13.11.2010

Und Ansonsten 2010-11-13

Das
Berliner Haus der Kulturen der Welt (HdKdW), eine Institution des Bundes,
kündigt die neue Auflage von "Worldtronics" an, "das Festival
für weltweite elektronische Musik", wie es im Ankündigungstext etwas
hölzern und grammatikalisch nicht ganz richtig heißt. "Wieder präsentiert
das HdKdW Popmusik jenseits von Europa und Nordamerika" (Hervorhebung BS).
Entsprechend beschäftigt sich der zweite von vier Abenden mit "Barcelona,
kuratiert von Detlef Diederichsen". Barcelona, eine Stadt eindeutig
"jenseits von Europa", wie jedes Kind weiß (und mal jenseits dessen
eine Stadt, von deren spannender zeitgenössischer Popmusik in Berlin sicher
noch nie jemand etwas gehört hat, weswegen es umso verdienstvoller ist, daß uns
die staatliche Institution endlich mit Popmusik aus Barcelona bekannt
macht...).
Der dritte von vier Abenden beschäftigt sich mit "Rußland", was
bekanntlich auch sehr weit "jenseits von Europa" liegt. Sind echte
Fachleute am Werk im HdKdW, und wenn sie sich mit Popmusik so gut auskennen wie
mit Geographie, sind interessante Erleuchtungen zu erwarten.

* * *

Eine andere Institution, die "Europäische Agentur für die operative
Zusammenarbeit an den Außengrenzen", kurz "Frontex" genannt,
verschleiert mit diesem hübschen Titel ihre eigentliche Aufgabe: nämlich als
europäische Institution systematisch und mit allen Mitteln (vornehmlich mit
solchen, die die Menschenrechte verletzen), die Zuwanderung aus ärmeren Ländern
nach Europa zu verhindern. Die Ausgaben für Frontex sind in den letzten fünf
Jahren von 6 Millionen auf 83 Millionen Euro gestiegen - Geld, das die EU zur
Absicherung der bestehenden Ungleichheit für die Festung Europa verwendet, um
Europa gegen Migranten zu verteidigen.
Mittlerweile stoppt die europäische Grenzschutztruppe mit Sitz in Polen nicht
mehr nur Bootsflüchtlinge im Atlantik und im Mittelmeer. Wie "Pro
Asyl" nachweist, handelt Frontex auch im Auftrag der Brüsseler Kommissare
direkte Polizei- und Rückführungsabkommen mit berüchtigten Regimes wie Libyen
aus.

* * *

In der "FAZ" wird dieser Tage die Legendenbildung um den
Suhrkamp-Verlag und um die Lektoren-Revolte von 1968 weiterbetrieben, die schon
anläßlich der Buchmesse vielerorts zu lesen war. Siegfried Unseld als der
unumstrittene Verlegerstar der Bonner Republik. Wer wissen will, was auf der
Buchmesse 1968 wirklich passiert ist, der sollte, nein: der MUSS "Sauna Luxemburg"
lesen, die siebte Folge der legendären Reihe "Schröder erzählt", die
Jörg Schröder und Barbara Kalender seit 1990 schreiben und selbst verbreiten.
"Sauna Luxemburg"
ist auf vielen Ebenen eine der besten Erzählungen, die ich über 1968, über die
Kulturindustrie, über Suhrkamp und Springer und Renegatentum und all das kenne.
Eine Pflichtlektüre sozusagen. Vor allem führt einem "Sauna
Luxemburg" drastisch vor Augen, worum einmal in dieser Republik gestritten
wurde, und mit welcher Kraft, mit welcher Ernsthaftigkeit es um "die
Dinge" ging. Die holländischen Provos, die "Surrealistentruppe"
(ab jetzt alle Zitate aus "Schröder erzählt"!), "an fünf Ecken
und Enden protestierten Gruppen, und das Gedröhne der Wortführer war heftig:
Karl Dietrich Wolff und Cohn-Bendit verlangten die Sozialisierung der
Buchmesse, Alfred von Meysenbug ihre Anarchisierung, Buchheim reklamierte eine
Messehalle für seine Sammlung, Bernward Vesper und ich wollten alles kippen,
verlangten die Schließung der Messe. Es wäre uns am nächsten Tag fast gelungen,
aber heute wurde erst mal abgesperrt, die Springer-Stände geschlossen: Die
Welt, Ullstein und Propyläen.
Mitglieder der Messeleitung wuselten geschäftig hin und her, besonders
Siegfried Unseld als Verlegerbeirat. Es gab einen kleinen Auflauf vor dem
Ullstein-Stand (...) ein Gerufe (...): "Enteignet Springer! Enteignet
Springer!""
Wer wissen will, wie das alles weiterging, der kaufe sich "Sauna
Luxemburg", das wird hier jetzt nicht verraten. Wie der holländische Provo
auf den Buchstand Springers pinkelte und dabei rief "Pinkelet auf
Springer!" Und wer ereiferte sich in seinem blauen Anzug gegen die
Demonstranten und "entschärfte die Konfrontation", wie es die
"FAZ" nennt? Eben, Siegfried Unseld.
Nun ja. Eine tolle Geschichte. Vor allem aber, wenn man sich vor Augen führt,
was damals los war, 1967 und 1968 auf der Buchmesse: Bei einem Treffen der
Gruppe 47 haben einundsiebzig Schriftsteller eine Resolution unterschrieben,
worin sie sich verpflichteten, künftig nicht mehr in Blättern des Springer-Konzerns
zu publizieren, und ihre Verleger aufriefen, ihre Bücher nicht länger bei
Springer zu bewerben. Die Verlagsleiter von Hanser, Luchterhand, Piper, Rowohlt
und sogar Suhrkamp stimmten diesem Boykott zu. Man stelle sich das eben auf das
Jahr 2010 übertragen vor: Einundsiebzig Popmusiker fordern ihre Plattenfirmen
auf, nicht mehr in Springers "Welt", im "Musikexpress" oder
im "Rolling Stone" ihre neuen Alben per Anzeigen zu bewerben! Und die
Chefs von Universal, Warner, EMI und BMG stimmen diesem Boykott kurzerhand zu.
Und man weiß, wie weit das Jahr 1968, in dem es noch um etwas ging, vom Jahr
2010 entfernt ist...
Und nebenbei bemerkt: heutzutage ist der Suhrkamp-Verlag ein Verlag der
Beliebigkeit, der sich vom Staat alimentieren läßt und der so ziemlich jeden
Schmarrn veröffentlicht, während zum Beispiel das jüngste Buch von Jacques
Rancière bei einem (tollen!) Wiener Kleinverlag, oder das aktuelle Buch
"The End of the Revolution - China and the Limits of Modernity" von
Wang Hui, dem wahrscheinlich wichtigsten und möglicherweise einflußreichsten
Philosophen und Theoretiker Chinas, erst gar nicht in deutscher Sprache
erscheint...

* * *

Zaha Hadid, Stararchitektin, macht in großen Anzeigen Werbung für die Schweizer
Bank UBS: "Zaha Hadid wollte nicht ruhen, bis sie die Architektur neu
erfunden hatte. Ebenso wenig wie Patrik Schumacher, ihr Geschäftspartner".
Unter dem Foto der standesgemäß in schwarz gekleideten und melancholisch
dreinschauenden Künstlerin ist zu lesen: "Bis meine Kundin weiß, daß sie
an erster Stelle steht. Bis ich weiß, was sie antreibt. Und was sie bremst. Bis
ich weiß, was sie morgens aufstehen läßt. Und was sie nachts wach hält. Bis sie
versteht, daß ich unablässig über ihre Investments nachdenke (selbst wenn sie
es nicht tut). Nicht nur im Büro. Auch in der Oper. Bei einer Grillparty. Im
Stau..."
Von ihrem Werbehonorar für diese Anzeige konnte Frau Hadid sicher wieder einige
"Investments" tätigen.
Der diesjährige Nobelpreisträger Mario Vargas Llosa, durchaus mittlerweile eher
der Neoliberalen einer, fordert dagegen vom Literaten, er müsse
"subversive Ideen verbreiten und Unzufriedenheit und Rebellion
schüren".

* * *

Und was denkt Jean-Luc Godard, der dieses Jahr den Ehren-"Oscar" für
sein Lebenswerk erhält, gerade? Im Interview mit "Les Inrockuptibles"
hält der Meister-Regisseur fest:
"Copyright really isn't feasible. An author has no rights. I have no
rights. I only have duties."
Der Autor hat keine Rechte, er hat Pflichten!
Hielten sich heutige Künstler verstärkt an diese Maxime, die Welt wäre
möglicherweise eine bessere...

* * *

Und der große Jerry Lee Lewis singt auf seinem soeben erschienenen genialen
Album zusammen mit dem großen Solomon Burke ausgerechnet eine gigantische
Version von "Railroad To Heaven". R.I.P., Solomon Burke!
(Fehler: nicht zum letzten Solomon Burke-Konzert gegangen zu sein; nicht zum
bisher letzten Auftritt von Jerry Lee Lewis gegangen zu sein; immerhin richtig
gemacht: dieses Jahr beim Konzert von Lady Gaga gewesen, dem quasi besten
Popkonzert, das ich bisher gesehen habe...)

* * *

Was aber macht Junker Jauch? Der Quizfragenaufsager, Besitzer etlicher
Potsdamer Villen und Verfechter des Religionsunterrichts ärgert sich laut
"Berliner Zeitung" über "mangelnde Transparenz beim Potsdamer Schloßprojekt".
Junker Jauch hatte der Stadt Potsdam vor knapp zehn Jahren das sogenannte
"Fortunator" geschenkt, das erste sichtbare Zeichen, daß an der
Stelle einst ein Barockschloß stand. Nun gibt es eine Baugrube, und Jauch
ärgert sich (vielmehr, er sagt der Presse, "er ärgere sich nicht",
was im Junkerton natürlich das Gegenteil aussagen soll), daß er über den
Fortgang der Bauarbeiten hinterm Bretterzaun so wenig erfährt wie jeder andere
Bürger auch. Wo der Herr Fernsehstar doch eher eine Behandlung gewissermaßen
als Preußenkönig oder doch zumindest eine Vorzugsbehandlung als
brandenburgischer Großgrundbesitzer wünscht.

* * *

Wie Stefan Niggemeier in seinem immer lesenswertem Blog schreibt, "es gibt
keine Originalitätspunkte", auf das tolle Video "White Nuckles"
der Band OK Go hinzuweisen - aber wer auf YouTube sieht, wie ca. bei Minute
2:30 Sänger und Hund sich "Give me five"-mäßig abklatschen, der wird
mit einem breiten Grinsen durch seinen Tag gehen.
Das Video ist übrigens hierzulande immer mal wieder gesperrt. Von EMI? Der
GEMA? Während hiesige Popsternchen sich jedenfalls nicht zu schade sind, zu
jedem Modethema, zu dem man ihnen ein Mikrofon vor den Mund hält, Belangloses
und Artigkeiten zum Besten zu geben, schreibt Damian Kulash von der Chicagoer
Band OK Go in einem Beitrag für die "Washington Post" zum Thema
"Netzneutralität" u.a.:
"Music is subjective, of course, so you don't have to agree with my
assessment of what's innovative and what's trash. But business is less so, and
the past decade of the music industry is as clear an example as you can find of
what happens when the depth of pockets, not the quality of ideas, is the
arbiter of success. It's been like a corporate version of the Three Stooges:
absurd flailing, spectacular myopia and willful ignorance of reality. Now that
the big record companies have made themselves obsolete, bands such as mine can
make a better living without their help than we can with it. The lesson is that
insider's clubs don't nurture the best ideas, which is the whole point of
markets: Competition is supposed to keep everyone on their toes. Sure, it's a
drag that the radio plays such bad music, but it won't sink our economy. Can
you imagine, though, what would happen if we let the same thing happen to ideas
themselves?"

* * *

Was haben die, so "Musikwoche", "Universal-Band Selig" und
die Band "Phoenix" gemeinsam? Beide werben für Bier. Und ausgerechnet
Selig beweisen dabei wohl den besseren (Bier-) Geschmack, sie kooperieren mit
"Köstritzer". Die Managerin der Band, Petra Husemann-Renner, erklärt:
"Jetzt sind wir glücklich, dafür genau im entscheidenden Zeitpunkt einen
Partner gefunden zu haben, der uns versteht und unterstützt." Und die
Produkt-Managerin von Köstritzer, Ute Muckisch, ergänzt: "Wir sprechen mit
der Band eine Sprache. Beiden Partnern geht es um das besondere Etwas. Und
daraus entstehen vielversprechende Ideen."
Wenn Sie jemals eine Band dieser Agentur entdecken, die sich von einer Bier-
oder Brausefirma kaufen läßt, dann dürfen Sie sich vertrauensvoll an den
Besitzer dieser Agentur wenden und ihm den Haken zeigen, an den er seine
Tourneeveranstalterkarriere hängt. Wenn uns nur noch eine Biermarke
"versteht und unterstützt", und wenn nur noch eine Biermarke
"mit der Band eine Sprache spricht", woraus "vielversprechende
Ideen entstehen", dann ist alles zu spät.
Es ist Herbst. Wer jetzt keine Flasche burgundischen Rotweines geöffnet hat,
der findet keine mehr. Und muß sich seine Tourneen von ner Bierbrauerei
finanzieren lassen...

* * *

Überraschung! Jetzt mach ich euch den Poschardt und erkläre, warum man im
Oktober quasi eher die FDP als die SPD wählen mußte. Es beginnt eigentlich ganz
sozialdemokratisch erfreulich: in der SPD haben Kirchenkritiker einen
"Arbeitskreis Laizistinnen und Laizisten" vorbereitet, der mit so
eigentlich selbstverständlichen Forderungen wie stärkerer Trennung von Staat
und Kirche, Neutralität von Gesetzen und öffentlichem Raum, neutrales
öffentliches Bildungswesen, Ablösung der Staatsleistungen an die Kirchen oder
der Abschaffung von Rechts-, Steuer- und Finanzprivilegien der Kirchen an die
Öffentlichkeit trat. So weit so gut. Aber was sagte SPD-Chef Gabriel dazu?
"Siggi Pop" stellte sogleich klar: einen derartigen Arbeitskreis
werde es in der SPD nie geben. Fordert mal ein Sozialdemokrat
Selbstverständlichkeiten, die in der Verfassung stehen, kann man sicher sein,
daß ein hoher Funktionär daher kommt und sagt, so sei das alles nicht
gemeint...
Der FDP-Generalsekretär Lindner, einer der höchsten Funktionäre der
Pünktchenpartei, schrieb dagegen in einem Artikel für die "FAZ", daß
in der Integrationsdebatte "religiöse Werte bedeutsamer als
republikanische" erscheinen. Das Christentum allerdings sei "ein
persönliches Bekenntnis und nicht die deutsche Staatsreligion". Tatsächlich
reichten die Wurzeln unserer Verfassungsidee bis zurück nach Athen und Rom,
ihre Prinzipien seien seit der Französischen Revolution erkämpft worden -
"oft genug gegen den Widerstand der Kirchen". Der FDP-Generalsekretär
weiter: "Die alten Prägekräfte von Religion und Nation lassen nach, neue
kulturelle und kosmopolitische Einflüsse nehmen zu." Diese Vielfalt sei
"ein Freiheitsgewinn, wenn wir die Frage nach der verbindenden Identität
republikanisch beantworten: Menschen unabhängig von Herkunft, Glaube oder
Geschlecht können als Bürger mit gleichen Rechten und Pflichten am politischen
Gemeinwesen teilhaben".
Außerdem kritisierte der FDP-Politiker das, was auch der nicht zugelassene
SPD-Arbeitskreis denkt, aber nicht öffentlich sagen darf: daß die
"Ministerpräsidenten mindestens formal an der Besetzung von Bischofssitzen
beteiligt" sei, "der Staat für deren Bezüge" aufkomme, und daß
der Staat auch zwei Jahrhunderte nach der Säkularisierung "jährliche
Donationen von gegenwärtig mehr als 450 Millionen Euro an die christlichen
Kirchen" zahle, "unabhängig von Kirchensteuer und weiteren
zweckgebundenen Zuwendungen".
Chapeau, Herr Lindner! So ist das heutzutage: man zollt Beifall, wenn ein
Politiker mal eine Selbstverständlichkeit ausspricht...

* * *

Da wäre man nur ungern dabei gewesen: Ben Becker sitzt in einer Berliner Kneipe
mit Udo Lindenberg. Am Nachbartisch entdeckt der Schauspieler Vicky Leandros
und spricht sie an. Irgendwann kommen "die Scorpions zur Tür herein"
und es wird ein arg lustiger Abend - am Schluß tanzt die Bagage auf den Tischen
und grölt "Theo, wir fahrn nach Lodz"...

* * *

Und aus unserer kleinen Reihe "Künstlerangebote, die die Welt nicht
braucht" diesmal ein ganz spezielles Angebot: Das "weltweite
Management" des "Topmodel Marcus Schenkenberg" weist darauf hin,
daß im Dezember des Topmodels "eigene Underwear-Collection"
"gelaunched" wird. "Im Rahmen der Vorbereitungen hierfür"
steht Schenkenberg "für Personell Appearances zur Verfügung".
Überzeugt Sie noch nicht so recht? Sie meinen, eine "personell
Appearance" sei ja wohl selbstverständlich, irgendwie? Warten Sie ab.
Erstens "steht Marcus Schenkenberg weltweit für Erfolg, Schönheit, Fitness
und Glamour", und wer wollte davon nicht abhaben?
Und wenn Sie jetzt immer noch zögern, dann wird Sie dieses Angebot des
"weltweiten Managements" doch wohl hoffentlich endgültig überzeugen:
"Gerne steuern wir 20-30 Models pro Event aus unserem Portfolio kostenlos
hinzu".
Haben Sie Interesse an einem Angebot? Wir vermitteln gerne den Kontakt.
Bis dahin stehen Ihnen unsere Künstler für "Personell Appearances" im
November 2010 wie eingangs dieses Rundbriefes beschrieben zu einem
wahrscheinlich günstigeren Preis (schauen Sie mal in den Ticketshop auf unserer
Homepage! per "print at home" verbürgt die preisgünstigsten Tickets
für unsere Konzerte!) zur Verfügung. Wir bedauern, daß noch nicht alle unsere
Künstler ihre eigene Underwear-Collection gelauncht haben, wir arbeiten aber
natürlich unermüdlich daran - immerhin können sie aber singen und Musik machen.

20-30 Models "aus unserem Portfolio" können wir allerdings nicht
kostenlos "hinzusteuern" - für "Schönheit, Fitness und
Glamour" müssen Sie, liebe Konzertbesucherinnen und -besucher und Sie,
liebe Medienpartner, auf unseren Konzerten schon selber sorgen!
Man sieht sich - darauf hofft sehr

09.10.2010

Und Ansonsten 2010-10-09

Am
Antikriegstag 2010 lag der "Berliner Zeitung" ein Prospekt bei, in
dem der neue Schuh von "Merrell" präsentiert wurde: Ein sogenannter
"Volks-Wanderschuh". "Eine gemeinsame Volks-Aktion von Merrell
und Bild.de."

* * *

Die "World Contamination Tour" von "My Chemical Romance"
unter dem Titel "Danger Days" wird auf schwarz-rot-goldenem
Hintergrund beworben. So etwas spielt in Berlin im vom rot-roten Senat
subventionierten Kesselhaus.

* * *

Laut "Chip" filtern über 40 Staaten weltweit das Internet - und
Deutschland, nicht China ist, man höre und staune, einer der Top-Zensoren. In
Googles "Zensurindex" liegt Deutschland weltweit auf Platz 2 hinter
Brasilien...

* * *

Wie Kulturfunktionäre so daherplappern im "Musikindustriesprech":
"...hat wider Erwarten enorme Energie freigesetzt (...) und uns letztlich
in die Lage versetzt, den Musikstandort Berlin besser aufzustellen (...) Wir
haben gemeinsam ein neues Format entwickelt (...) die Integration in einen
übergreifenden Auftritt aber ist ein Alleinstellungsmerkmal (...) dazu muß man
die Strukturen zunächst flexibilisieren, aus denen dann auch neue
wirtschaftliche Optionen erwachsen (...) Wir sind zusammen viel breiter
aufgestellt (...) haben wir jetzt ein arbeitsteiliges Konzept, was jeden
Partner für das freistellt, was er am besten kann und darüber hinaus Räume
öffnet, um die Potenziale dieser liberalen, kreativen Metropole authentisch
einzubinden (...) gleichwohl stehen wir mit unserem Portfolio ganz am Anfang
(...) die Protagonisten dieser Soundwelten leben hier, haben eine hohe
Spartenkompetenz mit authentischen Communities (...) unser strategisches Ziel
ist es, populäre Musik langfristig und nachhaltig als eines der zentralen
Themen des Landes Berlin zu positionieren (...) die Musikwirtschaft ist extrem
diversifiziert, aufgesplittet in Genres, Lager, wenige Majors und tausende
Indielabels plus diverse neue Akteure in der Wertschöpfungskette. Wir müssen
deshalb lernen, die Interessen aller Akteure der Musikwirtschaft zu evaluieren
(...) um unser strategisches Ziel zu erreichen, den Musikstandort Berlin mit
einem Leitevent in Deutschland zu etablieren, brauchen wir perspektivisch ein
umfassenderes Commitment des Landes Berlin..."
(Alle Zitate aus einem Interview der "Musikwoche" mit Olaf
Kretschmar)
Schon tragisch - da ist einer quasi auf dem "Karrierehöhepunkt",
bekommt ein mehrseitiges Interview in der "Musikwoche" - und es
fallen ihm nur abgegriffene Worthülsen ein. Sonst nichts. Gähnende Leere.

