only
problem would be the poisonous gas they would give off."
Britische
Manager-Legende Ed Bicknell beantwortet eine Frage des "IQ"-Magazins.

* * *

Truly "indie": "Sonic Youth" machen eine Compilation mit
eigenen Tracks, die exklusiv bei Starbucks erhältlich ist. Und Thurston Moore
vergleicht lt. "Visions" diesen Schritt verquast mit dem
"Kitzel, den kleine Bands auslösten durch winzige Auflagen und Tour-Only-Releases".
Ach Sonic Youth…
Handfester gegenüber dem umstrittenen Kaffeeröster, der zuletzt durch seine
ausbeuterische Praxis gegenüber äthiopischen Kaffeebauern in die Schlagzeilen
geraten war, war da der Schritt der chinesischen Regierung, die den
Starbucks-Laden inmitten der "Verbotenen Stadt" nun verboten hat.

* * *

Wir lasen auf "Spiegel Online": "Der einzige Rockmusiker in
leitender Ordenfunktion, Abtprimas Notker Wolf von den Benediktinern, saß am
vergangenen Mittwoch im Gewölberest des antiken Pompeius-Theaters und aß
Tartar. Dazu sagte er: ""Highway to hell" spiele ich gerne. Aber
"Sympathy for the Devil" geht zu weit."
So sind sie, die Katholiken.

* * *

Unser aufmerksamer Rundbrief-Leser Wiglaf Droste hat völlig zu Recht einen
Fehler in der letzten "Und ansonsten"-Rubrik moniert - der Slogan der
Rhöner "Bionade"-Limo heißt nämlich nicht, wie von mir aus dem
Gedächtnis zitiert, "Das offizielle Getränk für eine bessere Welt",
sondern: "Das offizielle Getränk einer besseren Welt", wozu Droste
anmerkt:
"Was heißt, daß es diese "bessere Welt" also schon gibt, z.B. in
Bionade aufgelöst. Dazu paßt die "Bild"-Reklame "Jede Wahrheit
braucht eine Mutige, die sie ausspricht", mit Alice Schwarzer. Es wuchs
zusammen, was immer zusammengehörte."
Das hätten wir nicht besser sagen können.

* * *

Schöne Compilations auf Shanachie, zum Beispiel "King Sunny Ade - Gems
From The Classic Years (1967 - 1974)" - Aufnahmen, die in jeden ordentlich
sortierten Plattenschrank gehören (und zwar nicht nur in die
Weltmusik-Abteilung). Deprimierend aber, wie lieblos diese Compilations
herausgegeben werden - kein genaues Tracklisting, keine genauen
Besetzungsangaben per Track, keine Einspieldaten (soweit recherchierbar) - da
haben namhafte Firmen eigentlich längst einen anderen Standard festgeschrieben.
Auch so eine Form unterschwelligen Neokolonialismus'.

* * *

"Was durch künstlerische Qualität schon lange nicht mehr gelingt,
funktioniert wenigstens mal wieder durch Provokation und durch öffentlich
ausgestellte Dummheit", konstatiert der Autor der "Berliner
Zeitung" in einem Artikel zum ekelhaften "Neger Neger"-Album von
B-Tight auf dem Berliner Label "Aggro Berlin" - und lenkt davon ab,
daß eine Provokation nur dann funktioniert, wenn sie allüberall aufgegriffen
wird, damit sich zweitklassige Feuilletonisten darüber ereifern und
Zeilenhonorar schinden können. So auch geschehen im Feuilleton-Aufmacher der
"Berliner Zeitung", die nicht etwa diesen, mit Verlaub, Scheiß
einfach ignoriert, sondern noch gezielt anheizt, indem sie das Cover des
Albums, eigens vergrößert, in ihrer Zeitung abbildet.
Dann darf der Autor auch gleich weiter daherfantasieren: "Seit Wochen
steht der deutsche Hiphop im Zentrum der öffentlichen Debatte." Genau.
Bemerkt hat das allerdings nur das Feuilleton der Berliner Zeitung - der Rest
der Medien beobachtete den G8-Gipfel, das Radler-Doping, den Eisenbahnerstreik,
die Diskussion um die Verschärfung der Gesetze zur sogenannten "Inneren
Sicherheit" - von deutschem HipHop in der öffentlichen Diskussion keine
Spur. Aber da für Journalismus heute in aller Regel gilt, daß er die selbst
aufgestellten Behauptungen auch selbst zu beweisen hat, eine Art vorwegnehmende
"self-fulfilling prophecy" gewissermaßen, hat der Autor der Zeitung
natürlich ganz recht - was der Zeitung ein Aufmacher ihres Feuilletons wert
ist, muß ja förmlich im Zentrum der öffentlichen Debatte stehen. Quod errat
demonstrandumm.

