05.09.2010

Und Ansonsten 2010-09-05

"Die
Musikindustrie hat sich selbst zerstört, indem sie ihre Rentabilität an die
Gerätehersteller übertragen hat. Herstellungen und Vertrieb haben etwa dreißig
Prozent vom Gewinn der Musikindustrie ausgemacht. Diese wurden mit dem
i-Tunes-Deal an Apple abgetreten. Aber warum sollte jemand, der ein Gerät
herstellt - das iPod ist das moderne Gegenstück zur Jukebox - den ganzen Gewinn
abgreifen? Hätten die Jukebox-Hersteller den ganzen Gewinn der Platten
eingestrichen, die in den Fünfzigerjahren in ihren Geräten gespielt wurden,
sähe das Musikgeschäft heute anders aus. Der Geräteanbieter - Apple - hätte
sein Gerät nicht ohne die darauf gespeicherte Musik verkaufen können. Warum hat
die Musikindustrie nicht zu Apple gesagt: 'Wir möchten dreißig Prozent der
iPod-Verkäufe?' Oder: 'Was haltet ihr davon, uns einhundert Prozent eurer
Musikumsätze zu geben, dafür behaltet ihr den Gewinn aus dem Geräteverkauf?'
Das war aber nicht Gegenstand der Vereinbarung, und deshalb ist die
Musikindustrie vor die Wand gefahren."
(Andrew Wylie, einer der einflußreichsten Literaturagenten weltweit, in
"Die Welt")

* * *

Wie wenig Ahnung die Politiker vom Internet haben, zeigt sich unter anderem
angesichts der Hilflosigkeit, mit der sie "Google Street View"
begegnen. Als ob es irgendein Problem darstellen würde, wenn eine Firma den
ohnedies öffentlichen Raum abfotografiert, Straßen und Häuserfassaden. Auch
Westerwelle will publicityträchtig seine Wohnung pixeln lassen - wäre es nicht
besser, er würde den Hohlraum, den seine Politik darstellt, pixeln lassen? Oder
gleich sich selber? Damit wäre uns allen geholfen...
Interessant jedenfalls, daß Politik und Medien mit großem Trara über Googles
Street View berichten. Kaum aber über die wirklichen Probleme, die Google
verursacht: etwa, daß alle persönlichen Suchanfragen ganze 18 Monate lang auf
den Google-Rechnern gespeichert bleiben und mithin von jeder Person, die Google
nutzt, ein detailliertes Persönlichkeitsbild kreiert wird, von der die Stasi
nur träumen konnte. Oder das Problem, daß Google Hand in Hand mit einschlägigen
Telekommunikationsmultis daran arbeitet, das Fundament des Internet, nämlich
die Netzneutralität aufzuheben. Und interessant am Rande auch, daß sich niemand
über Microsofts "Bird's View" Programm aufregt, "das es seit
Jahren jedem Nutzer ermöglicht, aus der Perspektive eines sehr niedrig
fliegenden Vogels hineinzuschauen in Gärten und Innenhöfe, auf Terrassen und
Balkone: auf Orte also, die ohne Zweifel zur Privatsphäre gehören" (FAS).
Besonders hübsch fand ich allerdings das Beispiel, das Stefan Niggemeier in der
"Rheinischen Post" entdeckt hat: dort "gaben vier Düsseldorfer
Bürger ihren Protest gegen die Veröffentlichung der Fotos von ihren Häusern zu
Protokoll und kündigten an, dagegen Widerspruch einzulegen. Sie ließen sich
dazu vor ihren Häusern fotografieren."

* * *

Man muß nicht allem und jedem zustimmen, was er in der ohnedies nicht so
schlechten "FAS" schreibt, um festzuhalten, daß Peter Richters
Artikel ständige Lichtblicke in der hiesigen Medienlandschaft darstellen,
intellektuell wie sprachlich. Wie er am 15.8. etwa in einem Artikel über
Architektur so ganz nebenbei den Schriftsteller Martin Mosebach erledigt, der
ja nicht nur ein ziemlicher Depp ist (das wäre nichts Besonderes, viele
Menschen sind Deppen), sondern auch nicht gut schreiben kann, das ist schon
wirklich köstlich. Und Sätze wie diesen über Mosebach würde man einfach gerne
öfter lesen:
"...es kann auch sein, daß er den Schaum, den er vor dem Mund hat, schon
für Stuck hält (...) Das zeigt wieder einmal, wie schön es wäre, wenn gerade
Konservative mehr leisten könnten, als ihr pures Konservativ- und
Unverstandensein schon für eine grafstauffenberghafte Heldentat zu halten und
sich den Rest des Tages am Einstecktüchlein herumzuzupfen."
Danke, Peter Richter!

* * *

Es beweist ein gehöriges und wohl systemimmanentes Maß an Dreistigkeit und
Unverschämtheit, wie die Kernkraftlobby mit ihrer schmierigen Anzeigenkampagne
versucht, die Bundesregierung unter Druck zu setzen und den Ausstieg aus der
Atompolitik zu verwässern und zu verschieben. Daß neben den Turbokapitalisten
von Josef "Peanuts" Ackermann bis zu den Bossen der AKW-Betreiber RWE
und Eon, Großmann und Teyssen, auch die einschlägigen Renegaten aus Politik und
Journalismus mittun, von Clement über Schily bis Bissinger, wundert wenig. Und
wer überrascht sein mag, was der Name von Oliver Bierhoff, dem Manager der
deutschen Nationalmannschaft, in dieser Liste zu suchen hat (was politisch
wenig überrascht, schon Joachim Löw bekannte während der WM: "wir sind
alle Merkel-Fans"...), der sei darauf hingewiesen, daß der Papi des braven
Milchbubis Bierhoff langjähriger Vorstand beim Energie- und AKW-Multi RWE
war...
Pervers, daß es um 2,3 Milliarden Euro Brennelementesteuer geht, die die
Regierung von den Stromkonzernen dafür verlangt, daß sie ihnen mit einer
Verlängerung der Laufzeiten für die Kernkraftwerke ein Vielfaches an Gewinnen
ermöglicht. "Eine derart unverhohlene Erpressung seitens Leuten, die sich
in der Wirtschafts- und Finanzkrise gerade Milliarden von Regierung und
Steuerzahlern überwiesen ließen, sprengt alles bisher Dagewesene",
kommentiert die "Berliner Zeitung" sachlich nicht vollkommen korrekt,
aber politisch richtig.
Andrerseits auch irgendwie o.k., diese Liste der Kernkraftlobby, da weiß man,
woran man ist. Mein Vorschlag: man hänge die Liste in der Küche auf und
boykottiere fortan die Firmen, die die Unterzeichner der Kampagne vertreten -
wer immer noch ein Konto bei der Deutschen Bank hat - kündigen! Wer immer noch
Strom der Atomkonzerne RWE, Eon oder Vattenfall bezieht - es ist höchste Zeit,
auf Ökostrom und korrekte Energieanbieter umzusteigen! Bahlsenkekse schmecken
sowieso nicht, man greife zu den leckeren Plätzchen der Konditorei ums Eck oder
in Ermangelung derselben zum Beispiel zu den Produkten französischer Provenienz
und erlebe, wie ein Keks schmecken kann. Oetkers Fertigprodukte? Sowieso bäh.
BASF, Bayer, Metro (denen u.a. "Saturn" und "Media Markt"
gehören), Gerry Weber? Man weiß, was man zu tun hat. So wird ein Schuh draus.
Laßt uns die Protagonisten der selbsternannten "Energiezukunft für
Deutschland e.V. i.G." teeren und federn und zur Stadt hinausjagen!

* * *

Weit vorne in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift "Spex": eine
ganzseitige Anzeige von Levi's - die Hälfte der Seite nimmt der Name
"Levis's Curve Attack Tour" ein, in der unteren Hälfte steht dann der
Künstlername "Kelis".
Hinten in der gleichen Ausgabe der Zeitschrift "Spex": ein ebenfalls
ganzseitiger redaktioneller Beitrag mit dem großgeschriebenen Titel "Spex
präsentiert Levi's Curve Attack Tour mit Kelis". Im kleingeschriebenen
Beitrag tut die gekaufte Redaktion dann ein wenig so, als ob es ihr auch auf die
Musik ankäme und nicht nur auf die Scheine vom Jeanshersteller, der seine neue
Hose namens "Curve ID" verkaufen will. Im letzten Absatz ihres
Promotextes kommt die "Spex"-Redaktion auf den Punkt: "Spex
präsentiert nun die von Levi's Jeans organisierte Curve Attack Tour..."
Und dann verkauft uns die Redaktion vollends für doof und will uns weismachen:
"Das Motto der kommenden Tour in Deutschland - Curve Attack - ist als
postfeministische Position gemeint, denn Levi's verbindet noch eine ganz andere
Herzensangelegenheit mit den Veranstaltungen. Für die neue Hosenreihe des
Herstellers namens Curve ID wird zum ersten Mal in der Geschichte der Jeans die
tatsächliche Form ein eigener Parameter, eine bestimmbare Dimension. Zusätzlich
zu Länge und Breite werden die Proportionen von Bein zu Gesäß mit angegeben. So
wird dank Levi's der amerikanische Exportschlager Blue Jeans ein wenig von
seiner Diktatur der straighten männlichen Beinform befreit."
Noch kleiner gedruckt steht dann da: "Text: Fabian Kästner. Foto: Universal
Music. Geldgeber: Levi's." (hier ist ein kleiner Fehler eingebaut, wer
findet ihn?)
Wer wissen will, wie rasch man ein einstmals renommiertes Musikblatt in den
inhaltlichen und moralischen Konkurs treiben kann, der betrachte eine
"Spex"-Ausgabe von vor sagen wir fünf Jahren und eine aktuelle
Ausgabe, in der Markenartikler längst den redaktionellen Teil bestimmen. Die
Fallhöhe, von der eine Redaktion auf den Grund fällt, ist eindeutig bestimmbar.
Dort, auf dem Boden, liegt dann die postfeministische Hose bereit, mit exakt
angegebenen Proportionen von Bein zu Gesäß, damit die Spex-Redaktion auch
problemlos den Hintern des Markenartiklers finden kann, in den sie bereitwillig
kriecht.
(und am Rande sei's enttäuscht vermerkt: schade, daß ausgerechnet eine tolle
Künstlerin wie Kelis sich dafür hergibt, als Werbenudel auf Tour zu gehen -
aber das ist wohl auch irgendwie "postfeministisch", nehme ich an)

* * *

Auch die Band "Phoenix" gefällt sich als Werbeträger für
Markenartikler. Phoenix ließen sich als Host der "Beck's Music
Experience" einkaufen. Sie waren auch so ungeheuer kreativ, ein
"Art-Label" für Beck's zu entwerfen, das ab Herbst auf
Beck's-Flaschen in England prangen wird. Der Ausverkauf der Pop- und Rockmusik
ist in vollem Gange.
Ich erinnere, wie ich mit dem großen David Thomas vor ein paar Jahren nächtens
in Hannover vor feisten, großen Plakaten einer Coca-Cola-Tour stand und er
kopfschüttelnd sagte: "I never would do this." Aber das ist eben der
Unterschied zwischen einem Künstler und all denen, die bloß "in it for the
money" sind...

* * *

"Rothenburg was not rebuilt in a day."
Andreas Neumeister

* * *

Wer nach dem großen Trara um den systemischen Mißbrauch von Kindern und
Schutzbefohlenen durch die großen Kirchen hierzulande wissen will, wo diese
Gesellschaft denn jetzt so steht in Sachen Kirche, der betrachte die Anbetungen
Mutter Teresas selbst in den besseren Feuilletons und im öffentlich-rechtlichen
Fernsehen anläßlich ihres 100.Geburtstages, und halte sich parallel vor Augen,
daß das großartige Buch "The Missionary Position - Mother Teresa in Theory
and Practice" (Klasse Titel auch!) von Christopher Hitchens, in weniger
Kirchen-hörigen und zivilisierteren Ländern bereits 1995 erschienen und zum
Bestseller geworden, bis heute nicht in deutscher Sprache erschienen ist. Aber
das Buch würde auch nicht in die Stimmungslage hierzulande passen, wo ein
alternder Feuilletonist in der "Berliner Zeitung" vor Bewunderung von
Mutter Teresa nicht an sich halten kann - Hitchens weist nach, welch verquere
Positionen die sogenannte Mutter Teresa vertreten hat, wie nah sie Diktatoren
wie Haitis Papa und Baby Doc stand, die sie als Vorbilder empfahl, und und und.

Sehr lesenswertes Buch und als englisches Taschenbuch günstig zu haben.

* * *

Wie man neuerdings weiß, sind es nicht nur verzweifelte kommerzielle
Kleinveranstalter, die ihre Besucherzahlen schönen, nein, auch Kommunen wie die
Stadt Duisburg machen mit bei der systematischen Fälschung von Besucherzahlen
ihrer Events, um das von Gorny, Pleitgen und Konsorten propagierte
"GrößerSchnellerSchöner" zu befeuern. Auch die Popkomm, wer hätte es
anders erwartet, tut da kräftig mit. "Weniger Aussteller, aber dafür mehr
Besucher", lassen die Popkomm-Funktionäre stolz verlauten. Wie das? Nun,
mit wieviel Besuchern Popkomm-Geschäftsführer Kleinhenz rechnet, will er laut
"Musikwoche" nicht verraten, aber er zählt einfach mal die "rund
20.000 Konzertgänger des Berlin Festivals" (die noch unbestätigt sind, und
letztes Jahr kamen grad mal halb so viele zum Berlin Festival...) mit. Ähnlich
hübsch ist die Meldung, daß die Stände der Popkomm "ausverkauft"
seien - nun, wer sein Areal drastisch verkleinert, hat natürlich irgendwann
auch eine Chance, "ausverkauft" zu melden. Oder vielleicht doch
seinen eigenen "Ausverkauf" kundzutun?
Die Haltung dieser Agentur bleibt klar und lautet wie seit Jahren:
Popkomm? Nein!
Wir fallen ja nicht auf jeden Quatsch rein, den man uns als des Königs neue
Kleider verdaddeln will, manchmal reicht es auch, einfach festzuhalten, daß
Kleinhenz, Gorny oder Barkowski nackend sind.

* * *

Wäre nett, wenn man uns mit dem dumpfen und rassistischen Gedöns des Herrn
Sarrazin ebenso verschonen würde, wie mit der eitlen Entrüstungsdebatte danach.
Das alte Phänomen: erst wird ein dämliches Buch allüberall zum Thema gemacht,
das Feuilleton, der "Spiegel", das Fernsehen, alle machen
bereitwillig kostenlose Werbung für den ekelerregenden Schmarrn, den der
Sozialdemokrat wieder mal verzapft hat - und dann wird wochenlang darüber
geschrieben, wie furchtbar die Thesen des Herrn Sarrazin doch sind, die man
gerade erst populär gemacht hat.
Drollig auch Frau Nahles, die der Meinung ist, Sarrazin "mißbraucht den
Namen der SPD". Es war ja nicht etwa die SPD, die den Herrn zum Senator
gemacht hat, und es war ja auch nicht das von Berlins Bürgermeister Wowereit
vermittelte SPD-Ticket, auf dem der Herr mit den längst bekannten dubiosen
Thesen zum Vorstand der Bundesbank wurde...
Um wirklich jeder Köttel, den irgend jemand ins Dorf gemacht hat, müssen sie
herumstehen und debattieren und den dampfenden Haufen zu etwas großem
breittreten. Bleibt aber eben doch ein Haufen Sch...

* * *

Die US-amerikanische Mutterausgabe des "Rolling Stone" hat lt.
"Icanhasinternets" in ihrer aktuellen Ausgabe einen offenen Brief an
die Vorstände der Musikindustrie veröffentlicht, in dem es heißt:
"A big fat thanks to record execs.
Thank you for fighting the good fight against Internet MP3 file-swapping.
Because of you, millions of kids will stop wasting time listening to new music
and seeking out new bands. No more spreading the word to complete strangers
about your artists. No more harmful exposure to thousands of bands via Internet
radio either. With any luck they won't talk about music at all. You probably
knew you'd make millions by embracing the technology. After all, the kids
swapping were like ten times more likely to buy CDs, making your cause all the
more admirable. It must have cost a bundle in future revenue, but don't worry -
computers are just a fad anyway, and the internet is just plain stupid."
Die deutsche Ausgabe des "Rolling Stone" hat es in einer halbseitigen
Anzeige in ihrem Heft so ähnlich formuliert: "Don't copy. Respect Artists.
Rolling Stone."

* * *

Die Buddhistin Judith Holofernes gibt der "Berliner Zeitung" ein
Interview und bringt einiges einigermaßen durcheinander: "Aber wichtig
scheint mir immer noch der Appell: Wer denkt, daß er mit dem Kauf von
Tonträgern nur die böse, böse Musikindustrie fördert, liegt einfach falsch. Im
Prinzip ist nämlich jede gebrannte CD ein weiteres Coca-Cola-Massenevent am
Brandenburger Tor!"
Gut, daß Musikindustrie nicht "böse, böse" ist, weil ja schließlich
einer der vier weltweiten multinationalen Konzerne der Helden-Band das Geld
überweist, das haben wir verstanden. Aber wie ist das mit der braunen Brause?
Fördert Coca-Cola jetzt etwa das Brennen von Musik-CDs? Während Coca-Cola
aufhören würde zu existieren, wenn nur jeder brav seine Helden-CD bei der
lieben, lieben Musikindustrie bezahlt? Und wie funktioniert das genau, daß
"jede gebrannte CD ein Coca-Cola-Massenevent am Brandenburger Tor"
ist? "Im Prinzip"? Ich dachte immer, die bösen CD-Brenner tun das
eher im stillen Kämmerchen, während es am Brandenburger Tor in der Regel doch
vor Polizisten und Touristen nur so wimmelt, also ein eher schlechter Ort fürs
Brennen von CDs. Wobei ich auch annahm, daß die Brenner ihre CDs nur so für
sich brennen würden, und daraus nicht ein Massenevent am Brandenburger Tor
machen. Und was hat Coca-Cola nun genau mit dem Brennen von CDs zu tun?
Fragen über Fragen. Frau Holofernes wird noch viele Interviews geben müssen, um
uns die Welt etwas genauer zu erklären. Bis dahin bleibt sie voller Rätsel -
die eine wie die andere.

15.08.2010

Und Ansonsten 2010-08-15

Was
passiert, wenn der Dalai Lama, Mahatma Gandhi und Martin Luther King
zusammentreffen? Genau - es entsteht die "BerlinMusicWeek". Die
entsprechend Großes leistet:
"Die BerlinMusicWeek macht Schluß mit den Grabenkämpfen der Branche, löst
die kontraproduktiven Wagenburgmentalitäten auf und verdeutlicht den alten
Musikkriegern, daß sie letztendlich alle im selben Kahn sitzen."
Mal abgesehen davon, daß ich mit keinen "Kriegern" im "selben
Kahn" sitzen möchte, die nicht über eine, sondern gleich über mehrere
"Wagenburgmentalitäten" verfügen - aber ich habe mir erlaubt, die
Macher der BerlinMusicWeek, die da so munter naiv vor sich hinzwitschern,
vorsorglich schon mal für den Friedensnobelpreis vorzuschlagen. Als nächste
Aufgaben warten Afghanistan (wo sie sich mit dem Bundeswehr-Truppenbetreuer und
Sakro-Schnulzen-Sänger Xavier Naidoo zusammentun können), der Iran, ach was
sage ich: DIE WELT!

* * *

Zur Genese des tragischen Unglücks bei der Duisburger "Love Parade"
hat Tournee- und Festivalveranstalter Marek Lieberberg auf exzellente Art und
Weise alles Notwendige gesagt. Zur gesellschaftlichen Einordnung der Tragödie
läßt sich festhalten:
Ein profitgeiler Veranstalter triftt auf profilierungsgeile Kommunalpolitiker,
die gemeinsam mit gefälschten Besucherzahlen ihr Ruhrgebiet in die Schlagzeilen
bringen und sich im vermeintlichen Erfolg des Events sonnen wollen und
entsprechend Sicherheitsbedenken ihrer Verwaltung und der Polizei ignorieren -
wobei die Polizei wohl so überfordert agiert wie die Sicherheitsleute des
Veranstalters. Befeuert von Vertretern des Größerschnellerweiterlauter, die
eine "grobschlächtige, erpresserische Argumentation" ("FAZ")
aufgebaut haben, wie dem Geschäftsführer von Ruhr 2010, Fritz Pleitgen
("Hier müssen alle Anstrengungen unternommen werden, um dieses Fest der
Szenekultur mit seiner Strahlkraft auf die Beine zu stellen"), oder
Branchenfaktotum Dieter Gorny, neben seinem Job als Vorstandschef des
"Bundesverband Musikindustrie" einer der vier Künstlerischen
Direktoren der "Europäischen Kulturhauptstadt Ruhr 2010". Dieter
Gorny reagierte "bestürzt und erschrocken" nicht etwa auf die
Tragödie in Duisburg, sondern auf die im Februar 2010 drohende Absage der
Duisburger Loveparade, und warf sich kräftig ins Zeug: "Eine richtige
Metropole kann das stemmen!" oder "Absolute Weltstars" kämen
nach Duisburg und würden für einen positiven PR-Schub "weit über Europa
hinaus" sorgen - eine Absage der Loveparade in Duisburg habe
"verheerende Folgen", der gute Ruf der Ruhr 2010 stehe auf dem Spiel:
"Nach der tollen Eröffnung dürfen wir nicht dafür sorgen, daß andere
behaupten, die kriegen nichts hin". Während Fritz Pleitgen mittlerweile
wenigstens eine "moralische Verantwortung" für das Unglück übernimmt,
ist der Groß- und Lautsprecher der Musikbranche, Dieter Gorny, der sonst seinen
Unfug in jede bereitstehende Kamera plappern muß, plötzlich wie von der
Erdoberfläche verschwunden...
Angetrieben von lokalen und überregionalen Medien (WDR und Bild.de waren
sinnigerweise gemeinsame Medienpartner der Veranstaltung!), wurden die
Verantwortlichen zu einer Veranstaltung getrieben, von der man heute weiß, daß
sie so nach bestehenden Gesetzen wohl nicht hätte genehmigt werden dürfen.
Wieder einmal weist Stefan Niggemeier detailliert die Verstrickung der Medien
in das Unglück nach - ausgerechnet der Medien, die unmittelbar nach dem Unglück
so tun, als ob sie schon immer gewußt hätten, daß das Unglück passieren mußte -
"wenn Journalisten diese Loveparade organisiert hätten, wäre das nicht
passiert"...
Viel mehr ist dazu nicht zu sagen.
Ekelhaft im Nachgang, wie alle möglichen und unmöglichen Leute versuchen, die
Duisburger Tragödie zu ihren eigenen Gunsten zu nutzen, also auf dem Unglück
anderer ihr Süppchen zu kochen. Ekelhaft etwa der Bundestags-Hinterbänkler, der
fordert, nun müßten die Versicherungssummen von Konzertveranstaltungen erhöht
werden - als ob es an der Versicherungssumme gelegen hätte, daß das Unglück in
Duisburg passiert ist. Ekelhaft die Selbstdarstellung des sogenannten Dr.
Motte, der zu den fünf Gesellschaftern gehört hat, die 2005 die
Loveparade-Rechte an Rainer Schaller verkauft haben, für "hohe
Summen" ("Berliner Zeitung") - und der jetzt über die
"Kommerzialisierung" der Loveparade herzieht und in der
Öffentlichkeit so dämliche und inkompetente Forderungen aufstellt wie die, die
Bundeskanzlerin solle die staatsanwaltlichen Ermittlungen an sich ziehen
(freilich, keine Nachricht in der Branche kann dämlich und inkompetent genug
sein, um nicht zur Top-Meldung eines Branchennachrichtendienstes zu werden).
Ekelhaft, wie der Geschäftsführer der Berliner "Kindl-Bühne
Wuhlheide" die Duisburger Tragödie nutzt, um seinem Berliner Konkurrenten,
der das Open-Air-Gelände auf der Zitadelle betreibt, öffentlich eins
auszuwischen und ihm zu schaden. Auch dazu noch einmal der Branchen-Primus
Marek Lieberberg, womit sich der Kreis schließt - der nämlich stopfte dem
Wuhlheide-Manager seine Einlassung in einem offenen Brief ins Maul zurück:
"Mit dieser fragwürdigen Denunziation einer Spielstätte entfachst du eine
Phantomdiskussion, die sich wahrlich nicht auf Duisburg beziehen kann",
schrieb Lieberberg laut "Musikmarkt".
"Wer ist schuldig, wer steht für seine Schuld ein... Erst nachdenken,
nicht vorschnell antworten." (Wassili Grossman)

* * *

Wenn die bedeutendsten Popfeuilletons dieser Republik an einem Tag in großen
Artikeln die Ankündigung feiern, daß irgendein Robbie Williams sich mit
irgendwelchen Take That "wiedervereinigen" werde, bzw. daß irgendeine
Betriebsnudel namens Nina Hagen eine Gospelplatte gemacht habe, dann fragt man
sich schon, ob es nicht irgend etwas tatsächlich Berücksichtigenswertes und
Berichtenswürdiges fürs Feuilleton gäbe. Oder ist in den Redaktionen bei der
Hitze die Klimaanlage ausgefallen, und in den Köpfen war nur noch Brei? Das
wäre bei der Hitze ja durchaus nachvollziehbar - "der heißeste Juli seit
2010", und unsereiner muß mittendrin sitzen...
(Big Boi singt auf seinem neuen Album übrigens die hübsche Zeile "Take
that, Motherfucker, Take That"...)

* * *

Eine erstaunliche kleine Szenerie war das an dem Abend, an dem "wir"
Lena wurden. Ein erlesenes Abendessen in einer Dachgeschoßwohnung in
Wilmersdorf, superbe Gastgeber, eingeladen eine Runde aus, sagen wir:
Intellektuellen, Künstlern (darunter der Musiker, von dem ich sagen würde, er
ist Deutschlands interessantester Popstar - wenn Deutschland Popstars hätte),
Kulturvermittlern, einem Computerunternehmer (der auch als Kunstsammler keinen
geringen Namen hat), ein Musikjournalist. Ein buntes Völkchen also, das dem
famosen Essen und den Getränken munter zusprach. Je weiter der Abend allerdings
voranschritt, desto nervöser wurden einige, und so wurde bei den Gastgebern,
die über kein Fernsehen verfügen, irgendwann der Computer angeschaltet, und
zunächst eine Frau, dann zwei, später immer mehr Personen versammelten sich vor
dem Bildschirm und verfolgten den Grand Prix - der eigentliche deutsche
Indie-Popstar, der Musikjournalist und Buchautor, einige andere - und es kamen
merkwürdige Unmutsäußerungen aus der Ecke - "so wenig Punkte von den
Griechen, die habens gerade nötig", ereiferte sich eine Frau, oder es
wurde am Votum der Israelis herumgemäkelt - aber dann wurde, während der Gastgeber
verärgert murmelte, "die lad ich nie wieder ein, wenn die dann nur vorm
Bildschirm hängen", plötzlich Deutschland gefeiert und der Lena-Sieg in
Oslo. Allenthalben war die Rede, die sich an den Folgetagen in allen deutschen
Medien fortsetzte - Deutschland habe so einen sympathischen Eindruck gemacht,
Lena sei so eine smarte, sympathische junge Frau - ach, was nicht alles in
"das deutsche Fräuleinwunder" und ihren Mentor hineininterpretiert
wurde, an diesem Abend und danach, und am mitternächtlichen Tisch saßen
plötzlich eine Reihe glücklich-verschwitzter "wir sind
Lena"-Gesichter...
Mitte Juli nun hat Lena Meyer-Landrut auf einer Seite in der FAS ein
"A-Z" nach Stichworten ausgefüllt. "Abitur - Ja, geil."
"Berlin - Ist super." "Deutschland - (...) da fiebert man
natürlich mit." "Hannover - Eine wahnsinnig tolle Stadt zum
Aufwachsen. Ein bißchen langweilig. Aber es gibt unglaublich schöne
Seiten." "Jungs - Ja, sind gut. (...) Und jetzt finde ich keine Jungs
mehr gut, sondern mittlerweile Männer." "Uwu Lena - Ja, geil, find
ich super." "Wulff, Christian - Ja, ein netter Typ. Sehr sympathisch,
er war sehr freundlich am Flughafen." "Xavier Naidoo - Finde ich
wahnsinnig toll (...) ein ganz toller Künstler."
Sonst noch Fragen? Klar, Gott findet Bundes-Lena auch geil oder super, nur sagt
sie diesmal "ich habe also eine bestimmte Bindung zum Göttlichen (...) ich
war in Taizé, sieben Tage, wir haben gecampt, und es war ein wahnsinnig schönes
Erlebnis."
Gott, Hannover, Wulff, Naidoo, die Mischung, vor der Deutschland bekanntlich in
die Knie geht. Auf dem Boulevard, auf den Fanmeilen, und neuerdings auch in
Intellektuellenkreisen.

* * *

Ach, wie wir uns immer über die intelligent geschriebenen und klug erklärten
Künstlerangebote freuen. Etwa über dieses hier:
"Die Tracks sind alle sehr cool geworden. Der Sampler wird auf jeden Fall
überkrass. Ich will nicht einfach nur rumprollen und sagen, daß ich der Pate
von Frankfurt bin und ständig irgendwelche Leute umbringe."
Die Agentur des Künstlers kommentiert in noch schlechterem Deutsch: "Man
sieht also, der Herr nimmts mit Humor, auch wenn er gedisst wird, was ihn auch
unglaublich Charmant als Person macht. Dieser Charm zieht auch seine Kreise bei
den Mädels die nicht zwingend auf den typischen Gangsterrap stehen."
Der Herr hat eine große Karriere vor sich - "Deutscher Rap is' ne Bitch
und Haft ist der Zuhälter!"

* * *

Die "Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien" betreibt wieder
einmal kostenlose Werbung für ein aktuelles Album: Am 21.7. teilte die BPjM
mit, daß sie das gleichnamige Album der Band "Die Sekte" um die
Rapper Sido und B-Tight, das bereits im November 2009 erschienen ist, indiziert
hat. Die Indizierung trat zum 30.Juli in Kraft, sodaß Plattenfirmen und
Plattenhandel noch zehn Tage Zeit blieb, Nutzen aus der kostenlosen Werbeaktion
zu ziehen.

* * *

Neuerdings organisiert hierzulande ja jedwede Musikzeitschrift ihre eigenen
Konzerte, mitunter sogar ganze Tourneen. Ohne irgend jemandem allzu nahe treten
zu wollen, aber: wäre es nicht besser, man konzentrierte sich
SchusterbleibbeideinemLeisten-mäßig erstmal auf eine bessere Qualität des
eigenen Magazins, anstatt etwas anderes anzugehen, von dem man noch weniger
Ahnung hat? Unsereiner veröffentlicht ja auch nicht einfach ein Musikmagazin
(obwohl wir das könnten! ha!...)

* * *

Laut "FAZ" hält "Bundeswirtschaftsminister Brüderle (FDP)
Vollbeschäftigung für möglich". Und ich dachte, die Stelle des
Chefkomikers der Bundesregierung sei bereits mit Guido Westerwelle besetzt.

* * *

Zweimal Berliner Pogues-Konzert, zweimal Sänger Shane MacGowan:
"MacGowan ist mehr als nur alt geworden, er trägt noch immer sein
beschädigtes Gebiß vor sich her..." (Jörg Sundermeier in der
"taz")
"Angeblich, berichten die Leute vorne an der Bühne, hat er sich die Zähne
richten lassen, die ihm schon vor zwanzig Jahren beinahe komplett aus dem
Zahnfleisch gerottet sind." (Markus Schneider in der "Berliner
Zeitung")

* * *

Die "Berliner Zeitung" meldet eine echte Überraschung:
"Stromkunden zahlen zu viel. Die Einkaufspreise der Konzerne sind deutlich
gesunken. Die Verbraucher haben nichts davon."
So eine gemeine Preispolitik hätte den Stromkonzernen wirklich niemand
zugetraut...