* * *

Die Veranstaltung "all2gethernow is hosting the Berlin Music Week
Conference" bewarb ihre Veranstaltung in Anzeigen mit so originellen
Sprüchen wie "Es gibt kein besseres Gefühl als bei 100 km/h aus dem
Tourbus zu kotzen. >> Join us in thinking ahead."

* * *

Da war man mal kurz in Urlaub, und perdautz, hat man doch glatt verpaßt, daß
die Wirtschaftsordnung dieses Staates kurzerhand umgestülpt wurde. Als ich in
Urlaub fuhr, nannte man es noch "freie Marktwirtschaft" (dazu ließe
sich jetzt viel sagen, ich weiß) - doch aus dem Urlaub zurück, scheint man es
Kommunismus zu nennen: In einer Podiumsdiskussion über die Berliner
Musikwirtschaft erklärt die Berliner Wirtschaftsstaatssekretärin, was das Land
Berlin bei der Förderung von Nachwuchsmusikern, aber auch zur Unterstützung der
Club Commission und der Musikfirmen alles tue. Worauf ihr, wenn man dem "Musikmarkt"
glauben mag, Eva Kiltz, die Geschäftsführerin des "VUT", des
"Verbandes unabhängiger Tonträgerfirmen", wie folgt antwortete:
"Man müßte die klassische Wirtschaftsförderung, Kulturförderung und
Stadtentwicklung enger verzahnen. Da fallen manche Unternehmen in ein
Förderloch."
Förderloch! Und ich Depp versuche immer noch, mit meiner Firma Gewinne zu
erwirtschaften, wovon ich dann Steuern bezahle, die usw. usf. Dabei geht es
doch im realen Sozialismus der Musikwirtschaft heutzutage anscheinend nur noch
darum, sich vom Staat ohne Förderloch und lückenlos finanzieren zu lassen. Ham
wa wieder alles falsch gemacht...

* * *

Die FDJ-Funktionärin Angela Merkel hat seinerzeit im Staatskundeunterricht
nicht aufgepaßt. Sie nennt eine "Revolution", was doch nur business
as usual ist: daß die Atomkonzerne doppelt verdienen: die Bundesregierung
beschließt die Verlängerung der Laufzeiten der Atomkraftwerke und macht ihren
Bückling vor der Atomlobby, und gleichzeitig senkt sie die geplante Steuer auf
die Brennelemente. Die Industrie hat hierzulande noch immer festgelegt, was die
ihr hörige Regierung für eine Politik zu betreiben hat.
Auch FDP-Chef Westerwelle, der von einer Regelung mit "epochaler
Bedeutung" brabbelt, ist nicht so richtig zu verstehen, handelt es sich
doch nur einfach um einen weiteren Beleg ständigen Kotaus vor den Lobbyisten,
die diese Regierung auf die eine oder andere Art und Weise pampern und pampert,
wie man will. Die Zeche zahlt wie üblich der Steuerzahler.

* * *

"Stammleser der "Men's Health" und des Schwäbischen Anzeigers
werden es längst wissen: The Drums sind tot, die Band der Stunde heißt Hurts.
Ich habe eben versucht, mir ihre in einer beispiellosen Kampagne ins
musikhörende Kollektivbewußtsein gedrückte Musik mal anzuhören. (...) Wollte
ich die Band nur leichtfertig schmähen (was legitim wäre), so würde ich nur
schreiben: Das Duo, auf das sich alle Langweiler vom "Wetten
daß...?"-Neue Musik-Scout über das Klamottengeschäftsdoofilein bis hin zu
La Roux-Fans einigen können, verkörpert alles, was ich an den Achtzigern eklig
fand. Alles, wogegen eine Band wie The Smiths mal angetreten ist."
Eric Pfeil in seinem Blog "Das Pop-Tagebuch"

* * *

Steven Patrick Morrisey, britischer Popsänger, hat seiner Rolle als britischer
Westentaschen-Sarrazin wieder einmal alle Ehre gemacht. Morrisey, der bereits
1992 brabbelte, daß "schwarze und weiße Menschen sich niemals leiden
können" und 2007 in einem Interview mit dem "NME" feststellte:
"Die britische Identität verschwindet umso mehr, je größer die
Einwanderung ist", weswegen er sich seinerzeit gezwungen sah, dem
Anti-Rassismus-Verein "Love Music Hate Racism" 34.000 Euro zu
spenden, dieser Morrisey hat nun die Chinesen als eine "Unterart"
("subspecies") bezeichnet. Den rassistischen Angriff begründete der
Popsänger mit Chinas schlechtem Umgang mit Vierbeinern.

* * *

Apple dagegen besiegt den Rassismus:
"Janelle Monae ist ein Kind des iPod, dessen Shuffle-Funktion kein Schwarz
und Weiß mehr kennt." (Tobias Rapp im "Spiegel", Sommer 2010)

* * *

Wer dachte, daß die Dämlichkeit, mit der Plattenfirmen ein neues Publikum für
klassische Musik zu gewinnen suchen, kaum mehr zu steigern wäre, der lese, wie
RCA eine CD namens "Ich mag immer noch keine Klassik, aber das gefällt mir
gut" bewirbt:
"Klassik für alle, die keine Klassik mögen!"
"Klassik ist eine Musik ohne Rhythmus - Musik geschrieben von den Toten
für die Alten, ich mag sie nicht."
"Aber Oh, das ist gut, was ist das?"
"Doppel-CD mit 35 unwiderstehlichen Melodien von Chopin, Grieg, Vivaldi,
Dvorak, Mozart, Haydn u.v.a."
Immer, wenn man denkt, Dämlichkeit und Dreistigkeit im Musikbusiness ließen
sich nicht mehr steigern, wird man eines Schlechteren belehrt.

* * *

Aus unserer kleinen Reihe "Künstlerangebote, die die Welt nicht braucht"
- im September erreichte uns dieses Angebot einer "finnischen
Vampire-Goth-Rock-Band aus Italien":
"Vier junge Italiener kredenzen melodisch-schmachtenden Gothic-Rock
finnischer Prägung mit gutem, charakterstarkem Gesang (...) Bei derart massen-
und mainstream-tauglichem Goth-Rock ist es bestimmt nur noch eine Frage der
Zeit bis die Jungs auf dem Cover der Bravo prangen (...) Besonders gelobt wird
die unverkennbare Stimme des Frontmannes und das solide Zusammenspiel zwischen
tiefgehenden Balladen und härteren Melodic Gothrock-Nummern."

* * *

Köln, berühmt-berüchtigt für seinen gleichnamigen Klüngel, war mal die
heimliche Pophauptstadt der Republik - Popkomm, Viva, Spex... wer was werden
wollte als Künstler, mußte in Köln spielen, damals, in den Neunzigern. Lange
vorbei - die Popkomm strauchelt jetzt in Berlin, Viva kann man längst
vergessen, Spex kann man auch vergessen, aber in Berlin, nicht in Köln - und
was haben sich Kölns Kommunalpolitiker ausgedacht, um gegenzusteuern? Eine
"Kulturförderabgabe". Ab dem 1.10.2010 erhebt die Stadt Köln im
Stadtgebiet eine sogenannte "Kulturförderabgabe" in Höhe von 5% des
Übernachtungspreises bei jeder "entgeltlichen Übernachtung", wie es
im Bürokratendeutsch so schön heißt, im Stadtgebiet. Dies gilt übrigens selbst
für sogenannte Tageszimmer, die Bands benutzen, die mit Nightliner-Bussen
unterwegs sind und Zimmer zum Duschen benötigen. Dem Kölner Veranstalter, der
eine US-Band in seinem Club spielen läßt, oder der Band, die die Zimmer selber
bezahlt, werden also 5% "Kulturförderabgabe" auf die Hotelzimmer
berechnet. Wahnsinn.
Ich würde sagen, die Stadt Köln tut einfach alles, damit immer weniger Bands
nach Köln kommen. Glückwunsch zu so viel Dämlichkeit!

* * *

Während in Stuttgart unter anderem die "Grünen" für ein
Bahnhofsgebäude kämpfen, das wie ein vorweggenommenes Nazibauwerk wirkt, obwohl
es doch schon 1928 fertiggestellt wurde. Aber eben kein Wunder - Architekt Paul
Bonatz nahm in seinem Bau des Stuttgarter Bahnhofs nicht zufällig typische
Elemente der NS-Architektur vorweg, er war ab 1933 ein führender Architekt des
NS-Staates, feierte den Autobahnbau ("Die Autobahn ist die sinnfälligste
Äußerung der Kraft des neuen Staates", in der von Fritz Todt
herausgegebenen Zeitschrift "Die Straße", 1934) und wurde 1937 in
einem Huldigungsband gefeiert: "Die Bauten der Reichsautobahn, deren
Berater P. Bonatz seit 1935 ist, (...) haben den Geist gemein, der auch für die
jüngsten großen Arbeiten bestimmend sein wird. Sie zeigen eine männlich ernste
deutsche Gesinnung, wie sie aus den großen Bauten des frühen Mittelalters zu
uns spricht."
Den schwäbischen Bahnhofs-Demonstranten und den einschlägigen Dutt-Trägerinnen
kann ansonsten geholfen werden: am 8.Oktober wird im Stuttgarter Aktionshaus
Nagel ein Märklin-Modell des Stuttgarter Hauptbahnhofs, Spur 1, Maßstab 1:32,
mit Innenbeleuchtung versteigert. Taxe 2500 Euro. Was wollen wir wetten, daß
der Preis noch durch die Decke geht?
Kleiner Wermutstropfen: nicht nur die bereits abgerissenen Seitenhallen fehlen
dem Märklin-Modell, das zwischen 1930 und 1939 entstanden ist, sondern auch der
ultramarinblaue Mercedesstern, der in der Realität auf dem Turm thront.
Nazigebäude mit Stern eines Rüstungskonzerns - dafür lohnt es sich in Schwaben
allzumal, auf die Straße zu gehen. Der "Kunstmarkt" der
"FAZ" raunt: "Der Turm indessen und das bossierte, messerscharf
gefügte Mauerwerk zitieren staufische Burgen und überführen sie in die
Sachlichkeit der frühen Moderne (...) Wer sich aber mittels historischer Fotografien
oder eigener Erinnerungen vergegenwärtigt, welche proportionale und ästhetische
Bedeutung die Seitenhallen für die Gesamterscheinung hatten, dem wird der ihrer
entblößte Märklin-Bau so versehrt vorkommen wie, zum Beispiel, ein Petersdom
ohne die herrlichen Kolonnaden Berninis."
Auf jeden Fall.

* * *

Adam Kohn, ein Auschwitz-Überlebender, tanzt mit seiner Tochter, der
australischen Künstlerin Jane Korman, und seinen Enkelkindern in ehemaligen
Konzentrationslagern zur Musik von "I Will Survive". Die Künstlerin
hat ihr Video "I Will Survive. Dancing Auschwitz" auf YouTube
gestellt, wo es innerhalb kürzester Zeit über eine halbe Million mal angesehen
wurde. Nun hat die Firma Universal Music Publishing, der die Rechte an der
Musik gehören, die Ausstrahlung des Videos verunmöglicht und dafür gesorgt, daß
das Video des Auschwitz-Überlebenden von YouTube entfernt wurde.
Eine ganz neue Täter-Generation macht sich da die Perversion des Urheberrechts
zunutze.

* * *

Den deutschen Urheberrechts-Fans dies ins Stammbuch:
"I am against Hadopi [the French internet-copyright law, or its attendant
agency], of course. There is no such thing as intellectual property. I'm
against the inheritance [of works], for example. An artist's children could
benefit from the copyright of their parents' works, say, until they reach the
age of majority... But afterward, it's not clear to me why Ravel's children
should get any income from Bolero..."
Jean-Luc Godard (der 2010 den "Oscar" für sein Lebenswerk erhält)

* * *

Und wer gilt den Deutschen als eine "Moralische Instanz"? In Führung
liegt mit 74 Prozent Helmut Schmidt. Ursula von der Leyen bringt es auf 60
Prozent wie Angela Merkel, Karl-Theodor zu Guttenberg auf 59 Prozent. Quasi
gleichauf: Papst Benedikt XVI. (51%), Günther Jauch (50%) und Margot Käßmann
(49%). Alice Schwarzer (38%) liegt vor Franz Beckenbauer (33%), Josef Ackermann
(12%) vor Jürgen Habermas (10%). Was für ein Land.

* * *

Kein Wunder, daß mit Schalke 04 nichts mehr los ist:
"PUR & Friends auf Schalke", flötet die Email von "emimusic.de"
in meinem Posteingang.
"Am 04.09. ist es wieder soweit - als Abschluss der diesjährigen Open
Air-Tour findet das Mega-Event PUR & Friends 2010 in der Veltins Arena auf
Schalke statt! Auch dieses Jahr stehen wieder ganz besondere und hochkarätige
Gäste auf der Bühne, um mit PUR zusammen das Publikum zu begeistern: Roger
Hodgson, der Sänger von Supertramp, wird ebenso dabei sein wie die Newcomer
Luxuslärm, die österreichische Kult-Band Opus ("Live is Life") und
der gerade erst bekanntgegebe (sic) Überraschungsgast DJ Ötzi! Neben den
"alten Hasen" im Musikgeschäft sind allerdings auch einige ältere
Herrschaften mit dabei, die vor ihrem Auftritt wohl besonders aufgeregt sein
dürften - denn die Rock-Rentner aus der Sat1-Show "Rock statt Rente"
wurden von Hartmut zu deren Überraschung in der letzten Sendung eingeladen,
zusammen mit PUR vor 50.000 Zuschauern auf der Bühne zu stehen!" Na denn
viel Spaß, auf Schalke! Und Glückauf gelb-schwarz, glückauf Borussia!
* * *

Antje Vollmer, ex-Maoistin, ex-Pastorin und ex-Bundestagsvizepräsidentin der
"Grünen", darf spätestens seit ihrer Erklärung, wie ihre Jastimme für
den Afghanistankrieg von Schröder-Fischer zu werten sei (nämlich "Mein Ja
ist ein Nein"), als durchaus ein wenig gaga gelten. Nun hat Frau Vollmer
Bundeskanzlerin Merkel dafür kritisiert, daß diese sich dezidiert für Kurt
Westergaard eingesetzt hat, den Zeichner einer bekannten Mohammed-Karikatur und
dafür von Islamisten mit dem Tod bedroht und bereits in seinem Haus in Dänemark
angegriffen.
Thierry Chervel schreibt im "Perlentaucher": "Zur Erinnerung:
All jene Chefredakteure, die seinerzeit nicht den Mut aufbrachten, Westergaards
Karikatur zu drucken, hatten ihn am 8. September mit einem Preis für
Pressefreiheit bedacht. Angela Merkels Rede zu diesem Anlass war bemerkenswert.
Sie ließ die hohen Herren indirekt wissen, dass sie an ihrer Stelle die
Karikatur gebracht hätte. Sie hatte sich bei vergleichbaren Gelegenheiten -
auch bei der Frage, ob sie diese Rede für Westergaard halten solle - jedenfalls
für die Freiheit entschieden: "Das Geheimnis der Freiheit ist der
Mut." (...) Zu den kritischen Stimmen gehörte auch Renate Künast:
"Ich hätte es nicht gemacht", sagte sie zu Merkels Rede. Künast wird
als die nächste Regierende Bürgermeisterin von Berlin gehandelt. Aber der
Tagesspiegel stutzte: "Es fällt schwer, sich vorzustellen, dass Berlin
regiert wird von einer Frau, die sich mehr um die möglichen Reaktionen von
religiösen Fanatikern sorgt als um den Wert unserer Grundrechte", schreibt
Gerd Nowakowski."
Antje Vollmer zur Merkel-Rede und zu derem Diktum, das Geheimnis der Freiheit
sei der Mut: "Ich halte es für unklug. Für eine Staatsfrau halte ich es
für sehr unklug."
Chervels Fazit: "Die Grünen, so scheint es, haben ein taktisches und
opportunistisches Verständnis von Meinungsfreiheit." Womit wir auch wieder
beim Stuttgarter Hauptbahnhof wären, irgendwie.

Fahren Sie vorsichtig! Fahren Sie Bahn!

05.09.2010

Und Ansonsten 2010-09-05

"Die
Musikindustrie hat sich selbst zerstört, indem sie ihre Rentabilität an die
Gerätehersteller übertragen hat. Herstellungen und Vertrieb haben etwa dreißig
Prozent vom Gewinn der Musikindustrie ausgemacht. Diese wurden mit dem
i-Tunes-Deal an Apple abgetreten. Aber warum sollte jemand, der ein Gerät
herstellt - das iPod ist das moderne Gegenstück zur Jukebox - den ganzen Gewinn
abgreifen? Hätten die Jukebox-Hersteller den ganzen Gewinn der Platten
eingestrichen, die in den Fünfzigerjahren in ihren Geräten gespielt wurden,
sähe das Musikgeschäft heute anders aus. Der Geräteanbieter - Apple - hätte
sein Gerät nicht ohne die darauf gespeicherte Musik verkaufen können. Warum hat
die Musikindustrie nicht zu Apple gesagt: 'Wir möchten dreißig Prozent der
iPod-Verkäufe?' Oder: 'Was haltet ihr davon, uns einhundert Prozent eurer
Musikumsätze zu geben, dafür behaltet ihr den Gewinn aus dem Geräteverkauf?'
Das war aber nicht Gegenstand der Vereinbarung, und deshalb ist die
Musikindustrie vor die Wand gefahren."
(Andrew Wylie, einer der einflußreichsten Literaturagenten weltweit, in
"Die Welt")

* * *

Wie wenig Ahnung die Politiker vom Internet haben, zeigt sich unter anderem
angesichts der Hilflosigkeit, mit der sie "Google Street View"
begegnen. Als ob es irgendein Problem darstellen würde, wenn eine Firma den
ohnedies öffentlichen Raum abfotografiert, Straßen und Häuserfassaden. Auch
Westerwelle will publicityträchtig seine Wohnung pixeln lassen - wäre es nicht
besser, er würde den Hohlraum, den seine Politik darstellt, pixeln lassen? Oder
gleich sich selber? Damit wäre uns allen geholfen...
Interessant jedenfalls, daß Politik und Medien mit großem Trara über Googles
Street View berichten. Kaum aber über die wirklichen Probleme, die Google
verursacht: etwa, daß alle persönlichen Suchanfragen ganze 18 Monate lang auf
den Google-Rechnern gespeichert bleiben und mithin von jeder Person, die Google
nutzt, ein detailliertes Persönlichkeitsbild kreiert wird, von der die Stasi
nur träumen konnte. Oder das Problem, daß Google Hand in Hand mit einschlägigen
Telekommunikationsmultis daran arbeitet, das Fundament des Internet, nämlich
die Netzneutralität aufzuheben. Und interessant am Rande auch, daß sich niemand
über Microsofts "Bird's View" Programm aufregt, "das es seit
Jahren jedem Nutzer ermöglicht, aus der Perspektive eines sehr niedrig
fliegenden Vogels hineinzuschauen in Gärten und Innenhöfe, auf Terrassen und
Balkone: auf Orte also, die ohne Zweifel zur Privatsphäre gehören" (FAS).
Besonders hübsch fand ich allerdings das Beispiel, das Stefan Niggemeier in der
"Rheinischen Post" entdeckt hat: dort "gaben vier Düsseldorfer
Bürger ihren Protest gegen die Veröffentlichung der Fotos von ihren Häusern zu
Protokoll und kündigten an, dagegen Widerspruch einzulegen. Sie ließen sich
dazu vor ihren Häusern fotografieren."

* * *

Man muß nicht allem und jedem zustimmen, was er in der ohnedies nicht so
schlechten "FAS" schreibt, um festzuhalten, daß Peter Richters
Artikel ständige Lichtblicke in der hiesigen Medienlandschaft darstellen,
intellektuell wie sprachlich. Wie er am 15.8. etwa in einem Artikel über
Architektur so ganz nebenbei den Schriftsteller Martin Mosebach erledigt, der
ja nicht nur ein ziemlicher Depp ist (das wäre nichts Besonderes, viele
Menschen sind Deppen), sondern auch nicht gut schreiben kann, das ist schon
wirklich köstlich. Und Sätze wie diesen über Mosebach würde man einfach gerne
öfter lesen:
"...es kann auch sein, daß er den Schaum, den er vor dem Mund hat, schon
für Stuck hält (...) Das zeigt wieder einmal, wie schön es wäre, wenn gerade
Konservative mehr leisten könnten, als ihr pures Konservativ- und
Unverstandensein schon für eine grafstauffenberghafte Heldentat zu halten und
sich den Rest des Tages am Einstecktüchlein herumzuzupfen."
Danke, Peter Richter!

