06.08.2011

Und Ansonsten 2011-08-06

Wie den Medien zu entnehmen war,
zieht Ex-Minister von und zu Guttenberg für ein Jahr in die USA und plant, dort
ein Buch abzuschreiben.

* * *

Die Nutzer von
Video-on-demand-Seiten gehen weit häufiger ins Kino als der Durchschnitt –
Leute die sich im kostenlosen Internet auf Video- und Filmplattformen
rumtreiben, kaufen teurere Kinokarten, kaufen mehr DVDs und lassen insgesamt
viel mehr Geld bei der Filmbranche. Die Leute nutzen die von der Filmindustrie
verteufelten Webseiten keineswegs nur als Kinoersatz, sondern genau umgekehrt,
als zusätzliche Anregung.

Die Klügeren unter Ihnen werden
jetzt sagen: „Logisch, wußten wir schon lange, was soll das?“ Gewiß doch. Neu
ist allerdings, daß dies die Ergebnisse einer Studie der Gesellschaft für Konsumforschung,
GfK, sind, die üblicherweise „ein treuer Diener ihrer Auftraggeber“
(„Berliner Zeitung“) ist. In der „FAZ“ und kurz danach auch in der „Berliner
Zeitung“ war nun von dieser Studie zu lesen, die ein ziemlicher Schlag ist für
die von der Verwertungsindustrie krampfhaft aufrecht erhaltenen Legende von den
„gierigen Web-Usern mit Umsonst-Mentalität, die den Verleihern, Kinobetreibern
und DVD-Händlern Millionenschäden bescheren“ („Berliner Zeitung“). Die Studie „widerspricht
der Piratenhetze der Filmindustrie“ („FAZ“).

Insofern erscheint es nur logisch,
daß die Studie krampfhaft unter Verschluß gehalten wird – es darf bekanntlich
ja nicht sein, was nicht sein darf – wenn die Wahrheit ans Tageslicht käme,
noch dazu veröffentlicht von einer industriefreundlichen Institution, dann
würde das von der Verwertungsindustrie mühsam konstruierte Märchen vom
Feindbild Film- (und Musik-)Pirat wie ein Kartenhaus zusammenbrechen, und die
Scharfmacher der öffentlichen Debatte stünden plötzlich reichlich nackt da.

Dumm nur, daß die Ergebnisse der
Studie nun im Feuilleton von „FAZ“ und „Berliner Zeitung“ standen. Und klar
natürlich, daß diese Ergebnisse vom „embedded music journalism“ a la Musikwoche
totgeschwiegen werden, wo sonst jeder Furz, den Gorny und Konsorten lassen,
eifrig abgedruckt wird...

 * * *

 Just an dem Sonntag, an dem
die „FAS“ auf ihrer Titelseite meldete „Saudi-Arabien unterstützt Salafisten in
Deutschland“, titelte wenig später „Spiegel Online“: „Waffen-Deal:
Deutschland will Saudi-Arabien Kampfpanzer liefern“.

Die radikalislamistische Bewegung
der Salafisten, die laut Bundesinnenminister Friedrich „eine völlige
Umgestaltung des Staates und der Gesellschaft anstreben“, hat in Deutschland
derzeit laut „FAS“ 2500 Anhänger, mit stark steigender Tendenz. Laut des von
der „FAS“ zitierten Verfassungsschutzberichts 2010 sind „fast ausnahmslos
alle Personen, die den Dschihad befürworten, durch den Salafismus geprägt“.
Ein Benno Köpfer, „Islamwissenschaftler beim baden-württembergischen
Verfassungsschutz“, stellt fest: „Die salafistische Bewegung in Deutschland
wäre ohne den saudischen Einfluß niemals so groß geworden, Saudi Arabien gibt
dafür sehr viel Geld aus“.

Der Scharia-Staat Saudi-Arabien, in
dem die Todesstrafe u.a. mittels Schwerthieb oder öffentlicher Steinigung
praktiziert wird, möchte nun bis zu 200 Leopard-Panzer von Deutschland kaufen,
der Bundessicherheitsrat (in dem u.a. Kanzlerin, Verteidigungs- und
Außenminister sitzen) hat den Export gebilligt. Der Leopard-Panzer ist
besonders geeignet, Demonstranten einzuschüchtern und Barrikaden aus dem Weg zu
räumen. Der „arabische Frühling“ in Bahrein war mit Hilfe saudischen Militärs
blutig niedergeschlagen worden... Doch wer, wie SPD-Nahles oder die „grüne
Gurke“ Roth, sich jetzt moralisch entrüstet, sollte besser schweigen – die
Bundesrepublik ist traditionell eines der Zulieferländer des „terroristischen
Gottesstaates“ (Hermann L. Gremliza) im Rüstungsbereich, auch die rotgrüne
Bundesregierung gestattete beispielsweise den Export von Schießanlagen, Maschinenpistolen,
Maschinenkanonen für Flugzeuge oder Ersatzteile für die Tornados, die man
Saudi-Arabien bereits zuvor geliefert hatte – und auch zu rot-grünen Zeiten lag
Saudi-Arabien bereits „mitten in einem Pulverfaß“, wie sich Frau Nahles heute
echauffiert.

Laut SIPRI, dem Stockholmer
Friedensforschungsinstitut, ist Deutschland in den Jahren von 1998 bis 2009
(zur Erinnerung: das war zum größeren Teil der Zeitraum, in dem die rot-grüne
Regierung neue „politische Grundsätze“ für den Waffenexport erlassen hatte, in
denen es heißt, daß die „Rüstungsexportpolitik restriktiv gestaltet“ werde...)
vom fünft- zum drittgrößten Rüstungsexporteur der Welt aufgestiegen.

Und auch eine andere Zahl ist
aufschlußreich: Zwischen 2006 und 2010 war laut SIPRI – man höre und staune –
Griechenland mit einem Anteil von 15% der wichtigste Abnehmer deutscher
Rüstungsexporte (noch vor Südafrika, der Türkei und Südkorea). Vor zehn Jahren
hat Deutschland Griechenland z.B. dazu gebracht, für 4,9 Milliarden Euro 60
Eurofighter zu bestellen, und „noch vor einem Jahr hat Außenminister
Westerwelle in Athen auf der Abwicklung dieses Geschäfts bestanden“
(Gremliza) – eben: „Griechenland ersäuft in Schulden ja nicht wegen der
Faulheit seiner Bewohner und der Bequemlichkeit seiner Amtsträger, sondern weil
deutsche und französische Unternehmen, Banken und, in deren Auftrag, Politiker
sich mit von Anfang an faulen Krediten den dortigen Markt für deutsche Exporte
erobert haben“ (Gremliza im August-Heft von „konkret“).

Friedens- und Menschenrechts-, vor
allem aber Wirtschaftspolitik, die sie meinen. Die Rüstungslobby-Politik der
Bundeskanzlerin allerdings ist systemisch, hat Methode. Nur eine Woche darauf
reiste Frau Merkel nach Afrika, um u.a. in Angola deutsche Rüstungsgüter
anzupreisen, etwa Patrouillenboote: „Wir würden Ihnen auch gern helfen bei
Ihren Verteidigungsanstrengungen, zum Beispiel bei der Ertüchtigung der
Marine“, so Merkel laut „taz“ bei Ihrer Ansprache in Luanda, der Hauptstadt
des an Erdölvorkommen so reichen Staates, der über eine der stärksten Armeen
des Kontinents verfügt und z.B. im Kongo mehrfach militärisch eingegriffen hat.

Wer angesichts des Atomausstieges
schon gedacht hatte, die Bundeskanzlerin sei irgendwie doch ganz o.k., sieht
sich eines Schlechteren belehrt: So, wie die Kanzlerin noch letztes Jahr der
Atomlobby in den Hintern kroch und die Laufzeiten der bundesdeutschen
Atomkraftwerke auf deren Wunsch hin verlängerte, so ist Angola Merkel aktuell
gerne auch Handlangerin der deutschen Rüstungslobby, die weltweit allüberall
ihre Finger im Dreck stecken hat.

 * * *

Gut würde in den saudi-arabischen
Schariastaat, in dem Homosexualität strengstens verboten ist und sogar mit der
Todesstrafe geahndet werden kann, auch der Kölner Kardinal Meißner passen, der
gerade einen Religionslehrer gefeuert hat, weil der „im Gegensatz zur
Amtskirche offen schwul ist“ (wie Küppersbusch süffisant in der „taz“
geschrieben hat). In der Amtskirche ist halt nur gewöhnlicher Kindesmißbrauch
opportun. Kardinal Meißner jedenfalls findet, man solle sich weniger „um die
sogenannte Energiewende kümmern“, denn „die Abtreibung ist der Super-GAU“...

 * * *

Einen Tafelspitz zubereitet auf Otto
von Habsburg. Mit viel frisch geriebenem Meerrettich, damit man nicht mehr
wußte, wovon einem die Augen mehr tränten – von der österreichisch-kaiserlichen
Beerdigungszeremonie inklusive Stephansdom und Anklopfen an der Kapuzinergruft
– oder von der sechsstündigen Liveübertragung im
deutsch-österreichisch-schweizerischen Kultur(!)kanal 3sat – oder eben doch vom
Meerrettich...

 * * *

Wenn das bei Burda („Bunte“)
erscheinende Kundenmagazin der deutschen Telekom für jüngere Menschen namens
„Electronic Beats“, dessen Chefredakteur seit Neuestem der ehemalige
Chefredakteur von „Spex“ ist, im Impressum der aktuellen Ausgabe, unterhalb von
„...is printed on recycled paper“ und „Electronic Beats Magazine is a division
of the Telekom Electronic Beats Music Sponsoring Program“, „Freedom for Ai
Weiwei“, für den wegen Steuerhinterziehung angeklagten und von bundesdeutschen
und Schweizer Rechtspopulisten unterstützen chinesischen Künstler also,
fordert, dann spricht das Magazin letztlich irgendwo auch pro domo seines
Geldgebers Telekom, denn der ehemalige Aufsichtsratschef der Deutschen Telekom,
Klaus Zumwinkel, zu dessen Amtszeit der Konzern Dutzende Mitarbeiter,
Gewerkschafter und Betriebsräte bespitzeln ließ, wurde wegen
Steuerhinterziehung in Millionenhöhe zu zwei Jahren Freiheitsstrafe auf
Bewährung verurteilt – ein Urteil, das die „Spiegel“-Gerichtsreporterin Gisela
Friedrichsen als „abgekartetes Spiel“ bezeichnete – vermögende Angeklagte
könnten sich „ein Urteil nach ihrem Gusto gestalten“.

In der gleichen Ausgabe der
„Electronic Beats“, wünscht sich Dieter Meier die Zusammenarbeit von Dalai
Lama, Jürgen Habermas und Noam Chomsky: „I hope they would venture beyond
conventional critiques of capitalism to help find solutions for a better use of
human intelligence“.

Wie schön, daß sich immer, aber auch
wirklich immer eins zum anderen fügt.

Und wer sich wundert, was ein
mehrseitiges Gespräch mit Ai Weiwei in der Telekom-Sponsoring-Zeitschrift für
„Electric Beats“ zu suchen hat, dem wird ein ganzseitiges Foto geliefert, das
Ai Weiwei mit einem Smartphone der kalifornischen Sekte zeigt – seinem AiPhone
gewissermaßen.

* * *

Ein anderer Fan des Dalai Lama ist
US-Präsident Obama. Er empfing Herrn Tendzin zu einem 45minütigem
Gedankenaustausch im eigentlich ausländischen Staatspräsidenten vorbehaltenen
Raum des Weißen Hauses.

Was aber trieb Herr Tendzin, der
sich auch Dalai Lama nennt, in Washington, wenn er nicht beim US-Präsidenten
Tee trank? Er führte im Verizon Center (immer diese Telefonfirmen!) den Vorsitz
über ein Mysterienspektakel namens „Kalachakra-Tantra“, das laut „Junge Welt“
versprach, die ganze Welt in einen „Hort des Mitgefühls und der Güte“ zu
verwandeln. Wer sich nicht so recht etwas unter dem Begriff Kalachakra-Tantra
vorstellen kann (sowas solls ja geben): die etwa 20.000 Teilnehmer führen
kollektiv und nach genauer Maßgabe rituelle Verbeugungen, Niederwerfungen und Opferungen
durch, begleitet von Mantrarezitationen: „Om vajra-raksha, ham, om
vajra-ushnisha hum“. An den Nachmittagen sind Vorträge von Herrn Tendzin zu
Themen wie Karma, Wiedergeburt, korrektem Sexualverhalten (dringlichst sei jede
Ejakulation zu vermeiden, so der Dalai Lama) oder Astrologie zu hören.

Wer das gesamte elftägige Ritual
durchlaufe, erwerbe die Berechtigung, als „Shambhala-Krieger“ wiedergeboren zu
werden, so der Dalai Lama, und nehme an einem für das Jahr 2424 prophezeiten
apokalyptischen Endkampf um die buddhokratische Weltherrschaft teil, in dem
alle Feinde vernichtend geschlagen werden; Feldherr dieses Endkampfes werde
kein anderer als der Dalai Lama sein.

Glauben Sie jetzt nicht? Ich
fürchte, ist aber wahr, jedenfalls wird all dies aus Washington D.C. so
berichtet. Tschah.

Was allerdings unklar bleibt, ist
zweierlei – plant Obama, 2424 am Endkampf des Dalai Lama teilzunehmen? Und:
warum regen sich die Chinesen so auf, daß der durchgeknallte Herr Tendzin
seinen Blödsinn 45 Minuten lang dem US-Präsidenten vortragen durfte?

Laßt ihn doch reden...

* * *

Amüsant, wie in der bürgerlichen
Presse der SPD-Politiker Steinbrück kontinuierlich als Kanzlerkandidat
herbeigeredet wird. Klar, die Deutschen lieben das „Schneidige“, unser
Guttenberg ist weg, unser Schmidt ist alt und bei der „Zeit“, also wird ein
neuer Tabubrecher, der das „klare Wort“ liebt, benötigt und flugs inszeniert –
und Steinbrück macht das Spiel geschmeichelt mit. Der SPD-Politiker wird uns
derzeit bevorzugt als Wirtschafts- und Finanzexperte ans Herz gelegt. Sie
wissen schon, Finanzexperten sind die, die keine Ahnung haben, deren Prognosen
seltener zutreffen als die eines Schimpansen, der mit Darts auf die Wand wirft,
die aber ihren Blödsinn jederzeit in den Talkshows des öffentlich-rechtlichen
Fernsehens aufsagen dürfen, ohne daß irgendjemand sie jemals mit dem
konfrontieren würde, was sie vor paar Wochen, Monaten oder Jahren so von sich
gegeben haben.

Steinbrück, der Wirtschafts- und
Finanzexperte zum Beispiel, war der Finanzminister, der noch zehn Tage, bevor
deutsche Banken vor dem Aus standen, behauptet hatte, die Bankenkrise sei auf
die USA beschränkt und spiele für die deutsche Wirtschaft und für die deutsche
Haushaltspolitik keine Rolle. Ein echter Experte eben.

* * *

Ganz so wie die
„Terrorismus-Experten“ bzw. „Terror-Experten“ (so im ZDF) aller deutscher
Fernsehsender, ob öffentlich-rechtlich oder privat, die am Tag der norwegischen
Attentate das deutsche Fernsehpublikum stundenlang mit Mutmaßungen
unterhielten, es sei zwar „noch nichts klar“, die Attentate seien aber
eindeutig entweder von Al Qaida oder ganz allgemein von Islamisten verübt
worden. Oder sie seien ein Racheakt von Gaddafi.

Am Tag darauf durfte man die zum
Teil gleichen „Experten“ bestaunen, wie sie mit größter Selbstverständlichkeit
das Gedankengebäude des rechtsextremen norwegischen Attentäters erklärten. Was
für eine Welt.

* * *

Für einen Tiefpunkt des sogenannten
„Journalismus“ im deutschen Staatsfernsehen sorgte ausgerechnet das
Kulturmagazin „aspekte“, das den „Salon-Nazi“ (Küppersbusch) Sarrazin von einer
einigermaßen hilflosen türkischstämmigen Journalistin durch Neukölln und
Kreuzberg begleiten ließ, wo der Sozialdemokrat seinen rassistischen Dumpfkram
aufsagen durfte. Und so sorgte „aspekte“ dafür, daß das fast schon vergessene
deutsche Thema „Sarrazin“ wieder durchs mediale Dorf geprügelt und allüberall
aufgewärmt wurde.

Wenn das der Journalismus des ZDF
ist, dann wünscht man sich fast, der Sender möge lieber jede erdenkliche
Prinzenhochzeit und jedes Adeligen-Begräbnis zeigen, das sich weltweit anbietet
– da können sie wenigstens nichts kaputtmachen und den kritischen Journalismus
praktizieren, den sie meinen.

* * *

Joachim Lottmann war für den
„Rolling Stone“ zu Besuch im grünen Milieu. Er brachte es an den Tag: Boris
Palmer, seit 2007 Oberbürgermeister von Tübingen, „hört gerne Dire Straits,
Police, Sting, BAP, Foreigner, Shakira und Anastacia. Mit Betonung auf Dire
Straits. (...) Palmer schwärmt von der schönen Frontfrau von Juli, seiner
Lieblingsband. Gelesen hat er wenig, eigentlich nur Perry Rhodan – alle 875
Folgen – und später „Der Schwarm“ von Frank Schätzing.“

Lottmann zieht das Fazit: „Boris
Palmer ist der grüne Obama. In Zukunft vielleicht Kanzlerkandidat. Er mag die
Dire Straits. Und Perry Rhodan. Wollen wir so einen? Klar.“

Zugegeben, wir sind vom
Musikgeschmack unserer Kanzler Kummer gewohnt. Schröder liebt die Scorpions,
Merkel fühlt sich irgendwie zwischen Leslie Mandoki und Richard Wagner hin und
hergezogen. Aber wollen wir einen grünen Kanzler, der Dire Straits, Juli und
BAP liebt und nur Perry Rhodan und Frank Schätzing liest? Ich würde sagen: eher
nein. Vielen Dank auch.

* * *

Manche Leserin und mancher Leser
dieses Rundbriefs wird es vielleicht wissen: der Autor ist in den 70er Jahren
in Oberbayern aufgewachsen, nicht allzuweit entfernt von der Stadt, die das
sogenannte Oktoberfest, die „Wiesn“, beheimatet.

In der Jugend des Verfassers war es
so ziemlich das Unmöglichste, Uncoolste, Unopportunste und Doofste, was man tun
konnte, aufs Oktoberfest zu gehen. Die Millionen, die sich zu dumpfer Blasmusik
ihr Leben mittels etlicher Maß Bier schöntranken, waren schwer zu ertragen –
wer etwas auf sich hielt, wer versuchte, ein Mensch von Geist und Geschmack zu
sein, der machte einen großen Bogen um die „Wiesn“ und sah statt dessen
Achternbuschs entlarvenden Film „Bierkampf“.

Tempora mutantur. Heutzutage gehen
die jungen Leute aufs Oktoberfest, staffieren sich zu diesem Behufe mit einem
Leih-Dirndl oder einer Trachtenjacke aus, selbst Münchner Alternativbetriebe
feiern mit Belegschaft und Geschäftspartnern in den Bierzelten bei Blasmusik
und Bier... das „anything goes“ der Postpostmoderne hat längst auch hier Einzug
gehalten.

Daran mußte ich denken, als ich
dieser Tage beim Melt-Festival erwachsene junge Menschen betrachtete, die sich
als Hasen oder Bienen oder Bananen oder Elche verkleidet hatten. Ganz ehrlich:
ich halte das für eine bedenkliche Entwicklung. Sicher, ich will gerne zugeben,
daß es auf Festivals mitunter Musik zu hören gibt, die möglicherweise nur in
einem Ganzkörperhasenkostüm zu ertragen ist – aber was tut man, wenn diese
Musik vorbei ist, eine andere Band zu spielen beginnt, man aber immer noch in
seinem Hasen- oder Bananenkostüm rumläuft? Eben. Das ist nicht lustig.

(bei dieser Gelegenheit: auch nicht
lustig ist diese neue „Mode“, daß Leute mit Fahrradhelmen rumfahren, die den
Wehrmachtshelmen ähnlich sehen, mit denen ihre Väter und Großväter nach Polen
einmarschiert sind... die Wahl solch eines Fahrradhelms signalisiert höchstens:
in diesem Kopf ist wenig Schützenswertes...)

* * *

„Gefühlvoll klingt Händel zu Fotos
von Jim Rakete.“

Betreffzeile der „Merkmail“ des
Versandhändlers 2001

* * *

Man kann diese verlegerische Großtat
nicht genug bejubeln: Im ohnedies sehr lobenswerten Verbrecher-Verlag werden
die gesamten Tagebücher von Erich Mühsam in 15 Bänden herausgegeben. Soeben ist
der erste Band (1910/11) erschienen. Doch nicht nur dies: parallel erscheinen
die gesamten Tagebücher auch kostenlos im Netz (hallo, Zeitungsverleger! habt
ihr gehört?!? KOSTENLOS!!!...). Volltext. Üppig erläutert mit Hinweisen zu
Personen und Begebenheiten durch Anklicken wie bei Wikipedia. Mit ausführlichem
Personenregister. Und man kann in die Handschrift sehen. Es ist ein kompletter
Genuß. Und wie der Verleger sagt: natürlich kaufen viele, die im Internet in
den Tagebüchern stöbern, auch die gedruckte Version, denn man will auch das
Buch in der Hand halten – und parallel in den Erläuterungen im Internet stöbern
oder die Textsuche nutzen. Die erste Auflage ist bereits ausverkauft, man muß
nachdrucken. Wunderbar! Und den herrlichen Texten sozusagen ebenbürtig. Allein,
wie Mühsam über den Anthroposophen Rudolf Steiner herzieht, muß man gelesen
haben...

Wie man überhaupt mal festhalten
muß, daß der gerne verwendete Begriff „Suhrkamp-Kultur“ etwas zunehmend
Gestriges hat (wobei ich, am Rande gesagt, schon immer die „März-Kultur“
vorgezogen habe...). Die meisten spannenden neuen Bücher in meiner Bibliothek
kommen längst von Verlagen wie dem Verbrecher Verlag, diaphanes oder Merve, um
nur mal drei zu nennen. Allein, was zum Beispiel diaphanes so in den letzten
zwei, drei Jahren gedruckt hat von Badiou, Derrida, Rancierre oder Vogl, dafür
geb ich gerne ein Jahrzehnt edition suhrkamp her... Lange lebe also die März-
oder die Verbrecher-Kultur! Mußte mal gesagt werden.

* * *

Die „Jüdische Allgemeine“ berichtet
von einem besonderen Seitenaspekt der Globalisierung: „Tausende
palästinensischer Frauen verdienen ihren Lebensunterhalt mit dem Häkeln von Kippot,
wie sie nationalreligiöse Siedler bevorzugt tragen (...) Früher haben die
Textilarbeiterinnen Keffijas hergestellt. Die symbolträchtigen
Palästinensertücher werden inzwischen jedoch aus China zu Dumpingpreisen
importiert.“ Die Palästinensertücher kommen neuerdings aus China, dafür
kommen die Kippot der nationalreligiösen jüdischen Siedler nun aus
Palästinenserhand. Das Leben hat manchmal wirklich gute Geschichten zu
bieten...

* * *

Gunter Gabriel hat noch Pläne. Etwa
diesen: „Man könnte Lieder von Franz Schubert aufnehmen, mit einem Johnny
Cash-typischen Boom-Chicka-Boom (...) Boom-Chicka-Boom, die launische Forelle,
vorüber wie ein Pfeil, Chicka-Boom, verstehst du?“ Wir verstehen. Auf die
Erklärung, daß der Liedtext des revolutionären Dichters Christian Friedrich
Daniel Schubart, der auf der Festung Hohenasperg eingesperrt worden war, seine
eigene Täuschung und Gefangennahme beschreibt, stellt Gunter Gabriel im
Gespräch mit Springers „Welt“ fest: „Das paßt ja. Ich bin auch ein
rebellischer Mensch. Und dazu dann ein paar Lieder aus der Winterreise.“

Im Moment ist Gunter Gabriel
allerdings fern davon, so rebellisch zu sein, daß ihn dieser Staat einsperren
müßte, ganz im Gegenteil: im Staatsfernsehen NDR, das sich mit Gunter Gabriel
die „Haltung“ teilt, sich für keine Peinlichkeit zu schade zu sein, läuft diese
Woche die Doku-Soap „Der Hafencowboy“ mit Gunter Gabriel an...

* * *

„Genau dann, wenn alle Menschen
damit beschäftigt sind, an sich und aneinander herumzuschnüffeln, werden sie
für die Vorgänge insgesamt anästhesiert.“

Marshall McLuhan

* * *

Aus unserer kleinen Reihe „unverlangte Künstlerangebote“ diesmal ein Name, den
ich noch nie gehört hatte: Unter dem Betreff „Gina-Lisa Lohfink: Neu-Single,
Topmodel & It-Girl“ wird eine junge Dame wie folgt angeboten: „Wie
viele von Ihnen sicherlich mitbekommen haben, gab es in den letzten Wochen kaum
einen Tag, an dem Neu-Single Gina-Lisa nicht in irgendeinem großen Medium in
Deutschland präsent war. U.a. heiße Küsse mit Popstar und Bußenfreundin (die
originelle Rechtschreibung so im Original, BS) Loona oder ihre Trennung von
Fußballstar Arthur Boka sorgten für wahnsinniges Interesse. (...) Wir freuen
uns auf Ihre Event-Vorschläge!“

Zugegeben, ich kenne weder den Popbußenstar Loona noch den Fußballstar Arthur
Boka, geschweige denn It-Girl Gina-Lisa Lohfink, deren „authentische,
natürliche Art“ sie ganz sicher schnell „zum Liebling der Zuschauer“ gemacht
hat. Insofern will mir ein „Event-Vorschlag“ mit Gina-Lisa Lohfink leider nicht
so recht einfallen. Und die Vorgruppen-Slots für Iron & Wine oder Depedro
scheinen mir leider auch etwas zu anspruchsvoll zu sein. Tut mir
leid. Medium hin, Medien her.

* * *

Ansonsten: „Ars longa, spectatores figaces.“ („Art is forever. An
audience comes and goes.“)
(Pere Ubu)
Wobei uns lieber ist, Sie kommen... und zwar bevorzugt zu unseren Konzerten.
Genießen Sie den Sommer! Auch der kommt und geht... Tun Sie Buße. Aber nicht zu
viel.
Om vajra-ushnisha hum, boom-chicka-boom, om vajra-ushnisha hum!

04.07.2011

Und Ansonsten 2011-07-04

Nun
hat also auch die Linkspartei etwas, was die Welt nicht braucht, nämlich einen
„rockmusikpolitischen Sprecher“. Kann sich noch jemand an „Siggi Pop“, den
damaligen popmusikalischen Sprecher der SPD, Siegmar Gabriel, erinnern? Für die
Jüngeren unter uns: SPD, das ist die Splitterpartei mit dem Rassisten Sarrazin,
die einstmals als „Volkspartei“ eine gewisse Rolle als Radieschen (von
Tucholsky ist das: „außen rot / innen weiß“) gespielt hat. Nun kann man, wie
Jens Balzer in der „Berliner Zeitung“, natürlich behaupten, daß ein pop- oder
rockmusikalischer Sprecher als Abschußrampe für eine gediegene
Funktionärskarriere dient – immerhin ist Siegmar Gabriel heute Sprecher nicht
nur der Popabteilung, sondern der Gesamt-SPD. Man kann andrerseits aber auch
darauf hinweisen, daß die SPD seit Einführung des Amtes eines „Beauftragten des
Parteivorstands für Popkultur und Popdiskurs“ etwa die Hälfte aller
Wählerstimmen verloren hat. Was dann wiederum für die Linke, deren
Bundestagsfraktion sich seit Neuestem einen „rockmusikpolitischen Sprecher“
hält, eine beängstigende Perspektive sein dürfte.

* * *

Frau Merkel bevorzugt musikalisch übrigens Leslie Mandoki, wie sie laut
„Musikwoche“ anläßlich der „CDU MediaNight“ sagte: „Die Frage der Freiheit
durchzieht alles, was sie machen (...) Leslie Mandokis Musik höre ich gerne. Er
ist ein Künstler, der ein klares politisches Bekenntnis abgibt, und er macht
uns damit auch Mut.“
Ob Frau Merkel mit dem „klaren politischen Bekenntnis“ und der „Mutmachmusik“
eher Mandokis Beitrag als Urschreier bei Dschingis Khan („He Reiter – Ho Leute
– He Reiter – immer weiter! / Dsching, Dsching, Dschingis Khan / Auf Brüder –
sauft Brüder! – rauft Brüder! Immer wieder / Laßt noch Wodka holen / Denn wir
sind Mongolen“) meint, oder seinen Text „Wir sind wir“ für „teAM Deutschland“
(„Wir sind jetzt und wir sind wir, voller Kraft und Hand in Hand / Wir sind
stark und wir sind hier, klare Sicht und schönes Land / Mit dem Licht von
Morgen in der Hand haben wir die Zeichen der Zeit erkannt / Und erreichen unser
Ziel mit Herz und mit Verstand“...), bleibt offen.
Schön jedenfalls zu wissen, daß Frau Merkel, die ich auch schon mal in der
Berliner Staatsoper bei „Tristan“ gesehen habe, solche Musik „gerne hört“.

* * *

Frau Merkel übrigens, die innerhalb einer Woche ihre Freude über den Tod von
Osama Bin Ladens kundtat und von der israelischen Regierung verlangte, der
Hamas einen eigenen Staat einzurichten – eben der Hamas, deren Chef zwei Tage
zuvor wiederum Osama Bin Laden einen Helden genannt hatte, über dessen Tod sich
Frau Merkel so gefreut hatte...

* * *

Eine Aufgabe aus dem bairischen Zentralabitur 2010, Grundkurs Geographie (laut
„Konkret“):
„Im Rahmen des Ausbaus der Energieerzeugung aus Kernkraft wurde beschlossen,
die japanischen Kernkraftwerke an den Küsten, jedoch in Entfernung zu den
großen Verdichtungsräumen zu errichten. Begründen Sie diese Entscheidung und
stellen Sie positive Effekte für die Entwicklung der räumlichen Strukturen an
diesen Standorten dar!“

* * *

Das renommierte „Deutsche Grammophon“-Klassik-Label hat in den letzten Jahren
eine merkwürdige Strategie hinter sich. War in der Vergangenheit die Qualität
vieler Alben des Labels unstrittig (Benedetti-Michelangeli! Pollini!
Kleiber!...), hat sich die Qualität vieler DG-Veröffentlichungen leider in den
letzten Jahren im Durchschnitt derartig verschlechtert, daß das Label zunehmend
auf dubiose Marketing-Strategien zurückgreifen mußte. Deren beliebteste war,
die weiblichen Interpreten in schlüpfrigen, pseudo-sexy Posen zu inszenieren,
als ob sie für Deos oder Feinstrumpfhosen werben würden und nicht für
Einspielungen klassischer Musik. Ein typischer Weg – wer auf die Qualität
seines Produktes nicht mehr vertrauen kann, neigt zur Verzweiflungstat.
Dieser Tage ist ein außergewöhnliches, hervorragendes Album bei DG erschienen:
das Debüt-Recital der verehrungswürdigen Sopranistin Anna Prohaska. Ein mutiges
Programm, von Mahler über Debussy und Dowland zu Haydn und Schubert;
Szymanowski, Schumann, Honegger, Dvorak und Purcell – was sich liest wie ein
Fleckerlteppich, geht hervorragend auf und ist interpretatorisch immer auf der
Höhe. Eines der „Alben des Jahres“ also, wie Musikjournalisten sagen würden.
Warum das Programm allerdings „Sirène“ heißen muß, und vor allem, warum Anna
Prohaska sich von der Marketingabteilung ihrer Plattenfirma hat breitschlagen
lassen, sich auf Cover und im ganzen Album in softpornografischen Posen
fotografieren zu lassen, ist enttäuschend. Klar, das Label will es so, dort
herrscht seit Jahren Altherrenschmonzes bei der Vermarktung weiblicher Künstler
vor – da wird die Geigerin Julia Fischer im hauseigenen Magazin wahlweise als
„Bach-Blüte“ oder „Der Bachfisch“ bezeichnet, da wird Elina Garanca „So Bel
kann Canto sein“ betitelt. Daß sich aber ausgerechnet eine selbstbewußte junge
Sängerin wie Anna Prohaska für eine eher sexistische Inszenierung hergibt,
hatte man nicht erwartet.

* * *

Wie sagt man eigentlich „den Bock zum Gärtner machen“, wenn es sich um eine
Frau handelt?
Die FDP-Europaabgeordnete Silvana Koch-Mehrin wurde jedenfalls kurz, nachdem
ihr von der Uni Heidelberg der Doktortitel aberkannt wurde, weil sie
offensichtlich ihre Doktorarbeit zu weiten Teilen abgeschrieben hat, zum
Mitglied im Forschungsausschuß des Europaparlaments ernannt (als Ersatz für einen
FDP-Kollegen, der zurücktreten mußte, weil er ebenfalls seinen Doktortitel
wegen Abschreibens verloren hatte – was ist los mit der sogenannten liberalen
Elite?!?). Dann aber war der Protest und die Häme doch zu groß, und die
FDP-Politikerin verzichtete auf den Sitz im Forschungsausschuß. Ihr Mandat im
Europaparlament behält sie jedoch.

* * *

Noch im vergangenen Jahr „jammerte U2-Rumpelstilz Bono, wie sehr er
enttäuscht sei über die mittelprächtigen Absatzzahlen“ seines letzten
Albums – so Christoph Dallach in „Spiegel Online“. In der aktuellen
„Forbes“-Übersicht der Pop-Großverdiener allerdings landet für 2010 der „arme
Bono und seine Gang“ (Dallach) auf Platz 1, die Band verdiente im
vergangenen Jahr die wahrlich enttäuschende Summe von nur 195 Millionen
US-Dollar. So ist eben alles relativ.
Weniger relativ ist allerdings der Protest, der beim jüngsten Auftritt von U2
beim legendären Glastonbury-Festival massenhaft gegen die Band vorgebracht
wurde. Bono, der selbsternannte Gutmensch, Weltenretter und Louis
Vuitton-Model, und seine Band, die gerne allüberall zu Spenden gegen die
weltweite Armut aufrufen, bunkern ihre Hunderten von Millionen nicht etwa in
ihrem – wirtschaftlich angeschlagenen – Heimatland, wo sie mit ihren
Steuerzahlungen einen Beitrag zu einem gerechten Sozialsystem leisten könnten,
sondern haben ihre Firma ins Steuerparadies Holland transferiert, um von ihren
Millionen möglichst viel für sich selbst übrig zu behalten.
Cui Bono? Eben.

* * *

Auch die Popsängerin „Adele“ ist kein Freund des Steuerzahlens. Sie fühle sich
„gedemütigt“, 50 Prozent Steuern zahlen zu müssen, sagte sie dem britischen
Musikmagazin „Q“ in einem Interview. Schon der Steuerbescheid nach ihrem ersten
Album „19“ brachte die junge Sängerin völlig außer Fassung: „Ich war bereit,
eine Waffe zu kaufen und wahllos loszuballern“.
Adele kritisierte die öffentlichen Einrichtungen, die mit ihren Steuergeldern
finanziert werden – etwa den öffentlichen Nahverkehr, die staatlichen Schulen,
das staatliche Gesundheitssystem. Die neoliberalen Kräfte in ihrem Heimatland
werden sich über die öffentlichen Äußerungen der Sängerin freuen...

* * *

Dieses Künstlerangebot aus unserem Posteingang hat uns sehr gefreut:
„Vogelfrey, der Pakt der Geächteten. Hinter diesem Namen verbirgt sich eine
raffinierte und eigenständige Mischung aus Mittelalter, Folklore, Rock und
Metal, kurz und bündig Folk Metal genannt.“
Eigentlich ist eine „eigenständige Mischung aus Mittelalter, Folklore, Rock und
Metal“ genau das, was wir lieben, aber irgendwie war dann doch etwas zu wenig
Gothik im Pakt der Geächteten, um uns für diese Band zu entscheiden...

* * *

Bernd Cailloux, dachten wir, sei ein Schriftsteller, der bei Suhrkamp ein, zwei
o.k.e Bücher veröffentlicht hat, die nicht großartig sind, aber auch niemandem
weh tun.
Dann aber outete sich der selbsternannte Chronist der 68er in der „Zeit“ aufs
Unangenehmste: „Die Wende“ etwa, sagt Cailloux, „hat uns ja viel
eingebrockt. Das war einfach nur eine Katastrophe.“ Kann man so stehen
lassen, denkt man. Aber Cailloux hat es so gemeint: „Sie hat uns die vielen
Ausländer hier reingespült, hier ist jetzt richtiger Stellungskampf, die
Potsdamer Straße ist voll, nur Goltz- und Motzstraße haben sie noch nicht.“
Wie bitte?
Aber der Alt-68er meint es ernst: „Meiner Ansicht nach passen sie nicht
zusammen, Deutsche und die, auf die sie hier treffen.“ Und: die Ausländer „breiten
sich unglaublich aus“...
Aha.
Die „Zeit“-Autorin geht mit Cailloux weiter durch seinen Schöneberger Kiez, man
kommt am Schwulenclub Goya in der Motzstraße vorbei. „Riechen Sie was? Es
riecht schon etwas nach schwul“, läßt der Schriftsteller wissen.
Warum die „Zeit“ einem offensichtlich schwulenfeindlichen Rassisten, der eine
Art "Westentaschen-Sarrazin von der Motzstraße" gibt, ein einseitiges
Porträt in ihrer Zeitung schenkt, bleibt natürlich ein Rätsel. Daß dieser
ekelhafte Typ es wagt, an einer Veranstaltung  über den großen Jörg Fauser
zu sprechen, sollte jedenfalls verboten werden.
Kleinbürgerliche Renegaten, die als ewig besserwissende Alt-68er durch die Welt
bzw. durch ihren Kiez laufen, sind die schlimmsten denkbaren Zeitgenossen.