* * *

Eine Alice Schwarzer, unter den einschlägigen Betriebsnudeln der einschlägigsten
eine, hat mir dieser Tage ganz besonders gut gefallen. In einem größeren
Artikel über Pädophilie schreibt sie u.a.: "Der Herausgeber der
Apo-Postille war in den späten 1960er/frühen 1970er Jahren quasi der Erfinder
des medialen Kindersex. Jedes zweite KONKRET-Cover (gemeint ist das alte
Konkret, bis 1973, BS) war mit dieser obszönen Mischung von Marx und Lolita
aufgemotzt. Doch daß das Interesse des KONKRET-Machers (Röhl, BS) an
"Nymphchen" sich nicht auf die Theorie beschränkte, das mußte eigentlich
allen, die nicht entschlossen waren wegzusehen, immer schon schwanen."
Das neue "Konkret" merkt dazu lapidar an:
"Das Autorenverzeichnis von KONKRET weist für das Jahr 1970, den Höhepunkt
in der Geschichte von Röhls medialem Kindersex, vier Artikel einer gewissen
Alice Schwarzer aus, die nun die Wahl hat, ob ihr die obszöne Mischung von Marx
und Lolita damals so gut gefiel, daß sie mitmischen wollte, ob sie entschlossen
war wegzusehen, ob sie zu dumm war, etwas zu ahnen, oder ob sie mit Priscilla
Presley ("Die nackte Kanone") sagen will: "Ich war jung und
brauchte das Geld.""

Genießen Sie den Sommer!

04.07.2010

Und Ansonsten 2010-07-04

Wer
ein erbärmlich schlechter Krimiautor wie Henning Mankell ist, wird hierzulande
zum Bestsellerautor hochgejubelt. Wer ein unverbesserlicher Antisemit wie
Henning Mankell ist, der Israel als "verächtliches Apartheidsystem"
beschreibt, dem er "den Untergang" wünscht, weil der
"notwendig" sei; und der, wie Mankell, das Existenzrecht Israels
bezweifelt und von den Israelis fordert, auf ihre "Privilegien zu
verzichten und in einem palästinensischen Staat zu leben", also ganz so, wie
es die vom Iran gesteuerte Hamas fordert - ein unverbesserlicher Antisemit wie
Henning Mankell also gilt hierzulande als neutraler Zeitzeuge, der seinen
Antisemitismus in Theatern wie der Berliner Volksbühne, in langen Interviews
etwa im "Spiegel" oder auf allen Kanälen des sogenannten
öffentlich-rechtlichen Fernsehens breittreten darf.

* * *

"Das Problem für viele
Juden ist, daß sich die Progressiven des 21. Jahrhunderts und ihre Aversion
gegen die jüdische Ethnizität von den Antisemiten der ersten Hälfte des 20.
Jahrhunderts nicht mehr unterscheiden lassen. Deren Slogan war: Schickt die
Juden nach Palästina. Jetzt sagen die Progressiven: Schmeißt die Juden raus aus
Palästina."
Leon de Winter, "Welt Online"

* * *

Da hat die ARD von RTL einen Quizfragenaufsager für viel Geld gewonnen, damit
er den immer zwanzig gleichen Talkshowteilnehmern am Sonntagabend irgendwelche
harmlosen Stichworte vom Zettel abliest, und die Medien, wie zum Beispiel der
"Spiegel", feiern die ARD - endlich würde sie "beweisen, daß ihre Strukturen
nicht komplett verkrustet sind".
Ach ja? Mir scheint, das Gegenteil ist richtig - mit dem Engagement des
Erzreaktionärs Günther Jauch hat die ARD doch eher bewiesen, wie verkrustet und
wie verschnarcht ihre Strukturen in Wirklichkeit sind.

* * *

Eine andere Art von Jauche findet in den öffentlich-rechtlichen
Fernsehanstalten ständig statt - die Berichterstattung über die Königshäuser.
Mal eine Prinzessinnenhochzeit in Schweden, mal der Geburtstag einer englischen
Königin. Im hauseigenen Videotext klärt die ARD über ihre samstägliche
Livesendung anläßlich des Geburtstages von Queen Elizabeth II. auf:
"Trooping the
Colour" heißt die große Geburtstagsparade zu Ehren der Königin, die das
Erste live überträgt. Es ist nicht nur eine Militärparade, sondern eine ganz
große Show mit viel Musik, edlen Pferden und Soldaten in Gardeuniformen."

Also alles, wonach es Fernsehmacher und ihr Publikum hierzulande dürstet: eine
Militärparade, viel Musik, edle Pferde, Soldaten in Gardeuniformen und eine
leibhaftige Königin.

* * *

Auch durchgeknallt: in Zeiten ökonomischer Dauerkrise und Koaltionskuddelmuddel
hat Frau Merkel nichts Besseres zu tun, als Mette-Marit, norwegische
Kronprinzessin, und Kronprinz Haakon nach Stralsund einzuladen. "Das Paar und die Kanzlerin gaben
sich volksnah: Mette-Marit, elegant gekleidet mit weißer Bluse und schwarzer
Hose, und die Kanzlerin schüttelten beim Gang entlang der Absperrung immer
wieder die Hände der Schaulustigen und winkten in die Menge",
berichtet fasziniert der "Tagesspiegel".

* * *

"Der beliebteste Politiker Deutschlands." "Die private und
politische Biographie." "Aristokrat, Politstar, Minister." So
wird in "FAZ" oder "Zeit" ein Buch aus dem, nomen est omen,
Fackelträger-Verlag in großformatigen Anzeigen beworben. Es geht um den Tiger,
den KrisenbewälTiger KT, um den "Aufsteiger von oben", um den Mann,
der quasi auf und über dem Wasser gehen kann, und entsprechend besticht
Karl-Theodor zu Guttenberg von oben bis oben: "Manieren",
"geschliffener, formvollendeter Umgangston",
"Standesethos", "Demut".
Eine Heldensaga, fürwahr.
Zusammengestöpselt hat das servile Machwerk eine "Bild am
Sonntag"-Redakteurin, die sich "Anna von Bayern" nennt. Nun ist
das kein Titel, den man sich einfach so gibt oder wählt, wie sagen wir
"Cindy von Marzahn" (nun ja, richtig heißt sie "Cindy aus
Marzahn"), oder wie der Campingnachbar aufm Zeltplatz eben
"umgangssprachlich", wie man im geschliffenen, formvollendeten
Umgangston dieses Standes bekanntlich sagen würde, sich "Kalle von
Wattenscheid" nennt. Nein, "Anna von Bayern", Tochter von
Prinzessin Yvonne und Prinz Ludwig-Ferdinand zu Sayn-Wittgenstein und
Schwiegertochter von Prinzessin Ursula und Prinz Leopold von Bayern, kommt
quasi aus der bairischen Königsfamilie und kennt also den Karl-Theodor "seit
vielen Jahren" und "zeichnet" entsprechend ein, raten Sie mal,
"sehr persönliches Porträt" - eben als gewissermaßen angeheiratete,
aber gemeinte Herrscherin von Bayern über den als CSU-Star aktuellen Herrscher
von Bayern.
Hätten wir hierzulande jemals etwas Ähnliches wie die französische Revolution
gehabt, wäre uns das erspart geblieben. Der eine wie die andere.

* * *

Im Betreff-Feld einer Rundmail steht, was der Absender vermutlich doch etwas
anders gemeint haben dürfte: "Delphin-Schlachten auf den Faröer-Inseln:
Bitte macht mit!!!"
Ist halt so eine Sache mit dem Weltretten per Rundmail.

* * *

Die Popkomm Berlin macht ein Angebot (Deutsch kann da keiner):
"Und hier ein weiterer
Link zu potentiellen Kunden und Investoren: Am 27. August 2010 präsentiert der
einer unserer Medienkooperationspartner, (...), ein Themenspecial über den
Musikmarkt in Deutschland, das in der nationalen Vollauflage (104.000
Exemplare) in der Financial Times Deutschland erscheinen und 104.000 Leser
erreichen wird. Die Sonderpublikation beleuchtet die neuen Herausforderungen
des Marktes - Gesetzgebung, Technik, Corporate Social Responsibility im Musik-
und Kulturbereich, Ausbildung in der Branche, neue Wege der Vermarktung - das
und mehr wird hier Thema sein.
Unternehmen erhalten die
Möglichkeit, in anregend themenspezifischen Umfeld ihre Produkte, (Dienst-)
Leistungen und Veranstaltungen einer finanzstarken, stilbewussten und
unterhaltungsorientierten Zielgruppe zu präsentieren. Aufgepasst: Wer sich in
diesem empfehlenswerten Rahmen für eine Imageanzeige oder ein Advertorial
interessiert, bekommt bei Berufung auf unseren Newsletter attraktive 30 %
Nachlass."
Ob unsereiner 30% Schmerzensgeld für das Lesen dieses "ich bin jung und
brauch wirklich jedes Geld"-Prostitutionstextes erhält? Oder ist das
angesichts der "nationalen Vollauflage" und bei aller "Corporate
Social Responsibility" nicht mehr drin? Immerhin hat die Popkomm hübsch
bewiesen, wo sie hinwill - den einen Musikmessen geht es um Stadtmarketing, den
anderen darum, Investoren aufzutreiben, die Popkomm will beides. Der angebliche
Kongreß ist nur Schnickschnack fürs neoliberale Tun - eben reine
"Imageanzeige".
Popkomm? Nein.

* * *

Eine Imagearbeit ganz anderer Art pflegt Sakropopsänger Xavier Naidoo - er
betrieb aktive Truppenbetreuung und sang für die Bundeswehr im afghanischen
Kundus.
"Staatspop" völlig neu definiert.

* * *

Die CDU dagegen geht volles Risiko und fordert jetzt "Intelligenztests für
Einwanderer". Das kann leicht nach hinten losgehen - der nächste Schritt
wäre ein Intelligenztest für Einheimische. Und wer weiß, wie viele
CDU-Politiker dann hierbleiben dürften...

* * *

Die Berliner Volksbühne war naturgemäß ausverkauft, als Gender-Theoretikerin
Judith Butler zum Thema "Queere Bündnisse und Antikriegspolitik"
sprach. Die "Ikone der postmodernen feministischen Theorie"
("taz"), die in der Businessclass angereist war, lehnte anderntags
den "Zivilcouragepreis" des "Christopher Street Day Berlin"
am Brandenburger Tor ab - der Berliner CSD sei zu kommerziell und zu wenig
antirassistisch, sagte Butler, die Hamas und Hisbollah für progressive soziale
Bewegungen hält, und zog sich in den Hort des Berliner Antirassismus, ins
Luxushotel Adlon, zurück, wo sie, dem früheren US-Präsidenten Bush gleich, während
ihres Berlinaufenthalts residierte.

* * *

Bei der Interpretation der Fußballweltmeisterschaft wird man ohne eine gehörige
Portion Gesellschaftsanalyse nicht klarkommen (es reicht nicht aus, die WM zu
sehen, public nor private, man muß sie auch interpretieren...). Und einige
Analysen liegen ja nun wirklich auf der Hand: die Renaissance des
südamerikanischen Fußballs ist ja nun recht eigentlich die Renaissance linker
Ideen in Jahren des gescheiterten Kapitalismus neoliberaler Ausprägung - klar,
die südamerikanischen WM-Teilnehmer sind nicht Venezuela oder Bolivien, also,
es geht erstmal nicht um Revolution, sondern um Sozialdemokratie - aber was
Lula in Brasilien oder der regierende Ex-Tupamaro in Uruguay der Welt
mitzuteilen haben, liegt auf der Hand: Schluß mit der Regentschaft von Banken,
Ausbeutung und neoliberalem Wirtschaftsterror! Schaut auf den Fußball "aus
dem Herzen des Volkes" (Menotti), schaut auf Messi, Forlan, Fabiano und
all die anderen! Und im Haus von Oscar Tabàrez, dem Nationaltrainer Uruguays,
hängt lt. "FAZ" ein Sinnspruch Che Guevaras: "Wir müssen stark werden, dürfen
aber dabei nie unsere Zärtlichkeit verlieren." Und solch ein
Trainer läßt natürlich einen anderen Fußball spielen als ein Capello oder ein
Mourinho...
"Für mich ist Fußball
etwas Menschliches. All jene, die nur darauf aus sind, Spiele zu gewinnen,
haben den eigentlichen Sinn nicht verstanden. Sie spielen in meinen Augen
falsch. (...) Das Grundprinzip des Spiels ist die Freiheit. Man kann einen
Fußballer nicht in ein Schema pressen, das nur vom Erfolg geprägt ist, denn es
würde den Tod des Sports bedeuten." (César Luis Menotti,
Weltmeistertrainer Argentiniens 1978)
Und Europa ist in der Welt nicht mehr so wichtig wie ehedem. Und es ist klar:
Die Systeme Sarkozys und Berlusconis sind am Ende. England ist in einer
schweren Krise (schönen Gruß an all die Scherzkekse, die England zum
Mitfavoriten der WM ausgerufen haben!). Was der meistens attraktive Fußball der
jungen deutschen Elf zu bedeuten hat, wird noch zu diskutieren sein - ganz
sicher belegt er den Abschied vom Chaos des Merkel-Systems und vom Gezurre und
Gezerre der schwarz-gelben Koalition. Das Wohin ist allerdings noch so offen
wie das Ergebnis des Viertelfinalspiels gegen Argentinien.
Und Asien natürlich. Wie ein Zürcher Fußballexperte schrieb: "Ein einziges Hin und Her. Ich
bin schon von den Japanern angetan. So wird der neue Fußball irgendwann. Alle
hin und her.
Alle technisch gut. Alle
schnell. Und athletisch. Samurais halt."
Eine durchaus spannende Weltmeisterschaft by many means, diese Zwischenbilanz
sei schon einmal gestattet.

* * *

Die meisten Trikots der großen Sportmarken werden in Asien genäht. Die
Textilbranche in Bangladesh etwa gehört zu den größten Nähereien der Welt, zu
den Abnehmern gehören große westliche Ketten wie H&M oder Metro. Die 2,5
Millionen Menschen, die in Bangladesh in der Textilbranche arbeiten und ihr
Land zu einem der billigsten Länder für die Kleiderproduktion machen, erhalten
einen Mindestlohn von 1662,50 Taka im Monat, das sind umgerechnet 20 Euro.
Zehntausende Textilarbeiter haben dieser Tage gegen niedrige Löhne und
schlechte Arbeitsbedingungen protestiert, die Demonstrationen wurden mit
Tränengas und Gummigeschossen niedergeschlagen. -
Der Hauptsponsor der deutschen Nationalmannschaft, Daimler, hat an das
südafrikanische Apartheidsystem Fahrzeuge und Maschinen verkauft, mit denen die
Sicherheitskräfte den politischen Protest bekämpften. Das
US-Bundesbezirksgericht in New York hat eine Sammelklage wegen Beihilfe zu
schweren Menschenrechtsverletzungen während der Apartheid gegen Daimler und
vier weitere Konzerne zugelassen. Die südafrikanische Khulumani Support Group
fordert die Anerkennung des begangenen Unrechts und entsprechende
Entschädigungszahlen an die Opfer des verbrecherischen Apartheidsystems. Für
viele Südafrikaner steht der Auftritt der deutschen Fußball-Nationalmannschaft
unter keinem guten Stern... -
Und die schicken Rechner und Elektronik-Tools des Apfel-Konzern, auf denen ein
guter Teil des weltweiten Protests geschrieben wird, werden unter miserablen
Arbeitsbedingungen in China gebaut. "Für
1940 Yuan im Monat (umgerechnet 230 Euro) und bis zu zwölf Stunden täglich
fertigte Ma Xiangeqian Teile für Computer der amerikanischen Kultmarke
Apple" ("Spiegel"), bis der Arbeiter nicht mehr
konnte und sich umbrachte, wie Kollegen vor und nach ihm. Der taiwanische
Elektronikzulieferer Foxconn sorgt für miserable Arbeitsbedingungen, damit die
westlichen Hipster zu günstigen Bedingungen ihre jüngsten Apple-Tools erhalten (und,
ich weiß, auch den Rechner, auf dem dieser Rundbrief geschrieben wird).
"It's dialectic, stupid!"
Und Kylie Minogue folgt dem Dalai Lama auf Twitter...

* * *

Genießen Sie den Sommer. Und die Fußball-WM, sofern Sie damit etwas anfangen
können.
Aber bitte berücksichtigen Sie, "wir
dürfen jetzt keinen Sand in den Kopf stecken" (Lothar
Matthäus)

06.06.2010

Und Ansonsten 2010-06-06

TestlinkFür
mich das Bild des Jahres: wie Bundesfinanzminister Schäuble in den ersten
Maitagen eine Pressekonferenz mit Bankern wie Ackermann gab und da wie ein
braver Schulbub seinen Spruch aufsagte, daß es gaaanz gaaanz doll sei, wie die
Banker in der Griechenlandkrise jetzt auch in ihre Portokasse greifen und sich
ein ganz klein wenig (Greser & Lenz: "Unser Beitrag steht: 2 Euro, 37
Cent und 3 Hosenknöpfe"...) an den Kosten der von ihnen verschuldeten
Finanzmalaise beteiligen. Ein Sinnbild der Realität, wer das Sagen hat in der
Finanzpolitik des Staates, und daß selbst einer der intelligentesten
Bundesminister am Ende nur der Kellner des Kapitals ist - dafür steht dieses
Bild der Pressekonferenz von Roß und Reiter. 
Selbst das Hausblatt der Bankenwelt, die "FAZ", kommentiert:
"Die von Bundesfinanzminister Schäuble und Deutsche Bank-Chef Ackermann
nun eilig nachgeschobene Verabredung eines "spürbaren, positiven
Beitrags" der Banken zur Hilfe für Griechenland beleidigt den ökonomischen
Sachverstand der Bürger. Tatsächlich kommen die Banken als Gläubiger und
bisherige Nutznießer der hohen Renditen spekulativer griechischer
Staatsanleihen ungeschoren davon (...) Damit verhindert die Bundesregierung,
daß diejenigen, die Griechenland mehr Kredit gegeben haben, als das Land
bedienen kann, sich nun an dessen Sanierung beteiligen. (...) Ein Angebot, bei
dem die Banken wieder nur gewinnen können."

* * *

Ein Sinnbild anderer Art ist der zurückgetretene Augsburger und Militärbischof
Mixa: nämlich ein Sinnbild für den bigotten Kirchenmann, der, selbst aller
denkbaren Verwerfungen angeklagt, von Gewaltanwendung gegenüber Heimkindern
über sexuellen Mißbrauch bis hin zu finanziellen Unregelmäßigkeiten, in der
Öffentlichkeit mit Ausfällen gegen jegliche Form von liberaler Lebensführung
reüssiert. Daß Mixa, der laut "Spiegel Online" homosexuelle Neigungen
haben soll und wohl gerne mit jungen Seminaristen des Priesterseminars
Saunabesuche unternommen hat, ausgerechnet den "Christopher Street
Day" und Lebensgemeinschaften von Schwulen und Lesben vehement kritisiert
hat, ist wohl ein Fall für die Psychologen.
Warum Mixa allerdings zurückgetreten ist, verstehe ich nicht so ganz. Jemand,
der alle aktuellen Facetten der katholischen Kirche - Finanzskandale, Mißbrauch,
Gewalt gegen Schutzbefohlene, reaktionäre Positionen - in einer Person
vereinigt, wäre doch recht eigentlich der ideale oberste Repräsentant dieses
Vereins - Mixa sollte Papst werden!

* * *

"Christi Himmelfahrt" im TV: Der Bayerische Rundfunk, der Indie-Bands
gerne dazu überredet, ohne Honorar Radiomitschnitten zuzustimmen, bei denen
sämtliche Rechte über Jahre beim BR verbleiben, überträgt drei Stunden lang
"live aus Portugal" einen Gottesdienst mit Papst Benedikt in Fatima,
zehn Jahre nach der Seligsprechung der "Seherkinder", wie es im
BR-Videotext heißt. Gefolgt von einer Sendung namens "Zeit und
Ewigkeit" mit Kardinal Kaspers "Gedanken zur Ökumene".
Der deutsch-österreichisch-schweizerische Kulturkanal 3sat mutiert am gleichen
Tag ganztägig zum Kanal Blaublut: "Ihre Majestäten - Ein königlicher
Thementag", mit Filmchen, die sich "Bunte" und "Gala"
nicht besser hätten ausdenken können, etwa "Felipe und Letizia - Die
gezähmte Prinzessin", oder "Der Prinz aus Ockelbo",
"Beckmann - Spezial: Königin Sylvia von Schweden" ("Königin
Sylvia spricht sehr persönlich über ihr Leben, ihren Glauben und ihre
Familie") oder "William und Kate - Die Schöne vom Lande".
Dafür zahlen wir unsere Rundfunkgebühren: Katholizismus und Könige.

* * *

Fußball-WM. Nun geht es wieder los mit dem heiter-unbeschwert-fröhlichen
neudeutschen Patriotismus. Auweiah.
Der Musikkonzern Universal Music hat zu dem Anlaß eine Single mit der deutschen
Nationalhymne herausgebracht, einem "bis heute einzigartigem Kulturgut
unseres Landes" - aber war die Musik nicht doch irgendwie von Joseph
Haydn? Deutschland in welchen Grenzen? Jedenfalls hat Universal Music die
Nationalhymne von der Rockgruppe Bonfire neu einspielen lassen, den
ästhetischen Erfordernissen des "21. Jahrhunderts" angepaßt, "in
dem Fußball zum Leben gehört wie das tägliche Feierabendbier" und
"E-Gitarren die Musik beherrschen. Allerhöchste Zeit also, die Deutsche
Nationalhymne ins Hier und Jetzt zu holen. Bonfire haben genau das gemacht -
laut, dreckig, rockig und nach vorne - ist ihre Version der Deutschen
Nationalhymne. Immer noch zum Mitsingen, aber nun auch zum Headbangen, Bier
trinken und in Stimmung kommen für die anstehenden Spiele der Deutschen
Elf."
Wenn man einen Beleg gesucht haben sollte, wie sehr ROCKmusik in gut vier
Jahrzehnten auf den Hund gekommen ist, hier ist er - von der Jimi
Hendrix-Improvisation über die US-Hymne 1969, einem Kommentar eines schwarzen
Musikers zur Politik "seines" Landes zwischen Rassismus und Vietnam,
bergab zur von Universal, die das Adjektiv "deutsch" nicht ohne
Großschreibung und ohne innerlich stramm zu stehen denken können,
herausgegebenen Headbang- und Biertrink-Mitgrölversion der deutschen
Nationalhymne.
Weltmeister, das sag ich euch, Weltmeister wird man so jedenfalls nicht. Aber
Weltmeister wird sowieso Brasilien.

* * *

Immer wieder hübsch: die vielen Angebote, die unsereiner ungefragt erhält.
Besonders gut hat mir dieses hier gefallen:
"Sieben brandneue deutsche Fußball Fanlieder, Interpret Hotte, gepaart mit
afrikanischen Trommelrhythmen und Showeffekten (...) Enthusiasmus der deutschen
Fußballfans, gepaart mit dem afrikanischen Lebensgefühl. In Buntgeschmückten
landestypischen Kostümen."
Universal Music, übernehmen Sie!
Etwas allgemeiner, dafür aber auch nicht auf ein oder zwei Nationen begrenzt
kommt eine Kreuzberger Mitbewerberin daher:
"Zur WM uva. möchten wir musikalische Acts & Tanz-Shows
vermitteln." Aber? "Insbesondere gut dazu paßt die Marimba Band ...
aus Südafrika/Zimbabwe. Unten sehen Sie mehr multikulturelle Ensembles, jedoch
(?) sind in unserem Archiv bis zu 200 Gruppen aus allen Nationen vertreten,
passend zu jedem WM-Spiel."
Auch nett:
"Fernab ihrer Zeitgenossen, erinnern die Songs viel eher an Klassiker wie
Kurt Weill und Berthold Brecht mit eindeutiger "Fuck You"-Attitüde,
oder die musikalische Extravaganz eines Nick Cave." (ich bitte um
Verständnis, daß die Originalorthographie und -grammatik bei derartigen Zitaten
erhalten bleiben muß)
Auch nicht schlecht ist die Einladung zu einem "Electronic Music
Award", der "zeitgenössisches, unabhängiges Schaffen im Bereich der
elektronischen und neuen Musik unterstützt und für die Anerkennung dieser
Musikszene agiert, indem es dem Publikum erlaubt, Künstler zu entdecken und mit
Preisen auszuzeichnen." Der Procedere ist wohldurchdacht: "Die
ausgezeichneten Werke werden über einen demokratischen Prozeß ausgewählt:
unabhängige Labels und Künstler reichen ihre Releases ein. Dann hört die Jury
den Werken blind zu." (Hervorhebung im Original). Dann hört die Jury den
Werken blind zu. Was für ein Satz.
Wie wäre es denn, wenn die von der Jury blind ausgewählten Werke, hoffentlich
doch Musik aller Nationen, mit eindeutiger Fuck You-Attitüde von Universal
Music in buntgeschmückten, landestypischen Kostümen veröffentlicht würden?
Musikindustrie, da geht was!

* * *

"...da die Rammstein-Anhänger fast ausschließlich in Schwarz gekleidet
waren, erinnerte ihre wogende Welle an die Ölpest im Golf von Mexiko."
Jens Balzer in einer Rezension des Rammstein-Konzerts in der "Berliner
Zeitung"

* * *

"Der rabiateste Überwachungsstaat der westlichen Welt wagt die Kehrtwende.
Großbritanniens neue Regierung will die Vorratsdatenspeicherung abschaffen,
biometrische Personalausweise einmotten und Netzsperren aufheben. (...) Die Regierung
forciert den Breitbandausbau und fördert das Prinzip der Open-Source. (...)
Noch verhandelt wird über die Frage, was mit der stark umstrittenen
"Digital Economy Bill" geschehen soll. Die Liberalen drängen darauf,
daß zumindest Web-Seiten-Sperren und das Kappen von Internetverbindungen als
Strafe für Urheberrechtsverstöße abgeschafft wird. Das Gesetz konzentriere sich
zu sehr auf die Bekämpfung von illegalem Filesharing, statt digitale
Kreativität zu fördern. Für die brauche es auch die sogenannte Netzneutralität,
die die Gleichbehandlung aller Daten in der Infrastruktur gewährleiste - und
Provider davon abhalten würde, einzelne Diensteanbieter vorzuziehen oder
gesondert zur Kasse zu bitten." ("Spiegel Online")
Geht doch.
Interessant übrigens, daß die "Musikwoche", das hiesige Kampfblatt
der Verwertungsindustrie, das sonst jeden Pups, den die digitalen Scharfmacher
von Gorny bis Sarkozy lassen, ausführlich berichtet und bejubelt, den Weg der
Vernunft, den die neue britische Regierung eingeschlagen hat, mit keinem Wort
erwähnt.

* * *

Die "Bild am Sonntag" kann es nicht mehr halten:
"Piep, piep, piep, / Europa hat uns lieb (...) Lenas Sieger-Nacht. Wir
sind Songmeister! Wir sind Lena! (...) begeisterte wieder ein deutsches Mädchen
Europas Herzen (...) Lovely Lena. Europa liebt dich."
Wir sind Papst. Wir sind Lena. Wir sind gaga. Und der ARD-Unterhaltungschef
brabbelt ebenfalls auf Blödzeitungs-Niveau: "Lenas Sieg ist eine nationale
Leistung!" Darunter tun sie's hierzulande nicht.
Und Stephan Raab wird der nächste Bundeskanzler. Wetten?

* * *

"I make Bavarian films. It doesn't matter if I go to Los Angeles,
Antarctica or to the Amazon Rain forest in Peru and move a ship over the
mountain, it is a Bavarian film."
Werner
Herzog

* * *

Am 17.Mai beschäftigte sich der Petitionsausschuß des Deutschen Bundestages in
einer öffentlichen Sitzung mit der GEMA (siehe auch Berthold Seligers Artikel
"Monopolist außer Kontrolle" aus der "Berliner Zeitung"
unter "Texte" auf unserer Homepage). Dabei kam es laut Bericht des
"Musikmarktes" zum Eklat, für den das Bundesjustizministerium (BMJ)
und GEMA-Vorstandsvorsitzender Harald Heker sorgten. "Dieser nahm auf
Einladung des BMJ neben dem parlamentarischen Staatssekretär Dr. Max Stadler,
FDP, auf der Regierungsbank Platz. Der Eindruck, die GEMA würde das Ministerium
in den gegen sie gerichteten Fragen beraten, wurde durch eine Erklärung der
Vorsitzenden des Petitionsausschuß bestätigt. Sie erklärte, daß die
Stellungnahmen des BMJ gemeinsam mit der GEMA erarbeitet wurden, weswegen Heker
als Begleiter der Bundesregierung mit am Tisch säße. Die Abgeordneten
akzeptierten dies nicht und verwiesen Heker nach einer kurzen Beratungspause
vom Platz."
Demokratie, wie sie die GEMA und das FDP-Justizministerium verstehen...
Die GEMA diktierte dem BMJ in die Stellungnahme, es gebe "keinen
gesetzgeberischen Handlungsbedarf". Die GEMA handele
"gesetzeskonform". Und die Erde ist eine Scheibe.
Die GEMA sieht sich jedenfalls laut eigener Stellungnahme auf
"Reformkurs" - Aufsichtsrat und Vorstand der GEMA haben für die
kommende Mitgliederversammlung einen Antrag zur Erhöhung der Anzahl der
Delegierten für die außerordentlichen und angeschlossenen Mitglieder
erarbeitet. Die 60501 (!) außerordentlichen und angeschlossenen Mitglieder sollen
zukünftig in der Mitgliederversammlung statt von 34 von sage und schreibe 42
Delegierten vertreten werden - die 3251 ordentlichen Mitgliedern
gegenüberstehen. Zur Erinnerung: über ein Drittel der GEMA-Erträge werden von
den außerordentlichen Mitgliedern erwirtschaftet - statt des ihnen zustehenden
Drittels in der Mitgliederversammlung gesteht die GEMA ihnen nun etwa 1,5%
statt bisher 1% der Stimmen in der Mitgliederversammlung zu - was für ein
Fortschritt! Feudalherrschaft at it's best.
Davon zeugt auch die "Pressekonferenz", die die GEMA am 28.Mai
anläßlich eines Betrugsvorfalls in ihren Reihen inszenierte - GEMA-Mitglieder
haben Hand in Hand mit GEMA-Mitarbeitern Livemusikveranstaltungen abgerechnet,
die nie oder nicht in dem Umfang stattgefunden haben. Das undurchschaubare
GEMA-Abrechnungssystem lädt bekanntlich geradezu zum Betrug ein. Wer nun
glaubt, die GEMA würde der Presse Rede und Antwort stehen, sah sich getäuscht -
laut Bericht der "FAZ" waren Fragen von Journalisten nicht zugelassen,
statt dessen interviewte eine Unternehmenssprecherin ihren eigenen Chef,
"was eher den Charakter einer Schauveranstaltung hatte. Wie Hohn klang
auch die einleitende Aussage Hekers, die Gema habe "nichts zu
verbergen"".

* * *

Karl Kraus über den Kommunismus:
"Der Teufel hole seine Praxis, aber Gott erhalte ihn uns als konstante
Drohung... Gott erhalte ihn uns, damit dieses Gesindel, das schon nicht mehr
ein und aus weiß vor Frechheit, nicht noch frecher werde."

* * *

Das Filmstudio Babelsberg schreibt den Bewohnern einer Senioreneinrichtung:
"Sicherlich haben Sie vor einiger Zeit den Fernsehfilm
"Spätzünder" gesehen. Er handelt von aufmüpfigen Senioren, die eine
Band gründen und den ersten Preis in einem Wettbewerb gewinnen. Etwas Ähnliches
planen wir auch diesmal. Es geht um unternehmungslustige Senioren, die es sich
in den Kopf gesetzt haben, alte Volkslieder wie zum Beispiel "Am Brunnen
vor dem Tore", aber auch "Das alte Försterhaus" zu neuem Leben
zu erwecken. Wir sind stolz darauf, daß es uns gelungen ist, Johannes Heesters
für diesen Plan zu interessieren. Er hat seine Teilnahme bereits zugesagt. Da
man für einen Film Statisten braucht, unsere Frage: Wollen Sie mitmachen?
Wollen Sie gemeinsam mit Johannes Heesters alte Volkslieder singen? Dann tragen
Sie sich bitte in die an der Rezeption liegende Liste ein. Für diesen Spaß
erhalten Sie obendrein noch 50 Euro.
Starten Sie Ihre Filmkarriere! Es ist nie zu spät."
Aber warum nur "alte Volkslieder" singen? Singen Sie doch mit
Johannes Heesters, der auch schon für Goebbels und Hitler im Berliner
Admiralspalast gesungen hat, ein paar alte Nazilieder. Die Gema freut sich und
rechnet die Gebühren mit dem Roten Kreuz ab.

