12.12.2012

Guttenberg

Der Mann, der über Wasser gehen kann, als Berater der EU-Kommission zum Thema Internetfreiheit? Man staunt.Na, daß er Raubkopien anfertigen kann, hat er ja schon bewiesen...Aber ob das die deutschen Copyright-Cops freuen wird? Und wie verklickert die EU-Kommissarin Hadopi-Sarkozy, daß ein aktenkundiger Urheberrechtsverletzer sich ab sofort in der EU um "Internetfreiheit" kümmern wird?Fragen über Fragen...

21.12.2011

Und Ansonsten 01/2012

Und ansonsten…

Es ist ja auch nicht alles gold, was im kulturellen
Frankreich glänzt. Die meisten Bands, die dieses Jahr fürs renommierte
Transmusicales-Festival in Rennes ausgewählt wurden, waren enttäuschend oder
medioker – umso mehr stachen Acts wie Shabazz Palaces oder Sallie Ford &
The Sound Outside heraus. Was man aber im Programm der Transmusicales unter
anderem lernen konnte, ist etwas, das man hierzulande vergebens suchen wird:
Daß ausführlich über Musik gesprochen wird. Zum Festival gehörte eine Reihe von
Vorträgen, die allesamt ausverkauft waren, und die sich intellektuell mit
Fragen der Musikgeschichte oder der Musikphilosophie beschäftigten, etwa mit
Themen wie „Seltene und historische Instrumente in der zeitgenössischen Musik“,
oder „Orient und Okzident – Kulturschock oder detonierende Hochzeiten“, gefolgt
jeweils von Konzerten wie einem Auftritt einer iranischen Band beim
letztgenannten Thema. Ich habe den sehr sachkundigen und mit tollem
historischen Material (von „Blackface Minstrels Shows“ über Dick Justice’s
„Cocaine“ bis hin zu Townes Van Zandt) 
angereicherten 90minütigen Vortrag von Jérome Rousseaux zum Thema
„Americana“ besucht, gefolgt von einem weiteren Auftritt von Sallie Ford.

Schon interessant, daß bei den die Republik überziehenden
einschlägigen Stadtmarketing-Veranstaltungen hierzulande so viel über
Marketing, aber praktisch gar nicht über Musik geredet wird – von den deutschen
Festivals ganz zu schweigen. Frankreich, du hast es manchmal eben doch
besser...

* * *

Und dann im ausverkauften Saal des „Champs Libres“ gesessen,
und im Rahmen des eben erwähnten Vortrages wurde ein zweieinhalbminütiger Film
eingespielt, der Townes Van Zandt bei einer eindringlichen Version seines Songs
„Waiting Around To Die“ zeigt –

„I got me a
friend at last.

He don’t
drink or steal or cheat or lie,

His name is
codeine.

He’s the
nicest thing I’ve seen.

Together
we’re gonna wait around and die.“ –

und wahrscheinlich haben einige der paar hundert Besucher
ebenso Tränen in den Augen gehabt wie Townes’ Freund Uncle Seymour Washington
in dem Film. Spontaner, starker Applaus, als die Filmeinspielung beendet ist.
Und der Referent kann erstmal nicht weiter sprechen und stammelt etwas von der
Intensität der Aufnahme.

Aber sehen Sie selbst diesen Ausschnitt aus „Heartworn
Highway“ von James Szalapski:

Am 1.Januar ist es fünfzehn Jahre her, daß Townes Van Zandt
gestorben ist. Und es ist wahrscheinlich das Größte, was ich in meiner
Konzertagenten-Karriere tun durfte: die letzten Jahre seines Lebens mit Townes
Van Zandt zusammenzuarbeiten.

* * *

Mit „Sonnenallee“ steht „der erste deutsche Kinofilm
komplett auf Youtube“, wie es die Marketingabteilung in holprigem Deutsch
flüstern läßt und wahrscheinlich etwas anderes sagen wollte...

Jedenfalls: Ein deutscher Kinofilm komplett auf Youtube? Ja,
schon, eigentlich – nur eben (zunächst) nicht für deutsche Nutzer. Die GEMA
nämlich hatte „Sonnenallee“ auf Youtube sperren lassen...

(ist mittlerweile erledigt, und „Sonnenallee“ kann auf
YouTube auch hierzulande angesehen werden – for what it’s worth...)

* * *

Auf Seite 9 der „FAZ“ vom 17.11.2011 erfahren wir unter dem
Titel „In China ist die Armut auf dem Rückzug“, daß das ländliche
Pro-Kopf-Einkommen im vergangenen Jahr in China 5919 Yuan (686 Euro) betrug; in
den Städten waren es 21.033 Yuan (2.437 Euro). Wohlgemerkt: pro Jahr.

Auf Seite 32, im Feuilleton der gleichen Zeitung des
gleichen Tages, erfahren wir, daß Ai Weiwei 8,25 Millionen Yuan auf das Konto
des Pekinger Steueramtes eingezahlt hat. „Er
hat das Geld aus den Spenden, nicht aus dem eigenen Vermögen aufgebracht.“

Es wäre interessant zu erfahren, woher Ai Weiwei diese
Spenden genau erhalten hat. In der westlichen Presse wird gerne das Bild
beschrieben, wie einfache chinesische Bürger das Geld über die Mauer von Ai
Weiweis Anwesen werfen – 8,25 Millionen Yuan? Von städtischen Bürgern, die im
Jahr durchschnittlich 21.033 Yuan verdienen?

* * *

Bei seinem Vortrag im Deutschen Architekturzentrum (DAZ) in
Berlin Mitte November zeigte der Künstler Julius von Bismarck u.a. Fotos einer
Installation in einem Kellergebäude. Auf die Frage, wo dieser Ort sei, sagte
er: „Das ist ein riesiges ehemaliges Brauereigewölbe unter dem Studio von
Olafur Eliasson. Das hat übrigens gerade Ai Weiwei gekauft.“

(Eliasson hat sein Studio im „Pfefferberg“ in Berlin-Mitte,
wo demnächst auch das „BMW Guggenheim Lab“ Station machen wird. Eliasson hat
bereits für BMW Kunst produziert. Das Gelände gilt als einer der teuersten
Kunstareale der Hauptstadt. So hängt eben immer alles mit allem zusammen. Und
jetzt die Preisfrage: mit welchem Geld hat Ai Weiwei den Kauf der teuren
Räumlichkeiten in bester Lage finanziert? Und wer hat für ihn den Kauf
getätigt? Und warum liest man darüber nirgends? Obwohl die deutschen Medien
doch sonst mit solch großer Lust über Ai Weiwei berichten?)

* * *

Es gibt sie noch, die guten Dinge, beim Lieblingszulieferer
der alternativ-konservativen deutschen Mittelschicht, bei Manufaktum. Im
Dezember-Monatsbrief etwa, gleich auf der Titelseite: Eine Uhr, die bei
Manufaktum natürlich nicht profan „Uhr“ heißt, sondern „Chronograph“. Ein
„Stowa Chronograph 1938“ also, „mit geprägtem Bronzezifferblatt“. Aus
Pforzheim. Aus dem Jahr, in dem in Deutschland die Synagogen brannten. Nur echt
mit Bronzezifferblatt.

Dazu trägt der neue deutsche Mann den „hohen Wanderschuh,
zwiegenäht und regulierbar“, „mit doppelter kräftiger Rindleder-Zwischensohle“
(„zäh wie Leder“, Sie erinnern sich?...) von Heschung. „Die 1934 im Elsaß
gegründeten Werkstätten haben sich von Anfang an auf Schuhe für das Wandern und
Jagen spezialisiert.“

* * *

Und wenn der deutsche Bürger dann mit seiner Bronzeuhr 1938
und seinen zähen Wanderschuhen von der Jagd zurück ist, blättert er nicht nur
in Lifestyle-Zeitschriften, die sich „Landlust“ nennen, und legt die „Landlust
Klassik“-CD auf, die er bei „2001“ bestellt hat und die „klassische Klänge für
Stunden des Genießens versammelt“, nein, neuerdings liest er dann auch noch
eine Philosophie-Zeitschrift, denn, wenn erst alle Wanderschuhe und
1938er-Bronzeuhren gekauft und das ganze Haus im Landlust-Sil eingerichtet ist,
dann stellt der Bürger fest, daß doch noch etwas fehlt, und er hat das Gefühl,
er sollte etwas simulieren, was sich gut macht, und bevor er einen eigenen
Gedanken faßt, greift er zur Zeitschrift, die ihm die Denkarbeit massentauglich
abnimmt.

Dort wird der Bürger dann vielleicht auch einem Peter
Sloterdijk begegnen, der in dem Land, in dem „Bild“ als Zeitung gilt, als
Philosoph durch die Medien geistert (die Franzosen haben Philosophen wie Badiou
oder Rancierre, wir haben Leute wie Sloterdijk – aber bekanntlich haben laut
Walter Benjamin ja alle „das Leben, das sie verdienen“, haben wirs also nicht
besser verdient...). Eben dieser Sloterdijk hat unlängst Rudolf Steiner als
„großen Reformer“ und als „aktuellen Ideengeber für eine Zeit der Krisen“
gewürdigt und behauptet, Steiner ermögliche eine Koexistenz der Menschen auf
dem Planeten.

Wie Rudolf Steiner sich das konkret vorgestellt hat, zeigt
sich etwa in seinen Vorstellungen über Menschen in Afrika: „Sehen wir uns zunächst die Schwarzen in Afrika an. Diese Schwarzen in
Afrika haben die Eigentümlichkeit, daß sie alles Licht und alle Wärme im
Weltenraum aufsaugen. Sie nehmen das auf. Und dieses Licht und diese Wärme im
Weltenraum, die kann nicht durch den ganzen Körper durchgehen, weil ja der
Mensch immer ein Mensch ist, selbst wenn er ein Schwarzer ist (...) Im Neger
wird da drinnen fortwährend richtig gekocht, und dasjenige, was dieses Feuer
schürt, das ist das Hinterhirn. (...) Die weiße Rasse ist die zukünftige, ist
die am Geiste schaffende Rasse.“

Ein großer Reformer fürwahr. Fast so groß wie der andere
große Lieblingsreformer der Deutschen, dieser Sarrazin. Womit sich der bronzene
Kreis irgendwie im Jahr 1938 schließt.

* * *

Wie großartig es ist, daß der VUT die Firma „media control“
mit der Erhebung eigener „Independent“-Charts beauftragt hat, die die
Musikwoche exklusiv abdrucken darf, zeigt sich wieder einmal im November dieses
Jahres – denn nur dank der von diesem sich fast wie ein falschrum
hingeschriebener „TÜV“ lesenden Verein veröffentlichten „Musikwoche Top 20
Independent“-Charts haben so unbekannte Künstler wie Adele, Kool Savas, noch
mal Adele, Die Toten Hosen, Tom Waits, Hubert von Goisern, noch mal Adele, Deep
Purple, Slash oder Motörhead endlich mal die Gelegenheit, auch in irgendwelchen
Charts genannt zu werden, wo sie doch sonst nie nicht in irgendwelchen Charts
vorkommen. Nicht zu vergessen die sicher sehr trostreiche CD namens „Die 30
besten Weihnachts- und Winterlieder“, die unmittelbar hinter Slash, Motörhead
und dem ebenfalls in Mainstream-Charts noch nie vorgekommenem Noel Gallagher
Platz 20 der aktuellen Musikwochen-VUT-Indie-Charts zieren.

Wie sagten die VUT-Funktionäre doch seinerzeit bei der
Vorstellung ihrer Indie-Charts? Diese würden „der Vielfalt nützen“ und „der
Kultur helfen“. Ah ja.

* * *

Ehrlich: das Schmierentheater um des Bundespräsidenten sein
Kredit geht einem schon ein bisserl auf den Keks, oder? Wir sind doch alle
keine heurigen Hasen und wissen, wie geschmiert die Politik läuft, und wie sich
die Wirtschaft die Politik kauft, also... aber Sie werden sehen, er wird eh
zurücktreten. Oder auch nicht. Was letztlich so viel oder so wenig ändert wie
die Frage, ob Claudia Roth die Christmette im Allgäu oder im Berliner Dom
besuchen wird.

Aber: was mir wirklich gefallen hat, war die Begründung des
Unternehmers Egon Geerkens, warum er oder seine Frau dem damaligen Minister-
und heutigen Bundespräsidenten 500.000 Euro geliehen hat: „Der Christian mußte
sein Leben neu ordnen.“

Klasse, oder?

Also, wenn Sie mal wieder Ihr Leben neu ordnen müssen und
dazu eine schlappe halbe Million brauchen, wissen Sie jetzt, an wen Sie sich
wenden können. Und Sie wollen in Urlaub fahren? Lassen Sie sich doch, anstatt
wie bisher ins Reisebüro Ihrer Wahl zu gehen, vom Bundespräsidialamt die Liste in
Frage kommender Reise-Sponsoren schenken. Herr Wulff wird Ihnen gerne
behilflich sein. Vielleicht gibt er Ihnen in seiner Weihnachtsansprache bereits
einige Tips, wie Sie beim Verreisen Geld sparen können.

* * *

In kleinerer Münze denken Berliner Junglehrer, aber ich
finde deren Verhalten noch um einiges degoutanter als das des sein Leben neu
ordnenden Mannes im Schloß Bellevue. Viele junge Lehrer wollen nämlich Berlin
verlassen, weil sie den Beamtenstatus fordern, den der Berliner Senat für
Lehrer aber abgeschafft hat. „Angestellte
Junglehrer an etlichen Schulen haben inzwischen sogenannte Freistellungsanträge
gestellt, damit sie Berlin verlassen und in andere Bundesländer wechseln
können. Denn dort werden sie verbeamtet und verdienen dadurch mindestens 500
Euro netto mehr, weil vom Beamtengehalt keine Sozialabgaben abgehen“,
meldet die „Berliner Zeitung“.

Ein Torsten Ulrich von einer „Junglehrer-Initiative“ namens
„Verbeamtung jetzt!“ sagt: „Wer da in Berlin bleibt, fühlt sich betrogen“. Mal
jenseits der sehr verqueren Logik, und mal jenseits der Tatsache, daß es völlig
bescheuert ist, daß heutzutage überhaupt noch Lehrer in irgendwelchen
Bundesländern den Beamtenstatus erhalten – der Berliner Senat hatte, um den
„Nachteil“ auszugleichen, daß Berliner Junglehrer nicht mehr verbeamtet werden,
2009 sogar beschlossen, daß neu angestellte Lehrer sofort in die höchste (!)
Gehaltsstufe aufsteigen. Ein angestellter Gymnasiallehrer erhält knapp 4.300
Euro brutto. Das scheint vielen Junglehrer aber nicht auszureichen, sie wollen,
daß sie verbeamtet werden, daß sie also noch mehr netto vom brutto erhalten und
die Steuerzahler für ihre Pensionen aufkommen.

Und während immer mehr Arbeitsverhältnisse junger Menschen
befristet oder prekär oder ohne Tarifbindung sind, während die Junglehrer an
den Schulen mit wesentlich schlechter bezahlten HorterzieherInnen und
Vertretungslehrern (die auf Honorarbasis bezahlt werden) zusammenarbeiten,
kämpfen sie nicht etwa für gerechtere Bezahlung aller Beschäftigten oder für bessere Arbeitsbedingungen, nein, die
Junglehrer kämpfen für mehr Privilegien.

Wenn Sie mich fragen – solchen egoistischen Lehrerinnen und
Lehrern, die bei bereits sehr gutem Verdienst nur ihren eigenen Vorteil
zulasten der Gesellschaft im Sinn haben, sollte grundsätzlich die
Lehrberechtigung entzogen werden. Oder wollen Sie, daß Ihre Kinder von
schnöseligen Junglehrern unterrichtet werden, die nur ihren Beamtenstatus im
Kopf haben?

* * *

Dazu paßt die Bewertung von Arbeiterkindern durch die
Lehrer: Wie eine Studie der Vodafone-Stiftung ergeben hat, haben es
Arbeiterkinder an deutschen Schulen schwer. Auch wenn sie gleiche Leistungen
bringen wie ihre Mitschüler aus bessergestellten Familien, bekommen sie
schlechtere Noten. Kinder aus Akademikerfamilien werden durchweg weniger streng
benotet. Ungerecht geht es vor allem beim Übergang auf die weiterführenden
Schulen zu. Am Ende der Grundschule entscheiden Lehrer über den weiteren Weg
ihrer Schüler. Doch nur zur Hälfte läßt sich die schlechtere Empfehlung des
Grundschullehrers nach dieser Studie laut „Berliner Zeitung“ tatsächlich mit
der Leistung des Schülers erklären. Ein Viertel werde dagegen durch die
Schichtzugehörigkeit beeinflußt, weil Lehrer die soziale Herkunft bei der
Benotung mitdenken. Hinzu kommen die höheren Bildungsambitionen der
Akademikereltern und finanzielle Schwierigkeiten bei den Eltern.

Der Studie zufolge könnte sich der Anteil von
Arbeiterkindern, die ein Gymnasium besuchen, von derzeit 19,2 Prozent auf 28,5
Prozent erhöhen, wenn Lehrer sie bei gleicher Leistung auch gleich benoten
würden wie ihre Klassenkameraden aus bessergestellten Familien.

(„Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich. (...) Niemand
darf wegen seiner (...) Herkunft (...) benachteiligt werden.“ Art. 3 des
Grundgesetzes. Alle Menschen sind gleich. Nur manche sind hierzulande eben
etwas gleicher...)

* * *

„Hey, Tim
Bendzko, Clueso, Johannes Strate, Philipp Poisel und wie Ihr ebenso
vermurmelten wie uniformen Dreitagebartbübchen mit Euren Lagerfeuer-Schlagern
alle heißt: Könnt Ihr Euch nicht vom Goethe-Institut ganz lange irgendwohin
schicken lassen, um der Welt etwas über die Schrecken der deutschen Sprache
beizubringen?? Beispielsweise könntet Ihr interessierten
Nicht-Deutschsprachlern die Wichtigkeit der Vokabel „Irgendwie" für die
deutsche Sprache beibringen. Ihr könnt aber auch gerne einen lebenslangen
Interrail-Urlaub draus machen.“

Eric Pfeil in seinem ohnehin immer lesenswerten Blog „Das
Pop-Tagebuch“

(und: wollen wir Casper nicht gleich mitverschicken per
Goethe-Institut oder Interrail? „Lieber
gestanden arm sterben, als reich leben auf Knien“ – was
ja so ziemlich die realistischste Alternative in diesem Land ist, nicht? Wo
alle Reichen bekanntlich auf Knien herumrutschen...)

* * *

Laut „Spiegel Online“ wurden ausgerechnet einige der größten
Kämpfer gegen Unrecht und Piraterie, nämlich das amerikanische Ministerium für
Heimatschutz (DHS) und der US-Musikverband RIAA, dabei erwischt,
urheberrechtlich geschützte Daten mit Hilfe des Tauschprotokolls BitTorrent
heruntergeladen zu haben. Auch bei Sony, Universal und Fox wurden Filesharer
gefunden.

Sogar im Elysee-Palast des französischen Präsidenten
Sarkozy, der das „Hadopi“-Gesetz mit drastischen Strafen für die sogenannte
Internet-Piraterie eingeführt hat, haben diesen Daten zufolge etliche
Mitarbeiter unerlaubt Daten aus dem Netz gesaugt. Ob Sarkozy auch in eigener
Sache sein Hadopi-Gesetz anwendet? Ob der Elysee-Palast überhaupt noch Internet
hat?

* * *

Und nu? Weihnachten oder nicht Weihnachten?

Die neu-bürgerliche Antwort auf diese Frage geht so: man ist
nicht einverstanden, daß Weihnachten so eine riesige Konsumveranstaltung
geworden ist, aber man solle sich doch auf die „wirklichen Werte“
zurückbesinnen, „the real thing“ eben, handgemachte Geschenke,
Weihnachtsoratorium in der Kirche, Christmette, selbstgebackenes Zeugs und so –
dann sei Weihnachten schon wichtig und richtig.

Sie können es also so denken wie ich: Weihnachten sollte
abgeschafft werden!

Sie können aber auch so argumentieren wie die „grüne Gurke“
Claudia Roth: „Wer wie ich im Allgäuer Alpenvorland groß geworden ist, hat
Weihnachten im Blut und das Christkind im Herzen! Und das lasse ich mir auch
von meinen sogenannten linken Freuden (wahrscheinlich ein Tippfehler und sollte
wohl „Freunden“ heißen, BS) nicht nehmen, die zu Nikolaus bloß einen alten
linken Stiefel vor die Tür stellen und den Adventskranz als Spießergebilde
geißeln.“ Sagte die Grünen-Politikerin diesmal nicht in der „Bunten“, sondern
in der „taz“.

Ob Sie nun Lebkuchen im Blut haben oder nicht – machen Sie
doch, was Sie wollen!

Wir wünschen Ihnen jedenfalls so oder so eine gute Zeit,
viel Glück, schöne Gesundheit und täglich zunehmende Lebensfreude im neuen
Jahr! Bei unseren Künstlern, den meisten Veranstaltern, bei unseren
Geschäftspartnern und so manchen Medienpartnern (grins) bedanken wir uns für
die gute Zusammenarbeit; bei den BesucherInnen unserer Konzerte bedanken wir
uns aufs Herzlichste, daß sie da waren – wir wissen das alles sehr zu schätzen,
glauben Sie uns!

30.11.2011

Und Ansonstern 30.11.2011

Tut mir wirklich leid, liebes geschätztes Feuilleton der
„Berliner Zeitung“, aber: das interessantere, aufschlußreichere,
„investigativere“ Bushido-Interview hat, man höre und staune: die „Bunte“
gemacht.

Wir erinnern uns: letzten Monat unterhielt sich die
„Berliner Zeitung“ auf etwa einer halben Seite mit Bushido über ein Album, das
die Journalisten noch nicht gehört hatten, weil es keine
Vorab-Besprechungsexemplare gegeben hatte. Im November nun, am Tag, als dem
frauenfeindlichen und homophoben Rapper („Ihr Tunten werdet vergast“) ein
Burda-Bambi dafür verliehen wurde, daß sich Bushido „gegen Gewalt und für ein
respektvolles Miteinander einsetzen“ würde, erschien in der Burda-„Bunten“ ein
entlarvendes Interview mit Bushido, das den Rapper als das bloßstellt, was er
wirklich ist: als einen reaktionären Spießer.

„Meine Mutter wird
durchdrehen vor Freude, denn diese Gala sieht sie sich immer im Fernsehen an“,
teilte der mit seiner Mutter zusammenlebende 33jährige Bushido mit, als er auf
seinen „Bambi Integration“ und die Übertragung der Werbeveranstaltung im
Staatsfernsehen angesprochen wurde.

Und wie versteht Bambi Bushido Integration? „Ich war immer schon der Meinung: Wer hier
in Deutschland lebt, muß sich assimilieren. Ich wollte nie ein Fremdkörper in
Deutschland sein und diese Haltung verlange ich auch von der Familie und den
Freunden.“

Aber wurde denn in Bushidos Familie immer nur Deutsch
gesprochen, fragt „Bunte“?

„Nein (...) Vormittags
ging ich in die deutsche Grundschule und aufs Gymnasium, nachmittags in die
Koranschule. Mein Bruder studiert inzwischen hier, der ist ebenfalls
topintegriert. Ich finde, daß jeder, der die großen Vorzüge des deutschen
Sozialstaates genießen will, sich auch hier einfügen und die Sprache perfekt
sprechen muß. (...) Deutschland hat zu lange Rücksicht genommen auf seine
ausländischen Gäste und einen Schmusekurs gefahren, der nur Probleme gebracht
hat. (...) Auf der Berliner Sonnenallee spricht kein Mensch Deutsch und das
Kottbusser Tor heißt nur noch Klein-Istanbul und kein Deutscher traut sich da
hin. Das ist doch Wahnsinn! Die Kinder meiner Freunde gehen auf Privatschulen,
damit sie ordentlich Deutsch lernen.“

Wer so deutsche Stammtischparolen nachplappern kann, dem
attestiert die „Bunte“ prompt: „Längst
ist Bushido in der deutschen Gesellschaft komplett integriert“.

Weil sich kein Deutscher zum Kottbusser Tor traut, wohnt
Bushido mit seiner Mutter in einem „Berliner
Nobelviertel“. „Dort leben nur wenige
Ausländer“, stellt die „Bunte“ fest:

„Ja, meine Kumpel und
ich sind so ziemlich die einzigen. Seit vier Monaten leben auch meine Freundin
und ihr neunjähriger Sohn bei mir im Haus.“

Und wie kam es dazu, daß seine 29jährige Freundin zu ihm
zog? Bambi Bushido erweist sich als Mann alter Schule:

„Zuvor mußte ich
allerdings erst ihren Papa kennenlernen und ihn offiziell um Erlaubnis fragen.“

Und wie verwöhnt Bushido die Frauen um ihn, also seine
Freundin, seine Mutter und die Mutter seiner Freundin? „Neulich waren alle drei Frauen bei uns zu Hause und das war einfach
nur schön. (...) Als ich später in der Stadt war, bin ich zufällig an einem Gucci-Laden
vorbeigekommen und habe für jede eine Tasche gekauft. Einfach so. Die haben
mich alle drei niedergeknutscht.“

Top integriert eben.

* * *

Was dem einen Plappermaul seine „Bunte“, ist dem anderen
Plappermäulchen sein „Spiegel“. Eine Thea Dorn („Ihren Künstlernamen hat sie in
Anspielung auf den Philosophen Theodor W. Adorno gewählt“, erfahren wir auf
Wikipedia, und Adorno ist tot und kann sich nicht wehren...),
„Schriftstellerin, Dramaturgin und Fernsehmoderatorin“, hat ein Buch mit dem
Titel „Die deutsche Seele“ mitgeschrieben, und der „Spiegel“ hat ihr Raum für
Selbstpromotion im Rahmen eines Interviews zur Verfügung gestellt. Weil der
„Spiegel“ der „Spiegel“ ist, fragt er: „Seit
der NS-Zeit finden die meisten Deutschen es vielleicht unangemessen, über ihre
guten Seiten nachzudenken.“

Woraufhin Thea Dorn antwortet:

„Das ist verständlich,
und ich selbst bin ja auch in diesem Geist aufgewachsen. Natürlich gab es diese
zwölf verbrecherischen Jahre, aber die deutsche Geschichte erschöpft sich nicht
darin. Das Wissen um unsere reiche Kultur droht verlorenzugehen. Wir leben in
einem Zustand heiterer Gedankenlosigkeit und Ratlosigkeit.“

Sehr schön, dieses „zwölf verbrecherische Jahre“. Natürlich
gab es sie. Sie kamen irgendwie über uns – so, wie Frau quasi ihre Tage
bekommt, hatte der Deutsche als solcher eben seine „zwölf verbrecherischen
Jahre“...

Aber was will man von einer Schriftstellerin erwarten, die
von sich als „ich selbst“ spricht, außer heiterer Gedankenlosigkeit (im
Wortsinn). Früher hat nicht jeder, der bescheuertes Zeugs plappern kann, gleich
ein „Spiegel“-Interview bekommen... Aber vielleicht kann Burda sich ja erbarmen
und Thea Dorn nächstes Jahr einen Ehren-Bambi für heitere Ahnungslosigkeit
verleihen, Liveübertragung im Staatsfernsehen inbegriffen (Staatsfernsehen ist
das, wo ein anderer heiter Ahnungsloser namens Guido Knopp als Historiker
rumläuft).

* * *

Nun gut, ich gebe zu: Ich habe mich getäuscht. Ich hatte
nicht erwartet, daß der Mann, der über Wasser gehen kann, schon so bald wieder
in den hiesigen Medien auftaucht. Ich hatte ihn erst in circa drei Jahren
erwartet, auferstanden von den Toten. Nun aber kommt er, der Blödzeitung des
deutschen Mittelstands, also der „Zeit“ sei Dank, schon jetzt über uns. Und
wie.

Ein Giovanni di Lorenzo, den naive Gemüter immer noch für
einen „Journalisten“ halten, macht den bezahlten Stichwortgeber und hat dem
Karl-Theodor zu Guttenberg sozusagen sein neues Buch geschrieben. Und weil sie
eben alle nur Teil eines Vermarktungsbusiness sind, titeln Blödzeitung (das
Original) und „Zeit“ (die Kopie) unisono vom Buch des Karl-Theodor, für das ihn
der „Zeit“-Chefredakteur interviewt hat. Und im „Dossier“ der „Zeit“ gibt es,
standesgemäß, den mehrseitigen Vorabdruck, und das just kurz nachdem die
bairische Staatsanwaltschaft das Strafverfahren gegen Guttenberg gegen die
Zahlung einer 20.000 Euro-Spende an eine wohltätige Institution eingestellt hat
– läuft alles wie geschmiert, gelt?

Di Lorenzo dackelt und stichwortelt wie ein unterwürfiger
Reitbursche, den „Zeit“-Lesern dagegen wird die „Steigbügelhalterei“ (Niggemeier) als ein „Streitgespräch“ verkauft
– aber wahrscheinlich hält Di Lorenzo einen Satz wie „In Ihr Gesicht schleicht sich hin und wieder ein harter Zug ein“
schon für Majestätsbeleidigung, ähem, also, für kritischen Journalismus halt.

Interessant auch Guttenbergs „vorerst gescheitert“, das man ja auch anders lesen kann: nämlich
so, als ob der Mann, der über Wasser gehen kann, mit seinen Betrügereien nur
fürs Erste gescheitert sei, aber fest damit rechne, mit den Betrügereien beim
nächsten Mal durchzukommen.

Und so dürfte ein Politiker, von dem keine einzige
bedenkenswerte politische Idee, keine einzige politische Tat in Erinnerung
geblieben ist, nächstes Jahr wie Bushido den Bambi derer erhalten, die „eine
zweite Chance verdient“ haben. Burdas „Bunte“ jubiliert bereits heute auf der
Titelseite: „Die Guttenbergs: Sie kommen
zurück.“ Noch sind wir nicht verloren.

* * * 

Schöne Sätze sprechen auch andere Leute:

„Bei der
Leadgenerierung beziehungsweise Fangewinnung verschiebt sich der Anteil
deutlich von Paid auf Earned und Owned Media.“

So ein Florian Steps, „Leiter Direct & Digital“ im
Marketing von Vodafone Deutschland.

* * *

Und wenn die Sonntagsredner der politischen Parteien und die
Tagungen ihrer Stiftungen und all der Tutzinger und sonstigen Akademien mal
wieder über die Gründe der Politikverdrossenheit der Bürger reden und rätseln –
ich wüßte da ein paar Gründe, warum die Bürger mit ihren Politikern nichts mehr
zu tun haben wollen... Zwei davon standen Ende November an zwei
aufeinanderfolgenden Tagen auf der Titelseite der „Berliner Zeitung“:

An einem Tag ging es um „Strombonus
für Industriekonzerne“ – „klammheimlich
hat die schwarz-gelbe Bundesregierung die Industrie und wenige andere Stromsonderkunden
um eine Milliardensumme entlastet und die Kosten den Kleinverbrauchern
aufgebürdet“, der Energieexperte des Verbraucherschutzverbandes VZBV
spricht von einer „einmaligen
Schweinerei, die Industrie massiv zu entlasten und allein die Kleinverbraucher
die Zeche zahlen zu lassen“.

Anderntags dann erfahren wir: „Riestern rentiert sich nicht“, jedenfalls nicht für die Sparer –
die müßten nach einer DIW-Studie steinalt werden, um von der Anlage zu
profitieren. „Die Riester-Rente, benannt
nach dem damaligen Arbeitsminister Walter Riester (SPD), wurde 2011 von der
damaligen rot-grünen Bundesregierung eingeführt. Die Anlageform steht heftig in
der Kritik – auch wegen angeblich enger Kontakte rot-grüner Politiker zu
Anbietern der Sparform“, heißt es in der „Berliner Zeitung“. Eine
35-jährige Frau, die 2011 eine Riester-Versicherung abgeschlossen hat, muß 78
Jahre alt werden, damit sie überhaupt nur die eingezahlten Beiträge wieder
zurückbekommt. Um auf eine garantierte Rendite von 2,5% zu kommen, müßte sie gar
90 Jahre alt werden. Und wenn die Frau heute einen Riester-Vertrag abschließen
würde, müßte sie sogar 110 Jahre alt werden, um eine Rendite von 2,5% zu
erzielen.

Rentiert hat sich „Riestern“ dagegen für die Konzerne der
Finanz- und Versicherungswirtschaft, für die an der Umstellung beteiligten
Wissenschaftler und für viele Politiker. Der ehemalige Bundestagsabgeordnete
und Publizist Albrtecht Müller konstatiert: „Die
Zerstörung der gesetzlichen Rente zugunsten einer privaten Altersvorsorge ist
ein heutzutage leider typischer Fall von politischer Korruption.“

Die Bürger haben ein recht feines Gespür dafür, wann sie von
den Regierenden verarscht werden...

* * *

Und was sagt Jan Delay, einer der kommerziell
erfolgreichsten deutschen Popstars, zu Urheberrecht und den „illegalen
Downloads“? Das (in Originalgrammatik und -interpunktion):

„Im letzten jahr hat
es 800.000 (!) abmahnungsverfahren wg. Illegalen downloads gegeben. Heißt:
windige anwälte beschäftigen billiglöhner, die den ganzen tag nix anderes tun
als ip-adressen von illegalen saugern aufzuschreiben um diese mit einem
bußgeldbescheid von durchschnittlich 1500 euro abzumahnen und mit
Gerichtsverfaren zu drohen falls nicht gezahlt wird. Heraus kommt das stolze
sümmchen von 1,2 Milliarden (!!), welches unter den anwälten und den
plattenfirmen gesplittet wird, die künstler sehen davon nix! Das sind alles
miese schweine!! Saugt bitte alle ruhig weiter, und laßt euch nicht erwischen!
Kein peer 2 peer!! Und wenn es Künstler gibt, die ihr schätzt und die sich den
arsch aufreißen um gute platten zu machen: bitte supported sie!!“ (Quelle:
Jan Delays Facebook-Seite)

Mal abgesehen von der auf mehreren Ebenen etwas kruden
Argumentation: nach geltendem Verständnis der Musikindustrie dürfte diese
Aussage ein Fall für die Copyright-Cops sein. Gorny und Chung, übernehmen Sie!

* * *

„Pop ist tot

Denn böse Menschen
kaufen keine Lieder

Sie laden nur
darnieder“

(„Die Türen“)

(wirklich tolles kleines Buch zum Albumrelease übrigens)

* * *

Und was tut sich sonst so an der Urheberrechtsfront? Ein
paar Ausschnitte der Debatten der letzten paar Wochen:

„Das geltende
Urheberrecht schanzt Verlagen Vorteile zu Lasten der Forscher zu. Sie bezahlen
fürs Publizieren und müssen die wichtigsten Rechte abtreten“, berichtet die
altehrwürdige konservative „FAZ“.

Wie auf „Spiegel Online“ zu lesen war, wollen „US-Copyright-Cops weltweit zugreifen –
Websperre, Zahlungsstopp, Beschlagnahmung – neue US-Gesetze sollen die Jagd auf
Raubkopierer erleichtern. Die amerikanische Justiz erklärt damit die ganze Welt
zu ihrem Hoheitsgebiet: Sie will sogar einen Briten in den USA anklagen, der
nach heimischem Recht legal gehandelt hat.“

Und nun kritisiert sogar die EU-Kommissarin für die Digitale
Agenda, Neelie Kroses, das aktuelle Urheberrechtssystem, das „kaum dafür geeignet“ sei, „den rechtlichen, kulturellen und
wirtschaftlichen Anforderungen gerecht zu werden“. Es dürfe nicht darum
gehen, „bestimmte Geschäftsmodelle
festzuschreiben“. Vielmehr müsse „die
EU einen intelligenten Rahmen schaffen, der möglichst vielen verschiedenen
Geschäftsmodellen zur Blüte verhelfen“ könne. Das Urheberrecht sei „zwar wichtig“, man dürfe sich aber „nicht allein darauf konzentrieren“.
Viel wichtiger sei es, „ein System zur
Anerkennung und Vergütung kreativer Leistungen zu schaffen, das den Künstler in
den Mittelpunkt rückt“, berichtet die „Musikwoche“.

Die "Berliner Zeitung" kommentiert den Beschluß
des "Grünen"-Parteitages zum Urheberrecht und die gebetsmühlenhaften
Proteste z.B. des Deutschen Kulturrates so: "Die
Wirtschaftslobby hatte im Vorfeld kräftig dagegen getrommelt (...) Daß es bei
dem ethisch anspruchsvoll formulierten Protest auch um das einträgliche und
keineswegs nur kunstförderliche Vermarktungsmonopol der Kulturindustrie ging,
wurde von den Lobbyisten huldvoll verschwiegen. (...) Einfach auf seinem
Monopol bestehen und ansonsten die Preise erhöhen, ging schon bei der
Musikindustrie schief..."

Nur der „Parlamentskorrespondent“ der „taz“, Daniel Bax, hat
mal wieder nichts kapiert: Als „Flop des
Jahres“ bezeichnet Bax die „Ablehnung
des Urheberrechts. Die Musikindustrie darbt, aber es gibt Leute, die behaupten,
es ginge auch ohne Urheberrecht. Künstler können so wenig allein von Auftritten
leben wie Journalisten vom Internet“. Brillant argumentiert. Fehlt nur
noch, daß sich nach Bax auch noch Dax zum Urheberrecht äußert...

* * *

„Rockmusik ist
Mißbrauch von Heeresgerät.“ (Friedrich Kittler)

* * *

Deutscher Dreisatz:

„Im Paradies würde ich
vor Langeweile sterben.“ (Wolf Biermann im „Zeit“-Interview).

Ich würde in einem Konzert von Wolf Biermann vor Langeweile
sterben.

Ist ein Konzert von Wolf Biermann jetzt also das Paradies?
Oder das Paradies ein Konzert von Wolf Biermann?