* * *

Es beweist ein gehöriges und wohl systemimmanentes Maß an Dreistigkeit und
Unverschämtheit, wie die Kernkraftlobby mit ihrer schmierigen Anzeigenkampagne
versucht, die Bundesregierung unter Druck zu setzen und den Ausstieg aus der
Atompolitik zu verwässern und zu verschieben. Daß neben den Turbokapitalisten
von Josef "Peanuts" Ackermann bis zu den Bossen der AKW-Betreiber RWE
und Eon, Großmann und Teyssen, auch die einschlägigen Renegaten aus Politik und
Journalismus mittun, von Clement über Schily bis Bissinger, wundert wenig. Und
wer überrascht sein mag, was der Name von Oliver Bierhoff, dem Manager der
deutschen Nationalmannschaft, in dieser Liste zu suchen hat (was politisch
wenig überrascht, schon Joachim Löw bekannte während der WM: "wir sind
alle Merkel-Fans"...), der sei darauf hingewiesen, daß der Papi des braven
Milchbubis Bierhoff langjähriger Vorstand beim Energie- und AKW-Multi RWE
war...
Pervers, daß es um 2,3 Milliarden Euro Brennelementesteuer geht, die die
Regierung von den Stromkonzernen dafür verlangt, daß sie ihnen mit einer
Verlängerung der Laufzeiten für die Kernkraftwerke ein Vielfaches an Gewinnen
ermöglicht. "Eine derart unverhohlene Erpressung seitens Leuten, die sich
in der Wirtschafts- und Finanzkrise gerade Milliarden von Regierung und
Steuerzahlern überwiesen ließen, sprengt alles bisher Dagewesene",
kommentiert die "Berliner Zeitung" sachlich nicht vollkommen korrekt,
aber politisch richtig.
Andrerseits auch irgendwie o.k., diese Liste der Kernkraftlobby, da weiß man,
woran man ist. Mein Vorschlag: man hänge die Liste in der Küche auf und
boykottiere fortan die Firmen, die die Unterzeichner der Kampagne vertreten -
wer immer noch ein Konto bei der Deutschen Bank hat - kündigen! Wer immer noch
Strom der Atomkonzerne RWE, Eon oder Vattenfall bezieht - es ist höchste Zeit,
auf Ökostrom und korrekte Energieanbieter umzusteigen! Bahlsenkekse schmecken
sowieso nicht, man greife zu den leckeren Plätzchen der Konditorei ums Eck oder
in Ermangelung derselben zum Beispiel zu den Produkten französischer Provenienz
und erlebe, wie ein Keks schmecken kann. Oetkers Fertigprodukte? Sowieso bäh.
BASF, Bayer, Metro (denen u.a. "Saturn" und "Media Markt"
gehören), Gerry Weber? Man weiß, was man zu tun hat. So wird ein Schuh draus.
Laßt uns die Protagonisten der selbsternannten "Energiezukunft für
Deutschland e.V. i.G." teeren und federn und zur Stadt hinausjagen!

* * *

Weit vorne in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift "Spex": eine
ganzseitige Anzeige von Levi's - die Hälfte der Seite nimmt der Name
"Levis's Curve Attack Tour" ein, in der unteren Hälfte steht dann der
Künstlername "Kelis".
Hinten in der gleichen Ausgabe der Zeitschrift "Spex": ein ebenfalls
ganzseitiger redaktioneller Beitrag mit dem großgeschriebenen Titel "Spex
präsentiert Levi's Curve Attack Tour mit Kelis". Im kleingeschriebenen
Beitrag tut die gekaufte Redaktion dann ein wenig so, als ob es ihr auch auf die
Musik ankäme und nicht nur auf die Scheine vom Jeanshersteller, der seine neue
Hose namens "Curve ID" verkaufen will. Im letzten Absatz ihres
Promotextes kommt die "Spex"-Redaktion auf den Punkt: "Spex
präsentiert nun die von Levi's Jeans organisierte Curve Attack Tour..."
Und dann verkauft uns die Redaktion vollends für doof und will uns weismachen:
"Das Motto der kommenden Tour in Deutschland - Curve Attack - ist als
postfeministische Position gemeint, denn Levi's verbindet noch eine ganz andere
Herzensangelegenheit mit den Veranstaltungen. Für die neue Hosenreihe des
Herstellers namens Curve ID wird zum ersten Mal in der Geschichte der Jeans die
tatsächliche Form ein eigener Parameter, eine bestimmbare Dimension. Zusätzlich
zu Länge und Breite werden die Proportionen von Bein zu Gesäß mit angegeben. So
wird dank Levi's der amerikanische Exportschlager Blue Jeans ein wenig von
seiner Diktatur der straighten männlichen Beinform befreit."
Noch kleiner gedruckt steht dann da: "Text: Fabian Kästner. Foto: Universal
Music. Geldgeber: Levi's." (hier ist ein kleiner Fehler eingebaut, wer
findet ihn?)
Wer wissen will, wie rasch man ein einstmals renommiertes Musikblatt in den
inhaltlichen und moralischen Konkurs treiben kann, der betrachte eine
"Spex"-Ausgabe von vor sagen wir fünf Jahren und eine aktuelle
Ausgabe, in der Markenartikler längst den redaktionellen Teil bestimmen. Die
Fallhöhe, von der eine Redaktion auf den Grund fällt, ist eindeutig bestimmbar.
Dort, auf dem Boden, liegt dann die postfeministische Hose bereit, mit exakt
angegebenen Proportionen von Bein zu Gesäß, damit die Spex-Redaktion auch
problemlos den Hintern des Markenartiklers finden kann, in den sie bereitwillig
kriecht.
(und am Rande sei's enttäuscht vermerkt: schade, daß ausgerechnet eine tolle
Künstlerin wie Kelis sich dafür hergibt, als Werbenudel auf Tour zu gehen -
aber das ist wohl auch irgendwie "postfeministisch", nehme ich an)

* * *

Auch die Band "Phoenix" gefällt sich als Werbeträger für
Markenartikler. Phoenix ließen sich als Host der "Beck's Music
Experience" einkaufen. Sie waren auch so ungeheuer kreativ, ein
"Art-Label" für Beck's zu entwerfen, das ab Herbst auf
Beck's-Flaschen in England prangen wird. Der Ausverkauf der Pop- und Rockmusik
ist in vollem Gange.
Ich erinnere, wie ich mit dem großen David Thomas vor ein paar Jahren nächtens
in Hannover vor feisten, großen Plakaten einer Coca-Cola-Tour stand und er
kopfschüttelnd sagte: "I never would do this." Aber das ist eben der
Unterschied zwischen einem Künstler und all denen, die bloß "in it for the
money" sind...

* * *

"Rothenburg was not rebuilt in a day."
Andreas Neumeister

* * *

Wer nach dem großen Trara um den systemischen Mißbrauch von Kindern und
Schutzbefohlenen durch die großen Kirchen hierzulande wissen will, wo diese
Gesellschaft denn jetzt so steht in Sachen Kirche, der betrachte die Anbetungen
Mutter Teresas selbst in den besseren Feuilletons und im öffentlich-rechtlichen
Fernsehen anläßlich ihres 100.Geburtstages, und halte sich parallel vor Augen,
daß das großartige Buch "The Missionary Position - Mother Teresa in Theory
and Practice" (Klasse Titel auch!) von Christopher Hitchens, in weniger
Kirchen-hörigen und zivilisierteren Ländern bereits 1995 erschienen und zum
Bestseller geworden, bis heute nicht in deutscher Sprache erschienen ist. Aber
das Buch würde auch nicht in die Stimmungslage hierzulande passen, wo ein
alternder Feuilletonist in der "Berliner Zeitung" vor Bewunderung von
Mutter Teresa nicht an sich halten kann - Hitchens weist nach, welch verquere
Positionen die sogenannte Mutter Teresa vertreten hat, wie nah sie Diktatoren
wie Haitis Papa und Baby Doc stand, die sie als Vorbilder empfahl, und und und.

Sehr lesenswertes Buch und als englisches Taschenbuch günstig zu haben.

* * *

Wie man neuerdings weiß, sind es nicht nur verzweifelte kommerzielle
Kleinveranstalter, die ihre Besucherzahlen schönen, nein, auch Kommunen wie die
Stadt Duisburg machen mit bei der systematischen Fälschung von Besucherzahlen
ihrer Events, um das von Gorny, Pleitgen und Konsorten propagierte
"GrößerSchnellerSchöner" zu befeuern. Auch die Popkomm, wer hätte es
anders erwartet, tut da kräftig mit. "Weniger Aussteller, aber dafür mehr
Besucher", lassen die Popkomm-Funktionäre stolz verlauten. Wie das? Nun,
mit wieviel Besuchern Popkomm-Geschäftsführer Kleinhenz rechnet, will er laut
"Musikwoche" nicht verraten, aber er zählt einfach mal die "rund
20.000 Konzertgänger des Berlin Festivals" (die noch unbestätigt sind, und
letztes Jahr kamen grad mal halb so viele zum Berlin Festival...) mit. Ähnlich
hübsch ist die Meldung, daß die Stände der Popkomm "ausverkauft"
seien - nun, wer sein Areal drastisch verkleinert, hat natürlich irgendwann
auch eine Chance, "ausverkauft" zu melden. Oder vielleicht doch
seinen eigenen "Ausverkauf" kundzutun?
Die Haltung dieser Agentur bleibt klar und lautet wie seit Jahren:
Popkomm? Nein!
Wir fallen ja nicht auf jeden Quatsch rein, den man uns als des Königs neue
Kleider verdaddeln will, manchmal reicht es auch, einfach festzuhalten, daß
Kleinhenz, Gorny oder Barkowski nackend sind.

* * *

Wäre nett, wenn man uns mit dem dumpfen und rassistischen Gedöns des Herrn
Sarrazin ebenso verschonen würde, wie mit der eitlen Entrüstungsdebatte danach.
Das alte Phänomen: erst wird ein dämliches Buch allüberall zum Thema gemacht,
das Feuilleton, der "Spiegel", das Fernsehen, alle machen
bereitwillig kostenlose Werbung für den ekelerregenden Schmarrn, den der
Sozialdemokrat wieder mal verzapft hat - und dann wird wochenlang darüber
geschrieben, wie furchtbar die Thesen des Herrn Sarrazin doch sind, die man
gerade erst populär gemacht hat.
Drollig auch Frau Nahles, die der Meinung ist, Sarrazin "mißbraucht den
Namen der SPD". Es war ja nicht etwa die SPD, die den Herrn zum Senator
gemacht hat, und es war ja auch nicht das von Berlins Bürgermeister Wowereit
vermittelte SPD-Ticket, auf dem der Herr mit den längst bekannten dubiosen
Thesen zum Vorstand der Bundesbank wurde...
Um wirklich jeder Köttel, den irgend jemand ins Dorf gemacht hat, müssen sie
herumstehen und debattieren und den dampfenden Haufen zu etwas großem
breittreten. Bleibt aber eben doch ein Haufen Sch...

* * *

Die US-amerikanische Mutterausgabe des "Rolling Stone" hat lt.
"Icanhasinternets" in ihrer aktuellen Ausgabe einen offenen Brief an
die Vorstände der Musikindustrie veröffentlicht, in dem es heißt:
"A big fat thanks to record execs.
Thank you for fighting the good fight against Internet MP3 file-swapping.
Because of you, millions of kids will stop wasting time listening to new music
and seeking out new bands. No more spreading the word to complete strangers
about your artists. No more harmful exposure to thousands of bands via Internet
radio either. With any luck they won't talk about music at all. You probably
knew you'd make millions by embracing the technology. After all, the kids
swapping were like ten times more likely to buy CDs, making your cause all the
more admirable. It must have cost a bundle in future revenue, but don't worry -
computers are just a fad anyway, and the internet is just plain stupid."
Die deutsche Ausgabe des "Rolling Stone" hat es in einer halbseitigen
Anzeige in ihrem Heft so ähnlich formuliert: "Don't copy. Respect Artists.
Rolling Stone."

* * *

Die Buddhistin Judith Holofernes gibt der "Berliner Zeitung" ein
Interview und bringt einiges einigermaßen durcheinander: "Aber wichtig
scheint mir immer noch der Appell: Wer denkt, daß er mit dem Kauf von
Tonträgern nur die böse, böse Musikindustrie fördert, liegt einfach falsch. Im
Prinzip ist nämlich jede gebrannte CD ein weiteres Coca-Cola-Massenevent am
Brandenburger Tor!"
Gut, daß Musikindustrie nicht "böse, böse" ist, weil ja schließlich
einer der vier weltweiten multinationalen Konzerne der Helden-Band das Geld
überweist, das haben wir verstanden. Aber wie ist das mit der braunen Brause?
Fördert Coca-Cola jetzt etwa das Brennen von Musik-CDs? Während Coca-Cola
aufhören würde zu existieren, wenn nur jeder brav seine Helden-CD bei der
lieben, lieben Musikindustrie bezahlt? Und wie funktioniert das genau, daß
"jede gebrannte CD ein Coca-Cola-Massenevent am Brandenburger Tor"
ist? "Im Prinzip"? Ich dachte immer, die bösen CD-Brenner tun das
eher im stillen Kämmerchen, während es am Brandenburger Tor in der Regel doch
vor Polizisten und Touristen nur so wimmelt, also ein eher schlechter Ort fürs
Brennen von CDs. Wobei ich auch annahm, daß die Brenner ihre CDs nur so für
sich brennen würden, und daraus nicht ein Massenevent am Brandenburger Tor
machen. Und was hat Coca-Cola nun genau mit dem Brennen von CDs zu tun?
Fragen über Fragen. Frau Holofernes wird noch viele Interviews geben müssen, um
uns die Welt etwas genauer zu erklären. Bis dahin bleibt sie voller Rätsel -
die eine wie die andere.

15.08.2010

Und Ansonsten 2010-08-15

Was
passiert, wenn der Dalai Lama, Mahatma Gandhi und Martin Luther King
zusammentreffen? Genau - es entsteht die "BerlinMusicWeek". Die
entsprechend Großes leistet:
"Die BerlinMusicWeek macht Schluß mit den Grabenkämpfen der Branche, löst
die kontraproduktiven Wagenburgmentalitäten auf und verdeutlicht den alten
Musikkriegern, daß sie letztendlich alle im selben Kahn sitzen."
Mal abgesehen davon, daß ich mit keinen "Kriegern" im "selben
Kahn" sitzen möchte, die nicht über eine, sondern gleich über mehrere
"Wagenburgmentalitäten" verfügen - aber ich habe mir erlaubt, die
Macher der BerlinMusicWeek, die da so munter naiv vor sich hinzwitschern,
vorsorglich schon mal für den Friedensnobelpreis vorzuschlagen. Als nächste
Aufgaben warten Afghanistan (wo sie sich mit dem Bundeswehr-Truppenbetreuer und
Sakro-Schnulzen-Sänger Xavier Naidoo zusammentun können), der Iran, ach was
sage ich: DIE WELT!

* * *

Zur Genese des tragischen Unglücks bei der Duisburger "Love Parade"
hat Tournee- und Festivalveranstalter Marek Lieberberg auf exzellente Art und
Weise alles Notwendige gesagt. Zur gesellschaftlichen Einordnung der Tragödie
läßt sich festhalten:
Ein profitgeiler Veranstalter triftt auf profilierungsgeile Kommunalpolitiker,
die gemeinsam mit gefälschten Besucherzahlen ihr Ruhrgebiet in die Schlagzeilen
bringen und sich im vermeintlichen Erfolg des Events sonnen wollen und
entsprechend Sicherheitsbedenken ihrer Verwaltung und der Polizei ignorieren -
wobei die Polizei wohl so überfordert agiert wie die Sicherheitsleute des
Veranstalters. Befeuert von Vertretern des Größerschnellerweiterlauter, die
eine "grobschlächtige, erpresserische Argumentation" ("FAZ")
aufgebaut haben, wie dem Geschäftsführer von Ruhr 2010, Fritz Pleitgen
("Hier müssen alle Anstrengungen unternommen werden, um dieses Fest der
Szenekultur mit seiner Strahlkraft auf die Beine zu stellen"), oder
Branchenfaktotum Dieter Gorny, neben seinem Job als Vorstandschef des
"Bundesverband Musikindustrie" einer der vier Künstlerischen
Direktoren der "Europäischen Kulturhauptstadt Ruhr 2010". Dieter
Gorny reagierte "bestürzt und erschrocken" nicht etwa auf die
Tragödie in Duisburg, sondern auf die im Februar 2010 drohende Absage der
Duisburger Loveparade, und warf sich kräftig ins Zeug: "Eine richtige
Metropole kann das stemmen!" oder "Absolute Weltstars" kämen
nach Duisburg und würden für einen positiven PR-Schub "weit über Europa
hinaus" sorgen - eine Absage der Loveparade in Duisburg habe
"verheerende Folgen", der gute Ruf der Ruhr 2010 stehe auf dem Spiel:
"Nach der tollen Eröffnung dürfen wir nicht dafür sorgen, daß andere
behaupten, die kriegen nichts hin". Während Fritz Pleitgen mittlerweile
wenigstens eine "moralische Verantwortung" für das Unglück übernimmt,
ist der Groß- und Lautsprecher der Musikbranche, Dieter Gorny, der sonst seinen
Unfug in jede bereitstehende Kamera plappern muß, plötzlich wie von der
Erdoberfläche verschwunden...
Angetrieben von lokalen und überregionalen Medien (WDR und Bild.de waren
sinnigerweise gemeinsame Medienpartner der Veranstaltung!), wurden die
Verantwortlichen zu einer Veranstaltung getrieben, von der man heute weiß, daß
sie so nach bestehenden Gesetzen wohl nicht hätte genehmigt werden dürfen.
Wieder einmal weist Stefan Niggemeier detailliert die Verstrickung der Medien
in das Unglück nach - ausgerechnet der Medien, die unmittelbar nach dem Unglück
so tun, als ob sie schon immer gewußt hätten, daß das Unglück passieren mußte -
"wenn Journalisten diese Loveparade organisiert hätten, wäre das nicht
passiert"...
Viel mehr ist dazu nicht zu sagen.
Ekelhaft im Nachgang, wie alle möglichen und unmöglichen Leute versuchen, die
Duisburger Tragödie zu ihren eigenen Gunsten zu nutzen, also auf dem Unglück
anderer ihr Süppchen zu kochen. Ekelhaft etwa der Bundestags-Hinterbänkler, der
fordert, nun müßten die Versicherungssummen von Konzertveranstaltungen erhöht
werden - als ob es an der Versicherungssumme gelegen hätte, daß das Unglück in
Duisburg passiert ist. Ekelhaft die Selbstdarstellung des sogenannten Dr.
Motte, der zu den fünf Gesellschaftern gehört hat, die 2005 die
Loveparade-Rechte an Rainer Schaller verkauft haben, für "hohe
Summen" ("Berliner Zeitung") - und der jetzt über die
"Kommerzialisierung" der Loveparade herzieht und in der
Öffentlichkeit so dämliche und inkompetente Forderungen aufstellt wie die, die
Bundeskanzlerin solle die staatsanwaltlichen Ermittlungen an sich ziehen
(freilich, keine Nachricht in der Branche kann dämlich und inkompetent genug
sein, um nicht zur Top-Meldung eines Branchennachrichtendienstes zu werden).
Ekelhaft, wie der Geschäftsführer der Berliner "Kindl-Bühne
Wuhlheide" die Duisburger Tragödie nutzt, um seinem Berliner Konkurrenten,
der das Open-Air-Gelände auf der Zitadelle betreibt, öffentlich eins
auszuwischen und ihm zu schaden. Auch dazu noch einmal der Branchen-Primus
Marek Lieberberg, womit sich der Kreis schließt - der nämlich stopfte dem
Wuhlheide-Manager seine Einlassung in einem offenen Brief ins Maul zurück:
"Mit dieser fragwürdigen Denunziation einer Spielstätte entfachst du eine
Phantomdiskussion, die sich wahrlich nicht auf Duisburg beziehen kann",
schrieb Lieberberg laut "Musikmarkt".
"Wer ist schuldig, wer steht für seine Schuld ein... Erst nachdenken,
nicht vorschnell antworten." (Wassili Grossman)

* * *

Wenn die bedeutendsten Popfeuilletons dieser Republik an einem Tag in großen
Artikeln die Ankündigung feiern, daß irgendein Robbie Williams sich mit
irgendwelchen Take That "wiedervereinigen" werde, bzw. daß irgendeine
Betriebsnudel namens Nina Hagen eine Gospelplatte gemacht habe, dann fragt man
sich schon, ob es nicht irgend etwas tatsächlich Berücksichtigenswertes und
Berichtenswürdiges fürs Feuilleton gäbe. Oder ist in den Redaktionen bei der
Hitze die Klimaanlage ausgefallen, und in den Köpfen war nur noch Brei? Das
wäre bei der Hitze ja durchaus nachvollziehbar - "der heißeste Juli seit
2010", und unsereiner muß mittendrin sitzen...
(Big Boi singt auf seinem neuen Album übrigens die hübsche Zeile "Take
that, Motherfucker, Take That"...)