* * *

"Verweigerung ist eine Fähigkeit, die sich im Alter verfeinert."
(Harald Fricke)

30.04.2010

Und Ansonsten 2010-04-30

"Unser"
Verteidigungsminister geriert sich in etwa so ungeschickt und inkompetent wie
"unser" Außenminister, hat aber eine deutlich bessere Presse.
Neuester adeliger Schmarrn: daß Deutschland in Afghanistan zwar Krieg führe,
aber nur "umgangssprachlich" - was so ziemlich auf allen denkbaren
Ebenen Blödsinn ist.
Goggelmoggel sagt in "Alice im Wunderland": "Wenn ich ein Wort gebrauche,
dann heißt es genau, was ich für richtig halte - nicht mehr und nicht
weniger."

* * *

"Krieg, also der
Verteidigungsfall, muß vom Parlament festgestellt werden. Das hat nie
stattgefunden. Dem hat eine formelle Kriegserklärung zu folgen - an wen
eigentlich? Bin Laden vorladen? Und von dem Moment an ist Merkel
Oberkommandierende der Streitkräfte, nicht mehr zu Guttenberg. Beider Geschwätz
vom "Krieg" geht also mit mehrfachem Bruch der Verfassung einher; wir
werden von einem deutschen Unikum regiert: einer verfassungsfeindlichen
Ziviljunta."
Friedrich Küppersbusch

* * *

Adolf Hitler und seine Filmfirma, die deutsche "Constantin Film";
sind beleidigt: Die "Constantin Film" hat laut
"Perlentaucher" sämtliche auf Eichingers Film "Der
Untergang" basierende Hitler-Parodien bei Youtube sperren lassen.
Ob Adolf Hitler und seine deutschen Partner planen, auch Charlie Chaplins Film
"Der große Diktator" zensieren zu lassen, war bei Redaktionsschluß
nicht in Erfahrung zu bringen.

* * *

Der jüdische Komiker Oliver Polak erzählt im Interview mit der
"Welt":
"Einmal rief diese
Veranstalterin vom Berliner Admiralspalast an und sagte: "Hey Oli, wir
machen hier Mauerfall-Revue am 9.November, 20 Jahre Mauerfall, mußt du
unbedingt vorbeikommen", und ich sagte: "Nimms mir nicht übel, aber
zur Reichspogromnacht betrete ich keine Bühne", und dann sagt sie:
"Macht doch nichts, bringst du deine Freunde mit und dann feiern wir alle
zusammen.""

* * *

Was Dieter Gorny für die Tonträgerindustrie, das stellt Jens Michow für die
sogenannte "Live-Industrie" dar - Faktotum, Lautsprecher,
Selbstdarsteller, je nachdem. Der Multifunktionär Michow ist unter anderem auch
Geschäftsführer des "PRG Live Entertainment Awards" (LEA) und hat als
solcher dem "Musikmarkt" ein Interview gegeben, in dem er die
deutschen Tournee- und Konzertveranstalter zu Kadavergehorsam und Korpsgeist
auffordert: "...ich
will nicht verhehlen, daß es auch immer noch einige Veranstalter gibt, die den
LEA als vermeintliche "Selbstbeweihräucherung" der Branchenakteure
abtun, jegliche Kooperation kategorisch ablehnen und selbst für die
Entgegennahme der Auszeichnung nicht zur Verfügung stehen (...) Aus meiner
Sicht zeigen derartige Reaktionen nicht nur, daß Sinn und Zweck der
Veranstaltung in fataler Weise falsch verstanden werden, sondern daß diese
Kritiker noch nicht begriffen haben, wie Politik und Lobbyismus funktionieren.
Wenn man die gesetzlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen eines
Wirtschaftszweiges verändern will, kommt man nicht weiter, indem man sich in
sein Schneckenhaus zurückzieht. Man muß der Politik veranschaulichen, welche
volkswirtschaftliche Bedeutung der Wirtschaftszweig hat, für den man
kämpft."
Nun gut, ich hatte mich als jemand, der dreimal in Folge als
"Künstleragent des Jahres" für den "LEA" nominiert wurde
und der gegen seine sonstigen Prinzipien letztes Jahr erst- und einmalig einem
"LEA" beigewohnt hat, jeglicher Stellungnahme dazu bisher verweigert.
Aber wenn man sich hier indirekt so anpflaumen lassen muß, dann machen wir halt
mal ernst: Tatsache ist, daß der "LEA", dem ich 2009 beigewohnt habe,
so ziemlich die langweiligste Veranstaltung war, an der ich jemals teilgenommen
habe (und ich habe in meiner Kindheit etliche katholische Messen, später so
manches Regionalligaspiel und noch später einige Jahreshauptversammlungen der
Freiwilligen Feuerwehr besucht, die im Vergleich zum "LEA" spannende
und intellektuell wie künstlerisch interessante Veranstaltungen waren...). Es
war in der Tat eine nicht enden wollende Selbstbeweihräucherung der Branche,
man hat sich gegenseitig belobhudelt, das Musikprogramm war nicht einmal
durchschnittlich, und wenn ich sage, daß der Auftritt von
"Silbermond" der musikalische und der Auftritt von Atze Schröder der
komische Höhepunkt der Veranstaltung waren, dann kann sich der geneigte Leser
ungefähr vorstellen, wie furchtbar der Abend war. Wie immer hierzulande kam die
unabhängige Szene praktisch nicht vor, es ging wie beim "Echo" einzig
um "Mainstream" - "wer hat den größten", sozusagen. Und als
man nach faktisch ca. vier Stunden und einer gefühlten Ewigkeit die
Veranstaltung endlich hinter sich hatte, gab es ein nicht mal mittelmäßiges
Buffet, das so schlecht organisiert war wie die ganze Veranstaltung - die
einzigen freien Plätze gab es signifikanterweise neben dem in Hamburger
Klatschpostillen so genannten "Neger-Kalle", der zwar anscheinend vom
"LEA"-Komitee eingeladen worden war - neben die
"Kiez-Größe" wollte sich aber niemand an den Tisch stellen. Ich
konnte gar nicht schnell genug wieder verschwinden, mußte mich bei meiner Frau
noch tagelang dafür entschuldigen, daß ich sie zu einer derart langweiligen
Veranstaltung mitgenommen hatte, und schwor mir: "nie wieder tust du dir
das an!"
So ist das.
Laßt uns ehrlich miteinander sein: wer so eine Veranstaltung haben möchte und
sich dabei wohl fühlt, der soll da hingehen und die 200 Euro Schmerzensgeld
dafür berappen. Die Menschen tun mitunter merkwürdige Dinge. Was mich aber
wundert, ist, wie ungelenk, hölzern und sterbenslangweilig sich ausgerechnet
die Live-Branche hier präsentiert. So will man der Politik imponieren? Muß denn
jede Veranstaltung, die Politikern gefallen soll, gleich so langweilig sein wie
eine SPD-Ortsvereinssitzung im Sauerland oder eine CSU-Ortsverbandsversammlung
im Bayerischen Wald?
Aber man verschone mich bitte mit dem von Herrn Michow eingeforderten
Kadavergehorsam, mit dem indirekt geäußerten Diktum, wer am "LEA"
nicht teilnehme, schade der deutschen Veranstaltungswirtschaft. Was für ein
Unsinn. Wer am "LEA" nicht teilnimmt, ist einfach nur irgendwie noch
ein bißchen bei Trost.

* * *

"Die fünfbändige
Ausgabe der "Berlinischen Dramaturgie" gehören zum geistigen Besitz
einer Gesellschaft, die nicht mehr existiert. Den geistigen Überfluss, den die
DDR sich leistete und der in dieser Ausgabe dokumentiert ist, gibt es
tatsächlich nicht mehr. In der deutschen Einheitsgesellschaft, die seit 1990
die DDR und die Bundesrepublik ersetzt, führen geldschrappige Halbalphabeten
das, was sie Bildungsdebatten nennen."
Wiglaf Droste über die jüngste Peter Hacks-Neuerscheinung

* * *

Was am Buch "Komm, wir werfen ein Schlagzeug in den Schnee - Die
Pop-Tagebücher" des "FAZ"-Journalisten Eric Pfeil am meisten
nervt, ist, daß man vieles gerne selbst so gesagt, gern genau so formuliert hätte.
So unterhaltsam, das beweist Eric Pfeil in seinem regelmäßigen
"FAZ"-Blog, kann oder könnte Popkritik hierzulande sein.
Eine Kostprobe aus Eric Pfeils aktuellen Blogs:
"Menschen, die
permanent erzählen, daß sie "sich selbst treu geblieben" sind und
solches auch noch als Wert zu verkaufen versuchen, lassen allzu rasch Ödnis in
mir emporsteigen. Sich selbst treu zu bleiben, wird überschätzt. Jeder kann
sich selbst treu bleiben, da ist es ja schwieriger, sich ein Brot zu
schmieren."
Oder in einer aktuellen Kritik zu einem "Ich + Ich"-Konzert schreibt
Pfeil in der "FAZ":
"Ich + Ich sind vor
allem eins: professionell. Das mag man in Deutschland. Nicht umsonst hat sich
hierzulande, wenn es darum geht, zu beschreiben, daß eine Band eine saubere
Produktion abgeliefert hat, die Vokabel "amtlich" durchgesetzt. Und
amtlicher Kitsch ist die textliche Verwaltung von Veränderungsängstlichkeit,
platter, phrasenhafter Kritik und ungelenker Poesie allemal. Die Lieder heißen
"Trösten", "Pflaster" oder "So soll es bleiben".
Rätselhaftigkeit, Aufmüpfigkeit oder gar Verstörung sucht man natürlich
vergeblich, schließlich wird hier nach den Regeln des Schlagers gespielt -
allerdings würde keiner der hier Anwesenden je dieses Wort in den Mund nehmen.
Dabei sind Ich + Ich beispielhaft für die Schlagerisierung der
deutschsprachigen Popmusik, die sich auch bei Silbermond oder den Sportfreunden
Stiller niederschlägt."
Gut gebrüllt. Das Buch von Eric Pfeil wird ausdrücklich empfohlen - wenn man
gerade mal zwischen der Lektüre von zwei Hacks-Bänden Pause machen mag.

* * *

Nun jammern sie wieder, angesichts der aktuellen Finanzprobleme mit
Griechenland, Portugal, Irland und Spanien. Und vergießen doch nur
Krokodilstränen.
Kann sich noch irgend jemand daran erinnern, wie uns Frau Merkel und Herr
Steinbrück vor Jahr und Tag versprochen haben, die Untaten der Banken in
Zukunft einschränken zu wollen? Das war natürlich von Anfang an unglaubwürdig,
schließlich haben die Regierungen von Gerhard Schröder und Angela Merkel, also
SPD, CDU/CSU und Grüne, mit der Deregulierung der Finanzwirtschaft die
gigantischen Fehlspekulationen überhaupt erst ermöglicht. Der Ex-Minister
Steinbrück, der im September 2008, zehn Tage nach der Lehmann-Pleite, im
Bundestag verkündete, ein Bankenrettungsprogramm wie in den USA sei in
Deutschland "nicht notwendig", während nur einen Tag später die
Verhandlungen für den 100-Milliarden-Freikauf der Münchner HRE begannen, dieser
Herr Steinbrück darf sich heute bei Beckmann und Konsorten als unabhängiger
"Fachmann" gerieren, während hierzulande das Versteckspiel der
Finanzwirtschaft mit Deckung der Regierung weitergeht - die Operationen des
Sonderfonds Finanzmarktstabilisierung unterliegen der strikten Geheimhaltung,
die auf die Staatsbank KfW übertragenen Altlasten der IKB und der Irland-Fonds
der SachsenLB werden nicht offen bilanziert. Der Bundestag betreibt bis heute
keine umfassende Aufklärung des Finanzskandals, der in Leo Müllers Buch
"Bankräuber. Wie kriminelle Manager und unfähige Politiker uns in den Ruin
treiben" bedrückend genau durchleuchtet wird. Die Finanzkrise hat den
deutschen Steuerzahler dreistellige Milliardenbeträge gekostet, ohne daß
irgendwelche Konsequenzen gezogen worden wären - die Deutsche Bank erzielte
gerade dank ihrer Investmentsparte im ersten Quartal 2010 Milliardengewinne,
sie "profitiert von den
staatlichen Notmaßnahmen, weil sie an vielen Finanzierungsgeschäften des
Staates beteiligt ist und daran verdient, wenn er sich weiter verschuldet.
Deshalb sind ihre hohen Renditen sehr problematisch. Sie ist die Gewinnerin der
Krisenverarbeitung, sie schadet der Allgemeinheit, denn sie kassiert hohe
Zinsen und Provisionen zu Lasten des Staates", stellt der
Wirtschaftsprofessor Rudolf Hickel in der "Berliner Zeitung" fest und
fordert, daß Geschäftsbanken das Spekulieren verboten werden sollte.
Und der US-amerikanische Wirtschafts-Nobelpreisträger Joseph Stiglitz stellt
(ebenfalls in der "Berliner Zeitung") fest, "daß China die Krise besser
gemanagt hat als wohl jedes andere Land". China, das Land, das
hierzulande von Springer bis taz, von Merkel bis zu den Grünen nur gebashed
wird? Der allen linken Gedanken unverdächtige Nobelpreisträger Stiglitz
erklärt: "Aber eine
Sache, die man in China offensichtlich besser verstanden hat als im Westen, ist
die Bedeutung von Regulierung. Ist es nicht ironisch, daß wir die Chinesen
jahrelang gewarnt haben, ihrem Finanzsystem drohe der Kollaps, wenn sie es
nicht nach unserem Vorbild reformieren - und am Ende sind wir selbst
zusammengebrochen? Eine weitere Lehre, die man aus Chinas Erfolg ziehen kann,
ist, die wichtige Rolle des Staats bei der Förderung von Industrie,
Innovationen und Bildung."
Wenn man bedenkt, daß die hiesige Regierung nun schon seit Beginn der Krise
durch Untätigkeit glänzt, weiterhin keinerlei Gesetze erwirkt, um das zum Teil
kriminelle Finanzgebaren der Banken zu unterbinden, und wie gleichzeitig
dreistellige Milliardenbeträge aus Steuergeldern zum Fenster hinaus geworfen
werden, während die Banken Milliardenprofite mit den Problemen des Staates
machen - dann kann man nur feststellen: Im wilden Westen hätte man das Problem
einer derart unfähigen Regierung gelöst, indem man Frau Merkel und ihre
Helfershelfer geteert und gefedert aus der Stadt gejagt hätte.

* * *

Viele Kultureinrichtungen werden vom Land Berlin hoch subventioniert. An der
Spitze der staatlichen Subventionen pro Ticket liegt direkt hinter der
Staatsoper (186,10 Euro Zuschußbedarf für jeden zahlenden Besucher) die
Volksbühne mit einem Zuschuß von 184 Euro pro Ticket.
Die sogenannte "Musikbühne" der Berliner Volksbühne, kuratiert von
einem Tourneeveranstalter, sorgt mit Konzerten wie Femi Kuti, Get Well Soon,
Rufus Wainwright, Charlotte Gainsbourg oder Daniel Lanois, die jeder freie
Konzertveranstalter in der Stadt mit Gewinn durchführen könnte, dafür, daß die
freie Konzertszene eingeschränkt wird, daß die freien Konzertveranstalter der
Stadt, die mit ihren Steuerzahlungen die gigantischen Subventionen von 184 Euro
pro Volksbühnen-Ticket überhaupt erst ermöglichen, einen geschäftlichen
Nachteil haben. Völlig durchgeknallt, völlig gaga. Das Subsidiaritätsprinzip
wird hier ad absurdum geführt und mit Füßen getreten für eine kommerzielle
(Neu-)Ausrichtung einer staatlichen Kulturinstitution. Pervers.

* * *

Die sogenannten Spitzenverbände der sogenannten deutschen Kreativwirtschaft
haben am "Tag des geistigen Eigentums" (was es so alles gibt...) wie
eine tibetanische Gebetsmühle wieder einmal ihre Forderungen vorgetragen:
Polizei und Justiz sollen so ausgestattet werden, daß sie "den neuen Herausforderungen
durch Internetkriminalität gewachsen sind, um einen wirksamen Schutz
bestehender Rechte im Internet zu gewährleisten", die "Anonymität des
Internets darf nicht für illegale Zwecke mißbraucht werden",
eben das alte Lied: Überwachungs- und Polizeistaat.
Zur Untermauerung der Forderungen hat die "Internationale
Handelskammer" bei einer Unternehmensberatung eine Studie in Auftrag
gegeben, bei der, Überraschung!, das herausgekommen ist, was der Auftraggeber
hören wollte und bezahlt hat: angeblich verhindert die Internetpiraterie die
Schaffung von 34.000 Arbeitsplätzen. Und bis zum Jahr 2015 könnten durch
"Internetpiraterie" gar 600.000 "potenzielle" (tschah)
Arbeitsplätze vernichtet werden. "Potenzielle" Arbeitsplätze also,
aber garantiert vernichtet, so viel ist klar.
Ist ja sowieso immer genial irgendwie, wie die Musikwirtschaft diese Zahlen so
genau wissen will. Die "Brennerstudie 2010" des "Bundesverbandes
Musikindustrie" etwa weiß von ganz genau 258 Millionen illegalen Musikdownloads
2009 (im Vergleich zu 316 Millionen in 2008). Nur, woher will man das so genau
wissen? Steckt Dieter Gorny seine Ohren ins Internet und zählt mit (was
zumindest seinen roten Kopf erklären würde)? Wobei, wie erklärt sich der
"Bundesverband Musikindustrie" denn den selbst konstatierten
drastischen Rückgang der angeblichen illegalen Musikdownloads, wo die Politik
doch gar nicht die überwachungsstaatlichen Gesetze verabschiedet hat, die Gorny
und Konsorten so dringend fordern? Der US-Rechnungshof GAO jedenfalls, der sich
intensiv mit den wirtschaftlichen Folgen von Raubkopien beschäftigt hat, kann
laut "Spiegel Online" "keine
belastbaren Daten finden, um die Verluste durch Produkt- und Copyright-Piraten
zu beziffern" und macht deutlich, in welch hohem Ausmaß "unzulängliches
Datenmaterial" in die bisherigen Studien zum Thema
eingeflossen ist. Interessant, nicht, Herr Gorny?
Die wirklich drohenden Verluste für die deutsche Wirtschaft listet dagegen das
"Manager Magazin" auf - 20% des Jahresumsatzes im Musikbereich und in
der Telekommunikation, 15% bei Consumer Electronics und bei Filmen sind demnach
in Zukunft gefährdet - und zwar nicht durch die "Internetpiraterie",
sondern durch unternehmerische Fehlentscheidungen, durch Mißmanagement. Aber davon
lenken die Herren gerne ab, denn es kann ja nicht sein, was nicht sein darf,
und es ist einfacher und billiger, nach neuen Gesetzen zu rufen...
Neu ist übrigens, daß bei dem Unfug, den die Spitzenverbände der deutschen
Kreativwirtschaft so betreiben, nun auch die Gewerkschaften mittun. Die
Gewerkschaft "Verdi" jedenfalls erklärte am "Tag des geistigen
Eigentums" ihren politischen Bankrott und machte sich mit den
Wirtschaftslobbyisten und ihren abenteuerlichen Forderungen gemein. Kein
Schwachsinn, an den sich deutsche Gewerkschaften nicht liebend gern heranwanzen
würden.

* * *

"Was ich noch zu sagen
hätte, dauert eine Zigarettenfabrik."
(Kristof Schreuf, "Brüllen")
Mit freundlichen Nichtraucher-Grüßen, genießen Sie den Frühling, und kehren sie
bei dem einen oder anderen Konzert ein…

02.04.2010

Und Ansonsten 2010-04-02

Der
"Spiegel" hat ein Kind - "Dein Spiegel" heißt das Magazin,
das sich an Kinder und Teenies ranwanzt. Auf dem Titel: "Die
Kloster-Kids", womit nicht etwa die von der katholischen Kirche
mißbrauchten deutschen Kinder gemeint sind, sondern "Buddhas junge
Mönche". Nun gut, auch in Laos ist für die jungen Kloster-Kids nicht alles
Zuckerschlecken: "Morgens
um vier geweckt werden, ums Frühstück betteln - das klingt nicht nach einem
schönen Leben. Doch für Phou bedeutet das eine große Chance: Er ist Mönch, darf
im Kloster zur Schule gehen und auf eine bessere Zukunft hoffen",
weiß das "Spiegel"-Junior-Magazin und wirbt ansonsten für den
"Gottkönig von Tibet", den Dalai Lama, den klügere Menschen wie zum
Beispiel Friedrich Küppersbusch als "Repräsentant
einer diktatorischen Mönchs-Junta" bezeichnen.
Aber worauf wollen die "Spiegel"-Macher (Chefredakteure des Magazins
für Kids sind Mascolo und Müller von Blumencron, die auch als Chefs des
eigentlichen "Spiegel" fungieren) hinaus? Wollen sie den Skandal-geschüttelten
Eliten, die ihre Kinder bevorzugt auf Klosterschulen geben, schildern, wie es
in Buddhas Schulen zugeht? Oder die verunsicherten Kinder darauf stoßen, daß
sie es im Grunde noch ganz gut getroffen haben, wenn sie, wie in der
Klosterschule Ettal, nur geprügelt werden, und nicht ums Frühstück betteln
müssen?
Untertitel dieses merkwürdigen Magazins: "Einfach
mehr wissen". Aha.

* * *

Unsereiner ist nicht sonderlich überrascht über den flächendeckenden Skandal
des sexuellen Mißbrauchs Schutzbefohlener durch Amtsträger der katholischen
Kirche - letztlich nur ein weiteres Mosaiksteinchen einer zwei Jahrtausende
währenden "Kriminalitätsgeschichte" (Karlheinz Deschner, leider immer
wieder aktuell). Was einen schon mehr wundert, ist die Tatsache, daß man
eigentlich nur in den USA, in der "New York Times", eine ausführliche
Berichterstattung über die Skandale des deutschen Katholizismus liest, der die
entscheidende Frage stellt, nämlich: Wie kann das eigentlich sein, daß nur in
Deutschland die Kirche eine gesetzesferne, unangetastete Rolle spielt? Wie kann
es sein, daß nur in Deutschland der Staat die Finanzierung der Kirchen
organisiert und absichert? Wie kann es sein, daß in Deutschland der Staat eine
gesetzesferne Arbeit der Kirchen ausdrücklich erlaubt und fördert - und eben
finanziert? Laut Gesetz sind die Kirchen "Tendenzbetriebe", für die
zum Beispiel das Arbeitsrecht nicht gilt. Und die Mißbrauchsskandale läßt man
die Kirche selbst aufklären, die Begrifflichkeit "Bock und Gärtner"
wäre eine zu freundliche Umschreibung dieser Tatsache - hierzulande läßt man
die Mafia die Mafia überprüfen. Ein schlechter Scherz. In keinem anderen
Industriestaat gibt es eine derart enge Verzahnung von Staat und Kirche - und
es hat ja Gründe, warum keine Kanzlerin, keine Parteien, keine Medien
hierzulande fordern, was überfällig ist: daß die Kirchen auf das ihnen
zustehende Maß zurechtgestutzt werden, ohne Sonderrechte, ohne staatlich
organisierte und abgesicherte Finanzierung, eben so, wie es selbst in den
christlichsten Staaten dieser Erde Brauch ist.
Solange keine Initiativen in diese Richtung gestartet werden, möchte ich von
Medien und Politik nichts mehr hören zu diesem Thema, denn ohne diese
Konsequenzen ist jede weitere Berichterstattung über die Kirche und ihre
Skandale unglaubwürdig.
Der unübertroffene Peter Hacks hat es in einem knappen Zweizeiler unter dem
Titel "Recht auf Gleichbehandlung" auf den Punkt gebracht:
"Die Glocke stört, es stört der Muezzin,
Man bringe sie zum Schweigen, die wie ihn."

* * *

Besser als die Stellungnahme von Papst Benedikt, der angesichts des
Mißbrauchsskandals vor dem "Zeitgeist" gewarnt hat, gefällt mir
übrigens, was der Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller - "dann macht
es bumm!" - hat verlautbaren lassen, u.a. nämlich dies:
"Indem man endlos
antikatholische Klischees bedient und alte Ressentiments weckt, soll der
Widerspruch zwischen virtueller Medienrealität und der Wirklichkeit, die immer
eine Mischung ist von Licht und Schatten, verschleiert werden (legenda negra).
Es besteht die Gefahr, dass sich bei "mediengläubigen" Zeitgenossen
der Eindruck festsetzt, es könne doch nicht alles falsch sein, was "in der
Zeitung steht". Missbrauchte Pressefreiheit lässt sich nicht mehr
unterscheiden von einer Diffamierungs-Lizenz, mit der man scheinbar legal all
diejenigen Personen und Glaubensgemeinschaften ihrer Ehre und Würde beraubt,
die sich dem totalitären Herrschaftsanspruch des Neo-Atheismus und der Diktatur
des Relativismus nicht fügen."
Wer regelmäßig auf die Website www.kath.net
geht, kann sich das Abo für eine Satirezeitschrift sparen.

* * *

Auch irgendwie Papst und sehr unfehlbar ist der deutsche Außenminister Guido
Westerwelle. Die FDP nennt jedwede Kritik an Westerwelle "demokratiegefährdend".

Ich bitte um Verzeihung, nein: Vergebung, den FDP-Chef in meinem letzten
Rundbrief kritisiert zu haben. Ich gelobe Besserung. Hoffe, die Demokratie hat
den März-Rundbrief noch mal ausgehalten und überlebt...

* * *

Uns erreicht eine Werbemail einer Plattenfirma. Der Titel: "wavemusic - vom sauber getimten
Kuß". Ja, "sauber getimt". Bitte laut aussprechen,
hört sich hübsch an. Etwas sonderbar, aber wer "die allseits bekannte
Anthropologin Margaret Mead" heranzieht, um seine komische CD namens
"wavemusic Volume 14" zu bewerben, mit "28 wunderbaren Songs, die zum romantischen und
musikalischen Eskalieren einladen", dem ist wahrscheinlich
sowieso nicht mit den Geheimnissen deutscher und englischer Sprache zu helfen.
Aber was ist nun "musikalische Eskalation"? Und muß man sich Sorgen
machen, wenn die musikalische Eskalation mal nicht "sauber getimt"
wird? Fragen über Fragen wirft diese Werbemail auf.

* * *

Auch gut ist dieser Abschnitt aus der Werbemail eines Mitbewerbers:
"Der Bozz vereint die
Klänge des Betons mit seinen Fähigkeiten als Poet der Strasse. Nachdem Azad
durch seine letzten beiden Veröffentlichungen bewiesen hat, dass ehrlicher,
rauer Rap hierzulande gefragt ist, gewährt er auf diesem Strassenalbum
zusätzlich tiefe Gefühlseinblicke."
Wenn Betonklänge auf Straßenalben zusätzlich tiefe Gefühlseinblicke zeigen...

* * *
Während es "Pur" nicht lassen können:
"PUR planen die
Veröffentlichung einer umfangreichen, limitierten und durchnummerierten
Live-Box in einer hochwertigen Verpackung. Dabei sollen Wünsche der Fans
berücksichtigt werden. Nimm Dir ein paar Minuten Zeit und sag uns, was Du
denkst.
Du hast die Chance
mitzubestimmen, welche Inhalte in die Box kommen, und wie die Verpackung
aussehen wird." (Hervorhebungen im Original)
Ich habe mir "ein paar Minuten Zeit" genommen, um zu sagen, was ich
denke: Ich denke, daß "Pur" ganz großer Mist sind, daß sie weh tun,
und daß sie, solange hierzulande keine Gefangenenlager á la Guantánamo
existieren und entsprechende Foltermusik benötigt wird, besser nicht gespielt
werden sollten. Daher sollte die limitierte und durchnummerierte (seit wann
können "Pur"-Fans zählen?) "Live-Box" leer sein, und was
aufs Cover soll, nämliche eine kleine Abbildung von diesem Zeugs, was in Berlin
so auf den Straßen zu liegen pflegt, dürfte auch klar sein.
Dachte ich mir. Und wollte es "emimusicnews" at "emihosting.com
im Auftrag von PUR" auch, wo sie so nett drum gebeten hatten, kurz
mitteilen - dann aber mußte ich feststellen, daß es "unter anderem 2
Tickets für ein PUR Open Air Konzert" zu gewinnen gab - und dann habe ich
es vorgezogen, meine Gedanken lieber doch nicht abzuschicken, sicher ist
sicher...

* * *

Ein anderer Clown, der gerade wieder mal im Zirkus aufgetreten ist, nennt sich
Dieter Gorny. Der fühlt sich angesichts jüngster Umsatzrückgänge der
Musikbranche "von der
Politik im Stich gelassen" und erwartet "Millionenverluste an
Steuern".
Dieter Gorny, der Mann, der in seinem ganzen beruflichen Leben noch kein
eigenes Geld in die Hand genommen hat, kommt einem vor wie der Bäcker ums Eck,
dessen Geschäftsmodell nicht mehr funktioniert, der seine Kunden verliert. Wo
aber der Bäcker entweder versuchen würde, bessere Brötchen zu backen, oder eben
seine Bäckerei aufgeben würde, um etwas anderes zu versuchen, da ist Dieter
Gorny einer, dessen Brötchen altbacken daherkommen und nicht schmecken, der
aber, anstatt sein Geschäftsmodell zu hinterfragen, wie das jeder anständige
Mensch tun würde, lauthals nach dem Staat ruft - Gorny ist wie ein schlechter
Bäcker, dem die Kunden weglaufen, der aber von der Regierung nicht einmal
Finanzhilfen, sondern gleich ein Gesetz fordert, wonach jeder, der in seiner
Straße wohnt, ach was, jeder, der durch seine Straße geht, auch seine lumben
Brötchen zu kaufen habe.
Ein armer und trauriger Clown, dessen seit Jahr und Tag rotgesichtig und
jämmerlich wiederholten Scherze schon beim ersten Mal niemanden zum Lachen
brachten, und der ernsthaft niemanden mehr schert (der aber natürlich als
bezahlter Lobbyist weiter durchs Berliner Milieu kraucht als Faktotum aus einer
vergangenen Zeit).

* * *

Die Lichtgestalt in der kleinen, tristen Welt des Dieter Gorny ist ganz sicher
Bushido, der durch rigoroseste Verfolgung downloadender Fans genau das tut, was
sich unser kleiner Dieter und sein "Bundesverband der Musikindustrie"
wünschen und vorstellen. Dumm nur, daß Bushido nun selbst beim dumpfesten
Diebstahl erwischt wurde - und zwar nicht beim kreativen Umgang mit Samples,
wie es seit Mahler unter Künstlern gang und gäbe ist, sondern beim simplen
Klauen kompletter Motive, die er einfach von einer französischen
Gothic-Rock-Band namens "Dark Sanctuary" gestohlen und mit eigenen
dumpfen Texten unterlegt hat. Laut "Spiegel Online" muß Bushido nun
Schadensersatz in noch unbekannter Höhe an die französische Band und deren
Plattenfirma bezahlen, und die elf (!) betroffenen Alben, Singles und Sampler
dürfen nicht mehr verkauft werden, bereits ausgelieferte Tonträger muß die
Plattenfirma zurückrufen und vernichten.
Wenn Bushido-Alben geschreddert werden, kann man Schadenfreude wohl kaum
verhehlen. Jemand, der Texte wie "Berlin
wird wieder hart, denn wir verkloppen jede Schwuchtel / Du Nutte kannst nach
Hause gehen, ab jetzt ist Hardcore du Opfer" veröffentlicht,
dem gebührt nicht nur jedwede Form von Verachtung, sondern aus 1000 anderen
Gründen als dem Urheberrecht das Schreddern seiner Alben - man kann bekanntlich
auch aus falschen Gründen das Richtige tun. Bushido ist übrigens der Künstler,
den Kanzlerin Merkel und ihre damals schwarz-rote Bundesregierung 2007 vor dem
Brandenburger Tor auftreten ließ...

* * *

Junker Günther Jauch macht sich nicht nur für konservative Architektur in
Berlin und für flächendeckenden Religionsunterricht öffentlich stark, sondern
finanzierte nun auch mit SAP-Gründer Hasso Plattner den Neubau des
Brandenburger Landtags in Potsdam - ach was, es ist natürlich nicht wirklich
ein "Neubau"; da kennt man den erzkonservativen
Lieblingsschwiegersohn und Junker Jauch schlecht - die historische Schloßfassade
mußte es natürlich sein, deren Rekonstruktion nun das Gesicht des Parlamentsbau
abgeben soll. Hübsche Demokratie, der nichts Besseres einfällt, als ihr
Parlament in den historischen preußischen Schloßnachbauten stattfinden zu
lassen!