* * *

Manche machen Musik, um die Welt zu ändern, manche machen Musik, um die
Menschen zu beglücken, das eine wie das andere gelingt mal mehr, mal weniger.
Manche sind auch einfach nur „in it for the money“. Manche aber machen auch
bloß Musik für ihren Grabstein.
Die Sängerin der Kölner Popband „Klee“ jedenfalls verriet der „Berliner
Zeitung“ dieser Tage, daß sie sich wünscht, daß der Titel ihres Songs „Ich
will nicht gehen, wenn’s am Schönsten ist“ auf ihrem Grabstein stehen soll.
„Dem fühlt sie sich gar nicht so fern“. Interessant.
Die Zeile „Ich werd’ nicht aufhören, auf die Liebe zu schwören“ aus
diesem Song dagegen möchte sich die Sängerin „auf den Oberarm tätowieren
lassen, das ist ja so in Mode geraten“.
Ich weiß nicht, was in Köln gerade Mode ist – ich weiß nur, daß die Mode,
Unsinn zu plappern, scheinbar nicht auszurotten ist.

* * *

Hier in Berlin gab es zuletzt verzweifelte Spendenaktionen. Wofür aber wurde gesammelt?
Für die Opfer der Reaktorkatastrophe in Fukushima? Für Hungernde in Afrika? Für
den pleite gegangenen Schauspieler Horst Janson (kein Scherz, googeln Sie mal
„Spendenaufruf“, da landen Sie sofort bei „mit einem Euro sind Fans von
Horst Janson dabei, sein Anwalt hat eine Spendenaktion für den bankrotten
Schauspieler initiiert“...)?
Nein, hier geht es um unsere Abiturienten, die gerne „Hauptsache
Schickimicki“ („taz“) ihr Abi feiern wollen und es heutzutage scheinbar
nicht mehr unter Luxushotel, Limoservice, Live-Kapelle und Gala-Dinner machen.
51 Euro kostet eine Karte für den Abiball der Hellersdorfer Abiturienten, dazu
kommen die Ausgaben für Ballkleider, Schuhe, Anzüge, Krawatten, denn so laufen
die jungen Herrschaften heutzutage durch ihre Abschlußveranstaltung – und der
Ball wird natürlich von einer Eventagentur organisiert, in den Sälen der
Luxushotels der Stadt. Dumm nur, daß die Eventagentur scheinbar mit den Geldern
durchgebrannt ist, weswegen die Abiturienten zwar möglicherweise etwas fürs
Leben gelernt haben, aber ohne ihren Ball da standen... Finden Sie nicht so
schlimm? Sie sagen, früher hätte man so was gar nicht aufwendig gefeiert? Und
die ein Jahrzehnt Jüngeren sagen, früher hätte man die Feier selbst
organisiert? Tschah, tempora mutantur, wie der Lateiner sagt, heutzutage, in
der Berliner Republik, ist die Abifeier wieder „Ausweis der sozialen
Differenz, wie in den fünfziger Jahren“ („Süddeutsche Zeitung“), die
Ansprüche der Kids steigen eben.
Die Erbschaften übrigens auch – die Deutschen reichen immer mehr Geld an ihre
Nachkommen weiter. Bis zum Jahr 2020 werden laut einer Studie des „Deutschen
Instituts für Altersvorsorge“ 2,6 Billionen Euro vererbt (20% mehr als im
letzten Jahrzehnt) – was man mit dem Geld alles machen könnte! Jährlich
spielend mehrere Griechenlands retten beispielsweise. Allerdings: die
Erbschaften verschärfen das Wohlstandsgefälle, denn die Verteilung ist
ungleich. Zwar sei die „derzeitige Erbengeneration die einkommensstärkste
und vermögendste, die Deutschland je gesehen hat“, aber nur ganz wenige
Erben können mit einem großen Vermögen rechnen, die meisten werden nur
bescheidene Beträge erben. Gutverdiener, die „häufig eine bessere Ausbildung
genossen haben als der Durchschnitt der Bevölkerung, weil sie aus einem wohlhabenden
Elternhaus stammen und dadurch mehr Geld in die Bildung investieren konnten,
erben tendenziell mehr“, so das „DIA“.
Womit wir wieder zurück bei den Berliner Abiturienten sind – die vielleicht
angesichts all dessen mit nicht ganz so viel Mitleid, sondern eventuell mit
Spott rechnen sollten. Denn wer den Schaden hat, der wird schon erben. Oder so.

* * *

Und was machen die Abiturienten und ihre wohlhabenden Eltern, wenn sie mal
etwas Bildung wollen? Nachdem sie bei Manufaktum oder Ikea ihre Bücherregale
gekauft haben?
Sie wenden sich an die andere Verbreitungsagentur doller Dinge in dieser
Republik, an den Versandhändler Zweitausendeins. Dort bekommt man „Merkmails“,
und darin kann man erwerben, alles auf einmal: „Statt Dosenravioli – ein
Maximum an Genuß“, das Buch „Bäume“ („Der Baum gleicht einem betenden
Menschen: Er sieht aus wie ein Mensch, der still steht, die Arme hebt und eine
Unterredung mit Mächten zu unternehmen sucht, auf die er kaum Einfluß zu nehmen
erhofft hatte“ – wer das weiterlesen will, muß eine Strafe von 9,90 Euro
zahlen...), ein „Cool Camping Buch“, Sonderangebote eines Verlages, der „die
Worte leben läßt“, ein Buch gegen Ai Weiwei und für die chinesische
Kulturrevolution oder umgekehrt, und „zum guten Schluß ein Gedicht von Ringelnatz“,
denn der ist tot und kann sich nicht wehren, hier vereinnahmt zu werden.

* * *

Daß die Bundesregierung, die noch im vergangenen Jahr den Eindruck erweckte,
die Kosten des Ausstiegs aus der Atomkraft und des Umstiegs auf alternative
Energien seien so astronomisch, daß die billige Kernkraft unbedingt verlängert
genutzt werden müsse, nun sagt, daß der Strompreis beim Atomausstieg um nicht
mehr als einen Cent pro Kilowattstunde steigen werde, bedeutet ganz einfach,
daß die Bundesregierung entweder letzten Herbst oder jetzt die Unwahrheit
gesagt hat oder sagt. So oder so, die Bundesregierung hat die Bürger belogen.
Was in Sachen Atomkraft natürlich nicht wirklich eine Überraschung ist.
Ebenso wenig eine Überraschung jedenfalls wie der Beschluß der „Grünen“, dem
Atomausstieg zum Jahr 2022 (der jederzeit widerrufen werden kann, wie wir ja
auch letzten Herbst bereits erleben mußten) von Schwarz-Gelb zuzustimmen,
obwohl man doch gerade einen Gesetzentwurf in den Bundestag eingebracht hatte,
wonach man den Atomausstieg bereits bis zum Jahr 2017 umgesetzt sehen wollte.
Die einen nennen das Spiel „Demokratie“, der französische Philosoph Alain
Badiou dagegen spricht vom heutigen Modell westlicher Demokratie als „parlamentarischen
Fetischismus“...

* * *
"Die drei Hauptthesen: daß wir der Perfektion unserer Produkte nicht
gewachsen sind; daß wir mehr herstellen, als wir uns vorstellen und
verantworten können; und daß wir glauben, das, was wir können, auch zu dürfen:
diese drei Grundthesen sind angesichts der im letzten Vierteljahrhundert
offenbar gewordenen Umweltgefahren leider aktueller und brisanter als
damals." (Günther Anders, Die Antiquiertheit des Menschen, 1979 im
Vorwort zur 5.Auflage)
* * *

MySpace muß man hauptsächlich dafür lieben, daß es das Geld des reaktionären
Medienmoguls Rupert Murdoch vernichtet hat. Vor gar nicht so langer Zeit hat
Murdoch MySpace für 580 Millionen Dollar seinem Imperium einverleibt. Nun hat
Murdoch MySpace für nur noch 35 Millionen Dollar verkauft. Klasse.
Wenn Sie einen Tip suchen, wie Sie Ihr Geld vernichten wollen, nehmen Sie den
hier, ich gebe ihn kostenlos: Investieren Sie in Facebook! Damit wirds auch in
nicht allzu ferner Zukunft rasant bergab gehen, wenn all die jungen Menschen
festgestellt haben werden, daß man seine Facebook-Freunde nicht in den Arm
nehmen kann.
Ach, übrigens: wenn Sie unser Facebook-Freund werden wollen, nur zu:
Facebook
Agentur Seliger

* * *

Auch so ein echter Auskenner: „Ich weiß nicht, wann das Internet voll ist“,
merkte Kulturstaatsminister Bernd Neumann gewohnt kompetent an. Ich weiß
allerdings, wann jemand wahlweise doof oder bescheuert ist.

* * *

Was aber kann man tun, wenn man das eine und das andere ist? Dann hilft
nur noch beten.
„Es ist besser, mit Taliban zu beten, als sie zu bombardieren“ – also
sprach die evangelische Allzweckwaffe und Lieblingsautorin der
BundesbürgerInnen, Margot Käßmann.
Wollen wir die Dame für die nächsten paar Jahre also nach Afghanistan schicken?
Dort hat sie dann viel zu beten und kann keine Bücher mehr schreiben, was ja
immerhin eine erfreuliche Nachricht wäre.

* * *

Und was macht "Spex"? "Mister Spex" jedenfalls ist nicht
nur damit beschäftigt, die nächste Musikzeitschrift runterzuwirtschaften,
sondern hat ein zusätzliches Auskommen im Brillengeschäft gefunden:
"Mister Spex sorgt für Durchblick - Mister Spex, Deutschlands größter
Online-Versand für Markenbrillen vertreibt Brillen, Sonnen- und Sportbrillen
von mehr als 90 Marken", flötet die Werbung.
It's sponsoring, stupid!

* * *

Verbindlichsten Dank für all die Zuschriften zum Thema Tattoo und Tattoo. Klar
hätte ich das auch selbst googeln können, aber dann hätte ich nicht all die
netten, vergnüglichen und interessanten Zuschriften erhalten, weswegen ich auch
im Nachhinein Sie gegenüber Google bevorzuge... ich bin mittlerweile jedenfalls
ein echter Tattoo-Experte – wer hätte das gedacht.
Die ausgeschriebene Flasche Weißwein wurde verdoppelt – eine geht an unseren
Leser Christof Ellinghaus, der die erste von vielen ausführlichen und
sachkundigen Erklärungen geschickt und der den Berliner Militarismus noch dazu
hübsch mit dieser Erklärung verwoben hat. Eine zusätzliche Flasche Weißwein war
mir die originellste Erklärung zu „Tattoo“ wert, sie stammt von Michael Binder
und geht so:
„Meines Erachtens ist die "Event"-Bezeichnung "Berlin
Tattoo" lautmalerisch gemeint. Tut-Tut-Tatü-Tata-Tatu-Tattoo klingt es
ungefähr, wenn ein bärtiger Uniformierter ins Horn stößt (oder auch Herr
Niedecken bei seinem neuen Skoda die Hupe betätigt). Dass Tattoo eigentlich die
englische Bezeichnung für Tätowierung ist, ist offensichtlich sowohl beim
Deutschen Bundeswehr-Verband als auch bei der O2-World unbekannt.“

In diesem Sinne: Genießen Sie den Sommer! Machen Sie viel Tattoo!

06.06.2011

Und Ansonsten 2011-06-06

Im
Fußball werden wir nächstes Jahr sehen, wer Europameister wird – der
Europameister bei den Rüstungsexporten steht bereits fest: es ist Deutschland.
Ein trauriger Titel. Deutschland hat Waffen an das autoritäre Regime von Hosni
Mubarak in Ägypten geliefert, Deutschland hat das Regime von Muammar Gaddafi in
Libyen aufgerüstet und die Genehmigung für die Lizenzproduktion des
Sturmgewehrs von Heckler & Koch an das Königreich Saudi-Arabien (das ist
das autoritäre Regime, von dem Politik und Medien hierzulande schweigen)
erteilt.
Kleinwaffen, einer der Exportschlager der deutschen Rüstungsindustrie, fordern
weltweit den größten Teil der Todesopfer in Kriegen und Bürgerkriegen. Allein
die Firma Heckler & Koch hat mittlerweile schätzungsweise 1,5 Millionen
Tote durch Entwicklung und Export von Kleinwaffen zu verantworten.
Waffenexporte richten gigantischen Schaden bei der Bekämpfung von Armut und
Hunger an.
Im Grunde sind all diese Waffenexporte dem Geist des Grundgesetzes folgend
nicht erlaubt. Friedens- und Menschenrechtsgruppen wollen nun mit einer
Kampagne eine Präzisierung des Artikels 26 GG durchsetzen, wonach Rüstungsexporte
wirksam verboten werden sollen: „Kriegswaffen und sonstige Rüstungsgüter werden
grundsätzlich nicht exportiert.“ Bis zur Bundestagswahl 2013 sollen 262.000
Unterschriften gesammelt werden:
www.aufschrei-waffenhandel.de

* * *

Am Samstag, dem 7.Mai, morgens in der Wochenendbeilage der „FAZ“ zwei Seiten
Vorabdruck des in der kommenden Woche erscheinenden Buches „Toscana mia“ von
Robert Gernhardt gelesen. Später am gleichen Tag in der Wochenendbeilage der
„Süddeutschen“: eine Seite Vorabdruck des in der Folgewoche erscheinenden neuen
Gernhardt-Buches...
Die Feuilletons unserer Qualitätszeitungen sind sich eben extrem ähnlich. Aber
sie entscheiden ja nicht nur selber, was sie drucken, sondern lassen sich von
gut arbeitenden Marketingabteilungen der Verlage auch Texte verkaufen. Wie im
embedded music journalism unserer Tage die Plattenfirmen entscheiden längst die
Verlage, was wann wo erscheint.
(gute Texte aber!)

* * *

Rätsel über Rätsel. An was würden Sie denken, wenn Sie die Anzeige „Berlin
Tattoo“ irgendwo sehen? Wahrscheinlich so wie ich an das, was auf Wikipedia so
beschrieben wird: „Ein Tattoo ist ein Motiv, das mit Tinte oder anderen
Farbmitteln in die Haut eingebracht wird.“
Was aber hat der „Deutsche BundeswehrVerband“ damit zu tun? Der nämlich
präsentiert „Berlin Tattoo.“ (nur original mit dem Punkt...) am 3.-5.November
2011, und in der ganzseitigen Anzeige auf der Rückseite von „event“ erfahren
wir: „Das Berlin Tattoo vereint als offizielles Nachfolgeevent des Berliner
Militärmusikfests erstmals die Welt der Musik vor einer spektakulären Kulisse
in der“ Mehrzweckhalle am Ostbahnhof, die von manchen beharrlich auch
anders genannt wird. „Eine einmalige Show der Extraklasse“ versprechen
der „Deutsche BundeswehrVerband“ und die „O2 World“, und ich habe keine Zweifel
daran, daß das Wörtchen „Extraklasse“ nicht zu hoch gegriffen ist, wenn sich
Pest und Cholera zusammentun, um Militärmusik zu veranstalten. Unterstrichen
wird die „Extraklasse“ vom ausgewählten Fotomotiv, einem bärtigen,
uniformierten Dudelsackbläser mit relativ wenigen, um nicht zu sagen: gar
keinen in die Haut eingebrachten Tintenmotiven.
Nur – warum um Himmels willen nennen sie das alles „Berlin Tattoo“???
Ich bin bereit, eine brauchbare oder zumindest originelle Erklärung mit einer
Flasche Weißwein aus meinen Beständen zu honorieren.

* * *

Kurz vor der Entscheidung der deutschen Sozialdemokratie, die unsereiner
mitunter ebenso wenig verstehen kann wie den Bundeswehrverband oder die besagte
Berliner Mehrzweckhalle, Thilo Sarrazin in der Partei zu belassen, sah ich
Sarrazin beim Zappen in einer Talkshow, und knappe fünf Minuten von Sarrazins
Geschwurbel reichten aus, um bestätigt zu sehen, daß Sarrazin ein fremdenfeindlicher
Reaktionär ohne Format ist. Daß so etwas in der SPD seinen Platz hat, ist
bedauerlich.
Kaum hatte die von Andrea Nahles angeführte Parteikommission zum Erstaunen der
Öffentlichkeit den Verbleib Sarrazins in der SPD verkündet, ätzte dieser in
einer öffentlichen Veranstaltung erneut diffamierend gegen Migranten. Bayerns
SPD-Chef Florian Pronold bezeichnete Sarrazin daraufhin als „schizophren“:
Wer sich in einer Erklärung von seinem bisherigen Verhalten distanziere, um bei
der nächstbesten Gelegenheit Menschen erneut zu beleidigen und zu
diskriminieren, sei „nicht mehr ganz dicht. Damit hat er endgültig belegt,
daß man ihn nicht mehr ernst nehmen kann“, sagte der SPD-Funktionär.
Wer „schizophren“ und „nicht mehr ganz dicht“ ist, scheint mir allerdings viel
eher die SPD zu sein. Wer einen ausgewiesenen Reaktionär und Rassisten in der
Partei behält, um sich dann öffentlich zu wundern, daß dieser ausgewiesene
Reaktionär tatsächlich weiterhin dumpfe Fremdenfeindlichkeit verbreitet, der
hat „endgültig belegt, daß man ihn nicht mehr ernst nehmen kann.“

* * *

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) meinte ebenfalls, den Sarrazin geben zu müssen,
und kritisierte die „Südländer“, also Griechen, Spanier und Portugiesen, dafür,
zu wenig zu arbeiten und zu viel frei zu machen. 2009 hatte Italien
durchschnittlich 28 bezahlte Feiertage, Griechenland 23, Spanien und Portugal
22. Im Vergleich: in Deutschland gab es durchschnittlich 30 bezahlte
Urlaubstage... Selbst wenn man die arbeitsfreien Feiertage hinzuzählt, liegt Deutschland
weit vorn, mit 40,5 freien Urlaubs- und Feiertagen, im Vergleich zu 39 in
Italien, 36 in Spanien, 35 in Portugal und gar nur 33 in Griechenland.

* * *

Warum die Karten für das – wunderbare! – Sonderkonzert der Berliner
Philharmoniker unter Claudio Abbado anläßlich des 100.Todestages von Gustav
Mahler im Mai 2011 zwischen 70 und 220 Euro kosten mußten, ist ein anderes
Rätsel. Die Berliner Philharmoniker sind ein von der öffentlichen Hand
finanziertes Orchester, die in einem Konzertsaal spielen, der den BürgerInnen
gehört; zusätzlich werden sie mit zig Millionen jährlich von der Deutschen Bank
unterstützt. Und dennoch soll nur die Elite, sollen nur die Reichen oder doch
zumindest Wohlhabenden in der Lage sein, Mahler bei den Berliner Philharmonikern
zu sehen?
Da kann Frau von der Leyen jedenfalls noch viel Geld aufbringen, bis
Hartz-4-Familien sich den Eintritt zu solch einem elitären Konzert leisten
können. Eben nicht „Kultur für alle“. Lediglich Kultur, die von allen
finanziert wurde, mit ihren Steuergeldern...
Beim Konzert des New York Philharmonic Orchestras am Tag darauf, also einem
Orchester ebenfalls von Weltrang, ebenfalls in der Berliner Philharmonie,
ebenfalls mit einem erlesenen Mahler-Programm, ebenfalls prominent besetzt,
ebenfalls von einer Bank gesponsort (der Credit Suisse), allerdings von einem
Privatunternehmen auf dem freien Markt plaziert, kosteten die Tickets übrigens
zwischen 30 und 130 Euro, also etwa die Hälfte der vom Steuerzahler
subventionierten Preise des Konzerts der Berliner Philharmoniker.
Wie Eleonore Büning in der „FAS“ schreibt, steht das „höchstsubventionierte
deutsche Orchester“ mit der Öffentlichkeit auf Kriegsfuß, „es nennt sich
„Republik“, fühlt aber aristokratisch“... Bei den Salzburger
Osterfestspielen haben die Berliner Philharmoniker laut „FAS“ für „sechs
Konzerte plus zwei Opern 1,2 Millionen Euro erhalten“; dazu kommen 123.500
Euro für ihren Chefdirigenten Simon Rattle, für sechs Dirigate von drei
Programmen... Den Vertrag mit den Salzburger Osterfestspielen haben die
Berliner Philharmoniker allerdings aufgekündigt, in Baden-Baden scheint ab 2013
noch mehr Geld zu verdienen sein.
Die Publicity-Aktionen ihres „Education“-Programms mit Jugendlichen haben
jedenfalls einen mehr als schalen Beigeschmack, wenn man sich diese Zahlen (die
der Honorare wie die der Eintrittspreise) betrachtet...

* * *

In dieses mehr als unglückliche Bild, das die Berliner Philharmoniker
vermitteln, passt die Meldung, daß das Orchester unter dem berüchtigten
Gastdirigenten Christian Thielemann unkommentiert Werke aufgeführt hat, die
nationalsozialistisch belastet sind, nämlich eine sogenannte „Festmusik der
Stadt Wien“, die Richard Strauss dem NS-Statthalter Baldur von Schirach
offeriert und die 1943 am 5.Jahrestag des Anschlusses der Stadt und Österreichs
an „Großdeutschland“ uraufgeführt wurde. Das Programmheft der Berliner
Philharmoniker salbadert laut „Welt“ dazu: „Äußerste Virtuosität fordert die
Festmusik mit ihren brillanten Sechszehntelkaskaden den Interpreten in jedem Falle
ab, weswegen es dem Werk nutzen und frommen wird, einmal in den heiligen Hallen
der Philharmonie zu erklingen“. Außerdem wurde ein „Festliches Präludium“
des gleichen Komponisten dargeboten, das, wie es im offiziellen
Philharmoniker-Programm lapidar hieß, zuletzt „1943 im Rahmen der Vorfeiern
zum Geburtstag Adolf Hitlers“ von den Philharmonikern gespielt wurde.
Es würde dem historisch ja durchaus belasteten Orchester sicher „nutzen und
frommen“, bei der Stückeauswahl ohne naziverseuchte Musik auszukommen, und in
den „heiligen Hallen der Philharmonie“ mehr historische Sorgfalt bei den
Programmtexten walten zu lassen. Auch wenn man einen Thielemann wohl als
Kontrast zu Rattle oder Abbado bucht, um auch die „im Publikum überwiegende
Zahl von Siegelringträgern“ („Welt“) bei derartigen Konzerten an sich zu
binden.
Ekelhaft.

* * *

Ein Freund schickt mir aus Peking einen Link zum YouTube-Video mit der Rede des
New Yorker Bürgermeisters Bloomberg bei der Eröffnung der Ai
Weiwei-Tierkreis-Skulpturen und schreibt, „von wegen man kann das nicht sehen
in China. IP-Adresse ändern und los gehts!“
Am nächsten Tag schreibt ein Peer Junker (wer sagt da noch, daß Namenswitze
verboten seien?...) im Berliner „Tagesspitzel“: „Die Lage in China ist
derart angespannt, daß offener Protest gegen die Verhaftung Ai Weiweis kaum
möglich ist. Wenn überhaupt, kann Kritik an den Behörden höchstens noch im
Internet geäußert werden. Doch auch dort läßt sich die Zensur kaum noch
umgehen.“
Sie sehen nur, was sie sehen wollen und sollen...

* * *

Dem „Zeit“-Magazin erzählte Klaus „Scorpions“ Meine, er wolle in Rente gehen,
„solange dieser Hurrikan noch ein Hurrikan“ ist, und er wolle nicht
„eines Tages als Karikatur unterwegs sein“.
Eines Tages?!?

* * *

Wie Politiker rechnen, „denken“ und brabbeln:
Die Vorsitzende der FDP-Bundestagsfraktion, Birgit Homburger, erhält bei der
Wahl zur baden-württembergischen FDP-Landesvorsitzenden im ersten Wahlgang 180
von 400 Stimmen, exakt so viele wie ihr Gegenkandidat. Im zweiten Wahlgang
erhält Frau Homburger 199 von 400 Stimmen, bringt also erneut nicht einmal 50%
der Delegierten hinter sich, und gewinnt die Wahl, weil ihr Gegenkandidat nur
192 Stimmen erhielt.
Der FDP-Europaabgeordnete Michael Theurer verkündete daraufhin, der
Landesverband stehe „zu hundert Prozent“ hinter Homburger.

* * *

Überhaupt der mit großem Getöse verkündete „Neustart“, der „Neubeginn“ der
Pünktchenpartei:
Gesundheitsminister Rösler wird Wirtschaftsminister.
Wirtschaftsminister Brüderle wird Vorsitzender der Bundestagsfraktion.
Fraktionsvorsitzende Homburger wird Vize-Parteivorsitzende.
Staatssekretär Bahr wird Gesundheitsminister.
Frau Leutheusser-Schnarrenberger bleibt Justizministerin und
Vize-Parteivorsitzende.
Westerwelle bleibt Außenminister.
„Alles neu / macht der Mai“, im Remix der FDP...

* * *

Der große Michael Althen schrieb anläßlich des Todes von Robert Mitchum:
„Das ist ja das Wunder des Kinos, daß es sich das Leben mit einer
Leichtigkeit anverwandelt, von der andere Künste nur träumen können. Es kann
sich leisten, einen Schrank von einem Mann, der mit Schauspielerei nichts am
Hut hat, vor eine Kamera zu stellen, und uns damit auf eine Weise zu berühren,
daß man einen Moment lang tatsächlich glaubt, alles sei möglich. Wirklich
alles. Man könnte aus dem Dunkel der Säle auf die Straße treten und die
Einsamkeit ertragen. Die Dinge auf die leichte Schulter nehmen. Im rechten
Moment die richtigen Sätze  sagen. Erkennen, wann man handeln muß. Wissen,
was man tut. Trotzdem das Falsche tun.“
In jedem einzelnen Absatz, den Michael Althen schrieb, steckt mehr Qualität,
Intensität und Können als im gesamten deutschen Kino der letzten zwanzig Jahre
(Werner Herzog und Herbert Achternbusch zählen hier nicht als deutsche, sondern
als bairische Filmemacher, und Andreas Dresen ist die Ausnahme, die die Regel
bestätigt...).
Was für ein Skandal, daß Michael Althen mit 48 Jahren starb, und daß, sagen
wir, um mal eine Bandbreite anzugeben, Til Schweiger oder Wim Wenders
weiterleben...

* * *

14.Mai 2011. Fast den kompletten „Eurovision Song Contest“ auf ARD gesehen.
Anke Engelke prima, sehr souverän und mitunter witzig. Die Technik state of the
art, die Lightshow bunt und wild. Alles o.k. so und nicht weiter der Rede wert,
alles eine monströse Partyzone, wie man sich im Fernsehen halt heutzutage eine
„Pop“-Show vorstellt. Aber wozu gab es diese 25 größtenteils langweiligen,
nicht einmal mediokren, unoriginellen Musikbeiträgen zwischendrin? Welche
Bewandnis hatte es damit?

* * *

Können denn Politiker und ihre Kinder gar keine Doktorarbeit mehr selber
schreiben?
Erst der Mann, der über Wasser gehen kann, dessen Ausreden, warum seine
Ghostwriter große Strecken seiner Doktorarbeit geklaut haben, immer dubioser
und peinlicher werden. Die Familie hat zu viel von ihm erwartet? Awcmon...
Dann die Tochter von Stoiber – Doktortitel futschikato.
Und nun die FDP-Politikerin Silvana Koch-Mehrin – und mal ehrlich, wer Frau
Koch-Mehrin jemals in einer Talkshow ein paar Sätze hat sagen hören, mußte
ernsthaft Zweifel daran hegen, daß diese Frau rechtmäßig einen Doktortitel
erwerben konnte. Hat sie ja auch nicht: abgeschrieben, Doktortitel futschikato.
Es wird berichtet, die FDP-Politikerin habe „Konsequenzen gezogen“ und trete
„von allen politischen Ämtern bei den Liberalen“ zurück. Wenn man sich das genau
anschaut, wird’s aber besonders ärgerlich: denn zwar trat Frau Koch-Mehrin als
Vorsitzende der FDP im europäischen Parlament, als Vizepräsidentin des
Europäischen Parlaments und als Präsidiumsmitglied der FDP zurück. Ihr Mandat
als Europaabgeordnete behielt Koch-Mehrin aber. Was für die FDP nicht mehr gut
genug ist, für den Bürger, den Deppen, solls also reichen, für den Bürger, der
sie ins Parlament gewählt hat, ist Betrug anscheinend gut genug. Was für eine
Message, die die FDP-Frau da aussendet!

* * *

Es stand in der „Berliner Zeitung“: Ai Weiwei sei nicht nur „Chinas
berühmtester Künstler“ und „populärer Regimegegner“, nein, man
konnte anläßlich der Verhaftung Ais auch die absurde Feststellung lesen:
„Vage heißt es in Chinas Staatspresse, es gehe um Wirtschaftsvergehen, leider
ein besonders schlechtes Zeichen: In Rußland wurde Michail Chodorkowski gleich
zweimal unter solchem Vorwand der Prozeß gemacht. Also schlimmer hätte es nicht
laufen können.“
Mal jenseits der Frage, ob es angemessen ist, die Freilassung eines Gefangenen
zu fordern, ohne überhaupt zu wissen, weswegen er angeklagt wurde, und ob er
nicht tatsächlich gegen Steuergesetze verstoßen haben könnte – aber
ausgerechnet einen russischen Oligarchen, der es innerhalb weniger als eines
Jahrzehnts vom Funktionär des kommunistischen Jugendverbands Komsomol zum Chef
der ersten Privatbank Rußlands, zum stellvertretenden Minister für Brennstoffe
und Energie und wenig später zum Vorstandsvorsitzenden des Energiekonzerns
Jukos und damit zum reichsten Mann Rußlands gebracht hat, also ausgerechnet
jemanden, der sich ganz offensichtlich seinen Privatbesitz aus den Beständen
des russischen Staatseigentums zusammenergaunert, vulgo das russische Volk mit
mafiotischen Mitteln beklaut hat, ausgerechnet einen derartigen korrupten
Oligarchen also zum Kronzeugen für Menschenrechte und Demokratie zu machen, ist
schon ein mediales
Bubenstück und beweist besondere Chuzpe.

* * *

„Wir mögen Tomaten lieber geworfen als gekocht“, wirbt das „Missy
Magazine“ pseudo-aufmüpfig. Und was ist mit den Tomaten auf den Augen?
Ich mag Papier mitunter jedenfalls lieber als Baum denn abgeholzt und
bedruckt...

* * *

Einen Beitrag zum von „Spex“ ausgerufenen Revival-Wettbewerb des politischen
Liedes hat die Popgruppe „Ich + Ich“ eingereicht; unter dem 68er-Motto „alles
Private ist politisch“ singt die Band: „Du bist das Pflaster für meine Seele
/ Wenn ich mich nachts im Dunkeln quäle / Es tobt der Haß, da vor meinem
Fenster.“ Mir gefällt vor allem die überraschende Wendung in der dritten
Zeile. Und unter dem Pflaster wartet bekanntlich der Strand, auch wenns
manchmal nur der frankfurterisch-babbelnde Pflasterstrand ist – was aber
zugegeben eine andere Geschichte ist.

* * *

Und was macht ein anderer Könner des deutschen politischen Liedes? Was macht
Wolfgang Niedecken? Er fährt Skoda. Im Ernst. Teilt zumindest der Pressedienst
der „Skoda Auto Deutschland GmbH“ mit:
„Wolfgang Niedecken ist SKODA Kulturkopf und fährt Superb Combi“, erfahren
wir und können uns noch so mancher Werbeprosa erfreuen: „Denn BAP-Frontmann
Niedecken bereichert seit Jahresbeginn den Kreis der SKODA Fahrer und ist
begeisterter Fahrer eines Superb Combi (...) Er schätzt das
Business-Class-Gefühl seines neuen Autos (...) „Meine Musik soll berühren“,
sagt er (...) Der „Bob Dylan vom Rhein“, der privat eher schweigsam sein soll,
bringt in seinen Liedern den Kölner Dialekt zum Funkeln und verbindet
politische Wachsamkeit mit humanitärem Engagegemnt (sic! BS). „Gerade deshalb
freuen wir uns, Wolfgang Niedecken zu den SKODA Kulturköpfen zählen zu dürfen“,
sagt Hermann Schmitt, Geschäftsführer von SKODA AUTO DEUTSCHLAND. „Unsere
Kulturköpfe stellen zuweilen die Kulturszene auf den Kopf, zerbrechen sich auch
mal den Kopf und lassen den Kopf dabei nicht gleich hängen“, textet der
SKODA-Chef gekonnt. Fehlt eigentlich nur noch die naheliegende
Postkarten-Feststellung, daß der SKODA-Kulturkopf rund ist, damit das Denken
die Richtung wechseln kann.
Zugegeben, diese Pressemitteilung wirft ein paar kleine Fragen auf. Etwa: wäre
die Welt nicht eine  bessere, Niedecken wäre privat ein rechtes
SKODA-Plappermaul und würde dafür öffentlich „eher schweigsam sein“? Wäre es
nicht schön, die Autofirma schriebe einen SKODA Kulturkropf aus? Ich wüßte
einen Kandidaten für den ersten Preis. Er tut sich durch viel Engagegemnt
hervor, und Sie werden ahnen, an wen ich denke...

* * *

„Ein Marshall-Amp, eine Strat, ein festes Drumset werden die Welt niemals
aus den Angeln heben, wie es derzeit eigentlich notwendig wäre, aber sie können
mit dazu beitragen, sich über die politischen, sozialen und wirtschaftlichen
Verhältnisse zu empören.“
(Klaus Wallinger vom Kino Kulturverein Ebensee in „...shopping in the big
store“, Buch anläßlich des 25jährigen Jubiläums des Kino Ebensee, einem der
führenden Kulturzentren Europas. Reschpekt und dicken Glückwunsch nach Ebensee
of all places!)

„Isch lieben aus tubiklär!“, wie Lady Gaga im schönen Song „Scheiße“
ihres gerade erschienenen neuen Albums singt. Womit sie sehr nahe an Flaubert
ist, der 1873 an Turgenjew schrieb: „Ich habe immer versucht, in einem
Elfenbeinturm zu leben, aber ein Meer von Scheiße schlägt an seine Mauern,
genug, ihn zum Einsturz zu bringen.“
In diesem Sinne: genießen Sie den Juni! Auf welchem Turm auch immer Sie ihn
verbringen...

09.05.2011

Und Ansonsten 2011-05-09

Zu
Jahresbeginn haben wir an dieser Stelle aus Karl Bruckmaiers anrührendem
Nachruf auf  Capain Beefheart zitiert: „Animalisches stieg da auf,
zugleich aber etwas renitent der Moderne Verpflichtetes, Antireaktionäres,
Unversöhnliches...“
Eine sehr schöne Captain Beefheart-Anekdote hat dieser Tage Wiglaf Droste
erzählt:
„Bono, dem das Gefühl für Peinlichkeit nicht bekannt ist, schrieb an Captain
Beefheart, der auf einem anderen musikalischen Planeten lebte als Bono und
seine Spießgesellen, er könne doch gern einmal mit U2 auftreten. Captain
Beefheart schrieb zurück: „Sehr geehrter Herr Bongo, ich weiß nicht, wer Sie
sind, aber bitte schreiben Sie mir nicht mehr.“ Allein dafür muss man den im
Dezember 2010 verstorbenen Captain Beefheart in Ehren halten.“

* * *

Kann mir eigentlich irgendjemand mal erklären, wozu es die Pünktchenpartei, die
FDP, noch weiter geben soll? Der sogenannte „politische Liberalismus“ findet
längst in allen bürgerlichen Parteien statt. Von den Herren Westerwelle, Rösler
und wie sie alle heißen ist in all den Jahren und Jahrzehnten keine politische
Idee und kein signifikantes politisches Handeln bekannt. Und nun will das neue
Führungsteam die Partei sozialer und irgendwie grüner machen, weil das gerade
en vogue ist – dazu hat Gabor Steingart im „Handelsblatt“ süffisant angemerkt: „Ob
der FDP die Wähler wegliefen, weil sie nicht links genug war?“ Nein, das
Wörtchen „überflüssig“ ist das einzige, was einem zur FDP einfällt. Von daher
wäre ich den hiesigen Medien sehr dankbar, wenn sie ihre Berichterstattung über
diese in Kürze verschwindende Partei auf das begrenzen würden, was sinnvoll
ist: kurze Meldung auf den hinteren Seiten, statt jede Wasserstandsmeldung der
untergehenden Partei groß auf den Titelseiten aufzublasen.

* * *

Auf der Medienseite der „Süddeutschen Zeitung“ staunt man über eine Studie
zweier Journalisten, die u.a. behaupten, daß die Blödzeitung „gar keine
richtige Zeitung sei, sondern sich nur so inszeniere, um Geschäfte machen zu
können (...) Das Blatt sei mit seinen „Volksprodukten“ und seiner „Marketing-
und Verkaufsmaschine“ zu „einem der großen Einzelhändler Deutschlands
geworden“.
Schön, wie der „Perlentaucher“ süffisant anmerkt: „Als wäre nicht gerade die
SZ ein Pionier der Tschiboisierung gewesen!“
Und passend dazu liegt das „Osterangebot“ des Münchner Tschiboverkaufsblattes
mit angeschlossener „Qualitätsjournalismus“-Abteilung in meinem Briefkasten –
und nun raten Sie mal, was mir die Süddeutsche anbietet, wenn ich für vier
Wochen die Zeitung abonniere? Eine „Tschibo-Geschenkkarte im Wert von 10 Euro“.
Kein Scherz.