* * *

55.000.000.000 Euro.

Fünfundfünfzig Milliarden.

55 Milliarden Euro hat die Bundesregierung mal eben so
„übersehen“. Bei der „Bad Bank“ der früheren Hypo Real Estate hat es
Fehlbuchungen in dieser Höhe gegeben, beim Handel mit den riskanten Derivaten
wurde versäumt, Forderungen (sprich Guthaben) mit den Schulden zu verrechnen.
Der größte Buchungsfehler der Wirtschaftsgeschichte ist höchst peinlich für die
Bundesregierung. Wie kann es sein, daß sich der Staat um 55 Milliarden Euro
verrechnet, und es niemandem auffällt?

Der gesamte Bundeshaushalt beträgt 2012 etwas mehr als 300
Milliarden Euro – mehr als ein Sechstel des ganzen Bundeshaushalts also wird
mal eben vom Finanzministerium „übersehen“?

55.000.000.000 Euro übersehen?

Ein Tausendstel dieser Summe sind immer noch 50 Millionen!
Ein Hunderttausendstel dieser Summe sind immer noch 500.000 Euro. Und selbst
ein Zehnmillionstel dieser Summe wäre mir auf meinem Betriebskonto
aufgefallen...

Und während in jeder Firma jeder Buchhalter und Controller,
der ein Millionstel dieser Summe übersehen hätte, ernste Konsequenzen zu
befürchten hätte, geschieht bei der Bundesregierung natürlich nichts.

55.000.000.000.

Solchen Leuten traut man doch sofort die wirtschaftliche
„Rettung“ Europas zu, oder?

* * *

Nun gut, plötzlich entschuldigen sich alle Politiker bei den
Türken für die Morde der jahrelang unbehelligt und quasi unter
Verfassungsschutz-Aufsicht durch die Lande ziehenden Nazi-Terroristen: der
Bundestag. Der Bundespräsident. Der SPD-Vorsitzende Gabriel. Die Medien, die
über ein Jahrzehnt lang von „Döner-Morden“ geredet haben und über mutmaßliche
Drahtzieher bei unseren „ausländischen Mitbürgern“.

Das tönte jahrelang ganz anders. Der SPD-Innenminister
Schily etwa hatte einen Tag nach dem Kölner „Nagelbombenattentat“ die Erklärung
parat, nichts deute auf einen terroristischen oder Neonazi-Hintergrund der Tat
hin, eher handele es sich um eine Tat „im
kriminellen Milieu“. Und der „schlimmste
Nadelstreifenrassist der deutschen Nachkriegsgeschichte“ (Mely Kiyak)
Sarrazin ist immer noch Mitglied der Partei Gabriels und Schilys und hat ein
Buch veröffentlicht, das in der sogenannten Mitte der Gesellschaft
millionenfach verbreitet wurde und eines der erfolgreichsten Sachbücher aller
Zeiten hierzulande wurde.

Rassismus aus und in der Mitte der Gesellschaft eben. Wer
nur mit dem Zeigefinger auf Behörden und Verfassungsschutz zeigt, macht es sich
zu einfach. Leider.

* * *Wie darf man den Kauf der EMI durch Universal Music und Sony
denn nun werten? O.k., die Banker der Citigroup wollten sich nicht mehr
langfristig im Musikgeschäft engagieren und haben EMI Music abgestoßen, nachdem
der Konzern bereits 1979 vom Mischkonzern Thorn Electrical gekauft und auf
einen „konservativ-profitorientierten
Kurs getrimmt“ (Jens Balzer) und nach dem Börsengang 1996 im Jahr 2007 vom
Private Equity-Investor Guy Hands übernommen wurde. Und der russische Oligarch
Len Blavatnik, der im März 2011 bereits Warner Music gekauft hatte, wurde vom
Vivendi-Konzern (dem Universal Music gehört) überraschend überboten.

Also, damit wir das mal klarkriegen: Bei den Tonträgerfirmen
verfügt Universal Music weltweit über 28,7% Marktanteile, hinzu kommen 10,2%
der gerade erworbenen EMI Music – bedeutet also 38,9% Weltmarktanteile in der
Hand eines Konzerns, der Vivendi. Sony Music hat weitere 23% Marktanteile,
Warner Music (im Besitz des russischen Multimilliardärs) 14,9%. Insgesamt
verfügen nun also nur noch drei statt vier multinationale Konzerne über knapp
77% der Weltmarktanteile des Tonträgergeschäfts.

Bei den Musikverlagen sieht es ähnlich aus: dort verfügen
Sony/ATV über 12,5% der Weltmarktanteile, die an Rechten reiche EMI Music
Publishing über 19,7%, zusammen sind sie nun mit 32,2% der Weltmarktführer
unter den Musikverlagen. Universal Music Publishing hält 22,6%
Weltmarktanteile, Warner/Chappell 13,9%. Die drei multinationalen Konglomerate
verfügen über 68,7% der Weltmarktanteile an Musikverlagen.

An der Sony-Bietergruppe für EMI Music Publishing soll unter
anderem der amerikanische Finanzinvestor Blackstone beteiligt sein. Blackstone
wurde nach dem Kauf von 31.000 Wohnungen von der öffentlichen Hand 2004 scharf
kritisiert (der damalige SPD-Vorsitzende Müntefering verwendete 2005 den
unglücklichen Begriff „Heuschrecken“ für die Finanzinvestoren); Blackstone
gehört u.a. die Hilton-Hotelkette und hält Beteiligungen u.a. an der Deutschen
Telekom; der Vorstandschef der Firma, Schwarzman, wurde in der Debatte um
astronomische Managergehälter an vorderster Stelle genannt (im Jahr 2006
erhielt Schwarzman z.B. 398,3 Millionen Dollar, in 2008 waren es 702 Millionen
Dollar - und derartige Fantasiegehälter erhält SChwarzman nicht dafür, daß er
Kultur betreibt, sondern dafür, daß er seiner Firma noch höhere Profite
beschert). Die China Investment Corporation hält übrigens 9,3% der Anteile von
Blackstone.

Dem Konsortium, das unter Führung von Sony/ATV die EMI Music
Publishing kaufte, gehören neben Blackstone auch der amerikanische Musik- und
Kinomogul David Geffen sowie die in Abu Dhabi ansässige Mubadala Investmentbank
an.

Joost Smiers schrieb 2007 in einem vielbeachteten Artikel in
der „SZ“, der heute nur in der Frage „aus vier mach drei“ aktualisiert werden
muß:

„Vier Musik-Konglomerate beherrschen achtzig Prozent der
Musik weltweit; eine Handvoll Film- und Verlagskonsortien teilen sich den
Kulturmarkt und sind auch noch untereinander stark vernetzt. (…) Die Demokratie
und das menschliche Recht auf Kommunikationsfreiheit und auf Teilhabe am
kulturellen Leben sind in Gefahr.“

(Der VUT-Funktionär Mark Chung dagegen hat seine eigene
Sicht der Dinge, er schreibt:

„Die Musikwirtschaft ist schon seit Jahren überwiegend „independent“
geprägt.“ Und „...weit mehr als 60% aller Unternehmensumsätze der
Musikwirtschaft werden von kleinen, mittleren und Kleinstunternehmen erzielt...“
Aha.)

* * *

Meinen Artikel "Die Leistungsschutzgelderpresser"
(Konkret 11/2011) können Sie übrigens jetzt auch direkt hier auf unserer neuen
Homepage lesen.

Der Artikel und der "offene Brief" des
VUT-Funktionärs Chung war einigen Zeitschriften und Zeitungen Anlaß für
Berichterstattung zum Thema - die "Musikwoche" etwa brachte gleich
auf zehn Sonderseiten den Chung-Text, der "Freitag" berichtete, und
in der "taz" pumpte sich René Martens auf. Wenn Sie nun aber gedacht
hätten, auch nur eine der Publikationen hätte auch nur einen Satz mit mir
gesprochen - Pustekuchen. "Recherche" ist für den heutigen
"Anything goes"-Journalismus eben ein Fremdwort.

* * *

Wollen Sie einen weiteren Grund wissen, warum China derzeit
so ungleich erfolgreicher im Weltgeschehen agiert als der Westen? Unter anderem
deswegen, weil, weil die chinesische Regierung laut „SZ“ den Antrag des
„Bundesverbandes der Deutschen Schausteller“ abgelehnt hat, auf dem Platz des
Himmlischen Friedens zu Beijing Glühwein auszuschenken...

Sie machen dort halt nicht jeden Scheiß mit, sozusagen.
(Medien, obacht! bitte unbedingt sofort über die chinesische
Menschenrechtsverletzung berichten, daß dort kein Glühwein usw. usf.)

* * *

Eine der ekelerregendsten Publikationen hierzulande ist die
in der Regel etwa der „Zeit“ oder der „FAZ“ beiliegende Zeitschrift der
evangelischen Kirche namens „Chrismon“. Deren Chefredakteur Arnd Brummer, der
unübertroffene Horst Tomayer hat es unlängst in seinem „ehrlichen Tagebuch“
aufgedeckt, schreibt in dieser Zeitschrift Halbsätze wie diese:

„Der Tag, an dem ich
beschloß, dem Evangelischen in mir Raum zu geben“, oder „Ratzinger hatte mich so erzürnt, daß ich
meiner evangelischen Frau sagte: „Ab morgen zahle ich meine Kirchensteuer bei
deinen Leuten.““ (und was macht Brummer, wenn ihn dann die Ex-Bischöfin
Käßmann erzürnt? Ach, ich vergaß, die ist Herausgeberin dieser Postille,
zusammen u.a. mit der Grünen-Bundestagsabgeordneten Göring-Eckardt...).

Brummer jedoch hat auch ein Buch geschrieben, „Unter Ketzern
– Warum ich evangelisch bin“, für das der Verlag so wirbt:

„Arndt Brummer (...)
erzählt die Geschichte seiner Suche nach einer kirchlichen Heimat. (...) Eine
Predigt des damaligen Kurienkardinals Joseph Ratzinger, heute Papst Benedikt
XVI., erzürnt den jungen Intellektuellen so sehr, daß er aufbricht, um unter
den Ketzern heimisch zu werden. Heimat ist, wo Fragen, Diskutieren, ja Zweifeln
erlaubt sind. Ein leidenschaftliches Plädoyer für die evangelische Kirche.“

Gelt, das glauben Sie mir jetzt nicht? Aber es steht so da,
der Beweis liegt vor und ist archiviert. So sind manche Zeitgenossen – regen
sich über Ratzingern auf und werden vor lauter Erzürnis evangelisch...

* * *

Und aus unserer kleinen Reihe unverlangter Künstlerangebote:

„Wir möchten Ihnen ein
stilvolles Adventskonzert mit Gänsehaut-Garantie für Ihre weihnachtlichen
Firmenfeierlichkeiten anbieten. (...) Die Berliner Klassik-Pop-Formation Songs
Of Lemuria: Songs Of Lemuria bauen Brücken zwischen Klassik und Moderne,
zwischen der Melancholie des Chanson und der glitzernden Euphorie der goldenen
Zwanziger.“

Goldene Zwanziger – wir erinnern uns, das war die Zeit vor
den zwölf verbrecherischen Jahren... Und Brücken bauen ist auch immer gut, so
gewinnt man manch einen Bambi.

„Das Set können wir
natürlich mit Ihren Wünschen abstimmen“, flöten die
Klassik-Pop-Brückenbauer, schlagen aber schon mal, quasi sicherheitshalber,
„ein mögliches Set“ selber vor: „Nach
einer freundlichen Begrüßung folgen zunächst einige weihnachtliche
Instrumentalwerke. Nach einigen Weihnachtssongs (mit Cello und
Klavierbegleitung) würde schließlich auch Nik Page gesanglich hinzu stoßen.“

„Gesanglich hinzu stoßen“ – toll!

„Nach ein paar zur
Advents-Stimmung passenden Pop-Klassikern...“

- welche da wohl gemeint sind? Ave Maria? nein: „Hunting high and low“ (a-ha“), „I was born to love you“ (Queen),
„Stairway to Heaven“ (Led Zeppelin) oder „Judas“ (Depeche Mode) – glauben
Sie jetzt nicht? Ich schwöre, das steht so da! -

„...würden die Musiker
schließlich als Finale STILLE NACHT in kompletter Bandbesetzung (Cello + Piano
+ weibl. & männl. Gesang) unter Einbeziehung des Publikums darbieten.“

Ich weiß nicht, liebe Leserinnen und Leser dieses kleinen
Rundbriefs, wie die Weihnachtsfeiern Ihrer Firmen aussehen. Und wie Sie sich
„tief in Ihnen“ eigentlich eine Weihnachtsfeier vorstellen und wünschen. Ich
kann nur sagen – meinen Vorstellungen kommt dieses Programm schon ziemlich
nahe. Wir bauen auch gerne Brücken zwischen Klassik und Moderne, die  Weihnachtsfeiern dieser Firma bestehen seit
jeher aus gemeinschaftlich begangener 
Hausmusik, gerne stimmen wir fröhliche und melancholische Weihnachtslieder
an, und zum gemeinsamen finalen „Stille Nacht“-Singen fassen wir uns an den
Händen und tanzen langsam um den Adventskranz in unserem Büro. So ist das seit
jeher.

Und warum wir das Angebot, die „Songs Of Lemuria“ für unsere
Firmenweihnachtsfeier zu buchen, dennoch nicht angenommen haben? Ganz einfach:
Wir finden Weihnachtslieder wie „Stairway to heaven“ oder ein zärtlich
gehauchtes Depeche Modse-„Judas“ einfach der vorweihnachtlichen Stimmung nicht
ganz angemessen. Zu sehr „ordinary world“ (Duran Duran) sozusagen. Da singen
wir dann doch lieber selber...

Ansonsten und deswegen: wir sehen uns bei den „Feliz Navidad
– The Return of the Mexican Santa“-Weihnachtsparties von El Vez, den Memphis
Mariachis und den Lovely Elvettes.

Da geht’s kräftig zur Sache, versprochen! Mexmas, Glühwein
& Rock’n’Roll!

In diesem Sinne herzliche adventliche Grüße – und seien Sie
vorsichtig, wenn Sie wieder mal zürnen, ja? Man gerät offenbar leichter in die
evangelische Kirche, als einem lieb ist...

20.11.2011

Beim Kulturforum der Sozialdemokratie. Wang Hui und Sigmar Gabriel.

„Die Gleichheit neu denken.“ Besuch beim Kulturforum der SPD.

Das „Kulturforum der
Sozialdemokratie“ hat in der Reihe „philosophy meets politics“ eingeladen zu
einer Veranstaltung namens „Die Gleichheit neu denken. mit Wang Hui und Sigmar
Gabriel“.

Einer der wichtigsten
zeitgenössischen chinesischen Denker also trifft auf den Parteivorsitzenden der
SPD. Interessant.

Das Signet der SPD-Reihe
„philosophy meets politics“ lädt zu zahlreichen Assoziationen ein: ein „alter
Grieche“, es ist wohl Sokrates gemeint, ist neben dem Bundesadler zu sehen –
das Symbol, das Sozialdemokraten oder ihrer Werbeagentur einfällt, wenn sie den
Begriff „Politik“ auf den Punkt bringen wollen. Ungewollter Nebeneffekt: da
steht jetzt gleich der Bundesadler als Symbol derer, die in Europa und in
Europas Wirtschaft Deutungshoheit und Entscheidungsmacht haben, neben dem
Symbol des Landes, dessen Demokratie sie gerade in die Knie zwingen, das Symbol
des Landes, deren Kanzlerin gerade den Griechen beigebracht hat, daß sie sich eine
Volksabstimmung über die EU-Knebelbedingungen gefälligst abzuschminken haben,
neben dem Symbol des Opferlandes – „Gleichheit neu denken“ eben...

Öffentlich ist diese Veranstaltung
nicht, sondern nur für Eingeladene und für Pressevertreter – man benötigt
Einladung oder Presseausweis. Mit normalen, einfachen BürgerInnen hat die
ehemalige Volkspartei wohl ein Problem.

Vor Beginn der Veranstaltung kommt
Beruhigungsklassik vom Band, so, wie sich Verkehrsminister Ramsauer das
vorstellt oder wie am Hamburger Hauptbahnhof die Drogenszene beschallt wird.

Dann ertönt ein Signal in der Halle
des SPD-Hauses in Berlin, wie auf dem Pausenhof einer Schule. Auftritt Prof.
Dr. Julian Nida-Rümelin mit einer „Einführung“. Ich will an dieser Stelle nicht
auf die Inhalte der Redner eingehen, nur die Stimmung beschreiben, daher kein
Wort zu der eitlen Selbstdarstellung des SPD-Politikers und zum Vortrag Prof.
Dr. Wang Huis.

Den Vortrag Wang Huis kann man im
Netz downloaden.

Auf Youtube ist ein interessanter
Ausschnitt seiner fundamentalen Kritik der Demokratie zu sehen:

 

An Sigmar Gabriels Vortrag fällt
auf: zunächst geht Gabriel in freier Rede auf Wangs Vortrag ein und gibt dem
chinesischen Gast auf vielen Ebenen Recht. Ja, es gebe im Westen, speziell in
Deutschland eine „gespaltene Gesellschaft“, die Politik habe den Kontakt zu
großen Teilen der Bevölkerung verloren, man fühle sich den Finanzmärkten ausgeliefert
und von der Politik nicht mehr vertreten. Doch was der Vorsitzende der SPD dann
konkret vorzuschlagen hat, ist intellektuell erbärmlich, ergeht sich in banalen
Politikerforderungen (klar will die SPD ein Mindestlohn und mehr
Volksabstimmungen...) und belegt eine komplette Hilflosigkeit, wie man auf eine
im Grunde korrekte Analyse der Situation politisch antworten könnte. Da wird
dann von Sozialpartnerschaft gefaselt, da wird der mittlerweile in der
Bandbreite von Sarah Wagenknecht bis hin zum Feuilleton der FAZ in der ganzen
Gesellschaft angekommene banale Satz „die Gewinne werden privatisiert, die
Verluste werden vergesellschaftet“ noch einmal zum Besten gegeben. Aber es
fehlt sowohl eine Auseinandersetzung mit den Thesen von Wang Hui, als auch ein
politischer Weg, wie man die beklagte Situation ändern könnte. „Sinn dieser von
Julian Nida-Rümelin begründeten Veranstaltungsreihe ist es, der praktischen
Politik Impulse aus der politischen Philosophie zu geben“, heißt es im
Einladungstext. Nie war der Sinn einer Veranstaltung derart verfehlt worden...

Obwohl: in der kurzen Pause, bei
Schnittchen und Kaffee (jeweils 1,50 €), hört man an vielen Tischen Klagen über
das schwache Niveau von Gabriels Rede; aber auch: „Sie hätten letztes Mal bei
Habermas und Steinmeier dabei sein müssen, das war noch viel schlimmer...“ Aha.
Scheint ein systemisches Problem zu sein.

Nach der Pause gibt es dann eine
Podiumsdiskussion – der Parteivorsitzende, dem die politische Philosophie doch
„Impulse“ geben sollte, ist längst verschwunden, er hatte wohl wichtigere
Termine – unter der Moderation von Wolfgang Thierse (der u.a. kritisiert, „in
der DDR hat die Demokratie nicht der Wirtschaft gedient“) diskutieren Wang Hui
und Thomas Meyer, und schließlich bleiben 20 Minuten übrig fürs Publikum – aber
nicht etwa für Diskussionsbeiträge, nein, „für präzise und kurze Fragen“, denn
das ist alles, was die SPD-Funktionäre wollen: daß die Menschen sie „präzise
und kurz fragen“... und natürlich ist der erste Fragesteller abgekartet,
nämlich SPD-Julian Nida-Rümelin.

Demokratie, das zeigt sich an der
Konstruktion dieser Veranstaltung, ist „die da oben, wir hier unten“, wie
Sigmar Gabriel es im Voraus auf den Punkt gebracht hat, ohne es zu wollen. An
Teilhabe, an Auseinandersetzung haben die Realpolitiker der SPD kein Interesse.
Ihre Veranstaltungen sind autoreferentielle Selbstvergewisserungen und dienen
der medialen Selbstdarstellung.

Zu so etwas wird man nicht wieder
hingehen wollen...

01.11.2011

Und Ansonsten 2011-11-01

Eine tolle Lektüre ist die Antwort der Bundesregierung auf
eine Große Anfrage der SPD-Fraktion zum Thema „Musikförderung durch den Bund“
(kann man kostenlos beim Deutschen Bundestag downloaden). Endlich wissen wir,
was offizieller Staatspop ist, der von der Politik gefördert wird. Vereinfacht
gesagt: das Spektrum reicht von Tokio Hotel bis zu den Toten Hosen.

Ein Auftritt von Tokio Hotel in Tokyo beispielsweise wurde
im Rahmen der „direkten Projektförderung des Auswärtigen Amtes“ im Dezember
2010 mit 25.738 Euro bezuschußt. Begründung: Das Auswärtige Amt fördert „in Einzelfällen auch Kunstprojekte direkt,
wenn außenpolitische Erwägungen und auch das Projektvolumen dafür sprechen“.
Tokio Hotel, die Band, die weltweit über sechs Millionen Alben verkauft hat und
als kommerziell erfolgreich gelten darf, als „Kunstprojekt“, das aus
„außenpolitischen Erwägungen“ mal eben für einen Auftritt vom Staat 25.738 Euro
nachgeworfen bekommt – toll!

Auch kommerziell einigermaßen erfolgreich ist die
Schlagerband namens „Tote Hosen“, die so um die 22 Millionen Tonträger verkauft
hat. In den Augen des Auswärtigen Amtes muß der Band, die aus irgendwelchen
Gründen mitunter als „Punkband“ gilt, aber unter die Arme gegriffen werden –
aus „außenpolitischen Erwägungen“ eben: Die „Toten Hosen“ haben jedenfalls im
vergangenen Jahr für zwei Auftritte im usbekischen Taschkent und im
kasachischen Almaty insgesamt 68.793 Euro Staatsförderung erhalten – war das
nun eher „Opium fürs Volk“, „Auswärtsspiel“, „Zurück zum Glück“ oder „In aller
Stille“? So nämlich heißen Alben der Düsseldorfer Schlagerrockband. So klingt
Staatspop.

Doch nicht nur irgendwelche dumpfen Mainstreambands werden
vom Staat subventioniert. Unter der Rubrik „Förderung der (professionellen)
populären Musik“ etwa hat der Bundesverband Musikindustrie, die allseits
bekannte und beliebte Lobbyorganisation, 75.000 Euro als „Anschubfinanzierung“
für den von ihr veranstalteten Jazz-Echo erhalten. Delikat – die oberste
Musiklobby-Organisation des Landes erhält Staatszuschüsse zur Finanzierung
ihrer Promo-Veranstaltung.

* * *

Was ich mich frage: Ob die Lobbyisten vom Bundesverband der
Musikindustrie, die ahnungslosen Nachplapperer und Renegaten vom sogenannten
Verband unabhängiger Musikunternehmen und ihr gemeinsamer Jünger und Apostel,
der heilige Manfred von Berg am Laim, heute das Feuilleton der „FAZ“ gelesen
haben? Klar, dahinter würde ja eigentlich ein kluger Kopf stecken, also... aber
könnte ja sein, daß die Copyright-Fans nicht immer nur auf die Märchen
reinfallen wollen, die ihnen ein CDU-Hinterbänkler auftischt (wir berichteten).

Als Aufmacher des FAZ-Wochenendfeuilletons jedenfalls
erklärte der Parlamentarische Geschäftsführer der CDU/CSU-Bundestagsfraktion,
Peter Altmaier, in der für diese Zeitung manchmal typischen Bieder- und
Altväterlichkeit, was ihm und uns das Internet heutzutage bedeutet. Und
schreibt den Cheflobbyisten eines strikten Hadopi-Copyrights a la Sarkozy oder
Berlusconi ein paar wohlfeile (und mitunter drollige) Selbstverständlichkeiten
ins Stammbuch:

„Der Zugang zum Internet
ist so wichtig wie der zu Wasser und Nahrung.“

„Die politische
Freiheit und Gleichheit der Bürger realisiert sich im Netz zum ersten Mal in
Permanenz: Die neu entstehenden Strukturen eröffnen die Möglichkeit
jederzeitiger und umfassender politischer Einflußnahme und Gestaltung.“

„Die Integrität dieses
Netzes und der Zugang zu ihm sind zu Rechtsgütern von höchstem Wert geworden.
Der Anschluß ans Internet ist heutzutage wesentlich wichtiger als der Anschluß
ans Telefon-, Strom- oder Fernsehnetz, von größerer Bedeutung als PKW,
öffentlicher Nahverkehr oder Waschmaschine. Aus meiner Sicht hat er eine
Bedeutung, die derjenigen des Zugangs zu Wasser und Grundnahrungsmitteln sehr
nahe kommt. Die Schwelle für Eingriffe in dieses Rechtsgut liegt daher heute
sehr viel höher, als dies vor drei, fünf oder zehn Jahren der Fall gewesen ist.
Ein Vorschlag, bei wiederholten Verletzungen des Urheberrechts den Netzzugang
zu sperren, wäre vor zehn Jahren vielleicht noch diskussionswürdig gewesen: Aus
heutiger Sicht ist er schlicht unverhältnismäßig.“

„Siegfried Kauder hat
Internetsperren angekündigt für User, die wiederholt das Urheberrecht
verletzen. Alles, was unsere Politiker über Jahre aufgebaut haben, ist
gefährdet. Kurz entschlossen tweete ich: „Kauder-Strikes geht gar nicht: Wer
Bücher klaut, ist kriminell, aber man nimmt ihm nicht die Lesebrille weg.““

„Das Aufkommen der
Piratenpartei zum jetzigen Zeitpunkt wirkt wie ein Fanal. Man spürt, daß eine
Entwicklung in Gang kommt, wie es sie in der stabilen deutschen Nachkriegsdemokratie
nur alle zwanzig bis dreißig Jahre gegeben hat. (...) Die Piraten sind junge
Leute voller Ideale, die die Welt zum Besseren verändern wollen...“

Also sprach der Parlamentarische Geschäftsführer der
CDU/CSU-Bundestagsfraktion.

Schon bitter, wenn sich die Cheflobbyisten der deutschen
Musikindustrie, Gorny und Chung, ausgerechnet von einem CDU-Politiker
attestieren lassen müssen, daß sie ungefähr zehn Jahre hinter der Entwicklung
herhinken...

Was ich an den Ideologen und Polemikern des Hardcore-Copyrights
nie verstanden habe: Lobbyismus versucht doch gemeinhin, die Politik in eine
bestimmte Richtung zu bewegen. Wenn man aber so eisern wie blind an einer
ewiggestrigen Position festhält und mit ideologischem Eifer und dumpfester
Polemik für sie kämpft, ist man doch eigentlich als Lobbyist nicht zu
gebrauchen. In welcher politischen Konstellation wollen BVMI, VUT und ihr
embedded journalism denn ein verschärftes Urheberrecht und grundgesetzwidrigen
Internet-Entzug nach Sarkozy-Vorbild hierzulande umsetzen? Mit FDP und Grünen
dürfte das nicht zu machen sein, selbst mit der SPD nicht. Und nun hat sogar
die CDU das Internet begriffen. Vielleicht wären die Verbände gut beraten, das
umzusetzen, was hinter vorgehaltener Hand etliche Mitglieder und Funktionäre in
den Verbänden schon lange fordern – man verschiebe die gescheiterten
Topfunktionäre aufs Abstellgleis (wo sie gesellschaftlich ohnedies schon lange
vor sich hin kau(d)ern...) und wähle sich offene, moderne neue Vertreter, die
die Musikindustrie tatsächlich erneuern könnten und als Gesprächspartner für
die Politik endlich wieder ernstgenommen werden würden.

* * *

Was haben Medien und Bevölkerung sich vor ein paar Jahren
über die US-amerikanischen Wahlen, speziell im Bundesstaat Florida, lustig
gemacht und von afrikanischen Verhältnissen gelästert. Si tacuisses...

Im September 2011 hat das Land Berlin versucht, eine Wahl
durchzuführen. Bereits im Vorfeld gab es Probleme – wer Briefwahlunterlagen
beantragt hatte, der hatte nicht selten Probleme, seine Unterlagen rechtzeitig
zu erhalten – der Autor dieser Zeilen etwa wollte rechtzeitig vor seinem Urlaub
zur Briefwahl schreiten, doch die Unterlagen kamen nicht – sie wurden vom
damals noch rot-roten Senat (zur Erinnerung: das sind die beiden Parteien, die
in ihren Programmen Mindestlöhne fordern...) per privatem Briefdienst
zugestellt und kamen entsprechend häufig nicht an – ein Anruf beim Wahlbüro
Mitte ergab, daß dies beileibe kein Einzelfall war, sondern daß es etliche
Beschwerden gab – mal wurden die Wahlunterlagen gar nicht zugestellt, dann
kamen sie als „unzustellbar“ ans Wahlamt zurück, obwohl die Adresse korrekt war
– Probleme über Probleme (zur Erinnerung: die PIN AG gehört der Verlagsgruppe
Holtzbrinck; die im vergleich zur Deutschen Post günstigeren Portopreise wurden
in der Vergangenheit laut ver.di durch zu niedrige Einkommen der Zusteller
erkauft, die teilweise unter dem Existenzminimum lagen, viele Mitarbeiter waren
zur Aufstockung auf das staatliche Arbeitslosengeld II angewiesen; außerdem
wurden Betriebsräte nicht anerkannt und nicht zugelassen, und die PIN Group
versuchte, rechtmäßige Streikaktivitäten per Gerichtsbeschluß zu
unterbinden...). Mir sind einige andere Berliner BürgerInnen bekannt, deren
Wahlunterlagen nicht oder nicht rechtzeitig eintrafen und die daher an den
Wahlen gar nicht teilnehmen konnten.

Doch erst mit der Wahl selbst begann etwas, das die Berliner
Zeitung als „Auszählungsdebakel“ beschrieb. In den Tagen nach der Wahl „waren Wahlpannen bekannt geworden die man
eher aus Ländern mit weniger Demokratieerfahrung kennt. Briefwahlunterlagen
waren im Müll gelandet, es gab Auszählungsfehler, Ergebnisse wurden anderen
Parteien zugeschlagen – mit weitreichenden Folgen. Zweimal änderte sich nach
Feststellung des amtlichen Endergebnisses die Sitzverteilung im
Abgeordnetenhaus.“ Zustände wie in einer Bananenrepublik also.

In einzelnen Wahlbezirken wurde ganz offenbar falsch
ausgezählt, es gab mehrere Anträge darauf, wegen „Unstimmigkeiten“ diese
Wahlkreise nochmals auszuzählen – was laut Landeswahlleiterin nicht möglich
sei. In einem anderen Stimmbezirk waren mehr Stimmen abgegeben worden als
überhaupt Wähler erschienen waren. Außerdem waren laut eines SPD-Vertreters
„300 Briefwahlunterlagen nicht angekommen“, was niemandem aufgefallen sei. „Könne es nicht sein, daß irgendwo in einem
Mülleimer weitere 400 Briefwahlunterlagen liegen, die nie vermißt wurden, aber
mandatsentscheidend gewesen wären. Die Frage war nicht abschließend zu klären:
Auch die anwesenden Bezirkswahlleiter konnten das nicht ausschließen,“ so
die „Berliner Zeitung“. Am Ende haben von den fünf anwesenden Beisitzern des
Berliner Landeswahlausschusses nur zwei (CDU und Grüne), also die Minderheit,
dem fehlerbehafteten Endergebnis der Wahl zugestimmt – drei Beisitzer (2 SPD, 1
Linke) enthielten sich, der Beisitzer der FDP war nicht erschienen. Das
Endergebnis der Wahl ist damit amtlich...

* * *

Als Gewinner der Berliner Wahl gilt in der Öffentlichkeit
Bürgermeister Klaus Wowereit von der SPD, der Partei, die nach dem Verlust von
2,5% bei nur noch 28,3% liegt. Sowas reicht, um von der „roten Gurke“, Frau
Nahles (das ist die Frau, die vor Jahren eine halbe Stunde lang mal als
intellektuelles linkes Aushängeschild der SPD galt...), zum Kanzlerkandidaten
ausgerufen zu werden. Ein Politiker neuen Typs eben, dieser Klaus Wowereit, ein
Politiker, der in paar Jahrzehnten Politkarriere noch keine erinnerungswürdige
politische Idee geäußert hat. Ein Politiker, der für alles und damit eben für
nichts steht. Und der jetzt in einer Stadt, in der weniger als ein Viertel der
stimmabgebenden Wähler CDU und FDP gewählt haben, die Konservativen in die
Regierung holt.

In seiner Autobiographie (denn merke: wer nichts zu sagen
hat, schreibt heutzutage seine Autobiographie – Philip Lahm, Eva Padberg, Klaus
Wowereit und wie sie alle heißen, wegen denen unschuldige Wälder sterben
müssen) unter dem Titel „...und das ist auch gut so“ äußerte sich Wowereit über
die letzte Große Koalition in Berlin:

„Es war eine
verheerende Phase, für die Hauptstadt und für die Berliner Sozialdemokratie...
Die ganze Stadt funktionierte nach diesem Prinzip des aufgeregten Stillstands,
die IHK, die Sportverbände, die Kulturszene, die Wohlfahrt. Überall sorgte der
Proprz der beiden Parteien für Lähmung.“

Smarte Idee Wowereits, das, was er eine „verheerende Phase“
und „Lähmung“ nennt, nun ohne Not wieder als Koalition für Berlin einzugehen.

* * *

Wie hört sich das an, wenn ein deutscher Musikvideoanbieter
im Jahr 2011 Mitarbeiter sucht? So: „Du hast „Eier in der Hose“? media sales
manager @ tape.media (m(w) Du kannst verkaufen? Du hast keine Angst vor großen
Zahlen? Du hast ein großes Maul? Du erzählst gerne Geschichten? Du tanzt gern
auf allen Hochzeiten? Du findest Dich geil? Du willst fame, fun, cash? Für Dich
ist Musik ein Grundnahrungsmittel? Du bist außerdem noch „trinkfest“ und hast
vor allen Dingen eines: Eier! Bewirb
Dich jetzt!“ (Hervorhebungen im Original)

Gewissermaßen ein schöner neuer Klappentext zu Alain
Ehrenbergs „Das erschöpfte Selbst“. Die allgegenwärtige Erwartung „eigenverantwortlicher Selbstverwirklichung.
Damit hat das Projekt der Moderne, die Befreiung des Subjekts aus überkommenen
Bindungen und Traditionen, eine paradoxe Verkehrung erfahren. War die Neurose
die pathologische Signatur eines repressiven Kapitalismus, so ist die
Depression die Kehrseite einer kapitalistischen Gesellschaft, die das
authentische Selbst zur Produktivkraft macht und es bis zur Erschöpfung
fordert.“

* * *

Amazon schlägt mir auf Platz 71 meiner „Empfehlungsliste“
das Soloalbum von Thees Uhlmann vor, „weil Sie Mashup – Lob der Kopie (edition
suhrkamp) in ihren Einkaufswagen gelegt haben“.

Wo ist hier der „I like it!“-Button?!?

(unvergessen und abgeheftet übrigens, wie Thees Uhlmann,
betrunken, es mir bei einem Festival auf dem Salzburgring schriftlich gegeben
hat, daß ich von Musik keine Ahnung habe...)

* * *

„Geheimkonzert von Ich + Ich: Du kannst dabei sein!“,
schlagzeilt es ganzseitig aus „Prinz“. Muß ein sehr geheimes Konzert sein, wenn
es zwei Monate im Voraus ganzseitig in einer Zeitschrift angepriesen wird...

* * *

Äpfel und Birnen kann man doch vergleichen. Denn so geht
bürgerliche Presse: „Vom Kaffeetrinker zum Berliner Start-Up-Millionär“ heißt
es auf der Titelseite der „Berliner Zeitung“. Vom Konzertveranstalter zum Grüner
Tee-Trinker. Was Berlin eben an Karrieren bereithält.

* * *

Die hiesigen Klassik-Tonträgerfirmen sind regelmäßig nicht
mehr ganz bei Trost.

Jüngstes Beispiel: Seit 2006 hat das unbedingt
verehrungswürdige und geniale Artemis Quartett sämtliche Beethoven-Streichquartette
auf CD eingespielt – und es sind einige der besten Klassik-CDs überhaupt
entstanden, und die Konzerte mit den Beethoven-Quartetten waren schlicht
glücklich machend.

Doch „paradise doesn’t come without mistakes“: Mit den
Quartetten op. 18/3, 18/5 und 135 betrachtet das Artemis Quartett bzw. ihre
Plattenfirma „Virgin Classics“ die Aufnahme als beendet. Während die Quartette
op. 74 und op. 14.1 nicht als Einzel-CD erschienen sind. Wer also wirklich alle
16 Beethoven-Quartette, vom Artemis Quartett eingespielt, in seinem CD-Schrank
haben möchte, muß auf die gerade erschienene Kassette mit allen
Beethoven-Quartette zurückgreifen – op. 74 und op. 14.1 sind nur in der Box
erschienen.

Üble Geschäftemacherei!

Zumal mit dem Erscheinen der Box aller Beethoven-Quartette
die treuen Fans bestraft werden, die die sechs bisher erschienenen CDs des
Artemis Quartett einzeln zum im Klassikbereich üblichen Preis zwischen 15,99
und 19,99 Euro erworben haben – während die Gesamtbox mit 7 CDs bereits zum Preis
von 39,99 Euro erhältlich ist.

Eine Geschäftspolitik, die Kunden und Musikfreunde vor den
Kopf stößt. Und ich würde sagen: eine Geschäftspolitik, die sich die Kunden
merken werden. Wer soll denn noch teure Klassik-CDs kaufen, wenn kurze Zeit
später die gleichen CDs als Bestandteil von CD-Boxen für nur noch 5 bis 6 Euro,
also weniger als ein Drittel des Originalpreises, erhältlich sind oder sonstwie
verramscht werden?