* * *

In der Berliner "Neuen Nationalgalerie" findet folgendes, in der
hiesigen Presse in großformatigen Anzeigen angekündigtes, nun ja,
"Event" statt:
"Red Bull Flying Bach -
Die Flying Steps tanzen zu J.S. Bachs Wohltemperiertem Klavier."

Wobei Red Bull größer als der Titel in den Anzeigen steht. Und das Bild des
Meisters in einer hippen Sportjacke, unten die Logos, u.a. "Staatliche
Museen zu Berlin", "Bösendorfer", "Klassik Radio" und,
eben, "be.Berlin".
Deutschland ist eine Kulturnation. In echt jetzt, ey. "Be.Bach".

* * *

Warenwelten:
"Der Mauerbär.
Das KaDeWe präsentiert
exklusiv zum Jubiläum "20 Jahre Mauerfall" den limitierten
Steiff-Bären. Der Mauerbär ist ca. 46 cm groß, auf 500 Stück weltweit limitiert
und kostet 299,00 Euro. Nutzen Sie die Gelegenheit und lassen Sie sich Ihren
großen Mauerbären am Do 1.4.2010 ab 12 Uhr im Steiff-Shop in der 5.Etage mit
einem Motiv Ihrer Wahl auf eine der Tatzen airbrushen."
Kein Aprilscherz, leider. Ich wüsste allerdings schon ein geeignetes Motiv, das
ich dem Mauerbären gerne auf seine Tatze airbrushen ließe: den Mann im 1990er
Weltmeister-Trikot nämlich, der sich, vor den in Rostock brennenden
Asylbewerberunterkünften stehend und die Hand zum Hitlergruß erhoben, in seine
Trainingshose gepisst hat. Eine deutsche Ikone eben.

Einen netten ersten April und frohes Ostereiersuchen, mit oder ohne limitiertem
Mauerbären, wünscht Ihnen Ihr Berthold Seliger

20.03.2010

Und Ansonsten 2010-03-20

"Wenn
es mir nur um die Beliebtheitsumfragen ginge, hätte ich vielleicht besser
Sänger werden sollen." (Guido Westerwelle)
Wieso denn das? Singen kann Westerwelle doch sicher auch nicht...

* * *

Wobei die Aufregung um Westerwelle ein wenig gespielt scheint, besonders bei
denen, die das verfassungswidrige "Hartz 4"-Gesetz auf den Weg
gebracht haben - letzten Endes hat Westerwelle doch nur das wiederholt, worauf
nun mal die Agenda-Beschlüsse der damaligen rot-grünen Bundesregierung fußten.
Westerwelle ist halt das eifrige Tanzäffchen, das wahlweise auf der Drehorgel
der Kanzlerin oder der Drehorgel der Industriespender, die seine Partei
finanzieren, seine Wahlkampffaxen aufführt - als Person nicht weiter
ernstzunehmen, als Politiker nicht satisfikationsfähig.
Einen schönen Gedanken zu Westerwelle hat Friedrich Küppersbusch (warum hat der
eigentlich keine Fernsehsendung mehr?!?) in der "taz" formuliert:
"Guido Westerwelle war
seit 1983 Juli-Chef, seit 88 im FDP-Bundesvorstand und schloß sein Jurastudium
erst 1991 ab: Parteiamtssalär, Diäten, Ministergehalt. Der Mann hat nie
ernsthaft von etwas anderem als Staatsknete gelebt. Daß nun ausgerechnet er
wirklich Bedürftige als überfressene Orgiasten schmäht - im vorrevolutionären
Frankreich wäre das als der mannhafte Wunsch verstanden worden, sich immerhin
die eigene Laterne auszusuchen."

* * *

Ach, wenn die Medien doch mal aufhören würden, den Blödsinn nachzuplappern, der
allüberall zu lesen ist - daß die Künstler sich vermehrt ums Livegeschäft (das
angeblich boomt) kümmern würden, weil sie mit ihren Alben nichts mehr
verkaufen... In Danny Goldberg's Buch "Unter Genies" ist über die
Zeit um 1970 zu lesen (Goldberg arbeitet seit den 60er Jahren in der
Musikindustrie, war Manager von Bands wie Led Zeppelin, Manager und
Vorsitzender von Atlantic Records, Warner Bros. Records und Mercury Records):
"Es gab viele Künstler
wie die J. Geils Band, die Allman Brothers und vor allem Grateful Dead, die
mehr Geld auf Tour verdienten, als sie jemals mit Plattenverkäufen
erzielten."
Scheint also auch früher schon so gewesen zu sein...

* * *

"Ich bin Feministin!
Studentinnen schreiben Pornos und sind stolz darauf" heißt es
auf dem Titel des "UniSPIEGEL", das Studentenmagazin des
"Spiegel". Zu sehen ist eine Blondine mit schwarzem BH, neckisch auf
dem Boden kauernd mit einem Bleistift (!) an den Lippen - der Titel "Ich
bin Feministin" dabei das Geschlecht verbergend.
Wenn alte Herren Altherrenmagazine machen.

* * *

Arme Klassik.
Die "Berliner Zeitung" schreibt zu einem gescheiterten Klavierabend
der Pianistin Olga Scheps:
"Man muß es so hart
sagen: Wer einen Vertrag bei dem Label Sony Classical haben möchte, muß vor
allem optische Reize mitbringen. Ob er musikalisch etwas Interessantes zu sagen
hat, ist absolut zweitrangig; und bei der Frage nach dem Repertoire, nach der
Musik, die auf CD aufgenommen werden soll, hat der Künstler so gut wie kein
Mitspracherecht. Gefälliger Mainstream muß es sein."
So weit, so schlecht. Allerdings stimmt an dem Gesagten zweierlei nicht:
erstens und vor allem gilt das Gelb-Label, das nationale Klassikaushängeschild
"Deutsche Grammphon", seit Jahren als das Label, das am
konsequentesten die oberflächliche Pop-Promotion um- und durchgesetzt hat:
lauter schöne Menschen werden mit ihren optischen Reizen in den Vordergrund
gerückt und spielen in aller Regel langweilige Alben ein. Das ist ein Konzept,
das vor ein paar Jahren in der NMZ veröffentlicht wurde, man kann das im
Internet nachlesen - und wie das eben so ist: alle kupfern vom Marktführer ab,
so eben auch Sony Classical. Wobei man zweitens hinzufügen muß, daß auf diesem
Label letztes Jahr immerhin die Bach-Partiten mit Murray Perahia erschienen
sind, und der sieht, ähem, nicht soo dolle aus, und zum anderen hat
"Deutsche Grammphon" seit Jahren kein so gutes Album auf dem
Hauptlabel veröffentlicht (wenn man von "Archiv"-Produktionen z.B.
absieht ). Aber natürlich stimmt das, was die "Berliner Zeitung"
gesagt hat, in der Tendenz völlig, und man kann es besonders im sogenannten
"Chopin-Gedenkjahr" beobachten, denn Chopin gilt schlichteren
Geistern ja als "der" Romantiker, muß also von den Konzernbossen als
Thema ausgepreßt werden bis zum Gehtnichtmehr.
Aber, liebe Leserinnen und Leser dieses Rundbriefs: bitte fallt nicht auf die
Werbebotschaften der Musikindustrie rein. Verseht alle CDs, auf deren Covern
liebreizende junge Damen in zwielichten Posen zu sehen sind, mit einem Malus.
Geht an den hübschen Frauen, die mit den Wölfen spielen, vorbei, ignoriert
Alben, die einen Zusatztitel wie "Piano Adagio" (was fürn Schmarrn!
in der Werbung dazu heißt es dann "cantable Stücke von Chopin" - ach
ja?) oder "Credo" oder "The Mazurka Diary" benötigen. Und
wenn ihr Chopin-CDs kaufen wollt, wozu man nur raten kann, dann greift zum
Beispiel auf diese hier zurück: die Etüden gespielt von Pollini, die Polonaisen
gespielt von Rubinstein, die Klavierkonzerte von Zimerman, die Preludes von
Sokolov, die Nocturnes und die Berceuse noch mal von Rubinstein, die
h-moll-Sonate und die Walzer von Lipatti. Oder Aufnahmen von Richter, oder von
Argerich. Zum Beispiel. Das Gute ist: diese Aufnahmen sind hervorragend, und
weil die Kulturindustrie eben sehr merkwürdig tickt, sind sie überall sehr
günstig zu erwerben, sie werden euch zum Teil geradezu nachgeworfen.
Allerdings: die Künstler sehen teilweise nicht besonders gut aus. Tschah.
Vor allem aber sollte man ein Album erwerben, das zu den zehn besten aller
Zeiten (und damit meine ich nicht die besten "Klassik"-Alben aller
Zeiten, sondern insgesamt und überhaupt!) gehört und das in jeder CD-Sammlung
jedes Musikliebhabers und jeder Musikliebhaberin stehen sollte - eingespielt
hat es Arturo Benedetti Michelangeli, und es sind darauf zehn Mazurken zu hören
und die Ballade g-moll und das Scherzo b-moll, und nichts davon kann man
irgendwo besser hören als auf dieser CD. Wort!
(die Empfehlung für das beste Chopin-Booklet geht an Jan Reichow zur gerade
erschienenen Aufnahme der Mazurken von Evgeni Koroliov - was man da alles
lernen kann! "Mit den
Mazurken ist man auf dem besten Weg, den ganzen Chopin neu zu erschließen.
Nicht den der Hochschulkonzertexamen, der internationalen Wettbewerbe und
chinesischen Klaviertitanen, sondern den, der polnische Dorfmusik in sich
aufgesogen hat, Erinnerungen an Masowien, das Dorf Szafarnia, wo er nachts um
11 den einsaitigen Baß traktierte..." und die Musik ist auch
sehr empfehlenswert. Auf dem Cover sind allerdings nur Noten zu sehen...)

* * *

Nur mal wahllos und unvollständig Meldungen über Politiker und ihre
(Neben-)Tätigkeiten, aus einem Monat Zeitungs- und Magazinlektüre
zusammengestellt:
" Die Wohnungsbaugesellschaft Howoge hat den Planungsauftrag für die
Sanierung von 654 Wohnungen an den Berliner SPD-Abgeordneten und
stellvertretenden Bauausschußvorsitzenden Ralf Hillenberg vergeben. Ohne
Ausschreibung. Die beiden Geschäftsführer der Howoge sind ebenfalls
SPD-Mitglieder. Nach der Sanierung sollen sich die Mieten der Wohnungen
verdoppeln.
" In Düsseldorf kommt heraus, daß Landtagspräsidentin van Dinther (CDU)
und ihr Vize Moron (SPD) vom Kohlekonzern RAG Kohle, nämlich fünfstellige
"Beraterhonorare", eingestrichen haben.
" Laut "Spiegel" steht Ex-Bundeskanzler Schröder (SPD) dem
Aktionärsausschuß von Nord Stream vor, einem Konsortium, das mehrheitlich zu
Gazprom gehört. "Schröder war kaum einen Monat aus dem Amt geschieden, da
nahm er seinen Posten im Aufsichtsgremium von Nord Stream an. Er wurde zum
bezahlten Lobbyisten für eine Pipeline, die er als Kanzler vorangetrieben
hatte."
" Ebenfalls laut "Spiegel" arbeitet Ex-Außenminister Fischer
(Grüne) "inzwischen nicht nur für RWE, er berät auch BMW und Siemens. Er
bekommt also Geld von einem Autobauer, einem Hersteller von Atomkraftwerken und
einem Betreiber von Atomkraftwerken."
" Guido Westerwelle hat laut Recherchen von "Spiegel Online" in
der letzten Legislaturperiode 35 Vorträge für Firmen und Verbände für insgesamt
245.000 Euro gehalten - darunter die Privatbank Sal. Oppenheim, die,
Überraschung!, Maritim Hotelgesellschaft oder das Congress Hotel Seepark in der
Schweiz. Unter denen, die ganz masochistisch Geld dafür zahlten, daß
Westerwelle für sie redete, gehört auch eine Liechtensteiner Bank, bei der
deutsches Schwarzgeld versteckt wurde. Westerwelle hat sich beim Thema
"Ankauf von CDs aus der Schweiz mit Daten deutscher Steuersünder"
auffällig zurückgehalten - er sagte etwa, der Staat dürfe sich "nicht zum
Mittäter von Dieben" machen. Juristisch ist Westerwelles Verhalten
natürlich nicht zu beanstanden.
" Gespräche mit dem nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Rüttgers
(CDU) wurden von seiner Landespartei verkauft - angeblich ohne sein Wissen. Der
"Vorwurf der Käuflichkeit" sei "absurd", stellte Rüttgers
klar. Natürlich.
" Im Südwesten der Republik, im Landkreis Breisgau, ist der
CDU-Finanzstaatssekretär und Landtagsabgeordnete Fleischer in einen
Politskandal verwickelt, der ihn bereits zum Rücktritt von seinem Staatssekretärsposten
gezwungen hat - die Kiesunternehmen in seinem Wahlkreis gaben Fleischer für
seinen Landtagswahlkampf 2006 Kies, nämlich 40.000 Euro - entsprechend
"soll Fleischer versucht haben, eine Entscheidung über den Kiesabbau beim
Ausbaggern eines Hochwasser-Rückhaltebeckens zugunsten der Kiesunternehmen
seines Wahlkreises zu beeinflussen" ("FAZ").
" Die "Berliner Zeitung" berichtet über die "einträgliche
Partnerschaft des FDP-Vorsitzenden Westerwelle mit Schweizer Firmen".
Westerwelle saß seit 2004 im Beirat von einer Frma namens "TellSell",
die sich einen Namen gemacht hat im sogenannten Business Development - "wohl auch mit Hilfe des
FDP-Chefs, wenn man der Eigenwerbung der TellSell glauben mag. Dort heißt es:
"Unsere Beiräte öffnen für Sie Türen und bringen Sie mit relevanten
Ansprechpartnern zusammen." Westerwelle und seine drei Beiratspartner
haben dann auch mitgeholfen, der TellSell eine lange Kundenliste
zusammenzustellen: Darauf stehen die Telekom, O2, die Deutsche Bahn und die Post,
die Dresdner Bank und die UBS, große Energie-, Auto- und Handelskonzerne,
Versicherungen und sogar die Bundesagentur für Arbeit." Das
Unternehmen gehört zum verwinkelten Firmengeflecht von Clemens Boersch, der bis
heute mehr als 150.000 Euro Parteispenden an die Westerwelle-Partei vergeben
hat. Westerwelles Bruder übrigens residierte bis September 2009 (!) im
Schweizer Steuerparadies mit seiner Schweizer Firma im selben Haus wie Boersch "und ist mit dessen Unternehmen
Mountain Partners auch geschäftlich verbandelt" (Berliner
Zeitung). Zur Mountain Partners AG gehören Investoren aus Saudi-Arabien und dem
Oman, womit sich ein doppelter Kreis schließt - zum einen zum Freund arabischer
Länder Möllemann, sein Fallschirm habe ihn selig, zum anderen zu Westerwelles
neuem Job als Außenminister - auf seiner ersten Dienstreise an den Golf durfte
Parteispender und Geschäftspartner Boersch den Außenminister begleiten -
"als Mitglied einer Wirtschaftsdelegation, für die Westerwelle im Nahen
Osten Türen öffnen wollte." Westerwelle hat sich übrigens kurz nach der
Bundestagswahl aus der TellSell zurückgezogen - sein Beiratsmandat ging auf
Jürgen Koppelin über. Wer Koppelin ist? Der ist Fraktionsvize der FDP im
Bundestag...
Wer wundert sich da eigentlich noch über die "Politverdrossenheit"
der Bürgerinnen und Bürger? Deutschland, eine gekaufte Republik...

* * *

Wobei ich auch sagen muß, daß ich die öffentliche Diskussion um käufliche
Politiker ein bißchen einseitig finde, denn die Chancen gewissermaßen für eine
neue Form von "direkter Demokratie" werden kaum berücksichtigt. Wie
günstig kommt man derzeit an ein Gesetz - das sollte man sich zunutze machen!
Denken Sie an die GEMA-Petition. Über 100.000 Menschen haben diese Petition
unterzeichnet, ohne daß sich irgendetwas geändert hätte. Wenn nun dagegen jeder
dieser Unterzeichner knapp 20 Euro in die Hand nähme, könnte man schwupps ein
Gesetz hinbekommen, das die Abschaffung der GEMA umsetzt. Bei der CSU kostet so
ein Gesetz aktuell 700.000 Euro, bei der FDP 1,1 Millionen. Andrerseits rate
ich davon ab, nur auf den Preis zu schauen - man sollte auf Nummer sicher gehen
wie die Mövenpick-Eigner und am besten sowohl CSU als auch FDP mit einer
entsprechenden Spende bedenken - das kostet dann zwar 1,8 Millionen Euro, dafür
ist man aber auf der sicheren Seite. Und mal ganz ehrlich - ein Gesetz für 1,8
Millionen Euro ist so teuer nun auch wieder nicht... Vielleicht sollte man
zusätzlich ein paar Tausend Euro in Gespräche mit CDU-Ministerpräsidenten
investieren, die sind billig zu haben, und man hat dann mit dem Bundesrat
später keinen Ärger - also lassen Sie uns zu den 1,8 Millionen noch die 6000
Euro für Ministerpräsident Rüttgers investieren - von einem Gespräch mit
Ministerpräsident Tillich zu einem ähnlichen Tarif rate ich ab, der hat nichts
zu sagen, das Geld kann man sich sparen...

* * *

In der Bankabbuchung der "Rundfunkanst." steht: "Ihre
Rundfunkgebühren für gutes Programm". Wo kann ich nun angesichts des
dumpfen Scheiß, der mir da auf ARD und ZDF in aller Regel gezeigt wird, meine
Gebühren zurückverlangen?!?

* * *

Im Sportteil der "Berliner Zeitung" jammert Matti Lieske über das
Kulturprogramm der Olympischen Winterspiele und vermißt darin zum Beispiel Neil
Young, der angeblich "nicht gekommen" sei. Ich weiß nicht, ob Matti
Lieske in Vancouver vor Ort war, ich weiß aber, daß das Kulturprogramm der
Olympischen Spiele durchaus einige hochkarätige Shows beinhaltete - etwa die
Revue eines gewissen Neil Young über Hal Wilner-Stücke, mit u.a. Lou Reed als
Gast. Oder Laurie Anderson's neues Multimediaprogramm, das bei den Olympischen
Spielen seine Weltpremiere erlebte. Als Bewohner eines Landes, dessen Kultur-
und Sportfunktionäre Auftritte einer Band namens "Sportfreunde
Stiller" bei der Fußball-WM 2006 für den Höhepunkt ihres Kulturprogramms
gehalten haben, sollte man da vielleicht etwas vorsichtig sein...

* * *

Die "Berliner Festspiele", "in Zusammenarbeit mit Staatliche
Museen zu Berlin, Neue Nationalgalerie", sorgen für eine aktualisierte
Geschichtsschreibung: Das Programm "Telegrams from the Nose" von
William Kentridge und François Sarhan im Rahmen von "MaerzMusik 2010"
ist laut Vorankündigung des Veranstalters neben Gogol und Schostakowich
inspiriert "von Daniil
Kharms, ein Surrealist, Dichter und Dramatiker der frühen Sowjet-Ära, der Opfer
von Stalins Verbrechen wurde". Richtig schreiben können sie
den Namen dieses großen Dichters, der sich aus guten Gründen Daniil Charms
nannte (worin sich natürlich das französische "Charme", aber auch das
englische "harm" spiegeln), nicht, aber sie wissen eben genau, daß er
Opfer von Stalins Verbrechen wurde. Nun soll nicht beschönigt werden, daß
Charms unter Stalin zeitweise Schreibverbot hatte und auch ins Gefängnis mußte
- gestorben ist Charms allerdings, wie mehr als eine Million andere Leningrader
Bürgerinnen und Bürger auch, 1942 als Opfer der Leningrader Blockade durch
Hitlers Wehrmacht, nämlich elendig durch Unterernährung. Selbst Wikipedia
beschreibt die Leningrader Blockade als "den
beabsichtigten Verzicht auf die Einnahme der Stadt durch die deutschen Truppen
mit dem Ziel, die Leningrader Bevölkerung systematisch verhungern zu lassen,
eines der eklatantesten Kriegsverbrechen der deutschen Wehrmacht während des
Krieges gegen die Sowjetunion". Aber das hat den Berliner
Festspielen, denen der Name des Künstlers nicht wichtig genug war, um ihn
richtig zu schreiben, natürlich nicht ins Konzept gepaßt.

* * *

Was Frau von der Leyen recht ist, ist dem weißrussischen Präsidenten
Lukaschenko billig: Wie die damalige Jugendministerin hierzulande geht auch
Lukaschenko "Rammstein" auf den Leim und betreibt kostenlose Werbung
für die Rockband - Lukaschenko und sein "Rat für Sittlichkeit" hat
das Verbot eines Rammstein-Konzertes in Minsk gefordert: Die Band würde die
weißrussische Staatsordnung gefährden.
Ts ts. Und dabei dachte ich, die Musik von Rammstein und die reaktionäre
weißrussische Diktatur würden prächtig zusammenpassen...

* * *

Die Umsätze im Downloadgeschäft mit Musik wachsen schneller als die
Verkaufszahlen - im Jahr 2009 bei Umsätzen von 112 Millionen Euro um 40
Prozent.

* * *

Da freut sich der "Spiegel": "Treu bis in den Tod" titelt
die Klatschpostille über Eva Braun, die "die Geliebte Adolf Hitlers und
für knapp 40 Stunden seine Ehefrau" und mithin dem "Spiegel"
einen dreiseitigen Artikel mit allerlei aktuellen Schwarzweiß-Fotos aus dem
Privatarchiv des Führers wert war.
* * *

Die katholische Kirche besteht weiter darauf, daß nur Männer ihren eigentlichen
Dienst tun dürfen - was irgendwie schade ist. Ich könnte mir zum Beispiel die
durchgeknallte Gaga-Fürstin Gloria von und zu Thurn und Taxis hervorragend als
katholische Bischöfin vorstellen - wie sie etwa den Homosexuellen empfiehlt,
eifrig gegen ihre "widernatürliche Neigung" anzubeten, sich also
quasi "gesundzubeten", das hat doch fast schon Mixa-Qualitäten. Also,
liebe katholische Kirche, laß Frauen Bischöfinnen werden! Ernenne Gloria zur
Fürstbischöfin!

* * *

In ihrem Buch "In der Mitte des Lebens" schrieb die evangelische
Bischöfin Margot Käßmann diesen schönen Satz:
"Wichtig ist, nicht zu vertrocknen, sondern offen zu sein für das Neue und
keimen und aufblühen zu lassen, was blühen will und kann."
Nicht wegen diesen Satzes ist Frau Käßmann zurückgetreten, sondern wegen ein
paar Gläser Wein und Sekt.

Nutzen Sie den Frühling, falls er doch noch kommt. Lassen Sie's kräftig keimen
und aufblühen! Was immer in Ihnen blühen will und kann. Denn wichtig ist, nicht
zu vertrocknen - das sagt übrigens auch Kaiser Franz Beckenbauer immer:
ausreichend trinken!

06.02.2010

Und Ansonsten 2010-02-06

Was
würde man sich wünschen, daß nach dem Mordanschlag auf den dänischen
Karikaturisten Kurt Westergaard durch einen islamischen Fanatiker die hiesigen
Zeitungen und Zeitschriften zusammenstehen würden und der Welt zeigen: das ist
ein Anschlag auf Meinungsfreiheit, ein Anschlag auf die Freiheit der Kunst, den
wir nicht zulassen - und was wäre besser geeignet, dem etwas entgegenzusetzen,
als ein bundesweiter Abdruck aller dieser Karikaturen in allen Zeitungen und
Zeitschriften? Aber nein, der Hase läuft ganz woanders hin, er zick-zackt
natürlich nach rechts außen. Findet man auf "Spiegel Online" noch
einen brauchbaren Kommentar von Broder, auch wenn man auch dort die Karikaturen
vergeblich sucht, so erklärt die "Süddeutsche Zeitung" die Mohammed-Karikatur
samt Karikaturisten aufgrund mangelnder Qualität der Karikatur für nicht
schützenswert, und ihr Kommentator und Feuilleton-Chef fragt allen Ernstes: "Was zählt mehr? Das Grundrecht
auf Meinungsfreiheit? Oder der Respekt für religiöse Gefühle?"
Selber Schuld, der Karikaturist, wenn er umgebracht wird, die SZ schützt ihn
nur, wenn er besser zeichnet. Sowas galt mal als "linksliberale"
Zeitung... (am Rande: die "Süddeutsche Zeitung" ist auch die Zeitung,
die Blogger dafür bezahlt hat, daß sie sich in Blogs und Foren ausschließlich
lobend über den von der "Süddeutschen Zeitung" fürs Iphone
entwickelten App äußern - so was ist eben keine Zeitung mehr, sondern ein
Geschäftsmodell).
Wie man überhaupt im Süden der Republik, wen wunderts, auf so manchen dummen
Gedanken kommt: In der Südwestfresse schreibt ein Eugen Röttinger:"Westergaard wollte bewußt
provozieren. Und er provoziert, fern jeder Verantwortung unter dem Deckmantel
der Meinungsfreiheit, munter weiter: Für ihn sponsort pauschal der Islam den
Terror. Er ist mindestens so verblendet wie sein Attentäter."
Boah. Sowas ist also unter dem "Deckmantel der Meinungsfreiheit" im
Südwesten möglich.
Doch bestürzende Kommentare zu diesem Attentat lassen sich auch in seriösen
britischen Zeitungen finden. Im "Guardian" etwa beschuldigt Nancy
Graham die Dänen pauschal, ein religionsloses Volk zu sein, und so was kommt
dann eben von sowas: "Publishing
Kurt Westergaard's cartoons was an aggressive act born of Denmark's recultance
to respect religious belief."
Religion ist eben Opium fürs Volk. Und manche Journalisten verwenden
bedarfsweise Haschpilze und schreiben nur noch gaga. Unglaublich.

* * *

Die Pünktchenpartei ist wirklich ganz famos:
Hatte man sich noch ein wenig (wirklich ein wenig nur, weil spätestens seit dem
Flickskandal weiß man ja, wie der Hase läuft...) gewundert, warum die FDP Hand
in Hand mit der CSU im sogenannten "Wachstumsbeschleunigungsgesetz"
eine Senkung des Mehrwertsteuersatzes auf Hotelübernachtungen von 19 auf 7 Prozent
durchgesetzt hatte, so bekommt man jetzt die Erklärung nachgeliefert: Die
Düsseldorfer Substantia AG (Klasse Name auch, Respekt!) hat der FDP binnen
eines Jahres sage und schreibe 1,1 Millionen Euro überwiesen, eine der höchsten
Parteispenden in der an deftigen Parteispenden wahrlich nicht armen Geschichte
der FDP. Die Substantia AG gehört einem der reichsten Deutschen, August Baron
von Finck. Und dessen Familie hinwiederum ist Miteigentümerin der
Mövenpick-Gruppe, die in Deutschland 14 Hotels betreibt.
Ein FDP-Sprecher sagt dazu: "Es gibt keinen Zusammenhang mit der
beschlossenen Mehrwertsteuersenkung." Iwo, eh klar, natürlich nicht. Sagte
doch schon Guido Westerwelle, der Zusammenhang zwischen dieser Millionenspende
und der Steuervergünstigung für Hotelbetriebe ist "absurd".
Weil eins und eins längst nicht mehr zwei sind. Und die Erde eine Scheibe.
(die Zustimmung der CSU zu dem absurden Mövenpick-Gesetz war übrigens ein paar
hunderttausend Euro günstiger zu haben, was neue Gedanken über den Niedergang
der bairischen Staatspartei erlaubt; im bairischen Landtag, by the way,
verlangen SPD und Grüne seit Jahren massiv genau die Steuervergünstigung für
Hoteliers, die CDU, CSU und FDP nun auf Bundesebene durchgesetzt haben, wofür
CDU, CSU und FDP im Bundestag von Politikern der SPD und Grünen scharf
gescholten wurden, die in Bayern hinwiederum usw. usf.)

* * *

"... ich erkenne nur
ein höchstes Gesetz an, die Rechtschaffenheit, und die Politik kennt nur ihren
Vorteil..."
Heinrich von Kleist an Wilhelmine von Zenge, vor 210 Jahren...

* * *

A propos Westerwelle - besser als die "FAS", recht eigentlich das
Hausblatt der FDP, hätten wir dies auch kaum sagen können:
"Derweil freute sich
der deutsche sogenannte Außenminister Guido Westerwelle wie ein Gänseblümchen
über seine nicht enden wollende Audienz bei den demokratisch nicht
legitimierten Besitzern Saudi-Arabiens, von deren "Erfahrungsschatz"
er das machen wollte, was er selbst für lernen hält. Ob darunter die
Verbreitung des haßgetränkten fundamentalistischen islamischen Wahhabismus, die
übereifrige Anwendung der Todesstrafe (...), die ungenscherhafte Eindeutigkeit
der Scharia oder doch noch ganz andere saudische Errungenschaften gemeint
waren, darüber ließ Westerwelle seine moralisch neutrale, aber Geschäfte umso
intensiver witternde Entourage ebenso im Unklaren wie darüber, ob er sich mit
den Sauds so duzt wie mit dem Horst von der CSU."
Aber der "ARD-Tagesschau" hatte Westerwelle ja bereits vorab
mitgeteilt, worauf es ihm ankomme: "Das Interesse ist nicht nur politisch,
sondern auch eindeutig wirtschaftlich."

* * *

Wie es ja überhaupt ein Faszinosum unserer freien, gleichgeschalteten Medien
darstellt, wie sie es alle schaffen, über den diktatorischen Unrechtsstaat
Dubai den, nun denn, Schleier der Weichzeichnerei zu decken. Hat man in den
letzten Jahren irgendeinen Bericht in irgendeiner Zeitung oder Zeitschrift
hierzulande gelesen, oder in irgendeinem Fernsehmagazin gesehen, der über etwas
anderes berichtet hätte als die paradiesischen Inseln, die wunderbaren
Hotelpaläste, die höchsten Hochhäuser oder was an Märchenhaften in Dubai sonst
noch wächst? Gab es irgendwen, der auch nur die simpelsten
Recherche-"Fragen eines lesenden Arbeiters" (Brecht) gestellt und
beantwortet hätte? Welche Medien haben bisher hierzulande darüber berichtet,
wie all der protzende Reichtum entstanden ist?
"Human Rights Watch" hat die Arbeitsbedingungen der Bauarbeiter, die
die prestigeträchtige Museums-Insel in Abu Dhabi bauen, als
"zwangsarbeiterähnlich" beschrieben. Die Arbeiter leben und arbeiten
unter katastrophalen Bedingungen und müssen oft monatelang auf ihren Lohn
warten. Die Löhne in Dubai sind ohnedies weit unter dem Existenzminimum. Die
zahllosen Fremdarbeiter, die die modernen Gebäude Dubais bauen, sind völlig
rechtlos, ihre Pässe werden bei ihrer Ankunft eingezogen. Dubai, ein Land, in
dem Frauen keine Rechte besitzen und nicht einmal vor Gericht als klagende
Parteien akzeptiert werden. Ein Land ohne jegliche Demokratie, ein Land, eine
Diktatur in der Hand seiner Besitzer - wer berichtet über dieses
Geschäftsmodell?
Was China angeht, kann hierzulande gar nicht dolle genug über Menschenrechte
geredet werden. Die Vereinigten Arabischen Emirate dagegen werden von den
bürgerlichen Medien als märchenhaftes Paradies dargestellt und sind doch die
ekelhaftesten Diktaturen, die es derzeit gibt. Und nun - warum berichtet
niemand darüber? Eben: weil das "Interesse" nicht politisch, sondern
"eindeutig wirtschaftlich" ist. Am Bau des nun höchsten Gebäudes der
Welt, des Burj Khalifa in Dubai, haben u.a. diese deutschen Firmen
mitgearbeitet bzw. für die Ausstattung geliefert: BASF, Miele, Dornbracht,
Duravit, Rosenthal, Meva, Muehlhan, Ardex, Knauf, Kaldewei, CES, GEA, Hepp,
Hansgrohe...
(der Besuch auf der Webseite the-dubai-in-me.com ebenso wie das Betrachten des
gleichnamigen Films wird wärmstens empfohlen!)