* * *

Daß nun ausgerechnet die süddeutsche Zeitungs-Tschibo-Filliale Hand in Hand mit
„Spex“, die ja bekanntlich für Geld auch alles machen inklusive der Vermischung
journalistischer und werblicher Inhalte, daß nun ausgerechnet SZ und Spex also
unzufrieden sind mit dem Zustand des „politischen Pop“ in Deutschland, der
„merkwürdigerweise fast nichts mit der Gegenwart zu tun“ habe, und daß die Spex
sogar so weit geht, sich nicht zu entblöden, einen Wettbewerb für „neue
Protestsongs“ auszuschreiben, ist schon eine drollige Verarsche. Und daß sowohl
Süddeutsche als auch Spex ihre Artikel ausgerechnet an Bob Dylan aufhängen („Bob
Dylan wird 70, der Protestsong ist abgemeldet“ titeln die einen, „nach
den Auftritten Bob Dylans in Peking und Shanghai war es wieder da, das Gespenst
des politischen Pop“, raunen die anderen), ist signifikant – ganz so, als
ob Bob Dylan, der längst für Papst, Damenunterwäsche und Pepsi singt, noch
irgendeine Protest-Relevanz haben würde (und das ist jetzt unabhängig von
seinem Rang als Songwriter, versteht sich).
Natürlich fragt man sich, warum der Zorn, der angesichts der Weltenläufe mehr
als berechtigt wäre, hierzulande so gar nicht in der Popmusik zu hören ist –
während Bands wie die Gang of Four oder die Mekons ebenso die Katastrophen der
modernen Welt thematisieren, wie es sogar Alison Krauss tut. Während
hierzulande ein Sven Regener im „Musikexpress“ in bräsiger Selbstzufriedenheit
und selbstgefälliger Saturiertheit sagt: „Es gibt keinen Zusammenhang
zwischen Politik und Kunst (...) Wir wollen Menschen mit Kunst glücklicher
machen. Wir sind nicht der verlängerte Arm der Volkshochschulen. Politik ist
nicht die Basis, das ist falsch verstandener Marxismus.“
Andrerseits: will man die Bots zurück? Texte von Dieter „das weiche Wasser“
Dehm? Heinz-Rudolf Kunze? Der übrigens 1988 nicht nur das von Dieter Dehm
geschriebene Parteilied der SPD auf deren Parteitag sang, sondern auch im
gleichen Jahr auf Einladung des Zentralrats der FDJ bei der sogenannten
„Friedenswoche der Berliner Jugend“ vor 120.000 Zuschauern auftrat, um das
damalige DDR-System zu stabilisieren, live im DDR-Fernsehen übertragen und von
Kathi Witt moderiert, während die DDR-Künstler, die eine andere DDR wollten,
das FDJ-Spektakel boykottierten. Mit solcherart Spagat qualifiziert man sich
hierzulande dafür, als einziger Pop-Künstler in der Enquete-Kommission „Kultur
in Deutschland“ des Deutschen Bundestags zu sitzen...
Natürlich gibt es Kai und Franz-Josef Degenhardt, Hannes Wader oder Ja, Panik,
klar.
Wer wie SZ und Spex allerdings allen Ernstes ein Revival des deutschen
politischen Pop, des Protestsongs fordert, hat kulturell und politisch
irgendetwas nicht so ganz mitbekommen. Mal abgesehen davon, daß der Pop
hierzulande doch längst politisch ist, als von der Initiative Poli...
Verzeihung, von der Initiative Musik geförderter Staatspop...
Etwa fünf Jahrzehnte nach der Hochzeit des US-Protestsongs nach einem Revival
des Protestliedes zu rufen, zeigt, daß man knappe fünf Jahrzehnte Entwicklung
von Popmusik und Zeitläufen nicht mitbekommen hat und ist ungefähr so
originell, wie wenn die Konservativen danach rufen, in Berlin das Stadtschloß
wieder aufzubauen. Laßt den Protestsong in Frieden ruhen. Und wer hierzulande
politische Musik hören möchte, der greife zu den Goldenen Zitronen, zu Ja,
Panik, oder zu Corazons „Scheißautoreferentialität“ (ich weiß, ich wiederhole
mich) oder summe den „Heimlichen Aufstand“ (den von Eisler, wohlgemerkt!). Und
lasse uns mit seinen abstrusen Feuilleton-Aufrufen bitteschön in Ruhe.

* * *

Die Literatur-Szene ist in Aufruhr. Es geht um das Engagement des Atomkonzerns
Vattenfall für die Hamburger „Vattenfall Lesetage“. Engagierte Autoren wie
Harry Rowohlt oder Brigitte Kronauer haben in einem Aufruf gegen die Lesetage
geschrieben: „Wir wollen nicht mehr dabei helfen, wenn
Energiekonzern-Lobbyisten sich mit einem Literaturfestival schmücken. Wir
weigern uns, durch unsere Arbeit das Image eines dreckigen Stromanbieters
aufzupolieren.“
Autoren wie Moritz Rinke oder Feridun Zaimoglu wollen allerdings weiter für
Vattenfall (bzw. für von Vattenfall gezahltes Bares...) lesen.
Das Sponsoring von Atomkonzernen ist nicht selten: RWE sponsort zum Beispiel
das Hamburger „Harbourfront Literaturfestival“, die Rhein-Energie AG
unterstützt die Lit.Cologne, und E.on ist Hauptsponsor des
„Schleswig-Holstein-Musikfestivals“ (und Vattenfall war übrigens auch in den
Jahren vor der Atomkatastrophe in Japan schon ein Atomkonzern...).
Natürlich kann man so tun, als ob alles egal sei. Wer etwas bezahlt, für wen
man spielt, singt und auftritt. Man kann für Gaddafi spielen oder für den
Papst. Man kann für Jägermeister auftreten oder für Pepsi, oder wie die braune
Brühe gerade heißen mag. Oder man kann wie weiland Neil Young festhalten:
„Ain’t singing for Pepsi, ain’t singing for Coke.“ Hatten wir schon.
Die Haltung der Künstler dieser Agentur ist im Prinzip sehr eindeutig: Keine
unserer Bands spielt direkt für Sponsoren, keiner unserer Künstler läßt sich
von sogenannten Markenartiklern finanzieren. Und wir sind stolz darauf,
derartig konsequente Künstler vertreten zu dürfen.
Ansonsten gibt es Varianten, wenn es darum geht, von welchen Firmen Events oder
Festivals finanziert werden, die unsere Bands einladen. Calexico zum Beispiel
treten generell nicht bei Festivals auf, die von Atomkonzernen oder
Zigarettenfirmen finanziert werden; sie haben es sogar geschafft, daß während
ihrer Auftritte bei Hurricane und Southside die Coca-Cola-Werbung von ihrer
Bühne verbannt wurde – man sieht also, Künstler sind angesichts des Sponsoringtsunamis
nicht ganz so hilflos, wie immer getan wird.
David Thomas, wir haben es bereits berichtet, schließt jedes Sponsoring seiner
Konzerte aus, für Bratsch ist es eine Selbstverständlichkeit, sich nicht von
Firmen finanzieren zu lassen. Und ein Künstler wie Bonnie „Prince“ Billy läßt
nicht einmal die beliebte Tournee- und Konzertpräsentation von sogenannten
Medienpartnern zu und erklärte dies ganz simpel: „Ich möchte nicht, daß auch
nur einer meiner Fans denkt, ich hätte etwas mit dem Musikmagazin zu tun,
dessen Logo auf meinem Poster steht. Ich will das nicht.“

* * *

Der Mann, der über Wasser gehen kann, hatte bei seinem Rücktritt noch
verlautbaren lassen, die Aufklärung seiner Plagiatsaffäre sei ihm ein
„aufrichtiges Anliegen“. Der seinerzeit quasi größtmögliche Aufklärer versuchte
dann, durch seine Anwälte die Veröffentlichung des Kommissionsbericht der
Universität Bayreuth über die Plagiatsvorwürfe unterbinden zu lassen. Der
Bericht kommt laut Medienberichten zu dem Schluß, daß Guttenberg bei seiner
Dissertation bewußt getäuscht haben müsse – ein simpler Betrüger also... Erst
durch die öffentliche Entrüstung pfiff der Mann, der über Wasser gehen kann,
dann seine Anwälte wieder zurück. Um nun mitzuteilen, seine Doktorarbeit sei
ein „Mißverständnis“, sozusagen.
Neulich ein Berliner Taxifahrer allerdings: „...der einzige gute Politiker, den
wir in den letzten Jahren hatten, mußte zurücktreten“... So ist das alles, die
da unten identifizieren sich immer noch mit dem, der in seinem Schloß weiter
oben ist als die meisten anderen...

* * *

Ich stoppe übrigens, wenn ein deutscher Songwriter oder eine deutsche
Popsängerin „tief in mir drin“ singt, ähnlich schnell den CD-Player, wie ich
das Fernsehen beim Wort zum Sonntag ausschalte. Geht gar nicht.
„Schmetterlinge im Bauch“ oder „die Seele baumeln lassen“ sagt man ja auch nur
noch in viertklassigen Fernsehfilmen (also zu bester Sendezeit bei ARD und
ZDF...).

* * *

Enthaltung im Sicherheitsrat bei der Entscheidung, Libyen zu bombardieren? Wäre
mit einem „grünen“ Außenminister nicht passiert. Da wurde von Serbien bis
Afghanistan bombardiert, was das Zeug hielt.
Während sie jetzt ein Land suchen, das Gaddafi aufnehmen könnte, ohne ihn an
den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag auszuliefern – ob diejenigen,
die sich das ausdenken, Angst haben, wegen Beihilfe ebenfalls in Den Haag
angeklagt zu werden? Schließlich haben Regierungen wie die Großbritanniens,
Frankreichs oder Deutschlands, also die Länder, die am meisten Öl aus Libyen
bezogen haben, über Jahre den mittlerweile Diktator nicht nur hofiert, sondern
ihm auch systematisch die Waffen geliefert, die Gaddafi jetzt gegen seine
Bevölkerung einsetzt.

* * *

Wer wissen möchte, was für eine Sorte von Demokratie hierzulande als
Exportmodell herrscht, der betrachte sich das Verfahren, wie ohne öffentliche
Diskussion und ohne jede parlamentarische Abstimmung das „Einheitsdenkmal“ von
Sasha Waltz und Johannes Milla durchgesetzt wurde – ein banales Designobjekt
für 10 Millionen Euro. Die vergoldete Baby-Wippe zeigt dabei recht anschaulich,
wie sich die Oberen unter Anführung von Kulturstaatsminister Neumann (CDU) die
Beteiligung der Bürger, ja, letztlich die „deutsche Einheit“ in Wahrheit
vorstellen: ein paar Bürger können die Einheitsschale betreten, und wenn sie
sich einig sind, können sie ein bißchen hin und her wippen (selbstredend nur in
einer vorgegebenen Richtung: immer um die eigene Achse...), und wenn sie die
Babywippe wieder verlassen, ist alles wie zuvor. Änderung, Beweglichkeit sind
nicht vorgesehen.

* * *

Susanne Messmer hat nicht nur ein Problem mit der deutschen Sprache, sondern
scheiterte in der „taz“ vergangener Jahre auch schon an eher einfachen Aufgaben
wie der Rezension eines Calexico-Konzertes (wir berichteten). So etwas
qualifiziert natürlich für höhere Aufgaben, in diesem Falle: für die
China-Berichterstattung, und für den taz-eigenen Beitrag an der Installierung
Ai Weiweis zu einer Art neuen Dalai Lamas.
Aufgabe Susanne Messmers war es, über die Vorstellung eines Essaybandes
„Konfliktkulturen“ zu berichten, den das Goethe-Institut dieser Tage
herausgegeben hat. Aber Messmer gefällt das, was sie hört, nicht: Der Autor
Abdel-Samad und die Regisseurin Waldmann schlagen vor, sich von der
Besserwisserei und Hochnäsigkeit früherer Tage zu verabschieden und andere
Kulturen zu achten. Das ist mit Frau Messmer nicht zu machen: „Die Kunst“,
schreibt sie, „fragt derzeit täglich, ob die Ausstellung „Die Kunst der
Aufklärung“ wegen der Verhaftung von Chinas bekanntestem Künstler Ai Weiwei
vorzeitig geschlossen werden soll.“
Schöner Satz. „Die Kunst fragt täglich“... Hat jemand die Kunst gesehen? Bei
wem sie an die Haustür klopft und fragt, der rufe bitte mal durch, ich würde
gerne mal mit ihr sprechen, mit „der Kunst“.
Doch nicht nur „die Kunst“, nein, auch „die Politik fragt dringend, wie
angemessen mit einer Großmacht umzugehen ist, die immer erfolgreicher und
aggressiver wird“. Fragen Politik und Kunst, diese beiden, die Frau Messmer
so genau kennt.
Natürlich kann man sich denken, was Susanne Messmer sagen möchte, auch wenn ihr
die Mittel dazu fehlen. Sie möchte „China mit harten Restriktionen unter
Druck setzen“ und stößt damit ins bereitstehende Horn – sie würde sagen,
„die Presse fragt...“
Aber so, wie niemand ernsthaft erwarten wird, daß bei all den „Brennpunkten“ in
der ARD, bei all den entrüsteten Berichten in der deutschen Presse zu Libyen,
zu Ägypten, zu Tunesien auch nur einmal ein kritischer Bericht zur Diktatur in
Saudi-Arabien oder zur systematischen Sklavenhaltung des Systems Dubai zu lesen
sein wird, so kann man, mit wenigen Ausnahmen, nichts über die Probleme lesen
und hören, die China wirklich hat. Die dreistelligen Millionenzahlen von
Arbeitsmigranten innerhalb des Landes. Die Frage der Arbeiterrechte – gerechte
Bezahlung, soziale Versorgung, all dies. Und mit welchen Mitteln westliche
Konzerne, von Apple bis Adidas, dazu beitragen, daß chinesische Arbeiter
ausgebeutet werden.
Aber ein Land wie "unseres", das für die Rechte Ausgebeuteter wenig
übrig hat, hat auch wenig Interesse, über reale Probleme zu berichten. Es geht
um Vereinfachung, um Individualisierung eines Problems, um das Kreieren einer
bürgerlichen Symbolfigur, mit der man Politik machen kann. Und zu diesem Behuf
hält man sich den einen oder anderen Journalisten – ob der oder die nun die
deutsche Sprache beherrscht oder gar politische Zusammenhänge begreifen kann,
darauf kommt es nicht an. Gefragt ist Ideologie, gefragt ist Selbstbestätigung
und Vereinfachung.

* * *

Daß sich der Bundesverband Musikindustrie, die GEMA, die „Spitzenorganisation
der Filmwirtschaft" (was es so alles gibt...die Hauptsache
"Spitze"!), der Börsenverein des Deutschen Buchhandels, der VPRT und
die „Allianz Deutscher Produzenten Film & Fernsehen“ zu einem neuen
Lobbyistenverband namens „Deutsche Content Allianz“ (Sprache können sie also
auch nicht) zusammentun, ist ungefähr so überraschend und berichtenswert, wie
wenn in China eine schwarzgebrannte CD im Regal umfällt. Was aber an
Dreistigkeit und Chuzpe kaum zu übertreffen ist, ist die Tatsache, daß ARD und
ZDF in diesem Lobbyverband mittun. Die WDR-Intendantin und derzeitige
ARD-Vorsitzende Monika Piel, auch sonst von eher beschränkter
Einsichtsfähigkeit, lamentiert allen Ernstes darüber, daß „die Leistung von
Inhalteanbietern und -produzenten in Vergessenheit“ gerate, und fordert, daß „bei
allen Entscheidungen und Weichenstellungen zur digitalen Entwicklung unsere
Positionen berücksichtigt werden müssen“. Es gelte, mit der
„Kostenlos-Kultur“ des Internets aufzuräumen.
Wenn man bedenkt, daß die Öffentlich-Rechtlichen jährlich 7 Milliarden Euro
Zwangsgebühren einnehmen, sind diese Forderungen von Frau Piel eine blanke
Unverschämtheit, wie überhaupt die Tatsache, daß ARD und ZDF an einem
derartigen Lobby-Verein mittun, dreist ist. Als ob die Inhalte, die ARD und ZDF
im Internet bereitstellen, nicht längst durch die Zwangsgebühren finanziert
worden wären, und als ob jährlich 7 Milliarden Euro Einnahmen allein durch
diese Zwangsgebühren keine „angemessene Rahmenbedingung“ wären...

* * *

Wie der „Perlentaucher“ meldet, geht die Schlacht um das Copyright weiter: „In
der EU drängen die Lobbyisten der Musik- und Filmindustrie darauf,
Internetprovider ohne jede richterliche Kontrolle als ihre private Copyright
Polizei benutzen zu dürfen und die 3-Strikes-Regelung EU-weit zu legalisieren“,
mithin also fundamentale Freiheitsrechte einzuschränken. Französische
Netzaktivisten von „La Quadrature du Net“ warnen vor Zensur und Persilscheinen
für autoritäre Systeme: „By encouraging the circumvention of judicial
authorities in order to set up direct blocking and filtering of the Internet
and its services, European decision-makers would be laying the ground for a
censorship infrastructure similar to that used for political purposes in
authoritarian regimes."
Die designierte  neue Urheberrechtsbeauftragte der EU, Maria Martin-Prat,
war übrigens jahrelang Lobbyistin für die Musikindustrie und hat sich in dieser
Zeit beispielsweise sogar gegen das Recht auf Privatkopie ausgesprochen.

* * *

Die SPD hatte im nordrhein-westfälischen Landtagswahlkampf gefordert, daß
„Dauer, Bezahlung und Anzahl von Praktika gesetzlich geregelt werden“.
Mittlerweile sind SPD und Grüne in NRW seit geraumer Zeit in der Regierung –
die Praktikanten in nordrhein-westfälischen Ministerien arbeiten allerdings für
umme – keiner der 62 Praktikanten erhält eine noch so geringe Vergütung.
Besonders pikant ist, daß das vom ehemaligen DGB-Landesvorsitzenden Schneider
geführte Arbeitsministerium ebenfalls keine Praktikantenvergütung bezahlt,
während das unter dem CDU-Vorgänger des Arbeiterführers noch der Fall gewesen
war...
Die erweiterte Version des Artikels von Berthold Seliger aus dem Feuilleton der
„Berliner Zeitung“ zum Thema Kultur-Prekariat, „Die Selbstausbeuter“, ist in
Kürze endlich unter „Texte“ auf unserer Homepage zu finden.

* * *

Was ist der Ausstieg aus der Atomenergie gegen den Ausstieg aus der staatlichen
Finanzierung der evangelischen und katholischen Kirche? Ein Kinderspiel!
Allein als sogenannte „Staatsleistungen“ haben die beiden Kirchen seit 1949
laut einer Untersuchung der „Humanistischen Union“ 14 Milliarden Euro vom Staat
erhalten. Im vergangenen Jahr erhielten die beiden Kirchen 460 Millionen Euro
als Staatsleistungen von fast allen deutschen Bundesländern, wie die „taz“
berichtete – plus Kirchenbaulasten und der staatlichen Finanzierung der
kirchlichen Tendenzbetriebe, von Kindergärten bis Alteneinrichtungen, durch
Transferleistungen der öffentlichen Hand.
Die Staatsleistungen an die Kirchen werden letztlich als Entschädigung dafür
bezahlt, daß die deutschen Länder beim sogenannten Reichsdeputationshauptschluß
im Zuge der Säkularisierung Kirchengüter erhielten. Das allerdings war vor mehr
als zweihundert Jahren, nämlich 1803. Zuletzt wurden diese Staatsleistungen
nach der Revolution 1918/19 vereinbart, als Übergangszahlung, eine Regelung,
die ausdrücklich "bald" beendet werden sollte. An eine Neuregelung
wagten sich Politiker weder während der Weimarer Republik noch in der BRD oder
der DDR. Ins Grundgesetz z.B. wurde nur der Passus der Weimarer Verfassung
übernommen. Und so zahlen wir weiter munter jedes  Jahr Hunderte von
Millionen Euro dafür, daß im Jahr 1803 Kirchengüter säkularisiert wurden...

* * *
Die Künstlerangebote, die uns im letzten Monat erreichten, waren so vielfältig
und abwechslungsreich wie das Leben. Da gab es eine Band, die uns ihr „kurzes
Demo“ namens „Fukushima – Atomkraft nein danke“ nahelegte – „Es war uns zum
ewig unleidigen Thema, eine Herzenssache dieses Lied, gewidmet den Menschen von
Fukushima, zu schreiben“, rumpelte es im Anschreiben vor sich hin; ich habe
mir den Song nicht angehört, fürchte aber, er klingt ungefähr so wie dieser
„unleidige“ Satz. Immerhin: „Der Song ist brandneu und wird hoffentlich auch
bei Ihnen Gefallen finden“, und „in den nächsten Tagen wird ein Bilder
Video unter youtube eingestellt“, sagen Sie also nicht, ich hätte Sie nicht
vor dem "Bilder Video" gewarnt.
Mein persönliches Highlight der unverlangt eingesandten Künstlerangebote war
allerdings „Giftdwarf“: „...stell Dir einfach vor, GRAVE DIGGER, BADESALZ,
REBELLION und FLATSCH stehen zusammen auf einer Bühne – METAL meets COMEDY“
– tschah, um mir dies vorzustellen, dafür reicht meine Fantasie leider nicht
aus.
Oder doch „A Tribute To Johnny Cash“? Denn die „spielten wie die Legende
selbst auch schon in vielen Gefängnissen und anderen Locations und begeisterten
dort!!!“
„Gefängnisse und andere Locations“...

* * *

Während die „Deutsche Gesellschaft für Ernährung“ davon ausgeht, daß ein
gesundes Schulessen mindestens 2,50 Euro pro Portion kosten sollte, hat der
Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg jetzt laut einem Bericht der „Berliner
Zeitung“ für seine Schulkinder Dumpingessen angefordert. Bei der aktuellen
Ausschreibung zur Vergabe des Auftrags für die Schulessen hat der Bezirk festgelegt,
daß das Essen sogar weniger kosten soll als in der Vergangenheit – das
angelieferte Essen darf höchstens noch 2 Euro kosten, so sieht es die
Ausschreibung vor. Der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg wird von den „Grünen“
geführt, verantwortlich für das Preisdumping beim Schulessen, bei dem eine
gesunde Mahlzeit nicht mehr angeboten werden kann, ist Bildungsstadträtin
Monika Herrmann von den „Grünen“.
Bildung, die sie meinen...

* * *

Stand in einer Beilage der „FAZ“ und wurde u.a. im „Hohlspiegel“ nachgedruckt:
„Eine gute Uhr muß nicht immer teuer sein. Wir zeigen lohnende Modelle unter 10
000 Euro.“
Ah ja.
Besonders hübsch allerdings das Interview mit dem Sportkommentator Marcel Reif,
der vor zig Jahrzehnten mal die Winzigkeit einer halben Sekunde lang als
brauchbarer Sportreporter, eben als Einäugiger unter lauter Blinden galt, bevor
klar wurde, daß er auch nur ein eitler Fatzke unter vielen in einer speziell
korrupten Branche ist.
Marcel Reif jedenfalls ist „Feuer und Flamme nicht nur für den Fußball,
sondern auch für Armbanduhren“ und findet „Alle meine Uhren sind sexy!“,
wobei er Vintage-Uhren wie etwa eine „Rolex Submariner“ bevorzugt und generell
meint, daß Armbanduhren „die Fortsetzung der Spielzeugeisenbahn“
darstellen, und genauso muß man sich wohl all die Männer vorstellen, die diese
teuren Armbanduhren kaufen, die allüberall inseriert werden: als geistige
Modelleisenbahner...
Am Ende des Interviews gibt Marcel Reif jedenfalls einen tiefen Einblick in die
deutsche Männerseele und in deutsche Männerfantasien des Jahres 2011:
„Es gibt wunderbare Geschichten mit Karl-Heinz Rummenigge, der ja auch sehr
uhrenaffin ist. Wenn ich weiß, daß ich im Vorfeld des Spiels mit ihm am Tisch
stehe, überlege ich mir sehr wohl, welche Uhr ich anziehe, und wähle gern eine,
die er vielleicht noch nicht hat. Dann ziehe ich ganz bewußt den Ärmel etwas
zurück, bleibe so stehen und warte ab. Nach zehn Sekunden hat er mein
Handgelenk gescanned, sagt aber nichts. Das sind herrliche Spielchen unter
Männern.“ Fürwahr. Köstlich.

* * *

Und wenn Sie sich wundern, in welches Land Sie am Freitag, dem 29.April,
hineingeraten waren, denn welchen Sender Sie auch eingeschaltet hatten, das
Fernsehen war gleichgeschaltet wie in Nordkorea und zeigte auf praktisch allen
Kanälen eine dubiose Prinzenhochzeit in England – ja, Sie waren immer noch in
Deutschland. Dem Land, dessen öffentlich-rechtliches Fernsehen Sie mit Ihren
Gebühren bezahlen. Und das nichts Besseres zu tun hat, seinen Bildungs- und
Kulturauftrag zu erfüllen, indem auf allen Kanälen eine Prinzenhochzeit aus
einer vordemokratischen Inselmonarchie stundenlang live übertragen wird.
Komplett gaga.
Wenn Sie vom gleichgeschalteten Prinzenhochzeitsfernsehen die Nase voll haben:
besuchen Sie unsere Konzerte! Dort werden Sie vielseitig und anspruchsvoll
unterhalten. Und ganz sicher ohne Prinzen dieser oder jener Provenienz, und
garantiert ohne Königshäuser. Ehrenwort.

14.04.2011

Und Ansonsten 2011-04-14

Wofür hält sich die bürgerliche
Presse ein Feuilleton? Unter anderem, damit sich in regelmäßigen Abständen
moralisch aufgeplustert werden darf. War Gaddafi für Politiker und Wirtschaft
hierzulande fast ein Jahrzehnt lang ein willkommener Ansprechpartner, erhielt
deutsche Wirtschafts- und Waffenhilfe, so ist er binnen Monatsfrist zum brutalen
Diktator, zum Gröfaz gewissermaßen mutiert. Wovon man vorher natürlich
keinsterlei Ahnung haben konnte. Und welche Rolle darf das Feuilleton spielen?
Tobias Rapp darf sich im „Spiegel“ damit großtun, was Springers „Welt“ auf der
Titelseite breit tritt: Popstars und Popsternchen wie Beyoncé, Lionel Ritchie,
Mariah Carey oder Nelly Furtado spielten für Millionengagen dem Diktator auf.
Was eigentlich nur beweist, was auch vorher schon jeder wußte: Für Geld tun
Popstars alles. Was man vom bürgerlichen Feuilleton natürlich nie nicht
behaupten könnte. Und wie wir alle wissen, haben alle Medien von „Welt“ bis
„Spiegel“ ja schon seit Jahr und Tag recherchiert und berichtet, welche
Popstars für die Gaddafi-Posse spielen... genauso, wie all die Politiker
jeglicher Coleur und Nationalität ja schon seit Jahren, ach was: seit
Jahrzehnten Sanktionen und Bomben gegen Gaddafis Libyen fordern – die Medien
waren bekanntlich jahrzehntelang voll davon...

* * *

Eine Bitte hätte ich in dem
Zusammenhang an die Medien: Wenn jetzt immer darüber berichtet wird, daß
irgendwelche „Altlinken“ die Bombardements in Libyen fordern würden – lassen
Sie das Wörtchen „Altlinke“ doch einfach weg. Mag ja sein, daß sich mal vor
Ewigkeiten als „Linker“ geriert hat, wessen politische Vorstellungskraft heute
nichts anderes kennt als das Bombardement von Libyen, möglichst mit
moraltriefendem Pathos, das kennen wir ja, daß sich mindestens Auschwitz nicht
wiederholen dürfe. Mit Linkssein allerdings hat das alles wenig zu tun. Und zum
laut Sarkozy und Cohn-Bendit „alternativlosem“ Militäreinsatz gegen Gaddafi
gibt es einige Alternativen – wie es in der Politik „immer einen dritten
Weg“ (Alexander Kluge) gibt. Selbst der ehemalige CDU-Politiker Todenhöfer,
der im libyschen Kriegsgebiet war und dort bei einem Luftangriff
regierungstreuer Truppen einen guten Freund verlor, bezeichnet die militärische
Intervention von USA, Frankreich und Großbritannien als eine „tragische
Niederlage der westlichen Politik. Die Bombenangriffe unterstreichen dieses Versagen
der Politik. Sie sind ein Feigenblatt, um vierzig Jahre Feigheit vor einem
psychopathischen Tyrannen zu verbergen (...) Bomben töten immer auch
unschuldige Zivilisten. Sie bergen stets die Gefahr einer unkontrollierbaren
Eskalation.“ Und Todenhöfer macht eine ganze Reihe sehr konkreter
Vorschläge, was die UN und die Politik leisten könnten, um dem Land wirklich zu
helfen.
Aber im Westen haben ja die Hardliner das Sagen: Leute, die Gaddafi noch vor
kurzem ihre Waffen verkauft haben (Sarkozy etwa); Länder, die ihr Öl aus Libyen
beziehen, lassen jetzt das Land bombardieren. Und man vergesse nicht den guten
alten Militärkeynesianismus.
„All das stinkt kilometerweit nach Heuchelei (...) Diese Länder sind uns
doch völlig egal. (...) Deshalb werden wir unsere Demokratie, unseren
Liberalismus, unseren freien Markt, unsere Zivilgesellschaft bis ans Ende der
Welt exportieren – solange sie nur alle bleiben, wo sie sind, solange sie in
ihren Hütten aus Lehm, Gras, Pappe oder Wellblech sitzen. (...) Wir schauen ohne
große Emotionen auf die arabische Revolte. Wir warten, bis sie verblutet. Wir
warten darauf, daß jemand dort endlich Ordnung macht. Im Grunde ist es uns
egal, wer dort die Macht übernimmt. Er soll sie nur endlich übernehmen und
stabilisieren. Wir können doch nicht bei jedem Besuch an der Tankstelle aufs
neue diesen Streß erleben.“ (Andrzej Stasiuk)

* * *

Die „Berliner Zeitung“ berichtete:
„Carsten Maschmeyer, Ex-König der Drückerkolonnen, hat Gerhard Schröder eine
Million Euro für Memoiren gezahlt“ und zog das Fazit: „Nichts Neues!“
In der Tat. Wobei ich schon finde, daß eine chronologische Anordnung der
bekannten Tatsachen eine gewisse bestechende Faktizität aufzeigt:
1998: Maschmeyer, „Chef des ebenso erfolgreichen wie schlecht beleumundeten
Finanzvermittlers AWD“, spendet 650.000 D-Mark für eine Anzeigenkampagne für
Gerhard Schröder, damals Ministerpräsident Niedersachsens: „Der nächste Kanzler
muß ein Niedersachse sein“.
1998: Gerhard Schröder (SPD) wird Bundeskanzler.
Als Bundeskanzler erklärt Schröder den Menschen, daß sie für ihre Rente selbst
vorzusorgen hätten, und schafft entsprechende Anlagemodelle („Riester-Rente“),
von denen u.a. der Finanzkonzern AWD profitiert (Maschmeyer hat den Ex-Minister
Riester, SPD, laut „Spiegel“ übrigens vertraglich an sich gebunden). Mehr als
14 Millionen Bundesbürger haben bis heute einen Riestervertrag unterschrieben.
2003 erklärt Maschmeyer in einem Firmenvideo: „2005 werden 10,9 Billionen Euro
in die private Altersvorsorge und Krankenversicherung bereitgestellt. Das ist
der größte Geldklumpen, der je angelegt wurde, und wir mittendrin.“
2004 erklärt Bundeskanzler Schröder als Ehrengast auf einer Tagung von
AWD-Managern: „Sie als AWD-Mitarbeiter erfüllen eine staatsersetzende Funktion.
Sichern Sie die Rente Ihrer Mandanten, denn der Staat kann es nicht.“
2004 darf Maschmeyer Schröder auf eine Auslandsreise nach China begleiten
(siehe weiter unten).
2005 wird Schröder abgewählt.
2005 zahlt Maschmeyer an Schröder ca. eine Million Euro für seine Memoiren, die
im Herbst 2006 erscheinen.
2008: Mit einer halben Million Euro fördert AWD-Vorstandsvorsitzender Carsten
Maschmeyer die Uni Hildesheim.
2009: Maschmeyer wird Ehrendoktor der Uni Hildesheim, ist „gerührt“ und „dankt
auch seiner Mami“ (laut „Hildesheimer Allgemeine Zeitung“). Die Laudatio hält
der damalige Ministerpräsident Christian Wulff („mich reizt der Mensch
Maschmeyer“...), der Monate später als Bundespräsident seinen Urlaub in
Maschmeyers Villa auf Mallorca verbringen darf.
2009 feiert Schröder seinen 65. Geburtstag „auf eigene Kosten“ („Spiegel“) in
Maschmeyers Hotel Seefugium. Und „wenn die Scorpions ein Konzert geben, nimmt
Maschmeyer den Ex-Kanzler schon mal in einem schwarzen Learjet mit“
(„Spiegel“).
2010 eröffnet Maschmeyer mit dem ehemaligen „Wirtschaftsweisen“ Rürup eine
Beratungsfirma, die Versicherungskonzerne und ausländische Regierungen in
Rentenfragen berät – China zum Beispiel... Ex-Bundeskanzler Schröder erklärt:
„Ich bin mit beiden Gründern persönlich befreundet.“
Noch Fragen?

* * *

Die „New York Times“ berichtet im
Nachruf auf den „Black Panther“ D.L.Cox von anderen Zeiten, nämlich von einer
Fundraising-Party mit Liberalen in Leonard Bernsteins New Yorker Appartement
zugunsten von zu Unrecht angeklagten Mitgliedern der Black Panther-Bewegung,
auf der D.L.Cox mit einigen anderen Mitgliedern seiner Bewegung auftauchte:
„Mr. Bernstein: „Now about your goals. I’m not sure
I understand how you’re going to achieve them. I mean, what are your tactics?“
Mr. Cox: „If business won’t give us full employment, then we must take the
means of production and put them in the hands of the people.“
Mr.
Bernstein: „I dig absolutely.““
Stellen Sie sich nur mal kurz vor, daß ein Christian Thielemann oder selbst ein
Simon Rattle sagen würde: „Klar, dem stimme ich völlig zu, daß Sie die Fabriken
übernehmen müssen, wenn Sie sonst keine Arbeit finden“, und Sie wissen, wie
weit die 60er Jahre des letzten Jahrhunderts in den USA von den 10er Jahren
unseres Jahrhunderts hierzulande entfernt sind. Und was einen Leonard Bernstein
von einem Christian Thielemann und all den anderen unterscheidet...

* * *

Die einen sagen so, die anderen
sagen so.
Eine Mitarbeiterin dieser Agentur sagte letzten Monat mit größter
Selbstverständlichkeit: „Die Zeit von Newslettern ist vorbei“, in Zukunft gebe
es quasi nur noch Blogs und sogenannte soziale Netzwerke. Fühlen Sie sich als
Leser dieses Newsletters also ruhig ein wenig als Fossil, so wie der Autor
dieser Zeilen...
Andrerseits sagt Moderatoren-Sternchen Katrin Bauerfeind, von der man eher das
Gegenteil erwartet hätte, diesen Monat auf die Frage „Facebook oder
Twitter?“: „Gerne nichts von beidem. Aber wenn, dann Twitter, denn Facebook
geht gar nicht.“
Facebook geht also gar nicht. Hm. Wenn Sie also unser Freund auf dem komischen
Gesichterbuch werden wollen... aber wissen Sie ja schon. Und wenn Sie weiterhin
lieber unseren Newsletter lesen – freuen wir uns umso mehr!