* * *

Ein schönes Beispiel vorauseilenden Gehorsams gegenüber der
von der Tonträgerindustrie inszenierten Vermarktungsmaschinerie zeigte
ausgerechnet das sonst sehr geschätzte Feuilleton der „Berliner Zeitung“: auf
mehr als einer halben Seite durften sich dort Sido und Bushido über ihr
gemeinsames Album verbreiten, das zu dem Zeitpunkt weder erschienen war, noch
der Redaktion zum Hören vorlag.

Wie sagt Bushido in dem Interview? „Musik ist ungefähr 20 Prozent, und Geschäft ist 80 Prozent.“

* * *

Und was hat Rapper Bushido, dem wegen seiner Musik und
seines Verhaltens Schwulenfeindlichkeit, Frauenverachtung, Antisemitismus,
Antiamerikanismus und Jugendgefährdung vorgeworfen werden, der mehrfach zu
Schadensersatz wegen Urheberrechtsverletzungen verurteilt wurde und neben
seiner Tätigkeit in der Musikindustrie erfolgreicher Immobilienhändler ist, und
der sich ausgerechnet von der "FAZ" verarschen lassen muß, daß er mit
seinem neuen, mit Sido eingespielten Album "auch
einen FDP-Parteitag beschallen" 
könnte, was also hat Bushido ausgerechnet mit dem
„Grünen“-Bundespräsidentenkandidaten Gauck gemeinsam?

Nun, sowohl Bushido als auch Gauck machen sich über die
weltweiten Proteste gegen die Banken lustig. Bushido fühlt sich bei den
Anti-Banken-Protesten laut „FAZ“ an eine „bescheuerte
Facebook-Party“ erinnert, und fragt:
„Wogegen demonstrieren die Penner denn?“ Denn der Rapper hält Deutschland
für „eines der geilsten Länder der Welt“.

Das würde Gauck auch so denken, aber wohl geringfügig anders
formulieren. Die Proteste der Anti-Banken-Bewegung hält Gauck jedenfalls für
„unsäglich albern“. Was können wir froh sein, daß Grünen-Kandidaten bei einer
Bundespräsidentenwahl noch keine Mehrheit finden...

* * *

„Kreative verlangen
Reformen bei Urheberrecht“, heißt es bei „Musikwoche.de“.

Doch wo „Kreative“ draufsteht, ist meist „Industrie“ drin –
denn nicht etwa Künstler, Autoren und ihre Vertreter werden in dem Artikel
zitiert, sondern die Vertreter der Kulturindustrie: der Bundesverband
Musikindustrie, der Börsenverband des Deutschen Buchhandels, die GEMA, die
„Allianz Deutscher Produzenten – Film & Fernsehen“, ARD, ZDF usw. usf.

Die Arbeit- und Auftragsgeber der Kulturindustrie also
verlangen wieder einmal Reformen beim Urheberrecht – „kreativ“ ist daran nur
die Verdrehung der Tatsachen beim embedded journalism...

* * *

In einer der „NZZ“ beigelegten Zeitschrift namens
„Gentlemen’s Report – Das Magazin für Männer“, in der vornehmlich Artikel der
Art „Schweizer Qualitätsuhren müssen
nicht stinkteuer sein“ stehen, in dem eine günstige Mondphasenuhr für 8000
Franken oder eine Zweizonenuhr für nur 6000 Franken angeboten werden, finden
wir einen Artikel über „Gentlemen, on your bikes“, in der ein paar sich für
wenig zu schade seiende neureiche Männer sich und ihre Fahrräder selbst
inszenieren, in eitlen Posen und herausgeputzt vor ihrem Lieblingsfahrrad:

Ein „Urban-Art-Künstler
und Inhaber einer Agentur“ freut sich etwa über sein Fixie-Rad, das „ich individuell mit meiner Kunst verziert
habe“, ein „Betreiber einer
Biomarkthalle“ präsentiert „eines von
sechs Rennvelos, die ich besitze. Das exklusivste Exemplar kostet rund 17000
Franken.“ Ein „Inhaber eines
Outdoorladens“ spielt den englischen Lord: „Pashley ist eine englische Traditionsmarke, die alles von Hand und
noch wie in den dreißiger Jahren baut. (...) Meistens habe ich meinen Hund
dabei, der ebenfalls englischen Ursprungs ist und mit seinem schwarz-braunen
Fell sogar farblich ideal zu diesem Velo paßt.“

Wenn man dazu die posenden Jung- und Altmänner sieht, möchte
man vielleicht sagen „Die spinnen, die Schweizer!“ Aber Vorsicht: solche Typen
können euch auch in jedem hiesigen Manufaktum-Laden oder am Prenzlauer Berg
über den Weg laufen. Denn: „Die Deutschen
werden immer reicher. Das Geldvermögen (also nur Vermögen in Wertpapieren,
Versicherungen und auf Bankkonten, ohne Immobilienbesitz z.B., BS) ist
hierzulande trotz Finanzkrise so hoch wie nie und erreicht mit gut 60000 Euro
je Einwohner einen neuen Rekordwert“ (FAZ). Besonders interessant ist
übrigens, daß in den letzten 10 Jahren das Geldvermögen der reichsten 10% der
Deutschen von 189.750 auf 266.345 Euro gestiegen ist, und das der nächsten 10%
von 92.947 auf 130.467. Lediglich das Geldvermögen der ärmsten 10% der
Bundesbürger blieb gleich: 0 Euro.

* * *

Aus unserer Reihe „Unverlangte Künstlerangebote“:

„Herbsttournee 2012
mit Markus Wolfahrt & Band und Sie als Veranstalter?“, fragt die Email
eines mir unbekannten Anbieters. Nun folgten dem ersten Soloalbum des Künstlers
„außergewöhnlich viele Live und
Halbplayback-Auftritte“, und „um das
Ganze noch zu toppen, wird bereits im Frühjahr 2012 sein zweites Soloalbum
erscheinen“ – und gleichzeitig kann es die Firma, die „eine kleine Live-Hallentournee ins Leben rufen möchte“, „kaum erwarten in Planung zu gehen“ und
hält „natürlich Sonderkonditionen
inklusive Technik“ für mich bereit. Und das Programm wird eine „gelungene Mischung aus den zwei Soloalben“ sein
– was für eine brillante Idee!

Dennoch, leider: Herbsttournee 2012 ohne ich als
Veranstalter, ich danke Sie...

* * *

Wo auch immer Diktatoren Feste feiern, unsere Popstars sind
gerne dabei. Beyoncé, Lionel Ritchie, Mariah Carey oder Nelly Furtado spielten
für Millionengagen am Hofe Gaddafis auf. Nun lud der tschetschenische
Machthaber, „Brüderchen Diktator“
(„Spiegel“) Ramsan Kadyrow (35), zum Geburtstag, und alle kamen: Hilary Swank
trällerte ein Liedchen, Geigerin Vanessa Mae fiedelte, und unserer Heidi
„Katjes“ Klum ihr Seal sang ebenfalls für den tschetschenischen Präsidenten,
dem Verstrickungen in Auftragsmorde und Verschleppungen vorgeworfen werden.
Aber wie sagte Seal doch so schön per Twitter: „Ich bin Musiker und habe für die tschetschenischen Menschen Musik
gemacht. Ich würde es begrüßen, wenn ihr mich aus eurer Politik rauslaßt.“
Auf dem dazugehörigen Foto singt Seal inbrünstig vor tschetschenischen Menschen
– ganz zufällig steht er vor Präsident Kadyrow und seiner Regierungsmannschaft...
Weiter erklärt Seal per
Twitter: „I had a great time. It is
always interesting.g form e to play in countries I’ve never been to before.“

Vom deutschen Staatsfernsehen wurde zu der Geburtstagsshow
für den Diktator das MDR-Fernsehballett entsandt. Der MDR, der Skandale ja
länger schon als Teil seines Daseinszwecks begreift, teilte mit, es habe
lediglich „Bedenken in Sachen Sicherheit,
nicht aber in politischer Hinsicht“ gegeben. Amnesty International nimmt
sich mittlerweile des Vorfalls an und wird das MDR-Fernsehballett zu dem
Auftritt im tschetschenischen Fernsehen befragen (wenn Sie meine Meinung hören
wollen: Amnesty International sollte den MDR auch zu etlichen Fernsehsendungen
befragen, die unterhalb aller von Menschenrechten gefaßten Geschmacksschwellen
sind...).

Wenn Sie sich allerdings schon länger fragen, wie das
unterirdische Niveau des MDR zustande kommt, wird Sie interessieren, was im
Zuge der Recherchen des „Spiegel“ nun herauskam, nämlich: die deutschen
Bischöfe haben ihre Finger im Spiel! Das MDR-Fernsehballett gehört nur zum
Teil, nämlich zu 40%, dem MDR. 30% der Berliner Tanzgruppe gehören der Münchner
Firma Tellux. Und Gesellschafter dieser Firma wiederum sind neben einem Fürst
Georg von Waldburg zu Zeil „neun deutsche
Bistümer – vom Erzbischöflichen Stuhl zu Hamburg über die Erzdiözese Köln bis
zum Ordinariat des Erzbistums München-Freising“. Muß man sich auf der Zunge
zergehen lassen – erzreaktionäre deutsche Bischöfe befehlen dem
MDR-Fernsehballett „Beinchen hoch!“ – gerne auch mal für einen Diktator. Die
Investments deutscher Bischöfe werden natürlich durch Kirchensteuern bezahlt.

* * *

Der Repräsentant der "Deutschen Grammphon"
begrüßte die Besucher der "Yellow Lounge" mit Pierre-Laurent Aimard
unlängst im Berliner "Berghain" so: "Wie gerade auf Facebook zu
lesen war, feierte Franz Liszt seinen 200. Geburtstag"..

Wie gut, daß es Facebook gibt! Gerade, weil das bürgerliche
Feuilleton den runden Geburtstag des Komponisten ja flächendeckend verschlafen
hatte...

Allerdings: wie ich auf Google gelesen habe, soll Liszt in
der Zwischenzeit verstorben sein - kann also leider seinen 200. Geburtstag
nicht mehr feiern...

* * *

Und wenn die „Heilandisierung
von Steve Jobs“ (Wiglaf Droste) – obwohl, bei einem Buddhisten wie Jobs sollte
man vielleicht eher von Dalailamaisierung sprechen? – bei Medien und Publikum
endlich abgeschlossen ist, könnte man vielleicht darauf zu sprechen kommen, ob
Steve Jobs – ich weiß: de mortuis nil nisi bene... – wirklich ein
Weltverbesserer sondergleichen war und nicht einfach nur ein recht guter
Verkäufer. Die „iSklaven im
Apple-Imperium“ („Berliner Zeitung“) etwa werden eine etwas andere Sicht
der Dinge auf den Mann haben, der seine etliche Hunderte Euros teuren Produkte
in China von Arbeitern in Fabriken unter skandalösen Bedingungen
zusammenbasteln ließ – Arbeitsschutz gibt es keinen, Hunderte von Arbeitern
haben Gesundheitsschäden davongetragen, weil sie ungeschützt mit giftigen
Chemikalien hantieren mußten; es gibt Kinderarbeit; 13 Angestellte der Apple-Zulieferer
begingen Selbstmord und klagten in ihren Abschiedsbriefen über hohen Druck,
lange Arbeitszeiten, niedrige Bezahlung. Die Produktionsstandards der späteren
Designprodukte sind skandalös, und es ist nicht bekannt, daß Steve Jobs oder
irgend jemand sonst aus der Chefetage des Konzerns sich bemüht hätte, dies zu
ändern.

Gewiß, beim chinesischen Zulieferer Foxconn wird nicht nur
für Apple produziert, auch Sony und Nokia z.B. lassen dort herstellen. Wir
sprechen hier also eher von einem globalen Lifestyle, der für die Nutzer der
schicken und modernen Produkte etwas anders aussieht als für die Arbeiter, die
diese Produkte herstellen.

Ein systemisches Problem. Wir konsumieren Produkte, an deren
Hülle im schlimmsten Fall Blut klebt. In weniger schlimmen Fällen sprechen wir
einfach nur von normaler Ausbeutung. Die schicken, preiswerten H&M-Teile,
die die Apple-Nutzer in den Großstadt-WiFi-Cafes gerne tragen, während sie an
ihren mobilen Teilen herumfingern, werden zulasten der H&M-Produzenten und
-Beschäftigten hergestellt. Und der Kaffee in den Einwegbechern
(schätzungsweise werden jährlich ca. 23 Milliarden Einwegbecher weltweit
verkauft, wofür etwa 9,4 Millionen Bäume abgeholzt werden müssen) wird in der
Regel von Arbeitern in Kaffeeplantagen produziert, die einen Hungerlohn
erhalten. „Bauern verfüttern immer mehr
billiges Getreide an Schlachttiere, damit wir mehr teures Fleisch essen können;
außerdem nehmen die Agrarflächen zu, die der Produktion von Biosprit
vorbehalten sind, damit wir Auto fahren können, ohne Erdöl zu verbrennen. Das
Resultat: Die Preise der Grundnahrungsmittel haben sich zwischen 2006 und 2008
verdoppelt bis verdreifacht, in Afrika und Asien ist es zu Hungeraufständen
gekommen“ (Ian Morris). Die global agierenden Konzerne des Rohstoffhandels
maximieren mit raffinierten Tricks ihre Gewinne. Undundund.

Es ist eine Frage des Lifestyles. Eine Frage der Haltung und
des Bewußtseins. Reicht es, wahlweise als schulterzuckender
Trainingsjackenträger oder mit einem schwarzen (in Berlin produzierten, wie wir
erfahren durften) Steve-Jobs-Kaschmirpulli durchs Leben zu gehen, oder will man
bestimmte Dinge doch nicht akzeptieren, sondern sie ändern?

 (...dieser Rundbrief
wird auf einem Apple Computer geschrieben; man nennt das Dialektik, glaube ich...)

„Diese Gesellschaft
ist insofern obszön, als sie einen erstickenden Überfluß an Waren produziert
und schamlos zur Schau stellt, während sie draußen ihre Opfer der Lebenschancen
beraubt.“ (Herbert Marcuse, Versuch über die Befreiung)

„Für mich ist das ganz
klar. 1989 ist das Korrektiv weggebrochen. Bis dahin mußte das Kapital damit
rechnen, daß es möglicherweise eine Gesellschaftsform gibt, die besser ist.
Jetzt können sie alles bis zum Äußersten treiben. Das erkennt plötzlich sogar
Herr Schirrmacher. Irgendwie ist es frivol, daß sie so tun, als hätten sie es
entdeckt. Aber es zeigt auch, daß ihnen gar nichts anderes mehr übrig bleibt.
Sogar der Bundespräsident erkennt auf einmal, daß es falsch ist, wenn Gewinne
individualisiert und die riesigen Verluste sozialisiert werden. Das ist die
Systemfrage. Wahrscheinlich ist die Demokratie doch nicht das richtige
Gesellschaftssystem für den Kapitalismus. Was jetzt kommt, das wird Blut und
Dreck sein. Da war das, was bisher passiert ist, noch gar nichts.“ (Josef Bierbichler)

Denken Sie dran, wenn ihnen die Politiker von CDU, CSU, FDP,
SPD und Grünen, die gerade im Bundestag den fiesesten Hebelgesetzen zugestimmt
haben, wieder einmal weismachen wollen, es gebe keine Alternative... Wer Christ
ist, mag im November die zahlreichen herbstlichen Buß- und Bettage zum Anlaß
nehmen, Buße zu tun oder zu beten. Denn wer jetzt keine Bank ist, findet keine
mehr...

06.10.2011

Und Ansonsten 2011-10-06

05.09.2011

Und Ansonsten 2011-09-05

Den englischen Medien kann mans auch
nicht recht machen. Da hat das seit Thatcher neoliberalste System Europas die
meisten staatlichen Aufgaben und Besitztümer privatisiert, gewährt seinen
Bankern ungehemmten Profit auch in den schlimmsten Bankenkrisen und hat seine
Underdog-Jugendlichen seit Jahren und Jahrzehnten zu ungehemmtem Konsum als
Teil des „very british way of capitalism“ erzogen – und wenn diese Jugendlichen
dann statt für eine „Revolution“ eben nur für Playstations und Plasmafernseher
auf die Straße gehen und sich „ihren Teil“ nehmen, ist es auch wieder nicht
recht, und ein Sozialanthropologe wirft den Jugendlichen vor, daß sie das tun,
was ihnen das System eingetrichtert hat: „Indem die Jugendlichen vor allem
Geschäfte für Sportkleidung und Unterhaltungselektronik zu ihrem Ziel erklärt
haben und aus Kiosken Schnaps und Zigaretten haben mitgehen lassen,
demonstrieren sie zu gleichen Teilen hohlen Materialismus wie profunde
Fantasielosigkeit“, schreibt ein Ross Holloway in der „taz“. Als ob man
nicht bei jedem Spaziergang durch die Innenstadt Londons in den letzten Jahren
genau dies und nur dies angetroffen hätte: brutalsten „hohlen Materialismus und
profunde Fantasielosigkeit“...

Hohler Materialismus und profunde
Phantasielosigkeit, wie sie übrigens auch aus den bundesweit entstehenden und
entstandenen Einkaufszentren des Konzerns ECE spricht – eine Firma, die kaum
jemand kennen dürfte, die aber für die flächendeckende antidemokratische
Zurichtung unserer Innenstädte zu Kommerztempeln als Gegenpol zu öffentlichen
Orten verantwortlich zeichnet.

 * * *

Und was macht die linke Pop-Boheme
des Königreichs?

M.I.A. kündigte noch während der
Krawalle via Twitter an, in London zur Stärkung „Tee und Mars-Riegel“ an die
Randalierer verteilen zu wollen.

Tee und Mars-Riegel? Also Schokokram
eines weltweit berüchtigten Nahrungsmittel-Multis für die Londoner
Jugendlichen? So ist denen wohl kaum zu helfen... aber es bringt natürlich den
Stand des Popdiskurses im Jahr 2011 im Bereich „Radical Chic“ ganz hübsch auf den
Punkt.
 
* * *

Auch hierzulande scheinen die
Mächtigen nervös zu werden. Die deutsche Polizei warnt jedenfalls vor
„ähnlichen Unruhen wie in England“, das Geraune von der Möglichkeit derartiger
Gewaltausbrüche schweißt die Reihen zusammen.

Wobei, ob derartige Jugendunruhen
zum Beispiel in Neukölln wirklich nicht passieren können, dafür würde ich meine
Hand sozusagen nicht ins Feuer legen – wenn da mal ein ähnlicher Auslöser
„passiert“... Die neoliberale Zurichtung Berlins durch den rot-roten Senat
(„rot-rot“, das sind die beiden Parteien, die sich in ihren Programmen für
Bildung, für Mindestlöhne, für günstige Mieten und gegen die Privatisierung
öffentlichen Besitzes aussprechen) ist der britischen Politik nicht unähnlich:
die Mieten in Berlin explodieren längst, die Wohnungsbaugesellschaften wurden
vom Senat privatisiert und verlangen jetzt die höchstmöglichen Mieten, sozialer
Wohnungsbau wird in Berlin seit Jahrzehnten kaum mehr betrieben, die Mieten
sind, seit der rot-rote Senat regiert, um etwa 25% gestiegen, an Bildung
speziell in Wohngebieten von sozial Schwachen wird systematisch gespart, die
Löhne, die der rot-rote Senat etwa durch seine Zuschußbescheide im
Kulturbereich fixiert, betragen zwischen 3 und 5 Euro und reichen zum Leben in
Würde kaum aus – um nur ein paar Beispiele zu nennen. 

* * *

Die Inszenierung um das neue Buch
von Charlotte Roche ist ein hübsches Beispiel dafür, wie das bürgerliche
Feuilleton zu Teilen längst zur devoten Abspielstation für die
Vermarktungskampagnen der Kulturindustrie degradiert wurde. Noch bevor es
überhaupt erschienen ist, feiert der einseitige Feuilleton-Aufmacher in der
„FAZ“ das Buch, oder in der „Zeit“. Im „Spiegel“ darf Frau Roche auf sage und
schreibe sieben langen Seiten ihre Sicht der Dinge in einem Interview zum
besten geben. Vier Tage darauf reden Charlotte Roche und Jana Hensel im
„Zeitmagazin“ auf sechs Seiten über Sex. Und in der „FAZ“ ein zusätzliches
Interview mit Frau Roche über eine ganze Seite, in der die selbsterklärte
Feministin Sätze sagt wie „Ich interessiere mich für die Wünsche meines
Mannes, ich will ihn glücklich machen.“ Oder auch: „Nein, egal, wie viel
Geld ich habe, mein Mann soll bitte schön mehr haben.“ Oder sie berichtet
vom Tattoo auf ihrem Arm, wohin sie sich das Cover des Buches „Tiere essen“ von
Safran Foer hat tätowieren lassen: „Schon in meiner Jugend war ich mal
Vegetarierin. Das Tattoo soll jetzt dabei helfen, daß ich es auch bleibe. Ich
gucke alle böse an, die Fleisch essen. Da bin ich extrem moralisch. Außerdem
ist der Umweltfimmel auch für die Geschichte gut...“

Die Rolle der Analyse, der
Einordnung von künstlerischen Werken hat das bürgerliche Feuilleton an dieser
Stelle längst zugunsten ungeschminkter 1:1-Werbung zugunsten eines Produkts
aufgegeben – eine der wenigen substantiellen Analysen des Buches von Charlotte
Roche konnte man in der „Berliner Zeitung“ finden, ansonsten funktioniert
Feuilleton hier, wie wir es von weiten Teilen des Musikjournalismus längst
gewohnt sind, als der Kulturindustrie hörige, termingerechte und kritiklose
Abspielstation deren Produkte. Da können die Produkte der größte Scheiß sein,
Hauptsache, die Verwertungskette funktioniert...

* * *

Wobei die biedere „Zeit“ ja immer
wieder mal dadurch auffällt, komplett gaga zu sein. Da die „Zeit“ als
Printprodukt eben keine Fürstenhochzeit live übertragen kann, löst sie dieses
Problem auf ihre eigene Art – direkt hinter dem Sex-Gespräch der zwei biederen
Autorinnen kann man den Artikel „Prinzessinnenbad“ lesen – das „Zeitmagazin“
hat eine Elisabeth Prinzessin von Thurn und Taxis gebeten, über einen Besuch im
Kreuzberger Prinzenbad („Laufsteg, Kampfzone, Spielplatz und Sportstätte in
einem“) zu schreiben. Und das spießig-bürgerliche Publikum bekommt von der
Fürstentochter aufgetischt, wofür es bezahlt hat: „Ich erwarte Chaos,
Aggression, vielleicht sogar eine Messerstecherei wie im Kino“, blabert das
Fürstenfräulein am Eingang des Schwimmbads vor sich hin – das wäre natürlich
eine sehr schicke Abwechslung für das fürstliche Einerleileben, das die Dame in
London sonst lebt – wobei sie eine Messerstecherei und Aggression und Chaos
aktuell eher vor ihrer Londoner Haustüre finden könnte... Doch das
Fürstenfräulein plappert munter weiter, das Prinzenbad gleiche einem „Bürgerkriegsschauplatz“,
„so hieß es in einer seriösen Tageszeitung“ (sehr seriös fürwahr). Aber das
verwöhnte Fräulein zögert nicht: „Nun ja, ich bin in meinem Leben durch ein
paar unheimliche Ecken spaziert“, stellt sie sprachlich ein wenig gewagt
fest, „ich war in Nairobi und bin durch finstere Gassen in Neapel gestreift,
mein Portemonnaie im Stiefel versteckt“ (Aufständische und Diebe in den
dunklen Gassen und unheimlichen Ecken dieser Welt, habt ihr gelesen, wo ihr die
Besitztümer der Fürstenkinder finden könnt?...), also, was solls – „ein
bißchen mulmig ist mir zumute, als ich das Freibad betrete. Aber: es ist
durchaus ein guter Schauer. Spannung!“

Wenn Fürstenkinder sich ins Freibad
unter die Untertanen mischen und einen "guten Schauer" erleben, ist
heutzutage die bürgerliche Presse eben nicht nur einfach „dabei“, sondern läßt
die Adeligen aus erster Hand erzählen. Sie denken wohl, das sei investigativer
Journalismus...
 
* * *

Wenn man den Unterschied zwischen
deutschen und spanischen Fußballern auf den Punkt bringen möchte: der Dresdner
Pokalheld Robert Koch, zweifacher Torschütze beim Sieg des Zweitligisten über
Bayer Leverkusen, sagte die Einladung zum „Aktuellen Sportstudio“ ab, weil er
Karten für ein Open Air von Matthias „Verdammt, ich lieb dich“ Reim am gleichen
Abend hatte. Während der spanische Profi Javier Poves von Sporting Gijon
begründet, warum er „angewidert vom kapitalistischen Fußballsystem“
seine Karriere beendet und Geschichte studieren wird: „Je besser man den
Fußball kennenlernt, desto klarer sieht man, daß sich alles nur ums Geld dreht.
Das raubt dir alle Illusionen.“

 * * *

„Emihosting.com im Auftrag von PUR“
teilt mir mit: „PUR ist nominiert für die Goldene Henne 2011“. 
Recht geschiehts ihnen...

Demzufolge sind Pur bei „Deutschlands
größtem Publikumspreis“ nominiert in der Kategorie „Schlager, Rock, Pop &
Volksmusik“, und sie sind derart verzweifelt, daß sie sogar mich anflehen: „Wir
brauchen deine Hilfe! Bitte stimme für uns beim Voting und hilf uns dabei die
goldene Henne zu gewinnen!“

(Kommasetzung können sie also auch
nicht im PURen Abenteuerland...)

Dreimal dürften Sie raten, ob ich
mich habe erweichen lassen.
 
* * * 

Im letzten Rundbrief hatten wir über
junge Menschen gelästert, die im Ganzkörperhasenkostüm auf Festivals rumlaufen
(oder wahlweise als Elch, Biene oder Banane). Das ist alles jedoch kein Zufall,
sondern hat Methode, ist gewissermaßen systemisch, wie man heutzutage sagt:
Eine Schweizer Band beispielsweise verrät dieser Tage stolz, daß es ihr gelungen
ist, für ihr neuestes Video „mit Raphael Egli den Vizeweltmeister im
Rollschuhkunstlauf für den Dreh zu gewinnen und in ein Hasenkostüm zu stecken“.

Nun kann man sagen: besser
Hasenkostüm als die abgedroschene nationale Tabuwelle, die sonst gern gepflegt wird.
Das „kraftvolle Panzerballett (Jazz-Funk-Mathematik-Metall)“ etwa, „die
Rammstein des Jazz“ („Zeit“). 

* * * 

Es war nicht alles schlecht in der
DDR.

Nehmen Sie das Jodeln. Wie der
international anerkannten Fachzeitung für Jodeln im Systemvergleich, dem
„Hamburger Abendblatt“, zu entnehmen war, ist auf dem DDR-Gebiet ein „Hochleistungsjodeln“
mit eigenem Klang entwickelt worden, wogegen die Jodelei in der BRD nach 1961 „über
regionale Brauchtumspflege nicht hinauskam“ (woraus man auch eine echte
Benachteiligung der BRD durch den Mauerbau folgern könnte). Beim „Gesamtharzer
Jodelwettstreit“ jedenfalls siegte zum elften Mal ein Andreas Knopf aus dem
Ostharz, der mit den Worten zitiert wurde, Ostjodeln habe „einen wesentlich
höheren Schwierigkeitsgrad“ (zitiert nach „Konkret“).

Die Volksmusiksendungen des
DDR-Staatsfernsehens jedenfalls, so erinnere ich mich als ehemaliger Bewohner
des osthessischen „Zonenrandgebietes“, hatten unbestreitbar Weltniveau, wovon
der MDR noch heute zehrt, und wurde von der älteren Bevölkerung Ost- und
Nordhessens bevorzugt goutiert. Es wächst eben über kurz oder lang immer
zusammen, was zusammen gehört. 

* * * 

Meine Lieblingsschlagzeile des
letzten Monats sah ich bei „Musikwoche Online“:

„Gentleman und Wolfgang Niedecken
vereinen sich für Afrika.“

Das stellt man sich gern im Wortsinn
vor...
 
* * * 

Im Medienzirkus dieser Republik gilt
Nibelungentreue, wes’ Brot ich ess, des’ Lied ich sing. Der Fernsehmoderator
Jörg Thadeusz, dessen in ihrer Langeweile und Unoriginalität kaum zu
übertreffenden Sendungen im Staatsfernsehen laufen, singt in der Springerpresse
das hohe Lied aufs Staatsfernsehen, das ihm das Gnadenbrot gewährt.

Anders macht es Götz Aly – der
schreibt nicht mehr in der gleichgeschalteten Frankfurter Rundschau/Berliner
Zeitung. Warum? Weil die „Berliner Zeitung“ die Chuzpe besessen hatte, sein
jüngstes Buch negativ zu besprechen. Das ist die freie und unabhängige Presse,
die sie meinen.

 * * *

 „Spiegel Online“ erledigt in
einem hübschen Nebenhalbsatz eine zuvor vom embedded music journalism
hochgejubelte deutsche Nachwuchshoffnung: „...den von vielen Fans
bejubelten, aber komplett indiskutablen Auftritt des deutschen HipHop-Hypes
Casper mit seinen Emo-artigen Malle-Raps“...

 * * *

Es lohnt sich, die neueste
Untersuchung zur „Digitalen Content-Nutzung (DCN-Studie) näher zu betrachten,
die der Bundesverband Musikindustrie (BVMI) zusammen mit dem Börsenverein des
Buchhandels und der „Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen“
(GVU) bei der GfK bestellt hat. Angeblich nimmt die GfK-Studie „das
Download- und Kopierverhalten der Deutschen unter die Lupe“, so jedenfalls
das treue Branchenblatt „Musikwoche“ in gewohnter Kritiklosigkeit: „3,7
Millionen deutsche Internetnutzer haben 2010 Medieninhalte aus unlizenzierten
Quellen heruntergeladen. Das summierte sich auf 185 Millionen Songs, 46
Millionen Alben und sechs Millionen Hörbücher“, weiß die „Musikwoche“. Aber
woher weiß sie das? Nirgendwo in dem Artikel steht, wie  die GfK zu ihren
Ergebnissen gekommen ist, nämlich: sie hat ganze 10.000 Menschen befragt und
daraus die von den Auftraggebern, den Lobbygruppen der Kulturindustrie,
gewünschten Ergebnisse hochgerechnet, wie man beim anderen Branchenblatt, dem
„Musikmarkt“ erfährt. 10.000 Personen ab zehn Jahren wurden befragt, „repräsentativ
für 63,7 Millionen Deutsche“ – und schwupps, schon weiß man detaillierteste
Zahlen und kann aus dem vermeintlich konkreten Zahlenmaterial – das natürlich
doch nur phantasievoll hochgerechnet wurde – das herauslesen, was man schon
vorher sagen wollte: wo 3,7 Millionen Internetnutzer (hochgerechnet aus 10.000
Befragten, wohlgemerkt!) angeblich „auf illegale Medienangebote
zurückgreifen“, ist die Forderung natürlich klar: „Das hohe
Unrechtsbewußtsein und die Aussage dieser Gruppe zur Wirksamkeit von
sanktionierten Warnhinweisen sollten eine klare Handlungsanweisung an den
Gesetzgeber sein“ (BVMI-Geschäftsführer Drücke).

Man glaubt am liebsten die
Statistiken, die man selbst gefälscht hat...

Dumm nur, daß der „Spiegel“ am
gleichen Tag die Ergebnisse der Branchenstudie als „fragwürdig“ in der
Luft zerreißt: Laut „Spiegel Online“ „scheinen die Branchenverbände bei der
Interpretation der Daten deutlich über das Ziel hinausgeschossen zu sein“.
Der Studie zufolge wurden etwa von 23 Millionen E-Books rund 14 Millionen nicht
bei legalen Anbietern heruntergeladen. Als Quellen gaben die Befragten etwa
Tauschbörsen, private Websites oder Foren an. „Branchenkenner gehen davon
aus, daß es sich mehrheitlich um Fachliteratur – etwa medizinische Lehrbücher
großer Fachverlage – handeln dürfte. In diesem Fall wäre der digitale
Bücherklau wohl in erster Linie ein Studentenphänomen – früher wurden teure
Fachbücher kopiert und geheftet, heute saugt man sich eine Datenkopie aus dem
Netz“.

Ein noch größeres Bubenstück
unterläuft den Copyright-Fans der Lobbyistenverbände der Kulturindustrie bei
der generellen Einordnung der Ergebnisse der Studie. Die GfK nämlich erwähnt
den Begriff „illegal“ in ihrer Auswertung an keiner Stelle – „wir führen da
keine Wertung durch“, erklärte ein GfK-Sprecher dem „Spiegel“. Die
Lobbyistenverbände werteten dagegen einfach die meisten Downloads, die nicht
„kostenpflichtig“ waren, einfach als „illegal“, wenn die Befragten als Quellen „Tauschbörsen
/ Sharehoster / private Websites / Blogs / Foren / ftp-Server / Newsgroups“
angegeben hatten. „Dabei gibt es selbstverständlich gewaltige Mengen an
völlig legalen Buch-Downloads in PDF, ePub oder in anderen Formaten. Allein das
deutschsprachige Projekt Gutenberg enthält über 5500 Romane, Erzählungen,
Novellen, Dramen, Gedichte und Sachbücher in deutscher Sprache von über 1200
Autoren – alle gemeinfrei und damit kostenlos verfügbar“, stellt „Spiegel
Online“ fest, und verweist darauf, daß auch etliche Autoren ihre eigenen Werke
kostenlos als PDF anbieten – die Verbände haben derartige Downloads einfach als
„illegal“ interpretiert, um ihre Horrormärchen von Online-Diebstählen zu
untermauern: „Die Branchenverbände rechnen sich arm“, faßt „Spiegel
Online“ das Münchhausen-Bubenstück der deutschen Musik- und Buchindustrie
zusammen.

Wir sind gespannt, welche Märchen
uns die Verwertungsindustrie als nächstes auftischt, um die Politik zu ihren
Gunsten zu beeinflussen. Und ob die Branchenmagazine sich endlich zu einer
kritischen Berichterstattung bereitfinden, oder diese weiter branchenfernen
Medien überlassen. 

* * * 

20 Jahre World Wide Web – und in der
„Berliner Zeitung“ waren neben einem lesenswerten Aufsatz von Peter Glaser ein
paar hübsche Einschätzungen von „Experten“ zum Internet zu lesen:

„Internet ist nur ein Hype.“ (Bill Gates, 1995)

„Das Internet ist eine Spielerei für
Computerfreaks, wir sehen darin keine Zukunft.“ (Ron Sommer, Telekom-Chef, 1990)

„Wir haben das Internet als
interaktives Medium überschätzt.“ (Dieter Gorny, 2002) 

* * * 

Ein Selbstmordattentäter zündet im
Münchner Polizeiruf 110 der ARD eine Bombe – und was da zu sehen ist, ist dem
Staatsfernsehen zu gewagt, und die Jugendschützer sorgen dafür, daß diese Folge
des Polizeirufs im September nicht am Sonntagabend zur gewohnten Zeit, sondern
am Freitag um 22 Uhr zu sehen sein wird.

Dabei übt das Fernsehen seine größte
Gewalt durch die Orgien seiner Verblödungsmaschinerie zu besten kindgerechten
Zeiten aus – man betrachte etwa mal Sonntagmittags die Dumpfsendungen
„ZDF-Fernsehgarten“ oder auf ARD „Immer wieder sonntags“, und man weiß, daß
Schmerzensgeldklagen gegen das Staatsfernsehen sehr aussichtsreich sein
dürften... 

* * * 

Dafür nahm der RBB seinen Bildungs-
und Kulturauftrag wahr und übertrug am 27.8. die „Hohenzollern-Hochzeit“
eines „Georg Friedrich Prinz von Preußen“ und einer „Sophie Prinzessin von
Isenburg“ drei Stunden lang live aus Potsdam. Abends gab es zu bester Sendezeit
eine Zusammenfassung, gefolgt von einer „Doku“ zum 85. Geburtstag der Queen,
„Happy Birthday, Queen Elizabeth“.

Das Staatsfernsehen schafft sich als
Adels- und Yellow-TV selbst ab. Wofür zahlen wir unsere Gebühren? Hab ich
vergessen... 

* * * 

Und um noch kurz im Jammertal des
deutschen Staatsfernsehens und seiner Talkshowplage zu bleiben: Was denken Sie,
wie sich Dampfplauderin Anne Will auf ihre neue Talkshow vorbereitet? „Ich
habe mir zum Beispiel vorgenommen, künftig mehr Illustrierte zu lesen und nicht
nur die Politik- und Wirtschaftsseiten durchzupflügen. Mir geht es um
Inspiration. Deshalb will ich auch wieder mehr ins sogenannte wahre Leben
eintauchen.“

Talkshow als Fortsetzung von „Bunte“
und „Gala“ mit anderen Mitteln. Darauf haben wir gewartet. Und da soll man
nicht zum Kulturpessimisten werden... 

* * * 

„Im Haus der Kulturen der Welt ging
am Sonnabend das WasserMusik-Festival zu Ende, das zum vierten Mal
internationale Musiker versammelte, deren Namen man in der Regel noch nicht
gehört hat“, berichtet
die „Berliner Zeitung“.

Unter den Namen, die die
Feuilleton-Berichterstatterin der Zeitung „in der Regel noch nicht gehört hat“,
waren zum Beispiel Khaled, Giant Sand oder Amadou & Mariam...

 * * *

Es gibt ja Leute, die halten Günter
Grass wegen zweieinhalb zugegeben ganz gelungener Seiten zu Beginn der
„Blechtrommel“ für einen großen deutschen Schriftsteller. Ich denke, diese
Leute fallen nur auf die Selbstinszenierung Grassens als Großschriftsteller
herein – ich führe jederzeit den „Butt“, die „Rättin“ oder „Ein weites Feld“
an, um zu beweisen, daß Grass vor allem eines ist: langweilig. Überschätzt. Wer
deutsche Literatur des letzten Jahrhunderts lesen will, der greife gefälligst
zu Peter Hacks.