* * *

Eine erstaunliche kleine Szenerie war das an dem Abend, an dem "wir"
Lena wurden. Ein erlesenes Abendessen in einer Dachgeschoßwohnung in
Wilmersdorf, superbe Gastgeber, eingeladen eine Runde aus, sagen wir:
Intellektuellen, Künstlern (darunter der Musiker, von dem ich sagen würde, er
ist Deutschlands interessantester Popstar - wenn Deutschland Popstars hätte),
Kulturvermittlern, einem Computerunternehmer (der auch als Kunstsammler keinen
geringen Namen hat), ein Musikjournalist. Ein buntes Völkchen also, das dem
famosen Essen und den Getränken munter zusprach. Je weiter der Abend allerdings
voranschritt, desto nervöser wurden einige, und so wurde bei den Gastgebern,
die über kein Fernsehen verfügen, irgendwann der Computer angeschaltet, und
zunächst eine Frau, dann zwei, später immer mehr Personen versammelten sich vor
dem Bildschirm und verfolgten den Grand Prix - der eigentliche deutsche
Indie-Popstar, der Musikjournalist und Buchautor, einige andere - und es kamen
merkwürdige Unmutsäußerungen aus der Ecke - "so wenig Punkte von den
Griechen, die habens gerade nötig", ereiferte sich eine Frau, oder es
wurde am Votum der Israelis herumgemäkelt - aber dann wurde, während der Gastgeber
verärgert murmelte, "die lad ich nie wieder ein, wenn die dann nur vorm
Bildschirm hängen", plötzlich Deutschland gefeiert und der Lena-Sieg in
Oslo. Allenthalben war die Rede, die sich an den Folgetagen in allen deutschen
Medien fortsetzte - Deutschland habe so einen sympathischen Eindruck gemacht,
Lena sei so eine smarte, sympathische junge Frau - ach, was nicht alles in
"das deutsche Fräuleinwunder" und ihren Mentor hineininterpretiert
wurde, an diesem Abend und danach, und am mitternächtlichen Tisch saßen
plötzlich eine Reihe glücklich-verschwitzter "wir sind
Lena"-Gesichter...
Mitte Juli nun hat Lena Meyer-Landrut auf einer Seite in der FAS ein
"A-Z" nach Stichworten ausgefüllt. "Abitur - Ja, geil."
"Berlin - Ist super." "Deutschland - (...) da fiebert man
natürlich mit." "Hannover - Eine wahnsinnig tolle Stadt zum
Aufwachsen. Ein bißchen langweilig. Aber es gibt unglaublich schöne
Seiten." "Jungs - Ja, sind gut. (...) Und jetzt finde ich keine Jungs
mehr gut, sondern mittlerweile Männer." "Uwu Lena - Ja, geil, find
ich super." "Wulff, Christian - Ja, ein netter Typ. Sehr sympathisch,
er war sehr freundlich am Flughafen." "Xavier Naidoo - Finde ich
wahnsinnig toll (...) ein ganz toller Künstler."
Sonst noch Fragen? Klar, Gott findet Bundes-Lena auch geil oder super, nur sagt
sie diesmal "ich habe also eine bestimmte Bindung zum Göttlichen (...) ich
war in Taizé, sieben Tage, wir haben gecampt, und es war ein wahnsinnig schönes
Erlebnis."
Gott, Hannover, Wulff, Naidoo, die Mischung, vor der Deutschland bekanntlich in
die Knie geht. Auf dem Boulevard, auf den Fanmeilen, und neuerdings auch in
Intellektuellenkreisen.

* * *

Ach, wie wir uns immer über die intelligent geschriebenen und klug erklärten
Künstlerangebote freuen. Etwa über dieses hier:
"Die Tracks sind alle sehr cool geworden. Der Sampler wird auf jeden Fall
überkrass. Ich will nicht einfach nur rumprollen und sagen, daß ich der Pate
von Frankfurt bin und ständig irgendwelche Leute umbringe."
Die Agentur des Künstlers kommentiert in noch schlechterem Deutsch: "Man
sieht also, der Herr nimmts mit Humor, auch wenn er gedisst wird, was ihn auch
unglaublich Charmant als Person macht. Dieser Charm zieht auch seine Kreise bei
den Mädels die nicht zwingend auf den typischen Gangsterrap stehen."
Der Herr hat eine große Karriere vor sich - "Deutscher Rap is' ne Bitch
und Haft ist der Zuhälter!"

* * *

Die "Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien" betreibt wieder
einmal kostenlose Werbung für ein aktuelles Album: Am 21.7. teilte die BPjM
mit, daß sie das gleichnamige Album der Band "Die Sekte" um die
Rapper Sido und B-Tight, das bereits im November 2009 erschienen ist, indiziert
hat. Die Indizierung trat zum 30.Juli in Kraft, sodaß Plattenfirmen und
Plattenhandel noch zehn Tage Zeit blieb, Nutzen aus der kostenlosen Werbeaktion
zu ziehen.

* * *

Neuerdings organisiert hierzulande ja jedwede Musikzeitschrift ihre eigenen
Konzerte, mitunter sogar ganze Tourneen. Ohne irgend jemandem allzu nahe treten
zu wollen, aber: wäre es nicht besser, man konzentrierte sich
SchusterbleibbeideinemLeisten-mäßig erstmal auf eine bessere Qualität des
eigenen Magazins, anstatt etwas anderes anzugehen, von dem man noch weniger
Ahnung hat? Unsereiner veröffentlicht ja auch nicht einfach ein Musikmagazin
(obwohl wir das könnten! ha!...)

* * *

Laut "FAZ" hält "Bundeswirtschaftsminister Brüderle (FDP)
Vollbeschäftigung für möglich". Und ich dachte, die Stelle des
Chefkomikers der Bundesregierung sei bereits mit Guido Westerwelle besetzt.

* * *

Zweimal Berliner Pogues-Konzert, zweimal Sänger Shane MacGowan:
"MacGowan ist mehr als nur alt geworden, er trägt noch immer sein
beschädigtes Gebiß vor sich her..." (Jörg Sundermeier in der
"taz")
"Angeblich, berichten die Leute vorne an der Bühne, hat er sich die Zähne
richten lassen, die ihm schon vor zwanzig Jahren beinahe komplett aus dem
Zahnfleisch gerottet sind." (Markus Schneider in der "Berliner
Zeitung")

* * *

Die "Berliner Zeitung" meldet eine echte Überraschung:
"Stromkunden zahlen zu viel. Die Einkaufspreise der Konzerne sind deutlich
gesunken. Die Verbraucher haben nichts davon."
So eine gemeine Preispolitik hätte den Stromkonzernen wirklich niemand
zugetraut...

* * *

Eine Alice Schwarzer, unter den einschlägigen Betriebsnudeln der einschlägigsten
eine, hat mir dieser Tage ganz besonders gut gefallen. In einem größeren
Artikel über Pädophilie schreibt sie u.a.: "Der Herausgeber der
Apo-Postille war in den späten 1960er/frühen 1970er Jahren quasi der Erfinder
des medialen Kindersex. Jedes zweite KONKRET-Cover (gemeint ist das alte
Konkret, bis 1973, BS) war mit dieser obszönen Mischung von Marx und Lolita
aufgemotzt. Doch daß das Interesse des KONKRET-Machers (Röhl, BS) an
"Nymphchen" sich nicht auf die Theorie beschränkte, das mußte eigentlich
allen, die nicht entschlossen waren wegzusehen, immer schon schwanen."
Das neue "Konkret" merkt dazu lapidar an:
"Das Autorenverzeichnis von KONKRET weist für das Jahr 1970, den Höhepunkt
in der Geschichte von Röhls medialem Kindersex, vier Artikel einer gewissen
Alice Schwarzer aus, die nun die Wahl hat, ob ihr die obszöne Mischung von Marx
und Lolita damals so gut gefiel, daß sie mitmischen wollte, ob sie entschlossen
war wegzusehen, ob sie zu dumm war, etwas zu ahnen, oder ob sie mit Priscilla
Presley ("Die nackte Kanone") sagen will: "Ich war jung und
brauchte das Geld.""

Genießen Sie den Sommer!

04.07.2010

Und Ansonsten 2010-07-04

Wer
ein erbärmlich schlechter Krimiautor wie Henning Mankell ist, wird hierzulande
zum Bestsellerautor hochgejubelt. Wer ein unverbesserlicher Antisemit wie
Henning Mankell ist, der Israel als "verächtliches Apartheidsystem"
beschreibt, dem er "den Untergang" wünscht, weil der
"notwendig" sei; und der, wie Mankell, das Existenzrecht Israels
bezweifelt und von den Israelis fordert, auf ihre "Privilegien zu
verzichten und in einem palästinensischen Staat zu leben", also ganz so, wie
es die vom Iran gesteuerte Hamas fordert - ein unverbesserlicher Antisemit wie
Henning Mankell also gilt hierzulande als neutraler Zeitzeuge, der seinen
Antisemitismus in Theatern wie der Berliner Volksbühne, in langen Interviews
etwa im "Spiegel" oder auf allen Kanälen des sogenannten
öffentlich-rechtlichen Fernsehens breittreten darf.

* * *

"Das Problem für viele
Juden ist, daß sich die Progressiven des 21. Jahrhunderts und ihre Aversion
gegen die jüdische Ethnizität von den Antisemiten der ersten Hälfte des 20.
Jahrhunderts nicht mehr unterscheiden lassen. Deren Slogan war: Schickt die
Juden nach Palästina. Jetzt sagen die Progressiven: Schmeißt die Juden raus aus
Palästina."
Leon de Winter, "Welt Online"

* * *

Da hat die ARD von RTL einen Quizfragenaufsager für viel Geld gewonnen, damit
er den immer zwanzig gleichen Talkshowteilnehmern am Sonntagabend irgendwelche
harmlosen Stichworte vom Zettel abliest, und die Medien, wie zum Beispiel der
"Spiegel", feiern die ARD - endlich würde sie "beweisen, daß ihre Strukturen
nicht komplett verkrustet sind".
Ach ja? Mir scheint, das Gegenteil ist richtig - mit dem Engagement des
Erzreaktionärs Günther Jauch hat die ARD doch eher bewiesen, wie verkrustet und
wie verschnarcht ihre Strukturen in Wirklichkeit sind.

* * *

Eine andere Art von Jauche findet in den öffentlich-rechtlichen
Fernsehanstalten ständig statt - die Berichterstattung über die Königshäuser.
Mal eine Prinzessinnenhochzeit in Schweden, mal der Geburtstag einer englischen
Königin. Im hauseigenen Videotext klärt die ARD über ihre samstägliche
Livesendung anläßlich des Geburtstages von Queen Elizabeth II. auf:
"Trooping the
Colour" heißt die große Geburtstagsparade zu Ehren der Königin, die das
Erste live überträgt. Es ist nicht nur eine Militärparade, sondern eine ganz
große Show mit viel Musik, edlen Pferden und Soldaten in Gardeuniformen."

Also alles, wonach es Fernsehmacher und ihr Publikum hierzulande dürstet: eine
Militärparade, viel Musik, edle Pferde, Soldaten in Gardeuniformen und eine
leibhaftige Königin.

* * *

Auch durchgeknallt: in Zeiten ökonomischer Dauerkrise und Koaltionskuddelmuddel
hat Frau Merkel nichts Besseres zu tun, als Mette-Marit, norwegische
Kronprinzessin, und Kronprinz Haakon nach Stralsund einzuladen. "Das Paar und die Kanzlerin gaben
sich volksnah: Mette-Marit, elegant gekleidet mit weißer Bluse und schwarzer
Hose, und die Kanzlerin schüttelten beim Gang entlang der Absperrung immer
wieder die Hände der Schaulustigen und winkten in die Menge",
berichtet fasziniert der "Tagesspiegel".

* * *

"Der beliebteste Politiker Deutschlands." "Die private und
politische Biographie." "Aristokrat, Politstar, Minister." So
wird in "FAZ" oder "Zeit" ein Buch aus dem, nomen est omen,
Fackelträger-Verlag in großformatigen Anzeigen beworben. Es geht um den Tiger,
den KrisenbewälTiger KT, um den "Aufsteiger von oben", um den Mann,
der quasi auf und über dem Wasser gehen kann, und entsprechend besticht
Karl-Theodor zu Guttenberg von oben bis oben: "Manieren",
"geschliffener, formvollendeter Umgangston",
"Standesethos", "Demut".
Eine Heldensaga, fürwahr.
Zusammengestöpselt hat das servile Machwerk eine "Bild am
Sonntag"-Redakteurin, die sich "Anna von Bayern" nennt. Nun ist
das kein Titel, den man sich einfach so gibt oder wählt, wie sagen wir
"Cindy von Marzahn" (nun ja, richtig heißt sie "Cindy aus
Marzahn"), oder wie der Campingnachbar aufm Zeltplatz eben
"umgangssprachlich", wie man im geschliffenen, formvollendeten
Umgangston dieses Standes bekanntlich sagen würde, sich "Kalle von
Wattenscheid" nennt. Nein, "Anna von Bayern", Tochter von
Prinzessin Yvonne und Prinz Ludwig-Ferdinand zu Sayn-Wittgenstein und
Schwiegertochter von Prinzessin Ursula und Prinz Leopold von Bayern, kommt
quasi aus der bairischen Königsfamilie und kennt also den Karl-Theodor "seit
vielen Jahren" und "zeichnet" entsprechend ein, raten Sie mal,
"sehr persönliches Porträt" - eben als gewissermaßen angeheiratete,
aber gemeinte Herrscherin von Bayern über den als CSU-Star aktuellen Herrscher
von Bayern.
Hätten wir hierzulande jemals etwas Ähnliches wie die französische Revolution
gehabt, wäre uns das erspart geblieben. Der eine wie die andere.

* * *

Im Betreff-Feld einer Rundmail steht, was der Absender vermutlich doch etwas
anders gemeint haben dürfte: "Delphin-Schlachten auf den Faröer-Inseln:
Bitte macht mit!!!"
Ist halt so eine Sache mit dem Weltretten per Rundmail.

* * *

Die Popkomm Berlin macht ein Angebot (Deutsch kann da keiner):
"Und hier ein weiterer
Link zu potentiellen Kunden und Investoren: Am 27. August 2010 präsentiert der
einer unserer Medienkooperationspartner, (...), ein Themenspecial über den
Musikmarkt in Deutschland, das in der nationalen Vollauflage (104.000
Exemplare) in der Financial Times Deutschland erscheinen und 104.000 Leser
erreichen wird. Die Sonderpublikation beleuchtet die neuen Herausforderungen
des Marktes - Gesetzgebung, Technik, Corporate Social Responsibility im Musik-
und Kulturbereich, Ausbildung in der Branche, neue Wege der Vermarktung - das
und mehr wird hier Thema sein.
Unternehmen erhalten die
Möglichkeit, in anregend themenspezifischen Umfeld ihre Produkte, (Dienst-)
Leistungen und Veranstaltungen einer finanzstarken, stilbewussten und
unterhaltungsorientierten Zielgruppe zu präsentieren. Aufgepasst: Wer sich in
diesem empfehlenswerten Rahmen für eine Imageanzeige oder ein Advertorial
interessiert, bekommt bei Berufung auf unseren Newsletter attraktive 30 %
Nachlass."
Ob unsereiner 30% Schmerzensgeld für das Lesen dieses "ich bin jung und
brauch wirklich jedes Geld"-Prostitutionstextes erhält? Oder ist das
angesichts der "nationalen Vollauflage" und bei aller "Corporate
Social Responsibility" nicht mehr drin? Immerhin hat die Popkomm hübsch
bewiesen, wo sie hinwill - den einen Musikmessen geht es um Stadtmarketing, den
anderen darum, Investoren aufzutreiben, die Popkomm will beides. Der angebliche
Kongreß ist nur Schnickschnack fürs neoliberale Tun - eben reine
"Imageanzeige".
Popkomm? Nein.

* * *

Eine Imagearbeit ganz anderer Art pflegt Sakropopsänger Xavier Naidoo - er
betrieb aktive Truppenbetreuung und sang für die Bundeswehr im afghanischen
Kundus.
"Staatspop" völlig neu definiert.

* * *

Die CDU dagegen geht volles Risiko und fordert jetzt "Intelligenztests für
Einwanderer". Das kann leicht nach hinten losgehen - der nächste Schritt
wäre ein Intelligenztest für Einheimische. Und wer weiß, wie viele
CDU-Politiker dann hierbleiben dürften...

* * *

Die Berliner Volksbühne war naturgemäß ausverkauft, als Gender-Theoretikerin
Judith Butler zum Thema "Queere Bündnisse und Antikriegspolitik"
sprach. Die "Ikone der postmodernen feministischen Theorie"
("taz"), die in der Businessclass angereist war, lehnte anderntags
den "Zivilcouragepreis" des "Christopher Street Day Berlin"
am Brandenburger Tor ab - der Berliner CSD sei zu kommerziell und zu wenig
antirassistisch, sagte Butler, die Hamas und Hisbollah für progressive soziale
Bewegungen hält, und zog sich in den Hort des Berliner Antirassismus, ins
Luxushotel Adlon, zurück, wo sie, dem früheren US-Präsidenten Bush gleich, während
ihres Berlinaufenthalts residierte.

* * *

Bei der Interpretation der Fußballweltmeisterschaft wird man ohne eine gehörige
Portion Gesellschaftsanalyse nicht klarkommen (es reicht nicht aus, die WM zu
sehen, public nor private, man muß sie auch interpretieren...). Und einige
Analysen liegen ja nun wirklich auf der Hand: die Renaissance des
südamerikanischen Fußballs ist ja nun recht eigentlich die Renaissance linker
Ideen in Jahren des gescheiterten Kapitalismus neoliberaler Ausprägung - klar,
die südamerikanischen WM-Teilnehmer sind nicht Venezuela oder Bolivien, also,
es geht erstmal nicht um Revolution, sondern um Sozialdemokratie - aber was
Lula in Brasilien oder der regierende Ex-Tupamaro in Uruguay der Welt
mitzuteilen haben, liegt auf der Hand: Schluß mit der Regentschaft von Banken,
Ausbeutung und neoliberalem Wirtschaftsterror! Schaut auf den Fußball "aus
dem Herzen des Volkes" (Menotti), schaut auf Messi, Forlan, Fabiano und
all die anderen! Und im Haus von Oscar Tabàrez, dem Nationaltrainer Uruguays,
hängt lt. "FAZ" ein Sinnspruch Che Guevaras: "Wir müssen stark werden, dürfen
aber dabei nie unsere Zärtlichkeit verlieren." Und solch ein
Trainer läßt natürlich einen anderen Fußball spielen als ein Capello oder ein
Mourinho...
"Für mich ist Fußball
etwas Menschliches. All jene, die nur darauf aus sind, Spiele zu gewinnen,
haben den eigentlichen Sinn nicht verstanden. Sie spielen in meinen Augen
falsch. (...) Das Grundprinzip des Spiels ist die Freiheit. Man kann einen
Fußballer nicht in ein Schema pressen, das nur vom Erfolg geprägt ist, denn es
würde den Tod des Sports bedeuten." (César Luis Menotti,
Weltmeistertrainer Argentiniens 1978)
Und Europa ist in der Welt nicht mehr so wichtig wie ehedem. Und es ist klar:
Die Systeme Sarkozys und Berlusconis sind am Ende. England ist in einer
schweren Krise (schönen Gruß an all die Scherzkekse, die England zum
Mitfavoriten der WM ausgerufen haben!). Was der meistens attraktive Fußball der
jungen deutschen Elf zu bedeuten hat, wird noch zu diskutieren sein - ganz
sicher belegt er den Abschied vom Chaos des Merkel-Systems und vom Gezurre und
Gezerre der schwarz-gelben Koalition. Das Wohin ist allerdings noch so offen
wie das Ergebnis des Viertelfinalspiels gegen Argentinien.
Und Asien natürlich. Wie ein Zürcher Fußballexperte schrieb: "Ein einziges Hin und Her. Ich
bin schon von den Japanern angetan. So wird der neue Fußball irgendwann. Alle
hin und her.
Alle technisch gut. Alle
schnell. Und athletisch. Samurais halt."
Eine durchaus spannende Weltmeisterschaft by many means, diese Zwischenbilanz
sei schon einmal gestattet.

* * *

Die meisten Trikots der großen Sportmarken werden in Asien genäht. Die
Textilbranche in Bangladesh etwa gehört zu den größten Nähereien der Welt, zu
den Abnehmern gehören große westliche Ketten wie H&M oder Metro. Die 2,5
Millionen Menschen, die in Bangladesh in der Textilbranche arbeiten und ihr
Land zu einem der billigsten Länder für die Kleiderproduktion machen, erhalten
einen Mindestlohn von 1662,50 Taka im Monat, das sind umgerechnet 20 Euro.
Zehntausende Textilarbeiter haben dieser Tage gegen niedrige Löhne und
schlechte Arbeitsbedingungen protestiert, die Demonstrationen wurden mit
Tränengas und Gummigeschossen niedergeschlagen. -
Der Hauptsponsor der deutschen Nationalmannschaft, Daimler, hat an das
südafrikanische Apartheidsystem Fahrzeuge und Maschinen verkauft, mit denen die
Sicherheitskräfte den politischen Protest bekämpften. Das
US-Bundesbezirksgericht in New York hat eine Sammelklage wegen Beihilfe zu
schweren Menschenrechtsverletzungen während der Apartheid gegen Daimler und
vier weitere Konzerne zugelassen. Die südafrikanische Khulumani Support Group
fordert die Anerkennung des begangenen Unrechts und entsprechende
Entschädigungszahlen an die Opfer des verbrecherischen Apartheidsystems. Für
viele Südafrikaner steht der Auftritt der deutschen Fußball-Nationalmannschaft
unter keinem guten Stern... -
Und die schicken Rechner und Elektronik-Tools des Apfel-Konzern, auf denen ein
guter Teil des weltweiten Protests geschrieben wird, werden unter miserablen
Arbeitsbedingungen in China gebaut. "Für
1940 Yuan im Monat (umgerechnet 230 Euro) und bis zu zwölf Stunden täglich
fertigte Ma Xiangeqian Teile für Computer der amerikanischen Kultmarke
Apple" ("Spiegel"), bis der Arbeiter nicht mehr
konnte und sich umbrachte, wie Kollegen vor und nach ihm. Der taiwanische
Elektronikzulieferer Foxconn sorgt für miserable Arbeitsbedingungen, damit die
westlichen Hipster zu günstigen Bedingungen ihre jüngsten Apple-Tools erhalten (und,
ich weiß, auch den Rechner, auf dem dieser Rundbrief geschrieben wird).
"It's dialectic, stupid!"
Und Kylie Minogue folgt dem Dalai Lama auf Twitter...