* * *

„Ain’t singing for Pepsi / ain’t
singing for Coke“, so sang Neil Young vor Jahrzehnten, als Michael Jackson den
bis dahin größten Sponsoring-Deal der Musikgeschichte mit einer der braunen
Brausen einging. Weit, weit weg... wer dieser Tage in Texas bei der SXSW war,
konnte u.a. feststellen, daß dort praktisch alle Popmusik irgendwie gesponsort
wird: Kanye West und Jay-Z, zwei der wichtigsten Popmusiker unserer Tage,
spielen gar nicht mehr im Rahmen der Musikmesse und des Festivals, sondern auf
einer eigens vom Autokonzern Fiat gebauten Bühne, einem eigenen
Werbe-Festival... Chevrolet sponsort das ganze SXSW-Festival, Miller Lite ist
das „Beer for the People“ beim Festival („Great Beer. Great
Responsibility“...), AOL präsentiert Künstler auf einer eigenen Messebühne
(„...first look at the next big thing“...), Pepsi ist die offizielle
braune Brause der SXSW („Pepsi Refresh Project: it has been a good year“...),
die Modefirma „Maurices“ präsentiert den „Girls rock Austin Showcase“
mit u.a. den Bangles, undundund... von den staatlichen Exportbüros (Kanada!
Spanien! Quebec! Frankreich! England! Wales! Australien! Deutschland, „Initiative
Musik rockt Austin – Wirtschaftsministerium zeigte sich sehr zufrieden“,
heißt es in einer Pressemitteilung...) ganz zu schweigen. Wahnsinn.
Wenn man sich die US-amerikanischen Verhältnisse betrachtet, weiß man, was auf
einen hierzulande noch zukommt. Und da ist der „Coke Sound Up Kick Off“ in
München diesen Monat nur der Anfang: „Der smarte Womanizer Pharrell Williams
und sein Buddy Chad Hugo produzierten schon als „The Neptunes“ Hits (...) Ihre
musikalische Handschrift ist speziell und einzigartig, das beweist auch das
mittlerweile fünfte Album „Nothing“, mit dem das Trio seinen „Future Pop“ noch
ein Lichtjahr weiter entwickelt hat. N.E.R.D spielen am 9. April die weltweit
erste Show des neuen Musikprogramms Coke Sound Up. Die exklusiv inszenierten
One-off Gigs überraschen durch einmalige, gemeinsam mit den Künstlern
entwickelte Specials und Aktionen, die das Konzert zum Once-In-A-Lifetime
Erlebnis machen und die spezielle Beziehung von Künstler und Fans in den
Mittelpunkt stellen.“
Aha.
Oder Becks sogenanntes Bier, für das nach Phoenix nun die unvermeidlichen
„Fantastischen Vier“ Werbung laufen. Wiglaf Droste hat es in einer Glosse in
seiner unnachahmlichen und unübertrefflichen Art auf den Punkt gebracht (leider
gekürzt):
„Beck’s Gold“ ist der Name einer Industriebrühe, die nichts mit Bier zu tun
hat und stattdessen nach Chemiebaukasten für Anfänger schmeckt. (...) Die
„Beck’s Gold“-Zielkundschaft betrachtet sich, wie man sich heute eben online
vor dem Spiegel sieht: als „freiheitsbetont und individualistisch“; das sind
die beiden Hauptneowörter für konsumfreudig und vollkonform. Die Plakatreklame
für das Pipi-artige Gesüppel – oder das artige Pipi-Gesüppel? – sagt dann auch
klar, wo es langgeht: „Sei dabei“. So ist die Welt beschaffen, in der Mitläufer
zu Vorreitern erklärt und als Avantgardisten verklärt werden, damit man ihnen
ein Avantgarde-Haarspray verkaufen kann – das aber auch als Getränk durchgeht,
denn als solches gilt „Beck’s Gold“.
Die immerfitten, allzeit bereiten Jungs vom Verkaufsförderungspop sind auch mit
im Boot: „ ... alles ist wie es ist?“, fragt die „Beck’s Gold“-Werbung – und
hat sogleich eine Waschmittelkopfantwort parat: „Gemeinsam mit den
Fantastischen Vier erfindet Beck’s Gold deine Welt neu.“
„Neu erfinden“ ist das Gegenteil von verändern und heißt: verkleiden. In
Pipi-Bier und Fanta vier fließt zusammen, was zusammengehört. Sogar das Bier /
heißt Fanta hier. – / Na dann Prost. / Doch gibt es auch Trost: Die Münchner
Agentur, die den PR-Schwindel für „Beck’s“ in den derzeitmodernen Klatschmedien
FaceBook, StudiVZ, MeinVZ et cetera organisiert, heißt Coma – Coma mit C, wie
Creativabteilung.“
Wir danken Wiglaf Droste für die Abdruckgenehmigung!

* * *

In der „Musikwoche“ werden „Die
Atzen“ anläßlich ihres neuen Albums als „Party-Philosophen“ im Geist
ausgerechnet der Beastie Boys bejubelt.
Wir haben dies zum Anlaß genommen, einen der Hits dieses Albums, „Strobo Pop“
von „Die Atzen“ & Nena, näher zu betrachten:
„Es flackert das Licht.
Dann kommt die Musik.
Auf der Tanzfläche herrscht Krieg.
Schwitzende Menschen.
Basstherapie. Wir machen Strobo Party.
STROBO POP. STROBO POP.
Ich hab voll das Brett vorm Kopf
Flattermann
Flimmerlicht
Ich seh dich nicht (...)
Alkopopper Strobopopper
Atzen sind viel viel bekloppter
Flacker Flacker
Atzen macht euch locker locker locker
Blitze in der Disco
Viele schwitzen ich so oben ohne
Ich kenne die Dame nackt die sagte
Zack die Bohne
Party machen nicht abkacken
Weiter lachen schnell aufwachen
Weiter zappeln weiter zappeln
Lasst uns heute den Club abfackeln (...)
STROBO POP. STROBO POP.“
Mal jenseits dessen, daß ich sehr dafür bin, daß Leute, die Krieg auf Musik und
abfackeln auf zappeln reimen, alle verfügbaren Literaturpreise dieser Republik
erhalten sollten – aber „Party-Philosophen“?!? Gewiß doch. Und DJ Ötzi ist
Theodor Wiesengrund Adorno auf Speed.

* * *

Der große
David Thomas beantwortete der Programmzeitschrift des Berner Clubs
Dampfzentrale die Frage „what is the importance of art in the society of today
as compared to the beginning of your artistic career?“:
„I'm not sure there's a difference in importance. The main difference, I'd
say, is that we are swamped by trivial sludge, pop culture noise and the notion
of the celebrity as arbiter of wisdom. This tsunami of dross takes up all
available space and time and minimizes the role and value of "true"
culture. By that I don't mean "high culture" - pop culture is as
important as "high culture" but even the value of pop culture has
been wiped away in the flood.“
Wir freuen
uns wie verrückt auf die Tour von Pere Ubu im Mai 2011!

* * *

Schön, wie vielfältig die beiden
führenden deutschsprachigen bürgerlichen Tageszeitungen, die „FAZ“ und die
„NZZ“, ihren Qualitätsjournalismus betreiben.
Am Mittwoch, dem 30.März, berichtet die Neue Zürcher Zeitung groß über
„innerkoreanische Gespräche um einen Vulkan“: „Während die Welt im Bann der
Erdbebenkatastrophe von Japan und ihrer Folgen steht, eröffnet ein anderes
Naturereignis neue Aussichten auf einen Dialog auf der koreanischen Halbinsel.“
Am Freitag, dem 1.April, berichtet die Frankfurter Allgemeine Zeitung groß über
einen „Geologendialog“ in Korea: „Während die Welt im Bann der
Erdbebenkatastrophe von Japan und ihrer Folgen steht, eröffnet ein anderes
Naturereignis neue Aussichten auf einen Dialog auf der koreanischen Halbinsel“,
heißt es in dem gleichgeschalteten Artikel.
Urheberin des einen wie des anderen Artikels ist eine Petra Kolonko, die in
Tokyo (bzw. mittlerweile in Seoul) sitzt, Agenturmeldungen liest und Fernsehen
schaut und darüber seit Jahr und Tag in NZZ und FAZ in praktisch
gleichlautenden Artikeln berichtet. Wie eine Tokyo-Korrespondentin für die
Spökenkiekerei der führenden bürgerlichen Medien in Deutschland und der Schweiz
verantwortlich ist, kann man im „Konkret“-Artikel „Pjöngjang im Kaffeesatz“ von
Berthold Seliger auf unserer Homepage unter „Texte“ nachlesen.

* * *

Tschah, irgendwie verlassen sie alle
Tokyo – und selbst der dunkelbraune, übelriechende  Zaubertrank der
Partygeneration scheint nicht mehr zu helfen:
„The Red Bull Music Academy 2011 will not be held in Tokyo“, erfahren
wir per Rundmail.

* * *

Ich darf an dieser Stelle noch mal
auf meinen Rundbrief vom September 2010 zurückkommen und an die schmierige
Anzeigenkampagne erinnern, mit der die Atomindustrie Lobbyismus für ihre Sache
betrieben hat. Vielleicht kann man die Herren Clement, Schily, Bissinger oder
Bierhoff mal fragen, was sie aktuell so von mehr Atomenergie halten, die sie
letzten Sommer noch so vehement vertreten haben...
Und ansonsten gilt: laßt uns die Firmen, die so massiv die Atomenergie
propagieren, boykottieren – ich wiederhole aus dem alten Rundbrief: „Mein
Vorschlag: man hänge die Liste in der Küche auf und boykottiere fortan die
Firmen, die die Unterzeichner der Kampagne vertreten - wer immer noch ein Konto
bei der Deutschen Bank hat - kündigen! Wer immer noch Strom der Atomkonzerne
RWE, Eon oder Vattenfall bezieht - es ist höchste Zeit, auf Ökostrom und
korrekte Energieanbieter umzusteigen! Bahlsenkekse schmecken sowieso nicht, man
greife zu den leckeren Plätzchen der Konditorei ums Eck oder in Ermangelung
derselben zum Beispiel zu den Produkten französischer Provenienz und erlebe,
wie ein Keks schmecken kann. Oetkers Fertigprodukte? Sowieso bäh. BASF, Bayer,
Metro (denen u.a. "Saturn" und "Media Markt" gehören), Gerry
Weber? Man weiß, was man zu tun hat“, wer dort bzw. deren Produkte einkauft,
fördert nicht nur die Atomenergie...
Es reicht nicht aus, alle vier oder fünf Jahre den Grünen die Stimme zu geben
und die Atomkraft-Nein danke-Sonne am Revers zu tragen!

* * *

Konzentrationsprozesse in der
Musikindustrie: nachdem CTS letztes Jahr Ticket Online gekauft hatte, bietet
„Live Nation“ jetzt laut „Wall Street Journal“ auch für „Warner Music“. „Live
Nation“ ist eine der größten Tourneefirmen der Welt und hat u.a. Madonna und
Jay-Z mit sogenannten 360-Grad-Deals eingekauft. Warner Music ist einer der
zwei kleineren der vier multinationalen Konzerne, die über 80% des weltweiten
Tonträgergeschäfts unter sich aufteilen.
Neben Live Nation bieten angeblich auch Sony Music Entertainment und BMG Rights
Management für Warner Music.
Das eigentlich Interessante an dieser Meldung ist jedoch: Allein im vierten
Quartal 2010 machte Live Nation laut „Musikwoche“ einen Nettoverlust von 124
Millionen US-Dollar, womit der Nettoverlust von Live Nation im Geschäftsjahr
2010 auf sage und schreibe 228,38 Millionen US-Dollar stieg. Eine Firma, die in
einem Geschäftsjahr mal eben 228 Millionen Dollar Verlust macht, bietet um eine
Firma wie Warner Music mit! Diese kleine Konzertagentur hier hat im
Geschäftsjahr 2010 dagegen erneut keinen Verlust gemacht – hey, wenn mir die
Banken mal eben 200 Millionen Dollar leihen, biete ich auch bei Warner mit.
Oder sollte ich doch besser ins Bietergeschäft um die EMI einsteigen?

* * *

„Dylans unwahrscheinliche Pop-Stimme
ist einer der Orte ihrer vollkommenen Materialisierung... nicht zu finden in
den Büchern unserer Top-Ten-Philosophie-Beamten... da ist eher kühles Valium...
verabreicht Lesern, die die Power des (sur)Realen nicht ertragen... den Klang
der Wirklichkeiten... Leute, die sich zu den Denkern flüchten... und denken, da
sei was... Entertainment für Anspruchslose.“
Klaus Theweleit in „How Does It Feel“

* * *

Heute Disko, morgen Umsturz,
übermorgen Landpartie!

01.03.2011

Und Ansonsten 2011-03-01

Und
warum klingt Popmusik heutzutage so beschissen? Und warum zerstören iPods und
Smartphones die Qualität von Musik? Und warum ist
Lo-Fi a thing of the past?
„Have you noticed? Pop music sounds shit these days. I’m not talking about
deficiences of playing, singing or writing (although doubtless these all play
their part). No, I’m referring strictly to sound quality. Compressed,
ProTooled, Auto-Tuned, and God knows what else, modern pop is engineered to cut
through on iPods, smartphones, computer speakers: it reaches the consumer’s ear
pre-shittified, essentially. Meanwhile, down in the underground, it’s the
opposite: everybody wants records to sound expensive. That makes perfect sense:
if the mainstream sounds cheap’n’nasty and chartpop hurts your ears, ideas like
lo-fi and Noise become meaningless.“
Simon
Reynolds in „Wire“ in einer Rezension des neuen Toro Y Moi-Albums

* * *

Im letzten Rundbrief erklärte Jens Balzer, wie tief Popmusik sinken kann.
In der „taz“ berichtet Christian Y. Schmidt, wie tief es auch geht: Da trällert
ein gewisser Neil Tennnat („Pet Shop Boys“) an einem Januar-Abend in Peking im
Neubau des Central Academy of Fine Arts Museums seine Lieder, veranstaltet von
Prada China „zur Feier der Tatsache, daß sich im vergangenen Jahr der Verkauf
von Prada-Produkten in China um sensationelle 51 Prozent gesteigert hatte. So
war ich einer unter zweitausend Reichen und Nichtganzsoschönen, die sich auf
Pradas Kosten ein Glas G.-H.-Mumm-Champagner nach dem anderen einverleibten.
(...) Ich fragte mich nur ein wenig bange: Wen oder was kauft China als
Nächstes? Den Papst? Stephen Hawking? Nabokovs Gebeine?“
„Ain’t singing for Pepsi, ain’t singing for Coke“, das war einmal. „Singing for
Prada in Beijing“ ist die Devise unserer Tage. Und im Vergleich dazu wirken Udo
Lindenberg und Silly, die für den Bundespräsidenten ein Ständchen singen, dann
wieder unglaublich popelig.

* * *

Wir freuen uns immer, wenn die zahlreichen Künstlerangebote, die uns so erreichen,
von Bands, Managern und Plattenfirmen klug ausgewählt und zielgerichtet
vorgenommen werden. Diese Agentur tut sich ja seit Jahren, ach was, seit
Jahrzehnten besonders auf dem Feld der volkstümlichen Musik hervor, insofern
war dieses Angebot bestens plaziert:
„Ich habe die Südtiroler Mander im Management... ein junges Duo mit reichlich
Bühnenerfahrung!“
Sie haben sogar „jetzt ihre erste CD am Markt!“ „Am Markt“ also... und wer eine
Bude am, oder wie Kafka geschrieben hat, „auf dem Markt“ hat, der muß brüllen,
klar. Beste Voraussetzungen für eine Zusammenarbeit also. Zumal „das Duo
bereits als Vorgruppe beim Kastelruther Spatzenfest spielte!!!“ Warum wir
dennoch von einer Zusammenarbeit Abstand nahmen und „die weiteren Details über
die Gage“ nicht mehr besprechen wollten, wird der Vorgruppe des Spatzenfestes
wohl ein Rätsel bleiben...

* * *

„FAZ und SZ wollen nicht zitiert werden“, schreibt „Spiegel Online“ am
16.2.2011. Die „Süddeutsche Zeitung“, die also zusammen mit der „FAZ“ gerade
den Rechtsweg einschlägt, um nicht mehr zitiert zu werden (ich finde, man tut
dem Ex-Doktor, „der über Wasser gehen kann“, vielleicht etwas unrecht, wenn man
ihn des Plagiats beschuldigt – er als der oberste Dienstherr aller Soldaten und
damit in Person Vertreter unbedingten Gehorsams hat wahrscheinlich nur in einer
Anwandlung vorauseilenden Gehorsams den „FAZ“-Aufsatz und all die anderen
geklauten Texte in seiner Doktorarbeit nicht als Zitat kenntlich gemacht...),
ich bitte, neu ansetzen zu dürfen: Die „Süddeutsche Zeitung“ also liefert uns
frei Haus ein gewaltiges Beispiel von gewaltigem Qualitätsjournalismus, in dem
sie einem unserer auf Tour befindlichen Künstler einen Fragebogen sendet mit
der Bitte um Beantwortung, aber pronto, sozusagen, denn der Herr Qualitätsjournalist
im Namen der SZ hat wenig Zeit:
„I’m writer for Süddeutsche Zeitung, the biggest German newspaper“, stellt sich
der Schreiberling etwas anmaßend und nicht ganz faktensicher vor. „I need the answers at. 3 p.m. (in 2 ½ hours). Do you think, xxx could answer
the questions until 3 o’clock?“
Die
Fragen sind sauber recherchiert und bilden ein verwegenes Beispiel der Klugheit
und Fragekunst der „größten deutschen Zeitung“:
„Where do you come from and what are you usually doing here? What are you looking for (in Munich)? What have you brought us? Which
person in Munich would you like to meet? Where do you rest your head? Which
cliché about Munich do you like best? What comes into your mind when you think
of Munich? How could Munich make you stay? How do you want to be remembered in
Munich?“
Qualitätsjournalismus,
den sie meinen...

* * *

Eigentlich hätte es die CD „The Secret Sisters“ in die Playlist dieses
Rundbriefes geschafft. Aber dann las ich auf der CD den bescheuerten Aufdruck:
„FBI Anti-Piracy Warning: Unauthorized copying is punishable under federal
law“, und ich hab das Teil auf den Müll geworfen.
Als Aushängeschild und Titelheld für die nächste Plakat- und Anzeigenkampagne
des Bundesverbandes der Deutschen Musikindustrie zum Thema „Raubkopierer sind
Verbrecher“ konnte, wie aus gewöhnlich sehr gut unterrichteten Kreisen zu
erfahren war, übrigens Freiherr zu Guttenberg gewonnen werden, der mit einer
ähnlichen Kampagne für die Aktion „Hart aber gerecht“ bereits Erfahrungen
gesammelt hat:

* * *

Und ein Mario Barth hat die Markenrechte an dem Uralt-Spruch „Nichts reimt sich
auf Uschi“ beansprucht. Richtig mit Marken- und Patentrecht und allem drum und
dran. Allerdings hat Barth, dem sein ganzes Leben noch nichts selbst
eingefallen sein dürfte, den Spruch natürlich nur geklaut... bzw., wie man
heutzutage sagt: in seine Doktorarbeit hineinkopiert. Vor 20 Jahren bereits
verwendete das „Frühstyxradio“ von Radio FFN den Spruch als Tour-Motto, und
Radio FFN hat jetzt beim Patentamt einen Löschungsantrag gestellt. „Niemand
soll sich an einem Spruch bereichern, der auf nahezu jedem Schulklo steht“,
heißt es beim Radiosender (die Schulklos scheinen auch nicht mehr zu sein, was
sie nie waren...).
Mario Barth spricht in einer ersten Stellungnahme von einer „abstrusen
Vorstellung“, daß er den Spruch geklaut haben könnte...

* * *

„Nothing is original.“ (Jim Jarmusch)

* * *

Laut „taz“ kam die Band Konono No. 1 im Februar 2011 „erstmalig nach
Deutschland“, was „man als kleines Wunder werten darf“.
Ich weiß nicht, ob die taz unter die Wundergläubigen geraten ist, oder nur wie
so oft schlecht recherchiert hat, oder ob die Fehlinformation dem
Tourneeveranstalter zu verdanken ist, aber, in aller Bescheidenheit: Konzerte
mit Konono No. 1 hat diese Agentur schon vor einigen Jahren hierzulande
veranstaltet, u.a. auf dem „Traumzeit“-Festival in Duisburg; ein WDR-Mitschnitt
ist der Beweis.

* * *

Ein neues kleines Kapitel „Dinge, die die Welt nicht braucht“: Der VUT, der
sogenannte „Verband unabhängiger Musikunternehmen“, hat „media control“ mit der
Erhebung einer eigenen Hitliste beauftragt, der sogenannten „Top 20
Independent“. Ein Blick auf die ersten deutschen „Independent-Charts“ macht
klar, was das für ein nutzloser Schmarrn ist: Auf Platz 1 befindet sich Adele,
die auch die offiziellen Charts angeführt hat – so what? Auf Platz 2 steht
Xavier Naidoo – ähem. Auf Platz 3 finden wir „Schandmaul“, auf Platz 5 „Prinz
Pi“, auf weiteren Plätzen David Garrett, Der W, Loreena McKennitt, Massiv
(„Blut gegen Blut 2“) oder ein „Stratovarius“.
Wer weiter oben gefragt hat, wie tief Popmusik sinken kann – der VUT weiß immer
noch eine Antwort, wie man das Niveau deutscher Musikindustrie auf „Unter Null“
verlegen kann.
Allein schon der Begriff „Independent“ ist ja längst vollkommener Blödsinn.
Independent from what? Längst gehören auch sogenannte unabhängige Firmen
transnationalen Konzernen an oder nutzen die Vertriebsnetze der multinationalen
Musikkonzerne – warum auch nicht? Und wenn VUT-Vorstand und Rechtsanwalt Benn
als Kriterium angibt, daß ein Indie-Unternehmen „inhabergeführt und nicht durch
ein Fremdunternehmen beherrscht“ sein soll – nun, das gilt im Zweifelsfall auch
für eine Nazi-Plattenfirma und scheint als Kriterium für „Independent“ doch
sehr mager, zumal sogar ein Branchen-beherrschender Großkonzern wie die DEAG
der VUT als „Indie“ durchgeht. Was also bedeutet heute noch „Indie“? Abgesehen
von einigen ehrenwerten Vertretern der Branche wie Stefan Vogelmann/Broken
Silence („Independent heute: Haltung. Ich verstehe unter Indie: sich für
Kulturgut einsetzen“...)  oder Thorsten Seif/Buback („Independent ist zu
einem schier endlos interpretierbaren Claim verkommen. Jungsbands, die
professionell ihre Befindlichkeiten besingen, sind genauso Indie wie Punks,
Rockabillys, Major-Plattenfirmen-Abteilungen, Kaiser Chiefs und und und.
Independent-Kultur, wie ich sie verstehe, läßt sich nicht in Charts und
Verkaufszahlen abbilden. Wir bieten abwegigsten und sperrigsten Musikarten, die
im besten Fall noch an einem Diskurs teilnehmen, eine Plattform.“), die
„Independent“ noch kulturell oder sogar politisch verorten, halte ich es mit
dem großen David Thomas/Pere Ubu, der in einer Titelstory mit „Wire“ mal sagte:
„The only difference between independent and major labels is that major
companies have a lot of money. I don’t buy any of that indie spirit camaraderie
and blah de blah de blah, and I don’t wanna be on a label that doesn’t wanna
sell records. I don’t wanna be your buddy. I want you to try to sell this damn
thing.“
Warum und wie eine Hitliste von Adele (die dies nicht braucht) über Xavier
Naidoo, Schandmaul, Prinz Pi, dem dumpfen Schmusegeiger David Garrett, „Der W“
bis hin zu „Massiv“ (die wir nicht brauchen) laut VUT „der Vielfalt nützt“ und
„der Kultur hilft“, ist ein Rätsel, das wohl niemand aufklären kann.
„Indiependent-Charts?“ Laßt es bleiben!

* * *

Im vorderen Teil der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ vom 13.2.2011
posiert Maria Furtwängler auf zwei Seiten als Modell der FAZ-Anzeigenkampagne
„dahinter steckt ein kluger Kopf“. Weiter hinten in der gleichen FAS ist eine
zweiseitige Personality-Story über Maria Furtwängler zu finden.

* * *

Im vom Feuilleton heftig diskutierten und meist gefeierten Buch „Der kommende
Aufstand“ hat auch das von Facebook mühsam stabilisierte kleinbürgerliche Ich
seinen komischen Auftritt – ein „Ich“, das sich stets „produzieren“ muß, um
seine Leere zu verbergen.
Lesen Sie ruhig „Der kommende Aufstand“, es lohnt sich. Und wenn Sie das Gefühl
haben, Ihr Ich sollte sich mal wieder reproduzieren: werden Sie einfach unser
Freund bei diesem komischen Facebook-Dingens!

* * *

„Verstecke sind unzählige, Rettung nur eine, aber Möglichkeiten der Rettung
wieder so viele wie Verstecke. Es gibt ein Ziel, aber keinen Weg, was wir Weg
nennen, ist Zögern.“
(Franz Kafka)

* * *

Das „Universal Presse Webteam“ hat etwas Erstaunliches, ja, „eine Sensation“ zu
vermelden: Lady Gaga veröffentlicht eine neue Single! Was für eine
Überraschung! Eine Popmusikerin schreibt Songs und veröffentlicht diese sogar,
einfach so! Wow. „Die Sensation ist jetzt perfekt“, in der Tat. Wir sind
beeindruckt.

* * *

In der „Berliner Zeitung“ stand anläßlich einer Detailanalyse des Hamburger
Wahlergebnisses ein hübscher kleiner Satz: „Auch auffällig: Kandidaten mit
Doktortiteln schnitten besser ab als nichtpromovierte Politiker. Wahlforscher
erklären das damit, daß kein Wähler all die vielen Kandidaten kennt – und sich
dann an sachfremden Dingen wie Doktortiteln orientiert.“
Ähem. Wo doch gerade aufgeklärt wurde, daß jeder dahergelaufene Hochstapler
hierzulande einen Doktortitel abschreiben kann – ob das die Wähler nicht
mitbekommen haben sollten?
Oder, um noch ein paar Hirnwindungen weiterzugehen: Der Baron lebt vom
„Schulterschluß mit dem Volk, das liebend gerne von einem wie ihm geführt werden
will“ (FAZ), von einem Adeligen, der quasi von Haus aus in einem Schloß auf dem
Berg wohnt und daher qua Geburt den besseren Überblick hat. Wie der Herr Baron
es dann geschickt vermag, sich als der Großkopfertsten einer an die Seite der
kleinen Leute zu stellen, gleichzeitig „gegen die da oben“ (deren einer er ja
ist), „gegen die arroganten Medien“, ja, „gegen den Zinnober, der da in Berlin
läuft“, als Identifikationshansel anzubieten und zu stilisieren, das ist schon
ein Meisterstück von Demagogie. Das natürlich nur Hand in Hand mit dem
Springer-Konzern gelingen kann – die Blödzeitung etwa titelte „Scheiß auf den
Doktor“ (am Rande sei gekalauert: würden wir ja gerne, liebe Blödzeitung,
würden wir ja gerne!) und macht sich neben der „Bunten“ seit Wochen für den
Betrüger stark. Das von Herrn zu Guttenberg geführte Verteidigungsministerium
zeigt sich übrigens dankbar und startet in „Bild“, „Bild am Sonntag“ und auf
„bild.de“ (und nur in diesen Springer-Publikationen!) eine teure
Anzeigenkampagne. Ein Sprecher des Medienkonzerns Axel Springer erklärte dazu,
Anzeigenabteilung und Redaktion arbeiteten bei dem Konzern „streng getrennt“.
Eh klar.

* * *

Seit langem geht unsereinem die Anzeigenkampagne für die Blödzeitung gewaltig
auf den Keks – vor allem aber wundert man sich, daß jeder, aber auch wirklich
jeder meint, dort mittun zu müssen mit mehr oder minder originellen Beiträgen.
Neben Leuten, die es nötig haben und von jeher jeden Scheiß mitmachen, also
etwa Mario Barth oder Sarah Connor, sah man bei dieser Kampagne von Marius
Müller-Westernhagen über Udo Lindenberg, Oskar Lafontaine, Veronica Ferres,
Thomas Gottschalk, Philipp Lahm und Alice Schwarzer bis hin zu Richard von
Weizsäcker etliche Personen Werbung für die Blödzeitung machen, von denen man
zwar vielleicht einiges, das dann aber vielleicht doch nicht erwartet hätte.
Es hat ewig gedauert, jetzt aber tat Judith Holofernes, Sängerin und
Songwriterin von „Wir sind Helden“, das einzig Richtige und Sinnvolle, was man
tun kann, wenn man von der Werbeagentur der Blödzeitung gebeten wird, bei der
Werbekampagne für „Bild“ mitzutun: Sie sagte nicht nur ab, sondern sie
veröffentlichte auch sowohl die Anfrage als auch ihre Absage und fand deutliche
Worte, die man sich so schon längst von anderen gewünscht hätte:
„Ich glaube, es hackt. Die laufende Plakat-Aktion der Bild-Zeitung mit
sogenannten Testimonials, also irgendwelchem kommentierendem Geseiere von
sogenannten Prominenten ist das Perfideste, was mir seit langer Zeit
untergekommen ist. (...) Selten hat eine Werbekampagne so geschickt mit der
Dummheit auf allen Seiten gespielt. Da sind auf der einen Seite die Promis, die
sich denken: Hmm, die Bildzeitung, mal ehrlich, das lesen schon wahnsinnig
viele Leute, das wär schon schick... (...) Die BILD-Zeitung ist kein
augenzwinkernd zu betrachtendes Trash-Kulturgut und kein harmloses „Guilty
Pleasure“ für wohlfrisierte Aufstreber, keine witzige soziale Referenz und kein
Lifestyle-Zitat. Und schon gar nicht ist die Bild-Zeitung das, als was ihr sie
verkaufen wollt: Haßgeliebtes, aber weitestgehend harmloses Inventar eines
eigentlich viel schlaueren Deutschlands. Die Bildzeitung ist ein gefährliches
politisches Instrument – nicht nur ein stark vergrößerndes Fernrohr in den
Abgrund, sondern ein bösartiges Wesen, das Deutschland nicht beschreibt,
sondern macht. Mit einer Agenda.“
Dank und Respekt an Judith Holofernes!
(und natürlich spricht es nicht für eine bestimmte Szene von mediengeilen
Musikern, Politikern und Prominenten, daß man ein eigentlich völlig
selbstverständliches Verhalten überhaupt erwähnen muß...)

* * *

Ein ganz besonderes Stück Dialektik fordert die Welt uns allen angesichts der
jüngsten Entwicklungen in Libyen ab. Ich meine nicht einmal, daß
merkwürdigerweise Kanzlerin Merkel, die Al-Qaida und Außenminister
wiehießerdochgleichwieder gleichzeitig den Rücktritt Muammar al-Gaddafis
fordern. Frau Merkel und Herr Westerwelle vertreten übrigens die Regierung, die
bis vor wenigen Tagen Militärhilfe an Gaddafis Libyen leistete, und die Gaddafi
noch im Dezember 2010 50 Millionen Euro Militärhilfe garantierte, damit Gaddafi
dafür sorgte, daß afrikanische Flüchtlinge nicht nach Europa gelangten...
Aber wenn Politiker Sanktionen gegen Libyen fordern – wie ist das dann genau
gemeint? Bedeutet es, daß wir plötzlich nicht mehr unsere Waffen nach Libyen
liefern sollen? (und wohin dann?) Es waren vor allem Silvio Berlusconi, Tony
Blair und Gerhard Schröder, die sich vor ein paar Jahren um ein neues, enges
Verhältnis zu Gaddafi bemüht haben. Milliardenverträge für Shell, BP, Siemens
und etliche andere Unternehmen waren die Folge. Die Autobahnen in Gaddafis
Reich wurden von Bilfinger + Berger gebaut. Gerhard Schröder beglückwünschte
Gaddafi bei einem Treffen anläßlich der Eröffnung einer Ölbohrstelle der
BASF-Tochter Wintershall: „Die Richtung stimmt!“
Und als erster bundesdeutscher Wirtschaftsminister war unser aller Baron zu
Guttenberg 2009 in Libyen. Während zu Guttenberg auch in Tripolis seine Frau
dabei hatte, „die im Sozialministerium Gespräche über Frauenfragen führt“ (FAZ)
(hab ich etwas verpaßt? Ist Frau zu Guttenberg irgendwie in eine politische
Funktion hierzulande gewählt worden, die sie berechtigen würde, im Ausland
Ministeriumsgespräche zu führen?!?), gab er der BamS-Reporterin Anna von Bayern
ein Interview und antwortete auf die Frage „ist es eigentlich okay, mit dem
Diktator Geschäfte zu machen“, ziemlich anti-sanktionistisch: „Ja. Gaddafi
bleibt eine schillernde Figur, aber er übernimmt zunehmend Verantwortung (...)
Manche sehen in ihm mittlerweile einen Partner bei der Bekämpfung des
internationalen Terrorismus (...) Unser Ziel ist es, daß deutsche Unternehmen
einen Teil der 20 Milliarden Euro bekommen, die Libyen in den nächsten Jahren
allein in Bildungs- und Infrastrukturprojekte investieren will.“
Aber wahrscheinlich ist das alles wieder ein Plagiat, bei Guttenberg weiß man
ja nie genau...

* * *

Der beste Kommentar zu Deutschlands „Teflon-Minister“ („Economist“), dem „so
schön kann doch kein Mann sein“ („Bunte“) allerdings stammt, finde ich, von
seinem fränkischen Widergänger (oder andersrum?) Lothar Matthäus:
„Ein Mann muß im Leben Entscheidungen treffen. Ob die dann richtig sind, stellt
sich oft erst hinterher heraus. Wenn man in Deutschland keine Probleme hat,
macht man sich welche. Und wer was Gutes für Deutschland tut, kriegt als Dank
meistens was aufs Maul.“
Danke, Loddar, für die präzise und tiefschürfende Analyse!
„Ein Mann muß im Leben Entscheidungen treffen“...

23.02.2011

Und Ansonsten 2011-02-23

Liebe
Musikjournalisten – das neue Jahr ist nun bereits 32 Tage alt. Es wird also
allerhöchste Zeit für eine eurer Lieblingsredewendungen: Es gilt, das „schon
jetzt beste Album des Jahres“ auszurufen! Oder wahlweise auch „ganz sicher
eines der wichtigsten Konzerte des Jahres“ oder „bestimmt eine der besten CDs
von 2011“. Wir warten gebannt.(und Jens Balzer, der in der „Berliner Zeitung“ vom 5.1.2011 das zu dem
Zeitpunkt nicht einmal erschienene - und in der Tat geniale - Album von James
Blake als „schon jetzt der Hype der Saison“ bezeichnet und nur zwei Wochen
später die Eröffnung der neuen Konzerthalle des Berghain zu, „wie wir jetzt
schon mal zu prophezeien wagen, dem popkulturellen Ereignis des Jahres in
dieser Stadt“ ausgerufen hat, sei allen ein leuchtendes Vorbild).

* * *

Wenn man die ganzen Jahresrückblicke in den Musikzeitschriften und Feuilletons
betrachtet, bekommt man einen Überblick über den embedded music journalism –
berichterstattet wird größtenteils, mal mit weniger, mal mit mehr Geschmack und
Können, über die Produktionen, die die Musikindustrie den Redaktionen frei Haus
zukommen läßt. Eine der interessantesten Veröffentlichungen des letzten Jahres,
die Doppel-LP „Another Nice Mess II“ von DJ Marcelle, habe ich dagegen nicht
nur in keinem Jahresrückblick gefunden, nein, bislang (...) wurde sie meines
Wissens auch von keiner Zeitschrift hierzulande außer von „Konkret“ besprochen.
Klar, diese LP ist auf einem kleinen (aber feinen!) Label erschienen, die
Auflage beträgt nur 500 Exemplare, wenn ich richtig informiert bin, und das
Label wird auch nur schwerlich Anzeigen schalten können, ist also für die
real-musikwirtschaftliche Verwertungskette eher uninteressant. Zudem ist die
Musik eine sehr eigene Mischung aus Dubstep mit experimenteller Elektronik, Dub
mit Sounds von Dampflokomotiven, Akkordeon mit Breakcore, man kann das
Flußrauschen der Donau ebenso hören wie Sounds von tschechoslowakischen
Demonstrationen – ein tolles Soundscape, eine spannende Musik, die da
entstanden und re- und ge-mixed wurde. „Ein beständiger Fluß von Improvisation
und Struktur“ (Hans Joachim Irmler). So könnte Mahler heute komponiert haben,
und kein Wunder, daß DJ Marcelle gern als „weiblicher John Peel“ bezeichnet wird.

Davon hätte ich gerne, liebe Medienpartner, in euren Publikationen gelesen!
Könnt ihr ja mal in Erwägung ziehen, wenn sich eure Aufregung über Hercules and
Love Affair (bedenkt: „theoretisch total gut inszenierter Discopop und schlau
und überspannt, praktisch auf Dauer aber auch ziemlich langweilig“, „FAS“)
etwas gelegt hat...

* * *

Die Zeitschrift „The Economist“ vom 22.1.2011 bringt die Welt sehr anschaulich
auf den Punkt:

„More millionaires than Australians“.

* * *

Anläßlich seines 100.Geburtstages gibt der Filmregisseur Kurt Maetzig der
„Berliner Zeitung“ ein Interview und sagt dort unter anderem:

„Mit dem Begriff Freiheit ist es ähnlich wie mit dem Begriff Demokratie. Man
sagt Demokratie und meint Kapitalismus. Es geht gar nicht um Demokratie in des
Wortes ursprünglicher Bedeutung, also um Volksherrschaft. Im Gegenteil: Die
Demokratie als Staatsform ist so kunstvoll konstruiert, daß das Volk möglichst
von den Entscheidungen fern gehalten wird. In der Wirtschaft, im Militär, in
der Justiz herrschen Autokratie statt Demokratie. Es sind in Wirklichkeit nur
begrenzte Gebiete, in der Demokratie wirksam wird, und selbst da nur partiell.
(...)

Solidarität ist im Bereich des Gesellschaftlichen das, was im Menschlichen die
Freundschaft ist. Solidarität ist der Lebensquell für die Menschheit.“

Herzlichen Glückwunsch, Kurt Maetzig! Ad multos annos!

Und das Kaninchen sind wir...

* * *

Ich glaube, man hat ein Problem, wenn man Minister zu Guttenberg mit den
üblichen medialen oder parlamentarischen Entrüstungs- oder
Skandalisierungsreflexen beikommen will. Natürlich ist es empörend, wie der
schneidige Adelige das Parlament im Unklaren läßt und einen Tag später, nach
einem Anruf der Blödzeitung, aktiv wird und den „Gorch Fock“-Kapitän kurzerhand
entläßt. Die Dreieinigkeit „Bild, BamS, Glotze“ als verbindliches Mittel der
Politik allerdings hat Gerhard Schröder eingeführt, Schröder hat vorgemacht,
wie man „ein Blatt als strategischen Partner“ („FAZ“) einsetzt, ganz so, wie
weiland „Bravo“, „Universal“ und „Tokio Hotel“ eine Allianz zum Erfolg des
jeweils anderen eingegangen sind.

Kritik daran wird an Teflon-Guttenberg abprallen. So werden Kanzler gemacht.

Das eigentliche Problem besteht in der Demokratieferne der öffentlichen und
Selbst- Inszenierung des adeligen Ministers. Der Adelige, der sich im wahrsten
Sinn des Wortes herabläßt, von seinem Schloß auf dem Berg – wo die Adeligen
wohnen und einen besseren Überblick zu haben pflegen – hinunter in die
Niederungen der Politik zu begeben. Ach wo, der „Nebenerwerbsmonarch“
(Küppersbusch), der gewissermaßen vom Adel abgestellt wird, um mal in der
Politik – „das hätten wir eigentlich gar nicht nötig“... – aufzuräumen. Ja kann
denn Guttenberg sogar über Wasser gehen (fragte die „Bunte“)? Yes he can! Und
genau das ist die Inszenierung zu Guttenbergs – er ist nicht etwa so etwas
Banalem wie irgendeinem Parlament verpflichtet, sondern einzig sich selbst und
seinem Stand. Nur – wie will er Kanzler werden? Die werden hierzulande pro
forma immer noch gewählt, nicht ernannt...