Aber das wäre alles nicht der Rede
wert. Interessant ist, daß Grassens Neigung, in alle bereitstehenden Fettnäpfchen
zu trampeln, mit zunehmendem Alter drastisch steigt. Und wie bei so vielen
ehedem „linken“ Feuilleton-Machthabern (nun gut, Grass war nur
Sozialdemokrat...) zeigt sich bei Grass ein Phänomen, das systemimmanent zu
sein scheint: sie schwätzen in jungen Jahren mal kurz links daher, um dann so
rasch wie möglich ihr wahres Gesicht zu zeigen und durch die Gedärme der
herrschenden Meinung nach oben zu kriechen, dann auch äußerlich, was sie
innerlich schon längst waren: braun eben.

Nehmen Sie Grass, der über
Jahrzehnte quasi vergessen hat, seinen Lesern mitzuteilen, daß er sich mit 15
Jahren freiwillig bei Hitlers Wehrmacht meldete und im letzten Kriegsjahr
Mitglied der Waffen-SS war. Der „plötzlich“ Bücher über untergehende
Vertriebene schreibt und in der israelischen Zeitung „Haaretz“ behauptet, sechs
Millionen Deutsche seien im Zweiten Weltkrieg von den „Sowjets liquidiert
worden“. „Sechs Millionen“? Da war doch was? Es ist so ekelhaft wie erbärmlich.
 
* * *

Demokratie, die sie meinen:
Demonstrationen gegen den Papstbesuch in Deutschland stoßen bei den Behörden
auf Widerstand. Die Berliner Versammlungsbehörde etwa verbietet wegen
angeblicher „Sicherheitsbedenken“ den Start einer „Karawane zum Papst“ am
Brandenburger Tor. Auch die Freiburger Stadtverwaltung sowie die Behörden in
Erfurt haben beantragte Demonstrationen und Infostände bislang nicht genehmigt.

Meinungsfreiheit? Hierzulande nur in
den Grenzen, die die Regierenden festsetzen. 

* * *

Der geniale US-amerikanische Autor
David Simon („The Wire“, „Treme“, „Homicide“) sagt voraus: „Bald werden die
ersten Steine in Städten wie Cleveland fliegen; ein Aufstand naht.“

Nutzen Sie die Zeit. Demonstrieren
Sie. Leisten Sie Widerstand. Zahlen Sie Ihre GEZ-Gebühren nicht. Tun Sie etwas
Verrücktes. Seien Sie dabei, wenn der „heimliche Aufstand“ naht... 

06.08.2011

Und Ansonsten 2011-08-06

Wie den Medien zu entnehmen war,
zieht Ex-Minister von und zu Guttenberg für ein Jahr in die USA und plant, dort
ein Buch abzuschreiben.

* * *

Die Nutzer von
Video-on-demand-Seiten gehen weit häufiger ins Kino als der Durchschnitt –
Leute die sich im kostenlosen Internet auf Video- und Filmplattformen
rumtreiben, kaufen teurere Kinokarten, kaufen mehr DVDs und lassen insgesamt
viel mehr Geld bei der Filmbranche. Die Leute nutzen die von der Filmindustrie
verteufelten Webseiten keineswegs nur als Kinoersatz, sondern genau umgekehrt,
als zusätzliche Anregung.

Die Klügeren unter Ihnen werden
jetzt sagen: „Logisch, wußten wir schon lange, was soll das?“ Gewiß doch. Neu
ist allerdings, daß dies die Ergebnisse einer Studie der Gesellschaft für Konsumforschung,
GfK, sind, die üblicherweise „ein treuer Diener ihrer Auftraggeber“
(„Berliner Zeitung“) ist. In der „FAZ“ und kurz danach auch in der „Berliner
Zeitung“ war nun von dieser Studie zu lesen, die ein ziemlicher Schlag ist für
die von der Verwertungsindustrie krampfhaft aufrecht erhaltenen Legende von den
„gierigen Web-Usern mit Umsonst-Mentalität, die den Verleihern, Kinobetreibern
und DVD-Händlern Millionenschäden bescheren“ („Berliner Zeitung“). Die Studie „widerspricht
der Piratenhetze der Filmindustrie“ („FAZ“).

Insofern erscheint es nur logisch,
daß die Studie krampfhaft unter Verschluß gehalten wird – es darf bekanntlich
ja nicht sein, was nicht sein darf – wenn die Wahrheit ans Tageslicht käme,
noch dazu veröffentlicht von einer industriefreundlichen Institution, dann
würde das von der Verwertungsindustrie mühsam konstruierte Märchen vom
Feindbild Film- (und Musik-)Pirat wie ein Kartenhaus zusammenbrechen, und die
Scharfmacher der öffentlichen Debatte stünden plötzlich reichlich nackt da.

Dumm nur, daß die Ergebnisse der
Studie nun im Feuilleton von „FAZ“ und „Berliner Zeitung“ standen. Und klar
natürlich, daß diese Ergebnisse vom „embedded music journalism“ a la Musikwoche
totgeschwiegen werden, wo sonst jeder Furz, den Gorny und Konsorten lassen,
eifrig abgedruckt wird...

 * * *

 Just an dem Sonntag, an dem
die „FAS“ auf ihrer Titelseite meldete „Saudi-Arabien unterstützt Salafisten in
Deutschland“, titelte wenig später „Spiegel Online“: „Waffen-Deal:
Deutschland will Saudi-Arabien Kampfpanzer liefern“.

Die radikalislamistische Bewegung
der Salafisten, die laut Bundesinnenminister Friedrich „eine völlige
Umgestaltung des Staates und der Gesellschaft anstreben“, hat in Deutschland
derzeit laut „FAS“ 2500 Anhänger, mit stark steigender Tendenz. Laut des von
der „FAS“ zitierten Verfassungsschutzberichts 2010 sind „fast ausnahmslos
alle Personen, die den Dschihad befürworten, durch den Salafismus geprägt“.
Ein Benno Köpfer, „Islamwissenschaftler beim baden-württembergischen
Verfassungsschutz“, stellt fest: „Die salafistische Bewegung in Deutschland
wäre ohne den saudischen Einfluß niemals so groß geworden, Saudi Arabien gibt
dafür sehr viel Geld aus“.

Der Scharia-Staat Saudi-Arabien, in
dem die Todesstrafe u.a. mittels Schwerthieb oder öffentlicher Steinigung
praktiziert wird, möchte nun bis zu 200 Leopard-Panzer von Deutschland kaufen,
der Bundessicherheitsrat (in dem u.a. Kanzlerin, Verteidigungs- und
Außenminister sitzen) hat den Export gebilligt. Der Leopard-Panzer ist
besonders geeignet, Demonstranten einzuschüchtern und Barrikaden aus dem Weg zu
räumen. Der „arabische Frühling“ in Bahrein war mit Hilfe saudischen Militärs
blutig niedergeschlagen worden... Doch wer, wie SPD-Nahles oder die „grüne
Gurke“ Roth, sich jetzt moralisch entrüstet, sollte besser schweigen – die
Bundesrepublik ist traditionell eines der Zulieferländer des „terroristischen
Gottesstaates“ (Hermann L. Gremliza) im Rüstungsbereich, auch die rotgrüne
Bundesregierung gestattete beispielsweise den Export von Schießanlagen, Maschinenpistolen,
Maschinenkanonen für Flugzeuge oder Ersatzteile für die Tornados, die man
Saudi-Arabien bereits zuvor geliefert hatte – und auch zu rot-grünen Zeiten lag
Saudi-Arabien bereits „mitten in einem Pulverfaß“, wie sich Frau Nahles heute
echauffiert.

Laut SIPRI, dem Stockholmer
Friedensforschungsinstitut, ist Deutschland in den Jahren von 1998 bis 2009
(zur Erinnerung: das war zum größeren Teil der Zeitraum, in dem die rot-grüne
Regierung neue „politische Grundsätze“ für den Waffenexport erlassen hatte, in
denen es heißt, daß die „Rüstungsexportpolitik restriktiv gestaltet“ werde...)
vom fünft- zum drittgrößten Rüstungsexporteur der Welt aufgestiegen.

Und auch eine andere Zahl ist
aufschlußreich: Zwischen 2006 und 2010 war laut SIPRI – man höre und staune –
Griechenland mit einem Anteil von 15% der wichtigste Abnehmer deutscher
Rüstungsexporte (noch vor Südafrika, der Türkei und Südkorea). Vor zehn Jahren
hat Deutschland Griechenland z.B. dazu gebracht, für 4,9 Milliarden Euro 60
Eurofighter zu bestellen, und „noch vor einem Jahr hat Außenminister
Westerwelle in Athen auf der Abwicklung dieses Geschäfts bestanden“
(Gremliza) – eben: „Griechenland ersäuft in Schulden ja nicht wegen der
Faulheit seiner Bewohner und der Bequemlichkeit seiner Amtsträger, sondern weil
deutsche und französische Unternehmen, Banken und, in deren Auftrag, Politiker
sich mit von Anfang an faulen Krediten den dortigen Markt für deutsche Exporte
erobert haben“ (Gremliza im August-Heft von „konkret“).

Friedens- und Menschenrechts-, vor
allem aber Wirtschaftspolitik, die sie meinen. Die Rüstungslobby-Politik der
Bundeskanzlerin allerdings ist systemisch, hat Methode. Nur eine Woche darauf
reiste Frau Merkel nach Afrika, um u.a. in Angola deutsche Rüstungsgüter
anzupreisen, etwa Patrouillenboote: „Wir würden Ihnen auch gern helfen bei
Ihren Verteidigungsanstrengungen, zum Beispiel bei der Ertüchtigung der
Marine“, so Merkel laut „taz“ bei Ihrer Ansprache in Luanda, der Hauptstadt
des an Erdölvorkommen so reichen Staates, der über eine der stärksten Armeen
des Kontinents verfügt und z.B. im Kongo mehrfach militärisch eingegriffen hat.

Wer angesichts des Atomausstieges
schon gedacht hatte, die Bundeskanzlerin sei irgendwie doch ganz o.k., sieht
sich eines Schlechteren belehrt: So, wie die Kanzlerin noch letztes Jahr der
Atomlobby in den Hintern kroch und die Laufzeiten der bundesdeutschen
Atomkraftwerke auf deren Wunsch hin verlängerte, so ist Angola Merkel aktuell
gerne auch Handlangerin der deutschen Rüstungslobby, die weltweit allüberall
ihre Finger im Dreck stecken hat.

 * * *

Gut würde in den saudi-arabischen
Schariastaat, in dem Homosexualität strengstens verboten ist und sogar mit der
Todesstrafe geahndet werden kann, auch der Kölner Kardinal Meißner passen, der
gerade einen Religionslehrer gefeuert hat, weil der „im Gegensatz zur
Amtskirche offen schwul ist“ (wie Küppersbusch süffisant in der „taz“
geschrieben hat). In der Amtskirche ist halt nur gewöhnlicher Kindesmißbrauch
opportun. Kardinal Meißner jedenfalls findet, man solle sich weniger „um die
sogenannte Energiewende kümmern“, denn „die Abtreibung ist der Super-GAU“...

 * * *

Einen Tafelspitz zubereitet auf Otto
von Habsburg. Mit viel frisch geriebenem Meerrettich, damit man nicht mehr
wußte, wovon einem die Augen mehr tränten – von der österreichisch-kaiserlichen
Beerdigungszeremonie inklusive Stephansdom und Anklopfen an der Kapuzinergruft
– oder von der sechsstündigen Liveübertragung im
deutsch-österreichisch-schweizerischen Kultur(!)kanal 3sat – oder eben doch vom
Meerrettich...

 * * *

Wenn das bei Burda („Bunte“)
erscheinende Kundenmagazin der deutschen Telekom für jüngere Menschen namens
„Electronic Beats“, dessen Chefredakteur seit Neuestem der ehemalige
Chefredakteur von „Spex“ ist, im Impressum der aktuellen Ausgabe, unterhalb von
„...is printed on recycled paper“ und „Electronic Beats Magazine is a division
of the Telekom Electronic Beats Music Sponsoring Program“, „Freedom for Ai
Weiwei“, für den wegen Steuerhinterziehung angeklagten und von bundesdeutschen
und Schweizer Rechtspopulisten unterstützen chinesischen Künstler also,
fordert, dann spricht das Magazin letztlich irgendwo auch pro domo seines
Geldgebers Telekom, denn der ehemalige Aufsichtsratschef der Deutschen Telekom,
Klaus Zumwinkel, zu dessen Amtszeit der Konzern Dutzende Mitarbeiter,
Gewerkschafter und Betriebsräte bespitzeln ließ, wurde wegen
Steuerhinterziehung in Millionenhöhe zu zwei Jahren Freiheitsstrafe auf
Bewährung verurteilt – ein Urteil, das die „Spiegel“-Gerichtsreporterin Gisela
Friedrichsen als „abgekartetes Spiel“ bezeichnete – vermögende Angeklagte
könnten sich „ein Urteil nach ihrem Gusto gestalten“.

In der gleichen Ausgabe der
„Electronic Beats“, wünscht sich Dieter Meier die Zusammenarbeit von Dalai
Lama, Jürgen Habermas und Noam Chomsky: „I hope they would venture beyond
conventional critiques of capitalism to help find solutions for a better use of
human intelligence“.

Wie schön, daß sich immer, aber auch
wirklich immer eins zum anderen fügt.

Und wer sich wundert, was ein
mehrseitiges Gespräch mit Ai Weiwei in der Telekom-Sponsoring-Zeitschrift für
„Electric Beats“ zu suchen hat, dem wird ein ganzseitiges Foto geliefert, das
Ai Weiwei mit einem Smartphone der kalifornischen Sekte zeigt – seinem AiPhone
gewissermaßen.

* * *

Ein anderer Fan des Dalai Lama ist
US-Präsident Obama. Er empfing Herrn Tendzin zu einem 45minütigem
Gedankenaustausch im eigentlich ausländischen Staatspräsidenten vorbehaltenen
Raum des Weißen Hauses.

Was aber trieb Herr Tendzin, der
sich auch Dalai Lama nennt, in Washington, wenn er nicht beim US-Präsidenten
Tee trank? Er führte im Verizon Center (immer diese Telefonfirmen!) den Vorsitz
über ein Mysterienspektakel namens „Kalachakra-Tantra“, das laut „Junge Welt“
versprach, die ganze Welt in einen „Hort des Mitgefühls und der Güte“ zu
verwandeln. Wer sich nicht so recht etwas unter dem Begriff Kalachakra-Tantra
vorstellen kann (sowas solls ja geben): die etwa 20.000 Teilnehmer führen
kollektiv und nach genauer Maßgabe rituelle Verbeugungen, Niederwerfungen und Opferungen
durch, begleitet von Mantrarezitationen: „Om vajra-raksha, ham, om
vajra-ushnisha hum“. An den Nachmittagen sind Vorträge von Herrn Tendzin zu
Themen wie Karma, Wiedergeburt, korrektem Sexualverhalten (dringlichst sei jede
Ejakulation zu vermeiden, so der Dalai Lama) oder Astrologie zu hören.

Wer das gesamte elftägige Ritual
durchlaufe, erwerbe die Berechtigung, als „Shambhala-Krieger“ wiedergeboren zu
werden, so der Dalai Lama, und nehme an einem für das Jahr 2424 prophezeiten
apokalyptischen Endkampf um die buddhokratische Weltherrschaft teil, in dem
alle Feinde vernichtend geschlagen werden; Feldherr dieses Endkampfes werde
kein anderer als der Dalai Lama sein.

Glauben Sie jetzt nicht? Ich
fürchte, ist aber wahr, jedenfalls wird all dies aus Washington D.C. so
berichtet. Tschah.

Was allerdings unklar bleibt, ist
zweierlei – plant Obama, 2424 am Endkampf des Dalai Lama teilzunehmen? Und:
warum regen sich die Chinesen so auf, daß der durchgeknallte Herr Tendzin
seinen Blödsinn 45 Minuten lang dem US-Präsidenten vortragen durfte?

Laßt ihn doch reden...

* * *

Amüsant, wie in der bürgerlichen
Presse der SPD-Politiker Steinbrück kontinuierlich als Kanzlerkandidat
herbeigeredet wird. Klar, die Deutschen lieben das „Schneidige“, unser
Guttenberg ist weg, unser Schmidt ist alt und bei der „Zeit“, also wird ein
neuer Tabubrecher, der das „klare Wort“ liebt, benötigt und flugs inszeniert –
und Steinbrück macht das Spiel geschmeichelt mit. Der SPD-Politiker wird uns
derzeit bevorzugt als Wirtschafts- und Finanzexperte ans Herz gelegt. Sie
wissen schon, Finanzexperten sind die, die keine Ahnung haben, deren Prognosen
seltener zutreffen als die eines Schimpansen, der mit Darts auf die Wand wirft,
die aber ihren Blödsinn jederzeit in den Talkshows des öffentlich-rechtlichen
Fernsehens aufsagen dürfen, ohne daß irgendjemand sie jemals mit dem
konfrontieren würde, was sie vor paar Wochen, Monaten oder Jahren so von sich
gegeben haben.

Steinbrück, der Wirtschafts- und
Finanzexperte zum Beispiel, war der Finanzminister, der noch zehn Tage, bevor
deutsche Banken vor dem Aus standen, behauptet hatte, die Bankenkrise sei auf
die USA beschränkt und spiele für die deutsche Wirtschaft und für die deutsche
Haushaltspolitik keine Rolle. Ein echter Experte eben.

* * *

Ganz so wie die
„Terrorismus-Experten“ bzw. „Terror-Experten“ (so im ZDF) aller deutscher
Fernsehsender, ob öffentlich-rechtlich oder privat, die am Tag der norwegischen
Attentate das deutsche Fernsehpublikum stundenlang mit Mutmaßungen
unterhielten, es sei zwar „noch nichts klar“, die Attentate seien aber
eindeutig entweder von Al Qaida oder ganz allgemein von Islamisten verübt
worden. Oder sie seien ein Racheakt von Gaddafi.

Am Tag darauf durfte man die zum
Teil gleichen „Experten“ bestaunen, wie sie mit größter Selbstverständlichkeit
das Gedankengebäude des rechtsextremen norwegischen Attentäters erklärten. Was
für eine Welt.

* * *

Für einen Tiefpunkt des sogenannten
„Journalismus“ im deutschen Staatsfernsehen sorgte ausgerechnet das
Kulturmagazin „aspekte“, das den „Salon-Nazi“ (Küppersbusch) Sarrazin von einer
einigermaßen hilflosen türkischstämmigen Journalistin durch Neukölln und
Kreuzberg begleiten ließ, wo der Sozialdemokrat seinen rassistischen Dumpfkram
aufsagen durfte. Und so sorgte „aspekte“ dafür, daß das fast schon vergessene
deutsche Thema „Sarrazin“ wieder durchs mediale Dorf geprügelt und allüberall
aufgewärmt wurde.

Wenn das der Journalismus des ZDF
ist, dann wünscht man sich fast, der Sender möge lieber jede erdenkliche
Prinzenhochzeit und jedes Adeligen-Begräbnis zeigen, das sich weltweit anbietet
– da können sie wenigstens nichts kaputtmachen und den kritischen Journalismus
praktizieren, den sie meinen.

* * *

Joachim Lottmann war für den
„Rolling Stone“ zu Besuch im grünen Milieu. Er brachte es an den Tag: Boris
Palmer, seit 2007 Oberbürgermeister von Tübingen, „hört gerne Dire Straits,
Police, Sting, BAP, Foreigner, Shakira und Anastacia. Mit Betonung auf Dire
Straits. (...) Palmer schwärmt von der schönen Frontfrau von Juli, seiner
Lieblingsband. Gelesen hat er wenig, eigentlich nur Perry Rhodan – alle 875
Folgen – und später „Der Schwarm“ von Frank Schätzing.“

Lottmann zieht das Fazit: „Boris
Palmer ist der grüne Obama. In Zukunft vielleicht Kanzlerkandidat. Er mag die
Dire Straits. Und Perry Rhodan. Wollen wir so einen? Klar.“

Zugegeben, wir sind vom
Musikgeschmack unserer Kanzler Kummer gewohnt. Schröder liebt die Scorpions,
Merkel fühlt sich irgendwie zwischen Leslie Mandoki und Richard Wagner hin und
hergezogen. Aber wollen wir einen grünen Kanzler, der Dire Straits, Juli und
BAP liebt und nur Perry Rhodan und Frank Schätzing liest? Ich würde sagen: eher
nein. Vielen Dank auch.

* * *

Manche Leserin und mancher Leser
dieses Rundbriefs wird es vielleicht wissen: der Autor ist in den 70er Jahren
in Oberbayern aufgewachsen, nicht allzuweit entfernt von der Stadt, die das
sogenannte Oktoberfest, die „Wiesn“, beheimatet.

In der Jugend des Verfassers war es
so ziemlich das Unmöglichste, Uncoolste, Unopportunste und Doofste, was man tun
konnte, aufs Oktoberfest zu gehen. Die Millionen, die sich zu dumpfer Blasmusik
ihr Leben mittels etlicher Maß Bier schöntranken, waren schwer zu ertragen –
wer etwas auf sich hielt, wer versuchte, ein Mensch von Geist und Geschmack zu
sein, der machte einen großen Bogen um die „Wiesn“ und sah statt dessen
Achternbuschs entlarvenden Film „Bierkampf“.

Tempora mutantur. Heutzutage gehen
die jungen Leute aufs Oktoberfest, staffieren sich zu diesem Behufe mit einem
Leih-Dirndl oder einer Trachtenjacke aus, selbst Münchner Alternativbetriebe
feiern mit Belegschaft und Geschäftspartnern in den Bierzelten bei Blasmusik
und Bier... das „anything goes“ der Postpostmoderne hat längst auch hier Einzug
gehalten.

Daran mußte ich denken, als ich
dieser Tage beim Melt-Festival erwachsene junge Menschen betrachtete, die sich
als Hasen oder Bienen oder Bananen oder Elche verkleidet hatten. Ganz ehrlich:
ich halte das für eine bedenkliche Entwicklung. Sicher, ich will gerne zugeben,
daß es auf Festivals mitunter Musik zu hören gibt, die möglicherweise nur in
einem Ganzkörperhasenkostüm zu ertragen ist – aber was tut man, wenn diese
Musik vorbei ist, eine andere Band zu spielen beginnt, man aber immer noch in
seinem Hasen- oder Bananenkostüm rumläuft? Eben. Das ist nicht lustig.

(bei dieser Gelegenheit: auch nicht
lustig ist diese neue „Mode“, daß Leute mit Fahrradhelmen rumfahren, die den
Wehrmachtshelmen ähnlich sehen, mit denen ihre Väter und Großväter nach Polen
einmarschiert sind... die Wahl solch eines Fahrradhelms signalisiert höchstens:
in diesem Kopf ist wenig Schützenswertes...)

* * *

„Gefühlvoll klingt Händel zu Fotos
von Jim Rakete.“

Betreffzeile der „Merkmail“ des
Versandhändlers 2001

* * *

Man kann diese verlegerische Großtat
nicht genug bejubeln: Im ohnedies sehr lobenswerten Verbrecher-Verlag werden
die gesamten Tagebücher von Erich Mühsam in 15 Bänden herausgegeben. Soeben ist
der erste Band (1910/11) erschienen. Doch nicht nur dies: parallel erscheinen
die gesamten Tagebücher auch kostenlos im Netz (hallo, Zeitungsverleger! habt
ihr gehört?!? KOSTENLOS!!!...). Volltext. Üppig erläutert mit Hinweisen zu
Personen und Begebenheiten durch Anklicken wie bei Wikipedia. Mit ausführlichem
Personenregister. Und man kann in die Handschrift sehen. Es ist ein kompletter
Genuß. Und wie der Verleger sagt: natürlich kaufen viele, die im Internet in
den Tagebüchern stöbern, auch die gedruckte Version, denn man will auch das
Buch in der Hand halten – und parallel in den Erläuterungen im Internet stöbern
oder die Textsuche nutzen. Die erste Auflage ist bereits ausverkauft, man muß
nachdrucken. Wunderbar! Und den herrlichen Texten sozusagen ebenbürtig. Allein,
wie Mühsam über den Anthroposophen Rudolf Steiner herzieht, muß man gelesen
haben...

Wie man überhaupt mal festhalten
muß, daß der gerne verwendete Begriff „Suhrkamp-Kultur“ etwas zunehmend
Gestriges hat (wobei ich, am Rande gesagt, schon immer die „März-Kultur“
vorgezogen habe...). Die meisten spannenden neuen Bücher in meiner Bibliothek
kommen längst von Verlagen wie dem Verbrecher Verlag, diaphanes oder Merve, um
nur mal drei zu nennen. Allein, was zum Beispiel diaphanes so in den letzten
zwei, drei Jahren gedruckt hat von Badiou, Derrida, Rancierre oder Vogl, dafür
geb ich gerne ein Jahrzehnt edition suhrkamp her... Lange lebe also die März-
oder die Verbrecher-Kultur! Mußte mal gesagt werden.

* * *

Die „Jüdische Allgemeine“ berichtet
von einem besonderen Seitenaspekt der Globalisierung: „Tausende
palästinensischer Frauen verdienen ihren Lebensunterhalt mit dem Häkeln von Kippot,
wie sie nationalreligiöse Siedler bevorzugt tragen (...) Früher haben die
Textilarbeiterinnen Keffijas hergestellt. Die symbolträchtigen
Palästinensertücher werden inzwischen jedoch aus China zu Dumpingpreisen
importiert.“ Die Palästinensertücher kommen neuerdings aus China, dafür
kommen die Kippot der nationalreligiösen jüdischen Siedler nun aus
Palästinenserhand. Das Leben hat manchmal wirklich gute Geschichten zu
bieten...

* * *

Gunter Gabriel hat noch Pläne. Etwa
diesen: „Man könnte Lieder von Franz Schubert aufnehmen, mit einem Johnny
Cash-typischen Boom-Chicka-Boom (...) Boom-Chicka-Boom, die launische Forelle,
vorüber wie ein Pfeil, Chicka-Boom, verstehst du?“ Wir verstehen. Auf die
Erklärung, daß der Liedtext des revolutionären Dichters Christian Friedrich
Daniel Schubart, der auf der Festung Hohenasperg eingesperrt worden war, seine
eigene Täuschung und Gefangennahme beschreibt, stellt Gunter Gabriel im
Gespräch mit Springers „Welt“ fest: „Das paßt ja. Ich bin auch ein
rebellischer Mensch. Und dazu dann ein paar Lieder aus der Winterreise.“

Im Moment ist Gunter Gabriel
allerdings fern davon, so rebellisch zu sein, daß ihn dieser Staat einsperren
müßte, ganz im Gegenteil: im Staatsfernsehen NDR, das sich mit Gunter Gabriel
die „Haltung“ teilt, sich für keine Peinlichkeit zu schade zu sein, läuft diese
Woche die Doku-Soap „Der Hafencowboy“ mit Gunter Gabriel an...

* * *

„Genau dann, wenn alle Menschen
damit beschäftigt sind, an sich und aneinander herumzuschnüffeln, werden sie
für die Vorgänge insgesamt anästhesiert.“

Marshall McLuhan

* * *

Aus unserer kleinen Reihe „unverlangte Künstlerangebote“ diesmal ein Name, den
ich noch nie gehört hatte: Unter dem Betreff „Gina-Lisa Lohfink: Neu-Single,
Topmodel & It-Girl“ wird eine junge Dame wie folgt angeboten: „Wie
viele von Ihnen sicherlich mitbekommen haben, gab es in den letzten Wochen kaum
einen Tag, an dem Neu-Single Gina-Lisa nicht in irgendeinem großen Medium in
Deutschland präsent war. U.a. heiße Küsse mit Popstar und Bußenfreundin (die
originelle Rechtschreibung so im Original, BS) Loona oder ihre Trennung von
Fußballstar Arthur Boka sorgten für wahnsinniges Interesse. (...) Wir freuen
uns auf Ihre Event-Vorschläge!“

Zugegeben, ich kenne weder den Popbußenstar Loona noch den Fußballstar Arthur
Boka, geschweige denn It-Girl Gina-Lisa Lohfink, deren „authentische,
natürliche Art“ sie ganz sicher schnell „zum Liebling der Zuschauer“ gemacht
hat. Insofern will mir ein „Event-Vorschlag“ mit Gina-Lisa Lohfink leider nicht
so recht einfallen. Und die Vorgruppen-Slots für Iron & Wine oder Depedro
scheinen mir leider auch etwas zu anspruchsvoll zu sein. Tut mir
leid. Medium hin, Medien her.

* * *

Ansonsten: „Ars longa, spectatores figaces.“ („Art is forever. An
audience comes and goes.“)
(Pere Ubu)
Wobei uns lieber ist, Sie kommen... und zwar bevorzugt zu unseren Konzerten.
Genießen Sie den Sommer! Auch der kommt und geht... Tun Sie Buße. Aber nicht zu
viel.
Om vajra-ushnisha hum, boom-chicka-boom, om vajra-ushnisha hum!

04.07.2011

Und Ansonsten 2011-07-04

Nun
hat also auch die Linkspartei etwas, was die Welt nicht braucht, nämlich einen
„rockmusikpolitischen Sprecher“. Kann sich noch jemand an „Siggi Pop“, den
damaligen popmusikalischen Sprecher der SPD, Siegmar Gabriel, erinnern? Für die
Jüngeren unter uns: SPD, das ist die Splitterpartei mit dem Rassisten Sarrazin,
die einstmals als „Volkspartei“ eine gewisse Rolle als Radieschen (von
Tucholsky ist das: „außen rot / innen weiß“) gespielt hat. Nun kann man, wie
Jens Balzer in der „Berliner Zeitung“, natürlich behaupten, daß ein pop- oder
rockmusikalischer Sprecher als Abschußrampe für eine gediegene
Funktionärskarriere dient – immerhin ist Siegmar Gabriel heute Sprecher nicht
nur der Popabteilung, sondern der Gesamt-SPD. Man kann andrerseits aber auch
darauf hinweisen, daß die SPD seit Einführung des Amtes eines „Beauftragten des
Parteivorstands für Popkultur und Popdiskurs“ etwa die Hälfte aller
Wählerstimmen verloren hat. Was dann wiederum für die Linke, deren
Bundestagsfraktion sich seit Neuestem einen „rockmusikpolitischen Sprecher“
hält, eine beängstigende Perspektive sein dürfte.

* * *

Frau Merkel bevorzugt musikalisch übrigens Leslie Mandoki, wie sie laut
„Musikwoche“ anläßlich der „CDU MediaNight“ sagte: „Die Frage der Freiheit
durchzieht alles, was sie machen (...) Leslie Mandokis Musik höre ich gerne. Er
ist ein Künstler, der ein klares politisches Bekenntnis abgibt, und er macht
uns damit auch Mut.“
Ob Frau Merkel mit dem „klaren politischen Bekenntnis“ und der „Mutmachmusik“
eher Mandokis Beitrag als Urschreier bei Dschingis Khan („He Reiter – Ho Leute
– He Reiter – immer weiter! / Dsching, Dsching, Dschingis Khan / Auf Brüder –
sauft Brüder! – rauft Brüder! Immer wieder / Laßt noch Wodka holen / Denn wir
sind Mongolen“) meint, oder seinen Text „Wir sind wir“ für „teAM Deutschland“
(„Wir sind jetzt und wir sind wir, voller Kraft und Hand in Hand / Wir sind
stark und wir sind hier, klare Sicht und schönes Land / Mit dem Licht von
Morgen in der Hand haben wir die Zeichen der Zeit erkannt / Und erreichen unser
Ziel mit Herz und mit Verstand“...), bleibt offen.
Schön jedenfalls zu wissen, daß Frau Merkel, die ich auch schon mal in der
Berliner Staatsoper bei „Tristan“ gesehen habe, solche Musik „gerne hört“.

* * *

Frau Merkel übrigens, die innerhalb einer Woche ihre Freude über den Tod von
Osama Bin Ladens kundtat und von der israelischen Regierung verlangte, der
Hamas einen eigenen Staat einzurichten – eben der Hamas, deren Chef zwei Tage
zuvor wiederum Osama Bin Laden einen Helden genannt hatte, über dessen Tod sich
Frau Merkel so gefreut hatte...

* * *

Eine Aufgabe aus dem bairischen Zentralabitur 2010, Grundkurs Geographie (laut
„Konkret“):
„Im Rahmen des Ausbaus der Energieerzeugung aus Kernkraft wurde beschlossen,
die japanischen Kernkraftwerke an den Küsten, jedoch in Entfernung zu den
großen Verdichtungsräumen zu errichten. Begründen Sie diese Entscheidung und
stellen Sie positive Effekte für die Entwicklung der räumlichen Strukturen an
diesen Standorten dar!“

* * *

Das renommierte „Deutsche Grammophon“-Klassik-Label hat in den letzten Jahren
eine merkwürdige Strategie hinter sich. War in der Vergangenheit die Qualität
vieler Alben des Labels unstrittig (Benedetti-Michelangeli! Pollini!
Kleiber!...), hat sich die Qualität vieler DG-Veröffentlichungen leider in den
letzten Jahren im Durchschnitt derartig verschlechtert, daß das Label zunehmend
auf dubiose Marketing-Strategien zurückgreifen mußte. Deren beliebteste war,
die weiblichen Interpreten in schlüpfrigen, pseudo-sexy Posen zu inszenieren,
als ob sie für Deos oder Feinstrumpfhosen werben würden und nicht für
Einspielungen klassischer Musik. Ein typischer Weg – wer auf die Qualität
seines Produktes nicht mehr vertrauen kann, neigt zur Verzweiflungstat.
Dieser Tage ist ein außergewöhnliches, hervorragendes Album bei DG erschienen:
das Debüt-Recital der verehrungswürdigen Sopranistin Anna Prohaska. Ein mutiges
Programm, von Mahler über Debussy und Dowland zu Haydn und Schubert;
Szymanowski, Schumann, Honegger, Dvorak und Purcell – was sich liest wie ein
Fleckerlteppich, geht hervorragend auf und ist interpretatorisch immer auf der
Höhe. Eines der „Alben des Jahres“ also, wie Musikjournalisten sagen würden.
Warum das Programm allerdings „Sirène“ heißen muß, und vor allem, warum Anna
Prohaska sich von der Marketingabteilung ihrer Plattenfirma hat breitschlagen
lassen, sich auf Cover und im ganzen Album in softpornografischen Posen
fotografieren zu lassen, ist enttäuschend. Klar, das Label will es so, dort
herrscht seit Jahren Altherrenschmonzes bei der Vermarktung weiblicher Künstler
vor – da wird die Geigerin Julia Fischer im hauseigenen Magazin wahlweise als
„Bach-Blüte“ oder „Der Bachfisch“ bezeichnet, da wird Elina Garanca „So Bel
kann Canto sein“ betitelt. Daß sich aber ausgerechnet eine selbstbewußte junge
Sängerin wie Anna Prohaska für eine eher sexistische Inszenierung hergibt,
hatte man nicht erwartet.

* * *

Wie sagt man eigentlich „den Bock zum Gärtner machen“, wenn es sich um eine
Frau handelt?
Die FDP-Europaabgeordnete Silvana Koch-Mehrin wurde jedenfalls kurz, nachdem
ihr von der Uni Heidelberg der Doktortitel aberkannt wurde, weil sie
offensichtlich ihre Doktorarbeit zu weiten Teilen abgeschrieben hat, zum
Mitglied im Forschungsausschuß des Europaparlaments ernannt (als Ersatz für einen
FDP-Kollegen, der zurücktreten mußte, weil er ebenfalls seinen Doktortitel
wegen Abschreibens verloren hatte – was ist los mit der sogenannten liberalen
Elite?!?). Dann aber war der Protest und die Häme doch zu groß, und die
FDP-Politikerin verzichtete auf den Sitz im Forschungsausschuß. Ihr Mandat im
Europaparlament behält sie jedoch.

* * *

Noch im vergangenen Jahr „jammerte U2-Rumpelstilz Bono, wie sehr er
enttäuscht sei über die mittelprächtigen Absatzzahlen“ seines letzten
Albums – so Christoph Dallach in „Spiegel Online“. In der aktuellen
„Forbes“-Übersicht der Pop-Großverdiener allerdings landet für 2010 der „arme
Bono und seine Gang“ (Dallach) auf Platz 1, die Band verdiente im
vergangenen Jahr die wahrlich enttäuschende Summe von nur 195 Millionen
US-Dollar. So ist eben alles relativ.
Weniger relativ ist allerdings der Protest, der beim jüngsten Auftritt von U2
beim legendären Glastonbury-Festival massenhaft gegen die Band vorgebracht
wurde. Bono, der selbsternannte Gutmensch, Weltenretter und Louis
Vuitton-Model, und seine Band, die gerne allüberall zu Spenden gegen die
weltweite Armut aufrufen, bunkern ihre Hunderten von Millionen nicht etwa in
ihrem – wirtschaftlich angeschlagenen – Heimatland, wo sie mit ihren
Steuerzahlungen einen Beitrag zu einem gerechten Sozialsystem leisten könnten,
sondern haben ihre Firma ins Steuerparadies Holland transferiert, um von ihren
Millionen möglichst viel für sich selbst übrig zu behalten.
Cui Bono? Eben.

* * *

Auch die Popsängerin „Adele“ ist kein Freund des Steuerzahlens. Sie fühle sich
„gedemütigt“, 50 Prozent Steuern zahlen zu müssen, sagte sie dem britischen
Musikmagazin „Q“ in einem Interview. Schon der Steuerbescheid nach ihrem ersten
Album „19“ brachte die junge Sängerin völlig außer Fassung: „Ich war bereit,
eine Waffe zu kaufen und wahllos loszuballern“.
Adele kritisierte die öffentlichen Einrichtungen, die mit ihren Steuergeldern
finanziert werden – etwa den öffentlichen Nahverkehr, die staatlichen Schulen,
das staatliche Gesundheitssystem. Die neoliberalen Kräfte in ihrem Heimatland
werden sich über die öffentlichen Äußerungen der Sängerin freuen...