* * *

Die "FAS" titelt munter vor sich hin: "Peking schickt keine Soldaten nach Afghanistan. Es
investiert aber - zum eigenen Nutzen".
Ei perdautz. Da investiert China also "zum eigenen Nutzen", also ganz
ganz anders, als das jahrhundertelang und bis heute ehemalige und jetzige (was
meistens identisch ist) Kolonialstaaten tun...

* * *

Dirk von Lowtzow von der Band "Tocotronic" gibt Axel Springers
Kampforgan für revolutionäre Umtriebe, der Tageszeitung "Die Welt",
ein Interview zum Thema "Widerstand", und sagt u.a.:
"Es gab bei diesem
Album den Willen zu ergründen, unter welchen Umständen Kunst - in unserem Fall:
Musik - Widerstand sein kann, ohne in opportunistische Kapitalismuskritik zu
verfallen."
Mal jenseits der verquasten Sprache - "opportunistische
Kapitalismuskritik" - hab ich da was verpaßt?!? Ein Satz zum Einrahmen.
Fürs Poesiealbum, sozusagen.

* * *

Eine selten dämliche Überschrift aus der "taz": "Holocaust-Gedenktag. Vor 65
Jahren wurde das KZ Auschwitz befreit. Vor sechs Jahren erfuhr unsere Autorin,
daß sie aus demselben Dorf stammt wie einer der SS-Täter von Auschwitz. Das
verändert die Erinnerung."
"Das verändert die Erinnerung"? Ja, wie denn? Zählt der Holocaust
nur, wenn eine "taz"-Autorin einen persönlichen Bezug entwickelt,
also subjektiv und irgendwie total "betroffen" ist? Oder hat sie
plötzlich festgestellt, daß die Nazis für den Holocaust verantwortlich sind?
Deutsche? Die aus Dörfern kommen, in denen auch taz-Autorinnen aufgewachsen
sind?

* * *

Im Herbst letzten Jahres haben sogenannte "linke Anti-Imperialisten"
in Hamburg in militärischem Outfit die Aufführung des Films "Warum
Israel" von Claude Lanzmann in einem Kino verhindert - wie Lanzmann, der
Autor von "Shoah", anmerkt, ist es weltweit das erste Mal passiert,
daß die Aufführung einer seiner Filme auf diese Weise gestört wurde. "Die Deutschen, ob Linksradikale
oder nicht, haben sich wie Herren aufgespielt. Diese Rolle dürfen sie nie
wieder spielen", sagte der 84jährige Lanzman dazu.
Was die Horde selbsternannter "Linker" in Hamburg im SA-Stil
erledigte, das besorgt die bürgerlich-feine Wochenzeitung "Die Zeit"
auf wesentlich distinguiertere Art und Weise. Dem Kunsthistoriker Welzbacher
gewährt sie fast eine Seite, um ein kleines Detail in Lanzmanns in Frankreich
als "Buch des Jahres" gefeierter Autobiographie breit zu welzbachern
- Lanzmann schreibt, daß er als junger Gastdozent an der Berliner FU mit einem
Zeitungsaufsatz über die NS-Vergangenheit des FU-Gründungsrektors Edwin Redslob
zu dessen Rücktritt beigetragen habe. Die "Berliner Zeitung" hatte
Lanzmanns Artikel ohne dessen Wissen ein Gedicht zur Seite gestellt, das Edwin
Redslob Görings Frau Emmy gewidmet habe. Daran nun entzündet sich die Kritik
des Redslob-Biografen Welzbacher - Redslob habe das Gedicht nicht
"direkt" für Emmy Göring geschrieben, "sondern für ein Service der Kopenhagener
Porzellanmanufaktur, die Emmy Göring mit einer Geschirrgarnitur
beschenkte", was nun in der Tat einen sehr großen Unterschied
macht. Redslob, dessen Wirken von den Nazis als "kriegswichtig"
eingestuft wurde, ist laut Johannes Wilms "kein
Täter, aber ein publizistisch umtriebiger Mitläufer des Nazismus" und
"als Phänotyp exemplarisch".
Was die Sache nun aber besonders ekelhaft macht, ist, daß die "Zeit"
und ihr Autor Welzbacher wegen dieser winzigen Unwichtigkeit die gesamte
Autobiographie Claude Lanzmanns in Zweifel, ja: in den Dreck ziehen. Die
Autobiographie solle im Rowohlt-Verlag so nicht erscheinen, weil, wer derart
als Verfälscher eines Ereignisses überführt sei, dem dürfe man auch den Rest
seines Buches nicht glauben - "dürfen
Kunstwerke mit historischen Fakten spielen?", fragt entrüstet
der "Zeit"-Autor und fordert allen Ernstes den Rowohlt-Verlag auf,
der dürfe Lanzmanns Buch nur mit einem kritischen Begleitkommentar, als
"kritische Ausgabe" gewissermaßen, veröffentlichen. Wäre ja noch
schöner, wenn der freche Jude hier in Deutschland einfach schreiben darf, was
er will! Die Überschrift des "Zeit"-Artikels lautet "Kleine
Warnung an den Rowohlt Verlag". "Zeit"-Redakteur Florian Illies,
in seiner journalistischen Karriere durch wenig mehr als das Ärgern von
Volontärinnen bei der "Fuldaer Zeitung" und das Fahren der
"Generation Golf" aufgefallen, nimmt "Zeit"-Autor
Welzbacher nun ebenso wortreich wie nichtssagend vor der Kritik in Schutz.
Was nirgendwo zu lesen war: Edwin Redslob war nach seinen vielfältigen
Verstrickungen mit dem Nazi-Regime nach dem Zweiten Weltkrieg einer der
Begründer des "Tagesspiegels". Der "Tagesspiegel" wiederum
gehört der "Dieter von Holtzbrinck Medien GmbH", der wiederum auch
50% der Wochenzeitung "Die Zeit" gehören samt dessen operativer
Führung. Einer der drei Herausgeber des "Tagesspiegels" ist Giovanni
di Lorenzo, gleichzeitig Chefredakteur der "Zeit". Aha.
Maxim Biller schrieb unlängst:
"Der Erfolg der
"Zeit" besteht darin, daß sie nach wie vor die repressive Toleranz
des deutschen Bildungsbürgertums vertritt."

* * *

Auf dem Bebelplatz in Berlin, neben der Staatsoper, mitten auf der
Museumsinsel, erinnert das Kunstwerk "Leere Bibliothek" von Micha
Ullman an die Bücherverbrennung der Nationalsozialisten 1933. Es handelt sich
um ein so aufrüttelndes wie faszinierendes Kunstwerk, unter einer Glasplatte hat
der Künstler eine leere Bibliothek in den Platz versenkt; in der Ausschreibung
des Denkmals "60 Jahre Bücherverbrennung" 1995 wurde festgeschrieben,
daß der gesamte Platz zum Denkmal gehört - logischerweise.
Allerdings: der Bebelplatz wird vom rot-roten Senat Berlins gern vermietet, mal
lassen Bezirksamt Mitte und Senat eine Eisbahn über dem Denkmal aufbauen, auf
dem sich Berlins Teenager im Winter vergnügen können; mal lassen sie die
bescheuerten und doofen Berliner "Buddy-Bären" auf dem Bebelplatz aufbauen.
Nun hat der rot-rote Senat entschieden, daß die Berliner Fashionweek auch just
auf diesem historischen Ort stattfinden müsse. Ein großes weißes Fest-Zelt
stand direkt neben dem Denkmal, gesponsert von Mercedes Benz, und entsprechend
fuhren schwarz polierte Wagen der Firma, die in den Nationalsozialismus nicht
wenig verstrickt war, vor, um sogenannte Prominente über den roten Teppich zu
schicken. Hübsche Models präsentierten die neuesten Kollektionen junger
Designer, das who's who der Modewelt traf sich auf dem Bebelplatz, quasi auf
und über dem Denkmal zur Bücherverbrennung, zu Häppchen und Champagner. Eine
"schrille Location". Eine unerträgliche Vorstellung, die Berlin
seinem Bürgermeister Wowereit und dem rot-roten Senat zu verundanken hat, die
die Erinnerung an das Naziregime mit Füßen treten, solange der Senat mit
Parties und Chi-Chi ein paar Euros mehr verdienen kann. Widerlich.

* * *

Die "Berliner Zeitung" hat berichtet, warum der fantastische Film
"Precious" hierzulande nicht in die Kinos kommt. Der Oscar-Mitfavorit
ist ein Sozialdrama, das beim Sundance-Festival nicht nur den Preis der Jury,
sondern auch den des Publikums gewann und kurz danach eine glanzvolle Premiere
in Cannes feierte. Aber warum findet der kleine, unabhängig produzierte Film,
der selbst nach rekordverdächtigen Einspielergebnissen beim US-Kinostart im
November 2009 noch relativ günstig zu haben sein soll, hierzulande keinen
Verleih? An der Qualität des Films, der bereits für drei "Golden
Globes" nominiert wurde, dürfte es kaum liegen.
Wie die "Berliner Zeitung" recherchierte, liegt es wohl an
dumpftestem Rassismus (so sagt das die Zeitung natürlich nicht wörtlich). Der
Film handelt nämlich "von
einem afroamerikanischem Teenager-Mädchen, das vom Vater geschwängert und von
der Mutter körperlich wie seelisch mißhandelt wird - und erst dank einer
Lehrerin die Chance auf ein besseres Leben bekommt". Und in
einem Land, in dem "Keinohrhasen" und "Zweiohrküken" als
Filme und Til Schweiger als Schauspieler gelten, in einem Land, in dessen
Programmkinos praktisch nur noch Wohlfühl-Filme, französische Komödien oder von
deutscher Filmförderung subventionierte Produktionen laufen, hat ein derartiges
Sozialdrama natürlich wenig Chancen. "Von
brutaler Not oder einfach nur von fremden Milieus möchte zurzeit anscheinend
kein deutscher Filmvorführer etwas hören, außer sie kommen in Märchenform à la
Slumdog Millionär daher"; konstatiert die "Berliner
Zeitung". Und zitiert einen Insider aus der Filmindustrie: "...die Pressearbeit ist
mühsamer, weil viele Redakteure immer noch lieber weiße als schwarze Stars in
ihren Magazinen sehen. Aber vor allem wollen die Kinobesitzer solche Filme
nicht spielen, weil sie Angst vor leeren Sälen haben. Gerade in der Provinz
trifft man da ziemlich oft auf Rassismus."

* * *

"Seliger, seien Sie nicht immer so negativ! Berichten Sie doch mal über
was Positives!"
Aber gerne doch. Stellen Sie sich eine wöchentlich erscheinende, unabhängige
Kulturzeitschrift im Magazinformat vor, die auf gutem, zum großen Teil sogar
hervorragendem Niveau über so verschiedenartige Themen wie diese berichtet: Da
geht es über mehrere Seiten über Haiti und Wycleaf Jean. Das Magazin berichtet
ausführlich über das Thema Arbeitslosigkeit. Andere Artikel beschäftigen sich
mit dem Boom von Comics, nicht ohne einen Überblick über die besten aktuellen
Neuerscheinungen des Genres zu liefern. Ein Bericht geht über den "Krieg
um Sushi", um das Ausräubern der Meere, um Überfischung. Die beiden
Schauspielerinnen Jeanne Balibar und Isabelle Carré werden porträtiert, die
neue Serie des "The Wire"-Erfinders wird vorgestellt. Der Musikteil
beschäftigt sich in großen Artikeln mit Owen Pallett, mit Lewis Furey,
Albenrezensionen behandeln "Felt", "Hello=Fire",
"Complot", "Milkymee", "Andrew Morgan",
"Rubin Steiner", "Port O'Brien", "Clipse", das
"Rob Brown Trio", ein Calypso-Album mit Material aus 1960-75 oder
"Theophilus London". Und praktisch keines der Alben wird mit
bezahlten Anzeigen in dem Magazin beworben. Im Literaturteil wird ausführlich
eine Biographie des großen B.S.Johnson vorgestellt ("B.S. wer?"
würden deutsche Popautoren fragen...). Es werden so unterschiedliche Themen wie
"Facebook", die von den Fernsehanstalten neu entwickelte Dramaturgie
der Sportberichterstattung ("Superproduction") oder Pierre Goldmann
debattiert. Natürlich gibt es einen großen Artikel über die Ausstellung von
Christian Boltanski im "Grand Palais". Und all das ist nur ein
Ausschnitt dessen, was das Magazin zu bieten hat.
"Gibt es nicht", werden Sie sagen, "völlig unmöglich". Gibt
es aber doch. Die Zeitschrift heißt "Les Inrockuptibles", und die
genannten Themen sind nur ein Ausschnitt der aktuellen Ausgabe vom
27.1.-3.2.2010. Frankreich, du hast es besser!

* * *

Doch nicht nur Frankreich hat es besser. Auch in Zürich tut sich einiges. Nun
kann man zu dem calvinistischem Älplervölkchen (Tucholsky sprach mal von
"Emmenthaler Faschismus") stehen, wie man mag - aber was das "El
Lokal" da gerade leistet, ist einfach umwerfend: da die Themen, die der
Club in Zürich anbietet, in den örtlichen Medien kaum mehr stattfinden, griff
man zur Selbsthilfe und gibt nun zwei-, dreimal im Jahr eine eigene Zeitschrift
heraus. "R.E.S.P.E.C.T." ist eine Kulturzeitschrift, wie man sie sich
wünscht, im DIN a 4-Querformat. Es geht (werbungsfrei!) um Politik und Kultur,
man findet dort ein Interview mit Jean Baudrillard, Artikel über Thax Douglas
oder eine kenntnisreiche Feldforschung zum Thema "Wie die Punks den
englischen Fußball retteten". Das "El Barrio" New Yorks wird
vorgestellt, Romanauszüge finden sich ebenso wie ein spannend bebilderter
Rückblick auf 30 Jahre "Züri brännt" (denn so rückwärtsgewandt einem
die Schweiz immer wieder mal vorkommen mag - da gärt Widerstand auch!). Alles
ungeheuer liebe- und geschmackvoll layoutet, 88 Seiten, die man kaum aus der
Hand legen mag. Und dem Heft liegt auch noch eine CD bei, in der die kommenden
Konzerte des Clubs vorgestellt werden. Liebe Veranstalter! Liebe Kulturämter!
Fahrt nach Zürich, sprecht mit dem El Lokal, schaut, wie man für Musik, für
Kultur kämpfen kann - mit Lust, mit Laune, mit Kompetenz! Und schneidet euch
ein paar Scheiben davon ab. "Respect", dicker
"R.E.S.P.E.C.T.!" nach Zürich, an die Insel auf der Sihl!

* * *

"Kapital und
Interessen, meine Schulden groß und klein, müssen einst verrechnet sein."

Johann Sebastian Bach, aus Kantate BWV 168, "Tue Rechnung!
Donnerwort"

In diesem Sinne - lesen Sie Marx und Weber! Hören Sie Bach! Haben Sie eine gute
Zeit!

09.01.2010

Und Ansonsten 2010-01-09

Kleines
Ratespiel zu Beginn - wer hat dies gesagt:
"Das Abholzen von
Wäldern ist mit Massenmorden im Krieg vergleichbar. Dabei führt der Pilot des
Bombers und der Pilot des Vernichtungsprozesses im Wald kaum bewußt, gefühllos,
die Befehle zum Massenmord aus."
War es der Präsident der Islamischen Republik Iran, Mahmud Ahmadinejad, oder
war es der Staatssekretär der "Grünen" im saarländischen
Umweltministerium, Klaus Borger?
Und nun Frage Nummer zwei zu diesem Thema - wer hat dies hier gesagt:
"Wenn jemand einen Baum
fällt, dann ist das, als wenn er einem Engel die Flügel abschnitte. Wer die
Umwelt verschmutzt, begeht eine Erzsünde."
War es der Staatssekretär der "Grünen" im saarländischen
Umweltministerium, Klaus Borger, oder war es der Präsident der Islamischen
Republik Iran, Mahmud Ahmadinejad?
(wer an einer verschärften Version des Ratespiels teilnehmen möchte, beantworte
die Frage: welches der beiden Zitate fand sich in der "taz", welches
in der "Jungle World"?)

* * *

Im Fernsehsender "Arte" wird am 21.12.2009 die chinesische
Skulpturengruppe "Hof für die Pachteinnahme", eines der wichtigsten
Werke der modernen chinesischen Kunstgeschichte und derzeit in der Frankfurter
"Schirn" zu sehen, mit diesem merk-würdigen Satz vorgestellt: "Kunst für den Klassenkampf - und
dennoch Kunst"... Und "dennoch" Kunst also.
Über keine bürgerliche Kunst gleich welcher Epoche würde so berichterstattet.
Man stelle sich vor - Haydns Symphonien, komponiert für einen Feudalherren -
und dennoch Kunst... Bachs Weihnachtsoratorium - komponiert für seinen
Arbeitgeber, die evangelische Kirche, und "dennoch" Kunst.
Der Kultursender mit einer "anspruchsvollen" Form des allseits
beliebten China-Bashings...

* * *

Wendelin Franz Egon Luitwinus Maria von Boch-Galhau, ehedem WG-Genosse von
Andreas Baader (RAF) und heute Aufsichtsrat seines Familienunternehmens
Villeroy & Boch und Vorsitzender des "Saarländischen
Privatwaldbesitzerverbandes", hatte mit der Verlagerung des
Unternehmenssitzes von Villeroy & Boch nach Luxemburg für den Fall gedroht,
daß im Saarland eine Regierung von SPD, Linken und Grünen zustande komme.
Wie singt Stefan Stoppok so schön?
"Und das Klo, zu dem ich kroch,
war von Villeroy und Boch."

* * *

"Lecker ist ein
Fernsehkochwort geworden; es klingt nach Porno mit Lebensmitteln. Falls jemand
noch einen Grund gegen das Berufskochen braucht: Einer heißt Johann Lafer. Im
Verein mit der Porzellanfirma Villeroy & Boch heckte Lafer das Wortspiel
"Essthetik" aus - mit "E" und Doppel-s -
"Essthetik". Allein dafür wird er dereinst in der Wortspielhölle
schmoren und köcheln, langsam und qualvoll, versteht sich."
Wiglaf Droste in "Häuptling Eigener Herd"

* * *

Die "Musikwoche" meldet: "Der
Veranstaltungsriese Live Nation und der Getränkehersteller Coca-Cola haben eine
mehrjährige strategische Sponsoring- und Marketingkooperation geschlossen.
Coca-Cola firmiert künftig als "offizieller Softdrink" von Live
Nation."
Alles braune Brause also.
(Das offizielle Getränk bei Konzerten dieser Agentur ist bis auf Weiteres der
2007er Pinot Noir von Holger Koch. Ersatzweise auch ein Marc de Bourgogne von
Joseph Drouhin. Nun wird Karl Bruckmaier über Rotweintrinkermusik lästern,
nehme ich an.)

* * *

Daß der Musikwissenschaftler Hans Heinrich Eggebrecht im Zweiten Weltkrieg der
Feldgendarmerie-Abteilung 683 angehörte, das auf der russischen Halbinsel Krim
Gräueltaten verübte, und wohl selbst an Massenerschießungen von Juden beteiligt
war, wirft ein schlechtes Licht auf die hiesige Musikwissenschaft, die anders
als etwa die Germanistik sich praktisch nicht ihrer Rolle im
Nationalsozialismus gestellt hat. Aber vielleicht sind diese Enthüllungen eines
einzelnen Falles endlich der Auftakt zu einer umfassenden Beleuchtung der
Ideologie, die die deutsche Musikwissenschaft seit Jahrzehnten betreibt, und
die nahtlos aus dem Nationalsozialismus herzuleiten ist: Der auf Deutschland,
auf deutsche Musik beschränkte Blick der meisten Musikwissenschaftler, die etwa
italienische, französische oder russische Musik ignorieren; die Inszenierung
von Beethoven als "Titan" etwa, oder die antisemitischen Vorurteile
gegenüber Mahler (Eggebrecht in seinem als "Standardwerk"
bezeichneten "Musik im Abendland": "...islamische,
osmanische, heidnische, barbarische... extrem materialistische, entseelt
zivilisatorische, zerstörerisch technische Kräfte"...).
Interessant übrigens, daß die "Zeit", die Eggebrechts Verstrickung in
Nazi-Verbrechen nun verdienstvoll veröffentlichte, kein Wort zu ihrem
Feuilletonchef der 50er Jahre verliert, Walter Abendroth, der 1959 eine "weit verbreitete, oft aufgelegte
"Kurze Geschichte der Musik" schrieb, deren Nähe zum NS-Musikdiskurs
kaum auffiel, weil man Ähnliches etwas milder auch bei vielen anderen las (...)
ein Problem, das die Musikwissenschaft im Innersten betrifft: die ungebrochene,
weithin unbewußte Allgegenwart von Vorurteilen, darunter auch deutschnationalen
und rassistischen, im Denken und Sprechen über Musik"
(Friedrich Geiger in der "FAZ").
Vielleicht eine gute Gelegenheit, statt Eggebrecht und Abendroth und Dahlhaus
mal Georg Kneplers "Musikgeschichte des 19.Jahrhunderts" zu lesen?
Die freilich müßte erst einmal wieder aufgelegt werden, sie ist nur noch
antiquarisch zu finden...

* * *

Die geschätzten Sven Hasenjäger und Arne Ghosh haben eine Firma namens
"380grad" gegründet. Wer bietet mehr Rundumbetreuung? Irgendwie dreht
sich halt dann doch alles im Kreis und über diesen hinaus...

* * *

Die Macher des Onlinemusikfernsehsenders "Tape TV" sagen in der
"Musikwoche", warum sie das tun, was sie tun:
"Das Interessante an
tape.tv ist, daß tape.tv nur Innovationen treibt, hinter denen auch ein
Geschäftsmodell steht und die sich mit profitablem Wachstum am Markt behaupten
können", so Gesellschafter Lars Dittrich.
"Als Beispiele für
erlösträchtige Anwendungen nannte Conrad Fritzsch strategische Kooperationen
mit so unterschiedlichen Partnern wie bild.de und spex.de (...) "Durch
diese Kooperationen findet tape.tv zusätzlich auf diesen Plattformen und in den
jeweiligen Zielgruppen statt - und wird damit immer mehr Teil der
Onlinekommunikation. (...) tape.tv ist das Sprungbrett, weil es die
entsprechende Werbefläche, Reichweite und Zielgruppe bietet.""

Vor so viel "strategischen Kooperationen", dem neuen alten Modewort
der Musikindustrie, wird einem ganz schwindlig, nicht?

* * *

Großmäulig wie immer feiert "Spex" den eigenen Niedergang: "Diese Spex markiert das Ende der
Schallplattenkritik, wie wir sie kannten. Es gibt keine Rezensionen mehr in dieser
Zeitschrift." Also nur noch Reklame und von der Musikindustrie
bestellte Artikel?
"Die medialen
Entwicklungen der letzten Jahre im Internet und die damit verbundene Evolution
der Hör- und Lesegewohnheiten haben die klassische Plattenkritik aus der Zeit
fallen lassen und uns zu diesem radikalen Schritt letztendlich geradezu
gezwungen", stellt "Spex" fest.
Dem kann man nur zustimmen - die Schallplattenkritiken der "Spex"
waren in den letzten Jahren zunehmend unwichtig, das Blatt wurde dadurch
zunehmend bedeutungslos, die "Spex" als kritisches und
geschmackssicheres Musikmagazin gehört zweifelsohne schon länger der
Vergangenheit an, da helfen auch einzelne gute Artikel von Gastautoren (die
meistens im Hauptberuf fürs bürgerliche Feuilleton schreiben) nicht weiter. Wo
aber Musikjournalisten, die noch ihren Job begreifen und lieben, dem
post-postmodernen "Anything goes" des Abschreibens von Waschzetteln,
die die Musikindustrie ihnen zuschickt, eine fundierte, dezidierte und gut
geschriebene Musikkritik entgegensetzen, hißt "Spex" die weiße Flagge
und konstatiert die eigene Unfähigkeit - "wir geben auf", heißt das,
"wir sind endgültig überflüssig", bitte lest ausführliche Musikkritik
zukünftig in den Feuilletons der bürgerlichen Zeitungen.
Aber keine Unfähigkeit groß genug, als daß die "Spex"ler um
Maximilian Bauer alias Max Dax sie nicht großmäulig in etwas ganz Neues, ganz
Tolles umformulieren würden. Denn jetzt gibt es ein irgendwie Facebook-artiges
Gequatsche, ein substanzarmes Geplaudere statt substanzhaltiger Musikkritik -
was "Spex" nun als "Neustart" bejubelt. Nun denn, das
nächste Jahrzehnt wird ohne "Spex" auskommen. Niemand wird es
bemerken.
Aber daß die kompetente Auseinandersetzung mit der Popkultur längst schon eher
in zum Beispiel "FAZ", "Berliner Zeitung",
"konkret" oder auf "Byte.FM" stattfindet, während in
anderen Ländern die Musikpresse auf dem Höhenflug ist, darüber sollte man in
einer stillen Stunde doch mal nachdenken bei der Musikzeitschrift, die sich im
Pet Shop Boys-Rhythmus auf dem Gewaltmarsch in die eigene Bedeutungslosigkeit
befindet.

* * *

Max Dax, vom Berliner "Tip"-Magazin soeben mit Thilo Sarrazin, Mario
Barth, Hartmut Mehdorn, Rammstein, Ben Becker, Sido, Guido Westerwelle, Dieter
Gorny, 2raumwohnung oder Til Schweiger in die Liste der "peinlichsten
Berliner" gewählt, in seinem Blog "Dissonanz":
"Die Stille in der
kalabresischen, aus einem kleinen Gastraum und einem noch winzigeren Barraum
bestehenden Osteria in der Via Nizza 223 in Turin-Lingotto ist in höchstem Maße
beruhigend."
Wirklich "dissonant". Könnte in jedem dumpfen Brigitte-Reiseführer
stehen. Was wetten wir, daß der Suhrkamp-Verlag Daxens
Westentaschen-Rainald-Goetz-Blog irgendwann als Buch veröffentlichen wird?
Suhrkamp druckt ja heutzutage alles, irgendwie.

* * *

Der Schriftsteller Paulo Coelho betreibt ein eigenes Raubkopie-Portal, auf dem
er Links zu allen internationalen Filesharing-Seiten zur Verfügung stellt, die
seine Bücher im Internet anbieten (selbstverständlich ohne Zustimmung seiner
Verleger). Seine simple Erklärung: "Ich
wies darauf hin, daß Pirate Coelho seit 2005 im Netz stand und daß die
Absatzzahlen stetig angestiegen waren. Daraus folgte, daß die klassische Art
des Vertriebs von der Filesharing-Variante profitierte. Meinen hochverehrten
Verlegern fiel es allerdings schwer, die Sachlage richtig einzuschätzen."
Und weiter berichtet Coelho in der "Berliner Zeitung", wie seine
Verleger ihn für sein "schlechtes Beispiel" schelten: "Wie läßt sich dieser Vorgang
erklären? Der Begriff von "Gier" ist nicht nur in der Finanzwelt ein
problematischer Faktor, sondern in jedem Geschäftsbereich, wo ein Monopol
beansprucht werden soll, sei es auf ein Produkt oder eben auf die Verbreitung
von Information. (...) Und so kann es passieren, daß Buchverlage - genau wie
einst die Plattenfirmen - irgendwann überflüssig werden. (...) Viele sagen, daß
ich mir das nur leisten kann, weil meine Bücher so hohe Auflagen erreichen.
Dabei ist es genau umgekehrt: Meine Bücher erreichen so hohe Auflagen, weil ich
mir Mühe gebe, meine Werke der Öffentlichkeit zugänglich zu machen."

Und denjenigen, die das Verbot von Filesharing nach dem Sarkozy-Gorny-Modell
fordern, schreibt Bestsellerautor Coelho eine simple Wahrheit ins Stammbuch: "In Ländern, wo Filesharing
verboten werden soll (in Frankreich ist dieses Jahr eine entsprechende
Gesetzesvorlage durchgebracht worden) werden die Autoren einen
Wettbewerbsnachteil haben. Verbote sind selten eine Lösung. Viel klüger wäre
es, die Vorteile der neuen Technologie zu nutzen, um gute Literatur zu
unterstützen und zu verbreiten."

* * *

Der sogenannte Violonist André Rieu hat angekündigt, im Sommer 2010 am Nordpol
mit seinem sogenannten Johann-Strauß-Orchester ein Konzert zu geben, um
"ein Zeichen zu setzen gegen die Zerstörung unseres Planeten".
Aber im Ernst - die schlechte Nachricht ist: Rieu wird leider vom Nordpol
zurückkommen. Dabei ist André Rieu, hierzulande vom öffentlich-rechtlichen
Fernsehen zum Ganzjahresstar geadelt, das, was CO2 für die Polkappen ist: ein
akustischer Umweltverschmutzer allerersten Grades. Gegen den nur ein weltweites
Auftritts- und Sendeverbot helfen würde. Damit ist leider nicht wirklich zu
rechnen, also: Eisbären, übernehmen Sie!

* * *

Anders als Rieu sieht Jan Ullrich die Lage, wenn er an 2010 denkt:
"Meine Frau und ich
beten dafür, daß die Welt ein wenig wärmer wird."
Dem Mann kann geholfen werden. Auch wenn die internationale Politik die
maximale Erderwärmung per Dekret auf zunächst zwei Grad begrenzt hat...

Einen allzeit "gführigen" Schnee in den kommenden Wochen

09.11.2009

Und Ansonsten 2009-11-09

Jetzt
haben die Kulturfunktionäre kurz gejubelt - die neue Bundesregierung wollte
"Kultur" als "Staatsziel" ins Grundgesetz aufnehmen, und
der "Deutsche Musikrat" etwa wollte der erste unter den
schwarz-gelben Claqueren sein und fand schon vorab, das "wäre ein erster
kulturpolitischer Erfolg der kommenden Regierung".
Präziser bringt es Günter Bannas in der "FAZ" auf den Punkt, worum es
eigentlich geht: "Die
Überlegungen (...) zeigen, daß Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in der neuen
Regierungskonstellation dort weitermacht, wo sie in der großen Koalition
geendet hatte. Sie hat die ökolibertär und grün angehauchte
Gesellschaftsschicht und Wählerschaft (...) fest im Blick."
Regierungsprosa, die nichts kostet, die aber den lindgrünen
Gesellschaftsschichten einen erhöhten Wohlfühlfaktor beschert.
Davon werden freilich noch keine Kulturzentren für Zeitkultur finanziert, davon
werden Künstler nicht finanziell besser ausgestattet und abgesichert, davon
erhöhen sich nicht die skandalösen Stundenlöhne in der freien Kulturszene...

* * *

Liebe Konzertbesucherinnen und Konzertbesucher, die ihr nichts Dringenderes und
Wichtigeres zu tun habt, als euren Konzertbesuch mit euren Handys zu
dokumentieren - sei es bei Patti Smith, sei es bei den Kings of Convenience
oder wo auch immer - was bezweckt ihr eigentlich damit, schlechte Aufnahmen von
den Künstler mit euren Mobiltelefonen zu knipsen? Die Blitze stören die
Künstler und das Publikum (naja, sagen wir die Hälfte des Publikums, die nicht
mit ihren Handys fotografiert...). Eure Bildchen von den Konzerten werden euch
sowenig weiterhelfen wie eure sogenannten Freunde auf Facebook oder Myspace.
Das ist alles nichts wert. Worauf es ankommt: laßt die Musik in eure Herzen!
Laßt die Musik eure Seele bewegen! Nehmt das Ergebnis in eurem Herzen oder in
euren Köpfen oder am besten in beidem mit nach Hause. Aber: hört den Musikern
zu! Beschäftigt euch nicht damit, wie ihr die besten Fotos auf euer Handy
bekommt, sondern beschäftigt euch mit dem, was auf der Bühne passiert, was euch
die Musikerinnen und Musiker zu sagen haben! Musik kann man nicht knipsen. Wohl
aber leiden nicht wenige, die, statt in Konzerten zuzuhören, dauernd
rumknipsen, an sehr vorzeitigem Haarausfall. Nicht wenigen fallen gar die Ohren
ab, glaubt mir. Also: in Konzerten Handys aus. Und eure Herzen an!

* * *

Manchmal glaubt man neuerdings seinen Augen nicht zu trauen: "Schwarz-Gelb
feiert sich als Hartz-Helfer" (Spiegel Online) und entlastet
Hartz-IV-Empfänger. Noch besser: "Großkonzerne müssen mit Zerschlagung
rechnen." So sind sie, die Sozialdemokraten in der CDU und die Marxisten
in der FDP. Oder die Berliner FDP auf Speed - die fordert gerade "Freie
Fahrt für alle", und zwar in den öffentlichen Verkehrsmitteln, in S- und
U-Bahn. Unglaublich.
Andrerseits zeigt sich hier natürlich auch, wie leicht sich konservative
Parteien sozial- und wirtschaftspolitisch nach Jahren sozialdemokratischer
Regierung profilieren können - nach Jahren, in denen die SPD Hand in Hand mit
Grünen oder CDU/CSU massive Verschlechterungen zulasten der Armen und massive
Verbesserungen zugunsten der Großkonzerne betrieben hat.