* * *

Ärgerlich: In einem großen Artikel in der „FR“ erinnert sich Arno Widmann an
taz-Gründer Dietrich Willier, der als Lehrer an der Odenwaldschule jahrelang
Kinder mißbraucht hat. Widmann beschreibt die pädophile Propaganda in den
frühen Jahren der „taz“, in der er Redakteur war, und dann kommt dieser
bezeichnende Satz:

„Es wäre wichtig nachzusehen, wie sich Dietrich Willier in den
Auseinandersetzungen zur Pädophilie äußerte.“

In der Tat, lieber Arno Widmann, es wäre wichtig, dies nachzusehen und nachzulesen.
Warum haben Sie es nicht getan? Warum ergießen Sie sich stattdessen lang und
breit in persönlichen und vagen Erinnerungen? Warum begreifen Sie als
Weggefährte Williers es nicht als Verpflichtung, wenigstens jetzt mal so etwas
Altmodisches wie eine Recherche vorzunehmen und sich kundig zu machen? Das wäre
ein akzeptabler Artikel gewesen!

* * *

Da kann sich „eine Phalanx von“ (durchaus eher konservativen und liberalen)
„Jura-Professoren gegen eine weitere Verschärfung des Urheberrechts aussprechen“
(„FAZ“), da können noch so viele Gesetze für die digitale Welt hierzulande und
andernorts scheitern oder von Gerichten als verfassungswidrig gegeißelt werden,
da können unabhängige Studien noch so sehr eindeutige Ergebnisse liefern,
unabhängige internationale Zeitschriften von der „New York Times“ bis zum
„Economist“ können noch so sehr die allgemeinen Probleme der Plattenindustrie
nüchtern beschreiben – nein, Manfred Gillig-Degrave, der geschätzte
Chefredakteur der „Musikwoche“, betätigt sich weiterhin in seinem Lieblingsjob
als Unke von Berg am Laim und schreibt praktisch Woche für Woche wie eine
tibetanische Gebetsmühle einen donnernden Appell nach dem anderen für ein
scharfes, verschärftes, hartes, härteres, unerbittliches, Sarkozyhaftes neues
Urheberrecht, weil einzig ein solches neues, verschärftes, härteres
Urheberrecht die Musikindustrie und mithin die Welt retten kann und wird.

Die Konzerne werdens ihm danken und Anzeigen schalten. Der Rest der Welt gähnt
und stellt fest, daß in China gerade eine selbstgebrannte CD im Regal umfällt.

* * *

„Udo Lindenberg und Silly spielen in der Schinkelkirche Neuhardenberg dem
Bundespräsidenten ein Ständchen (tiefer kann Popmusik kaum mehr sinken).“

Jens Balzer in der „Berliner Zeitung“

* * *

Eine gängige und gern verwendete Falschschreibung des Künstlernamens von Daniel
Kahn, die im Land des Philosemitismus tief blicken läßt: Daniel „Khan“. Als ob
das weil irgendwie „Weltmusik“ irgendwie ein Bollywood-Name sein müsse...

* * *

Die „Oscar“-Nacht steht bevor, die „Berlinale“ kommt:

„Preisfrage: Wer hat als einzige deutsche Filmschauspielerin den Oscar gewonnen
– und das gleich zweimal hintereinander?“ (Jüdische Allgemeine)

Nein, es war nicht Marlene Dietrich. Es war Luise Rainer. Die jüdische
Schauspielerin war von Max Reinhardt entdeckt worden, flüchtete vor den Nazis
in die USA, wo sie 1936 schon mit ihrem zweiten Film, „The Great Ziegfeld“
einen Academy Award als beste Hauptdarstellerin gewann. 1937 erhielt sie den
„Oscar“ erneut, für ihre Hauptrolle in der Pearl-Buck-Verfilmung „Die gute
Erde“.

Luise Rainer wohnt, inzwischen hundertjährig, in London. Warum wird die
jüdische Schauspielerin nicht z.B. von der Berlinale geehrt? Warum erhält sie
nicht einen Stern auf dem komischen „Boulevard der Stars“ auf dem Potsdamer
Platz? Dadurch wären wir, um es mit Brecht zu sagen, „alle geehrt“...

* * *

Sucht man bei „Buecher.de“ nach Theweleits bahnbrechendem Buch
„Männerphantasien“, folgt auf Platz 2 der Suchergebnisse „Traumfrauen der
Lust“, und auf Platz 4 „So befriedigen Sie Ihren Mann“. Digitale
Wirklichkeiten.

* * *

Christoph Dallach stellt auf „Spiegel Online“ die falschen, nämlich
hypothetischen Fragen:

„Stört es, wenn eine aufregende Frau daheim alle CDs der Betroffenheits-Rocker
Pur hat? Oder ein spannender Mann Kuschelrock von Chris de Burgh auf dem
i-Pod?“

Sorry: Eine Frau, die alle CDs von „Pur“ ihr eigen nennt, ist nicht
„aufregend“, ein Mann, der Musik von Chris de Burgh mag, kann nicht „spannend“
sein. It’s that simple.

* * *

„Wir selbstzufriedenen kreativen Künstler werden inzwischen als eine Art
Software eingesetzt. Es gibt ja die Theorie, daß wir uns alle einreihen bei den
großen Unterhaltungskonzernen, Content generieren, der wiederum Dinge
akkumuliert und Zielgruppen abschöpft. Wir finden das abscheulich. Alles ist
auf die Werbung ausgerichtet, man folgt einzig und allein der Spur des Geldes.
Und mit welchem Wort wird Kultur beschrieben: mit Content.“

Jon King („Gang of Four“) im Interview „Kapitalismus ist ein seltsames Biest“
mit der „taz“

* * *

„Allerdings kann man festhalten, daß die spannendste Popmusik dort entsteht, wo
es weniger um die Behauptung von Identität geht – hallo (Indie-)Rock! –,
weniger um Gewißheitsproduktion als darum, den Erwartungen und Grenzen von
Identität etwas, sagen wir, Unidentisches entgegenzusetzen.“   (Klaus
Walter)

* * *

„Auf der anderen Seite schreiben immer mehr Elektronik-Benutzer in Blogs, in
die viel Herzblut fließt, weil sie die Gedanken der Autoren an Milliarden von
Lesern vermitteln sollen – obwohl sie doch meist nicht einmal einen einzigen
Leser finden. Keine kältere Einsamkeit hat es je gegeben als die Illusion, über
Blogs mit der Welt verbunden zu sein, denn sie ist die Einsamkeit des
Universums.“  (Hans Ulrich Gumbrecht in der „NZZ“)

* * *

Und wenn Sie noch unsicher sein sollten, ob Sie unser Freund auf dem komischen
Facebook-Dingens werden wollen, switchen Sie doch einfach mal auf die Homepage
des Vatikan (press.catholica.va/news) und lesen Sie, was Joseph Ratzinger, von
Katholiken Papst Benedikt XVI. genannt, so zu den neuen Medien zu sagen hat:

„Die neuen Technologien ändern nicht nur die Art und Weise, wie man miteinander
kommuniziert, sondern die Kommunikation an sich; man kann daher sagen, daß wir
vor einem umfassenden kulturellen Wandel stehen. Mit dieser neuen Weise,
Information und Wissen zu verbreiten, entsteht eine neue Lern- und Denkweise
mit neuartigen Möglichkeiten, Beziehungen zu knüpfen und Gemeinschaft zu
schaffen.

Es zeichnen sich Ziele ab, die bis vor kurzem undenkbar waren, die aufgrund der
von den neuen Medien eröffneten Möglichkeiten Staunen hervorrufen und zugleich
immer dringlicher eine ernsthafte Reflexion über den Sinn der Kommunikation im
digitalen Zeitalter verlangen. Das ist besonders ersichtlich, wenn man das außergewöhnliche
Potential des Internets und die Vielschichtigkeit seiner Anwendungen bedenkt.
Wie alle anderen Schöpfungen des menschlichen Geistes müssen die neuen
Kommunikationstechnologien in den Dienst des ganzheitlichen Wohls des Menschen
und der gesamten Menschheit gestellt werden. Wenn sie vernünftig genutzt
werden, können sie dazu beitragen, das Verlangen nach Sinn, nach Wahrheit und
nach Einheit zu stillen, das die tiefste Sehnsucht des Menschen bleibt.

In der digitalen Welt heißt Informationen zu übermitteln immer öfter, sie in
ein soziales Netzwerk zu stellen, wo das Wissen im Bereich persönlichen
Austauschs mitgeteilt wird. Die klare Unterscheidung zwischen Produzent und
Konsument von Information wird relativiert, und die Kommunikation möchte nicht
nur Austausch von Daten sein, sondern immer mehr auch Teilhabe. Diese Dynamik
hat zu einer neuen Bewertung des Miteinander-Kommunizierens beigetragen, das
vor allem als Dialog, Austausch, Solidarität und Schaffung positiver
Beziehungen gesehen wird. Dies stößt andererseits aber auf einige für die
digitale Kommunikation typische Grenzen: die einseitige Interaktion; die
Tendenz, das eigene Innenleben nur zum Teil mitzuteilen; die Gefahr, irgendwie
das eigene Image konstruieren zu wollen, was zur Selbstgefälligkeit verleiten
kann.“

Auch sonst immer eine hübsche Lektüre, die Website des Vatikan, und erspart
locker ein „Titanic“-Abo...

Also, bedenken Sie das außergewöhnliche Potential des Internets! Stellen Sie
diese Schöpfung in den Dienst des ganzheitlichen Wohls der gesamten Menschheit!
Werden Sie unser Facebook-Freund! Nutzen Sie das soziale Netzwerk, um Ihr
Verlangen nach Sinn, Wahrheit und Einheit zu stillen! Aber Vorsicht – seien Sie
bei all dem bitte nicht zu selbstgefällig... rät von Herzen der bescheidene und
allzeit sehr demütige Verfasser dieser Zeilen:

02.01.2011

Und Ansonsten 2011-01-02

„Frohe
Weihnachten...“

Auf der Website der „Grünen“ lief tagelang ein Video mit dem Titel „Claudia
Roth & Cem Özdemir wünschen frohe Weihnachten“, und man fragte sich, wen
man nun ekliger finden sollte – die „grüne Gurke“ („taz“) Claudia Roth, per se
sozusagen, oder den schwäbischen Vorzeigemigranten, wie er sich an das
bürgerliche Wahlvolk ranwanzt und erzählt, was er die Tage vor „dem Fest“ so treibt,
„Postkarten schreiben, Weihnachtskarten schreiben...“

Doch schließlich schlägt das Pendel doch zugunsten von Claudia Roth aus – wie
sie tief betroffen und nachdrücklich und mehrfach „und wir wünschen euch
natürlich alles Gute zu Weihnachten“, „wir wünschen euch friedliche
Weihnachten“, „wirklich friedliche Weihnachten, wir wünschen euch das, was wir
uns auch wünschen, Besinnlichkeit, Ruhe“ – das allein reicht schon, um
angewidert zu sein – daß Claudia Roth dann aber allen Ernstes als Fernsehtip
das Anschauen von „Sissi“ empfiehlt, und dabei Taschentücher bereitzuhalten,
ist auf eine spießige Art derart unglaublich, wie man es selbst den Grünen
nicht zugetraut hätte.

 * * *

Und dazu passend: Die deutsche Politik war sich einig, daß Religionsführer Benedikt
XVI. bei seinem Deutschland-Besuch im September diesen Jahres auch im Bundestag
sprechen soll. Eine „große Ehre“ (CSU), ein „willkommener Gesprächspartner“
(SPD) – und Grünen-Politikerin Renate Künast pfiff ihre Fraktion, die sich
zunächst gegen die Papst-Rede im Bundestag ausgesprochen hatte, zurück: „Der
Papst ist eingeladen, das ist in Ordnung so. Da gehen wir hin, und zwar
respektvoll.“ Denn den Grünen „liegt am Herzen, alle Religionsgemeinschaften
gleich zu behandeln“ – Vertreter anderer Religionsgemeinschaften haben
allerdings bisher nicht im Bundestag sprechen dürfen. Oder spricht Benedikt
XVI. als Staatschef des Vatikans, so wie bisher die Vertreter anderer
Kleinstaaten, wie George W. Bush, Michail Gorbatschow oder Jacques Chirac? Und
wann darf der Präsident Liechtensteins im Bundestag sprechen?

 * * *

Interessante Umfragen: Fast alle Deutschen denken ökologisch. Als
„überzeugteste Verfechter von Naturschutz und strikter Umweltpolitik bekannten
sich“ laut „Berliner Zeitung“ „die jüngeren, moderner lebenden, besser
verdienenden Deutschen. Sie würden mit großer Mehrheit umweltschädliche
Subventionen sofort streichen und Gesetze zum Schutz von Natur und Klima
verschärfen.“ Allerdings: „die Vertreter dieser Gruppe, meist mit höherem
Einkommen, (...), wohnten im Grünen und würden mit mehreren Autos zu ihren Jobs
in der Stadt fahren. Im Urlaub könnten und wollten sie sich häufige und weitere
Flugreisen leisten. (...) Dadurch hinterlassen sie einen viel kräftigeren
ökologischen Fußabdruck als Rentner und Unterschichtler“. Die schärfsten
Kritiker der Elche...

Und die „Süddeutsche Zeitung“ berichtet von einer anderen Studie: „Je reicher,
desto rabiater“ lautet der Titel – „mit Toleranz gegenüber den schwachen
Mitgliedern der Gesellschaft, etwa Behinderten und Obdachlosen, Zuwanderern und
Arbeitslosen ist schnell Schluß, wenn sich Wohlhabende vom Abstieg bedroht
sehen“, zeigt die Studie des Bielefelder Forschres Wilhelm Heitmeyer. Bei den
Höherverdienenden nimmt demnach nicht nur die Zustimmung zu Islamfeindlichkeit
und zu Privilegien für die Alteingesessenen „besonders deutlich“ zu. Auch
„Fremdenfeindlichkeit insgesamt, Rassismus, Sexismus sowie die Abwertung von
Langzeitarbeitslosen“ sind bei den Wohlhabenden deutlich ausgeprägter als
früher. Heitmeyer spricht vom „eisigen Jargon der Verachtung, der sich in den
Eliten breitgemacht“ habe, von einer „rohen Bürgerlichkeit“.

 * * *

Beim sogenannten „Hamburger Kultursommer 2011“ spielen Schandmaul, In Extremo,
Wir sind Helden und Unheilig. „Hamburg“, „Sommer“ und „2011“ habe ich kapiert –
aber „Kultur“?

 * * *

Ich weiß ja, daß Namenswitze verboten sind, aber vielleicht kann man
nachvollziehen, warum ich schmunzeln mußte, als ich las, wer im Zeughaus-Kino
zu Berlin den Vortrag „Don Juan / Don Giovanni: ein europäischer Mythos“ halten
würde: Ein Thomas Macho.

 * * *

Wer im Feuilleton der „Süddeutschen Zeitung“ heutzutage über Bertolt Brecht
schreibt, muß Brecht nicht mehr gelesen haben, es reicht, wenn er den Lesern
weiß machen will, daß Brecht quasi ein schwäbischer Heimatdichter war. Also
hebt ein Stefan Mayr seinen Artikel über den Fund eines unveröffentlichten
Brecht-Fotos in Augsburg wie folgt an: „Ob Bertolt Brecht ein Kommunist war,
darüber wird noch bis weit nach dem Zusammenbruch der Regimes in Kuba und
Nordkorea diskutiert werden.“ Klar, die Lektüre der „Mutter“ oder der
Notizbücher wäre für einen bürgerlichen Feuilletonisten des Jahres 2010 zu
mühsam.

Behauptungsjournalismus aber ist erlaubt: Mayr schreibt, Brecht und seine
Freundin Paula Banholzer säßen „in einem großbürgerlich anmutenden Wohnzimmer
des 20.Jahrhunderts“ – auf dem Foto, das die Zeitung abbildet, sind neben vier
Personen, die für das anmutende Wohnzimmer von keiner Bedeutung sind, freilich
nur zu erkennen: ein Sofa. Ein Vorhang vorm Fenster. Ein Foto an der Wand.
Großbürgertum im frühen 20.Jahrhundert, wie es leibt und lebt also. Und der
Unterschied von Blöd- und süddeutscher Zeitung? In der Blödzeitung kommen 
die Fotos in aller Regel ohne Beschreibung aus...

 * * *

Es wird gemeldet, daß der ehemalige Volontär der „Fuldaer Zeitung“ und zuletzt
Feuilletonchef der „Zeit“, Florian Illies, in die Geschäftsführung des
Kunstauktionshauses Villa Grisebach eintritt, wo er für das 19. Jahrhundert
zuständig sein wird. Mit dem 21. Jahrhundert war er ja nun auch wirklich
überfordert...

 * * *

„In mancher Hinsicht verschaffen zwanzig Minuten Kampfgeschehen mehr
Lebensintensität, als man sie während eines Daseins zusammenkratzen kann, das
mit anderem beschäftigt ist. Der Kampf ist nicht der Ort, an dem man stirbt –
obwohl auch das geschieht –, sondern der Ort, an dem man herausfindet, ob es
einem gegeben ist, weiterzuleben. Die Kraft dieser Offenbarung möge niemand
unterschätzen. Und niemand unterschätze das, was junge Männer einsetzen, um das
Spiel noch einmal mehr zu spielen.“

„Es ist typisch für Kampfeinheiten, daß auf jeden physisch Verwundeten ein
psychischer Krankheitsfall kommt.“

Keine angenehme Lektüre, „War – Ein Jahr im Krieg“ von Sebastian Junger. Vor
allem, weil Junger aufzeigt, wie grausam der Krieg in Afghanistan ist, ein
Krieg zum Beispiel mit von der Schulter abgefeuerten Raketen namens „Javelin“ –
„jede Javelin kostet 80.000 Dollar, und die Vorstellung, daß so eine Rakete von
einem Mann abgefeuert wird, der diese Summe in einem Jahr nicht verdient, und
einen Mann trifft, der so viel in seinem ganzen Leben nicht verdient, ist
ungeheuerlich...“ – ein Krieg, aus dem junge Männer verhaltensgestört und
hochtraumatisiert ins „Zivilleben“ zurückkehren werden – ein Krieg, den Politik
und Medien hierzulande aus taktischen Gründen so nicht benennen. Und die Medien
hierzulande berichten nicht über diesen Krieg, sondern wälzen lediglich die
Frage, ob es korrekt war, daß „Frau Guttenberg an der Front“ („Blödzeitung) war
bzw. „Eine FREIFRAU an der FRONT“ (Großbuchstaben so im Original), wie es die
„Bunte“ nannte. Stillgestanden! Rechts um! Marsch!

* * *

„Da kann einem dann schon einmal ganz weihnachtlich zumute werden: wenn die
knapp tausend im SO 36 sardinenbüchsenmäßig aneinandergequetschten Slime-Hörer
(...) noch einmal das traditionelle Liedgut des Linksradikalismus anstimmen.
„Deutschland verrecke / Deutschland muß sterben, damit wir leben können!“ (...)
Würden mehr junge Leute auf Popkonzerten „Nein zu Sexismus“ und „Nein zum
Rassismus“ rufen statt bloß zu den trüben Takten von Bushido & Co. mit den
Extremitäten zu schaukeln – für den Fortbestand der Zivilisation wäre etwas
gewonnen.“

Jens Balzer in der „Berliner Zeitung“ in einer Rezension eines
„Slime“-Konzertes, in der er auch beschreibt, wie „im Getümmel“ vor ihm Dimitri
Hegemann „mit einem leitenden Angestellten des Axel Springer Verlags schunkelt,
der sich besonders an dem Stück „Linke Spießer“ erfreut.“

Eine andere Publikation des Axel Springer Verlags als die, für die der genannte
„leitende Angestellte“ arbeiten dürfte, freut sich am Slime-Konzert weit
weniger, sondern titelt anderntags über die Randale nach dem Slime-Konzert in
Kreuzberg: „Ist euch das Hirn gefroren? (...) Krawallnacht in Kreuzberg. Der
vermummte Mob...“

Der „leitende Angestellte“ des Axel Springer-Konzerns wird da schon beim
Weißweinschlürfen gewesen sein.

 * * *

Tapfer brüllt ein(e) Kito Nedo im Jahresrückblick-Heft der „Spex“ zum Thema
„Kulturoffensive Springer“: „Im April wurde Cornelius Tittel vom Berliner Kunstmagazin
Monopol zum Feuilleton-Chef der Springer-Gruppe ernannt und ist somit zuständig
für Welt, Welt am Sonntag, Welt Kompakt und auch die Berliner Morgenpost.
Tittel war, bereits bevor er 2007 zur Monopol ging, Kulturredakteur der Welt am
Sonntag und davor auch irgendwann mal bei der taz. Das Geheimnisvolle an dieser
Personalie aber ist, daß er schon im März 2002 in einem Ulf-Poschardt-Porträt
für die taz seinen neuen Arbeitsplatz liebevoll beschrieben hatte (...)

Das Grundproblem bei Springer ist der Geist des Hauses, der alle anderen
Verlagsprodukte kontaminiert (...) Man muß sich das Axel-Springer-Hochhaus als
einen verwunschenen Ort vorstellen.“

Das Geheimnisvolle an diesem Artikel ist, daß er verschweigt, daß auch der bis
vor kurzem Chefredakteur der „Spex“ seit Jahren regelmäßig für die
„Verlagsprodukte“ des Springer-Verlages schreibt, aktuell circa einmal
monatlich für die „Welt am Sonntag“, für die er etwa nach Venedig fahren
durfte, um dort einen ganz speziellen Cocktail zu beschreiben. Wenn da der
gewesene „Spex“-Chefredakteur mit der Bar in Venedig mal nicht liebevoll seinen
neuen Arbeitsplatz beschrieben hat...

Und was unterscheidet nun die beiden Journalisten-Ausbildungsplätze „taz“ und
„Spex“? Von taz zur Springerpresse dauert es anscheinend knappe acht Jahre. Von
der Nudelpresse „Spex“ in den Schoß der „Welt am Sonntag“ nicht mal Monate...
ach was, man kann sogar bequem gleichzeitig für Spex und Springer brabbeln –
„das Grundproblem ist der Geist des Hauses“...

 * * *

Karl Bruckmaier schreibt in einem überaus lesenswerten Nachruf auf Captain
Beefheart in der „Zeit“: „Animalisches stieg da auf, zugleich aber etwas
renitent der Moderne Verpflichtetes, Antireaktionäres, Unversöhnliches (...) Im
englischen „Guardian“ hieß es vor ein paar Jahren, ach, dieser Beefheart, den
hört, den guckt doch eh keiner mehr. Ich möchte dazu nur sagen, das merkt man
der Welt aber auch an.“

R.I.P., Captain Beefheart! (und von Karl Bruckmaier möchten wir mehr und öfter
lesen)

 * * *

Und wo wir schon dabei sind, für guten Journalismus (der bekanntlich selten
genug vorkommt, und das merkt man der Welt auch an...) unbezahlte Werbung zu
machen, hier noch der Hinweis, daß der Eintrag im Pop-Tagebuch des Eric Pfeil
(via FAZ.net) am 30.12. alle Berichte über bescheuerte Echo- oder
Wasweißich-Verleihungen der hiesigen Musikindustrie um viele Längen schlägt.

Am Tag danach notiert Eric Pfeil, was zu Facebook zu sagen ist:

„Pünktlich zum Jahresende, nach Monaten des digitalen Herumdümpelns in
lustloser Halbanwesenheit, habe ich endlich mein Facebook-Konto
deaktiviert.Dass ich Menschen, die bei Facebook an ihrem Nicht-vergessen-werden
schnitzen und wüst vor sich hinschnatternd und -plappernd dort öffentlich alles
ausbreiten, was ich nicht wissen will, skeptisch beäuge, habe ich ja hier
bereits dargelegt. Auch habe ich schon dem Standpunkt, dass die bei Facebook
gepflegte Freundschaftskultur noch schlimmer als jene ist, für die Menschen,
die keine Ahnung von Freundschaft haben, Wörter wie „Kegelfreund" oder
„Partfeifreund" erfunden haben, hier schon ausgiebig Ausdruck verliehen.
(...)Allerdings gibt es bei Facebook ja nicht nur plaudersüchtige Bipolare und
dauerhektische Haltlose, netzwerkgeile Nudeln und Community-Clowns, sondern
sogar ein paar Menschen, die ich für ihre Meinung, ihren Geschmack oder
manchmal gar für ihre seelischen Reize durchaus schätze und die mir immer
wieder versuchen, die vermeintlichen Vorteile von Facebook darzulegen. Einer
dieser Vorteile besteht angeblich darin, daß alle gleichzeitig zu allem etwas
sagen können. Ehrlich gesagt: Das ist meine Definition von Hölle.“

Konzertagentur Berthold Seliger ist konsequenterweise (wer jetzt meckert, „weiß
nicht um die süßen Wonnen der Widersprüchlichkeit“, wie Eric Pfeil sagen
würde...) natürlich ebenfalls auf dem bescheuerten Gesichterbuch zu finden:
www.facebook.com/AgenturSeliger

Neil Tennant of Pet Shop Boys Fame sagt dazu übrigens: „There's a sickly strain
of fake friendship which goes across the internet, which I find insincere and
dislikeable.“

Yep. Werden Sie also ruhig unser Facebook-Freund!

 * * *

Wenn in China Google mal nicht alles zeigt, was Google hierzulande zeigen
würde, ist das mediale und politische Aufgeheule groß. Daß aber im Land der
Freien permanent eine Zensur stattfindet, wird gern übersehen. Es geht um
kleinere wie größere Fälle – darum, daß ein Buch wie Mark Twains „Abenteuer von
Tom Sawyer und Huckleberry Finn“ nicht mehr im Original erscheinen darf und
längst aus absurden Gründen von den Lehrplänen der Schulen gestrichen wurde. Oder
es wird in Apples digitalem Bücherladen Melvilles „Moby Dick“ zensiert, weil
ein anstößiges Wörtchen namens „sperm“ den „sperm whale“ (Pottwal) definiert.
In der Apple-Version steht da jetzt „s... whale“. Man muß nun nicht gleich wie
in einigen Blogs von „Apple Gestapo“ schreiben – aber wenn man sich anschaut,
wie der reaktionäre Sektenführer des angebissenen Apfels nicht nur von „Stern“
bis Melville ihm als anstößig erscheinende Seiten und Apps zensiert, sondern
auch zum Beispiel aktuell die „Wikileaks“-App verbietet, dann muß man sich doch
sehr wundern, daß der Apfel immer noch als hip und toll gilt, wo doch klar ist,
daß diese Firma das offene Internet bekämpft und ansonsten nur darauf aus ist,
die Nutzer aus dem freien, unkontrollierten Netz in ihren ummauerten Garten
voller Bezahlinhalte zu locken.

(und, ja, dieser Text wurde auf einem Apple-Rechner geschrieben, die Welt ist
voller Wonnen der Widersprüchlichkeit...)

 * * *

Was tut aber Jean-Luc Godard, der letztes Jahr den Ehren-Oscar für sein Lebenswerk
erhielt, gerade? Er hat dem französischen Fotografen James Climent, der wegen
der „Verletzung musikalischer Urheberrechte“ nach dem französischen
„Hadopi“-Gesetz eine Strafe von 20.000 Euro zu zahlen hat, 1.000 Euro
gespendet, damit Climent seinen Fall vor den Europäischen
Menschenrechtsgerichtshof in Straßburg bringen kann.

Ein Sprecher des legendären Regisseurs betonte, Godard wollte eine symbolische
Geste zur Unterstützung des Angeklagten machen. Godard hat Climent dem
Vernehmen nach auch ein Bild eines Segelboot-Modells mit der Aufschrift
„Surcouf, Jean-Luc Godard“ geschickt – Robert Surcouf war ein Pirat (!) der
Meere zu Zeiten der französischen Revolution.

 * * *

Ergebnisse der jüngsten „Pisa-Studie“ in einer Grafik der „Berliner Zeitung“,
die sich auf die OECD-Länder beschränkt: „1. Südkorea 2. Finnland 3. Kanada 4.
Neuseeland 5. Japan (...) vorgerückt auf Platz 16: Deutschland.“

Ergebnisse der gleichen Pisa-Studie in einer Grafik der „Zeit“, die betont, daß
sich „an Pisa 2009 mehr Staaten als je zuvor beteiligt haben“: „1. Südkorea 2.
Finnland 3. Kanada (...) 20. Deutschland.“ Immerhin gibt die „Zeit“ zu, daß sie
nur „jene OECD-Staaten“ zeige, „die seit der ersten Pisa-Studie dabei sind“,
während mittlerweile „Dutzende weiterer Länder und Regionen an Pisa
teilnehmen“, und „Neuzugang Schanghai zum Beispiel im Lesen die Tabelle
anführt“ – nur, das findet sich in der Tabelle nicht wieder, weil man sich eben
dafür entschieden hat, die Tabelle so zu gestalten, daß China nicht vorkommt.
Aber Deutschland, bei der „Berliner Zeitung“ noch im Hurra-Stil „vorgerückt auf
Platz 16“ plötzlich nur noch auf Platz 20...

Ergebnisse der gleichen Pisa-Studie in einer Grafik der „FAZ“, als einzige
seriös unterteilt in drei Grafiken zu Lesekompetenz (dem Schwerpunkt der
Pisa-Studie), Mathematik und Naturwissenschaften:

„Lesekompetenz: 1. Schanghai (China) 2. Südkorea 3. Finnland 4. Hongkong
(China) 5. Singapur 6. Kanada (...) 20. Deutschland.“  „Mathematik: 1.
Schanghai (China) 2. Singapur

3. Hongkong (China) 4. Südkorea 5. Taiwan 6. Finnland 7. Liechtenstein (...)
16. Deutschland.“

„Naturwissenschaften: 1. Schanghai (China) 2. Finnland 3. Hongkong (China) 4.
Singapur

5. Japan 6. Südkorea (...) 13. Deutschland.“

Man mag von der Pisa-Studie halten, was man mag – wenn man aber über sie
berichtet, sollte man den Lesern schon mitteilen, daß in allen Bereichen der
Pisa-Studie „Schanghai (China)“ auf Platz 1 liegt. Was aber in einem
wesentlichen Teil der deutschen Presse nicht sein kann, weil es nicht sein
darf.

* * *

„Der Weg aus Armut und Ausgrenzung ist mühsam, aber zielführend.“

Ursula von der Leyen (CDU), Bundesarbeitsministerin

 * * *

„Emihosting im Auftrag von PUR“ lassen nicht locker und bieten eine Box für
limitierte Fans oder so ähnlich an: neben den drei bereits erschienenen
Live-Alben von Pur (die die Fans garantiert alle noch nicht haben...) und
„natürlich“ der neuen „Live – die Dritte (Akustisch)“ gibt es „obendrauf
exklusiv nur in dieser Box“ eine DVD „Pur & Friends auf Schalke“, ein
44-seitiges Fotobuch und, man halte mich fest, „ein PUR-Schlüsselband mit
nummerierter Membercard, welche die Seriennummer der Box enthält und als
Tickethalter bei Konzerten dient“ (scheinbar rechnet Emihosting im Auftrag von
Pur mit der fortgeschrittenen Senilität der Pur-Fans, die ihr Ticket nicht mehr
selbst festhalten können und dazu ein, ähem, Schlüsselband benötigen). Ganz
ehrlich: hätte ich mir fast zu Weihnachten selbst geschenkt, diese streng
limitierte PUR Fan Box. Wenn da nicht der Haken käme (paradise doesn’t bekanntlich
come without mistakes...), im letzten Absatz: in drei Boxen der Auflage nämlich
ist ein „Golden Ticket versteckt“ – „die glücklichen Finder dürfen mit einer
Begleitperson Pur hautnah erleben (...) auf einem exklusiven Sitzplatz auf der
Bühne!“ Das war mir dann doch zu riskant.

 * * *

„Meine Theorie über den Umgang mit Leuten von Plattenfirmen lautet: außer bei
gesellschaftlichen Anlässen nie persönlich mit ihnen reden, nie warm werden mit
ihnen, sich nie in das tägliche Gelaber hineinziehen lassen. Dafür läßt man
seine Leute für sich arbeiten. Wenn man Fragen über Budgets oder Werbung
stellt, wird man persönlich erreichbar für diese Burschen.“

Keith Richards, „Life“

 * * *

„Der sicherste Unterschlupf für Verfassungsfeinde ist derzeit ein Job im
Kabinett Merkel. Nach Art. 30 GG ist Polizei Ländersache, so wie diese
Regierung sich auch bei Wehrpflicht, Asyl, Verteidigungsarmee und anderem einen
Dreck ums Grundgesetz schert. Die Letzten, die aus Länderpolizeibehörden eine
nationale Polizei zusammentricksten, waren Himmler und Heydrich – mit Tumoren
wie Reichsicherheitshauptamt, SiPo und – ursprünglich Görings Folterwerkzeug –
der Gestapo. Interessanter Umgang, Herr Innenminister.“

Friedrich Küppersbusch in der „taz“ über Pläne des Innenministers de Maizière
(CDU)

 * * *

Musikindustrie – Rätsel über Rätsel. Das Künstlerangebot des Monats ist eine
Schlagersängerin, die „den 1. Preis“ gewonnen hat („nachstehend die
Pressemitteilung über (...) und den Gewinn des 1.Preises“, heißt es da).

Die Künstlerin holte u.a. 2009 „beim Weihnachtslied-Hitcontest im
Schlagerportal den ersten Preis. Die prominente Fachjury (EMI, Sony/BMG,
Universal Koch, GoldStarTV, Sepp Adlmann, Gustl Viertbauer u.a.) und Fans haben
sich hierfür entschieden“, heißt es in dem Angebot. Sie können sich unschwer
vorstellen, welch ungeahnten Reiz dieses Angebot auf mich ausgeübt hat, denn
schon lange finde ich, daß die Künstler dieser Agentur im
Weihnachtsliedgeschäft eine viel zu untergeordnete Rolle spielen (auch wenn
überraschenderweise ausgerechnet Lambchop bereits ein Weihnachtslied
eingespielt haben – wer bis zum 20.1.2011 per Email mitteilt, wie der Song
heißt und wann er eingespielt wurde, erhält eine gute Flasche burgundischen
Rotweins, unter Ausschluß des Rechtsweges, wie es bei PREISAUSSCHREIBEN so
hübsch heißt...).

Besonders gefallen hat mir jedoch der sagenhafte Absatz:

„Wir werden von dieser Sängerin noch sehr viel hören! Ihre Fangemeinde wird
immer größer, wie z.B. beim Schlagerportal, wo sie schon seit Monaten Platz 8
belegt, mit 1443 Voter und 113562346 Stimmen.“ Ja, Sie haben richtig lesen: das
sind über 113 Millionen Stimmen!

Puh.

Ich weiß nicht, wie EMI, Sony/BMG, Sepp Adlmann und Gustl Viertbauer zu diesem
Rundbrief stehen, ich hoffe aber sehr, dieser Rundbrief belegt auch bei Ihnen
seit Monaten Platz 8, und ich hoffe inständig, daß auch Sie als Leserin oder
Leser dieses bescheidenen Newsletters mit viel Stimmgewalt ausgestattet ins
neue Jahr gelangen – wenn auch vielleicht nicht gleich mit 7.869 Stimmen...

Alles Gute jedenfalls in 2011! Bleiben Sie uns gewogen!

16.12.2010

Und Ansonsten 2010-12-16

Jetzt,
nachdem angeblich paar Päckchen ausm Jemen abgefangen wurden, kriechen sie
wieder aus ihren Löchern, die Protagonisten verschärfter Sicherheitsgesetze.
Die 17 deutschen Innenminister etwa haben Justizministerin
Leutheusser-Schnarrenberger gerade aufgefordert, schnell einen Gesetzentwurf
zur Wiedereinführung der Vorratsdatenspeicherung vorzulegen – laut
Bundesinnenminister de Maizière gebe es eine „Sicherheitslücke“.

Mal abgesehen davon, daß das Bundesverfassungsgericht die
Vorratsdatenspeicherung vor kurzem als nicht grundgesetzkonform gekippt hat –
was will man denn mit der Vorratsdatenspeicherung bezwecken? Die Pakete, die
vom Jemen über deutsche Flughäfen nach England und in die USA geraten sind,
wurden ja nicht wegen der fehlenden Vorratsdatenspeicherung von persönlichen
Daten hierzulande nicht entdeckt, sondern weil im Gegensatz zu den
drangsalierten Flugpassagieren gute 90% der Luftfracht gar nicht kontrolliert
werden. Wofür unter anderem der Bundesinnenminister die Verantwortung trägt.
Der aber lieber die Terrorangst schürt, um sogenannte Sicherheitsgesetze zu
verschärfen und den Überwachungsstaat zu perfektionieren.

Ins gleiche Horn wie der CDU-Bundesinnenminister stößt der Berliner
SPD-Innensenator Körting, eine Knallcharge besonderer Qualität, warnt Körting
doch gleich mal pauschal vor „seltsamen Menschen“ und meint damit nicht etwa
Kinderschänder in Soutanen oder seinen migrantenfeindlichen Parteifreund
Sarrazin, sondern „seltsame Menschen, die nur arabisch sprechen“ und „plötzlich
in der Nachbarschaft einziehen“.

Bleiben Sie wachsam!