* * *

Dieses Künstlerangebot aus unserem Posteingang hat uns sehr gefreut:
„Vogelfrey, der Pakt der Geächteten. Hinter diesem Namen verbirgt sich eine
raffinierte und eigenständige Mischung aus Mittelalter, Folklore, Rock und
Metal, kurz und bündig Folk Metal genannt.“
Eigentlich ist eine „eigenständige Mischung aus Mittelalter, Folklore, Rock und
Metal“ genau das, was wir lieben, aber irgendwie war dann doch etwas zu wenig
Gothik im Pakt der Geächteten, um uns für diese Band zu entscheiden...

* * *

Bernd Cailloux, dachten wir, sei ein Schriftsteller, der bei Suhrkamp ein, zwei
o.k.e Bücher veröffentlicht hat, die nicht großartig sind, aber auch niemandem
weh tun.
Dann aber outete sich der selbsternannte Chronist der 68er in der „Zeit“ aufs
Unangenehmste: „Die Wende“ etwa, sagt Cailloux, „hat uns ja viel
eingebrockt. Das war einfach nur eine Katastrophe.“ Kann man so stehen
lassen, denkt man. Aber Cailloux hat es so gemeint: „Sie hat uns die vielen
Ausländer hier reingespült, hier ist jetzt richtiger Stellungskampf, die
Potsdamer Straße ist voll, nur Goltz- und Motzstraße haben sie noch nicht.“
Wie bitte?
Aber der Alt-68er meint es ernst: „Meiner Ansicht nach passen sie nicht
zusammen, Deutsche und die, auf die sie hier treffen.“ Und: die Ausländer „breiten
sich unglaublich aus“...
Aha.
Die „Zeit“-Autorin geht mit Cailloux weiter durch seinen Schöneberger Kiez, man
kommt am Schwulenclub Goya in der Motzstraße vorbei. „Riechen Sie was? Es
riecht schon etwas nach schwul“, läßt der Schriftsteller wissen.
Warum die „Zeit“ einem offensichtlich schwulenfeindlichen Rassisten, der eine
Art "Westentaschen-Sarrazin von der Motzstraße" gibt, ein einseitiges
Porträt in ihrer Zeitung schenkt, bleibt natürlich ein Rätsel. Daß dieser
ekelhafte Typ es wagt, an einer Veranstaltung  über den großen Jörg Fauser
zu sprechen, sollte jedenfalls verboten werden.
Kleinbürgerliche Renegaten, die als ewig besserwissende Alt-68er durch die Welt
bzw. durch ihren Kiez laufen, sind die schlimmsten denkbaren Zeitgenossen.

* * *

Manche machen Musik, um die Welt zu ändern, manche machen Musik, um die
Menschen zu beglücken, das eine wie das andere gelingt mal mehr, mal weniger.
Manche sind auch einfach nur „in it for the money“. Manche aber machen auch
bloß Musik für ihren Grabstein.
Die Sängerin der Kölner Popband „Klee“ jedenfalls verriet der „Berliner
Zeitung“ dieser Tage, daß sie sich wünscht, daß der Titel ihres Songs „Ich
will nicht gehen, wenn’s am Schönsten ist“ auf ihrem Grabstein stehen soll.
„Dem fühlt sie sich gar nicht so fern“. Interessant.
Die Zeile „Ich werd’ nicht aufhören, auf die Liebe zu schwören“ aus
diesem Song dagegen möchte sich die Sängerin „auf den Oberarm tätowieren
lassen, das ist ja so in Mode geraten“.
Ich weiß nicht, was in Köln gerade Mode ist – ich weiß nur, daß die Mode,
Unsinn zu plappern, scheinbar nicht auszurotten ist.

* * *

Hier in Berlin gab es zuletzt verzweifelte Spendenaktionen. Wofür aber wurde gesammelt?
Für die Opfer der Reaktorkatastrophe in Fukushima? Für Hungernde in Afrika? Für
den pleite gegangenen Schauspieler Horst Janson (kein Scherz, googeln Sie mal
„Spendenaufruf“, da landen Sie sofort bei „mit einem Euro sind Fans von
Horst Janson dabei, sein Anwalt hat eine Spendenaktion für den bankrotten
Schauspieler initiiert“...)?
Nein, hier geht es um unsere Abiturienten, die gerne „Hauptsache
Schickimicki“ („taz“) ihr Abi feiern wollen und es heutzutage scheinbar
nicht mehr unter Luxushotel, Limoservice, Live-Kapelle und Gala-Dinner machen.
51 Euro kostet eine Karte für den Abiball der Hellersdorfer Abiturienten, dazu
kommen die Ausgaben für Ballkleider, Schuhe, Anzüge, Krawatten, denn so laufen
die jungen Herrschaften heutzutage durch ihre Abschlußveranstaltung – und der
Ball wird natürlich von einer Eventagentur organisiert, in den Sälen der
Luxushotels der Stadt. Dumm nur, daß die Eventagentur scheinbar mit den Geldern
durchgebrannt ist, weswegen die Abiturienten zwar möglicherweise etwas fürs
Leben gelernt haben, aber ohne ihren Ball da standen... Finden Sie nicht so
schlimm? Sie sagen, früher hätte man so was gar nicht aufwendig gefeiert? Und
die ein Jahrzehnt Jüngeren sagen, früher hätte man die Feier selbst
organisiert? Tschah, tempora mutantur, wie der Lateiner sagt, heutzutage, in
der Berliner Republik, ist die Abifeier wieder „Ausweis der sozialen
Differenz, wie in den fünfziger Jahren“ („Süddeutsche Zeitung“), die
Ansprüche der Kids steigen eben.
Die Erbschaften übrigens auch – die Deutschen reichen immer mehr Geld an ihre
Nachkommen weiter. Bis zum Jahr 2020 werden laut einer Studie des „Deutschen
Instituts für Altersvorsorge“ 2,6 Billionen Euro vererbt (20% mehr als im
letzten Jahrzehnt) – was man mit dem Geld alles machen könnte! Jährlich
spielend mehrere Griechenlands retten beispielsweise. Allerdings: die
Erbschaften verschärfen das Wohlstandsgefälle, denn die Verteilung ist
ungleich. Zwar sei die „derzeitige Erbengeneration die einkommensstärkste
und vermögendste, die Deutschland je gesehen hat“, aber nur ganz wenige
Erben können mit einem großen Vermögen rechnen, die meisten werden nur
bescheidene Beträge erben. Gutverdiener, die „häufig eine bessere Ausbildung
genossen haben als der Durchschnitt der Bevölkerung, weil sie aus einem wohlhabenden
Elternhaus stammen und dadurch mehr Geld in die Bildung investieren konnten,
erben tendenziell mehr“, so das „DIA“.
Womit wir wieder zurück bei den Berliner Abiturienten sind – die vielleicht
angesichts all dessen mit nicht ganz so viel Mitleid, sondern eventuell mit
Spott rechnen sollten. Denn wer den Schaden hat, der wird schon erben. Oder so.

* * *

Und was machen die Abiturienten und ihre wohlhabenden Eltern, wenn sie mal
etwas Bildung wollen? Nachdem sie bei Manufaktum oder Ikea ihre Bücherregale
gekauft haben?
Sie wenden sich an die andere Verbreitungsagentur doller Dinge in dieser
Republik, an den Versandhändler Zweitausendeins. Dort bekommt man „Merkmails“,
und darin kann man erwerben, alles auf einmal: „Statt Dosenravioli – ein
Maximum an Genuß“, das Buch „Bäume“ („Der Baum gleicht einem betenden
Menschen: Er sieht aus wie ein Mensch, der still steht, die Arme hebt und eine
Unterredung mit Mächten zu unternehmen sucht, auf die er kaum Einfluß zu nehmen
erhofft hatte“ – wer das weiterlesen will, muß eine Strafe von 9,90 Euro
zahlen...), ein „Cool Camping Buch“, Sonderangebote eines Verlages, der „die
Worte leben läßt“, ein Buch gegen Ai Weiwei und für die chinesische
Kulturrevolution oder umgekehrt, und „zum guten Schluß ein Gedicht von Ringelnatz“,
denn der ist tot und kann sich nicht wehren, hier vereinnahmt zu werden.

* * *

Daß die Bundesregierung, die noch im vergangenen Jahr den Eindruck erweckte,
die Kosten des Ausstiegs aus der Atomkraft und des Umstiegs auf alternative
Energien seien so astronomisch, daß die billige Kernkraft unbedingt verlängert
genutzt werden müsse, nun sagt, daß der Strompreis beim Atomausstieg um nicht
mehr als einen Cent pro Kilowattstunde steigen werde, bedeutet ganz einfach,
daß die Bundesregierung entweder letzten Herbst oder jetzt die Unwahrheit
gesagt hat oder sagt. So oder so, die Bundesregierung hat die Bürger belogen.
Was in Sachen Atomkraft natürlich nicht wirklich eine Überraschung ist.
Ebenso wenig eine Überraschung jedenfalls wie der Beschluß der „Grünen“, dem
Atomausstieg zum Jahr 2022 (der jederzeit widerrufen werden kann, wie wir ja
auch letzten Herbst bereits erleben mußten) von Schwarz-Gelb zuzustimmen,
obwohl man doch gerade einen Gesetzentwurf in den Bundestag eingebracht hatte,
wonach man den Atomausstieg bereits bis zum Jahr 2017 umgesetzt sehen wollte.
Die einen nennen das Spiel „Demokratie“, der französische Philosoph Alain
Badiou dagegen spricht vom heutigen Modell westlicher Demokratie als „parlamentarischen
Fetischismus“...

* * *
"Die drei Hauptthesen: daß wir der Perfektion unserer Produkte nicht
gewachsen sind; daß wir mehr herstellen, als wir uns vorstellen und
verantworten können; und daß wir glauben, das, was wir können, auch zu dürfen:
diese drei Grundthesen sind angesichts der im letzten Vierteljahrhundert
offenbar gewordenen Umweltgefahren leider aktueller und brisanter als
damals." (Günther Anders, Die Antiquiertheit des Menschen, 1979 im
Vorwort zur 5.Auflage)
* * *

MySpace muß man hauptsächlich dafür lieben, daß es das Geld des reaktionären
Medienmoguls Rupert Murdoch vernichtet hat. Vor gar nicht so langer Zeit hat
Murdoch MySpace für 580 Millionen Dollar seinem Imperium einverleibt. Nun hat
Murdoch MySpace für nur noch 35 Millionen Dollar verkauft. Klasse.
Wenn Sie einen Tip suchen, wie Sie Ihr Geld vernichten wollen, nehmen Sie den
hier, ich gebe ihn kostenlos: Investieren Sie in Facebook! Damit wirds auch in
nicht allzu ferner Zukunft rasant bergab gehen, wenn all die jungen Menschen
festgestellt haben werden, daß man seine Facebook-Freunde nicht in den Arm
nehmen kann.
Ach, übrigens: wenn Sie unser Facebook-Freund werden wollen, nur zu:
Facebook
Agentur Seliger

* * *

Auch so ein echter Auskenner: „Ich weiß nicht, wann das Internet voll ist“,
merkte Kulturstaatsminister Bernd Neumann gewohnt kompetent an. Ich weiß
allerdings, wann jemand wahlweise doof oder bescheuert ist.

* * *

Was aber kann man tun, wenn man das eine und das andere ist? Dann hilft
nur noch beten.
„Es ist besser, mit Taliban zu beten, als sie zu bombardieren“ – also
sprach die evangelische Allzweckwaffe und Lieblingsautorin der
BundesbürgerInnen, Margot Käßmann.
Wollen wir die Dame für die nächsten paar Jahre also nach Afghanistan schicken?
Dort hat sie dann viel zu beten und kann keine Bücher mehr schreiben, was ja
immerhin eine erfreuliche Nachricht wäre.

* * *

Und was macht "Spex"? "Mister Spex" jedenfalls ist nicht
nur damit beschäftigt, die nächste Musikzeitschrift runterzuwirtschaften,
sondern hat ein zusätzliches Auskommen im Brillengeschäft gefunden:
"Mister Spex sorgt für Durchblick - Mister Spex, Deutschlands größter
Online-Versand für Markenbrillen vertreibt Brillen, Sonnen- und Sportbrillen
von mehr als 90 Marken", flötet die Werbung.
It's sponsoring, stupid!

* * *

Verbindlichsten Dank für all die Zuschriften zum Thema Tattoo und Tattoo. Klar
hätte ich das auch selbst googeln können, aber dann hätte ich nicht all die
netten, vergnüglichen und interessanten Zuschriften erhalten, weswegen ich auch
im Nachhinein Sie gegenüber Google bevorzuge... ich bin mittlerweile jedenfalls
ein echter Tattoo-Experte – wer hätte das gedacht.
Die ausgeschriebene Flasche Weißwein wurde verdoppelt – eine geht an unseren
Leser Christof Ellinghaus, der die erste von vielen ausführlichen und
sachkundigen Erklärungen geschickt und der den Berliner Militarismus noch dazu
hübsch mit dieser Erklärung verwoben hat. Eine zusätzliche Flasche Weißwein war
mir die originellste Erklärung zu „Tattoo“ wert, sie stammt von Michael Binder
und geht so:
„Meines Erachtens ist die "Event"-Bezeichnung "Berlin
Tattoo" lautmalerisch gemeint. Tut-Tut-Tatü-Tata-Tatu-Tattoo klingt es
ungefähr, wenn ein bärtiger Uniformierter ins Horn stößt (oder auch Herr
Niedecken bei seinem neuen Skoda die Hupe betätigt). Dass Tattoo eigentlich die
englische Bezeichnung für Tätowierung ist, ist offensichtlich sowohl beim
Deutschen Bundeswehr-Verband als auch bei der O2-World unbekannt.“

In diesem Sinne: Genießen Sie den Sommer! Machen Sie viel Tattoo!

06.06.2011

Und Ansonsten 2011-06-06

Im
Fußball werden wir nächstes Jahr sehen, wer Europameister wird – der
Europameister bei den Rüstungsexporten steht bereits fest: es ist Deutschland.
Ein trauriger Titel. Deutschland hat Waffen an das autoritäre Regime von Hosni
Mubarak in Ägypten geliefert, Deutschland hat das Regime von Muammar Gaddafi in
Libyen aufgerüstet und die Genehmigung für die Lizenzproduktion des
Sturmgewehrs von Heckler & Koch an das Königreich Saudi-Arabien (das ist
das autoritäre Regime, von dem Politik und Medien hierzulande schweigen)
erteilt.
Kleinwaffen, einer der Exportschlager der deutschen Rüstungsindustrie, fordern
weltweit den größten Teil der Todesopfer in Kriegen und Bürgerkriegen. Allein
die Firma Heckler & Koch hat mittlerweile schätzungsweise 1,5 Millionen
Tote durch Entwicklung und Export von Kleinwaffen zu verantworten.
Waffenexporte richten gigantischen Schaden bei der Bekämpfung von Armut und
Hunger an.
Im Grunde sind all diese Waffenexporte dem Geist des Grundgesetzes folgend
nicht erlaubt. Friedens- und Menschenrechtsgruppen wollen nun mit einer
Kampagne eine Präzisierung des Artikels 26 GG durchsetzen, wonach Rüstungsexporte
wirksam verboten werden sollen: „Kriegswaffen und sonstige Rüstungsgüter werden
grundsätzlich nicht exportiert.“ Bis zur Bundestagswahl 2013 sollen 262.000
Unterschriften gesammelt werden:
www.aufschrei-waffenhandel.de

* * *

Am Samstag, dem 7.Mai, morgens in der Wochenendbeilage der „FAZ“ zwei Seiten
Vorabdruck des in der kommenden Woche erscheinenden Buches „Toscana mia“ von
Robert Gernhardt gelesen. Später am gleichen Tag in der Wochenendbeilage der
„Süddeutschen“: eine Seite Vorabdruck des in der Folgewoche erscheinenden neuen
Gernhardt-Buches...
Die Feuilletons unserer Qualitätszeitungen sind sich eben extrem ähnlich. Aber
sie entscheiden ja nicht nur selber, was sie drucken, sondern lassen sich von
gut arbeitenden Marketingabteilungen der Verlage auch Texte verkaufen. Wie im
embedded music journalism unserer Tage die Plattenfirmen entscheiden längst die
Verlage, was wann wo erscheint.
(gute Texte aber!)

* * *

Rätsel über Rätsel. An was würden Sie denken, wenn Sie die Anzeige „Berlin
Tattoo“ irgendwo sehen? Wahrscheinlich so wie ich an das, was auf Wikipedia so
beschrieben wird: „Ein Tattoo ist ein Motiv, das mit Tinte oder anderen
Farbmitteln in die Haut eingebracht wird.“
Was aber hat der „Deutsche BundeswehrVerband“ damit zu tun? Der nämlich
präsentiert „Berlin Tattoo.“ (nur original mit dem Punkt...) am 3.-5.November
2011, und in der ganzseitigen Anzeige auf der Rückseite von „event“ erfahren
wir: „Das Berlin Tattoo vereint als offizielles Nachfolgeevent des Berliner
Militärmusikfests erstmals die Welt der Musik vor einer spektakulären Kulisse
in der“ Mehrzweckhalle am Ostbahnhof, die von manchen beharrlich auch
anders genannt wird. „Eine einmalige Show der Extraklasse“ versprechen
der „Deutsche BundeswehrVerband“ und die „O2 World“, und ich habe keine Zweifel
daran, daß das Wörtchen „Extraklasse“ nicht zu hoch gegriffen ist, wenn sich
Pest und Cholera zusammentun, um Militärmusik zu veranstalten. Unterstrichen
wird die „Extraklasse“ vom ausgewählten Fotomotiv, einem bärtigen,
uniformierten Dudelsackbläser mit relativ wenigen, um nicht zu sagen: gar
keinen in die Haut eingebrachten Tintenmotiven.
Nur – warum um Himmels willen nennen sie das alles „Berlin Tattoo“???
Ich bin bereit, eine brauchbare oder zumindest originelle Erklärung mit einer
Flasche Weißwein aus meinen Beständen zu honorieren.

* * *

Kurz vor der Entscheidung der deutschen Sozialdemokratie, die unsereiner
mitunter ebenso wenig verstehen kann wie den Bundeswehrverband oder die besagte
Berliner Mehrzweckhalle, Thilo Sarrazin in der Partei zu belassen, sah ich
Sarrazin beim Zappen in einer Talkshow, und knappe fünf Minuten von Sarrazins
Geschwurbel reichten aus, um bestätigt zu sehen, daß Sarrazin ein fremdenfeindlicher
Reaktionär ohne Format ist. Daß so etwas in der SPD seinen Platz hat, ist
bedauerlich.
Kaum hatte die von Andrea Nahles angeführte Parteikommission zum Erstaunen der
Öffentlichkeit den Verbleib Sarrazins in der SPD verkündet, ätzte dieser in
einer öffentlichen Veranstaltung erneut diffamierend gegen Migranten. Bayerns
SPD-Chef Florian Pronold bezeichnete Sarrazin daraufhin als „schizophren“:
Wer sich in einer Erklärung von seinem bisherigen Verhalten distanziere, um bei
der nächstbesten Gelegenheit Menschen erneut zu beleidigen und zu
diskriminieren, sei „nicht mehr ganz dicht. Damit hat er endgültig belegt,
daß man ihn nicht mehr ernst nehmen kann“, sagte der SPD-Funktionär.
Wer „schizophren“ und „nicht mehr ganz dicht“ ist, scheint mir allerdings viel
eher die SPD zu sein. Wer einen ausgewiesenen Reaktionär und Rassisten in der
Partei behält, um sich dann öffentlich zu wundern, daß dieser ausgewiesene
Reaktionär tatsächlich weiterhin dumpfe Fremdenfeindlichkeit verbreitet, der
hat „endgültig belegt, daß man ihn nicht mehr ernst nehmen kann.“

* * *

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) meinte ebenfalls, den Sarrazin geben zu müssen,
und kritisierte die „Südländer“, also Griechen, Spanier und Portugiesen, dafür,
zu wenig zu arbeiten und zu viel frei zu machen. 2009 hatte Italien
durchschnittlich 28 bezahlte Feiertage, Griechenland 23, Spanien und Portugal
22. Im Vergleich: in Deutschland gab es durchschnittlich 30 bezahlte
Urlaubstage... Selbst wenn man die arbeitsfreien Feiertage hinzuzählt, liegt Deutschland
weit vorn, mit 40,5 freien Urlaubs- und Feiertagen, im Vergleich zu 39 in
Italien, 36 in Spanien, 35 in Portugal und gar nur 33 in Griechenland.

* * *

Warum die Karten für das – wunderbare! – Sonderkonzert der Berliner
Philharmoniker unter Claudio Abbado anläßlich des 100.Todestages von Gustav
Mahler im Mai 2011 zwischen 70 und 220 Euro kosten mußten, ist ein anderes
Rätsel. Die Berliner Philharmoniker sind ein von der öffentlichen Hand
finanziertes Orchester, die in einem Konzertsaal spielen, der den BürgerInnen
gehört; zusätzlich werden sie mit zig Millionen jährlich von der Deutschen Bank
unterstützt. Und dennoch soll nur die Elite, sollen nur die Reichen oder doch
zumindest Wohlhabenden in der Lage sein, Mahler bei den Berliner Philharmonikern
zu sehen?
Da kann Frau von der Leyen jedenfalls noch viel Geld aufbringen, bis
Hartz-4-Familien sich den Eintritt zu solch einem elitären Konzert leisten
können. Eben nicht „Kultur für alle“. Lediglich Kultur, die von allen
finanziert wurde, mit ihren Steuergeldern...
Beim Konzert des New York Philharmonic Orchestras am Tag darauf, also einem
Orchester ebenfalls von Weltrang, ebenfalls in der Berliner Philharmonie,
ebenfalls mit einem erlesenen Mahler-Programm, ebenfalls prominent besetzt,
ebenfalls von einer Bank gesponsort (der Credit Suisse), allerdings von einem
Privatunternehmen auf dem freien Markt plaziert, kosteten die Tickets übrigens
zwischen 30 und 130 Euro, also etwa die Hälfte der vom Steuerzahler
subventionierten Preise des Konzerts der Berliner Philharmoniker.
Wie Eleonore Büning in der „FAS“ schreibt, steht das „höchstsubventionierte
deutsche Orchester“ mit der Öffentlichkeit auf Kriegsfuß, „es nennt sich
„Republik“, fühlt aber aristokratisch“... Bei den Salzburger
Osterfestspielen haben die Berliner Philharmoniker laut „FAS“ für „sechs
Konzerte plus zwei Opern 1,2 Millionen Euro erhalten“; dazu kommen 123.500
Euro für ihren Chefdirigenten Simon Rattle, für sechs Dirigate von drei
Programmen... Den Vertrag mit den Salzburger Osterfestspielen haben die
Berliner Philharmoniker allerdings aufgekündigt, in Baden-Baden scheint ab 2013
noch mehr Geld zu verdienen sein.
Die Publicity-Aktionen ihres „Education“-Programms mit Jugendlichen haben
jedenfalls einen mehr als schalen Beigeschmack, wenn man sich diese Zahlen (die
der Honorare wie die der Eintrittspreise) betrachtet...

* * *

In dieses mehr als unglückliche Bild, das die Berliner Philharmoniker
vermitteln, passt die Meldung, daß das Orchester unter dem berüchtigten
Gastdirigenten Christian Thielemann unkommentiert Werke aufgeführt hat, die
nationalsozialistisch belastet sind, nämlich eine sogenannte „Festmusik der
Stadt Wien“, die Richard Strauss dem NS-Statthalter Baldur von Schirach
offeriert und die 1943 am 5.Jahrestag des Anschlusses der Stadt und Österreichs
an „Großdeutschland“ uraufgeführt wurde. Das Programmheft der Berliner
Philharmoniker salbadert laut „Welt“ dazu: „Äußerste Virtuosität fordert die
Festmusik mit ihren brillanten Sechszehntelkaskaden den Interpreten in jedem Falle
ab, weswegen es dem Werk nutzen und frommen wird, einmal in den heiligen Hallen
der Philharmonie zu erklingen“. Außerdem wurde ein „Festliches Präludium“
des gleichen Komponisten dargeboten, das, wie es im offiziellen
Philharmoniker-Programm lapidar hieß, zuletzt „1943 im Rahmen der Vorfeiern
zum Geburtstag Adolf Hitlers“ von den Philharmonikern gespielt wurde.
Es würde dem historisch ja durchaus belasteten Orchester sicher „nutzen und
frommen“, bei der Stückeauswahl ohne naziverseuchte Musik auszukommen, und in
den „heiligen Hallen der Philharmonie“ mehr historische Sorgfalt bei den
Programmtexten walten zu lassen. Auch wenn man einen Thielemann wohl als
Kontrast zu Rattle oder Abbado bucht, um auch die „im Publikum überwiegende
Zahl von Siegelringträgern“ („Welt“) bei derartigen Konzerten an sich zu
binden.
Ekelhaft.

* * *

Ein Freund schickt mir aus Peking einen Link zum YouTube-Video mit der Rede des
New Yorker Bürgermeisters Bloomberg bei der Eröffnung der Ai
Weiwei-Tierkreis-Skulpturen und schreibt, „von wegen man kann das nicht sehen
in China. IP-Adresse ändern und los gehts!“
Am nächsten Tag schreibt ein Peer Junker (wer sagt da noch, daß Namenswitze
verboten seien?...) im Berliner „Tagesspitzel“: „Die Lage in China ist
derart angespannt, daß offener Protest gegen die Verhaftung Ai Weiweis kaum
möglich ist. Wenn überhaupt, kann Kritik an den Behörden höchstens noch im
Internet geäußert werden. Doch auch dort läßt sich die Zensur kaum noch
umgehen.“
Sie sehen nur, was sie sehen wollen und sollen...

* * *

Dem „Zeit“-Magazin erzählte Klaus „Scorpions“ Meine, er wolle in Rente gehen,
„solange dieser Hurrikan noch ein Hurrikan“ ist, und er wolle nicht
„eines Tages als Karikatur unterwegs sein“.
Eines Tages?!?

* * *

Wie Politiker rechnen, „denken“ und brabbeln:
Die Vorsitzende der FDP-Bundestagsfraktion, Birgit Homburger, erhält bei der
Wahl zur baden-württembergischen FDP-Landesvorsitzenden im ersten Wahlgang 180
von 400 Stimmen, exakt so viele wie ihr Gegenkandidat. Im zweiten Wahlgang
erhält Frau Homburger 199 von 400 Stimmen, bringt also erneut nicht einmal 50%
der Delegierten hinter sich, und gewinnt die Wahl, weil ihr Gegenkandidat nur
192 Stimmen erhielt.
Der FDP-Europaabgeordnete Michael Theurer verkündete daraufhin, der
Landesverband stehe „zu hundert Prozent“ hinter Homburger.

* * *

Überhaupt der mit großem Getöse verkündete „Neustart“, der „Neubeginn“ der
Pünktchenpartei:
Gesundheitsminister Rösler wird Wirtschaftsminister.
Wirtschaftsminister Brüderle wird Vorsitzender der Bundestagsfraktion.
Fraktionsvorsitzende Homburger wird Vize-Parteivorsitzende.
Staatssekretär Bahr wird Gesundheitsminister.
Frau Leutheusser-Schnarrenberger bleibt Justizministerin und
Vize-Parteivorsitzende.
Westerwelle bleibt Außenminister.
„Alles neu / macht der Mai“, im Remix der FDP...

* * *

Der große Michael Althen schrieb anläßlich des Todes von Robert Mitchum:
„Das ist ja das Wunder des Kinos, daß es sich das Leben mit einer
Leichtigkeit anverwandelt, von der andere Künste nur träumen können. Es kann
sich leisten, einen Schrank von einem Mann, der mit Schauspielerei nichts am
Hut hat, vor eine Kamera zu stellen, und uns damit auf eine Weise zu berühren,
daß man einen Moment lang tatsächlich glaubt, alles sei möglich. Wirklich
alles. Man könnte aus dem Dunkel der Säle auf die Straße treten und die
Einsamkeit ertragen. Die Dinge auf die leichte Schulter nehmen. Im rechten
Moment die richtigen Sätze  sagen. Erkennen, wann man handeln muß. Wissen,
was man tut. Trotzdem das Falsche tun.“
In jedem einzelnen Absatz, den Michael Althen schrieb, steckt mehr Qualität,
Intensität und Können als im gesamten deutschen Kino der letzten zwanzig Jahre
(Werner Herzog und Herbert Achternbusch zählen hier nicht als deutsche, sondern
als bairische Filmemacher, und Andreas Dresen ist die Ausnahme, die die Regel
bestätigt...).
Was für ein Skandal, daß Michael Althen mit 48 Jahren starb, und daß, sagen
wir, um mal eine Bandbreite anzugeben, Til Schweiger oder Wim Wenders
weiterleben...

* * *

14.Mai 2011. Fast den kompletten „Eurovision Song Contest“ auf ARD gesehen.
Anke Engelke prima, sehr souverän und mitunter witzig. Die Technik state of the
art, die Lightshow bunt und wild. Alles o.k. so und nicht weiter der Rede wert,
alles eine monströse Partyzone, wie man sich im Fernsehen halt heutzutage eine
„Pop“-Show vorstellt. Aber wozu gab es diese 25 größtenteils langweiligen,
nicht einmal mediokren, unoriginellen Musikbeiträgen zwischendrin? Welche
Bewandnis hatte es damit?

* * *

Können denn Politiker und ihre Kinder gar keine Doktorarbeit mehr selber
schreiben?
Erst der Mann, der über Wasser gehen kann, dessen Ausreden, warum seine
Ghostwriter große Strecken seiner Doktorarbeit geklaut haben, immer dubioser
und peinlicher werden. Die Familie hat zu viel von ihm erwartet? Awcmon...
Dann die Tochter von Stoiber – Doktortitel futschikato.
Und nun die FDP-Politikerin Silvana Koch-Mehrin – und mal ehrlich, wer Frau
Koch-Mehrin jemals in einer Talkshow ein paar Sätze hat sagen hören, mußte
ernsthaft Zweifel daran hegen, daß diese Frau rechtmäßig einen Doktortitel
erwerben konnte. Hat sie ja auch nicht: abgeschrieben, Doktortitel futschikato.
Es wird berichtet, die FDP-Politikerin habe „Konsequenzen gezogen“ und trete
„von allen politischen Ämtern bei den Liberalen“ zurück. Wenn man sich das genau
anschaut, wird’s aber besonders ärgerlich: denn zwar trat Frau Koch-Mehrin als
Vorsitzende der FDP im europäischen Parlament, als Vizepräsidentin des
Europäischen Parlaments und als Präsidiumsmitglied der FDP zurück. Ihr Mandat
als Europaabgeordnete behielt Koch-Mehrin aber. Was für die FDP nicht mehr gut
genug ist, für den Bürger, den Deppen, solls also reichen, für den Bürger, der
sie ins Parlament gewählt hat, ist Betrug anscheinend gut genug. Was für eine
Message, die die FDP-Frau da aussendet!

* * *

Es stand in der „Berliner Zeitung“: Ai Weiwei sei nicht nur „Chinas
berühmtester Künstler“ und „populärer Regimegegner“, nein, man
konnte anläßlich der Verhaftung Ais auch die absurde Feststellung lesen:
„Vage heißt es in Chinas Staatspresse, es gehe um Wirtschaftsvergehen, leider
ein besonders schlechtes Zeichen: In Rußland wurde Michail Chodorkowski gleich
zweimal unter solchem Vorwand der Prozeß gemacht. Also schlimmer hätte es nicht
laufen können.“
Mal jenseits der Frage, ob es angemessen ist, die Freilassung eines Gefangenen
zu fordern, ohne überhaupt zu wissen, weswegen er angeklagt wurde, und ob er
nicht tatsächlich gegen Steuergesetze verstoßen haben könnte – aber
ausgerechnet einen russischen Oligarchen, der es innerhalb weniger als eines
Jahrzehnts vom Funktionär des kommunistischen Jugendverbands Komsomol zum Chef
der ersten Privatbank Rußlands, zum stellvertretenden Minister für Brennstoffe
und Energie und wenig später zum Vorstandsvorsitzenden des Energiekonzerns
Jukos und damit zum reichsten Mann Rußlands gebracht hat, also ausgerechnet
jemanden, der sich ganz offensichtlich seinen Privatbesitz aus den Beständen
des russischen Staatseigentums zusammenergaunert, vulgo das russische Volk mit
mafiotischen Mitteln beklaut hat, ausgerechnet einen derartigen korrupten
Oligarchen also zum Kronzeugen für Menschenrechte und Demokratie zu machen, ist
schon ein mediales
Bubenstück und beweist besondere Chuzpe.

* * *

„Wir mögen Tomaten lieber geworfen als gekocht“, wirbt das „Missy
Magazine“ pseudo-aufmüpfig. Und was ist mit den Tomaten auf den Augen?
Ich mag Papier mitunter jedenfalls lieber als Baum denn abgeholzt und
bedruckt...

* * *

Einen Beitrag zum von „Spex“ ausgerufenen Revival-Wettbewerb des politischen
Liedes hat die Popgruppe „Ich + Ich“ eingereicht; unter dem 68er-Motto „alles
Private ist politisch“ singt die Band: „Du bist das Pflaster für meine Seele
/ Wenn ich mich nachts im Dunkeln quäle / Es tobt der Haß, da vor meinem
Fenster.“ Mir gefällt vor allem die überraschende Wendung in der dritten
Zeile. Und unter dem Pflaster wartet bekanntlich der Strand, auch wenns
manchmal nur der frankfurterisch-babbelnde Pflasterstrand ist – was aber
zugegeben eine andere Geschichte ist.

* * *

Und was macht ein anderer Könner des deutschen politischen Liedes? Was macht
Wolfgang Niedecken? Er fährt Skoda. Im Ernst. Teilt zumindest der Pressedienst
der „Skoda Auto Deutschland GmbH“ mit:
„Wolfgang Niedecken ist SKODA Kulturkopf und fährt Superb Combi“, erfahren
wir und können uns noch so mancher Werbeprosa erfreuen: „Denn BAP-Frontmann
Niedecken bereichert seit Jahresbeginn den Kreis der SKODA Fahrer und ist
begeisterter Fahrer eines Superb Combi (...) Er schätzt das
Business-Class-Gefühl seines neuen Autos (...) „Meine Musik soll berühren“,
sagt er (...) Der „Bob Dylan vom Rhein“, der privat eher schweigsam sein soll,
bringt in seinen Liedern den Kölner Dialekt zum Funkeln und verbindet
politische Wachsamkeit mit humanitärem Engagegemnt (sic! BS). „Gerade deshalb
freuen wir uns, Wolfgang Niedecken zu den SKODA Kulturköpfen zählen zu dürfen“,
sagt Hermann Schmitt, Geschäftsführer von SKODA AUTO DEUTSCHLAND. „Unsere
Kulturköpfe stellen zuweilen die Kulturszene auf den Kopf, zerbrechen sich auch
mal den Kopf und lassen den Kopf dabei nicht gleich hängen“, textet der
SKODA-Chef gekonnt. Fehlt eigentlich nur noch die naheliegende
Postkarten-Feststellung, daß der SKODA-Kulturkopf rund ist, damit das Denken
die Richtung wechseln kann.
Zugegeben, diese Pressemitteilung wirft ein paar kleine Fragen auf. Etwa: wäre
die Welt nicht eine  bessere, Niedecken wäre privat ein rechtes
SKODA-Plappermaul und würde dafür öffentlich „eher schweigsam sein“? Wäre es
nicht schön, die Autofirma schriebe einen SKODA Kulturkropf aus? Ich wüßte
einen Kandidaten für den ersten Preis. Er tut sich durch viel Engagegemnt
hervor, und Sie werden ahnen, an wen ich denke...

* * *

„Ein Marshall-Amp, eine Strat, ein festes Drumset werden die Welt niemals
aus den Angeln heben, wie es derzeit eigentlich notwendig wäre, aber sie können
mit dazu beitragen, sich über die politischen, sozialen und wirtschaftlichen
Verhältnisse zu empören.“
(Klaus Wallinger vom Kino Kulturverein Ebensee in „...shopping in the big
store“, Buch anläßlich des 25jährigen Jubiläums des Kino Ebensee, einem der
führenden Kulturzentren Europas. Reschpekt und dicken Glückwunsch nach Ebensee
of all places!)

„Isch lieben aus tubiklär!“, wie Lady Gaga im schönen Song „Scheiße“
ihres gerade erschienenen neuen Albums singt. Womit sie sehr nahe an Flaubert
ist, der 1873 an Turgenjew schrieb: „Ich habe immer versucht, in einem
Elfenbeinturm zu leben, aber ein Meer von Scheiße schlägt an seine Mauern,
genug, ihn zum Einsturz zu bringen.“
In diesem Sinne: genießen Sie den Juni! Auf welchem Turm auch immer Sie ihn
verbringen...