* * *

"Eine
sozialdemokratische Partei hat in acht Jahren 0 Erfolge. In wieviel Jahren
merkt sie, daß ihre Taktik verfehlt ist?"
Kurt Tucholsky, 1929, in "Deutschland, Deutschland über alles"

* * *

Die Art und Weise, wie am 9.November die "deutsche Revolution", der
"Mauerfall" gefeiert wird, läßt tief blicken in den Gemütszustand
dieser Republik. Von der an dem Tag tatsächlich stattgefunden habenden
Revolution ist naturgemäß gar keine Rede mehr - das durfte man auch nicht
erwarten. Wie aber das singuläre Ereignis in der Geschichte des "deutschen
9.November", die sogenannte "Reichspogromnacht", durch das
Geschrei und Gewusele um das "Wir sind ein Volk" in den Hintergrund
ge- und schließlich vollends verdrängt wird, das hat Wahnsinn und Methode.
Siegerfeiern.
Das Programm, zitiert aus der "Berliner Zeitung", u.a.:
"15 Uhr, Bösebrücke:
Angela Merkel überquert mit
Lech Walesa und Michail Gorbatschow sowie Zeitzeugen die Brücke. Wer zuschauen
will, sollte früh kommen und sich auf der Nordseite aufstellen. Ausweis nicht
vergessen."
Das hätten Honecker und Co. nicht besser hingekriegt: wer zuschauen will, wie
die hiesige Staatschefin und die Louis Vuitton-Tasche, an der ein ehedem
sowjetischer Staatschef hängt, gemeinsam über eine Brücke gehen (und es waren
doch SIEBEN?!?...), der soll sich auf der Nordseite aufstellen und die
Staatsführung ordnungsgemäß bejubeln. Und da die Staatschefs Angst vor ihrer
Bevölkerung haben, darf man von "angemessenen"
Sicherheitsvorkehrungen ausgehen - ohne Ausweis geht man besser nicht an die
Brücke zuschauen - Freiheit, die sie meinen...
Doch weiter im Programm:
"19.25 Uhr,
Brandenburger Tor: Staats- und Regierungschefs gehen durchs Tor."

Das Runde muß ins Eckige, sozusagen.
Schön ist auch "20 Uhr
Reichstag: Lech Walesa stößt die ersten Dominosteine an. Am Brandenburger Tor
reden Michail Gorbatschow und Hans-Dietrich Genscher. Bon Jovi spielt einen
Song."
Das geschieht Gorbi und Genschman ganz recht, daß sie Bon Jovi ertragen müssen.

Und wer hierzulande über "Staatspop" nachdenkt, kann sicher sein, daß
es Künstler gibt, die ihren Staatsauftrag im vorauseilenden Gehorsam erfüllen,
ach was, übererfüllen wie weiland Adolf Hennecke: Um 20.40 auf dem Platz des
18.März: "Paul van Dyks
Hymne "We are one" wird uraufgeführt (...) es gibt ein
Feuerwerk."
Paul van Dyk, der Adolf Hennecke der Merkel-Westerwelle-Republik.
Und was macht die Klassik? Was machen Daniel Barenboim und die Staatskapelle?
Sie geben auf dem Pariser Platz ein Open-Air-Konzert, auf dem sie Antisemitismus
und Philosemitismus gekonnt vereinigen - sie führen Schönbergs "Ein
Überlebender aus Warschau" ebenso auf wie Wagners
"Lohengrin"-Vorspiel. Der Urenkel Richard Wagners, der
Musikwissenschaftler Gottfried Wagner, schreibt den Verantwortlichen dazu ins
Stammbuch: Mit der Entscheidung, "diese
chauvinistische Kriegsaufputschmusik des militanten Antisemiten Wagner"
ins Programm zu nehmen, werde die Bedeutung des 9.November "verkannt und verhöhnt".

"Für deutsches Land das deutsche Schwert" heißt eine Zeile in Wagners
"Lohengrin" - doch eigentlich recht passend zu dem, was die
Herrschenden mit ihrem Fest zum 9.November meinen.

* * *

Ob staatliche Theater wie die Berliner "Volksbühne" mit einem
Popmusik-Programm freien Konzertveranstalter Konkurrenz machen sollen und
dürfen, darüber läßt sich lange debattieren. Und daß der von der Volksbühne
scheidende Musikkurator nicht selten freien Konzertveranstaltern Künstler
"weggeschnappt" und mit seinen staatlich subventionierten günstigeren
Bedingungen veranstaltet hat, ist klar. Keine Frage ist aber unabhängig davon,
daß Christoph Gurk seit 2001 ein künstlerisch geschmackvolles Musikprogramm in
der Volksbühne kuratiert hat - mitunter ist Gurk sogar künstlerisch ein wenig
Risiko gegangen, was bei staatlich subventionierten Konzertveranstaltern
heutzutage, seufz, eher die Ausnahme als die Regel ist.
Zum Nachfolger von Christoph Gurk wurde nun ausgerechnet Christian Morin
bestimmt, als Leiter von "Headquarter" ein Tourveranstalter.
Andernorts könnte man die Tatsache, wie hier nonchalant der Bock zum Gärtner
gemacht wird, als handfesten Skandal geißeln - nicht so im provinziellen
Berlin, wo es seit Jahrzehnten gang und gäbe ist, daß Groß und Klein von der
Politik von der Waldbühne bis zu Kinos alles auf irgendwie "dubiosen"
Wegen zugeschanzt bekommen, was zuzuschanzen ist. Man darf gespannt sein auf
die Verhandlungen, die Morin als Musikkurator mit sich selbst als
Tourneeveranstalter führt. Das alles wäre in etwa so, wie wenn der Bäcker, bei
dem der Senat seine Brötchen backen läßt, Leiter der Einkaufsstelle für alle
Brötchen in Berlin wäre. Daß Morin dabei auch musikalisch ein unheimlich großer
Wurf des rot-roten Senats, der die Volksbühne finanziert, ist, zeigt das
Highlight seines Eröffnungsprogramms: Nigel Kennedy spielt diesmal nicht für
die Spießer in der Philharmonie, sondern, wie originell, für die Spießer im
Volksbühnen-Nest, die sich dann königlich über die beiden verschiedenfarbigen
Socken des selbsternannten Punk-Geigers amüsieren dürfen. Ein künstlerischer
Offenbarungseid, so erbärmlich wie die skandalöse Entscheidung, überhaupt einen
Tourneeveranstalter zum Musikkurator der Volksbühne zu machen.
"be.Berlin", wie es leibt und lebt.

* * *

Wenn wir schon bei gehypten Klassikstars sind: der Pianist Lang Lang ist
gewissermaßen der Westerwelle der Klassikszene. Beide kennzeichnet zuallererst
die eigene Ergriffenheit angesichts der eigenen Person. Und Klaviermusik
verstehen tut der eine so wenig, wie der andere Außenpolitik kann.

* * *

Weiß eigentlich jemand da draußen, ob es gildet, wenn man als Atheist betet?
Ich erwäge ernsthaft, für Frau Merkels Gesundheit zu beten. Denn wenn sie krank
würde, würde Westerwelle die Regierungsgeschäfte führen. Brrrrrrr.

* * *

Jetzt gibts Treets wieder.
Am Ende wird Twix wieder Rider und die CDU wieder SPD heißen.

* * *

Enden will ich aber wieder einmal mit einer tibetanischen Weisheit, diesmal
nicht von ihrer Heiligkeit Tendzin Gyatsho, sondern von der tibetanischen
Sängerin Soname Yangchen dargebracht, die da sagte: "Jeder Mensch muß bei sich selbst anfangen, die Welt
zu verschönern, indem er sein Umfeld zum Lächeln bringt."
Ich hoffe, die Leserinnen und Leser dieses Rundbriefes nehmen dem Verfasser
dieser Zeilen zumindest sein deutliches Bemühen ab, die Welt zu verschönern!

10.10.2009

Und Ansonsten 2009-10-10

Warnung
- hier beginnt der Teil des Rundbriefs voller POLEMIK und SATIRE! Hier wird das
offene Wort gepflegt. Nichts für schwache Gemüter!
Parental advisory: Explicit content!
Kulturfunktionäre haften für die Mitglieder ihrer Verbände!

* * *

Namenswitze verbieten sich bekanntlich, auch wenn sie im Fall des thüringischen
SPD-Vorsitzenden Matschie so naheliegend wie wahrscheinlich berechtigt wären.
Daß ein Politiker, der gerade mal 18% eingefahren hat, gerne Ministerpräsident
werden würde und versucht, die stärkeren Parteien durch die Manege zu treiben -
geschenkt, wenn die das mit sich machen lassen.
Matschie erinnert ein wenig an die Comicfigur "Isnogood", der nur
einen Slogan kennt: "Ich will Kalif werden anstelle des Kalifen". Und
ein Matschie ist natürlich irgendwie eine schöne Maßeinheit für den Stand der
Durchgeknalltheit der deutschen Sozialdemokratie.

* * *

Im September-Rundbrief haben wir unsere "Wahlprüfsteine zur
Bundestagswahl" vorgestellt, die wir den Kandidatinnen und Kandidaten im
Wahlkreis Berlin-Kreuzberg-Friedrichshain vorgelegt haben. Die Resonanz ist
ernüchternd und wirft ein bezeichnendes Licht darauf, warum immer mehr Menschen
politikmüde und parteiverdrossen sind - einzig die "Linke"-Kandidatin
Halina Wawzyniak hielt es für nötig, unsere Fragen detailliert zu beantworten
(siehe auf unserer Website unter "Wahlprüfsteine 2009"). Von
Hans-Christian Ströbele (Grüne) erreichte uns eine nette Mail, daß er es vor
der Wahl einfach nicht mehr schaffe, unsere Fragen ausführlich zu beantworten -
ein Gesprächstermin in unserem Büro ist allerdings für Oktober 2009 vereinbart,
wir halten Sie auf dem Laufenden.
Der selbsternannte Nachwuchsstar der SPD, Björn Böhning, der im Wahlkampf noch
mit einer Veranstaltung zur "Gema" aufwartete, hielt es nicht für
nötig, überhaupt zu antworten - auch unsere Einladung zu einem Gespräch zum
Thema "Gema" blieb unbeantwortet. Kein Wunder, daß Böhning im jungen
Wahlkreis Kreuzberg nur 16,7% der Stimmen erhielt und sogar noch weit unter dem
Zweistimmenergebnis seiner Partei blieb - eine echte Luftnummer eben, so wie
auch Frau Lengsfeld von der CDU, bei der man aber nichts anderes erwartet
hatte. Keine Reaktion auch vom FDP-Kandidaten, wo die FDP doch sonst gerne
Sonntagsreden über die Wichtigkeit des "Mittelstandes" verbreitet.
Demokratie, die sie meinen...
(den Wahlkreis eroberte übrigens wieder Ströbele mit 46,8% der Erststimmen; die
CDU erhielt 11,2%, die FDP 5,9% der Zweitstimmen und blieb damit sogar noch
hinter dem Ergebnis der Piratenpartei zurück)

* * *

"Falls Sie je irgendwo lesen, ich hätte einen Rundum-Vertrag mit einer
globalen Agentur wie Live Nation unterschrieben, dann können Sie sicher sein,
daß Satan meine Seele an sich gerissen hat - und daß ich in die Gummizelle
gehöre. Solche Verträge, bei denen ein Künstler sein Schicksal in die Hände
einer einzigen Firma legt, sind in meinen Augen Teufelswerk."
Tori Amos

* * *

Die "Süddeutsche Zeitung" kommentiert das
"Internet-Manifest", das einige prominente Blogger und Journalisten
veröffentlicht haben, säuerlich. Den Artikel des SZ-Autors kann man nicht
online lesen, sondern muß ihn für 3,21 Euro kaufen...

* * *

Manch einer mag sich an die kleine Anti-GEMA-Polemik im letzten Rundbrief
erinnern. Wie die GEMA in einem internen Mitglieder-Rundbrief, den sie der
Fachpresse zur Verfügung stellte, nun auf unsere Kritik einging, beweist schon
ein gerüttet Maß an Einfältigkeit und Selbstzufriedenheit - mal abgesehen von
der gezielten Lüge ihres "Direktors der GEMA-Direktion Außendienst",
der behauptet, "Seliger
hat noch nie eine Rechnung der GEMA erhalten", was wie gesagt
schlicht die Unwahrheit ist, besonders interessant, wo doch die GEMA unsereinem
"Halbwahrheiten" vorwirft - aber: darf bei diesem alle Verbraucher
betreffenden Thema nur mitreden, wer GEMA-Rechnungen erhält?!?
Hübsch auch die einzige Replik auf den Vorwurf, der GEMA-Verteilungsschlüssel
sei ungerecht - darauf entgegnet die GEMA in ihrer Presseerklärung: der
kritisierte Verteilungsschlüssel werde "von
den GEMA-Mitgliedern im Rahmen der Mitgliederversammlung beschlossen und ist
somit Ausdruck des Willens der GEMA-Mitglieder. Ein wichtiges Detail, das oftmals
übersehen wurde."
Klasse, nicht?
Es war keine Rede davon, wie der ungerechte Verteilungsschlüssel zustande
kommt, es war die Rede davon, daß er UNGERECHT und zum Nachteil etlicher
Künstler ist (nun ja, wahrscheinlich nicht zum Nachteil von Dieter Bohlen oder
der "Prinzen"...). Es darf also der größte Schmarrn existieren, eine
Ungerechtigkeit ist also berechtigt, weil die GEMA-Mitgliederversammlung sie
beschlossen hat?!?
Das ist das Niveau, liebe Leserinnen und Leser, auf dem da argumentiert wird.
Besonders einfältig kommt der GEMA-Jockel daher, Tobias Künzel von den
"Prinzen", der auf die GEMA-Kritik des letzten Rundbrief wortgewandt
und in vollem Besitz seines logischen Denkvermögens, das allerdings gen null
tendiert, im Newsletter der GEMA schreibt: "Auf
jeden Fall ist es sehr erstaunlich, wie sehr sich plötzlich ein Veranstalter
Sorgen um das Geld seiner Künstler macht. Wir sind seit 18 Jahren unterwegs und
haben schon sehr viele Konzertagenturen erlebt, die ausschließlich auf ihren
eigenen Gewinn orientiert waren, da ist soviel Selbstlosigkeit ja geradezu
rührend."
"Auf" ihren eigenen Gewinn "orientiert" - klar, deutsches
Sprak schweres Sprak, so wird man Textdichter bei der GEMA... Vor allem aber
hübsch diese Logik - wir "Prinzen" waren in 18 Jahren so doof, auf
etliche Konzertveranstalter reinzufallen, und weil das so ist, darf kein
Konzertveranstalter sich Sorgen um das Geld seiner Künstler machen. Oder wie?
Oder was?
Allerdings, eines ist gewiß: zum Thema "GEMA" dürfen Sie sich auf
weitere Auseinandersetzungen - nun ja: freuen, oder gefaßt machen, je
nachdem...

* * *

Daß ausgerechnet die hiesigen Medien die letzten Wochen von großer
"Langeweile" im bundesdeutschen Wahlkampf geschrieben haben, ist
schon wirklich drollig - denn "langweilig" wurde der Wahlkampf ja
nicht zuletzt, weil die Medien so langweilig sind. Und weil die Medien
hierzulande schon längst zu gleichgeschalteten Stichwortgebern der Politiker
mutiert sind. Perfekt konnte dies beim lächerlich zu einem "Duell"
hochstilisierten Fernsehauftritt von Frau Merkel und Herrn Steinmeier
beobachtet werden. Wie vier Journalisten ihre jeweilige Inkompetenz
potenzierten, sich selbst wichtig machten und entweder unfähig waren,
interessante Fragen zu stellen, oder sich selbst in Vorgesprächen mit den
Politikern und ihren Adjutanten sich selbst kastriert hatten - das war
"typisches deutsches Politfernsehen" (FAZ), langweilig und trostlos.
Aber was will man von einem Fernsehen denn auch erwarten, dessen Stellen von
den Politikern besetzt werden? Das von oben bis unten durchdeklinierte
Proporzsystem des sogenannten öffentlich-rechtlichen Fernsehens gebiert in
aller Regel einen Politjournalismus des vorauseilenden Gehorsams, der selbst
gelegten Schleimspur. Das läßt sich allein schon daran ablesen, daß sich das
bundesdeutsche Politfernsehen quer durch alle Kanäle die Sendung und das
Drumherum von den Politikern vorschreiben ließ. Warum gab es denn vor Jahren
noch die sogenannte "Elefantenrunde" mit Spitzenkandidaten aller im
Bundestag vertretenen Parteien? Die waren zum einen kurzweiliger als das, was
uns als sogenanntes "Duell" präsentiert wurde, und sie waren
realistischer - halten die Fernsehschaffenden die Zuschauer denn tatsächlich
für so beschränkt, daß sie denken, wir würden es nicht merken, wie bescheuert
es ist, wenn man uns den Vertreter einer 25%-Partei ernsthaft als
Kanzlerkandidaten andient?
Freilich - das System, das da zu betrachten ist, hat Methode, man betrachte
sich nur den Musikjournalismus. Längst ist es gang und gäbe, daß Journalisten
bei Interviews mit Popstars vorher lange Verträge unterschreiben müssen, daß
die Popstars und ihre Manager sich die Hoheit über alle veröffentlichten Bilder
garantieren lassen, daß also die Journalisten, die etwa über einen Robbie
Williams berichten wollen, ihr Selbstwertgefühl und ihren Berufsethos an der
Garderobe abzugeben haben. Warum sollte, was in der Popmusik selbstverständlich
ist, in der Politik nicht gelten? Und so entsteht in allen Bereichen eine
gähnende Langeweile, die Politjournalisten lassen sich Ablauf und Fragestellung
von Kandidaten diktieren, und keiner sagt: "Ihr habt sie doch wohl nicht
mehr alle! Wir sind das Volk! Wir sind die Journalisten, und wir stellen hier
die Fragen, und wir sagen hier, wie das abläuft!" So, wie eben kaum ein
Musikjournalist mehr sagt: "So geht das nicht! Wir veröffentlichen die
Fotos, die uns gefallen, und wenn euch das nicht paßt, dann berichten wir eben
nicht über Robbie W." oder wen auch immer.
Letztendlich hatten wir halt den Wahlkampf, den wir verdienen. Und das
Fernsehen, das wir verdienen. Und ein Volk, das zu Millionen einen Mario Barth
witzig findet und seit Jahren Knallchargen wie Johannes B. Kerner erträgt,
beklage sich bitte nicht über Langeweile im TV!

* * *

In Großbritannien laufen namhafte Künstler Sturm gegen die Planungen von
Musikindustrie und Regierung, mit grundrechtwidrigen Maßnahmen Filesharern den
Zugang zum Internet zu versperren (wie es in Frankreich geplant und hierzulande
bisher von der Musikindustrie, aber auch von einzelnen Politikern gefordert und
gewünscht wird).
"Das ist, wie wenn Du
eine Walnuß mit dem Vorschlaghammer knackst", stellt Fran
Healy (Travis) fest. Künstler wie Paul McCartney, Robbie Williams, Annie Lenox,
Nick Mason von Pink Floyd, Tom Jones oder die Rockbands Radiohead und Blur
haben sich zu einer "Featured Artists Coalition" (FAC)
zusammengeschlossen, einer Lobbygruppe für die Interessen der Künstler. Die FAC
macht Front gegen die Methoden der Musikindustrie im Kreuzzug gegen die
Internetpiraterie. Elton John, Robbie Williams, Radiohead, Tom Jones und Paul
McCartney bezeichnen in einer Stellungnahme lt. "Spiegel Online" das
Ansinnen der Medienkonzerne, Internetanbieter dazu zu zwingen,
Tauschbörsenbenutzern unter ihren Kunden den Netzzugang zu sperren, als "rückwärtsgewandt, unlogisch,
teuer und außerordentlich negativ".
Bisher haben die Plattenkonzerne behauptet, daß sie nicht nur für die eigenen
kommerziellen Interessen kämpften, sondern auch für die Interessen ihrer
Künstler (wobei lt. Untersuchungen die Zwischenhändler ca. 90% der Einnahmen
für sich behalten!). Doch nun stellen sich einige der wichtigsten und
prominentesten Künstler gegen die Politik der Musikkonzerne. Hierzulande wird
in den Branchenmedien darüber interessanterweise kaum berichtet.
Immerhin wäre die britische Aktion etwa so, wie wenn hierzulande sagen wir
Grönemeyer, Lindenberg und Silbermond öffentlich klarstellen würden: Liebe
Musikindustrie, eure Forderungen, Raubkopierern den Zugang zum Internet zu
versperren, sind erstens Blödsinn und verstoßen zweitens gegen das Grundgesetz,
laßt euch was anderes einfallen!
Klar, darauf können wir wohl noch lange warten... hierzulande unterschreiben
Popstars Petitionen ja nur, wenn es um eine Deutschpop-Quote oder um Tibet
geht...

* * *

Ökonomen zweifeln übrigens daran, daß die Internetpiraterie der Grund für den
Umsatzschwund der Musikbranche ist. Empirische Studien, die den Zusammenhang
zwischen illegalen Downloads und den Verkaufszahlen einzelner Alben
untersuchen, kommen lt. "FAZ" zu anderen Ergebnissen. "Und auch für die These, daß die
Internetpiraterie die Musikvielfalt bedrohe, weil sie Musikern und
Plattenfirmen die Geschäftsbasis entziehe, gebe es keine Belege, sagt Felix
Oberholzer-Gee von der Harvard Universität: In den USA werden heute doppelt so
viele Alben veröffentlicht wie im Jahr 2000."

* * *

Was haben Herr von und zu Guttenberg und Joseph Fischer, der ehemalige
Bundesaußenminister, gemeinsam? Ihre Liebe zu AC/DC.
Als Guttenberg einmal DJ spielte und auch AC/DC auflegte, trug er übrigens ein
von Parteifreunden gestiftetes T-Shirt mit dem Titel
"KrisenbewälTiger."
Highway to Hell eben.

* * *

Ende September, nach der Bundestagswahl, saß Klaus Wowereit lt. "FAS"
in Berlin auf einem Podium und erklärte, "es
gebe ja nun leider nicht so viel interessante neue Architektur in Berlin zu
sehen".
Gewiß doch - in jeder mittelgroßen französischen Stadt etwa kann man mehr
interessante und moderne Architektur besichtigen als Berlin. Aber könnte dies
vielleicht auch an der Baupolitik liegen, die ein Berliner Bürgermeister, der
nun auch bereits über acht Jahre lang regiert, zu verantworten hat?
Natürlich ist das Verhängnis, das über Berlin in Gestalt des Senatsbaudirektors
Stimmann gekommen ist, allüberall zu besichtigen. Aber ein Regierender
Bürgermeister Wowereit, der bei einer Presserundfahrt erstaunt feststellte, wie
häßlich das Einkaufszentrum "Alexa" doch ist, das sich in
unmittelbarer Nähe zu seinem Rathaus befindet und über dessen
Planfeststellungsverfahren und Bau der von Wowereit geführte Senat entschieden
hat, beweist eben nur eines: Hilflosigkeit. Die Angst des Bürgermeisters vorm
Gestalten. Und so was wollte SPD-Vorsitzender, Kanzlerkandidat gar werden...

* * *

Wenn es um einen öffentlichen Bau auf dem Marktplatz in Hintertupfingen ginge,
könnte man das als "Posse", als "Bubenstück" bezeichnen.
Doch was sich um den Neubau des Berliner Schlosses rankt, der Bebauung eines
der zentralen Plätze Berlins und der Republik, ist zwar ausgemacht provinziell,
aber ein handfester Skandal.
Die aktuellen Facetten: Die oberste Vergabekammer Deutschlands, die
Vergabekammer des Bundeskartellamts, erklärt den Auftrag an den
Schloß-Architekten Stella für nichtig und rügt deutlich die mangelnde
Transparenz des Verfahrens. Klar ist: die überraschende Vergabe des Auftrags
zum Schloßneubau an den italienischen Architekten Stella ging nicht mit rechten
Dingen zu. Stella hatte die Ausschreibungsbedingungen mit falschen Angaben
unterlaufen - vulgo: sich den Auftrag ergaunert. Da der Bauherr, das
Bundesbauministerium, allerdings unbedingt den historisierenden Schloßneubau
durchsetzen will, machte das von Minister Tiefensee (SPD) geführte Ministerium
mit Stella dennoch einen Vertrag und bezeichnet nun die Entscheidung des
Bundeskartellrechts als blanken Formalismus - so kann man mit demokratischen
Institutionen und deren verbindlichen Entscheidungen natürlich auch umgehen...
Noch interessanter allerdings ist, was vor kurzem in der "Zeit" stand
- so hält der Bundesbauminister bis heute an der Behauptung fest, "das Humboldt-Forum mit seinem
barocken Erscheinungsbild werde den Steuerzahler alles in allem 520 Millionen
Euro kosten und könne bereits im Jahr 2014 eröffnet werden".
Der Architekten- und Ingenieur-Verein hält diese Angaben für problematisch und
rechnet mit Ausgaben von über 700 Millionen Euro. "Manche Insider im Bundestag halten selbst eine
Bausumme von einer Milliarde nicht für ausgeschlossen. Und auch im
Bauministerium selbst kursieren längst höhere Summen",
berichtet die "Zeit". Vor allem der umstrittene Neubau der
Barockfassaden dürfte weit teurer werden, als bisher behauptet. "80 Millionen Euro betrügen die
Kosten dieser Rekonstruktion, so wiederholt es Tiefensee gebetsmühlenartig.
(...) Doch nach einer internen Kostenschätzung nach DIN 276, die der Zeit
vorliegt, betragen die Gesamtkosten der "Pos. 7 Rekonstruktion der
historischen Fassade" nicht 80, sondern 108,825 Millionen Euro. Die
üblichen Kostensteigerungen eingerechnet, wächst die Summe sogar auf fast 113
Millionen - und liegt damit rund 30 Millionen höher, als ausgewiesen. 30
Millionen, dafür baut man andernorts ein ganzes Museum." ("Die
Zeit")
Warum halten Tiefensee und das Bundesbauministerium aber so fanatisch an den 80
Millionen Euro für die Barockfassade fest? Die Antwort ist ganz einfach: Genau
80 Millionen Euro an Spenden nämlich will der Förderverein Berliner Schloß
unter der Leitung von Wilhelm von Boddien zusammenbringen. Und gegenüber der
Öffentlichkeit soll der Anschein aufrecht erhalten werden, die Barockfassade
könne vollständig aus Spenden finanziert werden.
Bisher hat der Förderverein übrigens erst 11 Millionen Euro sammeln können,
wovon der größte Teil bereits für PR, Honorare, Baupläne und Skulpturenmodelle
ausgegeben wurde, für den Fassadenbau also gar nicht mehr zur Verfügung steht.
Hier wird der Steuerzahler, hier werden die Bürgerinnen und Bürger von der
Politik auf gröbste Art und Weise verarscht. Und warum? Weil sich einige in den
Kopf gesetzt haben, daß im Zentrum Berlins ein historisches Schloß stehen muß.
Pervers.

* * *

Was die Vorstellung, von einem Herrn Westerwelle regiert zu werden, so
besonders unangenehm macht, ist ja zuvörderst die Tatsache, daß Herr
Westerwelle kein Politiker, sondern ein Politikdarsteller ist. Natürlich hat
Westerwelle die letzten Jahre Kreide gefressen, schmückt sich mit den
Bürgerrechts-Liberalen wie Frau Leutheusser-Schnarrenberger, weil er weiß, daß
man mit Politik nur für Anwälte und Steuerberater nicht über 10% kommt. Was er
aber wirklich denkt, wie dieser Politikdarsteller wirklich agiert, sieht man
immer wieder auf den entlarvenden YouTube-Filmen - wie Westerwelle etwa einen
BBC-Reporter anblafft, der es wagte, seine Frage auf englisch zu stellen, und
von Westerwelle belehrt wurde "Es ist Deutschland hier". Klar,
Westerwelle kann kein Englisch, da hat er in der Schule nicht aufgepasst. Und
man könnte sagen, so was sollte ein Hinderungsgrund sein, Außenminister zu
werden. Das ist aber das kleinere Problem. Das größere Problem ist, daß "Westerwelle gern mal
"freiheitlich", "Volk" und "Vaterland" benutzt,
wo zeitgemäßer Sprachgebrauch "Liberal", "Bevölkerung" und
"Europa" sagt" (Friedrich Küppersbusch).
Die FDJ-Funktionärin Merkel hat ihre CDU zu einer sozialdemokratischen Partei
gemacht. Westerwelle dagegen ist nur die andere Seite der reaktionären Medaille
Möllemann. Möllemann im Schafspelz. Die Wiedereinführung der Pickelhaube.

* * *

In Berlin wurden im September die "Bayerischen Musiklöwen" verliehen,
der "begehrte nationale (!) Musikpreis". Wie AC/DC-Fan Guttenberg,
weiter oben noch "Tiger", auf der Startseite des
"Musiklöwen" verrät: "Der
Löwe steht für Kraft, Stärke und Mut. (...) Die Pop- und Rockmusik hat nicht
nur eine wichtige kulturelle und gesellschaftliche Funktion. Sie ist auch
wirtschaftlich von beachtlicher Bedeutung."
Und so kommt zusammen, was zusammen gehört: Gotthilf Fischer verlieh den
Nachwuchspreis an die Bands Silbermond, Tokio Hotel und Die Fantastischen Vier,
während "Liza 23" und "Vorzeigekinder" (die Band ist wohl
eigens für die Politiker erfunden worden) aus der Hand von Guttenbergs den
AC/DC-Extra-Löwen erhielten. Laudatoren waren der ehemalige BDI-Chef Hans-Olaf
Henkel und Wolfgang Lippert, während "Mia" und "Monrose" an
Popkomm-Macherin Katja Gross einen Extra-Löwen für die beste
Nachwuchsveranstaltung überreichten. Die Parlamentarische Staatssekretärin beim
Bundeswirtschaftsminister, Dagmar G. Wöhrl, erhielt einen Sonderpreis für ihre
Nebenrolle in der Erotik-Komödie "Die Stoßburg" und ihre Verbindung
von PinUp, PopUp und PolitikUp. Wöhrl ist übrigens laut Wikipedia
Gesellschafterin der "DACA Parkhausverwaltungs GmbH". Und aus den
Buchstaben welcher Rockband setzt sich DACA zusammen? Na? Dagegen sind die
Illuminaten doch die reinste Hobby-Verschwörer-Gruppe, nicht?
Kann übrigens sein, daß bei der Abschrift dieser Meldung ein paar Details
durcheinandergeraten sind. Aber eines steht fest: alle genannten Namen kamen
bei der Veranstaltung im Berliner "Audi Zentrum" vor. Wort!

* * *

"Voll "auf Augenhöhe"
befindet sich auch die Musikzeitschrift spex - und zwar mit dem Nudelhersteller
De Cecco, dem sie ihr Impressum als Werbefläche vermietet. spex-Chefredakteur
Max Dax weiß, was Feuilleton bedeutet: die branchenübliche Hurerei als
Husarenstück verkaufen. Das hört sich so an: "Wir wollen einen Diskurs
darüber anregen, wie wahnsinnig hart es ist, Qualität sowie innere und äußere
Unabhängigkeit im Journalismus zu garantieren." Von einem
"Diskurs" ist bevorzugt dann die Rede, wenn aus Muffensausen vor dem
wirtschaftlichen Bankrott der geistige vorauseilend schon mal vollzogen wurde.
Das Ergebnis des spex-De Cecco-Ex-und-hopp-Diskurses steht so fest wie die
Max-Dax-Definition von "innerer und äußerer Unabhängigkeit im
Journalismus":
Ein neues Kunststück kann
der Pudel.
Er besingt jetzt auch die
Nudel."
(Wiglaf Droste)

* * *

"Musikalisch haben wir
bewußt auf Experimente verzichtet", sagt dagegen Hartmut
Engler in bestem Adenauer-Style über das neue Album seiner ansonsten für
radikale und experimentierfreudige Popmusik berühmten und berüchtigten Band
"Pur".
Bitte verzichten auch Sie bewusst auf Experimente! Herr Engler, Herr
Westerwelle und manch anderer wird es Ihnen danken!