* * *

Nicht nur „wir sind Lena“ läßt sich von Opel („Jedem Popel einen Opel“, hieß es
weiland...) bezahlen, nun hat der deutsche Automobilkonzern auch Katie Melua eingekauft:
„in europaweiten Werbekampagnen“, heißt es bei „Musikwoche“, soll die
Künstlerin „für Opel (...) Werte wie Umweltbewußtsein und soziale Verantwortung
verkörpern“. „Für diese Werte strengen wir uns an, und diese Werte vertritt
auch Katie Melua auf sehr glaubwürdige und authentische Art“, sagte der „Opel
Vice President Sales, Marketing und Aftersales“. Melua erklärte ihr Engagement
für den Automobilkonzern: „Mir gefällt die Art, wie Opel als Autohersteller
Themen wie Umweltschutz und Nachhaltigkeit angeht, gleichzeitig aber
Emotionalität und Lebensfreude transportiert.“

Ihr Experte für Aftersales im Kreuzberger Hinterhofbüro erklärt Ihnen gerne,
was das alles wirklich bedeutet: Katie Melua wird ne Stange Geld dafür bekommen
haben, für Opel Reklame zu laufen. Die offene Frage bleibt nur, wer mehr
Emotionalität und soziale Verantwortung verkörpert: Frau Melua oder die Karosse
auf vier Rädern.

* * *

Eine andere auf Tour gehende Litfaßsäule, darauf wies Hagen Liebing im „Tip“
hin, ist der Markenartikler, der unter dem Namen „Fantastische Vier“ durch die
Lande zieht. „Es gibt wohl kaum eine Band in Deutschland, die in den letzten
Jahren so viel Geschick und Eifer dabei bewiesen hat, neben der eigenen Musik
auch gleich noch zahllose Konsumprodukte, Technikinnovationen und Sender zu
bewerben“, stellt Liebing fest. Und Medien-Profi Oliver Ihrens sagt in der
„Musikwoche“: „Es gibt in Deutschland nur wenige Künstler, die eine
vergleichbare Strahlkraft haben und zudem in der Lage sind, ihre Ideen mit dem
Markentransfer in Einklang zu bringen“.

„We’re in it for our sponsoring deal“... da können die in den letzten
Rundbriefen genannten Biertrinke-Bands nur blond werden vor Neid, wie die
schwäbische Litfaßsäule Sponsoring betreibt.

* * *

Und welcher Rocker fand sich im letzten „Rolling Stone“ gleich in zwei
ganzseitigen Anzeigen? Überraschung! Peter Maffay. Einmal spielt er mit einem
„Philharmonic Volkswagen Orchestra“ eine Tournee, einmal macht er für die
Blödzeitung Werbung, „mit der Reife steigt die Qualität“, womit der Altrocker
wohl sowohl sich selbst als auch die Blödzeitung meint. Und wie stehts um das
Orchester mit den Volkswagen?

* * *

Wenn man sich auf die „Initiative Musik“ und auf das „Bundesministerium für
Wirtschaft und Technologie – Referat VIB1 – Medien-, Kultur- und
Kreativwirtschaft“ einläßt, wirds teuer. Das genannte Bundesministerium hat die
„SXSW 2011“, die führende Musikmesse der Welt, „erstmals ins
Auslandsmesseprogramm des Bundes aufgenommen“. Und was bedeutet das konkret?
Laut Bundesministerium und Initiative Musik „profitieren Firmen, die sich im
Rahmen einer offiziellen deutschen Beteiligung präsentieren, von besonders
günstigen Konditionen“. "Besonders günstig" bedeutet: akkreditiert
man sich über Initiative Musik und über das Bundesministerum bei der SXSW in
Austin, kostet einen das 500 Euro. Akkreditiert man sich bei der Messe direkt,
zahlt man nur ca. 460 Euro.

Klar: wer am „Auslandsmesseprogramm des Bundes“ teilnehmen will, ist irgendwie
bescheuert und sollte Strafe bezahlen, sehe ich genauso...

* * *

„Die (...) Medien unterhalten bedauerlicherweise ihre eigenen „öffentlichen
Hausintellektuellen“, die nach Bedarf unverzüglich fertige Meinungen zu jedem
beliebigen Thema liefern. Diese „öffentlichen Hausintellektuellen“ gehören mit
den Medienschaffenden letztlich zu der gleichen Interessensgruppe, deshalb auch
kommen am Fernsehen immerfort dieselben Experten zu Wort. In Wirklichkeit
betreiben diese vermeintlichen „öffentlichen Intellektuellen“ aber seit langem
keine Forschung mehr.“

Dies schrieb Wang Hui, einer der laut NZZ „gewichtigsten Intellektuellen seines
Landes“ den chinesischen Medien ins Stammbuch, im Interview mit der „Neuen
Zürcher Zeitung“. Ist aber, wie man sieht, durchaus allgemeingültig und auch
hierzulande aktuell, wenn man zu Beginn das Adjektiv „chinesischen“ wegläßt...

* * *

Und wofür bezahlen wir unsere Rundfunkgebühren? Etwa für den Film „Die
Hüttenwirtin“, den die ARD produzieren ließ und am Freitag, 19.11.2010, um
20.15 ausstrahlte. Laut „FAZ“-Fernsehprogramm geht es um Folgendes: „Die
Werbemanagerin Sandra arbeitet in Berlin. Als sie von ihrem Vater eine Tiroler
Berghütte erbt, reist sie in ihre Heimat, um die traditionsreiche
Ausflugsgaststätte zu verkaufen. Doch wider Erwarten findet Sandra Gefallen an
ihrem urigen Erbe.“

Ich gebe zu, ich habe diesen Film nicht gesehen. Ich bin aber beim Zappen schon
in unzählige ähnliche Sujets geraten, die sich im hiesigen
öffentlich-rechtlichen Fernsehen breitmachen: Da lebt jemand in der Großstadt,
meistens erfolgreich, aber unglücklich. Dann ruft irgendein Ereignis, meistens
der Tod eines Elternteils und das damit verbundene Erbe, den Großstadtmenschen
zurück in die Heimat – eigentlich will der Großstadtmensch schnell wieder weg,
dann jedoch erlebt er die „Heimat“ als Quelle wahren Glücks, wahrer Werte, und
er oder besonders gerne sie entscheidet sich, in der „Heimat“ zu bleiben.

Ein Blut-und-Boden-Sujet perfekter Qualität, wie es Goebbels und seine
Filmindustrie seinerzeit jahrein jahraus aufführten – und also führen es heutzutage
genauso ewiggestrig ARD und ZDF auf – Großstadt? Anonym und gefährlich. Das
ländliche Leben? Heimat und ehrliche Werte. „Urig“. Erfolg? Nicht so wichtig.
Famillje? Das Ziel der deutschen Fernseherziehung im 21.Jahrhundert. Und wir
dummen Kälber finanzieren diesen reaktionären Scheiß natürlich auch noch
selber.

* * *

Jetzt sind die Urheberverbände vollends durchgeknallt – während die Kinder mit
ihren Laternen die Martinsumzüge besuchten, forderte Christian Krauß,
Geschäftsführer der Verwertungsgesellschaft Musikedition, daß sie dafür
gefälligst Lizenzgebühren bezahlen sollen. Die VG Musikedition bietet den
Kindergärten Lizenzverträge an, damit sie neuere Martinslieder nicht illegal
singen lassen – „gerade von „Laterne, Laterne“ gibt es auch neue Textbearbeitungen.
Dabei handelt es sich um geistiges Eigentum, und das müssen wir schützen“,
fordert Krauß im Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“. „Es sollen nicht die
Kinder zahlen, sondern die Kitas. (...) Gemeinsam mit der GEMA haben wir alle
Kindergärten angeschrieben und über die Rechtslage informiert. Wir gehen davon
aus, daß sich jetzt auch alle daran halten. (...) Auch musikalische Bildung
kostet eben Geld. Es sollte doch jedem verständlich sein, daß Urhebern auch in
diesem Fall eine kleine Kompensation zusteht.“

* * *

Was sagt Jean-Luc Godard, der dieses Jahr den Ehren-Oscar für sein Lebenswerk
erhält, gerade?

„Ich finde, man sollte für seine Arbeit bezahlt werden, nicht für die
Verwertung seines Produktes. (...) Das Urheberrecht ist eine Fiktion.“

(im Interview mit der „Neuen Zürcher Zeitung am Sonntag“)

* * *

Und wovon träumen Staatssekretäre in der Demokratie hierzulande?

„Für mich ist das eine der schönsten Aufgaben – ein Schloß zu bauen.“

Rainer Bomba (CDU), Staatssekretär im Bundesbauministerium

* * *

 

„People want to validate themselves with art. And that’s tedious. They want
celebrity. It’s tedious in pop music and it’s worse in art.“

Billy Childish

* * *

Der "Spiegel" hat Papiere von "Wikileaks" aufgekauft und
präsentiert diese Köttel als Riesenskandal - aber was steht in den sogenannten
"Geheimpapieren" denn drin? Das, was jeder Journalist hierzulande
über Politiker schreibt. "Teflon-Merkel" entscheidungsschwach,
Westerwelle kann keine Außenpolitik, eben derartige Binsenweisheiten, die der
"Spiegel" einem jetzt als investigativen Journalismus verkauft. Mon
dieu.

* * *

Ebenfalls zur Verwunderung gibt das große Medien-Theater Anlaß, das um die
Veröffentlichung der Studie zum Auswärtigen Amt betrieben wurde - perdauz, nun
sollen während der Zeit des Nationalsozialismus im Auswärtigen Amt Hitlers doch
tatsächlich Nationalsozialisten gearbeitet haben! Wir sind schockiert. Am Ende
wird der "Spiegel" noch aufdecken, daß sogar sein November-Coverheld
Joseph Goebbels ein Nazi war... das wäre dann in der Tat investigativer
Journalismus der allerfeinsten Sorte...

* * *

Der Musikindustriesprech-Werbetext des Monats:

„Hier ist Annie Lennox ein unerhört aufregendes Weihnachtsalbum gelungen, das
zugleich klassisch und zeitgenössisch, anrührend und mitunter sogar polemisch
ist. (...) Es ist keines der süßlichen, belanglosen Weihnachtsalben, mit denen
der Markt kurz vor dem Fest alle Jahre wieder überflutet wird. (...) Um einen
volleren Klang und zusätzliche Dynamik zu erreichen, arbeitete sie mit einem
30-köpfigen Orchester zusammen.“

Das Album habe ich nicht gehört, aber ich glaube beim Blick aufs Tracklisting
sofort, wie „unerhört aufregend“ das Album sein muß – Lieder wie „Silent night“
oder „The First Noel“ hat man ja bisher quasi noch nie auf CD gehört – und „The
Holly And The Ivy“ ist wahrscheinlich der Song, der mit „sogar polemisch“
gemeint sein dürfte. Vor allem freue ich mich über die brillante Idee, wie die
Künstlerin auf unnachahmliche Weise einen „volleren Klang“ und „zusätzliche
Dynamik“ erreicht hat – auf die Idee, zu diesem Behufe einfach ein „30-köpfiges
Orchester“ zu engagieren, muß man erstmal kommen! Wenn sich das in der
Musikbranche nur nicht rumspricht...

Am Ende kommt noch jemand auf die unerhört aufregende Idee, „Ihr Kinderlein
kommet“ mit einem volleren Klang und zusätzlicher Dynamik auszustatten – wo
doch hierzulande neuerdings jede Rockband, die nicht rocken kann, sich ein
Orchester dazumietet, um nachzuweisen, daß sie auch garantiert nicht
arrangieren kann noch sonst etwas zu bieten hat.

Genießen Sie trotz aller „sogar polemischen“ Weihnachtslieder die Adventszeit!

13.11.2010

Und Ansonsten 2010-11-13

Das
Berliner Haus der Kulturen der Welt (HdKdW), eine Institution des Bundes,
kündigt die neue Auflage von "Worldtronics" an, "das Festival
für weltweite elektronische Musik", wie es im Ankündigungstext etwas
hölzern und grammatikalisch nicht ganz richtig heißt. "Wieder präsentiert
das HdKdW Popmusik jenseits von Europa und Nordamerika" (Hervorhebung BS).
Entsprechend beschäftigt sich der zweite von vier Abenden mit "Barcelona,
kuratiert von Detlef Diederichsen". Barcelona, eine Stadt eindeutig
"jenseits von Europa", wie jedes Kind weiß (und mal jenseits dessen
eine Stadt, von deren spannender zeitgenössischer Popmusik in Berlin sicher
noch nie jemand etwas gehört hat, weswegen es umso verdienstvoller ist, daß uns
die staatliche Institution endlich mit Popmusik aus Barcelona bekannt
macht...).
Der dritte von vier Abenden beschäftigt sich mit "Rußland", was
bekanntlich auch sehr weit "jenseits von Europa" liegt. Sind echte
Fachleute am Werk im HdKdW, und wenn sie sich mit Popmusik so gut auskennen wie
mit Geographie, sind interessante Erleuchtungen zu erwarten.

* * *

Eine andere Institution, die "Europäische Agentur für die operative
Zusammenarbeit an den Außengrenzen", kurz "Frontex" genannt,
verschleiert mit diesem hübschen Titel ihre eigentliche Aufgabe: nämlich als
europäische Institution systematisch und mit allen Mitteln (vornehmlich mit
solchen, die die Menschenrechte verletzen), die Zuwanderung aus ärmeren Ländern
nach Europa zu verhindern. Die Ausgaben für Frontex sind in den letzten fünf
Jahren von 6 Millionen auf 83 Millionen Euro gestiegen - Geld, das die EU zur
Absicherung der bestehenden Ungleichheit für die Festung Europa verwendet, um
Europa gegen Migranten zu verteidigen.
Mittlerweile stoppt die europäische Grenzschutztruppe mit Sitz in Polen nicht
mehr nur Bootsflüchtlinge im Atlantik und im Mittelmeer. Wie "Pro
Asyl" nachweist, handelt Frontex auch im Auftrag der Brüsseler Kommissare
direkte Polizei- und Rückführungsabkommen mit berüchtigten Regimes wie Libyen
aus.

* * *

In der "FAZ" wird dieser Tage die Legendenbildung um den
Suhrkamp-Verlag und um die Lektoren-Revolte von 1968 weiterbetrieben, die schon
anläßlich der Buchmesse vielerorts zu lesen war. Siegfried Unseld als der
unumstrittene Verlegerstar der Bonner Republik. Wer wissen will, was auf der
Buchmesse 1968 wirklich passiert ist, der sollte, nein: der MUSS "Sauna Luxemburg"
lesen, die siebte Folge der legendären Reihe "Schröder erzählt", die
Jörg Schröder und Barbara Kalender seit 1990 schreiben und selbst verbreiten.
"Sauna Luxemburg"
ist auf vielen Ebenen eine der besten Erzählungen, die ich über 1968, über die
Kulturindustrie, über Suhrkamp und Springer und Renegatentum und all das kenne.
Eine Pflichtlektüre sozusagen. Vor allem führt einem "Sauna
Luxemburg" drastisch vor Augen, worum einmal in dieser Republik gestritten
wurde, und mit welcher Kraft, mit welcher Ernsthaftigkeit es um "die
Dinge" ging. Die holländischen Provos, die "Surrealistentruppe"
(ab jetzt alle Zitate aus "Schröder erzählt"!), "an fünf Ecken
und Enden protestierten Gruppen, und das Gedröhne der Wortführer war heftig:
Karl Dietrich Wolff und Cohn-Bendit verlangten die Sozialisierung der
Buchmesse, Alfred von Meysenbug ihre Anarchisierung, Buchheim reklamierte eine
Messehalle für seine Sammlung, Bernward Vesper und ich wollten alles kippen,
verlangten die Schließung der Messe. Es wäre uns am nächsten Tag fast gelungen,
aber heute wurde erst mal abgesperrt, die Springer-Stände geschlossen: Die
Welt, Ullstein und Propyläen.
Mitglieder der Messeleitung wuselten geschäftig hin und her, besonders
Siegfried Unseld als Verlegerbeirat. Es gab einen kleinen Auflauf vor dem
Ullstein-Stand (...) ein Gerufe (...): "Enteignet Springer! Enteignet
Springer!""
Wer wissen will, wie das alles weiterging, der kaufe sich "Sauna
Luxemburg", das wird hier jetzt nicht verraten. Wie der holländische Provo
auf den Buchstand Springers pinkelte und dabei rief "Pinkelet auf
Springer!" Und wer ereiferte sich in seinem blauen Anzug gegen die
Demonstranten und "entschärfte die Konfrontation", wie es die
"FAZ" nennt? Eben, Siegfried Unseld.
Nun ja. Eine tolle Geschichte. Vor allem aber, wenn man sich vor Augen führt,
was damals los war, 1967 und 1968 auf der Buchmesse: Bei einem Treffen der
Gruppe 47 haben einundsiebzig Schriftsteller eine Resolution unterschrieben,
worin sie sich verpflichteten, künftig nicht mehr in Blättern des Springer-Konzerns
zu publizieren, und ihre Verleger aufriefen, ihre Bücher nicht länger bei
Springer zu bewerben. Die Verlagsleiter von Hanser, Luchterhand, Piper, Rowohlt
und sogar Suhrkamp stimmten diesem Boykott zu. Man stelle sich das eben auf das
Jahr 2010 übertragen vor: Einundsiebzig Popmusiker fordern ihre Plattenfirmen
auf, nicht mehr in Springers "Welt", im "Musikexpress" oder
im "Rolling Stone" ihre neuen Alben per Anzeigen zu bewerben! Und die
Chefs von Universal, Warner, EMI und BMG stimmen diesem Boykott kurzerhand zu.
Und man weiß, wie weit das Jahr 1968, in dem es noch um etwas ging, vom Jahr
2010 entfernt ist...
Und nebenbei bemerkt: heutzutage ist der Suhrkamp-Verlag ein Verlag der
Beliebigkeit, der sich vom Staat alimentieren läßt und der so ziemlich jeden
Schmarrn veröffentlicht, während zum Beispiel das jüngste Buch von Jacques
Rancière bei einem (tollen!) Wiener Kleinverlag, oder das aktuelle Buch
"The End of the Revolution - China and the Limits of Modernity" von
Wang Hui, dem wahrscheinlich wichtigsten und möglicherweise einflußreichsten
Philosophen und Theoretiker Chinas, erst gar nicht in deutscher Sprache
erscheint...

* * *

Zaha Hadid, Stararchitektin, macht in großen Anzeigen Werbung für die Schweizer
Bank UBS: "Zaha Hadid wollte nicht ruhen, bis sie die Architektur neu
erfunden hatte. Ebenso wenig wie Patrik Schumacher, ihr Geschäftspartner".
Unter dem Foto der standesgemäß in schwarz gekleideten und melancholisch
dreinschauenden Künstlerin ist zu lesen: "Bis meine Kundin weiß, daß sie
an erster Stelle steht. Bis ich weiß, was sie antreibt. Und was sie bremst. Bis
ich weiß, was sie morgens aufstehen läßt. Und was sie nachts wach hält. Bis sie
versteht, daß ich unablässig über ihre Investments nachdenke (selbst wenn sie
es nicht tut). Nicht nur im Büro. Auch in der Oper. Bei einer Grillparty. Im
Stau..."
Von ihrem Werbehonorar für diese Anzeige konnte Frau Hadid sicher wieder einige
"Investments" tätigen.
Der diesjährige Nobelpreisträger Mario Vargas Llosa, durchaus mittlerweile eher
der Neoliberalen einer, fordert dagegen vom Literaten, er müsse
"subversive Ideen verbreiten und Unzufriedenheit und Rebellion
schüren".

* * *

Und was denkt Jean-Luc Godard, der dieses Jahr den Ehren-"Oscar" für
sein Lebenswerk erhält, gerade? Im Interview mit "Les Inrockuptibles"
hält der Meister-Regisseur fest:
"Copyright really isn't feasible. An author has no rights. I have no
rights. I only have duties."
Der Autor hat keine Rechte, er hat Pflichten!
Hielten sich heutige Künstler verstärkt an diese Maxime, die Welt wäre
möglicherweise eine bessere...

* * *

Und der große Jerry Lee Lewis singt auf seinem soeben erschienenen genialen
Album zusammen mit dem großen Solomon Burke ausgerechnet eine gigantische
Version von "Railroad To Heaven". R.I.P., Solomon Burke!
(Fehler: nicht zum letzten Solomon Burke-Konzert gegangen zu sein; nicht zum
bisher letzten Auftritt von Jerry Lee Lewis gegangen zu sein; immerhin richtig
gemacht: dieses Jahr beim Konzert von Lady Gaga gewesen, dem quasi besten
Popkonzert, das ich bisher gesehen habe...)

* * *

Was aber macht Junker Jauch? Der Quizfragenaufsager, Besitzer etlicher
Potsdamer Villen und Verfechter des Religionsunterrichts ärgert sich laut
"Berliner Zeitung" über "mangelnde Transparenz beim Potsdamer Schloßprojekt".
Junker Jauch hatte der Stadt Potsdam vor knapp zehn Jahren das sogenannte
"Fortunator" geschenkt, das erste sichtbare Zeichen, daß an der
Stelle einst ein Barockschloß stand. Nun gibt es eine Baugrube, und Jauch
ärgert sich (vielmehr, er sagt der Presse, "er ärgere sich nicht",
was im Junkerton natürlich das Gegenteil aussagen soll), daß er über den
Fortgang der Bauarbeiten hinterm Bretterzaun so wenig erfährt wie jeder andere
Bürger auch. Wo der Herr Fernsehstar doch eher eine Behandlung gewissermaßen
als Preußenkönig oder doch zumindest eine Vorzugsbehandlung als
brandenburgischer Großgrundbesitzer wünscht.

* * *

Wie Stefan Niggemeier in seinem immer lesenswertem Blog schreibt, "es gibt
keine Originalitätspunkte", auf das tolle Video "White Nuckles"
der Band OK Go hinzuweisen - aber wer auf YouTube sieht, wie ca. bei Minute
2:30 Sänger und Hund sich "Give me five"-mäßig abklatschen, der wird
mit einem breiten Grinsen durch seinen Tag gehen.
Das Video ist übrigens hierzulande immer mal wieder gesperrt. Von EMI? Der
GEMA? Während hiesige Popsternchen sich jedenfalls nicht zu schade sind, zu
jedem Modethema, zu dem man ihnen ein Mikrofon vor den Mund hält, Belangloses
und Artigkeiten zum Besten zu geben, schreibt Damian Kulash von der Chicagoer
Band OK Go in einem Beitrag für die "Washington Post" zum Thema
"Netzneutralität" u.a.:
"Music is subjective, of course, so you don't have to agree with my
assessment of what's innovative and what's trash. But business is less so, and
the past decade of the music industry is as clear an example as you can find of
what happens when the depth of pockets, not the quality of ideas, is the
arbiter of success. It's been like a corporate version of the Three Stooges:
absurd flailing, spectacular myopia and willful ignorance of reality. Now that
the big record companies have made themselves obsolete, bands such as mine can
make a better living without their help than we can with it. The lesson is that
insider's clubs don't nurture the best ideas, which is the whole point of
markets: Competition is supposed to keep everyone on their toes. Sure, it's a
drag that the radio plays such bad music, but it won't sink our economy. Can
you imagine, though, what would happen if we let the same thing happen to ideas
themselves?"

* * *

Was haben die, so "Musikwoche", "Universal-Band Selig" und
die Band "Phoenix" gemeinsam? Beide werben für Bier. Und ausgerechnet
Selig beweisen dabei wohl den besseren (Bier-) Geschmack, sie kooperieren mit
"Köstritzer". Die Managerin der Band, Petra Husemann-Renner, erklärt:
"Jetzt sind wir glücklich, dafür genau im entscheidenden Zeitpunkt einen
Partner gefunden zu haben, der uns versteht und unterstützt." Und die
Produkt-Managerin von Köstritzer, Ute Muckisch, ergänzt: "Wir sprechen mit
der Band eine Sprache. Beiden Partnern geht es um das besondere Etwas. Und
daraus entstehen vielversprechende Ideen."
Wenn Sie jemals eine Band dieser Agentur entdecken, die sich von einer Bier-
oder Brausefirma kaufen läßt, dann dürfen Sie sich vertrauensvoll an den
Besitzer dieser Agentur wenden und ihm den Haken zeigen, an den er seine
Tourneeveranstalterkarriere hängt. Wenn uns nur noch eine Biermarke
"versteht und unterstützt", und wenn nur noch eine Biermarke
"mit der Band eine Sprache spricht", woraus "vielversprechende
Ideen entstehen", dann ist alles zu spät.
Es ist Herbst. Wer jetzt keine Flasche burgundischen Rotweines geöffnet hat,
der findet keine mehr. Und muß sich seine Tourneen von ner Bierbrauerei
finanzieren lassen...

* * *

Überraschung! Jetzt mach ich euch den Poschardt und erkläre, warum man im
Oktober quasi eher die FDP als die SPD wählen mußte. Es beginnt eigentlich ganz
sozialdemokratisch erfreulich: in der SPD haben Kirchenkritiker einen
"Arbeitskreis Laizistinnen und Laizisten" vorbereitet, der mit so
eigentlich selbstverständlichen Forderungen wie stärkerer Trennung von Staat
und Kirche, Neutralität von Gesetzen und öffentlichem Raum, neutrales
öffentliches Bildungswesen, Ablösung der Staatsleistungen an die Kirchen oder
der Abschaffung von Rechts-, Steuer- und Finanzprivilegien der Kirchen an die
Öffentlichkeit trat. So weit so gut. Aber was sagte SPD-Chef Gabriel dazu?
"Siggi Pop" stellte sogleich klar: einen derartigen Arbeitskreis
werde es in der SPD nie geben. Fordert mal ein Sozialdemokrat
Selbstverständlichkeiten, die in der Verfassung stehen, kann man sicher sein,
daß ein hoher Funktionär daher kommt und sagt, so sei das alles nicht
gemeint...
Der FDP-Generalsekretär Lindner, einer der höchsten Funktionäre der
Pünktchenpartei, schrieb dagegen in einem Artikel für die "FAZ", daß
in der Integrationsdebatte "religiöse Werte bedeutsamer als
republikanische" erscheinen. Das Christentum allerdings sei "ein
persönliches Bekenntnis und nicht die deutsche Staatsreligion". Tatsächlich
reichten die Wurzeln unserer Verfassungsidee bis zurück nach Athen und Rom,
ihre Prinzipien seien seit der Französischen Revolution erkämpft worden -
"oft genug gegen den Widerstand der Kirchen". Der FDP-Generalsekretär
weiter: "Die alten Prägekräfte von Religion und Nation lassen nach, neue
kulturelle und kosmopolitische Einflüsse nehmen zu." Diese Vielfalt sei
"ein Freiheitsgewinn, wenn wir die Frage nach der verbindenden Identität
republikanisch beantworten: Menschen unabhängig von Herkunft, Glaube oder
Geschlecht können als Bürger mit gleichen Rechten und Pflichten am politischen
Gemeinwesen teilhaben".
Außerdem kritisierte der FDP-Politiker das, was auch der nicht zugelassene
SPD-Arbeitskreis denkt, aber nicht öffentlich sagen darf: daß die
"Ministerpräsidenten mindestens formal an der Besetzung von Bischofssitzen
beteiligt" sei, "der Staat für deren Bezüge" aufkomme, und daß
der Staat auch zwei Jahrhunderte nach der Säkularisierung "jährliche
Donationen von gegenwärtig mehr als 450 Millionen Euro an die christlichen
Kirchen" zahle, "unabhängig von Kirchensteuer und weiteren
zweckgebundenen Zuwendungen".
Chapeau, Herr Lindner! So ist das heutzutage: man zollt Beifall, wenn ein
Politiker mal eine Selbstverständlichkeit ausspricht...

* * *

Da wäre man nur ungern dabei gewesen: Ben Becker sitzt in einer Berliner Kneipe
mit Udo Lindenberg. Am Nachbartisch entdeckt der Schauspieler Vicky Leandros
und spricht sie an. Irgendwann kommen "die Scorpions zur Tür herein"
und es wird ein arg lustiger Abend - am Schluß tanzt die Bagage auf den Tischen
und grölt "Theo, wir fahrn nach Lodz"...

* * *

Und aus unserer kleinen Reihe "Künstlerangebote, die die Welt nicht
braucht" diesmal ein ganz spezielles Angebot: Das "weltweite
Management" des "Topmodel Marcus Schenkenberg" weist darauf hin,
daß im Dezember des Topmodels "eigene Underwear-Collection"
"gelaunched" wird. "Im Rahmen der Vorbereitungen hierfür"
steht Schenkenberg "für Personell Appearances zur Verfügung".
Überzeugt Sie noch nicht so recht? Sie meinen, eine "personell
Appearance" sei ja wohl selbstverständlich, irgendwie? Warten Sie ab.
Erstens "steht Marcus Schenkenberg weltweit für Erfolg, Schönheit, Fitness
und Glamour", und wer wollte davon nicht abhaben?
Und wenn Sie jetzt immer noch zögern, dann wird Sie dieses Angebot des
"weltweiten Managements" doch wohl hoffentlich endgültig überzeugen:
"Gerne steuern wir 20-30 Models pro Event aus unserem Portfolio kostenlos
hinzu".
Haben Sie Interesse an einem Angebot? Wir vermitteln gerne den Kontakt.
Bis dahin stehen Ihnen unsere Künstler für "Personell Appearances" im
November 2010 wie eingangs dieses Rundbriefes beschrieben zu einem
wahrscheinlich günstigeren Preis (schauen Sie mal in den Ticketshop auf unserer
Homepage! per "print at home" verbürgt die preisgünstigsten Tickets
für unsere Konzerte!) zur Verfügung. Wir bedauern, daß noch nicht alle unsere
Künstler ihre eigene Underwear-Collection gelauncht haben, wir arbeiten aber
natürlich unermüdlich daran - immerhin können sie aber singen und Musik machen.

20-30 Models "aus unserem Portfolio" können wir allerdings nicht
kostenlos "hinzusteuern" - für "Schönheit, Fitness und
Glamour" müssen Sie, liebe Konzertbesucherinnen und -besucher und Sie,
liebe Medienpartner, auf unseren Konzerten schon selber sorgen!
Man sieht sich - darauf hofft sehr

09.10.2010

Und Ansonsten 2010-10-09

Am
Antikriegstag 2010 lag der "Berliner Zeitung" ein Prospekt bei, in
dem der neue Schuh von "Merrell" präsentiert wurde: Ein sogenannter
"Volks-Wanderschuh". "Eine gemeinsame Volks-Aktion von Merrell
und Bild.de."

* * *

Die "World Contamination Tour" von "My Chemical Romance"
unter dem Titel "Danger Days" wird auf schwarz-rot-goldenem
Hintergrund beworben. So etwas spielt in Berlin im vom rot-roten Senat
subventionierten Kesselhaus.

* * *

Laut "Chip" filtern über 40 Staaten weltweit das Internet - und
Deutschland, nicht China ist, man höre und staune, einer der Top-Zensoren. In
Googles "Zensurindex" liegt Deutschland weltweit auf Platz 2 hinter
Brasilien...

* * *

Wie Kulturfunktionäre so daherplappern im "Musikindustriesprech":
"...hat wider Erwarten enorme Energie freigesetzt (...) und uns letztlich
in die Lage versetzt, den Musikstandort Berlin besser aufzustellen (...) Wir
haben gemeinsam ein neues Format entwickelt (...) die Integration in einen
übergreifenden Auftritt aber ist ein Alleinstellungsmerkmal (...) dazu muß man
die Strukturen zunächst flexibilisieren, aus denen dann auch neue
wirtschaftliche Optionen erwachsen (...) Wir sind zusammen viel breiter
aufgestellt (...) haben wir jetzt ein arbeitsteiliges Konzept, was jeden
Partner für das freistellt, was er am besten kann und darüber hinaus Räume
öffnet, um die Potenziale dieser liberalen, kreativen Metropole authentisch
einzubinden (...) gleichwohl stehen wir mit unserem Portfolio ganz am Anfang
(...) die Protagonisten dieser Soundwelten leben hier, haben eine hohe
Spartenkompetenz mit authentischen Communities (...) unser strategisches Ziel
ist es, populäre Musik langfristig und nachhaltig als eines der zentralen
Themen des Landes Berlin zu positionieren (...) die Musikwirtschaft ist extrem
diversifiziert, aufgesplittet in Genres, Lager, wenige Majors und tausende
Indielabels plus diverse neue Akteure in der Wertschöpfungskette. Wir müssen
deshalb lernen, die Interessen aller Akteure der Musikwirtschaft zu evaluieren
(...) um unser strategisches Ziel zu erreichen, den Musikstandort Berlin mit
einem Leitevent in Deutschland zu etablieren, brauchen wir perspektivisch ein
umfassenderes Commitment des Landes Berlin..."
(Alle Zitate aus einem Interview der "Musikwoche" mit Olaf
Kretschmar)
Schon tragisch - da ist einer quasi auf dem "Karrierehöhepunkt",
bekommt ein mehrseitiges Interview in der "Musikwoche" - und es
fallen ihm nur abgegriffene Worthülsen ein. Sonst nichts. Gähnende Leere.

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Die Veranstaltung "all2gethernow is hosting the Berlin Music Week
Conference" bewarb ihre Veranstaltung in Anzeigen mit so originellen
Sprüchen wie "Es gibt kein besseres Gefühl als bei 100 km/h aus dem
Tourbus zu kotzen. >> Join us in thinking ahead."

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Da war man mal kurz in Urlaub, und perdautz, hat man doch glatt verpaßt, daß
die Wirtschaftsordnung dieses Staates kurzerhand umgestülpt wurde. Als ich in
Urlaub fuhr, nannte man es noch "freie Marktwirtschaft" (dazu ließe
sich jetzt viel sagen, ich weiß) - doch aus dem Urlaub zurück, scheint man es
Kommunismus zu nennen: In einer Podiumsdiskussion über die Berliner
Musikwirtschaft erklärt die Berliner Wirtschaftsstaatssekretärin, was das Land
Berlin bei der Förderung von Nachwuchsmusikern, aber auch zur Unterstützung der
Club Commission und der Musikfirmen alles tue. Worauf ihr, wenn man dem "Musikmarkt"
glauben mag, Eva Kiltz, die Geschäftsführerin des "VUT", des
"Verbandes unabhängiger Tonträgerfirmen", wie folgt antwortete:
"Man müßte die klassische Wirtschaftsförderung, Kulturförderung und
Stadtentwicklung enger verzahnen. Da fallen manche Unternehmen in ein
Förderloch."
Förderloch! Und ich Depp versuche immer noch, mit meiner Firma Gewinne zu
erwirtschaften, wovon ich dann Steuern bezahle, die usw. usf. Dabei geht es
doch im realen Sozialismus der Musikwirtschaft heutzutage anscheinend nur noch
darum, sich vom Staat ohne Förderloch und lückenlos finanzieren zu lassen. Ham
wa wieder alles falsch gemacht...

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Die FDJ-Funktionärin Angela Merkel hat seinerzeit im Staatskundeunterricht
nicht aufgepaßt. Sie nennt eine "Revolution", was doch nur business
as usual ist: daß die Atomkonzerne doppelt verdienen: die Bundesregierung
beschließt die Verlängerung der Laufzeiten der Atomkraftwerke und macht ihren
Bückling vor der Atomlobby, und gleichzeitig senkt sie die geplante Steuer auf
die Brennelemente. Die Industrie hat hierzulande noch immer festgelegt, was die
ihr hörige Regierung für eine Politik zu betreiben hat.
Auch FDP-Chef Westerwelle, der von einer Regelung mit "epochaler
Bedeutung" brabbelt, ist nicht so richtig zu verstehen, handelt es sich
doch nur einfach um einen weiteren Beleg ständigen Kotaus vor den Lobbyisten,
die diese Regierung auf die eine oder andere Art und Weise pampern und pampert,
wie man will. Die Zeche zahlt wie üblich der Steuerzahler.

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"Stammleser der "Men's Health" und des Schwäbischen Anzeigers
werden es längst wissen: The Drums sind tot, die Band der Stunde heißt Hurts.
Ich habe eben versucht, mir ihre in einer beispiellosen Kampagne ins
musikhörende Kollektivbewußtsein gedrückte Musik mal anzuhören. (...) Wollte
ich die Band nur leichtfertig schmähen (was legitim wäre), so würde ich nur
schreiben: Das Duo, auf das sich alle Langweiler vom "Wetten
daß...?"-Neue Musik-Scout über das Klamottengeschäftsdoofilein bis hin zu
La Roux-Fans einigen können, verkörpert alles, was ich an den Achtzigern eklig
fand. Alles, wogegen eine Band wie The Smiths mal angetreten ist."
Eric Pfeil in seinem Blog "Das Pop-Tagebuch"

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Steven Patrick Morrisey, britischer Popsänger, hat seiner Rolle als britischer
Westentaschen-Sarrazin wieder einmal alle Ehre gemacht. Morrisey, der bereits
1992 brabbelte, daß "schwarze und weiße Menschen sich niemals leiden
können" und 2007 in einem Interview mit dem "NME" feststellte:
"Die britische Identität verschwindet umso mehr, je größer die
Einwanderung ist", weswegen er sich seinerzeit gezwungen sah, dem
Anti-Rassismus-Verein "Love Music Hate Racism" 34.000 Euro zu
spenden, dieser Morrisey hat nun die Chinesen als eine "Unterart"
("subspecies") bezeichnet. Den rassistischen Angriff begründete der
Popsänger mit Chinas schlechtem Umgang mit Vierbeinern.

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Apple dagegen besiegt den Rassismus:
"Janelle Monae ist ein Kind des iPod, dessen Shuffle-Funktion kein Schwarz
und Weiß mehr kennt." (Tobias Rapp im "Spiegel", Sommer 2010)

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Wer dachte, daß die Dämlichkeit, mit der Plattenfirmen ein neues Publikum für
klassische Musik zu gewinnen suchen, kaum mehr zu steigern wäre, der lese, wie
RCA eine CD namens "Ich mag immer noch keine Klassik, aber das gefällt mir
gut" bewirbt:
"Klassik für alle, die keine Klassik mögen!"
"Klassik ist eine Musik ohne Rhythmus - Musik geschrieben von den Toten
für die Alten, ich mag sie nicht."
"Aber Oh, das ist gut, was ist das?"
"Doppel-CD mit 35 unwiderstehlichen Melodien von Chopin, Grieg, Vivaldi,
Dvorak, Mozart, Haydn u.v.a."
Immer, wenn man denkt, Dämlichkeit und Dreistigkeit im Musikbusiness ließen
sich nicht mehr steigern, wird man eines Schlechteren belehrt.