09.05.2011

Und Ansonsten 2011-05-09

Zu
Jahresbeginn haben wir an dieser Stelle aus Karl Bruckmaiers anrührendem
Nachruf auf  Capain Beefheart zitiert: „Animalisches stieg da auf,
zugleich aber etwas renitent der Moderne Verpflichtetes, Antireaktionäres,
Unversöhnliches...“
Eine sehr schöne Captain Beefheart-Anekdote hat dieser Tage Wiglaf Droste
erzählt:
„Bono, dem das Gefühl für Peinlichkeit nicht bekannt ist, schrieb an Captain
Beefheart, der auf einem anderen musikalischen Planeten lebte als Bono und
seine Spießgesellen, er könne doch gern einmal mit U2 auftreten. Captain
Beefheart schrieb zurück: „Sehr geehrter Herr Bongo, ich weiß nicht, wer Sie
sind, aber bitte schreiben Sie mir nicht mehr.“ Allein dafür muss man den im
Dezember 2010 verstorbenen Captain Beefheart in Ehren halten.“

* * *

Kann mir eigentlich irgendjemand mal erklären, wozu es die Pünktchenpartei, die
FDP, noch weiter geben soll? Der sogenannte „politische Liberalismus“ findet
längst in allen bürgerlichen Parteien statt. Von den Herren Westerwelle, Rösler
und wie sie alle heißen ist in all den Jahren und Jahrzehnten keine politische
Idee und kein signifikantes politisches Handeln bekannt. Und nun will das neue
Führungsteam die Partei sozialer und irgendwie grüner machen, weil das gerade
en vogue ist – dazu hat Gabor Steingart im „Handelsblatt“ süffisant angemerkt: „Ob
der FDP die Wähler wegliefen, weil sie nicht links genug war?“ Nein, das
Wörtchen „überflüssig“ ist das einzige, was einem zur FDP einfällt. Von daher
wäre ich den hiesigen Medien sehr dankbar, wenn sie ihre Berichterstattung über
diese in Kürze verschwindende Partei auf das begrenzen würden, was sinnvoll
ist: kurze Meldung auf den hinteren Seiten, statt jede Wasserstandsmeldung der
untergehenden Partei groß auf den Titelseiten aufzublasen.

* * *

Auf der Medienseite der „Süddeutschen Zeitung“ staunt man über eine Studie
zweier Journalisten, die u.a. behaupten, daß die Blödzeitung „gar keine
richtige Zeitung sei, sondern sich nur so inszeniere, um Geschäfte machen zu
können (...) Das Blatt sei mit seinen „Volksprodukten“ und seiner „Marketing-
und Verkaufsmaschine“ zu „einem der großen Einzelhändler Deutschlands
geworden“.
Schön, wie der „Perlentaucher“ süffisant anmerkt: „Als wäre nicht gerade die
SZ ein Pionier der Tschiboisierung gewesen!“
Und passend dazu liegt das „Osterangebot“ des Münchner Tschiboverkaufsblattes
mit angeschlossener „Qualitätsjournalismus“-Abteilung in meinem Briefkasten –
und nun raten Sie mal, was mir die Süddeutsche anbietet, wenn ich für vier
Wochen die Zeitung abonniere? Eine „Tschibo-Geschenkkarte im Wert von 10 Euro“.
Kein Scherz.

* * *

Daß nun ausgerechnet die süddeutsche Zeitungs-Tschibo-Filliale Hand in Hand mit
„Spex“, die ja bekanntlich für Geld auch alles machen inklusive der Vermischung
journalistischer und werblicher Inhalte, daß nun ausgerechnet SZ und Spex also
unzufrieden sind mit dem Zustand des „politischen Pop“ in Deutschland, der
„merkwürdigerweise fast nichts mit der Gegenwart zu tun“ habe, und daß die Spex
sogar so weit geht, sich nicht zu entblöden, einen Wettbewerb für „neue
Protestsongs“ auszuschreiben, ist schon eine drollige Verarsche. Und daß sowohl
Süddeutsche als auch Spex ihre Artikel ausgerechnet an Bob Dylan aufhängen („Bob
Dylan wird 70, der Protestsong ist abgemeldet“ titeln die einen, „nach
den Auftritten Bob Dylans in Peking und Shanghai war es wieder da, das Gespenst
des politischen Pop“, raunen die anderen), ist signifikant – ganz so, als
ob Bob Dylan, der längst für Papst, Damenunterwäsche und Pepsi singt, noch
irgendeine Protest-Relevanz haben würde (und das ist jetzt unabhängig von
seinem Rang als Songwriter, versteht sich).
Natürlich fragt man sich, warum der Zorn, der angesichts der Weltenläufe mehr
als berechtigt wäre, hierzulande so gar nicht in der Popmusik zu hören ist –
während Bands wie die Gang of Four oder die Mekons ebenso die Katastrophen der
modernen Welt thematisieren, wie es sogar Alison Krauss tut. Während
hierzulande ein Sven Regener im „Musikexpress“ in bräsiger Selbstzufriedenheit
und selbstgefälliger Saturiertheit sagt: „Es gibt keinen Zusammenhang
zwischen Politik und Kunst (...) Wir wollen Menschen mit Kunst glücklicher
machen. Wir sind nicht der verlängerte Arm der Volkshochschulen. Politik ist
nicht die Basis, das ist falsch verstandener Marxismus.“
Andrerseits: will man die Bots zurück? Texte von Dieter „das weiche Wasser“
Dehm? Heinz-Rudolf Kunze? Der übrigens 1988 nicht nur das von Dieter Dehm
geschriebene Parteilied der SPD auf deren Parteitag sang, sondern auch im
gleichen Jahr auf Einladung des Zentralrats der FDJ bei der sogenannten
„Friedenswoche der Berliner Jugend“ vor 120.000 Zuschauern auftrat, um das
damalige DDR-System zu stabilisieren, live im DDR-Fernsehen übertragen und von
Kathi Witt moderiert, während die DDR-Künstler, die eine andere DDR wollten,
das FDJ-Spektakel boykottierten. Mit solcherart Spagat qualifiziert man sich
hierzulande dafür, als einziger Pop-Künstler in der Enquete-Kommission „Kultur
in Deutschland“ des Deutschen Bundestags zu sitzen...
Natürlich gibt es Kai und Franz-Josef Degenhardt, Hannes Wader oder Ja, Panik,
klar.
Wer wie SZ und Spex allerdings allen Ernstes ein Revival des deutschen
politischen Pop, des Protestsongs fordert, hat kulturell und politisch
irgendetwas nicht so ganz mitbekommen. Mal abgesehen davon, daß der Pop
hierzulande doch längst politisch ist, als von der Initiative Poli...
Verzeihung, von der Initiative Musik geförderter Staatspop...
Etwa fünf Jahrzehnte nach der Hochzeit des US-Protestsongs nach einem Revival
des Protestliedes zu rufen, zeigt, daß man knappe fünf Jahrzehnte Entwicklung
von Popmusik und Zeitläufen nicht mitbekommen hat und ist ungefähr so
originell, wie wenn die Konservativen danach rufen, in Berlin das Stadtschloß
wieder aufzubauen. Laßt den Protestsong in Frieden ruhen. Und wer hierzulande
politische Musik hören möchte, der greife zu den Goldenen Zitronen, zu Ja,
Panik, oder zu Corazons „Scheißautoreferentialität“ (ich weiß, ich wiederhole
mich) oder summe den „Heimlichen Aufstand“ (den von Eisler, wohlgemerkt!). Und
lasse uns mit seinen abstrusen Feuilleton-Aufrufen bitteschön in Ruhe.

* * *

Die Literatur-Szene ist in Aufruhr. Es geht um das Engagement des Atomkonzerns
Vattenfall für die Hamburger „Vattenfall Lesetage“. Engagierte Autoren wie
Harry Rowohlt oder Brigitte Kronauer haben in einem Aufruf gegen die Lesetage
geschrieben: „Wir wollen nicht mehr dabei helfen, wenn
Energiekonzern-Lobbyisten sich mit einem Literaturfestival schmücken. Wir
weigern uns, durch unsere Arbeit das Image eines dreckigen Stromanbieters
aufzupolieren.“
Autoren wie Moritz Rinke oder Feridun Zaimoglu wollen allerdings weiter für
Vattenfall (bzw. für von Vattenfall gezahltes Bares...) lesen.
Das Sponsoring von Atomkonzernen ist nicht selten: RWE sponsort zum Beispiel
das Hamburger „Harbourfront Literaturfestival“, die Rhein-Energie AG
unterstützt die Lit.Cologne, und E.on ist Hauptsponsor des
„Schleswig-Holstein-Musikfestivals“ (und Vattenfall war übrigens auch in den
Jahren vor der Atomkatastrophe in Japan schon ein Atomkonzern...).
Natürlich kann man so tun, als ob alles egal sei. Wer etwas bezahlt, für wen
man spielt, singt und auftritt. Man kann für Gaddafi spielen oder für den
Papst. Man kann für Jägermeister auftreten oder für Pepsi, oder wie die braune
Brühe gerade heißen mag. Oder man kann wie weiland Neil Young festhalten:
„Ain’t singing for Pepsi, ain’t singing for Coke.“ Hatten wir schon.
Die Haltung der Künstler dieser Agentur ist im Prinzip sehr eindeutig: Keine
unserer Bands spielt direkt für Sponsoren, keiner unserer Künstler läßt sich
von sogenannten Markenartiklern finanzieren. Und wir sind stolz darauf,
derartig konsequente Künstler vertreten zu dürfen.
Ansonsten gibt es Varianten, wenn es darum geht, von welchen Firmen Events oder
Festivals finanziert werden, die unsere Bands einladen. Calexico zum Beispiel
treten generell nicht bei Festivals auf, die von Atomkonzernen oder
Zigarettenfirmen finanziert werden; sie haben es sogar geschafft, daß während
ihrer Auftritte bei Hurricane und Southside die Coca-Cola-Werbung von ihrer
Bühne verbannt wurde – man sieht also, Künstler sind angesichts des Sponsoringtsunamis
nicht ganz so hilflos, wie immer getan wird.
David Thomas, wir haben es bereits berichtet, schließt jedes Sponsoring seiner
Konzerte aus, für Bratsch ist es eine Selbstverständlichkeit, sich nicht von
Firmen finanzieren zu lassen. Und ein Künstler wie Bonnie „Prince“ Billy läßt
nicht einmal die beliebte Tournee- und Konzertpräsentation von sogenannten
Medienpartnern zu und erklärte dies ganz simpel: „Ich möchte nicht, daß auch
nur einer meiner Fans denkt, ich hätte etwas mit dem Musikmagazin zu tun,
dessen Logo auf meinem Poster steht. Ich will das nicht.“

* * *

Der Mann, der über Wasser gehen kann, hatte bei seinem Rücktritt noch
verlautbaren lassen, die Aufklärung seiner Plagiatsaffäre sei ihm ein
„aufrichtiges Anliegen“. Der seinerzeit quasi größtmögliche Aufklärer versuchte
dann, durch seine Anwälte die Veröffentlichung des Kommissionsbericht der
Universität Bayreuth über die Plagiatsvorwürfe unterbinden zu lassen. Der
Bericht kommt laut Medienberichten zu dem Schluß, daß Guttenberg bei seiner
Dissertation bewußt getäuscht haben müsse – ein simpler Betrüger also... Erst
durch die öffentliche Entrüstung pfiff der Mann, der über Wasser gehen kann,
dann seine Anwälte wieder zurück. Um nun mitzuteilen, seine Doktorarbeit sei
ein „Mißverständnis“, sozusagen.
Neulich ein Berliner Taxifahrer allerdings: „...der einzige gute Politiker, den
wir in den letzten Jahren hatten, mußte zurücktreten“... So ist das alles, die
da unten identifizieren sich immer noch mit dem, der in seinem Schloß weiter
oben ist als die meisten anderen...

* * *

Ich stoppe übrigens, wenn ein deutscher Songwriter oder eine deutsche
Popsängerin „tief in mir drin“ singt, ähnlich schnell den CD-Player, wie ich
das Fernsehen beim Wort zum Sonntag ausschalte. Geht gar nicht.
„Schmetterlinge im Bauch“ oder „die Seele baumeln lassen“ sagt man ja auch nur
noch in viertklassigen Fernsehfilmen (also zu bester Sendezeit bei ARD und
ZDF...).

* * *

Enthaltung im Sicherheitsrat bei der Entscheidung, Libyen zu bombardieren? Wäre
mit einem „grünen“ Außenminister nicht passiert. Da wurde von Serbien bis
Afghanistan bombardiert, was das Zeug hielt.
Während sie jetzt ein Land suchen, das Gaddafi aufnehmen könnte, ohne ihn an
den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag auszuliefern – ob diejenigen,
die sich das ausdenken, Angst haben, wegen Beihilfe ebenfalls in Den Haag
angeklagt zu werden? Schließlich haben Regierungen wie die Großbritanniens,
Frankreichs oder Deutschlands, also die Länder, die am meisten Öl aus Libyen
bezogen haben, über Jahre den mittlerweile Diktator nicht nur hofiert, sondern
ihm auch systematisch die Waffen geliefert, die Gaddafi jetzt gegen seine
Bevölkerung einsetzt.

* * *

Wer wissen möchte, was für eine Sorte von Demokratie hierzulande als
Exportmodell herrscht, der betrachte sich das Verfahren, wie ohne öffentliche
Diskussion und ohne jede parlamentarische Abstimmung das „Einheitsdenkmal“ von
Sasha Waltz und Johannes Milla durchgesetzt wurde – ein banales Designobjekt
für 10 Millionen Euro. Die vergoldete Baby-Wippe zeigt dabei recht anschaulich,
wie sich die Oberen unter Anführung von Kulturstaatsminister Neumann (CDU) die
Beteiligung der Bürger, ja, letztlich die „deutsche Einheit“ in Wahrheit
vorstellen: ein paar Bürger können die Einheitsschale betreten, und wenn sie
sich einig sind, können sie ein bißchen hin und her wippen (selbstredend nur in
einer vorgegebenen Richtung: immer um die eigene Achse...), und wenn sie die
Babywippe wieder verlassen, ist alles wie zuvor. Änderung, Beweglichkeit sind
nicht vorgesehen.

* * *

Susanne Messmer hat nicht nur ein Problem mit der deutschen Sprache, sondern
scheiterte in der „taz“ vergangener Jahre auch schon an eher einfachen Aufgaben
wie der Rezension eines Calexico-Konzertes (wir berichteten). So etwas
qualifiziert natürlich für höhere Aufgaben, in diesem Falle: für die
China-Berichterstattung, und für den taz-eigenen Beitrag an der Installierung
Ai Weiweis zu einer Art neuen Dalai Lamas.
Aufgabe Susanne Messmers war es, über die Vorstellung eines Essaybandes
„Konfliktkulturen“ zu berichten, den das Goethe-Institut dieser Tage
herausgegeben hat. Aber Messmer gefällt das, was sie hört, nicht: Der Autor
Abdel-Samad und die Regisseurin Waldmann schlagen vor, sich von der
Besserwisserei und Hochnäsigkeit früherer Tage zu verabschieden und andere
Kulturen zu achten. Das ist mit Frau Messmer nicht zu machen: „Die Kunst“,
schreibt sie, „fragt derzeit täglich, ob die Ausstellung „Die Kunst der
Aufklärung“ wegen der Verhaftung von Chinas bekanntestem Künstler Ai Weiwei
vorzeitig geschlossen werden soll.“
Schöner Satz. „Die Kunst fragt täglich“... Hat jemand die Kunst gesehen? Bei
wem sie an die Haustür klopft und fragt, der rufe bitte mal durch, ich würde
gerne mal mit ihr sprechen, mit „der Kunst“.
Doch nicht nur „die Kunst“, nein, auch „die Politik fragt dringend, wie
angemessen mit einer Großmacht umzugehen ist, die immer erfolgreicher und
aggressiver wird“. Fragen Politik und Kunst, diese beiden, die Frau Messmer
so genau kennt.
Natürlich kann man sich denken, was Susanne Messmer sagen möchte, auch wenn ihr
die Mittel dazu fehlen. Sie möchte „China mit harten Restriktionen unter
Druck setzen“ und stößt damit ins bereitstehende Horn – sie würde sagen,
„die Presse fragt...“
Aber so, wie niemand ernsthaft erwarten wird, daß bei all den „Brennpunkten“ in
der ARD, bei all den entrüsteten Berichten in der deutschen Presse zu Libyen,
zu Ägypten, zu Tunesien auch nur einmal ein kritischer Bericht zur Diktatur in
Saudi-Arabien oder zur systematischen Sklavenhaltung des Systems Dubai zu lesen
sein wird, so kann man, mit wenigen Ausnahmen, nichts über die Probleme lesen
und hören, die China wirklich hat. Die dreistelligen Millionenzahlen von
Arbeitsmigranten innerhalb des Landes. Die Frage der Arbeiterrechte – gerechte
Bezahlung, soziale Versorgung, all dies. Und mit welchen Mitteln westliche
Konzerne, von Apple bis Adidas, dazu beitragen, daß chinesische Arbeiter
ausgebeutet werden.
Aber ein Land wie "unseres", das für die Rechte Ausgebeuteter wenig
übrig hat, hat auch wenig Interesse, über reale Probleme zu berichten. Es geht
um Vereinfachung, um Individualisierung eines Problems, um das Kreieren einer
bürgerlichen Symbolfigur, mit der man Politik machen kann. Und zu diesem Behuf
hält man sich den einen oder anderen Journalisten – ob der oder die nun die
deutsche Sprache beherrscht oder gar politische Zusammenhänge begreifen kann,
darauf kommt es nicht an. Gefragt ist Ideologie, gefragt ist Selbstbestätigung
und Vereinfachung.

* * *

Daß sich der Bundesverband Musikindustrie, die GEMA, die „Spitzenorganisation
der Filmwirtschaft" (was es so alles gibt...die Hauptsache
"Spitze"!), der Börsenverein des Deutschen Buchhandels, der VPRT und
die „Allianz Deutscher Produzenten Film & Fernsehen“ zu einem neuen
Lobbyistenverband namens „Deutsche Content Allianz“ (Sprache können sie also
auch nicht) zusammentun, ist ungefähr so überraschend und berichtenswert, wie
wenn in China eine schwarzgebrannte CD im Regal umfällt. Was aber an
Dreistigkeit und Chuzpe kaum zu übertreffen ist, ist die Tatsache, daß ARD und
ZDF in diesem Lobbyverband mittun. Die WDR-Intendantin und derzeitige
ARD-Vorsitzende Monika Piel, auch sonst von eher beschränkter
Einsichtsfähigkeit, lamentiert allen Ernstes darüber, daß „die Leistung von
Inhalteanbietern und -produzenten in Vergessenheit“ gerate, und fordert, daß „bei
allen Entscheidungen und Weichenstellungen zur digitalen Entwicklung unsere
Positionen berücksichtigt werden müssen“. Es gelte, mit der
„Kostenlos-Kultur“ des Internets aufzuräumen.
Wenn man bedenkt, daß die Öffentlich-Rechtlichen jährlich 7 Milliarden Euro
Zwangsgebühren einnehmen, sind diese Forderungen von Frau Piel eine blanke
Unverschämtheit, wie überhaupt die Tatsache, daß ARD und ZDF an einem
derartigen Lobby-Verein mittun, dreist ist. Als ob die Inhalte, die ARD und ZDF
im Internet bereitstellen, nicht längst durch die Zwangsgebühren finanziert
worden wären, und als ob jährlich 7 Milliarden Euro Einnahmen allein durch
diese Zwangsgebühren keine „angemessene Rahmenbedingung“ wären...

* * *

Wie der „Perlentaucher“ meldet, geht die Schlacht um das Copyright weiter: „In
der EU drängen die Lobbyisten der Musik- und Filmindustrie darauf,
Internetprovider ohne jede richterliche Kontrolle als ihre private Copyright
Polizei benutzen zu dürfen und die 3-Strikes-Regelung EU-weit zu legalisieren“,
mithin also fundamentale Freiheitsrechte einzuschränken. Französische
Netzaktivisten von „La Quadrature du Net“ warnen vor Zensur und Persilscheinen
für autoritäre Systeme: „By encouraging the circumvention of judicial
authorities in order to set up direct blocking and filtering of the Internet
and its services, European decision-makers would be laying the ground for a
censorship infrastructure similar to that used for political purposes in
authoritarian regimes."
Die designierte  neue Urheberrechtsbeauftragte der EU, Maria Martin-Prat,
war übrigens jahrelang Lobbyistin für die Musikindustrie und hat sich in dieser
Zeit beispielsweise sogar gegen das Recht auf Privatkopie ausgesprochen.

* * *

Die SPD hatte im nordrhein-westfälischen Landtagswahlkampf gefordert, daß
„Dauer, Bezahlung und Anzahl von Praktika gesetzlich geregelt werden“.
Mittlerweile sind SPD und Grüne in NRW seit geraumer Zeit in der Regierung –
die Praktikanten in nordrhein-westfälischen Ministerien arbeiten allerdings für
umme – keiner der 62 Praktikanten erhält eine noch so geringe Vergütung.
Besonders pikant ist, daß das vom ehemaligen DGB-Landesvorsitzenden Schneider
geführte Arbeitsministerium ebenfalls keine Praktikantenvergütung bezahlt,
während das unter dem CDU-Vorgänger des Arbeiterführers noch der Fall gewesen
war...
Die erweiterte Version des Artikels von Berthold Seliger aus dem Feuilleton der
„Berliner Zeitung“ zum Thema Kultur-Prekariat, „Die Selbstausbeuter“, ist in
Kürze endlich unter „Texte“ auf unserer Homepage zu finden.

* * *

Was ist der Ausstieg aus der Atomenergie gegen den Ausstieg aus der staatlichen
Finanzierung der evangelischen und katholischen Kirche? Ein Kinderspiel!
Allein als sogenannte „Staatsleistungen“ haben die beiden Kirchen seit 1949
laut einer Untersuchung der „Humanistischen Union“ 14 Milliarden Euro vom Staat
erhalten. Im vergangenen Jahr erhielten die beiden Kirchen 460 Millionen Euro
als Staatsleistungen von fast allen deutschen Bundesländern, wie die „taz“
berichtete – plus Kirchenbaulasten und der staatlichen Finanzierung der
kirchlichen Tendenzbetriebe, von Kindergärten bis Alteneinrichtungen, durch
Transferleistungen der öffentlichen Hand.
Die Staatsleistungen an die Kirchen werden letztlich als Entschädigung dafür
bezahlt, daß die deutschen Länder beim sogenannten Reichsdeputationshauptschluß
im Zuge der Säkularisierung Kirchengüter erhielten. Das allerdings war vor mehr
als zweihundert Jahren, nämlich 1803. Zuletzt wurden diese Staatsleistungen
nach der Revolution 1918/19 vereinbart, als Übergangszahlung, eine Regelung,
die ausdrücklich "bald" beendet werden sollte. An eine Neuregelung
wagten sich Politiker weder während der Weimarer Republik noch in der BRD oder
der DDR. Ins Grundgesetz z.B. wurde nur der Passus der Weimarer Verfassung
übernommen. Und so zahlen wir weiter munter jedes  Jahr Hunderte von
Millionen Euro dafür, daß im Jahr 1803 Kirchengüter säkularisiert wurden...

* * *
Die Künstlerangebote, die uns im letzten Monat erreichten, waren so vielfältig
und abwechslungsreich wie das Leben. Da gab es eine Band, die uns ihr „kurzes
Demo“ namens „Fukushima – Atomkraft nein danke“ nahelegte – „Es war uns zum
ewig unleidigen Thema, eine Herzenssache dieses Lied, gewidmet den Menschen von
Fukushima, zu schreiben“, rumpelte es im Anschreiben vor sich hin; ich habe
mir den Song nicht angehört, fürchte aber, er klingt ungefähr so wie dieser
„unleidige“ Satz. Immerhin: „Der Song ist brandneu und wird hoffentlich auch
bei Ihnen Gefallen finden“, und „in den nächsten Tagen wird ein Bilder
Video unter youtube eingestellt“, sagen Sie also nicht, ich hätte Sie nicht
vor dem "Bilder Video" gewarnt.
Mein persönliches Highlight der unverlangt eingesandten Künstlerangebote war
allerdings „Giftdwarf“: „...stell Dir einfach vor, GRAVE DIGGER, BADESALZ,
REBELLION und FLATSCH stehen zusammen auf einer Bühne – METAL meets COMEDY“
– tschah, um mir dies vorzustellen, dafür reicht meine Fantasie leider nicht
aus.
Oder doch „A Tribute To Johnny Cash“? Denn die „spielten wie die Legende
selbst auch schon in vielen Gefängnissen und anderen Locations und begeisterten
dort!!!“
„Gefängnisse und andere Locations“...

* * *

Während die „Deutsche Gesellschaft für Ernährung“ davon ausgeht, daß ein
gesundes Schulessen mindestens 2,50 Euro pro Portion kosten sollte, hat der
Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg jetzt laut einem Bericht der „Berliner
Zeitung“ für seine Schulkinder Dumpingessen angefordert. Bei der aktuellen
Ausschreibung zur Vergabe des Auftrags für die Schulessen hat der Bezirk festgelegt,
daß das Essen sogar weniger kosten soll als in der Vergangenheit – das
angelieferte Essen darf höchstens noch 2 Euro kosten, so sieht es die
Ausschreibung vor. Der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg wird von den „Grünen“
geführt, verantwortlich für das Preisdumping beim Schulessen, bei dem eine
gesunde Mahlzeit nicht mehr angeboten werden kann, ist Bildungsstadträtin
Monika Herrmann von den „Grünen“.
Bildung, die sie meinen...

* * *

Stand in einer Beilage der „FAZ“ und wurde u.a. im „Hohlspiegel“ nachgedruckt:
„Eine gute Uhr muß nicht immer teuer sein. Wir zeigen lohnende Modelle unter 10
000 Euro.“
Ah ja.
Besonders hübsch allerdings das Interview mit dem Sportkommentator Marcel Reif,
der vor zig Jahrzehnten mal die Winzigkeit einer halben Sekunde lang als
brauchbarer Sportreporter, eben als Einäugiger unter lauter Blinden galt, bevor
klar wurde, daß er auch nur ein eitler Fatzke unter vielen in einer speziell
korrupten Branche ist.
Marcel Reif jedenfalls ist „Feuer und Flamme nicht nur für den Fußball,
sondern auch für Armbanduhren“ und findet „Alle meine Uhren sind sexy!“,
wobei er Vintage-Uhren wie etwa eine „Rolex Submariner“ bevorzugt und generell
meint, daß Armbanduhren „die Fortsetzung der Spielzeugeisenbahn“
darstellen, und genauso muß man sich wohl all die Männer vorstellen, die diese
teuren Armbanduhren kaufen, die allüberall inseriert werden: als geistige
Modelleisenbahner...
Am Ende des Interviews gibt Marcel Reif jedenfalls einen tiefen Einblick in die
deutsche Männerseele und in deutsche Männerfantasien des Jahres 2011:
„Es gibt wunderbare Geschichten mit Karl-Heinz Rummenigge, der ja auch sehr
uhrenaffin ist. Wenn ich weiß, daß ich im Vorfeld des Spiels mit ihm am Tisch
stehe, überlege ich mir sehr wohl, welche Uhr ich anziehe, und wähle gern eine,
die er vielleicht noch nicht hat. Dann ziehe ich ganz bewußt den Ärmel etwas
zurück, bleibe so stehen und warte ab. Nach zehn Sekunden hat er mein
Handgelenk gescanned, sagt aber nichts. Das sind herrliche Spielchen unter
Männern.“ Fürwahr. Köstlich.

* * *

Und wenn Sie sich wundern, in welches Land Sie am Freitag, dem 29.April,
hineingeraten waren, denn welchen Sender Sie auch eingeschaltet hatten, das
Fernsehen war gleichgeschaltet wie in Nordkorea und zeigte auf praktisch allen
Kanälen eine dubiose Prinzenhochzeit in England – ja, Sie waren immer noch in
Deutschland. Dem Land, dessen öffentlich-rechtliches Fernsehen Sie mit Ihren
Gebühren bezahlen. Und das nichts Besseres zu tun hat, seinen Bildungs- und
Kulturauftrag zu erfüllen, indem auf allen Kanälen eine Prinzenhochzeit aus
einer vordemokratischen Inselmonarchie stundenlang live übertragen wird.
Komplett gaga.
Wenn Sie vom gleichgeschalteten Prinzenhochzeitsfernsehen die Nase voll haben:
besuchen Sie unsere Konzerte! Dort werden Sie vielseitig und anspruchsvoll
unterhalten. Und ganz sicher ohne Prinzen dieser oder jener Provenienz, und
garantiert ohne Königshäuser. Ehrenwort.

14.04.2011

Und Ansonsten 2011-04-14

Wofür hält sich die bürgerliche
Presse ein Feuilleton? Unter anderem, damit sich in regelmäßigen Abständen
moralisch aufgeplustert werden darf. War Gaddafi für Politiker und Wirtschaft
hierzulande fast ein Jahrzehnt lang ein willkommener Ansprechpartner, erhielt
deutsche Wirtschafts- und Waffenhilfe, so ist er binnen Monatsfrist zum brutalen
Diktator, zum Gröfaz gewissermaßen mutiert. Wovon man vorher natürlich
keinsterlei Ahnung haben konnte. Und welche Rolle darf das Feuilleton spielen?
Tobias Rapp darf sich im „Spiegel“ damit großtun, was Springers „Welt“ auf der
Titelseite breit tritt: Popstars und Popsternchen wie Beyoncé, Lionel Ritchie,
Mariah Carey oder Nelly Furtado spielten für Millionengagen dem Diktator auf.
Was eigentlich nur beweist, was auch vorher schon jeder wußte: Für Geld tun
Popstars alles. Was man vom bürgerlichen Feuilleton natürlich nie nicht
behaupten könnte. Und wie wir alle wissen, haben alle Medien von „Welt“ bis
„Spiegel“ ja schon seit Jahr und Tag recherchiert und berichtet, welche
Popstars für die Gaddafi-Posse spielen... genauso, wie all die Politiker
jeglicher Coleur und Nationalität ja schon seit Jahren, ach was: seit
Jahrzehnten Sanktionen und Bomben gegen Gaddafis Libyen fordern – die Medien
waren bekanntlich jahrzehntelang voll davon...

* * *

Eine Bitte hätte ich in dem
Zusammenhang an die Medien: Wenn jetzt immer darüber berichtet wird, daß
irgendwelche „Altlinken“ die Bombardements in Libyen fordern würden – lassen
Sie das Wörtchen „Altlinke“ doch einfach weg. Mag ja sein, daß sich mal vor
Ewigkeiten als „Linker“ geriert hat, wessen politische Vorstellungskraft heute
nichts anderes kennt als das Bombardement von Libyen, möglichst mit
moraltriefendem Pathos, das kennen wir ja, daß sich mindestens Auschwitz nicht
wiederholen dürfe. Mit Linkssein allerdings hat das alles wenig zu tun. Und zum
laut Sarkozy und Cohn-Bendit „alternativlosem“ Militäreinsatz gegen Gaddafi
gibt es einige Alternativen – wie es in der Politik „immer einen dritten
Weg“ (Alexander Kluge) gibt. Selbst der ehemalige CDU-Politiker Todenhöfer,
der im libyschen Kriegsgebiet war und dort bei einem Luftangriff
regierungstreuer Truppen einen guten Freund verlor, bezeichnet die militärische
Intervention von USA, Frankreich und Großbritannien als eine „tragische
Niederlage der westlichen Politik. Die Bombenangriffe unterstreichen dieses Versagen
der Politik. Sie sind ein Feigenblatt, um vierzig Jahre Feigheit vor einem
psychopathischen Tyrannen zu verbergen (...) Bomben töten immer auch
unschuldige Zivilisten. Sie bergen stets die Gefahr einer unkontrollierbaren
Eskalation.“ Und Todenhöfer macht eine ganze Reihe sehr konkreter
Vorschläge, was die UN und die Politik leisten könnten, um dem Land wirklich zu
helfen.
Aber im Westen haben ja die Hardliner das Sagen: Leute, die Gaddafi noch vor
kurzem ihre Waffen verkauft haben (Sarkozy etwa); Länder, die ihr Öl aus Libyen
beziehen, lassen jetzt das Land bombardieren. Und man vergesse nicht den guten
alten Militärkeynesianismus.
„All das stinkt kilometerweit nach Heuchelei (...) Diese Länder sind uns
doch völlig egal. (...) Deshalb werden wir unsere Demokratie, unseren
Liberalismus, unseren freien Markt, unsere Zivilgesellschaft bis ans Ende der
Welt exportieren – solange sie nur alle bleiben, wo sie sind, solange sie in
ihren Hütten aus Lehm, Gras, Pappe oder Wellblech sitzen. (...) Wir schauen ohne
große Emotionen auf die arabische Revolte. Wir warten, bis sie verblutet. Wir
warten darauf, daß jemand dort endlich Ordnung macht. Im Grunde ist es uns
egal, wer dort die Macht übernimmt. Er soll sie nur endlich übernehmen und
stabilisieren. Wir können doch nicht bei jedem Besuch an der Tankstelle aufs
neue diesen Streß erleben.“ (Andrzej Stasiuk)

* * *

Die „Berliner Zeitung“ berichtete:
„Carsten Maschmeyer, Ex-König der Drückerkolonnen, hat Gerhard Schröder eine
Million Euro für Memoiren gezahlt“ und zog das Fazit: „Nichts Neues!“
In der Tat. Wobei ich schon finde, daß eine chronologische Anordnung der
bekannten Tatsachen eine gewisse bestechende Faktizität aufzeigt:
1998: Maschmeyer, „Chef des ebenso erfolgreichen wie schlecht beleumundeten
Finanzvermittlers AWD“, spendet 650.000 D-Mark für eine Anzeigenkampagne für
Gerhard Schröder, damals Ministerpräsident Niedersachsens: „Der nächste Kanzler
muß ein Niedersachse sein“.
1998: Gerhard Schröder (SPD) wird Bundeskanzler.
Als Bundeskanzler erklärt Schröder den Menschen, daß sie für ihre Rente selbst
vorzusorgen hätten, und schafft entsprechende Anlagemodelle („Riester-Rente“),
von denen u.a. der Finanzkonzern AWD profitiert (Maschmeyer hat den Ex-Minister
Riester, SPD, laut „Spiegel“ übrigens vertraglich an sich gebunden). Mehr als
14 Millionen Bundesbürger haben bis heute einen Riestervertrag unterschrieben.
2003 erklärt Maschmeyer in einem Firmenvideo: „2005 werden 10,9 Billionen Euro
in die private Altersvorsorge und Krankenversicherung bereitgestellt. Das ist
der größte Geldklumpen, der je angelegt wurde, und wir mittendrin.“
2004 erklärt Bundeskanzler Schröder als Ehrengast auf einer Tagung von
AWD-Managern: „Sie als AWD-Mitarbeiter erfüllen eine staatsersetzende Funktion.
Sichern Sie die Rente Ihrer Mandanten, denn der Staat kann es nicht.“
2004 darf Maschmeyer Schröder auf eine Auslandsreise nach China begleiten
(siehe weiter unten).
2005 wird Schröder abgewählt.
2005 zahlt Maschmeyer an Schröder ca. eine Million Euro für seine Memoiren, die
im Herbst 2006 erscheinen.
2008: Mit einer halben Million Euro fördert AWD-Vorstandsvorsitzender Carsten
Maschmeyer die Uni Hildesheim.
2009: Maschmeyer wird Ehrendoktor der Uni Hildesheim, ist „gerührt“ und „dankt
auch seiner Mami“ (laut „Hildesheimer Allgemeine Zeitung“). Die Laudatio hält
der damalige Ministerpräsident Christian Wulff („mich reizt der Mensch
Maschmeyer“...), der Monate später als Bundespräsident seinen Urlaub in
Maschmeyers Villa auf Mallorca verbringen darf.
2009 feiert Schröder seinen 65. Geburtstag „auf eigene Kosten“ („Spiegel“) in
Maschmeyers Hotel Seefugium. Und „wenn die Scorpions ein Konzert geben, nimmt
Maschmeyer den Ex-Kanzler schon mal in einem schwarzen Learjet mit“
(„Spiegel“).
2010 eröffnet Maschmeyer mit dem ehemaligen „Wirtschaftsweisen“ Rürup eine
Beratungsfirma, die Versicherungskonzerne und ausländische Regierungen in
Rentenfragen berät – China zum Beispiel... Ex-Bundeskanzler Schröder erklärt:
„Ich bin mit beiden Gründern persönlich befreundet.“
Noch Fragen?

* * *

Die „New York Times“ berichtet im
Nachruf auf den „Black Panther“ D.L.Cox von anderen Zeiten, nämlich von einer
Fundraising-Party mit Liberalen in Leonard Bernsteins New Yorker Appartement
zugunsten von zu Unrecht angeklagten Mitgliedern der Black Panther-Bewegung,
auf der D.L.Cox mit einigen anderen Mitgliedern seiner Bewegung auftauchte:
„Mr. Bernstein: „Now about your goals. I’m not sure
I understand how you’re going to achieve them. I mean, what are your tactics?“
Mr. Cox: „If business won’t give us full employment, then we must take the
means of production and put them in the hands of the people.“
Mr.
Bernstein: „I dig absolutely.““
Stellen Sie sich nur mal kurz vor, daß ein Christian Thielemann oder selbst ein
Simon Rattle sagen würde: „Klar, dem stimme ich völlig zu, daß Sie die Fabriken
übernehmen müssen, wenn Sie sonst keine Arbeit finden“, und Sie wissen, wie
weit die 60er Jahre des letzten Jahrhunderts in den USA von den 10er Jahren
unseres Jahrhunderts hierzulande entfernt sind. Und was einen Leonard Bernstein
von einem Christian Thielemann und all den anderen unterscheidet...

* * *

Die einen sagen so, die anderen
sagen so.
Eine Mitarbeiterin dieser Agentur sagte letzten Monat mit größter
Selbstverständlichkeit: „Die Zeit von Newslettern ist vorbei“, in Zukunft gebe
es quasi nur noch Blogs und sogenannte soziale Netzwerke. Fühlen Sie sich als
Leser dieses Newsletters also ruhig ein wenig als Fossil, so wie der Autor
dieser Zeilen...
Andrerseits sagt Moderatoren-Sternchen Katrin Bauerfeind, von der man eher das
Gegenteil erwartet hätte, diesen Monat auf die Frage „Facebook oder
Twitter?“: „Gerne nichts von beidem. Aber wenn, dann Twitter, denn Facebook
geht gar nicht.“
Facebook geht also gar nicht. Hm. Wenn Sie also unser Freund auf dem komischen
Gesichterbuch werden wollen... aber wissen Sie ja schon. Und wenn Sie weiterhin
lieber unseren Newsletter lesen – freuen wir uns umso mehr!