* * *

Genießen Sie den Sommer. Und die Fußball-WM, sofern Sie damit etwas anfangen
können.
Aber bitte berücksichtigen Sie, "wir
dürfen jetzt keinen Sand in den Kopf stecken" (Lothar
Matthäus)

30.04.2010

Und Ansonsten 2010-04-30

"Unser"
Verteidigungsminister geriert sich in etwa so ungeschickt und inkompetent wie
"unser" Außenminister, hat aber eine deutlich bessere Presse.
Neuester adeliger Schmarrn: daß Deutschland in Afghanistan zwar Krieg führe,
aber nur "umgangssprachlich" - was so ziemlich auf allen denkbaren
Ebenen Blödsinn ist.
Goggelmoggel sagt in "Alice im Wunderland": "Wenn ich ein Wort gebrauche,
dann heißt es genau, was ich für richtig halte - nicht mehr und nicht
weniger."

* * *

"Krieg, also der
Verteidigungsfall, muß vom Parlament festgestellt werden. Das hat nie
stattgefunden. Dem hat eine formelle Kriegserklärung zu folgen - an wen
eigentlich? Bin Laden vorladen? Und von dem Moment an ist Merkel
Oberkommandierende der Streitkräfte, nicht mehr zu Guttenberg. Beider Geschwätz
vom "Krieg" geht also mit mehrfachem Bruch der Verfassung einher; wir
werden von einem deutschen Unikum regiert: einer verfassungsfeindlichen
Ziviljunta."
Friedrich Küppersbusch

* * *

Adolf Hitler und seine Filmfirma, die deutsche "Constantin Film";
sind beleidigt: Die "Constantin Film" hat laut
"Perlentaucher" sämtliche auf Eichingers Film "Der
Untergang" basierende Hitler-Parodien bei Youtube sperren lassen.
Ob Adolf Hitler und seine deutschen Partner planen, auch Charlie Chaplins Film
"Der große Diktator" zensieren zu lassen, war bei Redaktionsschluß
nicht in Erfahrung zu bringen.

* * *

Der jüdische Komiker Oliver Polak erzählt im Interview mit der
"Welt":
"Einmal rief diese
Veranstalterin vom Berliner Admiralspalast an und sagte: "Hey Oli, wir
machen hier Mauerfall-Revue am 9.November, 20 Jahre Mauerfall, mußt du
unbedingt vorbeikommen", und ich sagte: "Nimms mir nicht übel, aber
zur Reichspogromnacht betrete ich keine Bühne", und dann sagt sie:
"Macht doch nichts, bringst du deine Freunde mit und dann feiern wir alle
zusammen.""

* * *

Was Dieter Gorny für die Tonträgerindustrie, das stellt Jens Michow für die
sogenannte "Live-Industrie" dar - Faktotum, Lautsprecher,
Selbstdarsteller, je nachdem. Der Multifunktionär Michow ist unter anderem auch
Geschäftsführer des "PRG Live Entertainment Awards" (LEA) und hat als
solcher dem "Musikmarkt" ein Interview gegeben, in dem er die
deutschen Tournee- und Konzertveranstalter zu Kadavergehorsam und Korpsgeist
auffordert: "...ich
will nicht verhehlen, daß es auch immer noch einige Veranstalter gibt, die den
LEA als vermeintliche "Selbstbeweihräucherung" der Branchenakteure
abtun, jegliche Kooperation kategorisch ablehnen und selbst für die
Entgegennahme der Auszeichnung nicht zur Verfügung stehen (...) Aus meiner
Sicht zeigen derartige Reaktionen nicht nur, daß Sinn und Zweck der
Veranstaltung in fataler Weise falsch verstanden werden, sondern daß diese
Kritiker noch nicht begriffen haben, wie Politik und Lobbyismus funktionieren.
Wenn man die gesetzlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen eines
Wirtschaftszweiges verändern will, kommt man nicht weiter, indem man sich in
sein Schneckenhaus zurückzieht. Man muß der Politik veranschaulichen, welche
volkswirtschaftliche Bedeutung der Wirtschaftszweig hat, für den man
kämpft."
Nun gut, ich hatte mich als jemand, der dreimal in Folge als
"Künstleragent des Jahres" für den "LEA" nominiert wurde
und der gegen seine sonstigen Prinzipien letztes Jahr erst- und einmalig einem
"LEA" beigewohnt hat, jeglicher Stellungnahme dazu bisher verweigert.
Aber wenn man sich hier indirekt so anpflaumen lassen muß, dann machen wir halt
mal ernst: Tatsache ist, daß der "LEA", dem ich 2009 beigewohnt habe,
so ziemlich die langweiligste Veranstaltung war, an der ich jemals teilgenommen
habe (und ich habe in meiner Kindheit etliche katholische Messen, später so
manches Regionalligaspiel und noch später einige Jahreshauptversammlungen der
Freiwilligen Feuerwehr besucht, die im Vergleich zum "LEA" spannende
und intellektuell wie künstlerisch interessante Veranstaltungen waren...). Es
war in der Tat eine nicht enden wollende Selbstbeweihräucherung der Branche,
man hat sich gegenseitig belobhudelt, das Musikprogramm war nicht einmal
durchschnittlich, und wenn ich sage, daß der Auftritt von
"Silbermond" der musikalische und der Auftritt von Atze Schröder der
komische Höhepunkt der Veranstaltung waren, dann kann sich der geneigte Leser
ungefähr vorstellen, wie furchtbar der Abend war. Wie immer hierzulande kam die
unabhängige Szene praktisch nicht vor, es ging wie beim "Echo" einzig
um "Mainstream" - "wer hat den größten", sozusagen. Und als
man nach faktisch ca. vier Stunden und einer gefühlten Ewigkeit die
Veranstaltung endlich hinter sich hatte, gab es ein nicht mal mittelmäßiges
Buffet, das so schlecht organisiert war wie die ganze Veranstaltung - die
einzigen freien Plätze gab es signifikanterweise neben dem in Hamburger
Klatschpostillen so genannten "Neger-Kalle", der zwar anscheinend vom
"LEA"-Komitee eingeladen worden war - neben die
"Kiez-Größe" wollte sich aber niemand an den Tisch stellen. Ich
konnte gar nicht schnell genug wieder verschwinden, mußte mich bei meiner Frau
noch tagelang dafür entschuldigen, daß ich sie zu einer derart langweiligen
Veranstaltung mitgenommen hatte, und schwor mir: "nie wieder tust du dir
das an!"
So ist das.
Laßt uns ehrlich miteinander sein: wer so eine Veranstaltung haben möchte und
sich dabei wohl fühlt, der soll da hingehen und die 200 Euro Schmerzensgeld
dafür berappen. Die Menschen tun mitunter merkwürdige Dinge. Was mich aber
wundert, ist, wie ungelenk, hölzern und sterbenslangweilig sich ausgerechnet
die Live-Branche hier präsentiert. So will man der Politik imponieren? Muß denn
jede Veranstaltung, die Politikern gefallen soll, gleich so langweilig sein wie
eine SPD-Ortsvereinssitzung im Sauerland oder eine CSU-Ortsverbandsversammlung
im Bayerischen Wald?
Aber man verschone mich bitte mit dem von Herrn Michow eingeforderten
Kadavergehorsam, mit dem indirekt geäußerten Diktum, wer am "LEA"
nicht teilnehme, schade der deutschen Veranstaltungswirtschaft. Was für ein
Unsinn. Wer am "LEA" nicht teilnimmt, ist einfach nur irgendwie noch
ein bißchen bei Trost.

* * *

"Die fünfbändige
Ausgabe der "Berlinischen Dramaturgie" gehören zum geistigen Besitz
einer Gesellschaft, die nicht mehr existiert. Den geistigen Überfluss, den die
DDR sich leistete und der in dieser Ausgabe dokumentiert ist, gibt es
tatsächlich nicht mehr. In der deutschen Einheitsgesellschaft, die seit 1990
die DDR und die Bundesrepublik ersetzt, führen geldschrappige Halbalphabeten
das, was sie Bildungsdebatten nennen."
Wiglaf Droste über die jüngste Peter Hacks-Neuerscheinung

* * *

Was am Buch "Komm, wir werfen ein Schlagzeug in den Schnee - Die
Pop-Tagebücher" des "FAZ"-Journalisten Eric Pfeil am meisten
nervt, ist, daß man vieles gerne selbst so gesagt, gern genau so formuliert hätte.
So unterhaltsam, das beweist Eric Pfeil in seinem regelmäßigen
"FAZ"-Blog, kann oder könnte Popkritik hierzulande sein.
Eine Kostprobe aus Eric Pfeils aktuellen Blogs:
"Menschen, die
permanent erzählen, daß sie "sich selbst treu geblieben" sind und
solches auch noch als Wert zu verkaufen versuchen, lassen allzu rasch Ödnis in
mir emporsteigen. Sich selbst treu zu bleiben, wird überschätzt. Jeder kann
sich selbst treu bleiben, da ist es ja schwieriger, sich ein Brot zu
schmieren."
Oder in einer aktuellen Kritik zu einem "Ich + Ich"-Konzert schreibt
Pfeil in der "FAZ":
"Ich + Ich sind vor
allem eins: professionell. Das mag man in Deutschland. Nicht umsonst hat sich
hierzulande, wenn es darum geht, zu beschreiben, daß eine Band eine saubere
Produktion abgeliefert hat, die Vokabel "amtlich" durchgesetzt. Und
amtlicher Kitsch ist die textliche Verwaltung von Veränderungsängstlichkeit,
platter, phrasenhafter Kritik und ungelenker Poesie allemal. Die Lieder heißen
"Trösten", "Pflaster" oder "So soll es bleiben".
Rätselhaftigkeit, Aufmüpfigkeit oder gar Verstörung sucht man natürlich
vergeblich, schließlich wird hier nach den Regeln des Schlagers gespielt -
allerdings würde keiner der hier Anwesenden je dieses Wort in den Mund nehmen.
Dabei sind Ich + Ich beispielhaft für die Schlagerisierung der
deutschsprachigen Popmusik, die sich auch bei Silbermond oder den Sportfreunden
Stiller niederschlägt."
Gut gebrüllt. Das Buch von Eric Pfeil wird ausdrücklich empfohlen - wenn man
gerade mal zwischen der Lektüre von zwei Hacks-Bänden Pause machen mag.

* * *

Nun jammern sie wieder, angesichts der aktuellen Finanzprobleme mit
Griechenland, Portugal, Irland und Spanien. Und vergießen doch nur
Krokodilstränen.
Kann sich noch irgend jemand daran erinnern, wie uns Frau Merkel und Herr
Steinbrück vor Jahr und Tag versprochen haben, die Untaten der Banken in
Zukunft einschränken zu wollen? Das war natürlich von Anfang an unglaubwürdig,
schließlich haben die Regierungen von Gerhard Schröder und Angela Merkel, also
SPD, CDU/CSU und Grüne, mit der Deregulierung der Finanzwirtschaft die
gigantischen Fehlspekulationen überhaupt erst ermöglicht. Der Ex-Minister
Steinbrück, der im September 2008, zehn Tage nach der Lehmann-Pleite, im
Bundestag verkündete, ein Bankenrettungsprogramm wie in den USA sei in
Deutschland "nicht notwendig", während nur einen Tag später die
Verhandlungen für den 100-Milliarden-Freikauf der Münchner HRE begannen, dieser
Herr Steinbrück darf sich heute bei Beckmann und Konsorten als unabhängiger
"Fachmann" gerieren, während hierzulande das Versteckspiel der
Finanzwirtschaft mit Deckung der Regierung weitergeht - die Operationen des
Sonderfonds Finanzmarktstabilisierung unterliegen der strikten Geheimhaltung,
die auf die Staatsbank KfW übertragenen Altlasten der IKB und der Irland-Fonds
der SachsenLB werden nicht offen bilanziert. Der Bundestag betreibt bis heute
keine umfassende Aufklärung des Finanzskandals, der in Leo Müllers Buch
"Bankräuber. Wie kriminelle Manager und unfähige Politiker uns in den Ruin
treiben" bedrückend genau durchleuchtet wird. Die Finanzkrise hat den
deutschen Steuerzahler dreistellige Milliardenbeträge gekostet, ohne daß
irgendwelche Konsequenzen gezogen worden wären - die Deutsche Bank erzielte
gerade dank ihrer Investmentsparte im ersten Quartal 2010 Milliardengewinne,
sie "profitiert von den
staatlichen Notmaßnahmen, weil sie an vielen Finanzierungsgeschäften des
Staates beteiligt ist und daran verdient, wenn er sich weiter verschuldet.
Deshalb sind ihre hohen Renditen sehr problematisch. Sie ist die Gewinnerin der
Krisenverarbeitung, sie schadet der Allgemeinheit, denn sie kassiert hohe
Zinsen und Provisionen zu Lasten des Staates", stellt der
Wirtschaftsprofessor Rudolf Hickel in der "Berliner Zeitung" fest und
fordert, daß Geschäftsbanken das Spekulieren verboten werden sollte.
Und der US-amerikanische Wirtschafts-Nobelpreisträger Joseph Stiglitz stellt
(ebenfalls in der "Berliner Zeitung") fest, "daß China die Krise besser
gemanagt hat als wohl jedes andere Land". China, das Land, das
hierzulande von Springer bis taz, von Merkel bis zu den Grünen nur gebashed
wird? Der allen linken Gedanken unverdächtige Nobelpreisträger Stiglitz
erklärt: "Aber eine
Sache, die man in China offensichtlich besser verstanden hat als im Westen, ist
die Bedeutung von Regulierung. Ist es nicht ironisch, daß wir die Chinesen
jahrelang gewarnt haben, ihrem Finanzsystem drohe der Kollaps, wenn sie es
nicht nach unserem Vorbild reformieren - und am Ende sind wir selbst
zusammengebrochen? Eine weitere Lehre, die man aus Chinas Erfolg ziehen kann,
ist, die wichtige Rolle des Staats bei der Förderung von Industrie,
Innovationen und Bildung."
Wenn man bedenkt, daß die hiesige Regierung nun schon seit Beginn der Krise
durch Untätigkeit glänzt, weiterhin keinerlei Gesetze erwirkt, um das zum Teil
kriminelle Finanzgebaren der Banken zu unterbinden, und wie gleichzeitig
dreistellige Milliardenbeträge aus Steuergeldern zum Fenster hinaus geworfen
werden, während die Banken Milliardenprofite mit den Problemen des Staates
machen - dann kann man nur feststellen: Im wilden Westen hätte man das Problem
einer derart unfähigen Regierung gelöst, indem man Frau Merkel und ihre
Helfershelfer geteert und gefedert aus der Stadt gejagt hätte.

* * *

Viele Kultureinrichtungen werden vom Land Berlin hoch subventioniert. An der
Spitze der staatlichen Subventionen pro Ticket liegt direkt hinter der
Staatsoper (186,10 Euro Zuschußbedarf für jeden zahlenden Besucher) die
Volksbühne mit einem Zuschuß von 184 Euro pro Ticket.
Die sogenannte "Musikbühne" der Berliner Volksbühne, kuratiert von
einem Tourneeveranstalter, sorgt mit Konzerten wie Femi Kuti, Get Well Soon,
Rufus Wainwright, Charlotte Gainsbourg oder Daniel Lanois, die jeder freie
Konzertveranstalter in der Stadt mit Gewinn durchführen könnte, dafür, daß die
freie Konzertszene eingeschränkt wird, daß die freien Konzertveranstalter der
Stadt, die mit ihren Steuerzahlungen die gigantischen Subventionen von 184 Euro
pro Volksbühnen-Ticket überhaupt erst ermöglichen, einen geschäftlichen
Nachteil haben. Völlig durchgeknallt, völlig gaga. Das Subsidiaritätsprinzip
wird hier ad absurdum geführt und mit Füßen getreten für eine kommerzielle
(Neu-)Ausrichtung einer staatlichen Kulturinstitution. Pervers.

* * *

Die sogenannten Spitzenverbände der sogenannten deutschen Kreativwirtschaft
haben am "Tag des geistigen Eigentums" (was es so alles gibt...) wie
eine tibetanische Gebetsmühle wieder einmal ihre Forderungen vorgetragen:
Polizei und Justiz sollen so ausgestattet werden, daß sie "den neuen Herausforderungen
durch Internetkriminalität gewachsen sind, um einen wirksamen Schutz
bestehender Rechte im Internet zu gewährleisten", die "Anonymität des
Internets darf nicht für illegale Zwecke mißbraucht werden",
eben das alte Lied: Überwachungs- und Polizeistaat.
Zur Untermauerung der Forderungen hat die "Internationale
Handelskammer" bei einer Unternehmensberatung eine Studie in Auftrag
gegeben, bei der, Überraschung!, das herausgekommen ist, was der Auftraggeber
hören wollte und bezahlt hat: angeblich verhindert die Internetpiraterie die
Schaffung von 34.000 Arbeitsplätzen. Und bis zum Jahr 2015 könnten durch
"Internetpiraterie" gar 600.000 "potenzielle" (tschah)
Arbeitsplätze vernichtet werden. "Potenzielle" Arbeitsplätze also,
aber garantiert vernichtet, so viel ist klar.
Ist ja sowieso immer genial irgendwie, wie die Musikwirtschaft diese Zahlen so
genau wissen will. Die "Brennerstudie 2010" des "Bundesverbandes
Musikindustrie" etwa weiß von ganz genau 258 Millionen illegalen Musikdownloads
2009 (im Vergleich zu 316 Millionen in 2008). Nur, woher will man das so genau
wissen? Steckt Dieter Gorny seine Ohren ins Internet und zählt mit (was
zumindest seinen roten Kopf erklären würde)? Wobei, wie erklärt sich der
"Bundesverband Musikindustrie" denn den selbst konstatierten
drastischen Rückgang der angeblichen illegalen Musikdownloads, wo die Politik
doch gar nicht die überwachungsstaatlichen Gesetze verabschiedet hat, die Gorny
und Konsorten so dringend fordern? Der US-Rechnungshof GAO jedenfalls, der sich
intensiv mit den wirtschaftlichen Folgen von Raubkopien beschäftigt hat, kann
laut "Spiegel Online" "keine
belastbaren Daten finden, um die Verluste durch Produkt- und Copyright-Piraten
zu beziffern" und macht deutlich, in welch hohem Ausmaß "unzulängliches
Datenmaterial" in die bisherigen Studien zum Thema
eingeflossen ist. Interessant, nicht, Herr Gorny?
Die wirklich drohenden Verluste für die deutsche Wirtschaft listet dagegen das
"Manager Magazin" auf - 20% des Jahresumsatzes im Musikbereich und in
der Telekommunikation, 15% bei Consumer Electronics und bei Filmen sind demnach
in Zukunft gefährdet - und zwar nicht durch die "Internetpiraterie",
sondern durch unternehmerische Fehlentscheidungen, durch Mißmanagement. Aber davon
lenken die Herren gerne ab, denn es kann ja nicht sein, was nicht sein darf,
und es ist einfacher und billiger, nach neuen Gesetzen zu rufen...
Neu ist übrigens, daß bei dem Unfug, den die Spitzenverbände der deutschen
Kreativwirtschaft so betreiben, nun auch die Gewerkschaften mittun. Die
Gewerkschaft "Verdi" jedenfalls erklärte am "Tag des geistigen
Eigentums" ihren politischen Bankrott und machte sich mit den
Wirtschaftslobbyisten und ihren abenteuerlichen Forderungen gemein. Kein
Schwachsinn, an den sich deutsche Gewerkschaften nicht liebend gern heranwanzen
würden.

* * *

"Was ich noch zu sagen
hätte, dauert eine Zigarettenfabrik."
(Kristof Schreuf, "Brüllen")
Mit freundlichen Nichtraucher-Grüßen, genießen Sie den Frühling, und kehren sie
bei dem einen oder anderen Konzert ein…

02.04.2010

Und Ansonsten 2010-04-02

Der
"Spiegel" hat ein Kind - "Dein Spiegel" heißt das Magazin,
das sich an Kinder und Teenies ranwanzt. Auf dem Titel: "Die
Kloster-Kids", womit nicht etwa die von der katholischen Kirche
mißbrauchten deutschen Kinder gemeint sind, sondern "Buddhas junge
Mönche". Nun gut, auch in Laos ist für die jungen Kloster-Kids nicht alles
Zuckerschlecken: "Morgens
um vier geweckt werden, ums Frühstück betteln - das klingt nicht nach einem
schönen Leben. Doch für Phou bedeutet das eine große Chance: Er ist Mönch, darf
im Kloster zur Schule gehen und auf eine bessere Zukunft hoffen",
weiß das "Spiegel"-Junior-Magazin und wirbt ansonsten für den
"Gottkönig von Tibet", den Dalai Lama, den klügere Menschen wie zum
Beispiel Friedrich Küppersbusch als "Repräsentant
einer diktatorischen Mönchs-Junta" bezeichnen.
Aber worauf wollen die "Spiegel"-Macher (Chefredakteure des Magazins
für Kids sind Mascolo und Müller von Blumencron, die auch als Chefs des
eigentlichen "Spiegel" fungieren) hinaus? Wollen sie den Skandal-geschüttelten
Eliten, die ihre Kinder bevorzugt auf Klosterschulen geben, schildern, wie es
in Buddhas Schulen zugeht? Oder die verunsicherten Kinder darauf stoßen, daß
sie es im Grunde noch ganz gut getroffen haben, wenn sie, wie in der
Klosterschule Ettal, nur geprügelt werden, und nicht ums Frühstück betteln
müssen?
Untertitel dieses merkwürdigen Magazins: "Einfach
mehr wissen". Aha.