05.09.2009

Und Ansonsten 2009-09-05

Der
große Vorsitzende Dieter Gorny spricht (in einem Interview mit dem
"WAZ"-Internetangebot "Der Westen"):
"Frage: Sie haben in
der Vergangenheit mehrfach die Politik aufgefordert, im Bereich des
Urheberrechts zu handeln. Was heißt das konkret?
Gorny: Es geht nicht darum,
das Urheberrecht zu verschärfen. Es geht darum, es auch im digitalen Bereich
durchzusetzen. Ich stelle mich da ganz hinter den Kulturstaatsminister. Bernd
Neumann hat sehr deutlich gesagt, dass Dinge in Frankreich gehen, die hier
vielleicht nicht gehen. Aber es kann nicht sein, dass hier gar nichts
geht."
Wohlgemerkt, die Frage war - "was heißt das KONKRET"...
Stefan Niggemeier, der in seinem lesenswerten Blog auf dieses großartige
Interview hingewiesen hat, bemerkt dazu u.a.: "Konkret will Gorny also, dass irgendwas geht.
Vermutlich verstellt ihm der Kulturstaatsminister (in Sachen sprachlicher
Präzision und Aktionismus ein Bruder im Geiste) einfach die Sicht auf die
aktuellen Nachrichten, dass das, was in Deutschland nicht geht, auch in Frankreich
nicht geht."
Doch weiter im Originalinterview - auch schön ist das hier:
"Frage: Was ist mit der
Generation, die sich noch nie eine CD gekauft hat, für die es
selbstverständlich ist, sich Sachen aus dem Internet herunter zu laden, sei es
legal oder illegal? Meinen Sie, Sie kriegen diese Generation je wieder?
Gorny: Diese nicht, aber die
nächste. Ich muß an die Schulen gehen und zeige den jungen Leuten Bibliotheken,
zeige ihnen Filme und Musik und sage ihnen dann: Das gibt es in Zukunft alles
nicht mehr, wenn die Raubkopiererei nicht aufhört."
Auch zu dieser inhaltlich-sprachlichen Meisterleistung der Kommentar von Stefan
Niggemeier:
"Mal abgesehen davon,
dass Gorny in seiner Antwort implizit den Quatsch der Frage bestätigt, dass
auch diejenigen jungen Leute für seine Branche verloren seien, die sich LEGAL
"Sachen" aus dem Internet herunterladen. Ich möchte bitte dabei sein,
wenn er den Schülern die Bibliothek zeigt und wartet, bis sie weinend
zusammenbrechen und versprechen, nie wieder ... öh ... ein Buch
runterzuladen?"
Aber vielleicht meinte Dieter Gorny mit seinem "ich muß an die Schulen
gehen" auch präziser "ich muß noch mal zur Schule gehen".
Nachholbedarf und einiges zu lernen hat er ja, der Herr Vorsitzende des
Bundesverbandes Musikindustrie…

* * *

Danger Mouse (u.a. auch Teil des Duos Gnarls Barkley und Co-Autor des Welthits
"Crazy") hat nach dem legendären "Grey Album" nun ein
weiteres Album vorgelegt, dessen Erscheinen die Tonträgerforma EMI "aus
rechtlichen Gründen" nicht zulassen will. Das Album "Dark Night of
the Soul" mit Beiträgen u.a. von Sparklehorse, Iggy Pop oder
Strokes-Sänger Julian Casablancas hat Danger Mouse nur im Internet kostenlos
verfügbar gemacht - oder man kauft sich das 100-seitige Fotobuch von David
Lynch oder ein Poster des Projekts mit dem gleichen Titel - beidem liegt eine
leere CD mit bedruckter Hülle bei, augenzwinkernd mit einem Aufkleber:
"For legal reasons, enclosed CD-R contains no music. Use it as you
will."
Im Interview von "Spiegel Kultur" sagt Brian Burton, der sich Danger
Mouse nennt: "Vor
zwanzig Jahren hätten Sie einfach eine Kassette kopiert. Und darüber
nachzudenken, ob Sie für meine Musik zahlen, dafür habe ich wirklich keine
Zeit. Ist mir aber auch komplett egal!"
Nicht nur musikalisch ist Brian Burton einer der geviewtesten und
intelligentesten Pop-Künstler unserer Tage...

* * *

EMI mag also das neue Album von "Danger Mouse" nicht veröffentlichen.
Wahrscheinlich findet EMI, dass es Besseres, Wichtigeres, Schöneres zu tun hat.
"Emihosting.com" informiert mich nämlich "im Auftrag von
PUR", dass als Vorbote des in Kürze erscheinenden neuen Albums von
"Pur" die Single "Irgendwo" erscheint.
Besonders hat mir die lesenswerte Zeile "Außerdem
werden wir Anfang nächster Woche einige Erweiterungen an der PUR-Community
vornehmen" gefallen.
"Erweiterungen an der PUR-Community." Wow. Irgendwo. Irgendwie.

* * *

Die "Musikwoche" meldet, dass die Künstlerin Barbara Clear, die ihre
Auftritte in großen Hallen selbst organisiert und veranstaltet, mit ihrer Klage
gegen die GEMA vorm Münchner Landgericht gescheitert sei. Die Künstlerin hat
von 2004 bis 2007 für ihre selbstveranstalteten Konzerte über 65.000 Euro an
die GEMA bezahlt. Die GEMA hat an die Künstlerin allerdings nur 5.000 Euro
ausgeschüttet - ein hübsches Beispiel für den Skandal des
Verteilungsschlüssels, den die GEMA verwendet.
"Alle bezahlen Unsummen
in den Topf, und ein paar tausend Mitglieder teilen sich rund zwei Drittel des
Geldtopfes auf", kommentierte Barbara Clear das Unding, das
GEMA heißt.
Interessant ist, dass die "Musikwoche" leider nicht weiter gefragt
hat. Denn dann hätte sie erfahren können, dass der Fall Barbara Clear kein
Einzelfall ist. Die GEMA hat eine Struktur, die einzelne Mitglieder einseitig
bevorzugt. Wenn zum Beispiel eine Band vom Kaliber Lambchops ein Konzert vor
1000 Menschen gibt, dann bezahlt der Veranstalter eine hohe dreistellige Gebühr
an die GEMA. Von diesem Geld sieht die Band, die praktisch nur
Eigenkompositionen spielt und die im Grunde ja nun von der GEMA, die so tut,
als ob sie die Rechte der Komponisten, Musiker und Songwriter vertreten würde,
einen guten Teil der Gebühren erhalten müsste, praktisch kaum etwas - ein
niedriger zweistelliger Betrag kommt bei Lambchop und ihrem Songwriter Kurt
Wagner an. Dafür erhalten GEMA-Mitglieder wie Dieter Bohlen aufgrund eines
absurden Verteilungsschlüssels Gelder, wenn Lambchop ihre eigenen Kompositionen
spielen. Wie bescheuert, und vor allem: wie ungerecht ist das denn? Und weitere
große Anteile der GEMA-Gebühren, die ja letztendlich von den Ticketkäufern, den
Konzertbesuchern also, bezahlt werden, landen als
"Verwaltungsanteile" bei der GEMA, ihren gigantischen
Vorstandsgehältern oder in den Verwaltungsbauten - schaut euch die riesigen
Gebäude in besten Lagen der Großstädte von Berlin bis München mal an, dann
wisst ihr Bescheid!
Die Petition, die Hunderttausende aufgrund der begrüßenswerten Aktion von
Monika Bestle an den Bundestag gerichtet hat, greift im Grunde natürlich viel
zu kurz - nicht nur die durch nichts rechtfertigte Anhebung der GEMA-Gebühren
ist ein Skandal, sondern die gesamte Existenz der GEMA ist das eigentliche
Problem. Ein eingetragener Verein, der sich seine eigenen Gesetze macht und
Gelder eintreibt, die er praktisch ausschließlich an seine eigenen Mitglieder
verteilt, nach einem undurchschaubaren Verteilungsschlüssel - dagegen ist die
sizilianische Cosa Nostra geradezu ein Wohltätigkeitsverein. Wie Kollege Marek
Lieberberg, der der GEMA "Toilettenparolen" vorwirft, vorgerechnet
hat, erhalten Urheber, die die Möglichkeit einer Direktverrechnung nicht nutzen
können, nur 20 bis 25 Prozent der von den Veranstaltern gezahlten GEMA-Beträge.
Und selbst deutsche Urheber, bei denen die GEMA die Möglichkeit der
Direktverrechnung zulässt, erhalten gerade noch etwa 70 Prozent der durch die
GEMA von den Veranstaltern einkassierten Vergütungsbeträge.
Die GEMA hat als e.V. die Lizenz zum Gelddrucken, und ihr durch nichts zu
rechtfertigendes Monopol wird von der Politik nicht angetastet. Wenn wir über
"Urheberrecht" diskutieren, dann sollten wir zunächst einmal über
Legalität der mafiotischen GEMA sprechen. Krieg den GEMA-Palästen, sozusagen!

* * *

Laut Frau von der Leyen, ihres Zeichens Familienministerin (CDU), muß
grundsätzlich diskutiert werden, wie Meinungsfreiheit, Demokratie und
Menschenwürde im Internet "im richtigen Maß" gehalten werden können.
Freiheit, die sie meinen...

* * *

In Skandinavien werden Websperren, wie sie Zensursula Frau von der Leyen und
ihre Gesinnungsgenossen gerne sähen, bereits eingesetzt. Doch es gibt keine
Zahlen, die deren Wirksamkeit belegen, ganz im Gegenteil, der Chef der
Stockholmer Polizeiermittlungsgruppe gegen Kinderpornografie und
Kindesmisshandlung, Björn Sellström, erklärt im "Focus": "Unsere Sperrmaßnahmen tragen
leider nicht dazu bei, die Produktion von Webpornografie zu vermindern."
Und wie sich so eine Websperre umgehen lässt, demonstriert ein Video, das im
Internet zu finden ist, es dauert keine halbe Minute.
"Ich jedenfalls habe
ein mulmiges Gefühl. Mich beunruhigt der Prozeß der Sperrung, denn weder
Privatpersonen noch Verbraucherschützer dürfen nach gesperrten Seiten suchen
oder die Rechtmäßigkeit einer Sperrung überprüfen. Mich beunruhigt die
Versuchung, mehr und mehr zu sperren." (Thomas Pyczak,
Chefredakteur "Chip")
Chinesische Verhältnisse...

* * *

Speaking of - der 1GB-Datenstick, den die "Initiative Kultur &
Kreativwirtschaft der Bundesregierung" mit ebendiesem Aufdruck verteilen
läßt, hat eine kleine, rechteckige Fläche, die nicht so hübsch matt-silbern ist
wie der Rest des Teils, das in einer Plastikschatulle mit Schließmagnet
verteilt wird. Wahrscheinlich war an der Stelle ein kleiner Aufkleber, zum
Beispiel "Made in China"... Mir gefällt die Vorstellung, wie ein
Ministerialrat im Kulturministerium sitzt und von Hunderten von Sticks den
"Made in China"-Aufkleber abrubbelt, denn es kann ja nicht sein, was
nicht sein darf...

* * *

Daß Politiker irgendeine Ahnung haben, worüber sie sprechen, ist natürlich ein
naiver Wunsch.
Renate Künast von den "Grünen" im Interview mit der "Berliner
Zeitung" etwa:
"Wir fordern eine
Kultur-Flatrate, die organisiert werden soll wie die Gema-Gebühr für
Musiktitel."
Na sauber. Mal jenseits dessen, daß ich noch niemanden gefunden habe, der mir
auch nur annähernd erklären konnte, wie eine sogenannte
"Kultur-Flatrate" wirklich funktionieren kann, während ich
andrerseits sofort und aus dem Handgelenk hundert gute Gründe dagegen
vorbringen könnte - aber daß Frau Künast in Zeiten, da über hunderttausend
Menschen eine Petition gegen die GEMA unterschrieben haben, einen weiteren
eingetragenen Verein mit eigenen Gesetzen und gigantischer Bürokratie fordert,
der Geld scheinbar auch nur an einige wenige Urheber ausschütten soll, eine
weitere ungerechte Cosa Nostra (siehe oben) also - das kann doch der
"Grünen" Ernst nicht sein!

* * *

Aber der Schwachsinn namens "Kultur-Flatrate" ist bei einem Volk, das
auf "Geiz ist geil" steht und am liebsten alles in Flatrates
wegkonsumiert (Telefontarife, Internet, Saufen, neuerdings gibt's ja sogar
Flatrate-Puffs...), natürlich eine prima populistische Idee.
Sogar in de:bug - da dachte man doch tatsächlich, diese Zeitschrift sei ein
bißchen die Einäugige im Jammertal deutscher Musikjournalistik - und dann
dieses: Sie lassen Jonas Woost und andere vom soeben an den Medienmogul CBS
verkauften "Last.fm" seitenlang vor sich hin fabulieren, unter
anderem so:
"Debug: Bei einer
Kultur-Flatrate verhielte es sich doch wie bei den Rundfunkgebühren. Erstmal
zahlen das viele nicht, und wie werden die Künstler einzeln abgerechnet?
Woost: Ich führe die
Diskussion so häufig und die Lösung ist wirklich denkbar einfach! Denn: die
Daten sind ja alle da. Wir wissen genau, wann, was, für wen gespielt wurde. Das
Land, die Uhrzeit, was davor und danach gespielt wurde. Wir sitzen auf den
Daten und wir würden sie gerne rausgeben, anonymisiert natürlich. (Natürlich!
BS) Spotify hat die Daten, Pandora hat die Daten. Die Frage nach der fairen
Auszahlung ist doch sekundär (aha. BS). Wenn wir als Gesellschaft erstmal entscheiden,
dass die Kreativen ausbezahlt werden, und zwar alle, und die GEMA (schon
wieder! BS) oder jemand anders (gleich der Verfassungsschutz? BS) würde das
Geld verwalten, wäre das doch kein Problem."
Und die Antwort, die dem de:bug-Interviewer einfällt, ist sage und schreibe
nur: "Kann man in euren Augen bei der aktuellen Situation überhaupt noch
von klassischem Musikkonsum sprechen?"
Das, was beliebte Medienfirmen wie Last.Fm, Google, Facebook oder wie sie alle
heißen heutzutage an Daten sammeln und verwerten, hat gigantische Ausmaße - und
ist komplett unkontrolliert. Dagegen ist Orwells Überwachungsstaat die reinste
Idylle. Nur manchmal plaudern die Macher versehentlich aus, wie sie wirklich
mit den Daten umgehen wollen, wenn sie können - siehe oben.

* * *

Die "Bunte" titelt:
"Herr Guttenberg -
können Sie auch ÜBER WASSER laufen?"
Das können sie nur als rhetorische Frage gemeint haben.
NATÜRLICH kann der Herr von und zu und über und gegen auch über Wasser gehen.
Mindestens.
Das Nähere regelt ein von einer privaten Anwaltskanzlei geschriebenes Gesetz.
Hurra!

* * *

Und auch sonst ist der Herr Freiherr ein ganz besonders Kluger.
Zum "65. Jahrestag des Aufstands der Nazioffiziere gegen ihren Führer am
20.Juli" (Hermann L. Gremliza) hat Karl-Theodor zu Guttenberg versucht,
eine Rede zu halten, in der er u.a. diese sinnreichen Sentenzen zum Besten
gegeben hat:
"Zudem ringt dieser
Gedenktag so lange mit der Gegenwart, wie die Begriffe Ehre, Stolz oder Vorbild
Ausdruck einer verklemmten Schüchternheit bleiben."
Alles klar? Oder nehmen Sie das hier:
"Die Männer und Frauen
des Widerstandes haben unsere Ehre verteidigt und sie an uns weitergereicht.
Deshalb ehren wir sie heute."
Also, meine Ehre wurde 1944 nicht verteidigt und auch nicht weitergereicht, das
steht schon mal fest. Gremliza in "Konkret" zu diesem Schwachsinn:
"Stauffenberg hat 1944
die Ehre des 1971 zu gebärenden Karl-Theodor zu Guttenbergs verteidigt? Was war
zuerst - das Huhn oder das Ei? In Guttenbergs Kopf ist es das Frikassee."

Aber so wird man Volkes Liebling und der populärste Politiker (sagen wir
abgekürzt "Popo") des Volkes...

* * *

Gut, daß wir den "Spiegel" haben. Der hält uns nicht nur über
aktuelle Entwicklungen um Hitlers Kriege in Titelstories auf dem Laufenden,
sondern er erzählt uns auch sonst so manches wirklich Überraschende. Etwa:
"Goldman Sachs soll Großkunden bevorzugt haben." Perdauz! Wer hätte
damit gerechnet, dass Banken ihre Großkunden bevorzugen? Es tun sich wirklich
immer neue Abgründe im Bankenwesen auf. Ist das nun schon wieder systemisch?

* * *

Wollte man den größten des tagtäglichen Schwachsinns, den Platten- und andere
Firmen der Musikindustrie als Werbetexte für ihre Projekte in typischem
"Musiksprech" absondern, mit einem Orden auszeichnen, man hätte ein
echtes Auswahlproblem. Aktuell würden wir uns für den Werbetext des
"Essay"-Labels zum neuen Album von "Shantel" entscheiden:
"250 Shows im Jahr, die
größten Festivals, brennende Clubs und ein Slogan: DISKO DISKO PARTIZANI!
Millionen haben sich in ganz Europa von einem neuen Sound infizieren lassen.
"Planet Paprika" ist das Bekenntnis zu einer kompromisslosen
Popmusik, die sich abseits ausgetretener Wege neu entwickelt. Hier trifft der
Norden den Süden, der Westen verschmilzt mit dem Osten - alle sind gleich in
den Augen von Shantel. Diese Kultur braucht keinen Integrationsbeauftragten,
denn wir werden jetzt alle Bürger, also "Citizen of Planet
Paprika"!", brabbelt das Frankfurter Label Äppelwoi-selig
über den Frankfurter Jungen Stefan Hantel. Wir gratulieren! Soviel Blödsinn in
nur fünf Sätzen, das muß man erstmal hinkriegen.

* * *

"Alles habe ich gegen
Sieger; selbst denen, die eines Tages den restlichen Kapitalismus besiegen,
möchte ich nicht unterworfen sein, doch leider habe ich wenig Aussicht, diesen
Tag noch zu erleben."
(Ernst Herhaus)

* * *

Und wenn Sie am 13.September vor dem TV sitzen und sich wundern, was dieser
Herr und diese Dame da gleichgeschaltet auf etlichen Kanälen bequatschen -
verzagen Sie nicht. Früher nannte man es Wahlkampf. Wie man es heute nennt -
keine Ahnung. Ich weiß nur: es geht vorbei. Und ich empfehle - nehmen Sie es
mit Humor! So wie der "Tagesspiegel" , der am 12.8. Einzelheiten zum
TV-Duell von Frau Merkel und Herrn Steinmeier bekanntgab, unter anderem: "Studio im Publikum wird es nicht
geben."
So ist das nämlich. Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst. Hatten wir
schon mal, nicht?

08.08.2009

Und Ansonsten 2009-08-08

Es
stand auf der gleichen Titelseite der "Berliner Zeitung" - das
Sommertheater ums in Spanien geklaute Dienstauto von Ministerin Ulla Schmidt,
und "Bundesregierung verschont Autolobby". Ich will nicht
mißverstanden werden - daß Frau Schmidt sich ihren Dienstwagen nach Spanien
bringen läßt, ist faktisch wie taktisch bescheuert. Aber daß die große
Koalition um Autokanzlerin Merkel wieder einmal vor der Autolobby kuscht,
sollte doch wohl das tiefergreifendere und wichtigere Wahlkampfthema sein:
Pläne, wonach Autokäufer anhand einer einfachen und transparenten Verbrauchskennzeichnung
zuverlässige Angaben zum Spritverbrauch und CO2-Ausstoß erhalten sollen, wurden
im von CSU-Jungstar zu Guttenberg geführten Wirtschaftsministerium auf Eis
gelegt - "vor dem
Hintergrund der Wirtschaftskrise wolle man eine derartige Kennzeichnung wohl
nicht gegen den Willen der Automobilindustrie einführen".
Und: "Wenn
Bundesministerin Ulla Schmidt bei der Gesundheitsreform ähnlich wenig zustande
gebracht hätte wie das Kanzleramt und das Finanzministerium bei der
Finanzkrise, wäre sie schon längst weg." (taz)

* * *

Und wo wir gerade von der Verkehrspolitik sprechen - das sogenannte
"S-Bahn-Chaos" in Berlin ist in aller Munde. Entpuppt sich aber bei
näherem Hinsehen viel eher als DB-Chaos um Ex-Bahnchef Mehdorn. Die DB als
Besitzerin der Berliner S-Bahn hat über Jahre die neuen, vom Berliner
Bombardier-Konzern gelieferten S-Bahn-Züge nicht ordnungsgemäß kontrolliert
(und damit, nebenbei gesagt, die Schädigung der S-Bahn-Fahrgäste bewußt in Kauf
genommen). Über Jahre hinweg wurde S-Bahn-Personal ausgedünnt, um die Bahn für
die Privatisierung zu "verschlanken" - nun fehlen Personal und
Facilities für Wartung und Überprüfung der Bahnen - ein Lehrstück gegen die vor
allem von CDU und FDP, aber auch von der SPD betriebene Privatisierungspolitik.
Mehdorn hat derweil bei "Air-Berlin" angeheuert. "Jeder Diplomingenieur
unterschreibt im Arbeitsvertrag, daß er während einer Sperrfrist nicht zur
Konkurrenz gehen darf. Mehdorn, alimentiert mit 2,3 Mio pro Jahr vom
Staatsunternehmen, erzählt einem der beiden wichtigsten Wettbewerber der Bahn
nun mal alle Planungen. Warum nennen wir "Manager", was doch nur
Verwaltungsprostituierter ist?" (Friedrich Küppersbusch)
Die CDU fordert im Bundestagswahlprogramm eine stringente Umsetzung der
Bahn-Privatisierung. Von der SPD, auch und gerade von Berlins Regierendem
Wowereit, sind nun klare Worte gefordert, kein Eiertanz um die Privatisierung.

* * *

Pop-Journalismus I.
"Rolling Stone", "Musikexpress" und "Metal
Hammer", allesamt seit einiger Zeit im Besitz von Axel Springer, ziehen
nach Berlin und bekommen einen übergeordneten, neuen Chef: Ulf "Vanity
Fair" Poschardt, ausgerechnet.
Ein gezielter Schachzug vor der Bundestagswahl? Bei der Bundestagswahl 2005
jedenfalls rief Ulf Poschardt dazu auf, die FDP zu wählen. Die linke Subkultur,
so Poschardt seinerzeit, solle eine CDU-CSU-FDP-Koalition als
"revolutionäres Projekt" begreifen. Mit solcherart Schwachsinn
qualifiziert man sich hierzulande für höhere Aufgaben, darf "Vanity
Fair" in die Pleite reiten und dann stellvertretenden Chefredakteur der
"Welt am Sonntag" spielen.
Bisher war den Münchner Musikmagazinen die Zugehörigkeit zur Axel
Springer-Gruppe nicht negativ anzumerken, es ist jedoch zu befürchten, daß
Springer und Springer-Clown Poschardt die Magazine nun auf Kurs bringen wollen.

Bleibt die Hoffnung, daß die geschätzten Kolleginnen und Kollegen in den beiden
Musikmagazinen erhalten bleiben - wir freuen uns auf euch, hier in Berlin! Auch
wenn die Gästelisten damit endgültig aus den Nähten platzen werden…

* * *

"Ich nehme an, daß
Dinge, je stärker sie sich ändern, immer mehr dieselben bleiben. Rockfestivals
sind längst Institutionen des Kulturbetriebs, wie Roskilde und Rock am Ring
seit Jahrzehnten demonstrieren. Niemand denkt mehr daran, mit ihnen eine neue
Welt zu errichten. Im Gegenteil. Sie sind Gelegenheiten, um neue
Marketingstrategien für jugendaffine Produkte auszuprobieren."
(Ed Ward in einem Artikel über "Die Falle
Woodstock", Tagesspiegel)

* * *

"Those rock and roll
boys have lost their fire." (Franz Nikolay)

* * *

Pop-Journalismus II.
Ein Boris Halva versucht in der "Frankfurter Rundschau" eine
Rezension des Patti Smith-Konzerts. Dabei entdeckt Boris Halva ein ganz
besonderes Bandmitglied: "ihr
im Hintergrund agierender Sohn Jackson Smith an der Gitarre".
Die "FAZ" beschreibt den Musiker, den Halva meint, etwas hölzern als "Spezialgast Tom Verlaine, einst
Haupt der Punkformation "Television" (…) Den ganzen Abend sitzt
Verlaine am linken Rand der Bühne und arbeitet, als gäbe es kein Morgen, an
seinem Instrument, dem er für die, die es hören wollen, in manchen Passagen
wahrhaft zauberische Tonfolgen entlockt."
Auch die "taz" bezeichnet den "am hinteren Bühnenrand auf einem
Hocker sitzenden" Musiker als "Tom Verlaine", den "heimlichen Star der Show":
"In diesen Gitarrenfingern wohnt der Geist von John Zorn und der von Jerry
Garcia, in den besten Momenten versöhnt Verlaines Gitarrenspiel die
Antagonismen von Punk und Hippie und das Ganze bekommt einen gläsernen,
schwebenden Glanz", schreibt Klaus Walter.
Nun, daß Autoren, die über Popmusik schreiben, keine Ahnung haben, ist nichts
Neues - warum sollte ein Boris Halva in einer "FR" das Gitarrenspiel
von Tom Verlaine erkennen können? Daß Leute, die Konzertkritiken schreiben,
sich zumindest die Mühe machen, die Besetzungsliste zu recherchieren, sollte
man allerdings doch erwarten können, auch bei Schreiberlingen, die ganz
offensichtlich nur "in it for the Zeilenhonorar" sind.

* * *

Begeistert teilt uns "Universal" mit:
"Cassandra Stehen und
Stanfour spielen zu Ehren des Dalai Lama.
Anlässlich des Dalai
Lama-Besuchs in Frankfurt am Main findet am Samstag, den 1. August, in der
Commerzbank Arena ab 20.00 Uhr eine Jam-Session der ganz besonderen Art statt:
Mit einem individuellen Konzert werden Chartstürmerin Cassandra Steen und die
Band Stanfour beim Dalai Lama Event in Frankfurt (30.07. - 02.08.) neben
anderen bekannten Künstlern musikalisch für Frieden, Freiheit und
Menschlichkeit aufrufen. Cassandra Steen, die mit ihrem Hit "Stadt"
(feat. Adel Tawil) derzeit Platz zwei der deutschen Single-Charts belegt und
Stanfour ("In Your Arms") haben sich der Initiative "Artists for
Dalai Lama" angeschlossen und werden jeweils zwei Songs im Rahmen des
Konzerts "Ein Abend für den Frieden" live performen."

Klasse. Ein "individuelles Konzert", auf dem nicht nur "live
performed" wird, sondern auch noch "für (!) Frieden, Freiheit und
Menschlichkeit aufgerufen" wird.
Etwa so, wie der Dalai Lama im Interview mit dem "Manager Magazin"
mitteilt:
"Sowohl Deutsche als
auch Japaner habe ich gefragt, ob sie schlechte Gefühle gegenüber dem einstigen
Kriegsgegner Amerika hätten, weil zwei Atombomben über den japanischen Städten
Hiroshima und Nagasaki abgeworfen worden sind. Die Menschen, die ich fragte, verneinten
dies. Sie haben vergeben."
Die Deutschen haben also den Amerikanern vergeben, daß diese Atombomben über
Japan abgeworfen haben. Für dieserart Schwachsinn, pardon: Frieden aufzurufen,
würd ich auch gern mal auf einem individuellen Konzert live performen.

* * *

"Universal Music" baut übrigens ein neues Geschäftsfeld auf - laut
"Musikwoche" will der Major jetzt eine eigene Modemarke am deutschen
Markt platzieren. Name der Firma: "Rock & Rebellion." Kein
Scherz.

* * *

Pop-Journalismus III.
Das ist der Gang der Dinge: da schreibt ein Autor wie Tobias Rapp über die
Jahre hinweg einigermaßen o.k.e Popkritiken in der "taz", dann
erscheint bei Suhrkamp (Rider heißt jetzt Twix. Und Kiwi heißt jetzt Suhrkamp)
ein einigermaßen brauchbares Buch mit einem hübschen Titel, und schon kauft der
"Spiegel" Tobias Rapp als Pop-Redakteur ein - so, wie der FC Bayern
ne Zeitlang gerne jeden Spieler, der bei Karlsruhe zwei drei Tore schoß, auf
seine Ersatzbank gesetzt hat.
Den "Spiegel"-typischen altherrenhaften Schreibstil hat Tobias Rapp
jedenfalls schon drauf: "hier
singt eine Frau Anfang fünfzig, im Körper einer Frau Ende dreißig, mit der
Stimme einer Frau Anfang zwanzig", bRAPPelt der
frischgebackene Spiegel-Redakteur in einem Artikel über das CD gewordene Mittelmaß
(um es mal sehr freundlich zu formulieren) namens 2raumwohnung.

* * *

Leider zunehmend Standard ist die Unsitte, daß die öffentlich-rechtlichen
Rundfunkanstalten hierzulande Künstler, deren Konzerte sie mitschneiden, nicht
nur nicht angemessen dafür bezahlen, sondern mehr oder minder gar nicht. Es sei
doch "Werbung", neudeutsch "Promo", wenn Musik der Künstler
im Radio in Bremen, Köln oder München zu hören sei. Nicht selten verlangen die
Mitarbeiter der Sender sogar, daß die Künstler, deren Konzerte sie aufzeichnen
und ausstrahlen, für weniger Geld auftreten, als wenn sie ein normales kleines
Clubkonzert in der Stadt geben würden.
Hier ist etwas Standard geworden, was im Grunde ein Skandal ist - denn wozu
bezahlen wir unsere Rundfunkgebühren, wenn nicht dafür, daß die Musik, die die
öffentlich-rechtlichen Radios ausstrahlen, auch bezahlt wird? Und solange ARD
und ZDF zum Beispiel für eine Sendeminute von "Wetten daß" um die
20.000 Euro ausgeben oder für Zigmillionen Euro die Bundesliga-Senderechte ersteigern,
solange sollte es auch möglich sein, Musiker für ihre Arbeit korrekt zu
entlohnen.
Mitverantwortlich für diesen Missstand sind allerdings nicht zuletzt die
Plattenfirmen, die über die Jahre froh darüber waren, wenn ihre Bands überhaupt
im Radio "liefen", und die ja sogar bei großen Fernsehshows dafür
bezahlen, daß die Künstler dort auftreten, statt sich und ihre Künstler dafür
entlohnen zu lassen.
Eine auf allen Ebenen erbärmliche Situation.

* * *

Laut Statistik der Weltbank ist die Bürokratie für Firmengründer hierzulande
undurchschaubarer als in Ruanda oder Kasachstan.

* * *

Und Deutschland ist im internationalen Vergleich ein außergewöhnliches
Niedrigsteuerland für Wohlhabende. Vermögenssteuern machen nur 0,9 Prozent vom
BIP aus. Würde sich Deutschland dem Niveau Frankreichs angleichen (3,5
Prozent), brächte dies zusätzlich 64 Milliarden Euro; dem Großbritanniens (4,6
Prozent) sogar 92 Milliarden Euro.

* * *

Pop-Journalismus IV.
War in einem Rundbrief vor kurzem noch die Frage, was der Preis der
"Spex" ist, so kann diese nun beantwortet werden: eine Palette
italienischer Nudeln.
"Spex"-Chefredakteur Max Dax, dem der Ruf eines Westentaschen-Ulf
Poschardts (in dem Fall muß man wohl sagen:) hinterherläuft, präsentierte
dieser Tage eine Kooperation mit einem italienischen Nudelhersteller. Letzterer
liefert der "Spex"-Redaktion eine Tonne Nudeln, und die
"Spex" erwähnt den Nudelhersteller dafür ein Jahr lang im Impressum.
Laut Dax hat die "Spex" hiermit einen Partner gefunden, "der zu uns paßt".
In der verquasten Logik des "Spex"-Chefs betont der Deal "Nudeln
gegen Productplacement im Impressum" den "Stellenwert von Unabhängigkeit im
Journalismus", um den es seiner Zeitschrift gehe.
Im Interview mit der "taz" wirft Max Dax auch sonst gerne mit Unsinn
um sich oder beweist einen Politiker-artig laxen Umgang mit Zahlen - laut Dax
könne "Spex" einen
"historischen Auflagerekord - 20 Prozent mehr als vor dem Umzug nach
Berlin" verzeichnen. Die offiziellen IVW-Zahlen dagegen
sprechen eine andere Sprache. Danach hat die "Spex" allein im zweiten
Quartal 2009 im Vergleich zum Vorquartal 16,1% Auflage verloren, bei insgesamt
durchschnittlich 17.452 verkauften Exemplaren pro Ausgabe.
Die Nudelaktion, mit der Max Dax in die Fußstapfen von Steffi Graf tritt (die
sich allerdings ihren Einsatz seinerzeit deutlich höher bezahlen ließ…),
bezeichnet Dax als "dadaistisch".