* * *

„Ain’t singing for Pepsi / ain’t
singing for Coke“, so sang Neil Young vor Jahrzehnten, als Michael Jackson den
bis dahin größten Sponsoring-Deal der Musikgeschichte mit einer der braunen
Brausen einging. Weit, weit weg... wer dieser Tage in Texas bei der SXSW war,
konnte u.a. feststellen, daß dort praktisch alle Popmusik irgendwie gesponsort
wird: Kanye West und Jay-Z, zwei der wichtigsten Popmusiker unserer Tage,
spielen gar nicht mehr im Rahmen der Musikmesse und des Festivals, sondern auf
einer eigens vom Autokonzern Fiat gebauten Bühne, einem eigenen
Werbe-Festival... Chevrolet sponsort das ganze SXSW-Festival, Miller Lite ist
das „Beer for the People“ beim Festival („Great Beer. Great
Responsibility“...), AOL präsentiert Künstler auf einer eigenen Messebühne
(„...first look at the next big thing“...), Pepsi ist die offizielle
braune Brause der SXSW („Pepsi Refresh Project: it has been a good year“...),
die Modefirma „Maurices“ präsentiert den „Girls rock Austin Showcase“
mit u.a. den Bangles, undundund... von den staatlichen Exportbüros (Kanada!
Spanien! Quebec! Frankreich! England! Wales! Australien! Deutschland, „Initiative
Musik rockt Austin – Wirtschaftsministerium zeigte sich sehr zufrieden“,
heißt es in einer Pressemitteilung...) ganz zu schweigen. Wahnsinn.
Wenn man sich die US-amerikanischen Verhältnisse betrachtet, weiß man, was auf
einen hierzulande noch zukommt. Und da ist der „Coke Sound Up Kick Off“ in
München diesen Monat nur der Anfang: „Der smarte Womanizer Pharrell Williams
und sein Buddy Chad Hugo produzierten schon als „The Neptunes“ Hits (...) Ihre
musikalische Handschrift ist speziell und einzigartig, das beweist auch das
mittlerweile fünfte Album „Nothing“, mit dem das Trio seinen „Future Pop“ noch
ein Lichtjahr weiter entwickelt hat. N.E.R.D spielen am 9. April die weltweit
erste Show des neuen Musikprogramms Coke Sound Up. Die exklusiv inszenierten
One-off Gigs überraschen durch einmalige, gemeinsam mit den Künstlern
entwickelte Specials und Aktionen, die das Konzert zum Once-In-A-Lifetime
Erlebnis machen und die spezielle Beziehung von Künstler und Fans in den
Mittelpunkt stellen.“
Aha.
Oder Becks sogenanntes Bier, für das nach Phoenix nun die unvermeidlichen
„Fantastischen Vier“ Werbung laufen. Wiglaf Droste hat es in einer Glosse in
seiner unnachahmlichen und unübertrefflichen Art auf den Punkt gebracht (leider
gekürzt):
„Beck’s Gold“ ist der Name einer Industriebrühe, die nichts mit Bier zu tun
hat und stattdessen nach Chemiebaukasten für Anfänger schmeckt. (...) Die
„Beck’s Gold“-Zielkundschaft betrachtet sich, wie man sich heute eben online
vor dem Spiegel sieht: als „freiheitsbetont und individualistisch“; das sind
die beiden Hauptneowörter für konsumfreudig und vollkonform. Die Plakatreklame
für das Pipi-artige Gesüppel – oder das artige Pipi-Gesüppel? – sagt dann auch
klar, wo es langgeht: „Sei dabei“. So ist die Welt beschaffen, in der Mitläufer
zu Vorreitern erklärt und als Avantgardisten verklärt werden, damit man ihnen
ein Avantgarde-Haarspray verkaufen kann – das aber auch als Getränk durchgeht,
denn als solches gilt „Beck’s Gold“.
Die immerfitten, allzeit bereiten Jungs vom Verkaufsförderungspop sind auch mit
im Boot: „ ... alles ist wie es ist?“, fragt die „Beck’s Gold“-Werbung – und
hat sogleich eine Waschmittelkopfantwort parat: „Gemeinsam mit den
Fantastischen Vier erfindet Beck’s Gold deine Welt neu.“
„Neu erfinden“ ist das Gegenteil von verändern und heißt: verkleiden. In
Pipi-Bier und Fanta vier fließt zusammen, was zusammengehört. Sogar das Bier /
heißt Fanta hier. – / Na dann Prost. / Doch gibt es auch Trost: Die Münchner
Agentur, die den PR-Schwindel für „Beck’s“ in den derzeitmodernen Klatschmedien
FaceBook, StudiVZ, MeinVZ et cetera organisiert, heißt Coma – Coma mit C, wie
Creativabteilung.“
Wir danken Wiglaf Droste für die Abdruckgenehmigung!

* * *

In der „Musikwoche“ werden „Die
Atzen“ anläßlich ihres neuen Albums als „Party-Philosophen“ im Geist
ausgerechnet der Beastie Boys bejubelt.
Wir haben dies zum Anlaß genommen, einen der Hits dieses Albums, „Strobo Pop“
von „Die Atzen“ & Nena, näher zu betrachten:
„Es flackert das Licht.
Dann kommt die Musik.
Auf der Tanzfläche herrscht Krieg.
Schwitzende Menschen.
Basstherapie. Wir machen Strobo Party.
STROBO POP. STROBO POP.
Ich hab voll das Brett vorm Kopf
Flattermann
Flimmerlicht
Ich seh dich nicht (...)
Alkopopper Strobopopper
Atzen sind viel viel bekloppter
Flacker Flacker
Atzen macht euch locker locker locker
Blitze in der Disco
Viele schwitzen ich so oben ohne
Ich kenne die Dame nackt die sagte
Zack die Bohne
Party machen nicht abkacken
Weiter lachen schnell aufwachen
Weiter zappeln weiter zappeln
Lasst uns heute den Club abfackeln (...)
STROBO POP. STROBO POP.“
Mal jenseits dessen, daß ich sehr dafür bin, daß Leute, die Krieg auf Musik und
abfackeln auf zappeln reimen, alle verfügbaren Literaturpreise dieser Republik
erhalten sollten – aber „Party-Philosophen“?!? Gewiß doch. Und DJ Ötzi ist
Theodor Wiesengrund Adorno auf Speed.

* * *

Der große
David Thomas beantwortete der Programmzeitschrift des Berner Clubs
Dampfzentrale die Frage „what is the importance of art in the society of today
as compared to the beginning of your artistic career?“:
„I'm not sure there's a difference in importance. The main difference, I'd
say, is that we are swamped by trivial sludge, pop culture noise and the notion
of the celebrity as arbiter of wisdom. This tsunami of dross takes up all
available space and time and minimizes the role and value of "true"
culture. By that I don't mean "high culture" - pop culture is as
important as "high culture" but even the value of pop culture has
been wiped away in the flood.“
Wir freuen
uns wie verrückt auf die Tour von Pere Ubu im Mai 2011!

* * *

Schön, wie vielfältig die beiden
führenden deutschsprachigen bürgerlichen Tageszeitungen, die „FAZ“ und die
„NZZ“, ihren Qualitätsjournalismus betreiben.
Am Mittwoch, dem 30.März, berichtet die Neue Zürcher Zeitung groß über
„innerkoreanische Gespräche um einen Vulkan“: „Während die Welt im Bann der
Erdbebenkatastrophe von Japan und ihrer Folgen steht, eröffnet ein anderes
Naturereignis neue Aussichten auf einen Dialog auf der koreanischen Halbinsel.“
Am Freitag, dem 1.April, berichtet die Frankfurter Allgemeine Zeitung groß über
einen „Geologendialog“ in Korea: „Während die Welt im Bann der
Erdbebenkatastrophe von Japan und ihrer Folgen steht, eröffnet ein anderes
Naturereignis neue Aussichten auf einen Dialog auf der koreanischen Halbinsel“,
heißt es in dem gleichgeschalteten Artikel.
Urheberin des einen wie des anderen Artikels ist eine Petra Kolonko, die in
Tokyo (bzw. mittlerweile in Seoul) sitzt, Agenturmeldungen liest und Fernsehen
schaut und darüber seit Jahr und Tag in NZZ und FAZ in praktisch
gleichlautenden Artikeln berichtet. Wie eine Tokyo-Korrespondentin für die
Spökenkiekerei der führenden bürgerlichen Medien in Deutschland und der Schweiz
verantwortlich ist, kann man im „Konkret“-Artikel „Pjöngjang im Kaffeesatz“ von
Berthold Seliger auf unserer Homepage unter „Texte“ nachlesen.

* * *

Tschah, irgendwie verlassen sie alle
Tokyo – und selbst der dunkelbraune, übelriechende  Zaubertrank der
Partygeneration scheint nicht mehr zu helfen:
„The Red Bull Music Academy 2011 will not be held in Tokyo“, erfahren
wir per Rundmail.

* * *

Ich darf an dieser Stelle noch mal
auf meinen Rundbrief vom September 2010 zurückkommen und an die schmierige
Anzeigenkampagne erinnern, mit der die Atomindustrie Lobbyismus für ihre Sache
betrieben hat. Vielleicht kann man die Herren Clement, Schily, Bissinger oder
Bierhoff mal fragen, was sie aktuell so von mehr Atomenergie halten, die sie
letzten Sommer noch so vehement vertreten haben...
Und ansonsten gilt: laßt uns die Firmen, die so massiv die Atomenergie
propagieren, boykottieren – ich wiederhole aus dem alten Rundbrief: „Mein
Vorschlag: man hänge die Liste in der Küche auf und boykottiere fortan die
Firmen, die die Unterzeichner der Kampagne vertreten - wer immer noch ein Konto
bei der Deutschen Bank hat - kündigen! Wer immer noch Strom der Atomkonzerne
RWE, Eon oder Vattenfall bezieht - es ist höchste Zeit, auf Ökostrom und
korrekte Energieanbieter umzusteigen! Bahlsenkekse schmecken sowieso nicht, man
greife zu den leckeren Plätzchen der Konditorei ums Eck oder in Ermangelung
derselben zum Beispiel zu den Produkten französischer Provenienz und erlebe,
wie ein Keks schmecken kann. Oetkers Fertigprodukte? Sowieso bäh. BASF, Bayer,
Metro (denen u.a. "Saturn" und "Media Markt" gehören), Gerry
Weber? Man weiß, was man zu tun hat“, wer dort bzw. deren Produkte einkauft,
fördert nicht nur die Atomenergie...
Es reicht nicht aus, alle vier oder fünf Jahre den Grünen die Stimme zu geben
und die Atomkraft-Nein danke-Sonne am Revers zu tragen!

* * *

Konzentrationsprozesse in der
Musikindustrie: nachdem CTS letztes Jahr Ticket Online gekauft hatte, bietet
„Live Nation“ jetzt laut „Wall Street Journal“ auch für „Warner Music“. „Live
Nation“ ist eine der größten Tourneefirmen der Welt und hat u.a. Madonna und
Jay-Z mit sogenannten 360-Grad-Deals eingekauft. Warner Music ist einer der
zwei kleineren der vier multinationalen Konzerne, die über 80% des weltweiten
Tonträgergeschäfts unter sich aufteilen.
Neben Live Nation bieten angeblich auch Sony Music Entertainment und BMG Rights
Management für Warner Music.
Das eigentlich Interessante an dieser Meldung ist jedoch: Allein im vierten
Quartal 2010 machte Live Nation laut „Musikwoche“ einen Nettoverlust von 124
Millionen US-Dollar, womit der Nettoverlust von Live Nation im Geschäftsjahr
2010 auf sage und schreibe 228,38 Millionen US-Dollar stieg. Eine Firma, die in
einem Geschäftsjahr mal eben 228 Millionen Dollar Verlust macht, bietet um eine
Firma wie Warner Music mit! Diese kleine Konzertagentur hier hat im
Geschäftsjahr 2010 dagegen erneut keinen Verlust gemacht – hey, wenn mir die
Banken mal eben 200 Millionen Dollar leihen, biete ich auch bei Warner mit.
Oder sollte ich doch besser ins Bietergeschäft um die EMI einsteigen?

* * *

„Dylans unwahrscheinliche Pop-Stimme
ist einer der Orte ihrer vollkommenen Materialisierung... nicht zu finden in
den Büchern unserer Top-Ten-Philosophie-Beamten... da ist eher kühles Valium...
verabreicht Lesern, die die Power des (sur)Realen nicht ertragen... den Klang
der Wirklichkeiten... Leute, die sich zu den Denkern flüchten... und denken, da
sei was... Entertainment für Anspruchslose.“
Klaus Theweleit in „How Does It Feel“

* * *

Heute Disko, morgen Umsturz,
übermorgen Landpartie!

01.03.2011

Und Ansonsten 2011-03-01

Und
warum klingt Popmusik heutzutage so beschissen? Und warum zerstören iPods und
Smartphones die Qualität von Musik? Und warum ist
Lo-Fi a thing of the past?
„Have you noticed? Pop music sounds shit these days. I’m not talking about
deficiences of playing, singing or writing (although doubtless these all play
their part). No, I’m referring strictly to sound quality. Compressed,
ProTooled, Auto-Tuned, and God knows what else, modern pop is engineered to cut
through on iPods, smartphones, computer speakers: it reaches the consumer’s ear
pre-shittified, essentially. Meanwhile, down in the underground, it’s the
opposite: everybody wants records to sound expensive. That makes perfect sense:
if the mainstream sounds cheap’n’nasty and chartpop hurts your ears, ideas like
lo-fi and Noise become meaningless.“
Simon
Reynolds in „Wire“ in einer Rezension des neuen Toro Y Moi-Albums

* * *

Im letzten Rundbrief erklärte Jens Balzer, wie tief Popmusik sinken kann.
In der „taz“ berichtet Christian Y. Schmidt, wie tief es auch geht: Da trällert
ein gewisser Neil Tennnat („Pet Shop Boys“) an einem Januar-Abend in Peking im
Neubau des Central Academy of Fine Arts Museums seine Lieder, veranstaltet von
Prada China „zur Feier der Tatsache, daß sich im vergangenen Jahr der Verkauf
von Prada-Produkten in China um sensationelle 51 Prozent gesteigert hatte. So
war ich einer unter zweitausend Reichen und Nichtganzsoschönen, die sich auf
Pradas Kosten ein Glas G.-H.-Mumm-Champagner nach dem anderen einverleibten.
(...) Ich fragte mich nur ein wenig bange: Wen oder was kauft China als
Nächstes? Den Papst? Stephen Hawking? Nabokovs Gebeine?“
„Ain’t singing for Pepsi, ain’t singing for Coke“, das war einmal. „Singing for
Prada in Beijing“ ist die Devise unserer Tage. Und im Vergleich dazu wirken Udo
Lindenberg und Silly, die für den Bundespräsidenten ein Ständchen singen, dann
wieder unglaublich popelig.

* * *

Wir freuen uns immer, wenn die zahlreichen Künstlerangebote, die uns so erreichen,
von Bands, Managern und Plattenfirmen klug ausgewählt und zielgerichtet
vorgenommen werden. Diese Agentur tut sich ja seit Jahren, ach was, seit
Jahrzehnten besonders auf dem Feld der volkstümlichen Musik hervor, insofern
war dieses Angebot bestens plaziert:
„Ich habe die Südtiroler Mander im Management... ein junges Duo mit reichlich
Bühnenerfahrung!“
Sie haben sogar „jetzt ihre erste CD am Markt!“ „Am Markt“ also... und wer eine
Bude am, oder wie Kafka geschrieben hat, „auf dem Markt“ hat, der muß brüllen,
klar. Beste Voraussetzungen für eine Zusammenarbeit also. Zumal „das Duo
bereits als Vorgruppe beim Kastelruther Spatzenfest spielte!!!“ Warum wir
dennoch von einer Zusammenarbeit Abstand nahmen und „die weiteren Details über
die Gage“ nicht mehr besprechen wollten, wird der Vorgruppe des Spatzenfestes
wohl ein Rätsel bleiben...

* * *

„FAZ und SZ wollen nicht zitiert werden“, schreibt „Spiegel Online“ am
16.2.2011. Die „Süddeutsche Zeitung“, die also zusammen mit der „FAZ“ gerade
den Rechtsweg einschlägt, um nicht mehr zitiert zu werden (ich finde, man tut
dem Ex-Doktor, „der über Wasser gehen kann“, vielleicht etwas unrecht, wenn man
ihn des Plagiats beschuldigt – er als der oberste Dienstherr aller Soldaten und
damit in Person Vertreter unbedingten Gehorsams hat wahrscheinlich nur in einer
Anwandlung vorauseilenden Gehorsams den „FAZ“-Aufsatz und all die anderen
geklauten Texte in seiner Doktorarbeit nicht als Zitat kenntlich gemacht...),
ich bitte, neu ansetzen zu dürfen: Die „Süddeutsche Zeitung“ also liefert uns
frei Haus ein gewaltiges Beispiel von gewaltigem Qualitätsjournalismus, in dem
sie einem unserer auf Tour befindlichen Künstler einen Fragebogen sendet mit
der Bitte um Beantwortung, aber pronto, sozusagen, denn der Herr Qualitätsjournalist
im Namen der SZ hat wenig Zeit:
„I’m writer for Süddeutsche Zeitung, the biggest German newspaper“, stellt sich
der Schreiberling etwas anmaßend und nicht ganz faktensicher vor. „I need the answers at. 3 p.m. (in 2 ½ hours). Do you think, xxx could answer
the questions until 3 o’clock?“
Die
Fragen sind sauber recherchiert und bilden ein verwegenes Beispiel der Klugheit
und Fragekunst der „größten deutschen Zeitung“:
„Where do you come from and what are you usually doing here? What are you looking for (in Munich)? What have you brought us? Which
person in Munich would you like to meet? Where do you rest your head? Which
cliché about Munich do you like best? What comes into your mind when you think
of Munich? How could Munich make you stay? How do you want to be remembered in
Munich?“
Qualitätsjournalismus,
den sie meinen...

* * *

Eigentlich hätte es die CD „The Secret Sisters“ in die Playlist dieses
Rundbriefes geschafft. Aber dann las ich auf der CD den bescheuerten Aufdruck:
„FBI Anti-Piracy Warning: Unauthorized copying is punishable under federal
law“, und ich hab das Teil auf den Müll geworfen.
Als Aushängeschild und Titelheld für die nächste Plakat- und Anzeigenkampagne
des Bundesverbandes der Deutschen Musikindustrie zum Thema „Raubkopierer sind
Verbrecher“ konnte, wie aus gewöhnlich sehr gut unterrichteten Kreisen zu
erfahren war, übrigens Freiherr zu Guttenberg gewonnen werden, der mit einer
ähnlichen Kampagne für die Aktion „Hart aber gerecht“ bereits Erfahrungen
gesammelt hat:

* * *

Und ein Mario Barth hat die Markenrechte an dem Uralt-Spruch „Nichts reimt sich
auf Uschi“ beansprucht. Richtig mit Marken- und Patentrecht und allem drum und
dran. Allerdings hat Barth, dem sein ganzes Leben noch nichts selbst
eingefallen sein dürfte, den Spruch natürlich nur geklaut... bzw., wie man
heutzutage sagt: in seine Doktorarbeit hineinkopiert. Vor 20 Jahren bereits
verwendete das „Frühstyxradio“ von Radio FFN den Spruch als Tour-Motto, und
Radio FFN hat jetzt beim Patentamt einen Löschungsantrag gestellt. „Niemand
soll sich an einem Spruch bereichern, der auf nahezu jedem Schulklo steht“,
heißt es beim Radiosender (die Schulklos scheinen auch nicht mehr zu sein, was
sie nie waren...).
Mario Barth spricht in einer ersten Stellungnahme von einer „abstrusen
Vorstellung“, daß er den Spruch geklaut haben könnte...

* * *

„Nothing is original.“ (Jim Jarmusch)

* * *

Laut „taz“ kam die Band Konono No. 1 im Februar 2011 „erstmalig nach
Deutschland“, was „man als kleines Wunder werten darf“.
Ich weiß nicht, ob die taz unter die Wundergläubigen geraten ist, oder nur wie
so oft schlecht recherchiert hat, oder ob die Fehlinformation dem
Tourneeveranstalter zu verdanken ist, aber, in aller Bescheidenheit: Konzerte
mit Konono No. 1 hat diese Agentur schon vor einigen Jahren hierzulande
veranstaltet, u.a. auf dem „Traumzeit“-Festival in Duisburg; ein WDR-Mitschnitt
ist der Beweis.

* * *

Ein neues kleines Kapitel „Dinge, die die Welt nicht braucht“: Der VUT, der
sogenannte „Verband unabhängiger Musikunternehmen“, hat „media control“ mit der
Erhebung einer eigenen Hitliste beauftragt, der sogenannten „Top 20
Independent“. Ein Blick auf die ersten deutschen „Independent-Charts“ macht
klar, was das für ein nutzloser Schmarrn ist: Auf Platz 1 befindet sich Adele,
die auch die offiziellen Charts angeführt hat – so what? Auf Platz 2 steht
Xavier Naidoo – ähem. Auf Platz 3 finden wir „Schandmaul“, auf Platz 5 „Prinz
Pi“, auf weiteren Plätzen David Garrett, Der W, Loreena McKennitt, Massiv
(„Blut gegen Blut 2“) oder ein „Stratovarius“.
Wer weiter oben gefragt hat, wie tief Popmusik sinken kann – der VUT weiß immer
noch eine Antwort, wie man das Niveau deutscher Musikindustrie auf „Unter Null“
verlegen kann.
Allein schon der Begriff „Independent“ ist ja längst vollkommener Blödsinn.
Independent from what? Längst gehören auch sogenannte unabhängige Firmen
transnationalen Konzernen an oder nutzen die Vertriebsnetze der multinationalen
Musikkonzerne – warum auch nicht? Und wenn VUT-Vorstand und Rechtsanwalt Benn
als Kriterium angibt, daß ein Indie-Unternehmen „inhabergeführt und nicht durch
ein Fremdunternehmen beherrscht“ sein soll – nun, das gilt im Zweifelsfall auch
für eine Nazi-Plattenfirma und scheint als Kriterium für „Independent“ doch
sehr mager, zumal sogar ein Branchen-beherrschender Großkonzern wie die DEAG
der VUT als „Indie“ durchgeht. Was also bedeutet heute noch „Indie“? Abgesehen
von einigen ehrenwerten Vertretern der Branche wie Stefan Vogelmann/Broken
Silence („Independent heute: Haltung. Ich verstehe unter Indie: sich für
Kulturgut einsetzen“...)  oder Thorsten Seif/Buback („Independent ist zu
einem schier endlos interpretierbaren Claim verkommen. Jungsbands, die
professionell ihre Befindlichkeiten besingen, sind genauso Indie wie Punks,
Rockabillys, Major-Plattenfirmen-Abteilungen, Kaiser Chiefs und und und.
Independent-Kultur, wie ich sie verstehe, läßt sich nicht in Charts und
Verkaufszahlen abbilden. Wir bieten abwegigsten und sperrigsten Musikarten, die
im besten Fall noch an einem Diskurs teilnehmen, eine Plattform.“), die
„Independent“ noch kulturell oder sogar politisch verorten, halte ich es mit
dem großen David Thomas/Pere Ubu, der in einer Titelstory mit „Wire“ mal sagte:
„The only difference between independent and major labels is that major
companies have a lot of money. I don’t buy any of that indie spirit camaraderie
and blah de blah de blah, and I don’t wanna be on a label that doesn’t wanna
sell records. I don’t wanna be your buddy. I want you to try to sell this damn
thing.“
Warum und wie eine Hitliste von Adele (die dies nicht braucht) über Xavier
Naidoo, Schandmaul, Prinz Pi, dem dumpfen Schmusegeiger David Garrett, „Der W“
bis hin zu „Massiv“ (die wir nicht brauchen) laut VUT „der Vielfalt nützt“ und
„der Kultur hilft“, ist ein Rätsel, das wohl niemand aufklären kann.
„Indiependent-Charts?“ Laßt es bleiben!

* * *

Im vorderen Teil der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ vom 13.2.2011
posiert Maria Furtwängler auf zwei Seiten als Modell der FAZ-Anzeigenkampagne
„dahinter steckt ein kluger Kopf“. Weiter hinten in der gleichen FAS ist eine
zweiseitige Personality-Story über Maria Furtwängler zu finden.

* * *

Im vom Feuilleton heftig diskutierten und meist gefeierten Buch „Der kommende
Aufstand“ hat auch das von Facebook mühsam stabilisierte kleinbürgerliche Ich
seinen komischen Auftritt – ein „Ich“, das sich stets „produzieren“ muß, um
seine Leere zu verbergen.
Lesen Sie ruhig „Der kommende Aufstand“, es lohnt sich. Und wenn Sie das Gefühl
haben, Ihr Ich sollte sich mal wieder reproduzieren: werden Sie einfach unser
Freund bei diesem komischen Facebook-Dingens!

* * *

„Verstecke sind unzählige, Rettung nur eine, aber Möglichkeiten der Rettung
wieder so viele wie Verstecke. Es gibt ein Ziel, aber keinen Weg, was wir Weg
nennen, ist Zögern.“
(Franz Kafka)

* * *

Das „Universal Presse Webteam“ hat etwas Erstaunliches, ja, „eine Sensation“ zu
vermelden: Lady Gaga veröffentlicht eine neue Single! Was für eine
Überraschung! Eine Popmusikerin schreibt Songs und veröffentlicht diese sogar,
einfach so! Wow. „Die Sensation ist jetzt perfekt“, in der Tat. Wir sind
beeindruckt.

* * *

In der „Berliner Zeitung“ stand anläßlich einer Detailanalyse des Hamburger
Wahlergebnisses ein hübscher kleiner Satz: „Auch auffällig: Kandidaten mit
Doktortiteln schnitten besser ab als nichtpromovierte Politiker. Wahlforscher
erklären das damit, daß kein Wähler all die vielen Kandidaten kennt – und sich
dann an sachfremden Dingen wie Doktortiteln orientiert.“
Ähem. Wo doch gerade aufgeklärt wurde, daß jeder dahergelaufene Hochstapler
hierzulande einen Doktortitel abschreiben kann – ob das die Wähler nicht
mitbekommen haben sollten?
Oder, um noch ein paar Hirnwindungen weiterzugehen: Der Baron lebt vom
„Schulterschluß mit dem Volk, das liebend gerne von einem wie ihm geführt werden
will“ (FAZ), von einem Adeligen, der quasi von Haus aus in einem Schloß auf dem
Berg wohnt und daher qua Geburt den besseren Überblick hat. Wie der Herr Baron
es dann geschickt vermag, sich als der Großkopfertsten einer an die Seite der
kleinen Leute zu stellen, gleichzeitig „gegen die da oben“ (deren einer er ja
ist), „gegen die arroganten Medien“, ja, „gegen den Zinnober, der da in Berlin
läuft“, als Identifikationshansel anzubieten und zu stilisieren, das ist schon
ein Meisterstück von Demagogie. Das natürlich nur Hand in Hand mit dem
Springer-Konzern gelingen kann – die Blödzeitung etwa titelte „Scheiß auf den
Doktor“ (am Rande sei gekalauert: würden wir ja gerne, liebe Blödzeitung,
würden wir ja gerne!) und macht sich neben der „Bunten“ seit Wochen für den
Betrüger stark. Das von Herrn zu Guttenberg geführte Verteidigungsministerium
zeigt sich übrigens dankbar und startet in „Bild“, „Bild am Sonntag“ und auf
„bild.de“ (und nur in diesen Springer-Publikationen!) eine teure
Anzeigenkampagne. Ein Sprecher des Medienkonzerns Axel Springer erklärte dazu,
Anzeigenabteilung und Redaktion arbeiteten bei dem Konzern „streng getrennt“.
Eh klar.

* * *

Seit langem geht unsereinem die Anzeigenkampagne für die Blödzeitung gewaltig
auf den Keks – vor allem aber wundert man sich, daß jeder, aber auch wirklich
jeder meint, dort mittun zu müssen mit mehr oder minder originellen Beiträgen.
Neben Leuten, die es nötig haben und von jeher jeden Scheiß mitmachen, also
etwa Mario Barth oder Sarah Connor, sah man bei dieser Kampagne von Marius
Müller-Westernhagen über Udo Lindenberg, Oskar Lafontaine, Veronica Ferres,
Thomas Gottschalk, Philipp Lahm und Alice Schwarzer bis hin zu Richard von
Weizsäcker etliche Personen Werbung für die Blödzeitung machen, von denen man
zwar vielleicht einiges, das dann aber vielleicht doch nicht erwartet hätte.
Es hat ewig gedauert, jetzt aber tat Judith Holofernes, Sängerin und
Songwriterin von „Wir sind Helden“, das einzig Richtige und Sinnvolle, was man
tun kann, wenn man von der Werbeagentur der Blödzeitung gebeten wird, bei der
Werbekampagne für „Bild“ mitzutun: Sie sagte nicht nur ab, sondern sie
veröffentlichte auch sowohl die Anfrage als auch ihre Absage und fand deutliche
Worte, die man sich so schon längst von anderen gewünscht hätte:
„Ich glaube, es hackt. Die laufende Plakat-Aktion der Bild-Zeitung mit
sogenannten Testimonials, also irgendwelchem kommentierendem Geseiere von
sogenannten Prominenten ist das Perfideste, was mir seit langer Zeit
untergekommen ist. (...) Selten hat eine Werbekampagne so geschickt mit der
Dummheit auf allen Seiten gespielt. Da sind auf der einen Seite die Promis, die
sich denken: Hmm, die Bildzeitung, mal ehrlich, das lesen schon wahnsinnig
viele Leute, das wär schon schick... (...) Die BILD-Zeitung ist kein
augenzwinkernd zu betrachtendes Trash-Kulturgut und kein harmloses „Guilty
Pleasure“ für wohlfrisierte Aufstreber, keine witzige soziale Referenz und kein
Lifestyle-Zitat. Und schon gar nicht ist die Bild-Zeitung das, als was ihr sie
verkaufen wollt: Haßgeliebtes, aber weitestgehend harmloses Inventar eines
eigentlich viel schlaueren Deutschlands. Die Bildzeitung ist ein gefährliches
politisches Instrument – nicht nur ein stark vergrößerndes Fernrohr in den
Abgrund, sondern ein bösartiges Wesen, das Deutschland nicht beschreibt,
sondern macht. Mit einer Agenda.“
Dank und Respekt an Judith Holofernes!
(und natürlich spricht es nicht für eine bestimmte Szene von mediengeilen
Musikern, Politikern und Prominenten, daß man ein eigentlich völlig
selbstverständliches Verhalten überhaupt erwähnen muß...)

* * *

Ein ganz besonderes Stück Dialektik fordert die Welt uns allen angesichts der
jüngsten Entwicklungen in Libyen ab. Ich meine nicht einmal, daß
merkwürdigerweise Kanzlerin Merkel, die Al-Qaida und Außenminister
wiehießerdochgleichwieder gleichzeitig den Rücktritt Muammar al-Gaddafis
fordern. Frau Merkel und Herr Westerwelle vertreten übrigens die Regierung, die
bis vor wenigen Tagen Militärhilfe an Gaddafis Libyen leistete, und die Gaddafi
noch im Dezember 2010 50 Millionen Euro Militärhilfe garantierte, damit Gaddafi
dafür sorgte, daß afrikanische Flüchtlinge nicht nach Europa gelangten...
Aber wenn Politiker Sanktionen gegen Libyen fordern – wie ist das dann genau
gemeint? Bedeutet es, daß wir plötzlich nicht mehr unsere Waffen nach Libyen
liefern sollen? (und wohin dann?) Es waren vor allem Silvio Berlusconi, Tony
Blair und Gerhard Schröder, die sich vor ein paar Jahren um ein neues, enges
Verhältnis zu Gaddafi bemüht haben. Milliardenverträge für Shell, BP, Siemens
und etliche andere Unternehmen waren die Folge. Die Autobahnen in Gaddafis
Reich wurden von Bilfinger + Berger gebaut. Gerhard Schröder beglückwünschte
Gaddafi bei einem Treffen anläßlich der Eröffnung einer Ölbohrstelle der
BASF-Tochter Wintershall: „Die Richtung stimmt!“
Und als erster bundesdeutscher Wirtschaftsminister war unser aller Baron zu
Guttenberg 2009 in Libyen. Während zu Guttenberg auch in Tripolis seine Frau
dabei hatte, „die im Sozialministerium Gespräche über Frauenfragen führt“ (FAZ)
(hab ich etwas verpaßt? Ist Frau zu Guttenberg irgendwie in eine politische
Funktion hierzulande gewählt worden, die sie berechtigen würde, im Ausland
Ministeriumsgespräche zu führen?!?), gab er der BamS-Reporterin Anna von Bayern
ein Interview und antwortete auf die Frage „ist es eigentlich okay, mit dem
Diktator Geschäfte zu machen“, ziemlich anti-sanktionistisch: „Ja. Gaddafi
bleibt eine schillernde Figur, aber er übernimmt zunehmend Verantwortung (...)
Manche sehen in ihm mittlerweile einen Partner bei der Bekämpfung des
internationalen Terrorismus (...) Unser Ziel ist es, daß deutsche Unternehmen
einen Teil der 20 Milliarden Euro bekommen, die Libyen in den nächsten Jahren
allein in Bildungs- und Infrastrukturprojekte investieren will.“
Aber wahrscheinlich ist das alles wieder ein Plagiat, bei Guttenberg weiß man
ja nie genau...

* * *

Der beste Kommentar zu Deutschlands „Teflon-Minister“ („Economist“), dem „so
schön kann doch kein Mann sein“ („Bunte“) allerdings stammt, finde ich, von
seinem fränkischen Widergänger (oder andersrum?) Lothar Matthäus:
„Ein Mann muß im Leben Entscheidungen treffen. Ob die dann richtig sind, stellt
sich oft erst hinterher heraus. Wenn man in Deutschland keine Probleme hat,
macht man sich welche. Und wer was Gutes für Deutschland tut, kriegt als Dank
meistens was aufs Maul.“
Danke, Loddar, für die präzise und tiefschürfende Analyse!
„Ein Mann muß im Leben Entscheidungen treffen“...

23.02.2011

Und Ansonsten 2011-02-23

Liebe
Musikjournalisten – das neue Jahr ist nun bereits 32 Tage alt. Es wird also
allerhöchste Zeit für eine eurer Lieblingsredewendungen: Es gilt, das „schon
jetzt beste Album des Jahres“ auszurufen! Oder wahlweise auch „ganz sicher
eines der wichtigsten Konzerte des Jahres“ oder „bestimmt eine der besten CDs
von 2011“. Wir warten gebannt.(und Jens Balzer, der in der „Berliner Zeitung“ vom 5.1.2011 das zu dem
Zeitpunkt nicht einmal erschienene - und in der Tat geniale - Album von James
Blake als „schon jetzt der Hype der Saison“ bezeichnet und nur zwei Wochen
später die Eröffnung der neuen Konzerthalle des Berghain zu, „wie wir jetzt
schon mal zu prophezeien wagen, dem popkulturellen Ereignis des Jahres in
dieser Stadt“ ausgerufen hat, sei allen ein leuchtendes Vorbild).

* * *

Wenn man die ganzen Jahresrückblicke in den Musikzeitschriften und Feuilletons
betrachtet, bekommt man einen Überblick über den embedded music journalism –
berichterstattet wird größtenteils, mal mit weniger, mal mit mehr Geschmack und
Können, über die Produktionen, die die Musikindustrie den Redaktionen frei Haus
zukommen läßt. Eine der interessantesten Veröffentlichungen des letzten Jahres,
die Doppel-LP „Another Nice Mess II“ von DJ Marcelle, habe ich dagegen nicht
nur in keinem Jahresrückblick gefunden, nein, bislang (...) wurde sie meines
Wissens auch von keiner Zeitschrift hierzulande außer von „Konkret“ besprochen.
Klar, diese LP ist auf einem kleinen (aber feinen!) Label erschienen, die
Auflage beträgt nur 500 Exemplare, wenn ich richtig informiert bin, und das
Label wird auch nur schwerlich Anzeigen schalten können, ist also für die
real-musikwirtschaftliche Verwertungskette eher uninteressant. Zudem ist die
Musik eine sehr eigene Mischung aus Dubstep mit experimenteller Elektronik, Dub
mit Sounds von Dampflokomotiven, Akkordeon mit Breakcore, man kann das
Flußrauschen der Donau ebenso hören wie Sounds von tschechoslowakischen
Demonstrationen – ein tolles Soundscape, eine spannende Musik, die da
entstanden und re- und ge-mixed wurde. „Ein beständiger Fluß von Improvisation
und Struktur“ (Hans Joachim Irmler). So könnte Mahler heute komponiert haben,
und kein Wunder, daß DJ Marcelle gern als „weiblicher John Peel“ bezeichnet wird.

Davon hätte ich gerne, liebe Medienpartner, in euren Publikationen gelesen!
Könnt ihr ja mal in Erwägung ziehen, wenn sich eure Aufregung über Hercules and
Love Affair (bedenkt: „theoretisch total gut inszenierter Discopop und schlau
und überspannt, praktisch auf Dauer aber auch ziemlich langweilig“, „FAS“)
etwas gelegt hat...

* * *

Die Zeitschrift „The Economist“ vom 22.1.2011 bringt die Welt sehr anschaulich
auf den Punkt:

„More millionaires than Australians“.

* * *

Anläßlich seines 100.Geburtstages gibt der Filmregisseur Kurt Maetzig der
„Berliner Zeitung“ ein Interview und sagt dort unter anderem:

„Mit dem Begriff Freiheit ist es ähnlich wie mit dem Begriff Demokratie. Man
sagt Demokratie und meint Kapitalismus. Es geht gar nicht um Demokratie in des
Wortes ursprünglicher Bedeutung, also um Volksherrschaft. Im Gegenteil: Die
Demokratie als Staatsform ist so kunstvoll konstruiert, daß das Volk möglichst
von den Entscheidungen fern gehalten wird. In der Wirtschaft, im Militär, in
der Justiz herrschen Autokratie statt Demokratie. Es sind in Wirklichkeit nur
begrenzte Gebiete, in der Demokratie wirksam wird, und selbst da nur partiell.
(...)