* * *

"Es gibt fast keine Schwierigkeiten, die man nicht mittels Davonlaufen
erträglicher machen kann (Probleme löst man so natürlich nicht, aber auf
Lösungen kommt es in der Praxis selten an)." Dietmar Dath

05.07.2007

Und Ansonsten 2007-07-05

Mochte
die Lieder von Georg Danzer immer sehr, ohne ein eingefleischter Fan des Wiener
Liedermachers zu sein. Und dennoch machte mich der Tod Danzers so melancholisch
wie manche seiner Lieder. Wie so etwas kommt? Ich weiß es nicht.
Ich erinnere mich, wie eine Freundin zu Land-WG-Zeiten um 1980 rum eine
Danzer-Kassette mitbrachte, und was man da an "Liedermacherei" hörte,
war in dem Genre so befreiend wie auf andere Art das erste Hören von sagen wir
Roxy Music oder N.R.B.Q. - daß so etwas ging! Wow! "Sex-Appeal" oder
"Der legendäre Wixer-Blues vom 7.Oktober 1976". Da sang einer in sich
sehr ernst nehmenden, in gewissermaßen alternativ-stalinistischen Zeiten mit
Ironie, mit Selbstironie gar, mit Leichtigkeit, mit Hang zur Melancholie
natürlich auch.
Und so kaufte man zwar nicht viele Alben von Georg Danzer, hörte aber immer
wieder mal seine Lieder, und immer blieb man kurz still, wenn man etwas von
Danzer hörte, und freute sich an seinem Ton. Das witzige "Komm zieh dich
aus" so wie das fabelhafte "I bin a Kniera". Und wer noch nie in
seinem Leben Momente wie "Laß mi amoi no d'Sun aufgeh segn" oder
"I wü no ned hamgeh" erlebt hat, der soll meinetwegen weiter zu
moralinsaurer deutscher Liedermacherei greifen. Ich jedenfalls kann
Feuilletons, die keine Nachrufe auf den großen Georg Danzer gedruckt haben,
nicht ernst nehmen. Danke, SZ, und: Danke, FAZ! Und: Adieu, Georg Danzer.

* * *

In der "Jazzthetik" war in einer Konzertkritik über "Die Zimmermänner"
zu lesen:
"Durch ein geduldiges
Herauszögern des Konzertbeginns dürfen die Musiker schließlich mehr als ihr
Vierfaches vor der Bühne begrüßen, womit der Abend zuvor, in Frankfurt, schon
mal locker getoppt wurde. Merkwürdig ist solches Desinteresse schon, denn in
der einschlägigen Pop-Presse ist das erstaunliche Comeback der Band (…)
durchaus ein Thema für nostalgische Herzensergüsse zumeist älterer Mitarbeiter
gewesen."
Nun, "erstaunlich" ist das alles für unsereinen nicht wirklich. Ich
kanns gerne erklären: Einer der "Zimmermänner" ist ein renommierter
Musikjournalist, der seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten für verschiedene
Popmagazine wie auch andere Publikationen schreibt. Und daß im deutschen
Popjournalismus ein Korpsgeist herrscht, gegen den das preußische Militär eine
Anarchistentruppe war, ist nichts wirklich Neues.
Ein anderer "Zimmermann" ist Managing Director einer der größten
multinationalen Konzerte der Unterhaltungsindustrie, mithin auch
(Mit-)Verwalter eines nennenswerten Marketingbudgets. Also, daß die Presse da
eher Jubelarien denn Verrisse über so eine Band schreibt, erscheint mir nur zu
logisch. Daß das Publikum allerdings auf den Quatsch trotzdem nicht reinfällt,
beweist dann schon wieder eine Unabhängigkeit des Geschmacks, den man sich an
anderer Stelle ebenfalls wünschen würde…