* * *

Unsereiner ist nicht sonderlich überrascht über den flächendeckenden Skandal
des sexuellen Mißbrauchs Schutzbefohlener durch Amtsträger der katholischen
Kirche - letztlich nur ein weiteres Mosaiksteinchen einer zwei Jahrtausende
währenden "Kriminalitätsgeschichte" (Karlheinz Deschner, leider immer
wieder aktuell). Was einen schon mehr wundert, ist die Tatsache, daß man
eigentlich nur in den USA, in der "New York Times", eine ausführliche
Berichterstattung über die Skandale des deutschen Katholizismus liest, der die
entscheidende Frage stellt, nämlich: Wie kann das eigentlich sein, daß nur in
Deutschland die Kirche eine gesetzesferne, unangetastete Rolle spielt? Wie kann
es sein, daß nur in Deutschland der Staat die Finanzierung der Kirchen
organisiert und absichert? Wie kann es sein, daß in Deutschland der Staat eine
gesetzesferne Arbeit der Kirchen ausdrücklich erlaubt und fördert - und eben
finanziert? Laut Gesetz sind die Kirchen "Tendenzbetriebe", für die
zum Beispiel das Arbeitsrecht nicht gilt. Und die Mißbrauchsskandale läßt man
die Kirche selbst aufklären, die Begrifflichkeit "Bock und Gärtner"
wäre eine zu freundliche Umschreibung dieser Tatsache - hierzulande läßt man
die Mafia die Mafia überprüfen. Ein schlechter Scherz. In keinem anderen
Industriestaat gibt es eine derart enge Verzahnung von Staat und Kirche - und
es hat ja Gründe, warum keine Kanzlerin, keine Parteien, keine Medien
hierzulande fordern, was überfällig ist: daß die Kirchen auf das ihnen
zustehende Maß zurechtgestutzt werden, ohne Sonderrechte, ohne staatlich
organisierte und abgesicherte Finanzierung, eben so, wie es selbst in den
christlichsten Staaten dieser Erde Brauch ist.
Solange keine Initiativen in diese Richtung gestartet werden, möchte ich von
Medien und Politik nichts mehr hören zu diesem Thema, denn ohne diese
Konsequenzen ist jede weitere Berichterstattung über die Kirche und ihre
Skandale unglaubwürdig.
Der unübertroffene Peter Hacks hat es in einem knappen Zweizeiler unter dem
Titel "Recht auf Gleichbehandlung" auf den Punkt gebracht:
"Die Glocke stört, es stört der Muezzin,
Man bringe sie zum Schweigen, die wie ihn."

* * *

Besser als die Stellungnahme von Papst Benedikt, der angesichts des
Mißbrauchsskandals vor dem "Zeitgeist" gewarnt hat, gefällt mir
übrigens, was der Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller - "dann macht
es bumm!" - hat verlautbaren lassen, u.a. nämlich dies:
"Indem man endlos
antikatholische Klischees bedient und alte Ressentiments weckt, soll der
Widerspruch zwischen virtueller Medienrealität und der Wirklichkeit, die immer
eine Mischung ist von Licht und Schatten, verschleiert werden (legenda negra).
Es besteht die Gefahr, dass sich bei "mediengläubigen" Zeitgenossen
der Eindruck festsetzt, es könne doch nicht alles falsch sein, was "in der
Zeitung steht". Missbrauchte Pressefreiheit lässt sich nicht mehr
unterscheiden von einer Diffamierungs-Lizenz, mit der man scheinbar legal all
diejenigen Personen und Glaubensgemeinschaften ihrer Ehre und Würde beraubt,
die sich dem totalitären Herrschaftsanspruch des Neo-Atheismus und der Diktatur
des Relativismus nicht fügen."
Wer regelmäßig auf die Website www.kath.net
geht, kann sich das Abo für eine Satirezeitschrift sparen.

* * *

Auch irgendwie Papst und sehr unfehlbar ist der deutsche Außenminister Guido
Westerwelle. Die FDP nennt jedwede Kritik an Westerwelle "demokratiegefährdend".

Ich bitte um Verzeihung, nein: Vergebung, den FDP-Chef in meinem letzten
Rundbrief kritisiert zu haben. Ich gelobe Besserung. Hoffe, die Demokratie hat
den März-Rundbrief noch mal ausgehalten und überlebt...

* * *

Uns erreicht eine Werbemail einer Plattenfirma. Der Titel: "wavemusic - vom sauber getimten
Kuß". Ja, "sauber getimt". Bitte laut aussprechen,
hört sich hübsch an. Etwas sonderbar, aber wer "die allseits bekannte
Anthropologin Margaret Mead" heranzieht, um seine komische CD namens
"wavemusic Volume 14" zu bewerben, mit "28 wunderbaren Songs, die zum romantischen und
musikalischen Eskalieren einladen", dem ist wahrscheinlich
sowieso nicht mit den Geheimnissen deutscher und englischer Sprache zu helfen.
Aber was ist nun "musikalische Eskalation"? Und muß man sich Sorgen
machen, wenn die musikalische Eskalation mal nicht "sauber getimt"
wird? Fragen über Fragen wirft diese Werbemail auf.

* * *

Auch gut ist dieser Abschnitt aus der Werbemail eines Mitbewerbers:
"Der Bozz vereint die
Klänge des Betons mit seinen Fähigkeiten als Poet der Strasse. Nachdem Azad
durch seine letzten beiden Veröffentlichungen bewiesen hat, dass ehrlicher,
rauer Rap hierzulande gefragt ist, gewährt er auf diesem Strassenalbum
zusätzlich tiefe Gefühlseinblicke."
Wenn Betonklänge auf Straßenalben zusätzlich tiefe Gefühlseinblicke zeigen...

* * *
Während es "Pur" nicht lassen können:
"PUR planen die
Veröffentlichung einer umfangreichen, limitierten und durchnummerierten
Live-Box in einer hochwertigen Verpackung. Dabei sollen Wünsche der Fans
berücksichtigt werden. Nimm Dir ein paar Minuten Zeit und sag uns, was Du
denkst.
Du hast die Chance
mitzubestimmen, welche Inhalte in die Box kommen, und wie die Verpackung
aussehen wird." (Hervorhebungen im Original)
Ich habe mir "ein paar Minuten Zeit" genommen, um zu sagen, was ich
denke: Ich denke, daß "Pur" ganz großer Mist sind, daß sie weh tun,
und daß sie, solange hierzulande keine Gefangenenlager á la Guantánamo
existieren und entsprechende Foltermusik benötigt wird, besser nicht gespielt
werden sollten. Daher sollte die limitierte und durchnummerierte (seit wann
können "Pur"-Fans zählen?) "Live-Box" leer sein, und was
aufs Cover soll, nämliche eine kleine Abbildung von diesem Zeugs, was in Berlin
so auf den Straßen zu liegen pflegt, dürfte auch klar sein.
Dachte ich mir. Und wollte es "emimusicnews" at "emihosting.com
im Auftrag von PUR" auch, wo sie so nett drum gebeten hatten, kurz
mitteilen - dann aber mußte ich feststellen, daß es "unter anderem 2
Tickets für ein PUR Open Air Konzert" zu gewinnen gab - und dann habe ich
es vorgezogen, meine Gedanken lieber doch nicht abzuschicken, sicher ist
sicher...

* * *

Ein anderer Clown, der gerade wieder mal im Zirkus aufgetreten ist, nennt sich
Dieter Gorny. Der fühlt sich angesichts jüngster Umsatzrückgänge der
Musikbranche "von der
Politik im Stich gelassen" und erwartet "Millionenverluste an
Steuern".
Dieter Gorny, der Mann, der in seinem ganzen beruflichen Leben noch kein
eigenes Geld in die Hand genommen hat, kommt einem vor wie der Bäcker ums Eck,
dessen Geschäftsmodell nicht mehr funktioniert, der seine Kunden verliert. Wo
aber der Bäcker entweder versuchen würde, bessere Brötchen zu backen, oder eben
seine Bäckerei aufgeben würde, um etwas anderes zu versuchen, da ist Dieter
Gorny einer, dessen Brötchen altbacken daherkommen und nicht schmecken, der
aber, anstatt sein Geschäftsmodell zu hinterfragen, wie das jeder anständige
Mensch tun würde, lauthals nach dem Staat ruft - Gorny ist wie ein schlechter
Bäcker, dem die Kunden weglaufen, der aber von der Regierung nicht einmal
Finanzhilfen, sondern gleich ein Gesetz fordert, wonach jeder, der in seiner
Straße wohnt, ach was, jeder, der durch seine Straße geht, auch seine lumben
Brötchen zu kaufen habe.
Ein armer und trauriger Clown, dessen seit Jahr und Tag rotgesichtig und
jämmerlich wiederholten Scherze schon beim ersten Mal niemanden zum Lachen
brachten, und der ernsthaft niemanden mehr schert (der aber natürlich als
bezahlter Lobbyist weiter durchs Berliner Milieu kraucht als Faktotum aus einer
vergangenen Zeit).

* * *

Die Lichtgestalt in der kleinen, tristen Welt des Dieter Gorny ist ganz sicher
Bushido, der durch rigoroseste Verfolgung downloadender Fans genau das tut, was
sich unser kleiner Dieter und sein "Bundesverband der Musikindustrie"
wünschen und vorstellen. Dumm nur, daß Bushido nun selbst beim dumpfesten
Diebstahl erwischt wurde - und zwar nicht beim kreativen Umgang mit Samples,
wie es seit Mahler unter Künstlern gang und gäbe ist, sondern beim simplen
Klauen kompletter Motive, die er einfach von einer französischen
Gothic-Rock-Band namens "Dark Sanctuary" gestohlen und mit eigenen
dumpfen Texten unterlegt hat. Laut "Spiegel Online" muß Bushido nun
Schadensersatz in noch unbekannter Höhe an die französische Band und deren
Plattenfirma bezahlen, und die elf (!) betroffenen Alben, Singles und Sampler
dürfen nicht mehr verkauft werden, bereits ausgelieferte Tonträger muß die
Plattenfirma zurückrufen und vernichten.
Wenn Bushido-Alben geschreddert werden, kann man Schadenfreude wohl kaum
verhehlen. Jemand, der Texte wie "Berlin
wird wieder hart, denn wir verkloppen jede Schwuchtel / Du Nutte kannst nach
Hause gehen, ab jetzt ist Hardcore du Opfer" veröffentlicht,
dem gebührt nicht nur jedwede Form von Verachtung, sondern aus 1000 anderen
Gründen als dem Urheberrecht das Schreddern seiner Alben - man kann bekanntlich
auch aus falschen Gründen das Richtige tun. Bushido ist übrigens der Künstler,
den Kanzlerin Merkel und ihre damals schwarz-rote Bundesregierung 2007 vor dem
Brandenburger Tor auftreten ließ...

* * *

Junker Günther Jauch macht sich nicht nur für konservative Architektur in
Berlin und für flächendeckenden Religionsunterricht öffentlich stark, sondern
finanzierte nun auch mit SAP-Gründer Hasso Plattner den Neubau des
Brandenburger Landtags in Potsdam - ach was, es ist natürlich nicht wirklich
ein "Neubau"; da kennt man den erzkonservativen
Lieblingsschwiegersohn und Junker Jauch schlecht - die historische Schloßfassade
mußte es natürlich sein, deren Rekonstruktion nun das Gesicht des Parlamentsbau
abgeben soll. Hübsche Demokratie, der nichts Besseres einfällt, als ihr
Parlament in den historischen preußischen Schloßnachbauten stattfinden zu
lassen!

* * *

In der Berliner "Neuen Nationalgalerie" findet folgendes, in der
hiesigen Presse in großformatigen Anzeigen angekündigtes, nun ja,
"Event" statt:
"Red Bull Flying Bach -
Die Flying Steps tanzen zu J.S. Bachs Wohltemperiertem Klavier."

Wobei Red Bull größer als der Titel in den Anzeigen steht. Und das Bild des
Meisters in einer hippen Sportjacke, unten die Logos, u.a. "Staatliche
Museen zu Berlin", "Bösendorfer", "Klassik Radio" und,
eben, "be.Berlin".
Deutschland ist eine Kulturnation. In echt jetzt, ey. "Be.Bach".

* * *

Warenwelten:
"Der Mauerbär.
Das KaDeWe präsentiert
exklusiv zum Jubiläum "20 Jahre Mauerfall" den limitierten
Steiff-Bären. Der Mauerbär ist ca. 46 cm groß, auf 500 Stück weltweit limitiert
und kostet 299,00 Euro. Nutzen Sie die Gelegenheit und lassen Sie sich Ihren
großen Mauerbären am Do 1.4.2010 ab 12 Uhr im Steiff-Shop in der 5.Etage mit
einem Motiv Ihrer Wahl auf eine der Tatzen airbrushen."
Kein Aprilscherz, leider. Ich wüsste allerdings schon ein geeignetes Motiv, das
ich dem Mauerbären gerne auf seine Tatze airbrushen ließe: den Mann im 1990er
Weltmeister-Trikot nämlich, der sich, vor den in Rostock brennenden
Asylbewerberunterkünften stehend und die Hand zum Hitlergruß erhoben, in seine
Trainingshose gepisst hat. Eine deutsche Ikone eben.

Einen netten ersten April und frohes Ostereiersuchen, mit oder ohne limitiertem
Mauerbären, wünscht Ihnen Ihr Berthold Seliger

20.03.2010

Und Ansonsten 2010-03-20

"Wenn
es mir nur um die Beliebtheitsumfragen ginge, hätte ich vielleicht besser
Sänger werden sollen." (Guido Westerwelle)
Wieso denn das? Singen kann Westerwelle doch sicher auch nicht...

* * *

Wobei die Aufregung um Westerwelle ein wenig gespielt scheint, besonders bei
denen, die das verfassungswidrige "Hartz 4"-Gesetz auf den Weg
gebracht haben - letzten Endes hat Westerwelle doch nur das wiederholt, worauf
nun mal die Agenda-Beschlüsse der damaligen rot-grünen Bundesregierung fußten.
Westerwelle ist halt das eifrige Tanzäffchen, das wahlweise auf der Drehorgel
der Kanzlerin oder der Drehorgel der Industriespender, die seine Partei
finanzieren, seine Wahlkampffaxen aufführt - als Person nicht weiter
ernstzunehmen, als Politiker nicht satisfikationsfähig.
Einen schönen Gedanken zu Westerwelle hat Friedrich Küppersbusch (warum hat der
eigentlich keine Fernsehsendung mehr?!?) in der "taz" formuliert:
"Guido Westerwelle war
seit 1983 Juli-Chef, seit 88 im FDP-Bundesvorstand und schloß sein Jurastudium
erst 1991 ab: Parteiamtssalär, Diäten, Ministergehalt. Der Mann hat nie
ernsthaft von etwas anderem als Staatsknete gelebt. Daß nun ausgerechnet er
wirklich Bedürftige als überfressene Orgiasten schmäht - im vorrevolutionären
Frankreich wäre das als der mannhafte Wunsch verstanden worden, sich immerhin
die eigene Laterne auszusuchen."

* * *

Ach, wenn die Medien doch mal aufhören würden, den Blödsinn nachzuplappern, der
allüberall zu lesen ist - daß die Künstler sich vermehrt ums Livegeschäft (das
angeblich boomt) kümmern würden, weil sie mit ihren Alben nichts mehr
verkaufen... In Danny Goldberg's Buch "Unter Genies" ist über die
Zeit um 1970 zu lesen (Goldberg arbeitet seit den 60er Jahren in der
Musikindustrie, war Manager von Bands wie Led Zeppelin, Manager und
Vorsitzender von Atlantic Records, Warner Bros. Records und Mercury Records):
"Es gab viele Künstler
wie die J. Geils Band, die Allman Brothers und vor allem Grateful Dead, die
mehr Geld auf Tour verdienten, als sie jemals mit Plattenverkäufen
erzielten."
Scheint also auch früher schon so gewesen zu sein...

* * *

"Ich bin Feministin!
Studentinnen schreiben Pornos und sind stolz darauf" heißt es
auf dem Titel des "UniSPIEGEL", das Studentenmagazin des
"Spiegel". Zu sehen ist eine Blondine mit schwarzem BH, neckisch auf
dem Boden kauernd mit einem Bleistift (!) an den Lippen - der Titel "Ich
bin Feministin" dabei das Geschlecht verbergend.
Wenn alte Herren Altherrenmagazine machen.

* * *

Arme Klassik.
Die "Berliner Zeitung" schreibt zu einem gescheiterten Klavierabend
der Pianistin Olga Scheps:
"Man muß es so hart
sagen: Wer einen Vertrag bei dem Label Sony Classical haben möchte, muß vor
allem optische Reize mitbringen. Ob er musikalisch etwas Interessantes zu sagen
hat, ist absolut zweitrangig; und bei der Frage nach dem Repertoire, nach der
Musik, die auf CD aufgenommen werden soll, hat der Künstler so gut wie kein
Mitspracherecht. Gefälliger Mainstream muß es sein."
So weit, so schlecht. Allerdings stimmt an dem Gesagten zweierlei nicht:
erstens und vor allem gilt das Gelb-Label, das nationale Klassikaushängeschild
"Deutsche Grammphon", seit Jahren als das Label, das am
konsequentesten die oberflächliche Pop-Promotion um- und durchgesetzt hat:
lauter schöne Menschen werden mit ihren optischen Reizen in den Vordergrund
gerückt und spielen in aller Regel langweilige Alben ein. Das ist ein Konzept,
das vor ein paar Jahren in der NMZ veröffentlicht wurde, man kann das im
Internet nachlesen - und wie das eben so ist: alle kupfern vom Marktführer ab,
so eben auch Sony Classical. Wobei man zweitens hinzufügen muß, daß auf diesem
Label letztes Jahr immerhin die Bach-Partiten mit Murray Perahia erschienen
sind, und der sieht, ähem, nicht soo dolle aus, und zum anderen hat
"Deutsche Grammphon" seit Jahren kein so gutes Album auf dem
Hauptlabel veröffentlicht (wenn man von "Archiv"-Produktionen z.B.
absieht ). Aber natürlich stimmt das, was die "Berliner Zeitung"
gesagt hat, in der Tendenz völlig, und man kann es besonders im sogenannten
"Chopin-Gedenkjahr" beobachten, denn Chopin gilt schlichteren
Geistern ja als "der" Romantiker, muß also von den Konzernbossen als
Thema ausgepreßt werden bis zum Gehtnichtmehr.
Aber, liebe Leserinnen und Leser dieses Rundbriefs: bitte fallt nicht auf die
Werbebotschaften der Musikindustrie rein. Verseht alle CDs, auf deren Covern
liebreizende junge Damen in zwielichten Posen zu sehen sind, mit einem Malus.
Geht an den hübschen Frauen, die mit den Wölfen spielen, vorbei, ignoriert
Alben, die einen Zusatztitel wie "Piano Adagio" (was fürn Schmarrn!
in der Werbung dazu heißt es dann "cantable Stücke von Chopin" - ach
ja?) oder "Credo" oder "The Mazurka Diary" benötigen. Und
wenn ihr Chopin-CDs kaufen wollt, wozu man nur raten kann, dann greift zum
Beispiel auf diese hier zurück: die Etüden gespielt von Pollini, die Polonaisen
gespielt von Rubinstein, die Klavierkonzerte von Zimerman, die Preludes von
Sokolov, die Nocturnes und die Berceuse noch mal von Rubinstein, die
h-moll-Sonate und die Walzer von Lipatti. Oder Aufnahmen von Richter, oder von
Argerich. Zum Beispiel. Das Gute ist: diese Aufnahmen sind hervorragend, und
weil die Kulturindustrie eben sehr merkwürdig tickt, sind sie überall sehr
günstig zu erwerben, sie werden euch zum Teil geradezu nachgeworfen.
Allerdings: die Künstler sehen teilweise nicht besonders gut aus. Tschah.
Vor allem aber sollte man ein Album erwerben, das zu den zehn besten aller
Zeiten (und damit meine ich nicht die besten "Klassik"-Alben aller
Zeiten, sondern insgesamt und überhaupt!) gehört und das in jeder CD-Sammlung
jedes Musikliebhabers und jeder Musikliebhaberin stehen sollte - eingespielt
hat es Arturo Benedetti Michelangeli, und es sind darauf zehn Mazurken zu hören
und die Ballade g-moll und das Scherzo b-moll, und nichts davon kann man
irgendwo besser hören als auf dieser CD. Wort!
(die Empfehlung für das beste Chopin-Booklet geht an Jan Reichow zur gerade
erschienenen Aufnahme der Mazurken von Evgeni Koroliov - was man da alles
lernen kann! "Mit den
Mazurken ist man auf dem besten Weg, den ganzen Chopin neu zu erschließen.
Nicht den der Hochschulkonzertexamen, der internationalen Wettbewerbe und
chinesischen Klaviertitanen, sondern den, der polnische Dorfmusik in sich
aufgesogen hat, Erinnerungen an Masowien, das Dorf Szafarnia, wo er nachts um
11 den einsaitigen Baß traktierte..." und die Musik ist auch
sehr empfehlenswert. Auf dem Cover sind allerdings nur Noten zu sehen...)