Solidarität ist im Bereich des Gesellschaftlichen das, was im Menschlichen die
Freundschaft ist. Solidarität ist der Lebensquell für die Menschheit.“

Herzlichen Glückwunsch, Kurt Maetzig! Ad multos annos!

Und das Kaninchen sind wir...

* * *

Ich glaube, man hat ein Problem, wenn man Minister zu Guttenberg mit den
üblichen medialen oder parlamentarischen Entrüstungs- oder
Skandalisierungsreflexen beikommen will. Natürlich ist es empörend, wie der
schneidige Adelige das Parlament im Unklaren läßt und einen Tag später, nach
einem Anruf der Blödzeitung, aktiv wird und den „Gorch Fock“-Kapitän kurzerhand
entläßt. Die Dreieinigkeit „Bild, BamS, Glotze“ als verbindliches Mittel der
Politik allerdings hat Gerhard Schröder eingeführt, Schröder hat vorgemacht,
wie man „ein Blatt als strategischen Partner“ („FAZ“) einsetzt, ganz so, wie
weiland „Bravo“, „Universal“ und „Tokio Hotel“ eine Allianz zum Erfolg des
jeweils anderen eingegangen sind.

Kritik daran wird an Teflon-Guttenberg abprallen. So werden Kanzler gemacht.

Das eigentliche Problem besteht in der Demokratieferne der öffentlichen und
Selbst- Inszenierung des adeligen Ministers. Der Adelige, der sich im wahrsten
Sinn des Wortes herabläßt, von seinem Schloß auf dem Berg – wo die Adeligen
wohnen und einen besseren Überblick zu haben pflegen – hinunter in die
Niederungen der Politik zu begeben. Ach wo, der „Nebenerwerbsmonarch“
(Küppersbusch), der gewissermaßen vom Adel abgestellt wird, um mal in der
Politik – „das hätten wir eigentlich gar nicht nötig“... – aufzuräumen. Ja kann
denn Guttenberg sogar über Wasser gehen (fragte die „Bunte“)? Yes he can! Und
genau das ist die Inszenierung zu Guttenbergs – er ist nicht etwa so etwas
Banalem wie irgendeinem Parlament verpflichtet, sondern einzig sich selbst und
seinem Stand. Nur – wie will er Kanzler werden? Die werden hierzulande pro
forma immer noch gewählt, nicht ernannt...

* * *

Ärgerlich: In einem großen Artikel in der „FR“ erinnert sich Arno Widmann an
taz-Gründer Dietrich Willier, der als Lehrer an der Odenwaldschule jahrelang
Kinder mißbraucht hat. Widmann beschreibt die pädophile Propaganda in den
frühen Jahren der „taz“, in der er Redakteur war, und dann kommt dieser
bezeichnende Satz:

„Es wäre wichtig nachzusehen, wie sich Dietrich Willier in den
Auseinandersetzungen zur Pädophilie äußerte.“

In der Tat, lieber Arno Widmann, es wäre wichtig, dies nachzusehen und nachzulesen.
Warum haben Sie es nicht getan? Warum ergießen Sie sich stattdessen lang und
breit in persönlichen und vagen Erinnerungen? Warum begreifen Sie als
Weggefährte Williers es nicht als Verpflichtung, wenigstens jetzt mal so etwas
Altmodisches wie eine Recherche vorzunehmen und sich kundig zu machen? Das wäre
ein akzeptabler Artikel gewesen!

* * *

Da kann sich „eine Phalanx von“ (durchaus eher konservativen und liberalen)
„Jura-Professoren gegen eine weitere Verschärfung des Urheberrechts aussprechen“
(„FAZ“), da können noch so viele Gesetze für die digitale Welt hierzulande und
andernorts scheitern oder von Gerichten als verfassungswidrig gegeißelt werden,
da können unabhängige Studien noch so sehr eindeutige Ergebnisse liefern,
unabhängige internationale Zeitschriften von der „New York Times“ bis zum
„Economist“ können noch so sehr die allgemeinen Probleme der Plattenindustrie
nüchtern beschreiben – nein, Manfred Gillig-Degrave, der geschätzte
Chefredakteur der „Musikwoche“, betätigt sich weiterhin in seinem Lieblingsjob
als Unke von Berg am Laim und schreibt praktisch Woche für Woche wie eine
tibetanische Gebetsmühle einen donnernden Appell nach dem anderen für ein
scharfes, verschärftes, hartes, härteres, unerbittliches, Sarkozyhaftes neues
Urheberrecht, weil einzig ein solches neues, verschärftes, härteres
Urheberrecht die Musikindustrie und mithin die Welt retten kann und wird.

Die Konzerne werdens ihm danken und Anzeigen schalten. Der Rest der Welt gähnt
und stellt fest, daß in China gerade eine selbstgebrannte CD im Regal umfällt.

* * *

„Udo Lindenberg und Silly spielen in der Schinkelkirche Neuhardenberg dem
Bundespräsidenten ein Ständchen (tiefer kann Popmusik kaum mehr sinken).“

Jens Balzer in der „Berliner Zeitung“

* * *

Eine gängige und gern verwendete Falschschreibung des Künstlernamens von Daniel
Kahn, die im Land des Philosemitismus tief blicken läßt: Daniel „Khan“. Als ob
das weil irgendwie „Weltmusik“ irgendwie ein Bollywood-Name sein müsse...

* * *

Die „Oscar“-Nacht steht bevor, die „Berlinale“ kommt:

„Preisfrage: Wer hat als einzige deutsche Filmschauspielerin den Oscar gewonnen
– und das gleich zweimal hintereinander?“ (Jüdische Allgemeine)

Nein, es war nicht Marlene Dietrich. Es war Luise Rainer. Die jüdische
Schauspielerin war von Max Reinhardt entdeckt worden, flüchtete vor den Nazis
in die USA, wo sie 1936 schon mit ihrem zweiten Film, „The Great Ziegfeld“
einen Academy Award als beste Hauptdarstellerin gewann. 1937 erhielt sie den
„Oscar“ erneut, für ihre Hauptrolle in der Pearl-Buck-Verfilmung „Die gute
Erde“.

Luise Rainer wohnt, inzwischen hundertjährig, in London. Warum wird die
jüdische Schauspielerin nicht z.B. von der Berlinale geehrt? Warum erhält sie
nicht einen Stern auf dem komischen „Boulevard der Stars“ auf dem Potsdamer
Platz? Dadurch wären wir, um es mit Brecht zu sagen, „alle geehrt“...

* * *

Sucht man bei „Buecher.de“ nach Theweleits bahnbrechendem Buch
„Männerphantasien“, folgt auf Platz 2 der Suchergebnisse „Traumfrauen der
Lust“, und auf Platz 4 „So befriedigen Sie Ihren Mann“. Digitale
Wirklichkeiten.

* * *

Christoph Dallach stellt auf „Spiegel Online“ die falschen, nämlich
hypothetischen Fragen:

„Stört es, wenn eine aufregende Frau daheim alle CDs der Betroffenheits-Rocker
Pur hat? Oder ein spannender Mann Kuschelrock von Chris de Burgh auf dem
i-Pod?“

Sorry: Eine Frau, die alle CDs von „Pur“ ihr eigen nennt, ist nicht
„aufregend“, ein Mann, der Musik von Chris de Burgh mag, kann nicht „spannend“
sein. It’s that simple.

* * *

„Wir selbstzufriedenen kreativen Künstler werden inzwischen als eine Art
Software eingesetzt. Es gibt ja die Theorie, daß wir uns alle einreihen bei den
großen Unterhaltungskonzernen, Content generieren, der wiederum Dinge
akkumuliert und Zielgruppen abschöpft. Wir finden das abscheulich. Alles ist
auf die Werbung ausgerichtet, man folgt einzig und allein der Spur des Geldes.
Und mit welchem Wort wird Kultur beschrieben: mit Content.“

Jon King („Gang of Four“) im Interview „Kapitalismus ist ein seltsames Biest“
mit der „taz“

* * *

„Allerdings kann man festhalten, daß die spannendste Popmusik dort entsteht, wo
es weniger um die Behauptung von Identität geht – hallo (Indie-)Rock! –,
weniger um Gewißheitsproduktion als darum, den Erwartungen und Grenzen von
Identität etwas, sagen wir, Unidentisches entgegenzusetzen.“   (Klaus
Walter)

* * *

„Auf der anderen Seite schreiben immer mehr Elektronik-Benutzer in Blogs, in
die viel Herzblut fließt, weil sie die Gedanken der Autoren an Milliarden von
Lesern vermitteln sollen – obwohl sie doch meist nicht einmal einen einzigen
Leser finden. Keine kältere Einsamkeit hat es je gegeben als die Illusion, über
Blogs mit der Welt verbunden zu sein, denn sie ist die Einsamkeit des
Universums.“  (Hans Ulrich Gumbrecht in der „NZZ“)

* * *

Und wenn Sie noch unsicher sein sollten, ob Sie unser Freund auf dem komischen
Facebook-Dingens werden wollen, switchen Sie doch einfach mal auf die Homepage
des Vatikan (press.catholica.va/news) und lesen Sie, was Joseph Ratzinger, von
Katholiken Papst Benedikt XVI. genannt, so zu den neuen Medien zu sagen hat:

„Die neuen Technologien ändern nicht nur die Art und Weise, wie man miteinander
kommuniziert, sondern die Kommunikation an sich; man kann daher sagen, daß wir
vor einem umfassenden kulturellen Wandel stehen. Mit dieser neuen Weise,
Information und Wissen zu verbreiten, entsteht eine neue Lern- und Denkweise
mit neuartigen Möglichkeiten, Beziehungen zu knüpfen und Gemeinschaft zu
schaffen.

Es zeichnen sich Ziele ab, die bis vor kurzem undenkbar waren, die aufgrund der
von den neuen Medien eröffneten Möglichkeiten Staunen hervorrufen und zugleich
immer dringlicher eine ernsthafte Reflexion über den Sinn der Kommunikation im
digitalen Zeitalter verlangen. Das ist besonders ersichtlich, wenn man das außergewöhnliche
Potential des Internets und die Vielschichtigkeit seiner Anwendungen bedenkt.
Wie alle anderen Schöpfungen des menschlichen Geistes müssen die neuen
Kommunikationstechnologien in den Dienst des ganzheitlichen Wohls des Menschen
und der gesamten Menschheit gestellt werden. Wenn sie vernünftig genutzt
werden, können sie dazu beitragen, das Verlangen nach Sinn, nach Wahrheit und
nach Einheit zu stillen, das die tiefste Sehnsucht des Menschen bleibt.

In der digitalen Welt heißt Informationen zu übermitteln immer öfter, sie in
ein soziales Netzwerk zu stellen, wo das Wissen im Bereich persönlichen
Austauschs mitgeteilt wird. Die klare Unterscheidung zwischen Produzent und
Konsument von Information wird relativiert, und die Kommunikation möchte nicht
nur Austausch von Daten sein, sondern immer mehr auch Teilhabe. Diese Dynamik
hat zu einer neuen Bewertung des Miteinander-Kommunizierens beigetragen, das
vor allem als Dialog, Austausch, Solidarität und Schaffung positiver
Beziehungen gesehen wird. Dies stößt andererseits aber auf einige für die
digitale Kommunikation typische Grenzen: die einseitige Interaktion; die
Tendenz, das eigene Innenleben nur zum Teil mitzuteilen; die Gefahr, irgendwie
das eigene Image konstruieren zu wollen, was zur Selbstgefälligkeit verleiten
kann.“

Auch sonst immer eine hübsche Lektüre, die Website des Vatikan, und erspart
locker ein „Titanic“-Abo...

Also, bedenken Sie das außergewöhnliche Potential des Internets! Stellen Sie
diese Schöpfung in den Dienst des ganzheitlichen Wohls der gesamten Menschheit!
Werden Sie unser Facebook-Freund! Nutzen Sie das soziale Netzwerk, um Ihr
Verlangen nach Sinn, Wahrheit und Einheit zu stillen! Aber Vorsicht – seien Sie
bei all dem bitte nicht zu selbstgefällig... rät von Herzen der bescheidene und
allzeit sehr demütige Verfasser dieser Zeilen:

02.01.2011

Und Ansonsten 2011-01-02

„Frohe
Weihnachten...“

Auf der Website der „Grünen“ lief tagelang ein Video mit dem Titel „Claudia
Roth & Cem Özdemir wünschen frohe Weihnachten“, und man fragte sich, wen
man nun ekliger finden sollte – die „grüne Gurke“ („taz“) Claudia Roth, per se
sozusagen, oder den schwäbischen Vorzeigemigranten, wie er sich an das
bürgerliche Wahlvolk ranwanzt und erzählt, was er die Tage vor „dem Fest“ so treibt,
„Postkarten schreiben, Weihnachtskarten schreiben...“

Doch schließlich schlägt das Pendel doch zugunsten von Claudia Roth aus – wie
sie tief betroffen und nachdrücklich und mehrfach „und wir wünschen euch
natürlich alles Gute zu Weihnachten“, „wir wünschen euch friedliche
Weihnachten“, „wirklich friedliche Weihnachten, wir wünschen euch das, was wir
uns auch wünschen, Besinnlichkeit, Ruhe“ – das allein reicht schon, um
angewidert zu sein – daß Claudia Roth dann aber allen Ernstes als Fernsehtip
das Anschauen von „Sissi“ empfiehlt, und dabei Taschentücher bereitzuhalten,
ist auf eine spießige Art derart unglaublich, wie man es selbst den Grünen
nicht zugetraut hätte.

 * * *

Und dazu passend: Die deutsche Politik war sich einig, daß Religionsführer Benedikt
XVI. bei seinem Deutschland-Besuch im September diesen Jahres auch im Bundestag
sprechen soll. Eine „große Ehre“ (CSU), ein „willkommener Gesprächspartner“
(SPD) – und Grünen-Politikerin Renate Künast pfiff ihre Fraktion, die sich
zunächst gegen die Papst-Rede im Bundestag ausgesprochen hatte, zurück: „Der
Papst ist eingeladen, das ist in Ordnung so. Da gehen wir hin, und zwar
respektvoll.“ Denn den Grünen „liegt am Herzen, alle Religionsgemeinschaften
gleich zu behandeln“ – Vertreter anderer Religionsgemeinschaften haben
allerdings bisher nicht im Bundestag sprechen dürfen. Oder spricht Benedikt
XVI. als Staatschef des Vatikans, so wie bisher die Vertreter anderer
Kleinstaaten, wie George W. Bush, Michail Gorbatschow oder Jacques Chirac? Und
wann darf der Präsident Liechtensteins im Bundestag sprechen?

 * * *

Interessante Umfragen: Fast alle Deutschen denken ökologisch. Als
„überzeugteste Verfechter von Naturschutz und strikter Umweltpolitik bekannten
sich“ laut „Berliner Zeitung“ „die jüngeren, moderner lebenden, besser
verdienenden Deutschen. Sie würden mit großer Mehrheit umweltschädliche
Subventionen sofort streichen und Gesetze zum Schutz von Natur und Klima
verschärfen.“ Allerdings: „die Vertreter dieser Gruppe, meist mit höherem
Einkommen, (...), wohnten im Grünen und würden mit mehreren Autos zu ihren Jobs
in der Stadt fahren. Im Urlaub könnten und wollten sie sich häufige und weitere
Flugreisen leisten. (...) Dadurch hinterlassen sie einen viel kräftigeren
ökologischen Fußabdruck als Rentner und Unterschichtler“. Die schärfsten
Kritiker der Elche...

Und die „Süddeutsche Zeitung“ berichtet von einer anderen Studie: „Je reicher,
desto rabiater“ lautet der Titel – „mit Toleranz gegenüber den schwachen
Mitgliedern der Gesellschaft, etwa Behinderten und Obdachlosen, Zuwanderern und
Arbeitslosen ist schnell Schluß, wenn sich Wohlhabende vom Abstieg bedroht
sehen“, zeigt die Studie des Bielefelder Forschres Wilhelm Heitmeyer. Bei den
Höherverdienenden nimmt demnach nicht nur die Zustimmung zu Islamfeindlichkeit
und zu Privilegien für die Alteingesessenen „besonders deutlich“ zu. Auch
„Fremdenfeindlichkeit insgesamt, Rassismus, Sexismus sowie die Abwertung von
Langzeitarbeitslosen“ sind bei den Wohlhabenden deutlich ausgeprägter als
früher. Heitmeyer spricht vom „eisigen Jargon der Verachtung, der sich in den
Eliten breitgemacht“ habe, von einer „rohen Bürgerlichkeit“.

 * * *

Beim sogenannten „Hamburger Kultursommer 2011“ spielen Schandmaul, In Extremo,
Wir sind Helden und Unheilig. „Hamburg“, „Sommer“ und „2011“ habe ich kapiert –
aber „Kultur“?

 * * *

Ich weiß ja, daß Namenswitze verboten sind, aber vielleicht kann man
nachvollziehen, warum ich schmunzeln mußte, als ich las, wer im Zeughaus-Kino
zu Berlin den Vortrag „Don Juan / Don Giovanni: ein europäischer Mythos“ halten
würde: Ein Thomas Macho.

 * * *

Wer im Feuilleton der „Süddeutschen Zeitung“ heutzutage über Bertolt Brecht
schreibt, muß Brecht nicht mehr gelesen haben, es reicht, wenn er den Lesern
weiß machen will, daß Brecht quasi ein schwäbischer Heimatdichter war. Also
hebt ein Stefan Mayr seinen Artikel über den Fund eines unveröffentlichten
Brecht-Fotos in Augsburg wie folgt an: „Ob Bertolt Brecht ein Kommunist war,
darüber wird noch bis weit nach dem Zusammenbruch der Regimes in Kuba und
Nordkorea diskutiert werden.“ Klar, die Lektüre der „Mutter“ oder der
Notizbücher wäre für einen bürgerlichen Feuilletonisten des Jahres 2010 zu
mühsam.

Behauptungsjournalismus aber ist erlaubt: Mayr schreibt, Brecht und seine
Freundin Paula Banholzer säßen „in einem großbürgerlich anmutenden Wohnzimmer
des 20.Jahrhunderts“ – auf dem Foto, das die Zeitung abbildet, sind neben vier
Personen, die für das anmutende Wohnzimmer von keiner Bedeutung sind, freilich
nur zu erkennen: ein Sofa. Ein Vorhang vorm Fenster. Ein Foto an der Wand.
Großbürgertum im frühen 20.Jahrhundert, wie es leibt und lebt also. Und der
Unterschied von Blöd- und süddeutscher Zeitung? In der Blödzeitung kommen 
die Fotos in aller Regel ohne Beschreibung aus...

 * * *

Es wird gemeldet, daß der ehemalige Volontär der „Fuldaer Zeitung“ und zuletzt
Feuilletonchef der „Zeit“, Florian Illies, in die Geschäftsführung des
Kunstauktionshauses Villa Grisebach eintritt, wo er für das 19. Jahrhundert
zuständig sein wird. Mit dem 21. Jahrhundert war er ja nun auch wirklich
überfordert...

 * * *

„In mancher Hinsicht verschaffen zwanzig Minuten Kampfgeschehen mehr
Lebensintensität, als man sie während eines Daseins zusammenkratzen kann, das
mit anderem beschäftigt ist. Der Kampf ist nicht der Ort, an dem man stirbt –
obwohl auch das geschieht –, sondern der Ort, an dem man herausfindet, ob es
einem gegeben ist, weiterzuleben. Die Kraft dieser Offenbarung möge niemand
unterschätzen. Und niemand unterschätze das, was junge Männer einsetzen, um das
Spiel noch einmal mehr zu spielen.“

„Es ist typisch für Kampfeinheiten, daß auf jeden physisch Verwundeten ein
psychischer Krankheitsfall kommt.“

Keine angenehme Lektüre, „War – Ein Jahr im Krieg“ von Sebastian Junger. Vor
allem, weil Junger aufzeigt, wie grausam der Krieg in Afghanistan ist, ein
Krieg zum Beispiel mit von der Schulter abgefeuerten Raketen namens „Javelin“ –
„jede Javelin kostet 80.000 Dollar, und die Vorstellung, daß so eine Rakete von
einem Mann abgefeuert wird, der diese Summe in einem Jahr nicht verdient, und
einen Mann trifft, der so viel in seinem ganzen Leben nicht verdient, ist
ungeheuerlich...“ – ein Krieg, aus dem junge Männer verhaltensgestört und
hochtraumatisiert ins „Zivilleben“ zurückkehren werden – ein Krieg, den Politik
und Medien hierzulande aus taktischen Gründen so nicht benennen. Und die Medien
hierzulande berichten nicht über diesen Krieg, sondern wälzen lediglich die
Frage, ob es korrekt war, daß „Frau Guttenberg an der Front“ („Blödzeitung) war
bzw. „Eine FREIFRAU an der FRONT“ (Großbuchstaben so im Original), wie es die
„Bunte“ nannte. Stillgestanden! Rechts um! Marsch!

* * *

„Da kann einem dann schon einmal ganz weihnachtlich zumute werden: wenn die
knapp tausend im SO 36 sardinenbüchsenmäßig aneinandergequetschten Slime-Hörer
(...) noch einmal das traditionelle Liedgut des Linksradikalismus anstimmen.
„Deutschland verrecke / Deutschland muß sterben, damit wir leben können!“ (...)
Würden mehr junge Leute auf Popkonzerten „Nein zu Sexismus“ und „Nein zum
Rassismus“ rufen statt bloß zu den trüben Takten von Bushido & Co. mit den
Extremitäten zu schaukeln – für den Fortbestand der Zivilisation wäre etwas
gewonnen.“

Jens Balzer in der „Berliner Zeitung“ in einer Rezension eines
„Slime“-Konzertes, in der er auch beschreibt, wie „im Getümmel“ vor ihm Dimitri
Hegemann „mit einem leitenden Angestellten des Axel Springer Verlags schunkelt,
der sich besonders an dem Stück „Linke Spießer“ erfreut.“

Eine andere Publikation des Axel Springer Verlags als die, für die der genannte
„leitende Angestellte“ arbeiten dürfte, freut sich am Slime-Konzert weit
weniger, sondern titelt anderntags über die Randale nach dem Slime-Konzert in
Kreuzberg: „Ist euch das Hirn gefroren? (...) Krawallnacht in Kreuzberg. Der
vermummte Mob...“

Der „leitende Angestellte“ des Axel Springer-Konzerns wird da schon beim
Weißweinschlürfen gewesen sein.

 * * *

Tapfer brüllt ein(e) Kito Nedo im Jahresrückblick-Heft der „Spex“ zum Thema
„Kulturoffensive Springer“: „Im April wurde Cornelius Tittel vom Berliner Kunstmagazin
Monopol zum Feuilleton-Chef der Springer-Gruppe ernannt und ist somit zuständig
für Welt, Welt am Sonntag, Welt Kompakt und auch die Berliner Morgenpost.
Tittel war, bereits bevor er 2007 zur Monopol ging, Kulturredakteur der Welt am
Sonntag und davor auch irgendwann mal bei der taz. Das Geheimnisvolle an dieser
Personalie aber ist, daß er schon im März 2002 in einem Ulf-Poschardt-Porträt
für die taz seinen neuen Arbeitsplatz liebevoll beschrieben hatte (...)

Das Grundproblem bei Springer ist der Geist des Hauses, der alle anderen
Verlagsprodukte kontaminiert (...) Man muß sich das Axel-Springer-Hochhaus als
einen verwunschenen Ort vorstellen.“

Das Geheimnisvolle an diesem Artikel ist, daß er verschweigt, daß auch der bis
vor kurzem Chefredakteur der „Spex“ seit Jahren regelmäßig für die
„Verlagsprodukte“ des Springer-Verlages schreibt, aktuell circa einmal
monatlich für die „Welt am Sonntag“, für die er etwa nach Venedig fahren
durfte, um dort einen ganz speziellen Cocktail zu beschreiben. Wenn da der
gewesene „Spex“-Chefredakteur mit der Bar in Venedig mal nicht liebevoll seinen
neuen Arbeitsplatz beschrieben hat...

Und was unterscheidet nun die beiden Journalisten-Ausbildungsplätze „taz“ und
„Spex“? Von taz zur Springerpresse dauert es anscheinend knappe acht Jahre. Von
der Nudelpresse „Spex“ in den Schoß der „Welt am Sonntag“ nicht mal Monate...
ach was, man kann sogar bequem gleichzeitig für Spex und Springer brabbeln –
„das Grundproblem ist der Geist des Hauses“...

 * * *

Karl Bruckmaier schreibt in einem überaus lesenswerten Nachruf auf Captain
Beefheart in der „Zeit“: „Animalisches stieg da auf, zugleich aber etwas
renitent der Moderne Verpflichtetes, Antireaktionäres, Unversöhnliches (...) Im
englischen „Guardian“ hieß es vor ein paar Jahren, ach, dieser Beefheart, den
hört, den guckt doch eh keiner mehr. Ich möchte dazu nur sagen, das merkt man
der Welt aber auch an.“

R.I.P., Captain Beefheart! (und von Karl Bruckmaier möchten wir mehr und öfter
lesen)

 * * *

Und wo wir schon dabei sind, für guten Journalismus (der bekanntlich selten
genug vorkommt, und das merkt man der Welt auch an...) unbezahlte Werbung zu
machen, hier noch der Hinweis, daß der Eintrag im Pop-Tagebuch des Eric Pfeil
(via FAZ.net) am 30.12. alle Berichte über bescheuerte Echo- oder
Wasweißich-Verleihungen der hiesigen Musikindustrie um viele Längen schlägt.

Am Tag danach notiert Eric Pfeil, was zu Facebook zu sagen ist:

„Pünktlich zum Jahresende, nach Monaten des digitalen Herumdümpelns in
lustloser Halbanwesenheit, habe ich endlich mein Facebook-Konto
deaktiviert.Dass ich Menschen, die bei Facebook an ihrem Nicht-vergessen-werden
schnitzen und wüst vor sich hinschnatternd und -plappernd dort öffentlich alles
ausbreiten, was ich nicht wissen will, skeptisch beäuge, habe ich ja hier
bereits dargelegt. Auch habe ich schon dem Standpunkt, dass die bei Facebook
gepflegte Freundschaftskultur noch schlimmer als jene ist, für die Menschen,
die keine Ahnung von Freundschaft haben, Wörter wie „Kegelfreund" oder
„Partfeifreund" erfunden haben, hier schon ausgiebig Ausdruck verliehen.
(...)Allerdings gibt es bei Facebook ja nicht nur plaudersüchtige Bipolare und
dauerhektische Haltlose, netzwerkgeile Nudeln und Community-Clowns, sondern
sogar ein paar Menschen, die ich für ihre Meinung, ihren Geschmack oder
manchmal gar für ihre seelischen Reize durchaus schätze und die mir immer
wieder versuchen, die vermeintlichen Vorteile von Facebook darzulegen. Einer
dieser Vorteile besteht angeblich darin, daß alle gleichzeitig zu allem etwas
sagen können. Ehrlich gesagt: Das ist meine Definition von Hölle.“

Konzertagentur Berthold Seliger ist konsequenterweise (wer jetzt meckert, „weiß
nicht um die süßen Wonnen der Widersprüchlichkeit“, wie Eric Pfeil sagen
würde...) natürlich ebenfalls auf dem bescheuerten Gesichterbuch zu finden:
www.facebook.com/AgenturSeliger

Neil Tennant of Pet Shop Boys Fame sagt dazu übrigens: „There's a sickly strain
of fake friendship which goes across the internet, which I find insincere and
dislikeable.“

Yep. Werden Sie also ruhig unser Facebook-Freund!

 * * *

Wenn in China Google mal nicht alles zeigt, was Google hierzulande zeigen
würde, ist das mediale und politische Aufgeheule groß. Daß aber im Land der
Freien permanent eine Zensur stattfindet, wird gern übersehen. Es geht um
kleinere wie größere Fälle – darum, daß ein Buch wie Mark Twains „Abenteuer von
Tom Sawyer und Huckleberry Finn“ nicht mehr im Original erscheinen darf und
längst aus absurden Gründen von den Lehrplänen der Schulen gestrichen wurde. Oder
es wird in Apples digitalem Bücherladen Melvilles „Moby Dick“ zensiert, weil
ein anstößiges Wörtchen namens „sperm“ den „sperm whale“ (Pottwal) definiert.
In der Apple-Version steht da jetzt „s... whale“. Man muß nun nicht gleich wie
in einigen Blogs von „Apple Gestapo“ schreiben – aber wenn man sich anschaut,
wie der reaktionäre Sektenführer des angebissenen Apfels nicht nur von „Stern“
bis Melville ihm als anstößig erscheinende Seiten und Apps zensiert, sondern
auch zum Beispiel aktuell die „Wikileaks“-App verbietet, dann muß man sich doch
sehr wundern, daß der Apfel immer noch als hip und toll gilt, wo doch klar ist,
daß diese Firma das offene Internet bekämpft und ansonsten nur darauf aus ist,
die Nutzer aus dem freien, unkontrollierten Netz in ihren ummauerten Garten
voller Bezahlinhalte zu locken.

(und, ja, dieser Text wurde auf einem Apple-Rechner geschrieben, die Welt ist
voller Wonnen der Widersprüchlichkeit...)

 * * *

Was tut aber Jean-Luc Godard, der letztes Jahr den Ehren-Oscar für sein Lebenswerk
erhielt, gerade? Er hat dem französischen Fotografen James Climent, der wegen
der „Verletzung musikalischer Urheberrechte“ nach dem französischen
„Hadopi“-Gesetz eine Strafe von 20.000 Euro zu zahlen hat, 1.000 Euro
gespendet, damit Climent seinen Fall vor den Europäischen
Menschenrechtsgerichtshof in Straßburg bringen kann.

Ein Sprecher des legendären Regisseurs betonte, Godard wollte eine symbolische
Geste zur Unterstützung des Angeklagten machen. Godard hat Climent dem
Vernehmen nach auch ein Bild eines Segelboot-Modells mit der Aufschrift
„Surcouf, Jean-Luc Godard“ geschickt – Robert Surcouf war ein Pirat (!) der
Meere zu Zeiten der französischen Revolution.

 * * *

Ergebnisse der jüngsten „Pisa-Studie“ in einer Grafik der „Berliner Zeitung“,
die sich auf die OECD-Länder beschränkt: „1. Südkorea 2. Finnland 3. Kanada 4.
Neuseeland 5. Japan (...) vorgerückt auf Platz 16: Deutschland.“

Ergebnisse der gleichen Pisa-Studie in einer Grafik der „Zeit“, die betont, daß
sich „an Pisa 2009 mehr Staaten als je zuvor beteiligt haben“: „1. Südkorea 2.
Finnland 3. Kanada (...) 20. Deutschland.“ Immerhin gibt die „Zeit“ zu, daß sie
nur „jene OECD-Staaten“ zeige, „die seit der ersten Pisa-Studie dabei sind“,
während mittlerweile „Dutzende weiterer Länder und Regionen an Pisa
teilnehmen“, und „Neuzugang Schanghai zum Beispiel im Lesen die Tabelle
anführt“ – nur, das findet sich in der Tabelle nicht wieder, weil man sich eben
dafür entschieden hat, die Tabelle so zu gestalten, daß China nicht vorkommt.
Aber Deutschland, bei der „Berliner Zeitung“ noch im Hurra-Stil „vorgerückt auf
Platz 16“ plötzlich nur noch auf Platz 20...

Ergebnisse der gleichen Pisa-Studie in einer Grafik der „FAZ“, als einzige
seriös unterteilt in drei Grafiken zu Lesekompetenz (dem Schwerpunkt der
Pisa-Studie), Mathematik und Naturwissenschaften:

„Lesekompetenz: 1. Schanghai (China) 2. Südkorea 3. Finnland 4. Hongkong
(China) 5. Singapur 6. Kanada (...) 20. Deutschland.“  „Mathematik: 1.
Schanghai (China) 2. Singapur

3. Hongkong (China) 4. Südkorea 5. Taiwan 6. Finnland 7. Liechtenstein (...)
16. Deutschland.“

„Naturwissenschaften: 1. Schanghai (China) 2. Finnland 3. Hongkong (China) 4.
Singapur

5. Japan 6. Südkorea (...) 13. Deutschland.“

Man mag von der Pisa-Studie halten, was man mag – wenn man aber über sie
berichtet, sollte man den Lesern schon mitteilen, daß in allen Bereichen der
Pisa-Studie „Schanghai (China)“ auf Platz 1 liegt. Was aber in einem
wesentlichen Teil der deutschen Presse nicht sein kann, weil es nicht sein
darf.

* * *

„Der Weg aus Armut und Ausgrenzung ist mühsam, aber zielführend.“

Ursula von der Leyen (CDU), Bundesarbeitsministerin

 * * *

„Emihosting im Auftrag von PUR“ lassen nicht locker und bieten eine Box für
limitierte Fans oder so ähnlich an: neben den drei bereits erschienenen
Live-Alben von Pur (die die Fans garantiert alle noch nicht haben...) und
„natürlich“ der neuen „Live – die Dritte (Akustisch)“ gibt es „obendrauf
exklusiv nur in dieser Box“ eine DVD „Pur & Friends auf Schalke“, ein
44-seitiges Fotobuch und, man halte mich fest, „ein PUR-Schlüsselband mit
nummerierter Membercard, welche die Seriennummer der Box enthält und als
Tickethalter bei Konzerten dient“ (scheinbar rechnet Emihosting im Auftrag von
Pur mit der fortgeschrittenen Senilität der Pur-Fans, die ihr Ticket nicht mehr
selbst festhalten können und dazu ein, ähem, Schlüsselband benötigen). Ganz
ehrlich: hätte ich mir fast zu Weihnachten selbst geschenkt, diese streng
limitierte PUR Fan Box. Wenn da nicht der Haken käme (paradise doesn’t bekanntlich
come without mistakes...), im letzten Absatz: in drei Boxen der Auflage nämlich
ist ein „Golden Ticket versteckt“ – „die glücklichen Finder dürfen mit einer
Begleitperson Pur hautnah erleben (...) auf einem exklusiven Sitzplatz auf der
Bühne!“ Das war mir dann doch zu riskant.

 * * *

„Meine Theorie über den Umgang mit Leuten von Plattenfirmen lautet: außer bei
gesellschaftlichen Anlässen nie persönlich mit ihnen reden, nie warm werden mit
ihnen, sich nie in das tägliche Gelaber hineinziehen lassen. Dafür läßt man
seine Leute für sich arbeiten. Wenn man Fragen über Budgets oder Werbung
stellt, wird man persönlich erreichbar für diese Burschen.“

Keith Richards, „Life“

 * * *

„Der sicherste Unterschlupf für Verfassungsfeinde ist derzeit ein Job im
Kabinett Merkel. Nach Art. 30 GG ist Polizei Ländersache, so wie diese
Regierung sich auch bei Wehrpflicht, Asyl, Verteidigungsarmee und anderem einen
Dreck ums Grundgesetz schert. Die Letzten, die aus Länderpolizeibehörden eine
nationale Polizei zusammentricksten, waren Himmler und Heydrich – mit Tumoren
wie Reichsicherheitshauptamt, SiPo und – ursprünglich Görings Folterwerkzeug –
der Gestapo. Interessanter Umgang, Herr Innenminister.“

Friedrich Küppersbusch in der „taz“ über Pläne des Innenministers de Maizière
(CDU)

 * * *

Musikindustrie – Rätsel über Rätsel. Das Künstlerangebot des Monats ist eine
Schlagersängerin, die „den 1. Preis“ gewonnen hat („nachstehend die
Pressemitteilung über (...) und den Gewinn des 1.Preises“, heißt es da).

Die Künstlerin holte u.a. 2009 „beim Weihnachtslied-Hitcontest im
Schlagerportal den ersten Preis. Die prominente Fachjury (EMI, Sony/BMG,
Universal Koch, GoldStarTV, Sepp Adlmann, Gustl Viertbauer u.a.) und Fans haben
sich hierfür entschieden“, heißt es in dem Angebot. Sie können sich unschwer
vorstellen, welch ungeahnten Reiz dieses Angebot auf mich ausgeübt hat, denn
schon lange finde ich, daß die Künstler dieser Agentur im
Weihnachtsliedgeschäft eine viel zu untergeordnete Rolle spielen (auch wenn
überraschenderweise ausgerechnet Lambchop bereits ein Weihnachtslied
eingespielt haben – wer bis zum 20.1.2011 per Email mitteilt, wie der Song
heißt und wann er eingespielt wurde, erhält eine gute Flasche burgundischen
Rotweins, unter Ausschluß des Rechtsweges, wie es bei PREISAUSSCHREIBEN so
hübsch heißt...).

Besonders gefallen hat mir jedoch der sagenhafte Absatz:

„Wir werden von dieser Sängerin noch sehr viel hören! Ihre Fangemeinde wird
immer größer, wie z.B. beim Schlagerportal, wo sie schon seit Monaten Platz 8
belegt, mit 1443 Voter und 113562346 Stimmen.“ Ja, Sie haben richtig lesen: das
sind über 113 Millionen Stimmen!

Puh.

Ich weiß nicht, wie EMI, Sony/BMG, Sepp Adlmann und Gustl Viertbauer zu diesem
Rundbrief stehen, ich hoffe aber sehr, dieser Rundbrief belegt auch bei Ihnen
seit Monaten Platz 8, und ich hoffe inständig, daß auch Sie als Leserin oder
Leser dieses bescheidenen Newsletters mit viel Stimmgewalt ausgestattet ins
neue Jahr gelangen – wenn auch vielleicht nicht gleich mit 7.869 Stimmen...

Alles Gute jedenfalls in 2011! Bleiben Sie uns gewogen!

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