* * *

Meldung von "Musikwoche.de":
"EMI hat sich den
Rauswurf von Alain Levy bisher rund 4,6 Millionen Pfund, umgerechnet 6,8
Millionen Euro, kosten lassen. Und der bis Mitte Januar als CEO und Chairman
der Tonträgersparte EMI Recorded Music tätige Topmanager erhält auch weiterhin
Geld.
Zusätzlich zu seinem
Basisgehalt von 912.100 Pfund (1,3 Millionen Euro) soll Levy leistungsabhängige
Zahlungen in Höhe von 1,1 Millionen Pfund (1,6 Millionen Euro) sowie eine
Abfindung von 2,5 Millionen Pfund (3,7 Millionen Euro) bekommen haben."

Und die kürzlich von EMI unter Vertrag genommene Gruppe Bratsch muß sich ihre
Promo-CDs (also CDs, die für die Werbung von Tourneekonzerten verwendet werden)
von der EMI für EUR 12,99 kaufen, weil dafür bei dem Konzern kein Geld mehr
übrig ist…

* * *

Eigentlich ist die sogenannte "Bionade" ja ein nicht unsympathisches
(Kleinbrauerei aus der Rhön z.B.) und noch dazu durchaus schmackhaftes Produkt.
Was die Firma allerdings bewogen haben mag, nun eine große Werbekampagne unter
der Schlagzeile "Das offizielle Getränk für eine bessere Welt" zu
fahren, ist nicht zu verstehen. Habt ihrs nicht paar Nummern kleiner, bitte?
"Limonadengetränk für Bob Geldof" zum Beispiel?

* * *

Laut Pressetext ist das "Leitmotiv"
beim diesjährigen Berliner popdeurope-Festival "der Alltag von jungen Migranten in den europäischen
Metropolen, der Versuch des Zusammenlebens, der Erfolg und das Scheitern im
Miteinander der Kulturen". Deswegen hat man dann konsequent
auch Bands und Künstler wie Mia, Ohrbooten oder Shantel als Headliner des
Festivals gebucht, die ja bekanntermaßen allesamt bestens den Alltag junger
Migranten in den europäischen Metropolen repräsentieren…

* * *

Ich finde übrigens, daß einschlägig bekannte Kreise der EsPeDe Übles wollen.
Etwa, indem sie der Partei eine Krise andichten wollen angesichts aktueller
Umfragewerte - wobei gemeinhin übersehen wird, wie deutlich die alte Tante das
FDP-"Projekt 18" zu übertreffen immer noch in der Lage ist.
Oder neulich, da ging die "Spiegel"-Meldung durch die Welt, in der
SPD-Bundestagsfraktion würden seit Jahren Zeitarbeitskräfte zu Niedriglöhnen
beschäftigt. So arbeiten Sekretärinnen bei der SPD-Bundestagsfraktion für 6,70
Euro pro Stunde. Dann wird hämisch darauf hingewiesen, daß die SPD in der
Großen Koalition für einen gesetzlichen Mindestlohn bei Zeitarbeit von 7,15
Euro (West) und 6,22 Euro (Ost) eintrete, woraus offensichtlich und aus purer
Polemik ein Widerspruch hergeleitet wird.
Dabei vergessen die selbstgefälligen Kommentatoren gerne, daß der Reichstag und
mithin auch die Bundestagsbüros in "Mitte", also im Osten Berlins
liegen, wo naturgemäß immer noch Ost-Tarife Gültigkeit besitzen. Und mit ihrem
Stundenlohn von 6,70 Euro hat die SPD-Bundestagsfraktion freiwillig und
durchaus heldenhaft ihre eigenen Ziele eines Mindestlohns (Ost) von 6,22 Euro
um satte 7,7% übertroffen. Wenn das mal kein Tarifergebnis ist - 7,7 Prozent!

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