* * *

Nur mal wahllos und unvollständig Meldungen über Politiker und ihre
(Neben-)Tätigkeiten, aus einem Monat Zeitungs- und Magazinlektüre
zusammengestellt:
" Die Wohnungsbaugesellschaft Howoge hat den Planungsauftrag für die
Sanierung von 654 Wohnungen an den Berliner SPD-Abgeordneten und
stellvertretenden Bauausschußvorsitzenden Ralf Hillenberg vergeben. Ohne
Ausschreibung. Die beiden Geschäftsführer der Howoge sind ebenfalls
SPD-Mitglieder. Nach der Sanierung sollen sich die Mieten der Wohnungen
verdoppeln.
" In Düsseldorf kommt heraus, daß Landtagspräsidentin van Dinther (CDU)
und ihr Vize Moron (SPD) vom Kohlekonzern RAG Kohle, nämlich fünfstellige
"Beraterhonorare", eingestrichen haben.
" Laut "Spiegel" steht Ex-Bundeskanzler Schröder (SPD) dem
Aktionärsausschuß von Nord Stream vor, einem Konsortium, das mehrheitlich zu
Gazprom gehört. "Schröder war kaum einen Monat aus dem Amt geschieden, da
nahm er seinen Posten im Aufsichtsgremium von Nord Stream an. Er wurde zum
bezahlten Lobbyisten für eine Pipeline, die er als Kanzler vorangetrieben
hatte."
" Ebenfalls laut "Spiegel" arbeitet Ex-Außenminister Fischer
(Grüne) "inzwischen nicht nur für RWE, er berät auch BMW und Siemens. Er
bekommt also Geld von einem Autobauer, einem Hersteller von Atomkraftwerken und
einem Betreiber von Atomkraftwerken."
" Guido Westerwelle hat laut Recherchen von "Spiegel Online" in
der letzten Legislaturperiode 35 Vorträge für Firmen und Verbände für insgesamt
245.000 Euro gehalten - darunter die Privatbank Sal. Oppenheim, die,
Überraschung!, Maritim Hotelgesellschaft oder das Congress Hotel Seepark in der
Schweiz. Unter denen, die ganz masochistisch Geld dafür zahlten, daß
Westerwelle für sie redete, gehört auch eine Liechtensteiner Bank, bei der
deutsches Schwarzgeld versteckt wurde. Westerwelle hat sich beim Thema
"Ankauf von CDs aus der Schweiz mit Daten deutscher Steuersünder"
auffällig zurückgehalten - er sagte etwa, der Staat dürfe sich "nicht zum
Mittäter von Dieben" machen. Juristisch ist Westerwelles Verhalten
natürlich nicht zu beanstanden.
" Gespräche mit dem nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Rüttgers
(CDU) wurden von seiner Landespartei verkauft - angeblich ohne sein Wissen. Der
"Vorwurf der Käuflichkeit" sei "absurd", stellte Rüttgers
klar. Natürlich.
" Im Südwesten der Republik, im Landkreis Breisgau, ist der
CDU-Finanzstaatssekretär und Landtagsabgeordnete Fleischer in einen
Politskandal verwickelt, der ihn bereits zum Rücktritt von seinem Staatssekretärsposten
gezwungen hat - die Kiesunternehmen in seinem Wahlkreis gaben Fleischer für
seinen Landtagswahlkampf 2006 Kies, nämlich 40.000 Euro - entsprechend
"soll Fleischer versucht haben, eine Entscheidung über den Kiesabbau beim
Ausbaggern eines Hochwasser-Rückhaltebeckens zugunsten der Kiesunternehmen
seines Wahlkreises zu beeinflussen" ("FAZ").
" Die "Berliner Zeitung" berichtet über die "einträgliche
Partnerschaft des FDP-Vorsitzenden Westerwelle mit Schweizer Firmen".
Westerwelle saß seit 2004 im Beirat von einer Frma namens "TellSell",
die sich einen Namen gemacht hat im sogenannten Business Development - "wohl auch mit Hilfe des
FDP-Chefs, wenn man der Eigenwerbung der TellSell glauben mag. Dort heißt es:
"Unsere Beiräte öffnen für Sie Türen und bringen Sie mit relevanten
Ansprechpartnern zusammen." Westerwelle und seine drei Beiratspartner
haben dann auch mitgeholfen, der TellSell eine lange Kundenliste
zusammenzustellen: Darauf stehen die Telekom, O2, die Deutsche Bahn und die Post,
die Dresdner Bank und die UBS, große Energie-, Auto- und Handelskonzerne,
Versicherungen und sogar die Bundesagentur für Arbeit." Das
Unternehmen gehört zum verwinkelten Firmengeflecht von Clemens Boersch, der bis
heute mehr als 150.000 Euro Parteispenden an die Westerwelle-Partei vergeben
hat. Westerwelles Bruder übrigens residierte bis September 2009 (!) im
Schweizer Steuerparadies mit seiner Schweizer Firma im selben Haus wie Boersch "und ist mit dessen Unternehmen
Mountain Partners auch geschäftlich verbandelt" (Berliner
Zeitung). Zur Mountain Partners AG gehören Investoren aus Saudi-Arabien und dem
Oman, womit sich ein doppelter Kreis schließt - zum einen zum Freund arabischer
Länder Möllemann, sein Fallschirm habe ihn selig, zum anderen zu Westerwelles
neuem Job als Außenminister - auf seiner ersten Dienstreise an den Golf durfte
Parteispender und Geschäftspartner Boersch den Außenminister begleiten -
"als Mitglied einer Wirtschaftsdelegation, für die Westerwelle im Nahen
Osten Türen öffnen wollte." Westerwelle hat sich übrigens kurz nach der
Bundestagswahl aus der TellSell zurückgezogen - sein Beiratsmandat ging auf
Jürgen Koppelin über. Wer Koppelin ist? Der ist Fraktionsvize der FDP im
Bundestag...
Wer wundert sich da eigentlich noch über die "Politverdrossenheit"
der Bürgerinnen und Bürger? Deutschland, eine gekaufte Republik...

* * *

Wobei ich auch sagen muß, daß ich die öffentliche Diskussion um käufliche
Politiker ein bißchen einseitig finde, denn die Chancen gewissermaßen für eine
neue Form von "direkter Demokratie" werden kaum berücksichtigt. Wie
günstig kommt man derzeit an ein Gesetz - das sollte man sich zunutze machen!
Denken Sie an die GEMA-Petition. Über 100.000 Menschen haben diese Petition
unterzeichnet, ohne daß sich irgendetwas geändert hätte. Wenn nun dagegen jeder
dieser Unterzeichner knapp 20 Euro in die Hand nähme, könnte man schwupps ein
Gesetz hinbekommen, das die Abschaffung der GEMA umsetzt. Bei der CSU kostet so
ein Gesetz aktuell 700.000 Euro, bei der FDP 1,1 Millionen. Andrerseits rate
ich davon ab, nur auf den Preis zu schauen - man sollte auf Nummer sicher gehen
wie die Mövenpick-Eigner und am besten sowohl CSU als auch FDP mit einer
entsprechenden Spende bedenken - das kostet dann zwar 1,8 Millionen Euro, dafür
ist man aber auf der sicheren Seite. Und mal ganz ehrlich - ein Gesetz für 1,8
Millionen Euro ist so teuer nun auch wieder nicht... Vielleicht sollte man
zusätzlich ein paar Tausend Euro in Gespräche mit CDU-Ministerpräsidenten
investieren, die sind billig zu haben, und man hat dann mit dem Bundesrat
später keinen Ärger - also lassen Sie uns zu den 1,8 Millionen noch die 6000
Euro für Ministerpräsident Rüttgers investieren - von einem Gespräch mit
Ministerpräsident Tillich zu einem ähnlichen Tarif rate ich ab, der hat nichts
zu sagen, das Geld kann man sich sparen...

* * *

In der Bankabbuchung der "Rundfunkanst." steht: "Ihre
Rundfunkgebühren für gutes Programm". Wo kann ich nun angesichts des
dumpfen Scheiß, der mir da auf ARD und ZDF in aller Regel gezeigt wird, meine
Gebühren zurückverlangen?!?

* * *

Im Sportteil der "Berliner Zeitung" jammert Matti Lieske über das
Kulturprogramm der Olympischen Winterspiele und vermißt darin zum Beispiel Neil
Young, der angeblich "nicht gekommen" sei. Ich weiß nicht, ob Matti
Lieske in Vancouver vor Ort war, ich weiß aber, daß das Kulturprogramm der
Olympischen Spiele durchaus einige hochkarätige Shows beinhaltete - etwa die
Revue eines gewissen Neil Young über Hal Wilner-Stücke, mit u.a. Lou Reed als
Gast. Oder Laurie Anderson's neues Multimediaprogramm, das bei den Olympischen
Spielen seine Weltpremiere erlebte. Als Bewohner eines Landes, dessen Kultur-
und Sportfunktionäre Auftritte einer Band namens "Sportfreunde
Stiller" bei der Fußball-WM 2006 für den Höhepunkt ihres Kulturprogramms
gehalten haben, sollte man da vielleicht etwas vorsichtig sein...

* * *

Die "Berliner Festspiele", "in Zusammenarbeit mit Staatliche
Museen zu Berlin, Neue Nationalgalerie", sorgen für eine aktualisierte
Geschichtsschreibung: Das Programm "Telegrams from the Nose" von
William Kentridge und François Sarhan im Rahmen von "MaerzMusik 2010"
ist laut Vorankündigung des Veranstalters neben Gogol und Schostakowich
inspiriert "von Daniil
Kharms, ein Surrealist, Dichter und Dramatiker der frühen Sowjet-Ära, der Opfer
von Stalins Verbrechen wurde". Richtig schreiben können sie
den Namen dieses großen Dichters, der sich aus guten Gründen Daniil Charms
nannte (worin sich natürlich das französische "Charme", aber auch das
englische "harm" spiegeln), nicht, aber sie wissen eben genau, daß er
Opfer von Stalins Verbrechen wurde. Nun soll nicht beschönigt werden, daß
Charms unter Stalin zeitweise Schreibverbot hatte und auch ins Gefängnis mußte
- gestorben ist Charms allerdings, wie mehr als eine Million andere Leningrader
Bürgerinnen und Bürger auch, 1942 als Opfer der Leningrader Blockade durch
Hitlers Wehrmacht, nämlich elendig durch Unterernährung. Selbst Wikipedia
beschreibt die Leningrader Blockade als "den
beabsichtigten Verzicht auf die Einnahme der Stadt durch die deutschen Truppen
mit dem Ziel, die Leningrader Bevölkerung systematisch verhungern zu lassen,
eines der eklatantesten Kriegsverbrechen der deutschen Wehrmacht während des
Krieges gegen die Sowjetunion". Aber das hat den Berliner
Festspielen, denen der Name des Künstlers nicht wichtig genug war, um ihn
richtig zu schreiben, natürlich nicht ins Konzept gepaßt.

* * *

Was Frau von der Leyen recht ist, ist dem weißrussischen Präsidenten
Lukaschenko billig: Wie die damalige Jugendministerin hierzulande geht auch
Lukaschenko "Rammstein" auf den Leim und betreibt kostenlose Werbung
für die Rockband - Lukaschenko und sein "Rat für Sittlichkeit" hat
das Verbot eines Rammstein-Konzertes in Minsk gefordert: Die Band würde die
weißrussische Staatsordnung gefährden.
Ts ts. Und dabei dachte ich, die Musik von Rammstein und die reaktionäre
weißrussische Diktatur würden prächtig zusammenpassen...

* * *

Die Umsätze im Downloadgeschäft mit Musik wachsen schneller als die
Verkaufszahlen - im Jahr 2009 bei Umsätzen von 112 Millionen Euro um 40
Prozent.

* * *

Da freut sich der "Spiegel": "Treu bis in den Tod" titelt
die Klatschpostille über Eva Braun, die "die Geliebte Adolf Hitlers und
für knapp 40 Stunden seine Ehefrau" und mithin dem "Spiegel"
einen dreiseitigen Artikel mit allerlei aktuellen Schwarzweiß-Fotos aus dem
Privatarchiv des Führers wert war.
* * *

Die katholische Kirche besteht weiter darauf, daß nur Männer ihren eigentlichen
Dienst tun dürfen - was irgendwie schade ist. Ich könnte mir zum Beispiel die
durchgeknallte Gaga-Fürstin Gloria von und zu Thurn und Taxis hervorragend als
katholische Bischöfin vorstellen - wie sie etwa den Homosexuellen empfiehlt,
eifrig gegen ihre "widernatürliche Neigung" anzubeten, sich also
quasi "gesundzubeten", das hat doch fast schon Mixa-Qualitäten. Also,
liebe katholische Kirche, laß Frauen Bischöfinnen werden! Ernenne Gloria zur
Fürstbischöfin!

* * *

In ihrem Buch "In der Mitte des Lebens" schrieb die evangelische
Bischöfin Margot Käßmann diesen schönen Satz:
"Wichtig ist, nicht zu vertrocknen, sondern offen zu sein für das Neue und
keimen und aufblühen zu lassen, was blühen will und kann."
Nicht wegen diesen Satzes ist Frau Käßmann zurückgetreten, sondern wegen ein
paar Gläser Wein und Sekt.

Nutzen Sie den Frühling, falls er doch noch kommt. Lassen Sie's kräftig keimen
und aufblühen! Was immer in Ihnen blühen will und kann. Denn wichtig ist, nicht
zu vertrocknen - das sagt übrigens auch Kaiser Franz Beckenbauer immer:
ausreichend trinken!

06.02.2010

Und Ansonsten 2010-02-06

Was
würde man sich wünschen, daß nach dem Mordanschlag auf den dänischen
Karikaturisten Kurt Westergaard durch einen islamischen Fanatiker die hiesigen
Zeitungen und Zeitschriften zusammenstehen würden und der Welt zeigen: das ist
ein Anschlag auf Meinungsfreiheit, ein Anschlag auf die Freiheit der Kunst, den
wir nicht zulassen - und was wäre besser geeignet, dem etwas entgegenzusetzen,
als ein bundesweiter Abdruck aller dieser Karikaturen in allen Zeitungen und
Zeitschriften? Aber nein, der Hase läuft ganz woanders hin, er zick-zackt
natürlich nach rechts außen. Findet man auf "Spiegel Online" noch
einen brauchbaren Kommentar von Broder, auch wenn man auch dort die Karikaturen
vergeblich sucht, so erklärt die "Süddeutsche Zeitung" die Mohammed-Karikatur
samt Karikaturisten aufgrund mangelnder Qualität der Karikatur für nicht
schützenswert, und ihr Kommentator und Feuilleton-Chef fragt allen Ernstes: "Was zählt mehr? Das Grundrecht
auf Meinungsfreiheit? Oder der Respekt für religiöse Gefühle?"
Selber Schuld, der Karikaturist, wenn er umgebracht wird, die SZ schützt ihn
nur, wenn er besser zeichnet. Sowas galt mal als "linksliberale"
Zeitung... (am Rande: die "Süddeutsche Zeitung" ist auch die Zeitung,
die Blogger dafür bezahlt hat, daß sie sich in Blogs und Foren ausschließlich
lobend über den von der "Süddeutschen Zeitung" fürs Iphone
entwickelten App äußern - so was ist eben keine Zeitung mehr, sondern ein
Geschäftsmodell).
Wie man überhaupt im Süden der Republik, wen wunderts, auf so manchen dummen
Gedanken kommt: In der Südwestfresse schreibt ein Eugen Röttinger:"Westergaard wollte bewußt
provozieren. Und er provoziert, fern jeder Verantwortung unter dem Deckmantel
der Meinungsfreiheit, munter weiter: Für ihn sponsort pauschal der Islam den
Terror. Er ist mindestens so verblendet wie sein Attentäter."
Boah. Sowas ist also unter dem "Deckmantel der Meinungsfreiheit" im
Südwesten möglich.
Doch bestürzende Kommentare zu diesem Attentat lassen sich auch in seriösen
britischen Zeitungen finden. Im "Guardian" etwa beschuldigt Nancy
Graham die Dänen pauschal, ein religionsloses Volk zu sein, und so was kommt
dann eben von sowas: "Publishing
Kurt Westergaard's cartoons was an aggressive act born of Denmark's recultance
to respect religious belief."
Religion ist eben Opium fürs Volk. Und manche Journalisten verwenden
bedarfsweise Haschpilze und schreiben nur noch gaga. Unglaublich.

* * *

Die Pünktchenpartei ist wirklich ganz famos:
Hatte man sich noch ein wenig (wirklich ein wenig nur, weil spätestens seit dem
Flickskandal weiß man ja, wie der Hase läuft...) gewundert, warum die FDP Hand
in Hand mit der CSU im sogenannten "Wachstumsbeschleunigungsgesetz"
eine Senkung des Mehrwertsteuersatzes auf Hotelübernachtungen von 19 auf 7 Prozent
durchgesetzt hatte, so bekommt man jetzt die Erklärung nachgeliefert: Die
Düsseldorfer Substantia AG (Klasse Name auch, Respekt!) hat der FDP binnen
eines Jahres sage und schreibe 1,1 Millionen Euro überwiesen, eine der höchsten
Parteispenden in der an deftigen Parteispenden wahrlich nicht armen Geschichte
der FDP. Die Substantia AG gehört einem der reichsten Deutschen, August Baron
von Finck. Und dessen Familie hinwiederum ist Miteigentümerin der
Mövenpick-Gruppe, die in Deutschland 14 Hotels betreibt.
Ein FDP-Sprecher sagt dazu: "Es gibt keinen Zusammenhang mit der
beschlossenen Mehrwertsteuersenkung." Iwo, eh klar, natürlich nicht. Sagte
doch schon Guido Westerwelle, der Zusammenhang zwischen dieser Millionenspende
und der Steuervergünstigung für Hotelbetriebe ist "absurd".
Weil eins und eins längst nicht mehr zwei sind. Und die Erde eine Scheibe.
(die Zustimmung der CSU zu dem absurden Mövenpick-Gesetz war übrigens ein paar
hunderttausend Euro günstiger zu haben, was neue Gedanken über den Niedergang
der bairischen Staatspartei erlaubt; im bairischen Landtag, by the way,
verlangen SPD und Grüne seit Jahren massiv genau die Steuervergünstigung für
Hoteliers, die CDU, CSU und FDP nun auf Bundesebene durchgesetzt haben, wofür
CDU, CSU und FDP im Bundestag von Politikern der SPD und Grünen scharf
gescholten wurden, die in Bayern hinwiederum usw. usf.)

* * *

"... ich erkenne nur
ein höchstes Gesetz an, die Rechtschaffenheit, und die Politik kennt nur ihren
Vorteil..."
Heinrich von Kleist an Wilhelmine von Zenge, vor 210 Jahren...

* * *

A propos Westerwelle - besser als die "FAS", recht eigentlich das
Hausblatt der FDP, hätten wir dies auch kaum sagen können:
"Derweil freute sich
der deutsche sogenannte Außenminister Guido Westerwelle wie ein Gänseblümchen
über seine nicht enden wollende Audienz bei den demokratisch nicht
legitimierten Besitzern Saudi-Arabiens, von deren "Erfahrungsschatz"
er das machen wollte, was er selbst für lernen hält. Ob darunter die
Verbreitung des haßgetränkten fundamentalistischen islamischen Wahhabismus, die
übereifrige Anwendung der Todesstrafe (...), die ungenscherhafte Eindeutigkeit
der Scharia oder doch noch ganz andere saudische Errungenschaften gemeint
waren, darüber ließ Westerwelle seine moralisch neutrale, aber Geschäfte umso
intensiver witternde Entourage ebenso im Unklaren wie darüber, ob er sich mit
den Sauds so duzt wie mit dem Horst von der CSU."
Aber der "ARD-Tagesschau" hatte Westerwelle ja bereits vorab
mitgeteilt, worauf es ihm ankomme: "Das Interesse ist nicht nur politisch,
sondern auch eindeutig wirtschaftlich."