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Aus unserer kleinen Reihe "Künstlerangebote, die die Welt nicht braucht"
- im September erreichte uns dieses Angebot einer "finnischen
Vampire-Goth-Rock-Band aus Italien":
"Vier junge Italiener kredenzen melodisch-schmachtenden Gothic-Rock
finnischer Prägung mit gutem, charakterstarkem Gesang (...) Bei derart massen-
und mainstream-tauglichem Goth-Rock ist es bestimmt nur noch eine Frage der
Zeit bis die Jungs auf dem Cover der Bravo prangen (...) Besonders gelobt wird
die unverkennbare Stimme des Frontmannes und das solide Zusammenspiel zwischen
tiefgehenden Balladen und härteren Melodic Gothrock-Nummern."

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Köln, berühmt-berüchtigt für seinen gleichnamigen Klüngel, war mal die
heimliche Pophauptstadt der Republik - Popkomm, Viva, Spex... wer was werden
wollte als Künstler, mußte in Köln spielen, damals, in den Neunzigern. Lange
vorbei - die Popkomm strauchelt jetzt in Berlin, Viva kann man längst
vergessen, Spex kann man auch vergessen, aber in Berlin, nicht in Köln - und
was haben sich Kölns Kommunalpolitiker ausgedacht, um gegenzusteuern? Eine
"Kulturförderabgabe". Ab dem 1.10.2010 erhebt die Stadt Köln im
Stadtgebiet eine sogenannte "Kulturförderabgabe" in Höhe von 5% des
Übernachtungspreises bei jeder "entgeltlichen Übernachtung", wie es
im Bürokratendeutsch so schön heißt, im Stadtgebiet. Dies gilt übrigens selbst
für sogenannte Tageszimmer, die Bands benutzen, die mit Nightliner-Bussen
unterwegs sind und Zimmer zum Duschen benötigen. Dem Kölner Veranstalter, der
eine US-Band in seinem Club spielen läßt, oder der Band, die die Zimmer selber
bezahlt, werden also 5% "Kulturförderabgabe" auf die Hotelzimmer
berechnet. Wahnsinn.
Ich würde sagen, die Stadt Köln tut einfach alles, damit immer weniger Bands
nach Köln kommen. Glückwunsch zu so viel Dämlichkeit!

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Während in Stuttgart unter anderem die "Grünen" für ein
Bahnhofsgebäude kämpfen, das wie ein vorweggenommenes Nazibauwerk wirkt, obwohl
es doch schon 1928 fertiggestellt wurde. Aber eben kein Wunder - Architekt Paul
Bonatz nahm in seinem Bau des Stuttgarter Bahnhofs nicht zufällig typische
Elemente der NS-Architektur vorweg, er war ab 1933 ein führender Architekt des
NS-Staates, feierte den Autobahnbau ("Die Autobahn ist die sinnfälligste
Äußerung der Kraft des neuen Staates", in der von Fritz Todt
herausgegebenen Zeitschrift "Die Straße", 1934) und wurde 1937 in
einem Huldigungsband gefeiert: "Die Bauten der Reichsautobahn, deren
Berater P. Bonatz seit 1935 ist, (...) haben den Geist gemein, der auch für die
jüngsten großen Arbeiten bestimmend sein wird. Sie zeigen eine männlich ernste
deutsche Gesinnung, wie sie aus den großen Bauten des frühen Mittelalters zu
uns spricht."
Den schwäbischen Bahnhofs-Demonstranten und den einschlägigen Dutt-Trägerinnen
kann ansonsten geholfen werden: am 8.Oktober wird im Stuttgarter Aktionshaus
Nagel ein Märklin-Modell des Stuttgarter Hauptbahnhofs, Spur 1, Maßstab 1:32,
mit Innenbeleuchtung versteigert. Taxe 2500 Euro. Was wollen wir wetten, daß
der Preis noch durch die Decke geht?
Kleiner Wermutstropfen: nicht nur die bereits abgerissenen Seitenhallen fehlen
dem Märklin-Modell, das zwischen 1930 und 1939 entstanden ist, sondern auch der
ultramarinblaue Mercedesstern, der in der Realität auf dem Turm thront.
Nazigebäude mit Stern eines Rüstungskonzerns - dafür lohnt es sich in Schwaben
allzumal, auf die Straße zu gehen. Der "Kunstmarkt" der
"FAZ" raunt: "Der Turm indessen und das bossierte, messerscharf
gefügte Mauerwerk zitieren staufische Burgen und überführen sie in die
Sachlichkeit der frühen Moderne (...) Wer sich aber mittels historischer Fotografien
oder eigener Erinnerungen vergegenwärtigt, welche proportionale und ästhetische
Bedeutung die Seitenhallen für die Gesamterscheinung hatten, dem wird der ihrer
entblößte Märklin-Bau so versehrt vorkommen wie, zum Beispiel, ein Petersdom
ohne die herrlichen Kolonnaden Berninis."
Auf jeden Fall.

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Adam Kohn, ein Auschwitz-Überlebender, tanzt mit seiner Tochter, der
australischen Künstlerin Jane Korman, und seinen Enkelkindern in ehemaligen
Konzentrationslagern zur Musik von "I Will Survive". Die Künstlerin
hat ihr Video "I Will Survive. Dancing Auschwitz" auf YouTube
gestellt, wo es innerhalb kürzester Zeit über eine halbe Million mal angesehen
wurde. Nun hat die Firma Universal Music Publishing, der die Rechte an der
Musik gehören, die Ausstrahlung des Videos verunmöglicht und dafür gesorgt, daß
das Video des Auschwitz-Überlebenden von YouTube entfernt wurde.
Eine ganz neue Täter-Generation macht sich da die Perversion des Urheberrechts
zunutze.

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Den deutschen Urheberrechts-Fans dies ins Stammbuch:
"I am against Hadopi [the French internet-copyright law, or its attendant
agency], of course. There is no such thing as intellectual property. I'm
against the inheritance [of works], for example. An artist's children could
benefit from the copyright of their parents' works, say, until they reach the
age of majority... But afterward, it's not clear to me why Ravel's children
should get any income from Bolero..."
Jean-Luc Godard (der 2010 den "Oscar" für sein Lebenswerk erhält)

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Und wer gilt den Deutschen als eine "Moralische Instanz"? In Führung
liegt mit 74 Prozent Helmut Schmidt. Ursula von der Leyen bringt es auf 60
Prozent wie Angela Merkel, Karl-Theodor zu Guttenberg auf 59 Prozent. Quasi
gleichauf: Papst Benedikt XVI. (51%), Günther Jauch (50%) und Margot Käßmann
(49%). Alice Schwarzer (38%) liegt vor Franz Beckenbauer (33%), Josef Ackermann
(12%) vor Jürgen Habermas (10%). Was für ein Land.

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Kein Wunder, daß mit Schalke 04 nichts mehr los ist:
"PUR & Friends auf Schalke", flötet die Email von "emimusic.de"
in meinem Posteingang.
"Am 04.09. ist es wieder soweit - als Abschluss der diesjährigen Open
Air-Tour findet das Mega-Event PUR & Friends 2010 in der Veltins Arena auf
Schalke statt! Auch dieses Jahr stehen wieder ganz besondere und hochkarätige
Gäste auf der Bühne, um mit PUR zusammen das Publikum zu begeistern: Roger
Hodgson, der Sänger von Supertramp, wird ebenso dabei sein wie die Newcomer
Luxuslärm, die österreichische Kult-Band Opus ("Live is Life") und
der gerade erst bekanntgegebe (sic) Überraschungsgast DJ Ötzi! Neben den
"alten Hasen" im Musikgeschäft sind allerdings auch einige ältere
Herrschaften mit dabei, die vor ihrem Auftritt wohl besonders aufgeregt sein
dürften - denn die Rock-Rentner aus der Sat1-Show "Rock statt Rente"
wurden von Hartmut zu deren Überraschung in der letzten Sendung eingeladen,
zusammen mit PUR vor 50.000 Zuschauern auf der Bühne zu stehen!" Na denn
viel Spaß, auf Schalke! Und Glückauf gelb-schwarz, glückauf Borussia!
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Antje Vollmer, ex-Maoistin, ex-Pastorin und ex-Bundestagsvizepräsidentin der
"Grünen", darf spätestens seit ihrer Erklärung, wie ihre Jastimme für
den Afghanistankrieg von Schröder-Fischer zu werten sei (nämlich "Mein Ja
ist ein Nein"), als durchaus ein wenig gaga gelten. Nun hat Frau Vollmer
Bundeskanzlerin Merkel dafür kritisiert, daß diese sich dezidiert für Kurt
Westergaard eingesetzt hat, den Zeichner einer bekannten Mohammed-Karikatur und
dafür von Islamisten mit dem Tod bedroht und bereits in seinem Haus in Dänemark
angegriffen.
Thierry Chervel schreibt im "Perlentaucher": "Zur Erinnerung:
All jene Chefredakteure, die seinerzeit nicht den Mut aufbrachten, Westergaards
Karikatur zu drucken, hatten ihn am 8. September mit einem Preis für
Pressefreiheit bedacht. Angela Merkels Rede zu diesem Anlass war bemerkenswert.
Sie ließ die hohen Herren indirekt wissen, dass sie an ihrer Stelle die
Karikatur gebracht hätte. Sie hatte sich bei vergleichbaren Gelegenheiten -
auch bei der Frage, ob sie diese Rede für Westergaard halten solle - jedenfalls
für die Freiheit entschieden: "Das Geheimnis der Freiheit ist der
Mut." (...) Zu den kritischen Stimmen gehörte auch Renate Künast:
"Ich hätte es nicht gemacht", sagte sie zu Merkels Rede. Künast wird
als die nächste Regierende Bürgermeisterin von Berlin gehandelt. Aber der
Tagesspiegel stutzte: "Es fällt schwer, sich vorzustellen, dass Berlin
regiert wird von einer Frau, die sich mehr um die möglichen Reaktionen von
religiösen Fanatikern sorgt als um den Wert unserer Grundrechte", schreibt
Gerd Nowakowski."
Antje Vollmer zur Merkel-Rede und zu derem Diktum, das Geheimnis der Freiheit
sei der Mut: "Ich halte es für unklug. Für eine Staatsfrau halte ich es
für sehr unklug."
Chervels Fazit: "Die Grünen, so scheint es, haben ein taktisches und
opportunistisches Verständnis von Meinungsfreiheit." Womit wir auch wieder
beim Stuttgarter Hauptbahnhof wären, irgendwie.

Fahren Sie vorsichtig! Fahren Sie Bahn!

05.09.2010

Und Ansonsten 2010-09-05

"Die
Musikindustrie hat sich selbst zerstört, indem sie ihre Rentabilität an die
Gerätehersteller übertragen hat. Herstellungen und Vertrieb haben etwa dreißig
Prozent vom Gewinn der Musikindustrie ausgemacht. Diese wurden mit dem
i-Tunes-Deal an Apple abgetreten. Aber warum sollte jemand, der ein Gerät
herstellt - das iPod ist das moderne Gegenstück zur Jukebox - den ganzen Gewinn
abgreifen? Hätten die Jukebox-Hersteller den ganzen Gewinn der Platten
eingestrichen, die in den Fünfzigerjahren in ihren Geräten gespielt wurden,
sähe das Musikgeschäft heute anders aus. Der Geräteanbieter - Apple - hätte
sein Gerät nicht ohne die darauf gespeicherte Musik verkaufen können. Warum hat
die Musikindustrie nicht zu Apple gesagt: 'Wir möchten dreißig Prozent der
iPod-Verkäufe?' Oder: 'Was haltet ihr davon, uns einhundert Prozent eurer
Musikumsätze zu geben, dafür behaltet ihr den Gewinn aus dem Geräteverkauf?'
Das war aber nicht Gegenstand der Vereinbarung, und deshalb ist die
Musikindustrie vor die Wand gefahren."
(Andrew Wylie, einer der einflußreichsten Literaturagenten weltweit, in
"Die Welt")

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Wie wenig Ahnung die Politiker vom Internet haben, zeigt sich unter anderem
angesichts der Hilflosigkeit, mit der sie "Google Street View"
begegnen. Als ob es irgendein Problem darstellen würde, wenn eine Firma den
ohnedies öffentlichen Raum abfotografiert, Straßen und Häuserfassaden. Auch
Westerwelle will publicityträchtig seine Wohnung pixeln lassen - wäre es nicht
besser, er würde den Hohlraum, den seine Politik darstellt, pixeln lassen? Oder
gleich sich selber? Damit wäre uns allen geholfen...
Interessant jedenfalls, daß Politik und Medien mit großem Trara über Googles
Street View berichten. Kaum aber über die wirklichen Probleme, die Google
verursacht: etwa, daß alle persönlichen Suchanfragen ganze 18 Monate lang auf
den Google-Rechnern gespeichert bleiben und mithin von jeder Person, die Google
nutzt, ein detailliertes Persönlichkeitsbild kreiert wird, von der die Stasi
nur träumen konnte. Oder das Problem, daß Google Hand in Hand mit einschlägigen
Telekommunikationsmultis daran arbeitet, das Fundament des Internet, nämlich
die Netzneutralität aufzuheben. Und interessant am Rande auch, daß sich niemand
über Microsofts "Bird's View" Programm aufregt, "das es seit
Jahren jedem Nutzer ermöglicht, aus der Perspektive eines sehr niedrig
fliegenden Vogels hineinzuschauen in Gärten und Innenhöfe, auf Terrassen und
Balkone: auf Orte also, die ohne Zweifel zur Privatsphäre gehören" (FAS).
Besonders hübsch fand ich allerdings das Beispiel, das Stefan Niggemeier in der
"Rheinischen Post" entdeckt hat: dort "gaben vier Düsseldorfer
Bürger ihren Protest gegen die Veröffentlichung der Fotos von ihren Häusern zu
Protokoll und kündigten an, dagegen Widerspruch einzulegen. Sie ließen sich
dazu vor ihren Häusern fotografieren."

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Man muß nicht allem und jedem zustimmen, was er in der ohnedies nicht so
schlechten "FAS" schreibt, um festzuhalten, daß Peter Richters
Artikel ständige Lichtblicke in der hiesigen Medienlandschaft darstellen,
intellektuell wie sprachlich. Wie er am 15.8. etwa in einem Artikel über
Architektur so ganz nebenbei den Schriftsteller Martin Mosebach erledigt, der
ja nicht nur ein ziemlicher Depp ist (das wäre nichts Besonderes, viele
Menschen sind Deppen), sondern auch nicht gut schreiben kann, das ist schon
wirklich köstlich. Und Sätze wie diesen über Mosebach würde man einfach gerne
öfter lesen:
"...es kann auch sein, daß er den Schaum, den er vor dem Mund hat, schon
für Stuck hält (...) Das zeigt wieder einmal, wie schön es wäre, wenn gerade
Konservative mehr leisten könnten, als ihr pures Konservativ- und
Unverstandensein schon für eine grafstauffenberghafte Heldentat zu halten und
sich den Rest des Tages am Einstecktüchlein herumzuzupfen."
Danke, Peter Richter!

* * *

Es beweist ein gehöriges und wohl systemimmanentes Maß an Dreistigkeit und
Unverschämtheit, wie die Kernkraftlobby mit ihrer schmierigen Anzeigenkampagne
versucht, die Bundesregierung unter Druck zu setzen und den Ausstieg aus der
Atompolitik zu verwässern und zu verschieben. Daß neben den Turbokapitalisten
von Josef "Peanuts" Ackermann bis zu den Bossen der AKW-Betreiber RWE
und Eon, Großmann und Teyssen, auch die einschlägigen Renegaten aus Politik und
Journalismus mittun, von Clement über Schily bis Bissinger, wundert wenig. Und
wer überrascht sein mag, was der Name von Oliver Bierhoff, dem Manager der
deutschen Nationalmannschaft, in dieser Liste zu suchen hat (was politisch
wenig überrascht, schon Joachim Löw bekannte während der WM: "wir sind
alle Merkel-Fans"...), der sei darauf hingewiesen, daß der Papi des braven
Milchbubis Bierhoff langjähriger Vorstand beim Energie- und AKW-Multi RWE
war...
Pervers, daß es um 2,3 Milliarden Euro Brennelementesteuer geht, die die
Regierung von den Stromkonzernen dafür verlangt, daß sie ihnen mit einer
Verlängerung der Laufzeiten für die Kernkraftwerke ein Vielfaches an Gewinnen
ermöglicht. "Eine derart unverhohlene Erpressung seitens Leuten, die sich
in der Wirtschafts- und Finanzkrise gerade Milliarden von Regierung und
Steuerzahlern überwiesen ließen, sprengt alles bisher Dagewesene",
kommentiert die "Berliner Zeitung" sachlich nicht vollkommen korrekt,
aber politisch richtig.
Andrerseits auch irgendwie o.k., diese Liste der Kernkraftlobby, da weiß man,
woran man ist. Mein Vorschlag: man hänge die Liste in der Küche auf und
boykottiere fortan die Firmen, die die Unterzeichner der Kampagne vertreten -
wer immer noch ein Konto bei der Deutschen Bank hat - kündigen! Wer immer noch
Strom der Atomkonzerne RWE, Eon oder Vattenfall bezieht - es ist höchste Zeit,
auf Ökostrom und korrekte Energieanbieter umzusteigen! Bahlsenkekse schmecken
sowieso nicht, man greife zu den leckeren Plätzchen der Konditorei ums Eck oder
in Ermangelung derselben zum Beispiel zu den Produkten französischer Provenienz
und erlebe, wie ein Keks schmecken kann. Oetkers Fertigprodukte? Sowieso bäh.
BASF, Bayer, Metro (denen u.a. "Saturn" und "Media Markt"
gehören), Gerry Weber? Man weiß, was man zu tun hat. So wird ein Schuh draus.
Laßt uns die Protagonisten der selbsternannten "Energiezukunft für
Deutschland e.V. i.G." teeren und federn und zur Stadt hinausjagen!

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Weit vorne in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift "Spex": eine
ganzseitige Anzeige von Levi's - die Hälfte der Seite nimmt der Name
"Levis's Curve Attack Tour" ein, in der unteren Hälfte steht dann der
Künstlername "Kelis".
Hinten in der gleichen Ausgabe der Zeitschrift "Spex": ein ebenfalls
ganzseitiger redaktioneller Beitrag mit dem großgeschriebenen Titel "Spex
präsentiert Levi's Curve Attack Tour mit Kelis". Im kleingeschriebenen
Beitrag tut die gekaufte Redaktion dann ein wenig so, als ob es ihr auch auf die
Musik ankäme und nicht nur auf die Scheine vom Jeanshersteller, der seine neue
Hose namens "Curve ID" verkaufen will. Im letzten Absatz ihres
Promotextes kommt die "Spex"-Redaktion auf den Punkt: "Spex
präsentiert nun die von Levi's Jeans organisierte Curve Attack Tour..."
Und dann verkauft uns die Redaktion vollends für doof und will uns weismachen:
"Das Motto der kommenden Tour in Deutschland - Curve Attack - ist als
postfeministische Position gemeint, denn Levi's verbindet noch eine ganz andere
Herzensangelegenheit mit den Veranstaltungen. Für die neue Hosenreihe des
Herstellers namens Curve ID wird zum ersten Mal in der Geschichte der Jeans die
tatsächliche Form ein eigener Parameter, eine bestimmbare Dimension. Zusätzlich
zu Länge und Breite werden die Proportionen von Bein zu Gesäß mit angegeben. So
wird dank Levi's der amerikanische Exportschlager Blue Jeans ein wenig von
seiner Diktatur der straighten männlichen Beinform befreit."
Noch kleiner gedruckt steht dann da: "Text: Fabian Kästner. Foto: Universal
Music. Geldgeber: Levi's." (hier ist ein kleiner Fehler eingebaut, wer
findet ihn?)
Wer wissen will, wie rasch man ein einstmals renommiertes Musikblatt in den
inhaltlichen und moralischen Konkurs treiben kann, der betrachte eine
"Spex"-Ausgabe von vor sagen wir fünf Jahren und eine aktuelle
Ausgabe, in der Markenartikler längst den redaktionellen Teil bestimmen. Die
Fallhöhe, von der eine Redaktion auf den Grund fällt, ist eindeutig bestimmbar.
Dort, auf dem Boden, liegt dann die postfeministische Hose bereit, mit exakt
angegebenen Proportionen von Bein zu Gesäß, damit die Spex-Redaktion auch
problemlos den Hintern des Markenartiklers finden kann, in den sie bereitwillig
kriecht.
(und am Rande sei's enttäuscht vermerkt: schade, daß ausgerechnet eine tolle
Künstlerin wie Kelis sich dafür hergibt, als Werbenudel auf Tour zu gehen -
aber das ist wohl auch irgendwie "postfeministisch", nehme ich an)

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Auch die Band "Phoenix" gefällt sich als Werbeträger für
Markenartikler. Phoenix ließen sich als Host der "Beck's Music
Experience" einkaufen. Sie waren auch so ungeheuer kreativ, ein
"Art-Label" für Beck's zu entwerfen, das ab Herbst auf
Beck's-Flaschen in England prangen wird. Der Ausverkauf der Pop- und Rockmusik
ist in vollem Gange.
Ich erinnere, wie ich mit dem großen David Thomas vor ein paar Jahren nächtens
in Hannover vor feisten, großen Plakaten einer Coca-Cola-Tour stand und er
kopfschüttelnd sagte: "I never would do this." Aber das ist eben der
Unterschied zwischen einem Künstler und all denen, die bloß "in it for the
money" sind...

* * *

"Rothenburg was not rebuilt in a day."
Andreas Neumeister

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Wer nach dem großen Trara um den systemischen Mißbrauch von Kindern und
Schutzbefohlenen durch die großen Kirchen hierzulande wissen will, wo diese
Gesellschaft denn jetzt so steht in Sachen Kirche, der betrachte die Anbetungen
Mutter Teresas selbst in den besseren Feuilletons und im öffentlich-rechtlichen
Fernsehen anläßlich ihres 100.Geburtstages, und halte sich parallel vor Augen,
daß das großartige Buch "The Missionary Position - Mother Teresa in Theory
and Practice" (Klasse Titel auch!) von Christopher Hitchens, in weniger
Kirchen-hörigen und zivilisierteren Ländern bereits 1995 erschienen und zum
Bestseller geworden, bis heute nicht in deutscher Sprache erschienen ist. Aber
das Buch würde auch nicht in die Stimmungslage hierzulande passen, wo ein
alternder Feuilletonist in der "Berliner Zeitung" vor Bewunderung von
Mutter Teresa nicht an sich halten kann - Hitchens weist nach, welch verquere
Positionen die sogenannte Mutter Teresa vertreten hat, wie nah sie Diktatoren
wie Haitis Papa und Baby Doc stand, die sie als Vorbilder empfahl, und und und.

Sehr lesenswertes Buch und als englisches Taschenbuch günstig zu haben.

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Wie man neuerdings weiß, sind es nicht nur verzweifelte kommerzielle
Kleinveranstalter, die ihre Besucherzahlen schönen, nein, auch Kommunen wie die
Stadt Duisburg machen mit bei der systematischen Fälschung von Besucherzahlen
ihrer Events, um das von Gorny, Pleitgen und Konsorten propagierte
"GrößerSchnellerSchöner" zu befeuern. Auch die Popkomm, wer hätte es
anders erwartet, tut da kräftig mit. "Weniger Aussteller, aber dafür mehr
Besucher", lassen die Popkomm-Funktionäre stolz verlauten. Wie das? Nun,
mit wieviel Besuchern Popkomm-Geschäftsführer Kleinhenz rechnet, will er laut
"Musikwoche" nicht verraten, aber er zählt einfach mal die "rund
20.000 Konzertgänger des Berlin Festivals" (die noch unbestätigt sind, und
letztes Jahr kamen grad mal halb so viele zum Berlin Festival...) mit. Ähnlich
hübsch ist die Meldung, daß die Stände der Popkomm "ausverkauft"
seien - nun, wer sein Areal drastisch verkleinert, hat natürlich irgendwann
auch eine Chance, "ausverkauft" zu melden. Oder vielleicht doch
seinen eigenen "Ausverkauf" kundzutun?
Die Haltung dieser Agentur bleibt klar und lautet wie seit Jahren:
Popkomm? Nein!
Wir fallen ja nicht auf jeden Quatsch rein, den man uns als des Königs neue
Kleider verdaddeln will, manchmal reicht es auch, einfach festzuhalten, daß
Kleinhenz, Gorny oder Barkowski nackend sind.

* * *

Wäre nett, wenn man uns mit dem dumpfen und rassistischen Gedöns des Herrn
Sarrazin ebenso verschonen würde, wie mit der eitlen Entrüstungsdebatte danach.
Das alte Phänomen: erst wird ein dämliches Buch allüberall zum Thema gemacht,
das Feuilleton, der "Spiegel", das Fernsehen, alle machen
bereitwillig kostenlose Werbung für den ekelerregenden Schmarrn, den der
Sozialdemokrat wieder mal verzapft hat - und dann wird wochenlang darüber
geschrieben, wie furchtbar die Thesen des Herrn Sarrazin doch sind, die man
gerade erst populär gemacht hat.
Drollig auch Frau Nahles, die der Meinung ist, Sarrazin "mißbraucht den
Namen der SPD". Es war ja nicht etwa die SPD, die den Herrn zum Senator
gemacht hat, und es war ja auch nicht das von Berlins Bürgermeister Wowereit
vermittelte SPD-Ticket, auf dem der Herr mit den längst bekannten dubiosen
Thesen zum Vorstand der Bundesbank wurde...
Um wirklich jeder Köttel, den irgend jemand ins Dorf gemacht hat, müssen sie
herumstehen und debattieren und den dampfenden Haufen zu etwas großem
breittreten. Bleibt aber eben doch ein Haufen Sch...

* * *

Die US-amerikanische Mutterausgabe des "Rolling Stone" hat lt.
"Icanhasinternets" in ihrer aktuellen Ausgabe einen offenen Brief an
die Vorstände der Musikindustrie veröffentlicht, in dem es heißt:
"A big fat thanks to record execs.
Thank you for fighting the good fight against Internet MP3 file-swapping.
Because of you, millions of kids will stop wasting time listening to new music
and seeking out new bands. No more spreading the word to complete strangers
about your artists. No more harmful exposure to thousands of bands via Internet
radio either. With any luck they won't talk about music at all. You probably
knew you'd make millions by embracing the technology. After all, the kids
swapping were like ten times more likely to buy CDs, making your cause all the
more admirable. It must have cost a bundle in future revenue, but don't worry -
computers are just a fad anyway, and the internet is just plain stupid."
Die deutsche Ausgabe des "Rolling Stone" hat es in einer halbseitigen
Anzeige in ihrem Heft so ähnlich formuliert: "Don't copy. Respect Artists.
Rolling Stone."

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Die Buddhistin Judith Holofernes gibt der "Berliner Zeitung" ein
Interview und bringt einiges einigermaßen durcheinander: "Aber wichtig
scheint mir immer noch der Appell: Wer denkt, daß er mit dem Kauf von
Tonträgern nur die böse, böse Musikindustrie fördert, liegt einfach falsch. Im
Prinzip ist nämlich jede gebrannte CD ein weiteres Coca-Cola-Massenevent am
Brandenburger Tor!"
Gut, daß Musikindustrie nicht "böse, böse" ist, weil ja schließlich
einer der vier weltweiten multinationalen Konzerne der Helden-Band das Geld
überweist, das haben wir verstanden. Aber wie ist das mit der braunen Brause?
Fördert Coca-Cola jetzt etwa das Brennen von Musik-CDs? Während Coca-Cola
aufhören würde zu existieren, wenn nur jeder brav seine Helden-CD bei der
lieben, lieben Musikindustrie bezahlt? Und wie funktioniert das genau, daß
"jede gebrannte CD ein Coca-Cola-Massenevent am Brandenburger Tor"
ist? "Im Prinzip"? Ich dachte immer, die bösen CD-Brenner tun das
eher im stillen Kämmerchen, während es am Brandenburger Tor in der Regel doch
vor Polizisten und Touristen nur so wimmelt, also ein eher schlechter Ort fürs
Brennen von CDs. Wobei ich auch annahm, daß die Brenner ihre CDs nur so für
sich brennen würden, und daraus nicht ein Massenevent am Brandenburger Tor
machen. Und was hat Coca-Cola nun genau mit dem Brennen von CDs zu tun?
Fragen über Fragen. Frau Holofernes wird noch viele Interviews geben müssen, um
uns die Welt etwas genauer zu erklären. Bis dahin bleibt sie voller Rätsel -
die eine wie die andere.

15.08.2010

Und Ansonsten 2010-08-15

Was
passiert, wenn der Dalai Lama, Mahatma Gandhi und Martin Luther King
zusammentreffen? Genau - es entsteht die "BerlinMusicWeek". Die
entsprechend Großes leistet:
"Die BerlinMusicWeek macht Schluß mit den Grabenkämpfen der Branche, löst
die kontraproduktiven Wagenburgmentalitäten auf und verdeutlicht den alten
Musikkriegern, daß sie letztendlich alle im selben Kahn sitzen."
Mal abgesehen davon, daß ich mit keinen "Kriegern" im "selben
Kahn" sitzen möchte, die nicht über eine, sondern gleich über mehrere
"Wagenburgmentalitäten" verfügen - aber ich habe mir erlaubt, die
Macher der BerlinMusicWeek, die da so munter naiv vor sich hinzwitschern,
vorsorglich schon mal für den Friedensnobelpreis vorzuschlagen. Als nächste
Aufgaben warten Afghanistan (wo sie sich mit dem Bundeswehr-Truppenbetreuer und
Sakro-Schnulzen-Sänger Xavier Naidoo zusammentun können), der Iran, ach was
sage ich: DIE WELT!

* * *

Zur Genese des tragischen Unglücks bei der Duisburger "Love Parade"
hat Tournee- und Festivalveranstalter Marek Lieberberg auf exzellente Art und
Weise alles Notwendige gesagt. Zur gesellschaftlichen Einordnung der Tragödie
läßt sich festhalten:
Ein profitgeiler Veranstalter triftt auf profilierungsgeile Kommunalpolitiker,
die gemeinsam mit gefälschten Besucherzahlen ihr Ruhrgebiet in die Schlagzeilen
bringen und sich im vermeintlichen Erfolg des Events sonnen wollen und
entsprechend Sicherheitsbedenken ihrer Verwaltung und der Polizei ignorieren -
wobei die Polizei wohl so überfordert agiert wie die Sicherheitsleute des
Veranstalters. Befeuert von Vertretern des Größerschnellerweiterlauter, die
eine "grobschlächtige, erpresserische Argumentation" ("FAZ")
aufgebaut haben, wie dem Geschäftsführer von Ruhr 2010, Fritz Pleitgen
("Hier müssen alle Anstrengungen unternommen werden, um dieses Fest der
Szenekultur mit seiner Strahlkraft auf die Beine zu stellen"), oder
Branchenfaktotum Dieter Gorny, neben seinem Job als Vorstandschef des
"Bundesverband Musikindustrie" einer der vier Künstlerischen
Direktoren der "Europäischen Kulturhauptstadt Ruhr 2010". Dieter
Gorny reagierte "bestürzt und erschrocken" nicht etwa auf die
Tragödie in Duisburg, sondern auf die im Februar 2010 drohende Absage der
Duisburger Loveparade, und warf sich kräftig ins Zeug: "Eine richtige
Metropole kann das stemmen!" oder "Absolute Weltstars" kämen
nach Duisburg und würden für einen positiven PR-Schub "weit über Europa
hinaus" sorgen - eine Absage der Loveparade in Duisburg habe
"verheerende Folgen", der gute Ruf der Ruhr 2010 stehe auf dem Spiel:
"Nach der tollen Eröffnung dürfen wir nicht dafür sorgen, daß andere
behaupten, die kriegen nichts hin". Während Fritz Pleitgen mittlerweile
wenigstens eine "moralische Verantwortung" für das Unglück übernimmt,
ist der Groß- und Lautsprecher der Musikbranche, Dieter Gorny, der sonst seinen
Unfug in jede bereitstehende Kamera plappern muß, plötzlich wie von der
Erdoberfläche verschwunden...
Angetrieben von lokalen und überregionalen Medien (WDR und Bild.de waren
sinnigerweise gemeinsame Medienpartner der Veranstaltung!), wurden die
Verantwortlichen zu einer Veranstaltung getrieben, von der man heute weiß, daß
sie so nach bestehenden Gesetzen wohl nicht hätte genehmigt werden dürfen.
Wieder einmal weist Stefan Niggemeier detailliert die Verstrickung der Medien
in das Unglück nach - ausgerechnet der Medien, die unmittelbar nach dem Unglück
so tun, als ob sie schon immer gewußt hätten, daß das Unglück passieren mußte -
"wenn Journalisten diese Loveparade organisiert hätten, wäre das nicht
passiert"...
Viel mehr ist dazu nicht zu sagen.
Ekelhaft im Nachgang, wie alle möglichen und unmöglichen Leute versuchen, die
Duisburger Tragödie zu ihren eigenen Gunsten zu nutzen, also auf dem Unglück
anderer ihr Süppchen zu kochen. Ekelhaft etwa der Bundestags-Hinterbänkler, der
fordert, nun müßten die Versicherungssummen von Konzertveranstaltungen erhöht
werden - als ob es an der Versicherungssumme gelegen hätte, daß das Unglück in
Duisburg passiert ist. Ekelhaft die Selbstdarstellung des sogenannten Dr.
Motte, der zu den fünf Gesellschaftern gehört hat, die 2005 die
Loveparade-Rechte an Rainer Schaller verkauft haben, für "hohe
Summen" ("Berliner Zeitung") - und der jetzt über die
"Kommerzialisierung" der Loveparade herzieht und in der
Öffentlichkeit so dämliche und inkompetente Forderungen aufstellt wie die, die
Bundeskanzlerin solle die staatsanwaltlichen Ermittlungen an sich ziehen
(freilich, keine Nachricht in der Branche kann dämlich und inkompetent genug
sein, um nicht zur Top-Meldung eines Branchennachrichtendienstes zu werden).
Ekelhaft, wie der Geschäftsführer der Berliner "Kindl-Bühne
Wuhlheide" die Duisburger Tragödie nutzt, um seinem Berliner Konkurrenten,
der das Open-Air-Gelände auf der Zitadelle betreibt, öffentlich eins
auszuwischen und ihm zu schaden. Auch dazu noch einmal der Branchen-Primus
Marek Lieberberg, womit sich der Kreis schließt - der nämlich stopfte dem
Wuhlheide-Manager seine Einlassung in einem offenen Brief ins Maul zurück:
"Mit dieser fragwürdigen Denunziation einer Spielstätte entfachst du eine
Phantomdiskussion, die sich wahrlich nicht auf Duisburg beziehen kann",
schrieb Lieberberg laut "Musikmarkt".
"Wer ist schuldig, wer steht für seine Schuld ein... Erst nachdenken,
nicht vorschnell antworten." (Wassili Grossman)

* * *

Wenn die bedeutendsten Popfeuilletons dieser Republik an einem Tag in großen
Artikeln die Ankündigung feiern, daß irgendein Robbie Williams sich mit
irgendwelchen Take That "wiedervereinigen" werde, bzw. daß irgendeine
Betriebsnudel namens Nina Hagen eine Gospelplatte gemacht habe, dann fragt man
sich schon, ob es nicht irgend etwas tatsächlich Berücksichtigenswertes und
Berichtenswürdiges fürs Feuilleton gäbe. Oder ist in den Redaktionen bei der
Hitze die Klimaanlage ausgefallen, und in den Köpfen war nur noch Brei? Das
wäre bei der Hitze ja durchaus nachvollziehbar - "der heißeste Juli seit
2010", und unsereiner muß mittendrin sitzen...
(Big Boi singt auf seinem neuen Album übrigens die hübsche Zeile "Take
that, Motherfucker, Take That"...)