Dada? Wohl eher komplett gaga. Max Dax, der "Sir Gaga" des deutschen
Pop-Feuilletons.

Wenn man wegen sowas nicht gleich einen Eintrag ins Impressum riskieren würde -
ich würd den "Spex"lern doch glatt ein bißchen Knoblauch und Chili
schicken - etwas Schärfe würde nicht nur ihren Kantinennudeln, sondern auch
ihrem Blatt gut tun.

In diesem Sinne - heiße Tage, scharfe Saucen!

04.07.2009

Und Ansonsten 2009-07-04

Die
Perversion hört ja nicht auf. Da geben Politikerinnen und Politiker das Geld,
das wir nicht haben, aus für Banken und Autofirmen, die wir nicht wollen. Und
es handelt sich um Zigmilliarden. Und was Schulen, Universitäten,
Kindertagesstätten, ErzieherInnen angeht, scheinen diese alle ein Problem
gemeinsam zu haben - sie sind für Politiker und Medien eben nicht
"systemrelevant", weswegen z.B. ErzieherInnen dafür auf die Straße
gehen müssen, um endlich wenigstens so bezahlt zu werden wie Müllmänner (und
nichts gegen deren Gehalt, das ist ein Drecksjob im wahrsten Sinn des Wortes,
und sie bekommen jeden Euro völlig zu Recht!), während die Bank- und
Konzernmanager, die für die Krise verantwortlich sind, im Kanzleramt empfangen
werden, wo sie gefragt werden, wieviele Milliarden man ihnen denn bitte in den
Hintern stopfen darf - weil Banken und Autokonzerne ja angeblich
"systemisch" sind. Mal ganz abgesehen davon, daß die Herstellung
eines einzigen Autos laut UNESCO 400.000 Liter (virtuelles) Trinkwasser
vergeudet, woran eine selbsternannte "Klimakanzlerin" vielleicht auch
mal einen halben Gedanken verschwenden sollte… (aber kein Anlaß zur Häme,
Freunde, auch ein PC frißt etwa 20.000 Liter Trinkwasser…).
Und gleichzeitig entblöden sich die gleichen Politikerinnen und Politiker
nicht, uns für dumm zu verkaufen, und tun so, als ob das alles nichts kosten
würde, als ob nach der Bundestagswahl nicht die Steuern erhöht werden würden.
Wenn ein CDU-Generalsekretär verkündet, es würden in der nächsten Legislaturperiode
"garantiert" keine Steuern erhöht werden, dann zuckt der gemeine
Wähler zusammen und erinnert sich an die Zeit nach der letzten Bundestagswahl,
als zwei Parteien eine Koalition eingingen, die zwischen "null" und
"zwei" Prozent Mehrwertsteuer- erhöhung im Wahlprogramm hatten - und
als Mittelwert aus null und zwei kam drei heraus, wenn Politiker rechnen…
Wie wäre es denn, wenn die Parteien, die wir im September wählen sollen, uns
einfach vor klare und ehrliche Alternativen stellen würden - Alternativen
dergestalt "wollt ihr, daß der Staat Opel rettet? und wenn ja, benötigen
wir dafür folgende Steuererhöhung…", oder "wollt ihr, daß wir
weiterhin die Großbanken retten, und kein Geld für Kindertagesstätten oder die
Erhöhung der Hartz IV-Sätze übrig ist?"
Besonders nett wäre es natürlich, wenn die Parteien, die von uns gewählt werden
wollen, uns anbieten würden, die Finanzierungsinstrumente, die die
Weltwirtschaftskrise hervorgerufen haben, rückgängig zu machen - etwa den
Handel mit Derivaten. Wenn die Deutsche Börse Ende 2006 stolz den Rekord
meldete, daß der Börsenumsatz im abgelaufenen Jahr um rund 32% auf fünf
Billionen Euro geklettert, während das deutsche Bruttoinlandsprodukt im
gleichen Jahr 2006 mit 2,3 Billionen Euro nicht einmal halb so groß war, oder
wenn die BIZ das Volumen des außerbörslichen Handels mit Derivaten Ende 2008
für das abgelaufene Jahr auf weltweit 863 Billionen Dollar bezifferte (21% mehr
als sechs Monate zuvor), während die Bruttowertschöpfung aller Länder der Erde
bei 50 Billionen Dollar liegt, dann braucht man kein Wirtschaftsexperte zu
sein, um zu wissen, daß da etwas völlig aus den Fugen geraten ist und nach
gesundem Menschenverstand nicht funktionieren kann. Ein Pyramidengeschäft, ein
Kettenbriefsystem ist in den letzten zwei Jahrzehnten entstanden, und es geht
nicht um den Quatsch namens "Regulierung", den uns nun die gleichen
Wirtschaftsexperten einzureden versuchen, die in den letzten zwei Jahrzehnten
keine Gelegenheit ausgelassen haben, uns weiszumachen, daß der Finanzmarkt
Freiheit und unbedingte Freiheit brauche, daß Arbeit zu teuer sei und was des
neoliberalen Schwachsinns noch alles Allgemeinplatz wurde - sondern es geht nun
darum, die Wettpapiere zu verunmöglichen. Freilich, wenn stimmen sollte, was
die Europäische Kommission lt. Londoner "Telegraph" vor wenigen
Monaten ermittelt hat, daß nämlich bei allen europäischen Banken insgesamt
faule Papiere in Höhe von 18,2 Billionen Euro liegen und mithin "44
Prozent aller Vermögenswerte der Banken aus Schrottpapieren bestehen"
(Werner Heine in "Konkret"), "ein Umstand, der zwingend zu ihrer
sofortigen Insolvenz führen müßte", dann kann man sich leicht ausmalen,
warum das EU-Papier geheim ist, und warum die Politiker, die den genauen
Sachverhalt kennen, lieber nicht darüber reden wollen…

* * *

Aber ein bayerischer Ministerpräsident tut dieser Tage so, als ob die Welt
immer noch einen Versandhauskatalog brauche - wohl in Sympathie für einen
Konzern, der mittlerweile so überflüssig und altbacken ist wie seine eigene
Partei.

* * *

"Grünen"-Politiker Jürgen Trittin im "Spiegel"-Interview:
"Ich lege demnächst
wieder als DJ auf, da spiel ich die "Toten Hosen" und ihr: "Es
gibt tausend gute Gründe, auf dieses Land stolz zu sein. Warum fällt uns jetzt
auf einmal kein einziger mehr ein?" Wenn Sie das spießig finden -
bitte."
Ja, lieber Jürgen Trittin, finden wir furchtbar spießig. Und quasi unterirdisch
by many means.

* * *

Ein gewisser Wolfgang Niedecken fragte an, ob er denn mit seinen beiden Söhnen
in der Frankfurter Jahrhunderthalle Patti Smith angucken könne… und er meinte
natürlich nicht, an welchen Vorverkaufsstellen Tickets zu erwerben sind,
sondern er wollte die Tickets geschenkt.
Unglaublich - mit schlechter Musik Millionär geworden, aber Geizkragen durch
und durch, keinen Euro für gute Musik ausgeben, sondern sich mit seinen Söhnen
aufs Konzert schnorren. Nun könnte man sagen, ein bißchen musikalische und
lyrische Nachhilfe wäre für den Kölner Altrocker ja durchaus nötig (wenn er
nicht so ein hoffnungsloser Fall wäre), aber andrerseits würde diese Nachhilfe
allzu große Risiken beinhalten, am Ende macht Niedecken aus Patti Smith's Songs
noch kölsche Mundartversionen.
Kölle Alaaf!

* * *

Die "Kampagne für Saubere Kleidung" (CCC) hat Firmen, die funktionale
Outdoor-Bekleidung herstellen, daraufhin überprüft, ob die Firmen bei der
Herstellung ihrer Hochpreisprodukte soziale und Menschenrechts-Standards
beachten. Das Ergebnis ist ernüchternd: mit Mammut und Odlo haben sich
lediglich ganze zwei Firmen verpflichtet, den ArbeiterInnen in ihren
Produktionsstätten einen existenzsichernden Lohn zu bezahlen. Lediglich vier
Firmen (Helly Hansen, Mammut, Odlo, Patagonia) engagieren sich im Rahmen einer
Multistakeholder-Initiative für Verbesserungen der Arbeitsbedingungen in ihren
Lieferketten, bei den restlichen Großfirmen der Outdoor-Initiative war entweder
gar nichts in Erfahrung zu bringen (Schöffel), oder die Firmen reagierten mit
vagen Zusagen - so geben Jack Wolfskin, die 80 Prozent ihrer Artikel in Asien
produzieren lassen, zwar an, einen Existenzlohn zu bezahlen, verifizieren dies
aber nicht; oder Branchenprimus The North Face, bei deren Zulieferer in El
Salvador massive Arbeitsrechtsverletzungen festgestellt wurden; oder Vaude, die
Teile ihrer Produktion in Myanmar herstellen, behaupten, die dortigen Standards
seien "für asiatische Verhältnisse relativ hoch" - man beachte die
doppelte Relativierung. Der UNO-Menschenrechtsrat drückte zuletzt im März 2009
seine "tiefe Besorgnis" wegen schwerwiegender und systematischer
Menschenrechtsverletzungen im ehemaligen Burma aus.
Die Resultate der Studie der CCC sind unter www.evb.ch/outdoor
veröffentlicht, über die Arbeit der "Christlichen Initiative Romero"
(CIR) für Arbeitsrechte weltweit kann man sich unter www.ci-romero.de
informieren.

* * *

Callcentern, die nach Berlin ziehen, finanziert der rot-rote Senat ab Juli 2009
die Personalsuche. Mindestlöhne, für die sich die SPD-Linke-Koalition sonst
gerne einsetzt, müssen die Firmen nicht zahlen, besondere Sozialstandards für
die vermittelten Arbeitsstellen gibt es nicht. Für diesen besonderen Service
für Unternehmen ist die Senatsverwaltung für Wirtschaft von Linkspartei-Senator
Harald Wolf zuständig. Für die Unternehmen, die normalerweise die Aufwendungen
für ihre Personalauswahl selbst zahlen müssen, ist dieser Service in Berlin
kostenlos - der Steuerzahler zahlt dafür bis zu 115.000 Euro pro Halbjahr.
Auch in der Vergangenheit gab es laut "taz" eine vergleichbare
Förderung, von der beispielsweise das "Quelle Communication Center"
profitierte - eine Firma, die lt. Ver.di vielen Mitarbeitern einen Stundenlohn
von 6,04 Euro zahlt. Der im Auftrag des Wirtschaftssenators bei der
Personalsuche für Callcenter tätige Mitarbeiter der
Wirtschaftsförderungsgesellschaft "Berlin Partner" empfiehlt den
Unternehmen, einen Stundenlohn von mindestens 6,50 Euro pro Stunde zu zahlen,
was allerdings "nur eine Einschätzung, aber keine Vorschrift"
darstelle.
Der rot-rote Senat setzt sich auf dem Papier für einen Mindestlohn von 7,50
Euro ein, die Linkspartei fordert auf Bundesebene einen Mindestlohn von 10
Euro. Was scheinbar allerdings nur im Wahlkampf gilt, nicht aber dort, wo man
tatsächlich in Regierungsverantwortung steht.

* * *

Was hat Nordkorea Deutschland voraus? Genau: die Qualifikation zur
Fußball-Weltmeisterschaft 2010… Die "Berliner Zeitung" versucht sich
anläßlich der Qualifikation Nordkoreas an einigen Fragen an einen Asienexperten,
darunter sind so hübsche scheinheilige Fragen wie "Inwiefern ist die
WM-Qualifikation der Fußballer das Ergebnis einer Steuerung von oben"
(meint die "Berliner Zeitung" da den Fußballgott?) oder "Wie hat
Nordkorea bisher den Sport für die Propaganda genutzt?" Auf diese Frage
antwortet der Herr Experte: "Es
werden die eigenen Erfolge groß herausgestellt." Perdauz, was
für eine Überraschung! So etwas kennt man hierzulande natürlich überhaupt
nicht, hierzulande, wo Kanzler und Kanzlerkandidaten noch zu jedem
"deutschen" WM-Finale fuhren und erfolgreiche Fußballer im Kanzleramt
begrüßten, wo der "sympathische Patriotismus" eines schwarz-rot-gold
delirierenden Landes 2006 noch in schlechter Erinnerung ist und wo
Sportreporter jede, aber auch wirklich jede internationale Sportübertragung nur
aus nationalistischer Sichtweise begleiten.

* * *

Angela Merkel, Bundeskanzlerin, bekommt Besuch vom togolesischen Präsidenten
Faure Gnassingbé. Weil Frau Merkel sich mit den ganzen afrikanischen Staaten
nicht so recht auskennt, lässt sie sich vorher instruieren, wo denn Togo genau
liegt, und fragt im Gespräch mit Herrn Gnassingbé "gekonnt", wie es
denn um die Beziehungen zwischen Togo und Benin aussehe. Gnassingbé antwortete
darauf lt. "Spiegel", der diese kleine Begebenheit berichtet:
"Unsere Beziehungen sind besser als das deutsch-französische
Verhältnis." Frau Merkel war angeblich verblüfft und bezweifelte später
öffentlich, ob der Mann aus dem fernen Lomé das Verhältnis zwischen Paris und
Berlin wirklich beurteilen könne. Gnassingbé hat übrigens in Paris studiert.
Was lehrt uns diese kleine Begebenheit? Sie ist auf vielen Ebenen entlarvend:
für das Politikverständnis hierzulande etwa, dafür, daß eine bundesdeutsche
Kanzlerin im Jahr 2009 afrikanischen Präsidenten nicht viel anders begegnet als
irgendwelche Kolonialisten im 19.Jahrhundert, die den "Wilden"
irgendwelche Glasperlen andrehen wollten - nämlich mit einer Mischung aus
Ignoranz und Arroganz. Während Merkel sich in Afrika nicht auskennt, wird gleichzeitig
erwartet, daß der "Wilde" von europäischer Politik keine Ahnung hat,
da soll er gefälligst keine Meinung zu haben. Und was will der hier überhaupt?
Wahrscheinlich betrachtet Frau Merkel es als Gnade, einen afrikanischen
Politiker überhaupt im Kanzleramt eine Audienz zu gewähren. Ekelhaft.

* * *

Einkaufen als Polit-Happening in Berlin-Kreuzberg - laut "taz" haben
sich rund 400 Konsumenten vor einem Spätkauf versammelt, um den Laden
leerzukaufen, weil der Laden versprochen hat, einen Teil des Umsatzes in
Energiesparmaßnahmen wie etwa neue Glühbirnen zu investieren.
"Carrotmob" heißt die Aktion der selbsternannten Gutmenschen, die
sich Politikmachen wohl nur als Konsum vorstellen können. Shoppen für die
Umwelt. Saufen für den Regenwald. Fressen gegen Armut. Tanzen für den Frieden.

Die Welt scheint mitunter einigermaßen verrückt und hoffnungslos. Aber:
"Die Welt taumelt,
Musik fängt sie auf." (Martin Geck)

In diesem Sinne einen schönen Sommer!

06.06.2009

Und Ansonsten 2009-06-06

So
funktioniert der mediale Aufregungszirkus hierzulande: Da regt sich ein
nordrhein-westfälischer Jugendminister über eine in Köln stattfindende
"Free-Fight-Show" einer "Ultimative Fighting Championship"
auf, einen brutalen Gewalt-Zirkus in der Köln-Arena, bei dem Athleten in
Drahtkäfigen gegeneinander antreten und "Kampfkünste" wie Boxen, Judo
oder Ringen verboten sind. "Geld an Jugendlichen zu verdienen mit
Gewaltverherrlichung ist eine neue Form der Perversion des Denkens", sagt
der Herr Minister. Gut gebrüllt, Löwe!
Man muß sich das vorstellen - da haben die Herren Politiker das Privatfernsehen
installiert, auf dessen Kanälen seit Jahr und Tag systematisch Volksverdummung
betrieben wird, auf dem unter anderem alle möglichen und unmöglichen Formen von
Gewalt und Kampfsport zu sehen sind - und dann blasen sie sich auf, wenn solche
Veranstaltungen auch live in ihren Städten zu sehen sind, und verweisen auf die
Diskussion über die Verschärfung des Waffenrechts.
Oder: Die große Koalition aus CDU, CSU und SPD verbietet das Militärspiel mit
Farbkugeln namens "Paintball", weil dies angeblich zur mörderischen
Gesinnung junger Leute beitragen würde - aber die Waffen, mit denen getötet
wird, werden weder effektiv kontrolliert, noch gar verboten: Nämlich
Sportpistolen. "Die furchtbaren Schul-Massaker von Erfurt und Winnenden
haben eines gemeinsam: Der jeweilige Täter schoss mit einer großkalibrigen
Pistole um sich, die entweder er selbst oder der Vater legal als Mitglied eines
Schützenvereins erworben hatte. Gewiss, in Deutschland gibt es Hunderttausende
Schützen, die niemanden umbringen und auch keine Glocks oder Berettas im
Waffenschrank haben. Die meisten von ihnen üben ihren Sport mit Luftgewehren
oder Kleinkaliberwaffen aus. Nur eine Minderheit sieht auch jene Typen von
Pistolen als "Sportgeräte" an, mit denen Soldaten im Irak oder
Polizisten in Afghanistan schießen." (SZ)
Es geht den Politikern, die sich gerade so aufblasen mit ihren
Betroffenheitsreden, einzig und allein um eine Politik der Symbole. In Wahrheit
aber knicken die Damen und Herren Politiker ein, wenn es ernst wird, vor
Jägern, vor Schützen, vor den Waffenfirmen, vor der großen Waffenlobby, die es
auch in unserem Staat gibt.
Militärpistolen, mit denen Menschen getötet werden können und getötet werden,
bleiben erlaubt - Farbkügelchen werden verboten, und über Kampfspiele in der
Köln-Arena regen sie sich auf - pervers ist nicht nur das "Ultimative
Fighting", pervers ist die Realität der Politik!

* * *

Hübsches Affentheater auch um die Verleihung des Hessischen Kulturpreises, bei
dem in diesem Jahr der tolerante Geist und der interreligiöse Dialog gewürdigt
werden sollten. Allein, plötzlich stellte man mit Überraschung fest, daß der
"Andere" tatsächlich "anders" ist: Der muslimische
Schriftsteller Navid Kermani hatte sich kritisch zu einer Kreuzigungsszene
geäußert, was wiederum die christlichen Würdenträger Kardinal Lehmann und Peter
Steinacker "gotteslästerlich" fanden - gleichzeitig mit so einem
wollten sie nicht geehrt werden. Und dann geht die eigentliche Geschichte erst
los, ein kleines Lehrbeispiel religiöser Idiotie in einem nur auf dem Papier
säkularen Staat: Kardinal Lehmann etwa, der nicht mit dem muslimischen
Schriftsteller gleichzeitig geehrt werden wollte, lehnte nun nicht etwa einfach
den hessischen Kulturpreis ab, was natürlich sein gutes Recht gewesen wäre -
nein, Kardinal Lehmann "bat den Ministerpräsidenten und damit die Jury um
eine "Lösung" des Dilemmas. Deutlich habe ich freilich betont, daß
ich dabei keine billigen oder faulen Kompromisse annehmen kann", schreibt
der Herr Kardinal und beweist damit sehr schön, wes Geistes Kind er ist - ganz
Vertreter einer totalitären Religion erwartet er vom Ministerpräsidenten eine
Lösung, keine Kompromisse - was nur bedeuten kann: Ladet gefälligst den frechen
Muslimen aus! In bestimmten Kreisen gilt Kardinal Lehmann als liberaler
Kirchenvertreter - am Ende, und das zeigt sich hier sehr hübsch, sind aber alle
Funktionäre Gottes gleich. Wer nun freilich erwartet hätte, daß ein
Ministerpräsident eines demokratischen, säkularen Landes dem Herrn Kardinal nun
einfach sagen würde: "Sorry, lieber Herr Kardinal, aber so geht das nicht
an, wenn Sie den Kulturpreis nicht annehmen wollen, Ihr Problem, aber die
Entscheidung der Jury wird nicht von der Kirche beeinflußt werden", der
hat sich kräftig getäuscht, denn Ministerpräsident Koch zeiget sich als unterwürfiger
und willfähriger Diener der katholischen Kirche. Koch schlug die Hacken
zusammen und beschloß, Kermani den Preis wieder abzuerkennen.
Die Posse spielt im 21.Jahrhundert in der Bundesrepublik Deutschland, die
gerade das 60jährige Bestehen des Grundgesetzes feiert… Und Kardinal Lehmann
darf in der "FAZ" einen Aufsatz unter dem Titel "Liberal wollte
ich immer sein" schreiben. Aber, Herr Kardinal?

* * *

Was dem "Spiegel" Adolf Hitler ist, nämlich sein beliebtestes
Cover-Model (siehe Ausgabe 21/2009!), ist der "Süddeutschen Zeitung"
ihr Papst Benedikt - gefühlte fünfzig Mal schaffte es der Papst vor, während
und nach seinem Israel-Trip auf die Titelseite der immer noch irgendwie als
"linksliberal" geltenden Tageszeitung.
Der systematische Kindsmißbrauch durch Vertreter kirchlicher Institutionen in
Irland allerdings ist nur der "Neuen Zürcher Zeitung" den Aufmacher
auf ihrer Titelseite wert. "Über Jahrzehnte verbannte die irische Justiz
und Verwaltung Tausende von zum Teil sehr kleinen Kindern in Institutionen, in
denen sie systematisch gequält, gedemütigt, mißhandelt und ausgebeutet
wurden", so die "NZZ", die die "beängstigende
Grundfrage" aufwirft, "weshalb so viele Ordensbrüder, Priester und
Nonnen in Irland, die ihr Leben doch hohen Idealen geweiht hatten, derart
grausam waren".
Der deutschen Presse ist all dies keine Frage und keine Leitartikel, sondern
nur kleine Meldungen wert, denn "wir" sind ja schließlich Papst und
legen eine Schleimspur aus vorauseilendem Gehorsam zwischen Marktl und
Vatikanstadt.

* * *

Klasse Meldung in der "FAZ": Der frühere Chef der
"Wirtschaftsweisen", Bert Rürup, hat sich mit Risikopapieren der
insolventen Investmentbank Lehman Brothers verspekuliert. Seinen Verlust
bezifferte Rürup auf den Wert "eines guten Automobils" (vor oder nach
der Abwrackprämie?).
"Ich wußte, daß das eine Wette war. Und Wetten kann man verlieren."
Rürup, der "Wirtschaftsweise", war einer der wichtigsten Berater der
Regierung von Kanzler Gerhard Schröder. Und scheint ja auch wirklich sehr
Ahnung von "Wirtschaft" zu haben…

* * *

Im letzten Rundbrief hatten wir darauf hingewiesen, daß die Zeitschrift
"Spex" so tut, als ob die der Zeitschrift beigelegte CD redaktionell
zusammengestellt sei, während nach unserem Wissen die Tracks der CD von den
Plattenfirmen bezahlt werden.
Dazu erreichte uns eine Zuschrift des Chefs vom Dienst von "Spex", in
dem dieser bestätigt: "Richtig ist, daß Plattenfirmen für die Platzierung
auf der Spex-CD bezahlen. Warum auch nicht? Sie bezahlen ja auch für eine
Anzeige und der Verlag und wir sehen diese Tracks als Anzeige an."
Als Anzeige, die so nicht bezeichnet wird, weswegen wir finden, daß die
Leserschaft von der Redaktion verarscht wird. Quod erat demonstrandum.
Auf unseren neuerlichen Hinweis, daß das Problem nicht sei, daß Plattenfirmen
für Tracks auf der Spex-CD bezahlen, sondern, daß die Redaktion das nicht offen
sage, daß die Redaktion beispielsweise verschweige, daß sie die CD als Anzeige
betrachte, und daß es hierbei gewissermaßen um den Mindeststandard unabhängigen
Journalismus gehe, nämlich, daß der Anzeigenteil und der redaktionelle Teil
einer Zeitschrift voneinander getrennt sein müssen, antwortete der
"Spex"-Redakteur: "Im Impressum werde ich unter Marketing oder
Anzeigen oder was da auch immer steht aufgeführt, ich finde, das reicht an
Transparenz." Nun ja. Ein "Spex"-Redakteur ist also gleichzeitig
Redakteur und Anzeigenaquisiteur. Interessant. Aber nur im Kleingedruckten.
Interessant. Aber nicht, daß jetzt einer auf den Gedanken kommt, daß bei dem
"Altherrenmagazin Spex" ("taz") irgendjemand die beiden
Rollen, über deren Verschränktheit manch Anderer schizophren werden würde,
verwechseln würde, das können die Herren ganz sicher sauber trennen… Denn, wie
uns der Chef vom Dienst abschließend mitteilte: "Wir als Redaktion sind so
unabhängig wie möglich."
So unabhängig "wie möglich" eben, selbsterklärte Pressefreiheit im
sechzigsten Jahr des Grundgesetzes - so unabhängig, wie das die Scheckbücher
der Anzeigenkunden gerade zulassen. Es ist alles wie immer, nur schlimmer.

* * *

In Frankreich dürfen Bäckereien, die ihr Brot nicht selbst backen, sondern nur
vorgebackene Fertigware vor Ort kurz aufheizen, nicht den Titel
"Boulangerie" führen. Wenn man ein derartiges Gesetz hierzulande
einführen würde, gäbs bei uns praktisch keine Bäckereien mehr, sondern nur noch
"Backwarenaufwärmstationen". Aber natürlich darf sich hierzulande
weiter jeder Backshop, jede Aufwärmstätte "Bäckerei" nennen - so, wie
sich auch jeder "Magazin für Popkultur" nennen darf…

* * *

"Jeden Monat ein Buch, zehn Bücher pro Jahr, möchte er herausgeben."
Das "Neue Deutschland" versucht sich am julianischen Kalender. Oder
der Autor kann nur bis zehn zählen…

* * *

Ein "Gitarrenweltrekord Team" bittet um die "Verbreitung dieser
Nachricht" - aber gerne doch:
Am 10. Mai 12.55 Uhr ist es soweit: Mehr als 1802 Gitarristen werden auf dem
Mainzer Lerchenberg zur größten Rockband der Welt und Millionen Zuschauer der
ZDF-Sendung "Fernsehgarten" können live dabei sein, wenn sich
Gitarrist/Organisator Andreas Vockrodt mit seiner Band Gallery und den
angereisten Gitarristen ins Guinnessbuch der Rekorde rockt.
Als neue Herausforderung wird die erst im April veröffentlichte an Queen
erinnernde Hymne "Welcome To Europe" gespielt. Als Stargäste auf der
Hauptbühne haben sich angekündigt: Michael Schenker (MSG, Scorpions - tbc),
Micky Moody (ex-Whitesnake), Ray Dorset (Mungo Jerry), Thorsten Mewes (Die
Happy), Matt Sinner (Primal Fear, Sinner - tbc), David Rempel & Henrik
Oberbossel (Luxuslärm)... Des Weiteren wird diverses Equipment verlost, u.A.
handsignierte Gitarren von Ritchie Blackmore und Rudi Buttas von PUR. Mitmachen
kann jeder, der die einfache Akkordfolge spielen kann. Die Teilnahme am
Gitarrenweltrekord ist kostenlos."
Wofür sich das öffentlich-rechtliche Fernsehen doch so hergibt.

* * *

Das Theater, das um Karl-Heinz Kurras, der den Studenten Benno Ohnesorg
erschossen hat, derzeit veranstaltet wird, ist auf vielen Ebenen absurd. Im
Kern ist es keine Überraschung, daß ein faschistoider Waffennarr in die
bundesdeutschen Polizeikreise der 50er und 60er Jahre genauso gut hineinpaßte
wie zur Stasi, man lese in Theweleits frühen Büchern nach.
Entlarvend dagegen der Berliner Polizeisportverein, der Kurras nun nach
mindestens 50 Jahren Mitgliedschaft Hausverbot erteilt, oder die Gewerkschaft
der Polizei, die prüft, ob sie Kurras ausschließen kann. Als jemand, der einen
Studenten bei einer Demonstration erschießt, darf man scheinbar problemlos
Mitglied eines Polizeisportvereins und der Gewerkschaft der Polizei sein - als
Stasi-Mitglied dagegen nicht. Was auf jeden Fall Mal Bände spricht über den
Zustand bestimmter Institutionen hierzulande.

* * *

Wenn Kim Jong Il ein Kinderheim in Pjöngjang besucht, untertitelt "Spiegel
Online" das Foto, das den Diktator mit einem Kind zeigt, mit
"mächtiger Propaganda-Apparat". Wie aber nennt der
"Spiegel" oder sonst eine deutsche Zeitung es, wenn Ursula von der
Leyen ein Kinderheim besucht und sich mit den Kindern ablichten läßt, etwa in
einem SOS-Kinderdorf?
Klar, außer Meinung haben die westlichen Medien in Sachen Nordkorea nichts zu
bieten, ihre Korrespondenten, die "Insiderberichte" in
"Spiegel", "taz" oder "Süddeutscher" verfassen,
sitzen in Seoul, Tokio oder bestenfalls in Peking und haben das Land, über das
sie ihre Hintergrundberichte schreiben, noch nie gesehen. Nordkorea erlaubt
Journalisten die Einreise eben nicht. Dafür wissen die Schreiber auch von
Nachrichtenmagazinen, was von ihnen erwartet wird, man lese in Peter Handkes
neuem Buch nach, wie die Autorin eines deutschen Nachrichtenmagazins die
Bewohner eines Dorfes im Kosovo täuscht und eine "Ware Nachricht
produziert, die nur in einem wahr ist, nämlich indem sie genau das wiedergibt,
was man erwartet (…) wir müssen dringend wieder mehr reisen. Sonst gehört die
Welt bald endgültig den Nachrichtenproduzenten, den Korrespondenten, Reportern
und Medienzulieferanten" (Georg Seeßlen).
Der dreiteilige Reisebericht aus Nordkorea von Berthold Seliger, zuerst in
"Konkret" erschienen, kann ab sofort unter "Texte" auf
unserer Homepage nachgelesen werden - "Ein Teddy von der FDJ",
"Im Saal der Tränen" und "Happiness" sind die drei Folgen
überschrieben.
Es soll nicht der Eindruck erweckt werden, Berthold Seliger kenne sich in
Nordkorea hervorragend aus - immerhin aber war er eine Woche vor Ort und konnte
wirkliche Eindrücke vom Land und seiner absurden Inszenierung gewinnen.

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"Die schwedische "Piratenpartei", die gegen Urheberrechtsschutz
im Internet ist und mit der umstrittenen Datendiebstahl-Website The Pirate Bay
zusammenhängt, tritt bei der Europawahl am 7.Juni an (…) Jetzt erhält die
Partei Unterstützung von einem der prominentesten Schriftsteller des Landes,
Lars Gustafsson. In seinem Blog veröffentlichte der 73jährige einen Beitrag,
der auch in der Zeitung Expressen abgedruckt wurde. Darin vergleicht Gustafsson
den Widerstand gegen freies Kopieren im Internet mit den Zensurbehörden des
Ancien Régime im Frankreich des 18.Jahrhunderts. "Eine neue Ideenwelt
erwächst, und sie hätte dies nicht tun können, ohne von einer sich immer
schneller entwickelnden Technologie getragen zu werden." Das Internet
dürfe nicht zu einem "Behördenkanal von lobbybeeinflußten Gerichten und
EU-Politikern an der Hundeleine" werden, warnt Gustafsson. Die Mißachtung
des Urheberrechts gegen "industrielle Interessen" zu verteidigen, sei
ein Gebot des Liberalismus. Deshalb werde er die "Piratenpartei"
wählen." (zitiert aus "Süddeutsche Zeitung")

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"Musik gehört allen. Nur Plattenfirmen denken, daß man sie besitzen
kann." (John Lennon)

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