* * *

Eine erstaunliche kleine Szenerie war das an dem Abend, an dem "wir"
Lena wurden. Ein erlesenes Abendessen in einer Dachgeschoßwohnung in
Wilmersdorf, superbe Gastgeber, eingeladen eine Runde aus, sagen wir:
Intellektuellen, Künstlern (darunter der Musiker, von dem ich sagen würde, er
ist Deutschlands interessantester Popstar - wenn Deutschland Popstars hätte),
Kulturvermittlern, einem Computerunternehmer (der auch als Kunstsammler keinen
geringen Namen hat), ein Musikjournalist. Ein buntes Völkchen also, das dem
famosen Essen und den Getränken munter zusprach. Je weiter der Abend allerdings
voranschritt, desto nervöser wurden einige, und so wurde bei den Gastgebern,
die über kein Fernsehen verfügen, irgendwann der Computer angeschaltet, und
zunächst eine Frau, dann zwei, später immer mehr Personen versammelten sich vor
dem Bildschirm und verfolgten den Grand Prix - der eigentliche deutsche
Indie-Popstar, der Musikjournalist und Buchautor, einige andere - und es kamen
merkwürdige Unmutsäußerungen aus der Ecke - "so wenig Punkte von den
Griechen, die habens gerade nötig", ereiferte sich eine Frau, oder es
wurde am Votum der Israelis herumgemäkelt - aber dann wurde, während der Gastgeber
verärgert murmelte, "die lad ich nie wieder ein, wenn die dann nur vorm
Bildschirm hängen", plötzlich Deutschland gefeiert und der Lena-Sieg in
Oslo. Allenthalben war die Rede, die sich an den Folgetagen in allen deutschen
Medien fortsetzte - Deutschland habe so einen sympathischen Eindruck gemacht,
Lena sei so eine smarte, sympathische junge Frau - ach, was nicht alles in
"das deutsche Fräuleinwunder" und ihren Mentor hineininterpretiert
wurde, an diesem Abend und danach, und am mitternächtlichen Tisch saßen
plötzlich eine Reihe glücklich-verschwitzter "wir sind
Lena"-Gesichter...
Mitte Juli nun hat Lena Meyer-Landrut auf einer Seite in der FAS ein
"A-Z" nach Stichworten ausgefüllt. "Abitur - Ja, geil."
"Berlin - Ist super." "Deutschland - (...) da fiebert man
natürlich mit." "Hannover - Eine wahnsinnig tolle Stadt zum
Aufwachsen. Ein bißchen langweilig. Aber es gibt unglaublich schöne
Seiten." "Jungs - Ja, sind gut. (...) Und jetzt finde ich keine Jungs
mehr gut, sondern mittlerweile Männer." "Uwu Lena - Ja, geil, find
ich super." "Wulff, Christian - Ja, ein netter Typ. Sehr sympathisch,
er war sehr freundlich am Flughafen." "Xavier Naidoo - Finde ich
wahnsinnig toll (...) ein ganz toller Künstler."
Sonst noch Fragen? Klar, Gott findet Bundes-Lena auch geil oder super, nur sagt
sie diesmal "ich habe also eine bestimmte Bindung zum Göttlichen (...) ich
war in Taizé, sieben Tage, wir haben gecampt, und es war ein wahnsinnig schönes
Erlebnis."
Gott, Hannover, Wulff, Naidoo, die Mischung, vor der Deutschland bekanntlich in
die Knie geht. Auf dem Boulevard, auf den Fanmeilen, und neuerdings auch in
Intellektuellenkreisen.

* * *

Ach, wie wir uns immer über die intelligent geschriebenen und klug erklärten
Künstlerangebote freuen. Etwa über dieses hier:
"Die Tracks sind alle sehr cool geworden. Der Sampler wird auf jeden Fall
überkrass. Ich will nicht einfach nur rumprollen und sagen, daß ich der Pate
von Frankfurt bin und ständig irgendwelche Leute umbringe."
Die Agentur des Künstlers kommentiert in noch schlechterem Deutsch: "Man
sieht also, der Herr nimmts mit Humor, auch wenn er gedisst wird, was ihn auch
unglaublich Charmant als Person macht. Dieser Charm zieht auch seine Kreise bei
den Mädels die nicht zwingend auf den typischen Gangsterrap stehen."
Der Herr hat eine große Karriere vor sich - "Deutscher Rap is' ne Bitch
und Haft ist der Zuhälter!"

* * *

Die "Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien" betreibt wieder
einmal kostenlose Werbung für ein aktuelles Album: Am 21.7. teilte die BPjM
mit, daß sie das gleichnamige Album der Band "Die Sekte" um die
Rapper Sido und B-Tight, das bereits im November 2009 erschienen ist, indiziert
hat. Die Indizierung trat zum 30.Juli in Kraft, sodaß Plattenfirmen und
Plattenhandel noch zehn Tage Zeit blieb, Nutzen aus der kostenlosen Werbeaktion
zu ziehen.

* * *

Neuerdings organisiert hierzulande ja jedwede Musikzeitschrift ihre eigenen
Konzerte, mitunter sogar ganze Tourneen. Ohne irgend jemandem allzu nahe treten
zu wollen, aber: wäre es nicht besser, man konzentrierte sich
SchusterbleibbeideinemLeisten-mäßig erstmal auf eine bessere Qualität des
eigenen Magazins, anstatt etwas anderes anzugehen, von dem man noch weniger
Ahnung hat? Unsereiner veröffentlicht ja auch nicht einfach ein Musikmagazin
(obwohl wir das könnten! ha!...)

* * *

Laut "FAZ" hält "Bundeswirtschaftsminister Brüderle (FDP)
Vollbeschäftigung für möglich". Und ich dachte, die Stelle des
Chefkomikers der Bundesregierung sei bereits mit Guido Westerwelle besetzt.

* * *

Zweimal Berliner Pogues-Konzert, zweimal Sänger Shane MacGowan:
"MacGowan ist mehr als nur alt geworden, er trägt noch immer sein
beschädigtes Gebiß vor sich her..." (Jörg Sundermeier in der
"taz")
"Angeblich, berichten die Leute vorne an der Bühne, hat er sich die Zähne
richten lassen, die ihm schon vor zwanzig Jahren beinahe komplett aus dem
Zahnfleisch gerottet sind." (Markus Schneider in der "Berliner
Zeitung")

* * *

Die "Berliner Zeitung" meldet eine echte Überraschung:
"Stromkunden zahlen zu viel. Die Einkaufspreise der Konzerne sind deutlich
gesunken. Die Verbraucher haben nichts davon."
So eine gemeine Preispolitik hätte den Stromkonzernen wirklich niemand
zugetraut...

* * *

Eine Alice Schwarzer, unter den einschlägigen Betriebsnudeln der einschlägigsten
eine, hat mir dieser Tage ganz besonders gut gefallen. In einem größeren
Artikel über Pädophilie schreibt sie u.a.: "Der Herausgeber der
Apo-Postille war in den späten 1960er/frühen 1970er Jahren quasi der Erfinder
des medialen Kindersex. Jedes zweite KONKRET-Cover (gemeint ist das alte
Konkret, bis 1973, BS) war mit dieser obszönen Mischung von Marx und Lolita
aufgemotzt. Doch daß das Interesse des KONKRET-Machers (Röhl, BS) an
"Nymphchen" sich nicht auf die Theorie beschränkte, das mußte eigentlich
allen, die nicht entschlossen waren wegzusehen, immer schon schwanen."
Das neue "Konkret" merkt dazu lapidar an:
"Das Autorenverzeichnis von KONKRET weist für das Jahr 1970, den Höhepunkt
in der Geschichte von Röhls medialem Kindersex, vier Artikel einer gewissen
Alice Schwarzer aus, die nun die Wahl hat, ob ihr die obszöne Mischung von Marx
und Lolita damals so gut gefiel, daß sie mitmischen wollte, ob sie entschlossen
war wegzusehen, ob sie zu dumm war, etwas zu ahnen, oder ob sie mit Priscilla
Presley ("Die nackte Kanone") sagen will: "Ich war jung und
brauchte das Geld.""

Genießen Sie den Sommer!

04.07.2010

Und Ansonsten 2010-07-04

Wer
ein erbärmlich schlechter Krimiautor wie Henning Mankell ist, wird hierzulande
zum Bestsellerautor hochgejubelt. Wer ein unverbesserlicher Antisemit wie
Henning Mankell ist, der Israel als "verächtliches Apartheidsystem"
beschreibt, dem er "den Untergang" wünscht, weil der
"notwendig" sei; und der, wie Mankell, das Existenzrecht Israels
bezweifelt und von den Israelis fordert, auf ihre "Privilegien zu
verzichten und in einem palästinensischen Staat zu leben", also ganz so, wie
es die vom Iran gesteuerte Hamas fordert - ein unverbesserlicher Antisemit wie
Henning Mankell also gilt hierzulande als neutraler Zeitzeuge, der seinen
Antisemitismus in Theatern wie der Berliner Volksbühne, in langen Interviews
etwa im "Spiegel" oder auf allen Kanälen des sogenannten
öffentlich-rechtlichen Fernsehens breittreten darf.

* * *

"Das Problem für viele
Juden ist, daß sich die Progressiven des 21. Jahrhunderts und ihre Aversion
gegen die jüdische Ethnizität von den Antisemiten der ersten Hälfte des 20.
Jahrhunderts nicht mehr unterscheiden lassen. Deren Slogan war: Schickt die
Juden nach Palästina. Jetzt sagen die Progressiven: Schmeißt die Juden raus aus
Palästina."
Leon de Winter, "Welt Online"

* * *

Da hat die ARD von RTL einen Quizfragenaufsager für viel Geld gewonnen, damit
er den immer zwanzig gleichen Talkshowteilnehmern am Sonntagabend irgendwelche
harmlosen Stichworte vom Zettel abliest, und die Medien, wie zum Beispiel der
"Spiegel", feiern die ARD - endlich würde sie "beweisen, daß ihre Strukturen
nicht komplett verkrustet sind".
Ach ja? Mir scheint, das Gegenteil ist richtig - mit dem Engagement des
Erzreaktionärs Günther Jauch hat die ARD doch eher bewiesen, wie verkrustet und
wie verschnarcht ihre Strukturen in Wirklichkeit sind.

* * *

Eine andere Art von Jauche findet in den öffentlich-rechtlichen
Fernsehanstalten ständig statt - die Berichterstattung über die Königshäuser.
Mal eine Prinzessinnenhochzeit in Schweden, mal der Geburtstag einer englischen
Königin. Im hauseigenen Videotext klärt die ARD über ihre samstägliche
Livesendung anläßlich des Geburtstages von Queen Elizabeth II. auf:
"Trooping the
Colour" heißt die große Geburtstagsparade zu Ehren der Königin, die das
Erste live überträgt. Es ist nicht nur eine Militärparade, sondern eine ganz
große Show mit viel Musik, edlen Pferden und Soldaten in Gardeuniformen."

Also alles, wonach es Fernsehmacher und ihr Publikum hierzulande dürstet: eine
Militärparade, viel Musik, edle Pferde, Soldaten in Gardeuniformen und eine
leibhaftige Königin.

* * *

Auch durchgeknallt: in Zeiten ökonomischer Dauerkrise und Koaltionskuddelmuddel
hat Frau Merkel nichts Besseres zu tun, als Mette-Marit, norwegische
Kronprinzessin, und Kronprinz Haakon nach Stralsund einzuladen. "Das Paar und die Kanzlerin gaben
sich volksnah: Mette-Marit, elegant gekleidet mit weißer Bluse und schwarzer
Hose, und die Kanzlerin schüttelten beim Gang entlang der Absperrung immer
wieder die Hände der Schaulustigen und winkten in die Menge",
berichtet fasziniert der "Tagesspiegel".

* * *

"Der beliebteste Politiker Deutschlands." "Die private und
politische Biographie." "Aristokrat, Politstar, Minister." So
wird in "FAZ" oder "Zeit" ein Buch aus dem, nomen est omen,
Fackelträger-Verlag in großformatigen Anzeigen beworben. Es geht um den Tiger,
den KrisenbewälTiger KT, um den "Aufsteiger von oben", um den Mann,
der quasi auf und über dem Wasser gehen kann, und entsprechend besticht
Karl-Theodor zu Guttenberg von oben bis oben: "Manieren",
"geschliffener, formvollendeter Umgangston",
"Standesethos", "Demut".
Eine Heldensaga, fürwahr.
Zusammengestöpselt hat das servile Machwerk eine "Bild am
Sonntag"-Redakteurin, die sich "Anna von Bayern" nennt. Nun ist
das kein Titel, den man sich einfach so gibt oder wählt, wie sagen wir
"Cindy von Marzahn" (nun ja, richtig heißt sie "Cindy aus
Marzahn"), oder wie der Campingnachbar aufm Zeltplatz eben
"umgangssprachlich", wie man im geschliffenen, formvollendeten
Umgangston dieses Standes bekanntlich sagen würde, sich "Kalle von
Wattenscheid" nennt. Nein, "Anna von Bayern", Tochter von
Prinzessin Yvonne und Prinz Ludwig-Ferdinand zu Sayn-Wittgenstein und
Schwiegertochter von Prinzessin Ursula und Prinz Leopold von Bayern, kommt
quasi aus der bairischen Königsfamilie und kennt also den Karl-Theodor "seit
vielen Jahren" und "zeichnet" entsprechend ein, raten Sie mal,
"sehr persönliches Porträt" - eben als gewissermaßen angeheiratete,
aber gemeinte Herrscherin von Bayern über den als CSU-Star aktuellen Herrscher
von Bayern.
Hätten wir hierzulande jemals etwas Ähnliches wie die französische Revolution
gehabt, wäre uns das erspart geblieben. Der eine wie die andere.

* * *

Im Betreff-Feld einer Rundmail steht, was der Absender vermutlich doch etwas
anders gemeint haben dürfte: "Delphin-Schlachten auf den Faröer-Inseln:
Bitte macht mit!!!"
Ist halt so eine Sache mit dem Weltretten per Rundmail.

* * *

Die Popkomm Berlin macht ein Angebot (Deutsch kann da keiner):
"Und hier ein weiterer
Link zu potentiellen Kunden und Investoren: Am 27. August 2010 präsentiert der
einer unserer Medienkooperationspartner, (...), ein Themenspecial über den
Musikmarkt in Deutschland, das in der nationalen Vollauflage (104.000
Exemplare) in der Financial Times Deutschland erscheinen und 104.000 Leser
erreichen wird. Die Sonderpublikation beleuchtet die neuen Herausforderungen
des Marktes - Gesetzgebung, Technik, Corporate Social Responsibility im Musik-
und Kulturbereich, Ausbildung in der Branche, neue Wege der Vermarktung - das
und mehr wird hier Thema sein.
Unternehmen erhalten die
Möglichkeit, in anregend themenspezifischen Umfeld ihre Produkte, (Dienst-)
Leistungen und Veranstaltungen einer finanzstarken, stilbewussten und
unterhaltungsorientierten Zielgruppe zu präsentieren. Aufgepasst: Wer sich in
diesem empfehlenswerten Rahmen für eine Imageanzeige oder ein Advertorial
interessiert, bekommt bei Berufung auf unseren Newsletter attraktive 30 %
Nachlass."
Ob unsereiner 30% Schmerzensgeld für das Lesen dieses "ich bin jung und
brauch wirklich jedes Geld"-Prostitutionstextes erhält? Oder ist das
angesichts der "nationalen Vollauflage" und bei aller "Corporate
Social Responsibility" nicht mehr drin? Immerhin hat die Popkomm hübsch
bewiesen, wo sie hinwill - den einen Musikmessen geht es um Stadtmarketing, den
anderen darum, Investoren aufzutreiben, die Popkomm will beides. Der angebliche
Kongreß ist nur Schnickschnack fürs neoliberale Tun - eben reine
"Imageanzeige".
Popkomm? Nein.

* * *

Eine Imagearbeit ganz anderer Art pflegt Sakropopsänger Xavier Naidoo - er
betrieb aktive Truppenbetreuung und sang für die Bundeswehr im afghanischen
Kundus.
"Staatspop" völlig neu definiert.

* * *

Die CDU dagegen geht volles Risiko und fordert jetzt "Intelligenztests für
Einwanderer". Das kann leicht nach hinten losgehen - der nächste Schritt
wäre ein Intelligenztest für Einheimische. Und wer weiß, wie viele
CDU-Politiker dann hierbleiben dürften...

* * *

Die Berliner Volksbühne war naturgemäß ausverkauft, als Gender-Theoretikerin
Judith Butler zum Thema "Queere Bündnisse und Antikriegspolitik"
sprach. Die "Ikone der postmodernen feministischen Theorie"
("taz"), die in der Businessclass angereist war, lehnte anderntags
den "Zivilcouragepreis" des "Christopher Street Day Berlin"
am Brandenburger Tor ab - der Berliner CSD sei zu kommerziell und zu wenig
antirassistisch, sagte Butler, die Hamas und Hisbollah für progressive soziale
Bewegungen hält, und zog sich in den Hort des Berliner Antirassismus, ins
Luxushotel Adlon, zurück, wo sie, dem früheren US-Präsidenten Bush gleich, während
ihres Berlinaufenthalts residierte.

* * *

Bei der Interpretation der Fußballweltmeisterschaft wird man ohne eine gehörige
Portion Gesellschaftsanalyse nicht klarkommen (es reicht nicht aus, die WM zu
sehen, public nor private, man muß sie auch interpretieren...). Und einige
Analysen liegen ja nun wirklich auf der Hand: die Renaissance des
südamerikanischen Fußballs ist ja nun recht eigentlich die Renaissance linker
Ideen in Jahren des gescheiterten Kapitalismus neoliberaler Ausprägung - klar,
die südamerikanischen WM-Teilnehmer sind nicht Venezuela oder Bolivien, also,
es geht erstmal nicht um Revolution, sondern um Sozialdemokratie - aber was
Lula in Brasilien oder der regierende Ex-Tupamaro in Uruguay der Welt
mitzuteilen haben, liegt auf der Hand: Schluß mit der Regentschaft von Banken,
Ausbeutung und neoliberalem Wirtschaftsterror! Schaut auf den Fußball "aus
dem Herzen des Volkes" (Menotti), schaut auf Messi, Forlan, Fabiano und
all die anderen! Und im Haus von Oscar Tabàrez, dem Nationaltrainer Uruguays,
hängt lt. "FAZ" ein Sinnspruch Che Guevaras: "Wir müssen stark werden, dürfen
aber dabei nie unsere Zärtlichkeit verlieren." Und solch ein
Trainer läßt natürlich einen anderen Fußball spielen als ein Capello oder ein
Mourinho...
"Für mich ist Fußball
etwas Menschliches. All jene, die nur darauf aus sind, Spiele zu gewinnen,
haben den eigentlichen Sinn nicht verstanden. Sie spielen in meinen Augen
falsch. (...) Das Grundprinzip des Spiels ist die Freiheit. Man kann einen
Fußballer nicht in ein Schema pressen, das nur vom Erfolg geprägt ist, denn es
würde den Tod des Sports bedeuten." (César Luis Menotti,
Weltmeistertrainer Argentiniens 1978)
Und Europa ist in der Welt nicht mehr so wichtig wie ehedem. Und es ist klar:
Die Systeme Sarkozys und Berlusconis sind am Ende. England ist in einer
schweren Krise (schönen Gruß an all die Scherzkekse, die England zum
Mitfavoriten der WM ausgerufen haben!). Was der meistens attraktive Fußball der
jungen deutschen Elf zu bedeuten hat, wird noch zu diskutieren sein - ganz
sicher belegt er den Abschied vom Chaos des Merkel-Systems und vom Gezurre und
Gezerre der schwarz-gelben Koalition. Das Wohin ist allerdings noch so offen
wie das Ergebnis des Viertelfinalspiels gegen Argentinien.
Und Asien natürlich. Wie ein Zürcher Fußballexperte schrieb: "Ein einziges Hin und Her. Ich
bin schon von den Japanern angetan. So wird der neue Fußball irgendwann. Alle
hin und her.
Alle technisch gut. Alle
schnell. Und athletisch. Samurais halt."
Eine durchaus spannende Weltmeisterschaft by many means, diese Zwischenbilanz
sei schon einmal gestattet.

* * *

Die meisten Trikots der großen Sportmarken werden in Asien genäht. Die
Textilbranche in Bangladesh etwa gehört zu den größten Nähereien der Welt, zu
den Abnehmern gehören große westliche Ketten wie H&M oder Metro. Die 2,5
Millionen Menschen, die in Bangladesh in der Textilbranche arbeiten und ihr
Land zu einem der billigsten Länder für die Kleiderproduktion machen, erhalten
einen Mindestlohn von 1662,50 Taka im Monat, das sind umgerechnet 20 Euro.
Zehntausende Textilarbeiter haben dieser Tage gegen niedrige Löhne und
schlechte Arbeitsbedingungen protestiert, die Demonstrationen wurden mit
Tränengas und Gummigeschossen niedergeschlagen. -
Der Hauptsponsor der deutschen Nationalmannschaft, Daimler, hat an das
südafrikanische Apartheidsystem Fahrzeuge und Maschinen verkauft, mit denen die
Sicherheitskräfte den politischen Protest bekämpften. Das
US-Bundesbezirksgericht in New York hat eine Sammelklage wegen Beihilfe zu
schweren Menschenrechtsverletzungen während der Apartheid gegen Daimler und
vier weitere Konzerne zugelassen. Die südafrikanische Khulumani Support Group
fordert die Anerkennung des begangenen Unrechts und entsprechende
Entschädigungszahlen an die Opfer des verbrecherischen Apartheidsystems. Für
viele Südafrikaner steht der Auftritt der deutschen Fußball-Nationalmannschaft
unter keinem guten Stern... -
Und die schicken Rechner und Elektronik-Tools des Apfel-Konzern, auf denen ein
guter Teil des weltweiten Protests geschrieben wird, werden unter miserablen
Arbeitsbedingungen in China gebaut. "Für
1940 Yuan im Monat (umgerechnet 230 Euro) und bis zu zwölf Stunden täglich
fertigte Ma Xiangeqian Teile für Computer der amerikanischen Kultmarke
Apple" ("Spiegel"), bis der Arbeiter nicht mehr
konnte und sich umbrachte, wie Kollegen vor und nach ihm. Der taiwanische
Elektronikzulieferer Foxconn sorgt für miserable Arbeitsbedingungen, damit die
westlichen Hipster zu günstigen Bedingungen ihre jüngsten Apple-Tools erhalten (und,
ich weiß, auch den Rechner, auf dem dieser Rundbrief geschrieben wird).
"It's dialectic, stupid!"
Und Kylie Minogue folgt dem Dalai Lama auf Twitter...

* * *

Genießen Sie den Sommer. Und die Fußball-WM, sofern Sie damit etwas anfangen
können.
Aber bitte berücksichtigen Sie, "wir
dürfen jetzt keinen Sand in den Kopf stecken" (Lothar
Matthäus)

06.06.2010

Und Ansonsten 2010-06-06

TestlinkFür
mich das Bild des Jahres: wie Bundesfinanzminister Schäuble in den ersten
Maitagen eine Pressekonferenz mit Bankern wie Ackermann gab und da wie ein
braver Schulbub seinen Spruch aufsagte, daß es gaaanz gaaanz doll sei, wie die
Banker in der Griechenlandkrise jetzt auch in ihre Portokasse greifen und sich
ein ganz klein wenig (Greser & Lenz: "Unser Beitrag steht: 2 Euro, 37
Cent und 3 Hosenknöpfe"...) an den Kosten der von ihnen verschuldeten
Finanzmalaise beteiligen. Ein Sinnbild der Realität, wer das Sagen hat in der
Finanzpolitik des Staates, und daß selbst einer der intelligentesten
Bundesminister am Ende nur der Kellner des Kapitals ist - dafür steht dieses
Bild der Pressekonferenz von Roß und Reiter. 
Selbst das Hausblatt der Bankenwelt, die "FAZ", kommentiert:
"Die von Bundesfinanzminister Schäuble und Deutsche Bank-Chef Ackermann
nun eilig nachgeschobene Verabredung eines "spürbaren, positiven
Beitrags" der Banken zur Hilfe für Griechenland beleidigt den ökonomischen
Sachverstand der Bürger. Tatsächlich kommen die Banken als Gläubiger und
bisherige Nutznießer der hohen Renditen spekulativer griechischer
Staatsanleihen ungeschoren davon (...) Damit verhindert die Bundesregierung,
daß diejenigen, die Griechenland mehr Kredit gegeben haben, als das Land
bedienen kann, sich nun an dessen Sanierung beteiligen. (...) Ein Angebot, bei
dem die Banken wieder nur gewinnen können."

* * *

Ein Sinnbild anderer Art ist der zurückgetretene Augsburger und Militärbischof
Mixa: nämlich ein Sinnbild für den bigotten Kirchenmann, der, selbst aller
denkbaren Verwerfungen angeklagt, von Gewaltanwendung gegenüber Heimkindern
über sexuellen Mißbrauch bis hin zu finanziellen Unregelmäßigkeiten, in der
Öffentlichkeit mit Ausfällen gegen jegliche Form von liberaler Lebensführung
reüssiert. Daß Mixa, der laut "Spiegel Online" homosexuelle Neigungen
haben soll und wohl gerne mit jungen Seminaristen des Priesterseminars
Saunabesuche unternommen hat, ausgerechnet den "Christopher Street
Day" und Lebensgemeinschaften von Schwulen und Lesben vehement kritisiert
hat, ist wohl ein Fall für die Psychologen.
Warum Mixa allerdings zurückgetreten ist, verstehe ich nicht so ganz. Jemand,
der alle aktuellen Facetten der katholischen Kirche - Finanzskandale, Mißbrauch,
Gewalt gegen Schutzbefohlene, reaktionäre Positionen - in einer Person
vereinigt, wäre doch recht eigentlich der ideale oberste Repräsentant dieses
Vereins - Mixa sollte Papst werden!

* * *

"Christi Himmelfahrt" im TV: Der Bayerische Rundfunk, der Indie-Bands
gerne dazu überredet, ohne Honorar Radiomitschnitten zuzustimmen, bei denen
sämtliche Rechte über Jahre beim BR verbleiben, überträgt drei Stunden lang
"live aus Portugal" einen Gottesdienst mit Papst Benedikt in Fatima,
zehn Jahre nach der Seligsprechung der "Seherkinder", wie es im
BR-Videotext heißt. Gefolgt von einer Sendung namens "Zeit und
Ewigkeit" mit Kardinal Kaspers "Gedanken zur Ökumene".
Der deutsch-österreichisch-schweizerische Kulturkanal 3sat mutiert am gleichen
Tag ganztägig zum Kanal Blaublut: "Ihre Majestäten - Ein königlicher
Thementag", mit Filmchen, die sich "Bunte" und "Gala"
nicht besser hätten ausdenken können, etwa "Felipe und Letizia - Die
gezähmte Prinzessin", oder "Der Prinz aus Ockelbo",
"Beckmann - Spezial: Königin Sylvia von Schweden" ("Königin
Sylvia spricht sehr persönlich über ihr Leben, ihren Glauben und ihre
Familie") oder "William und Kate - Die Schöne vom Lande".
Dafür zahlen wir unsere Rundfunkgebühren: Katholizismus und Könige.

* * *

Fußball-WM. Nun geht es wieder los mit dem heiter-unbeschwert-fröhlichen
neudeutschen Patriotismus. Auweiah.
Der Musikkonzern Universal Music hat zu dem Anlaß eine Single mit der deutschen
Nationalhymne herausgebracht, einem "bis heute einzigartigem Kulturgut
unseres Landes" - aber war die Musik nicht doch irgendwie von Joseph
Haydn? Deutschland in welchen Grenzen? Jedenfalls hat Universal Music die
Nationalhymne von der Rockgruppe Bonfire neu einspielen lassen, den
ästhetischen Erfordernissen des "21. Jahrhunderts" angepaßt, "in
dem Fußball zum Leben gehört wie das tägliche Feierabendbier" und
"E-Gitarren die Musik beherrschen. Allerhöchste Zeit also, die Deutsche
Nationalhymne ins Hier und Jetzt zu holen. Bonfire haben genau das gemacht -
laut, dreckig, rockig und nach vorne - ist ihre Version der Deutschen
Nationalhymne. Immer noch zum Mitsingen, aber nun auch zum Headbangen, Bier
trinken und in Stimmung kommen für die anstehenden Spiele der Deutschen
Elf."
Wenn man einen Beleg gesucht haben sollte, wie sehr ROCKmusik in gut vier
Jahrzehnten auf den Hund gekommen ist, hier ist er - von der Jimi
Hendrix-Improvisation über die US-Hymne 1969, einem Kommentar eines schwarzen
Musikers zur Politik "seines" Landes zwischen Rassismus und Vietnam,
bergab zur von Universal, die das Adjektiv "deutsch" nicht ohne
Großschreibung und ohne innerlich stramm zu stehen denken können,
herausgegebenen Headbang- und Biertrink-Mitgrölversion der deutschen
Nationalhymne.
Weltmeister, das sag ich euch, Weltmeister wird man so jedenfalls nicht. Aber
Weltmeister wird sowieso Brasilien.

* * *

Immer wieder hübsch: die vielen Angebote, die unsereiner ungefragt erhält.
Besonders gut hat mir dieses hier gefallen:
"Sieben brandneue deutsche Fußball Fanlieder, Interpret Hotte, gepaart mit
afrikanischen Trommelrhythmen und Showeffekten (...) Enthusiasmus der deutschen
Fußballfans, gepaart mit dem afrikanischen Lebensgefühl. In Buntgeschmückten
landestypischen Kostümen."
Universal Music, übernehmen Sie!
Etwas allgemeiner, dafür aber auch nicht auf ein oder zwei Nationen begrenzt
kommt eine Kreuzberger Mitbewerberin daher:
"Zur WM uva. möchten wir musikalische Acts & Tanz-Shows
vermitteln." Aber? "Insbesondere gut dazu paßt die Marimba Band ...
aus Südafrika/Zimbabwe. Unten sehen Sie mehr multikulturelle Ensembles, jedoch
(?) sind in unserem Archiv bis zu 200 Gruppen aus allen Nationen vertreten,
passend zu jedem WM-Spiel."
Auch nett:
"Fernab ihrer Zeitgenossen, erinnern die Songs viel eher an Klassiker wie
Kurt Weill und Berthold Brecht mit eindeutiger "Fuck You"-Attitüde,
oder die musikalische Extravaganz eines Nick Cave." (ich bitte um
Verständnis, daß die Originalorthographie und -grammatik bei derartigen Zitaten
erhalten bleiben muß)
Auch nicht schlecht ist die Einladung zu einem "Electronic Music
Award", der "zeitgenössisches, unabhängiges Schaffen im Bereich der
elektronischen und neuen Musik unterstützt und für die Anerkennung dieser
Musikszene agiert, indem es dem Publikum erlaubt, Künstler zu entdecken und mit
Preisen auszuzeichnen." Der Procedere ist wohldurchdacht: "Die
ausgezeichneten Werke werden über einen demokratischen Prozeß ausgewählt:
unabhängige Labels und Künstler reichen ihre Releases ein. Dann hört die Jury
den Werken blind zu." (Hervorhebung im Original). Dann hört die Jury den
Werken blind zu. Was für ein Satz.
Wie wäre es denn, wenn die von der Jury blind ausgewählten Werke, hoffentlich
doch Musik aller Nationen, mit eindeutiger Fuck You-Attitüde von Universal
Music in buntgeschmückten, landestypischen Kostümen veröffentlicht würden?
Musikindustrie, da geht was!

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"...da die Rammstein-Anhänger fast ausschließlich in Schwarz gekleidet
waren, erinnerte ihre wogende Welle an die Ölpest im Golf von Mexiko."
Jens Balzer in einer Rezension des Rammstein-Konzerts in der "Berliner
Zeitung"

* * *

"Der rabiateste Überwachungsstaat der westlichen Welt wagt die Kehrtwende.
Großbritanniens neue Regierung will die Vorratsdatenspeicherung abschaffen,
biometrische Personalausweise einmotten und Netzsperren aufheben. (...) Die Regierung
forciert den Breitbandausbau und fördert das Prinzip der Open-Source. (...)
Noch verhandelt wird über die Frage, was mit der stark umstrittenen
"Digital Economy Bill" geschehen soll. Die Liberalen drängen darauf,
daß zumindest Web-Seiten-Sperren und das Kappen von Internetverbindungen als
Strafe für Urheberrechtsverstöße abgeschafft wird. Das Gesetz konzentriere sich
zu sehr auf die Bekämpfung von illegalem Filesharing, statt digitale
Kreativität zu fördern. Für die brauche es auch die sogenannte Netzneutralität,
die die Gleichbehandlung aller Daten in der Infrastruktur gewährleiste - und
Provider davon abhalten würde, einzelne Diensteanbieter vorzuziehen oder
gesondert zur Kasse zu bitten." ("Spiegel Online")
Geht doch.
Interessant übrigens, daß die "Musikwoche", das hiesige Kampfblatt
der Verwertungsindustrie, das sonst jeden Pups, den die digitalen Scharfmacher
von Gorny bis Sarkozy lassen, ausführlich berichtet und bejubelt, den Weg der
Vernunft, den die neue britische Regierung eingeschlagen hat, mit keinem Wort
erwähnt.

* * *

Die "Bild am Sonntag" kann es nicht mehr halten:
"Piep, piep, piep, / Europa hat uns lieb (...) Lenas Sieger-Nacht. Wir
sind Songmeister! Wir sind Lena! (...) begeisterte wieder ein deutsches Mädchen
Europas Herzen (...) Lovely Lena. Europa liebt dich."
Wir sind Papst. Wir sind Lena. Wir sind gaga. Und der ARD-Unterhaltungschef
brabbelt ebenfalls auf Blödzeitungs-Niveau: "Lenas Sieg ist eine nationale
Leistung!" Darunter tun sie's hierzulande nicht.
Und Stephan Raab wird der nächste Bundeskanzler. Wetten?

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"I make Bavarian films. It doesn't matter if I go to Los Angeles,
Antarctica or to the Amazon Rain forest in Peru and move a ship over the
mountain, it is a Bavarian film."
Werner
Herzog

* * *

Am 17.Mai beschäftigte sich der Petitionsausschuß des Deutschen Bundestages in
einer öffentlichen Sitzung mit der GEMA (siehe auch Berthold Seligers Artikel
"Monopolist außer Kontrolle" aus der "Berliner Zeitung"
unter "Texte" auf unserer Homepage). Dabei kam es laut Bericht des
"Musikmarktes" zum Eklat, für den das Bundesjustizministerium (BMJ)
und GEMA-Vorstandsvorsitzender Harald Heker sorgten. "Dieser nahm auf
Einladung des BMJ neben dem parlamentarischen Staatssekretär Dr. Max Stadler,
FDP, auf der Regierungsbank Platz. Der Eindruck, die GEMA würde das Ministerium
in den gegen sie gerichteten Fragen beraten, wurde durch eine Erklärung der
Vorsitzenden des Petitionsausschuß bestätigt. Sie erklärte, daß die
Stellungnahmen des BMJ gemeinsam mit der GEMA erarbeitet wurden, weswegen Heker
als Begleiter der Bundesregierung mit am Tisch säße. Die Abgeordneten
akzeptierten dies nicht und verwiesen Heker nach einer kurzen Beratungspause
vom Platz."
Demokratie, wie sie die GEMA und das FDP-Justizministerium verstehen...
Die GEMA diktierte dem BMJ in die Stellungnahme, es gebe "keinen
gesetzgeberischen Handlungsbedarf". Die GEMA handele
"gesetzeskonform". Und die Erde ist eine Scheibe.
Die GEMA sieht sich jedenfalls laut eigener Stellungnahme auf
"Reformkurs" - Aufsichtsrat und Vorstand der GEMA haben für die
kommende Mitgliederversammlung einen Antrag zur Erhöhung der Anzahl der
Delegierten für die außerordentlichen und angeschlossenen Mitglieder
erarbeitet. Die 60501 (!) außerordentlichen und angeschlossenen Mitglieder sollen
zukünftig in der Mitgliederversammlung statt von 34 von sage und schreibe 42
Delegierten vertreten werden - die 3251 ordentlichen Mitgliedern
gegenüberstehen. Zur Erinnerung: über ein Drittel der GEMA-Erträge werden von
den außerordentlichen Mitgliedern erwirtschaftet - statt des ihnen zustehenden
Drittels in der Mitgliederversammlung gesteht die GEMA ihnen nun etwa 1,5%
statt bisher 1% der Stimmen in der Mitgliederversammlung zu - was für ein
Fortschritt! Feudalherrschaft at it's best.
Davon zeugt auch die "Pressekonferenz", die die GEMA am 28.Mai
anläßlich eines Betrugsvorfalls in ihren Reihen inszenierte - GEMA-Mitglieder
haben Hand in Hand mit GEMA-Mitarbeitern Livemusikveranstaltungen abgerechnet,
die nie oder nicht in dem Umfang stattgefunden haben. Das undurchschaubare
GEMA-Abrechnungssystem lädt bekanntlich geradezu zum Betrug ein. Wer nun
glaubt, die GEMA würde der Presse Rede und Antwort stehen, sah sich getäuscht -
laut Bericht der "FAZ" waren Fragen von Journalisten nicht zugelassen,
statt dessen interviewte eine Unternehmenssprecherin ihren eigenen Chef,
"was eher den Charakter einer Schauveranstaltung hatte. Wie Hohn klang
auch die einleitende Aussage Hekers, die Gema habe "nichts zu
verbergen"".

* * *

Karl Kraus über den Kommunismus:
"Der Teufel hole seine Praxis, aber Gott erhalte ihn uns als konstante
Drohung... Gott erhalte ihn uns, damit dieses Gesindel, das schon nicht mehr
ein und aus weiß vor Frechheit, nicht noch frecher werde."

* * *

Das Filmstudio Babelsberg schreibt den Bewohnern einer Senioreneinrichtung:
"Sicherlich haben Sie vor einiger Zeit den Fernsehfilm
"Spätzünder" gesehen. Er handelt von aufmüpfigen Senioren, die eine
Band gründen und den ersten Preis in einem Wettbewerb gewinnen. Etwas Ähnliches
planen wir auch diesmal. Es geht um unternehmungslustige Senioren, die es sich
in den Kopf gesetzt haben, alte Volkslieder wie zum Beispiel "Am Brunnen
vor dem Tore", aber auch "Das alte Försterhaus" zu neuem Leben
zu erwecken. Wir sind stolz darauf, daß es uns gelungen ist, Johannes Heesters
für diesen Plan zu interessieren. Er hat seine Teilnahme bereits zugesagt. Da
man für einen Film Statisten braucht, unsere Frage: Wollen Sie mitmachen?
Wollen Sie gemeinsam mit Johannes Heesters alte Volkslieder singen? Dann tragen
Sie sich bitte in die an der Rezeption liegende Liste ein. Für diesen Spaß
erhalten Sie obendrein noch 50 Euro.
Starten Sie Ihre Filmkarriere! Es ist nie zu spät."
Aber warum nur "alte Volkslieder" singen? Singen Sie doch mit
Johannes Heesters, der auch schon für Goebbels und Hitler im Berliner
Admiralspalast gesungen hat, ein paar alte Nazilieder. Die Gema freut sich und
rechnet die Gebühren mit dem Roten Kreuz ab.

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"Verweigerung ist eine Fähigkeit, die sich im Alter verfeinert."
(Harald Fricke)

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