* * *

Wie es ja überhaupt ein Faszinosum unserer freien, gleichgeschalteten Medien
darstellt, wie sie es alle schaffen, über den diktatorischen Unrechtsstaat
Dubai den, nun denn, Schleier der Weichzeichnerei zu decken. Hat man in den
letzten Jahren irgendeinen Bericht in irgendeiner Zeitung oder Zeitschrift
hierzulande gelesen, oder in irgendeinem Fernsehmagazin gesehen, der über etwas
anderes berichtet hätte als die paradiesischen Inseln, die wunderbaren
Hotelpaläste, die höchsten Hochhäuser oder was an Märchenhaften in Dubai sonst
noch wächst? Gab es irgendwen, der auch nur die simpelsten
Recherche-"Fragen eines lesenden Arbeiters" (Brecht) gestellt und
beantwortet hätte? Welche Medien haben bisher hierzulande darüber berichtet,
wie all der protzende Reichtum entstanden ist?
"Human Rights Watch" hat die Arbeitsbedingungen der Bauarbeiter, die
die prestigeträchtige Museums-Insel in Abu Dhabi bauen, als
"zwangsarbeiterähnlich" beschrieben. Die Arbeiter leben und arbeiten
unter katastrophalen Bedingungen und müssen oft monatelang auf ihren Lohn
warten. Die Löhne in Dubai sind ohnedies weit unter dem Existenzminimum. Die
zahllosen Fremdarbeiter, die die modernen Gebäude Dubais bauen, sind völlig
rechtlos, ihre Pässe werden bei ihrer Ankunft eingezogen. Dubai, ein Land, in
dem Frauen keine Rechte besitzen und nicht einmal vor Gericht als klagende
Parteien akzeptiert werden. Ein Land ohne jegliche Demokratie, ein Land, eine
Diktatur in der Hand seiner Besitzer - wer berichtet über dieses
Geschäftsmodell?
Was China angeht, kann hierzulande gar nicht dolle genug über Menschenrechte
geredet werden. Die Vereinigten Arabischen Emirate dagegen werden von den
bürgerlichen Medien als märchenhaftes Paradies dargestellt und sind doch die
ekelhaftesten Diktaturen, die es derzeit gibt. Und nun - warum berichtet
niemand darüber? Eben: weil das "Interesse" nicht politisch, sondern
"eindeutig wirtschaftlich" ist. Am Bau des nun höchsten Gebäudes der
Welt, des Burj Khalifa in Dubai, haben u.a. diese deutschen Firmen
mitgearbeitet bzw. für die Ausstattung geliefert: BASF, Miele, Dornbracht,
Duravit, Rosenthal, Meva, Muehlhan, Ardex, Knauf, Kaldewei, CES, GEA, Hepp,
Hansgrohe...
(der Besuch auf der Webseite the-dubai-in-me.com ebenso wie das Betrachten des
gleichnamigen Films wird wärmstens empfohlen!)

* * *

Die "FAS" titelt munter vor sich hin: "Peking schickt keine Soldaten nach Afghanistan. Es
investiert aber - zum eigenen Nutzen".
Ei perdautz. Da investiert China also "zum eigenen Nutzen", also ganz
ganz anders, als das jahrhundertelang und bis heute ehemalige und jetzige (was
meistens identisch ist) Kolonialstaaten tun...

* * *

Dirk von Lowtzow von der Band "Tocotronic" gibt Axel Springers
Kampforgan für revolutionäre Umtriebe, der Tageszeitung "Die Welt",
ein Interview zum Thema "Widerstand", und sagt u.a.:
"Es gab bei diesem
Album den Willen zu ergründen, unter welchen Umständen Kunst - in unserem Fall:
Musik - Widerstand sein kann, ohne in opportunistische Kapitalismuskritik zu
verfallen."
Mal jenseits der verquasten Sprache - "opportunistische
Kapitalismuskritik" - hab ich da was verpaßt?!? Ein Satz zum Einrahmen.
Fürs Poesiealbum, sozusagen.

* * *

Eine selten dämliche Überschrift aus der "taz": "Holocaust-Gedenktag. Vor 65
Jahren wurde das KZ Auschwitz befreit. Vor sechs Jahren erfuhr unsere Autorin,
daß sie aus demselben Dorf stammt wie einer der SS-Täter von Auschwitz. Das
verändert die Erinnerung."
"Das verändert die Erinnerung"? Ja, wie denn? Zählt der Holocaust
nur, wenn eine "taz"-Autorin einen persönlichen Bezug entwickelt,
also subjektiv und irgendwie total "betroffen" ist? Oder hat sie
plötzlich festgestellt, daß die Nazis für den Holocaust verantwortlich sind?
Deutsche? Die aus Dörfern kommen, in denen auch taz-Autorinnen aufgewachsen
sind?

* * *

Im Herbst letzten Jahres haben sogenannte "linke Anti-Imperialisten"
in Hamburg in militärischem Outfit die Aufführung des Films "Warum
Israel" von Claude Lanzmann in einem Kino verhindert - wie Lanzmann, der
Autor von "Shoah", anmerkt, ist es weltweit das erste Mal passiert,
daß die Aufführung einer seiner Filme auf diese Weise gestört wurde. "Die Deutschen, ob Linksradikale
oder nicht, haben sich wie Herren aufgespielt. Diese Rolle dürfen sie nie
wieder spielen", sagte der 84jährige Lanzman dazu.
Was die Horde selbsternannter "Linker" in Hamburg im SA-Stil
erledigte, das besorgt die bürgerlich-feine Wochenzeitung "Die Zeit"
auf wesentlich distinguiertere Art und Weise. Dem Kunsthistoriker Welzbacher
gewährt sie fast eine Seite, um ein kleines Detail in Lanzmanns in Frankreich
als "Buch des Jahres" gefeierter Autobiographie breit zu welzbachern
- Lanzmann schreibt, daß er als junger Gastdozent an der Berliner FU mit einem
Zeitungsaufsatz über die NS-Vergangenheit des FU-Gründungsrektors Edwin Redslob
zu dessen Rücktritt beigetragen habe. Die "Berliner Zeitung" hatte
Lanzmanns Artikel ohne dessen Wissen ein Gedicht zur Seite gestellt, das Edwin
Redslob Görings Frau Emmy gewidmet habe. Daran nun entzündet sich die Kritik
des Redslob-Biografen Welzbacher - Redslob habe das Gedicht nicht
"direkt" für Emmy Göring geschrieben, "sondern für ein Service der Kopenhagener
Porzellanmanufaktur, die Emmy Göring mit einer Geschirrgarnitur
beschenkte", was nun in der Tat einen sehr großen Unterschied
macht. Redslob, dessen Wirken von den Nazis als "kriegswichtig"
eingestuft wurde, ist laut Johannes Wilms "kein
Täter, aber ein publizistisch umtriebiger Mitläufer des Nazismus" und
"als Phänotyp exemplarisch".
Was die Sache nun aber besonders ekelhaft macht, ist, daß die "Zeit"
und ihr Autor Welzbacher wegen dieser winzigen Unwichtigkeit die gesamte
Autobiographie Claude Lanzmanns in Zweifel, ja: in den Dreck ziehen. Die
Autobiographie solle im Rowohlt-Verlag so nicht erscheinen, weil, wer derart
als Verfälscher eines Ereignisses überführt sei, dem dürfe man auch den Rest
seines Buches nicht glauben - "dürfen
Kunstwerke mit historischen Fakten spielen?", fragt entrüstet
der "Zeit"-Autor und fordert allen Ernstes den Rowohlt-Verlag auf,
der dürfe Lanzmanns Buch nur mit einem kritischen Begleitkommentar, als
"kritische Ausgabe" gewissermaßen, veröffentlichen. Wäre ja noch
schöner, wenn der freche Jude hier in Deutschland einfach schreiben darf, was
er will! Die Überschrift des "Zeit"-Artikels lautet "Kleine
Warnung an den Rowohlt Verlag". "Zeit"-Redakteur Florian Illies,
in seiner journalistischen Karriere durch wenig mehr als das Ärgern von
Volontärinnen bei der "Fuldaer Zeitung" und das Fahren der
"Generation Golf" aufgefallen, nimmt "Zeit"-Autor
Welzbacher nun ebenso wortreich wie nichtssagend vor der Kritik in Schutz.
Was nirgendwo zu lesen war: Edwin Redslob war nach seinen vielfältigen
Verstrickungen mit dem Nazi-Regime nach dem Zweiten Weltkrieg einer der
Begründer des "Tagesspiegels". Der "Tagesspiegel" wiederum
gehört der "Dieter von Holtzbrinck Medien GmbH", der wiederum auch
50% der Wochenzeitung "Die Zeit" gehören samt dessen operativer
Führung. Einer der drei Herausgeber des "Tagesspiegels" ist Giovanni
di Lorenzo, gleichzeitig Chefredakteur der "Zeit". Aha.
Maxim Biller schrieb unlängst:
"Der Erfolg der
"Zeit" besteht darin, daß sie nach wie vor die repressive Toleranz
des deutschen Bildungsbürgertums vertritt."

* * *

Auf dem Bebelplatz in Berlin, neben der Staatsoper, mitten auf der
Museumsinsel, erinnert das Kunstwerk "Leere Bibliothek" von Micha
Ullman an die Bücherverbrennung der Nationalsozialisten 1933. Es handelt sich
um ein so aufrüttelndes wie faszinierendes Kunstwerk, unter einer Glasplatte hat
der Künstler eine leere Bibliothek in den Platz versenkt; in der Ausschreibung
des Denkmals "60 Jahre Bücherverbrennung" 1995 wurde festgeschrieben,
daß der gesamte Platz zum Denkmal gehört - logischerweise.
Allerdings: der Bebelplatz wird vom rot-roten Senat Berlins gern vermietet, mal
lassen Bezirksamt Mitte und Senat eine Eisbahn über dem Denkmal aufbauen, auf
dem sich Berlins Teenager im Winter vergnügen können; mal lassen sie die
bescheuerten und doofen Berliner "Buddy-Bären" auf dem Bebelplatz aufbauen.
Nun hat der rot-rote Senat entschieden, daß die Berliner Fashionweek auch just
auf diesem historischen Ort stattfinden müsse. Ein großes weißes Fest-Zelt
stand direkt neben dem Denkmal, gesponsert von Mercedes Benz, und entsprechend
fuhren schwarz polierte Wagen der Firma, die in den Nationalsozialismus nicht
wenig verstrickt war, vor, um sogenannte Prominente über den roten Teppich zu
schicken. Hübsche Models präsentierten die neuesten Kollektionen junger
Designer, das who's who der Modewelt traf sich auf dem Bebelplatz, quasi auf
und über dem Denkmal zur Bücherverbrennung, zu Häppchen und Champagner. Eine
"schrille Location". Eine unerträgliche Vorstellung, die Berlin
seinem Bürgermeister Wowereit und dem rot-roten Senat zu verundanken hat, die
die Erinnerung an das Naziregime mit Füßen treten, solange der Senat mit
Parties und Chi-Chi ein paar Euros mehr verdienen kann. Widerlich.

* * *

Die "Berliner Zeitung" hat berichtet, warum der fantastische Film
"Precious" hierzulande nicht in die Kinos kommt. Der Oscar-Mitfavorit
ist ein Sozialdrama, das beim Sundance-Festival nicht nur den Preis der Jury,
sondern auch den des Publikums gewann und kurz danach eine glanzvolle Premiere
in Cannes feierte. Aber warum findet der kleine, unabhängig produzierte Film,
der selbst nach rekordverdächtigen Einspielergebnissen beim US-Kinostart im
November 2009 noch relativ günstig zu haben sein soll, hierzulande keinen
Verleih? An der Qualität des Films, der bereits für drei "Golden
Globes" nominiert wurde, dürfte es kaum liegen.
Wie die "Berliner Zeitung" recherchierte, liegt es wohl an
dumpftestem Rassismus (so sagt das die Zeitung natürlich nicht wörtlich). Der
Film handelt nämlich "von
einem afroamerikanischem Teenager-Mädchen, das vom Vater geschwängert und von
der Mutter körperlich wie seelisch mißhandelt wird - und erst dank einer
Lehrerin die Chance auf ein besseres Leben bekommt". Und in
einem Land, in dem "Keinohrhasen" und "Zweiohrküken" als
Filme und Til Schweiger als Schauspieler gelten, in einem Land, in dessen
Programmkinos praktisch nur noch Wohlfühl-Filme, französische Komödien oder von
deutscher Filmförderung subventionierte Produktionen laufen, hat ein derartiges
Sozialdrama natürlich wenig Chancen. "Von
brutaler Not oder einfach nur von fremden Milieus möchte zurzeit anscheinend
kein deutscher Filmvorführer etwas hören, außer sie kommen in Märchenform à la
Slumdog Millionär daher"; konstatiert die "Berliner
Zeitung". Und zitiert einen Insider aus der Filmindustrie: "...die Pressearbeit ist
mühsamer, weil viele Redakteure immer noch lieber weiße als schwarze Stars in
ihren Magazinen sehen. Aber vor allem wollen die Kinobesitzer solche Filme
nicht spielen, weil sie Angst vor leeren Sälen haben. Gerade in der Provinz
trifft man da ziemlich oft auf Rassismus."

* * *

"Seliger, seien Sie nicht immer so negativ! Berichten Sie doch mal über
was Positives!"
Aber gerne doch. Stellen Sie sich eine wöchentlich erscheinende, unabhängige
Kulturzeitschrift im Magazinformat vor, die auf gutem, zum großen Teil sogar
hervorragendem Niveau über so verschiedenartige Themen wie diese berichtet: Da
geht es über mehrere Seiten über Haiti und Wycleaf Jean. Das Magazin berichtet
ausführlich über das Thema Arbeitslosigkeit. Andere Artikel beschäftigen sich
mit dem Boom von Comics, nicht ohne einen Überblick über die besten aktuellen
Neuerscheinungen des Genres zu liefern. Ein Bericht geht über den "Krieg
um Sushi", um das Ausräubern der Meere, um Überfischung. Die beiden
Schauspielerinnen Jeanne Balibar und Isabelle Carré werden porträtiert, die
neue Serie des "The Wire"-Erfinders wird vorgestellt. Der Musikteil
beschäftigt sich in großen Artikeln mit Owen Pallett, mit Lewis Furey,
Albenrezensionen behandeln "Felt", "Hello=Fire",
"Complot", "Milkymee", "Andrew Morgan",
"Rubin Steiner", "Port O'Brien", "Clipse", das
"Rob Brown Trio", ein Calypso-Album mit Material aus 1960-75 oder
"Theophilus London". Und praktisch keines der Alben wird mit
bezahlten Anzeigen in dem Magazin beworben. Im Literaturteil wird ausführlich
eine Biographie des großen B.S.Johnson vorgestellt ("B.S. wer?"
würden deutsche Popautoren fragen...). Es werden so unterschiedliche Themen wie
"Facebook", die von den Fernsehanstalten neu entwickelte Dramaturgie
der Sportberichterstattung ("Superproduction") oder Pierre Goldmann
debattiert. Natürlich gibt es einen großen Artikel über die Ausstellung von
Christian Boltanski im "Grand Palais". Und all das ist nur ein
Ausschnitt dessen, was das Magazin zu bieten hat.
"Gibt es nicht", werden Sie sagen, "völlig unmöglich". Gibt
es aber doch. Die Zeitschrift heißt "Les Inrockuptibles", und die
genannten Themen sind nur ein Ausschnitt der aktuellen Ausgabe vom
27.1.-3.2.2010. Frankreich, du hast es besser!

* * *

Doch nicht nur Frankreich hat es besser. Auch in Zürich tut sich einiges. Nun
kann man zu dem calvinistischem Älplervölkchen (Tucholsky sprach mal von
"Emmenthaler Faschismus") stehen, wie man mag - aber was das "El
Lokal" da gerade leistet, ist einfach umwerfend: da die Themen, die der
Club in Zürich anbietet, in den örtlichen Medien kaum mehr stattfinden, griff
man zur Selbsthilfe und gibt nun zwei-, dreimal im Jahr eine eigene Zeitschrift
heraus. "R.E.S.P.E.C.T." ist eine Kulturzeitschrift, wie man sie sich
wünscht, im DIN a 4-Querformat. Es geht (werbungsfrei!) um Politik und Kultur,
man findet dort ein Interview mit Jean Baudrillard, Artikel über Thax Douglas
oder eine kenntnisreiche Feldforschung zum Thema "Wie die Punks den
englischen Fußball retteten". Das "El Barrio" New Yorks wird
vorgestellt, Romanauszüge finden sich ebenso wie ein spannend bebilderter
Rückblick auf 30 Jahre "Züri brännt" (denn so rückwärtsgewandt einem
die Schweiz immer wieder mal vorkommen mag - da gärt Widerstand auch!). Alles
ungeheuer liebe- und geschmackvoll layoutet, 88 Seiten, die man kaum aus der
Hand legen mag. Und dem Heft liegt auch noch eine CD bei, in der die kommenden
Konzerte des Clubs vorgestellt werden. Liebe Veranstalter! Liebe Kulturämter!
Fahrt nach Zürich, sprecht mit dem El Lokal, schaut, wie man für Musik, für
Kultur kämpfen kann - mit Lust, mit Laune, mit Kompetenz! Und schneidet euch
ein paar Scheiben davon ab. "Respect", dicker
"R.E.S.P.E.C.T.!" nach Zürich, an die Insel auf der Sihl!

* * *

"Kapital und
Interessen, meine Schulden groß und klein, müssen einst verrechnet sein."

Johann Sebastian Bach, aus Kantate BWV 168, "Tue Rechnung!
Donnerwort"

In diesem Sinne - lesen Sie Marx und Weber! Hören Sie Bach! Haben Sie eine gute
Zeit!

09.01.2010

Und Ansonsten 2010-01-09

Kleines
Ratespiel zu Beginn - wer hat dies gesagt:
"Das Abholzen von
Wäldern ist mit Massenmorden im Krieg vergleichbar. Dabei führt der Pilot des
Bombers und der Pilot des Vernichtungsprozesses im Wald kaum bewußt, gefühllos,
die Befehle zum Massenmord aus."
War es der Präsident der Islamischen Republik Iran, Mahmud Ahmadinejad, oder
war es der Staatssekretär der "Grünen" im saarländischen
Umweltministerium, Klaus Borger?
Und nun Frage Nummer zwei zu diesem Thema - wer hat dies hier gesagt:
"Wenn jemand einen Baum
fällt, dann ist das, als wenn er einem Engel die Flügel abschnitte. Wer die
Umwelt verschmutzt, begeht eine Erzsünde."
War es der Staatssekretär der "Grünen" im saarländischen
Umweltministerium, Klaus Borger, oder war es der Präsident der Islamischen
Republik Iran, Mahmud Ahmadinejad?
(wer an einer verschärften Version des Ratespiels teilnehmen möchte, beantworte
die Frage: welches der beiden Zitate fand sich in der "taz", welches
in der "Jungle World"?)

* * *

Im Fernsehsender "Arte" wird am 21.12.2009 die chinesische
Skulpturengruppe "Hof für die Pachteinnahme", eines der wichtigsten
Werke der modernen chinesischen Kunstgeschichte und derzeit in der Frankfurter
"Schirn" zu sehen, mit diesem merk-würdigen Satz vorgestellt: "Kunst für den Klassenkampf - und
dennoch Kunst"... Und "dennoch" Kunst also.
Über keine bürgerliche Kunst gleich welcher Epoche würde so berichterstattet.
Man stelle sich vor - Haydns Symphonien, komponiert für einen Feudalherren -
und dennoch Kunst... Bachs Weihnachtsoratorium - komponiert für seinen
Arbeitgeber, die evangelische Kirche, und "dennoch" Kunst.
Der Kultursender mit einer "anspruchsvollen" Form des allseits
beliebten China-Bashings...

* * *

Wendelin Franz Egon Luitwinus Maria von Boch-Galhau, ehedem WG-Genosse von
Andreas Baader (RAF) und heute Aufsichtsrat seines Familienunternehmens
Villeroy & Boch und Vorsitzender des "Saarländischen
Privatwaldbesitzerverbandes", hatte mit der Verlagerung des
Unternehmenssitzes von Villeroy & Boch nach Luxemburg für den Fall gedroht,
daß im Saarland eine Regierung von SPD, Linken und Grünen zustande komme.
Wie singt Stefan Stoppok so schön?
"Und das Klo, zu dem ich kroch,
war von Villeroy und Boch."

* * *

"Lecker ist ein
Fernsehkochwort geworden; es klingt nach Porno mit Lebensmitteln. Falls jemand
noch einen Grund gegen das Berufskochen braucht: Einer heißt Johann Lafer. Im
Verein mit der Porzellanfirma Villeroy & Boch heckte Lafer das Wortspiel
"Essthetik" aus - mit "E" und Doppel-s -
"Essthetik". Allein dafür wird er dereinst in der Wortspielhölle
schmoren und köcheln, langsam und qualvoll, versteht sich."
Wiglaf Droste in "Häuptling Eigener Herd"

* * *

Die "Musikwoche" meldet: "Der
Veranstaltungsriese Live Nation und der Getränkehersteller Coca-Cola haben eine
mehrjährige strategische Sponsoring- und Marketingkooperation geschlossen.
Coca-Cola firmiert künftig als "offizieller Softdrink" von Live
Nation."
Alles braune Brause also.
(Das offizielle Getränk bei Konzerten dieser Agentur ist bis auf Weiteres der
2007er Pinot Noir von Holger Koch. Ersatzweise auch ein Marc de Bourgogne von
Joseph Drouhin. Nun wird Karl Bruckmaier über Rotweintrinkermusik lästern,
nehme ich an.)

* * *

Daß der Musikwissenschaftler Hans Heinrich Eggebrecht im Zweiten Weltkrieg der
Feldgendarmerie-Abteilung 683 angehörte, das auf der russischen Halbinsel Krim
Gräueltaten verübte, und wohl selbst an Massenerschießungen von Juden beteiligt
war, wirft ein schlechtes Licht auf die hiesige Musikwissenschaft, die anders
als etwa die Germanistik sich praktisch nicht ihrer Rolle im
Nationalsozialismus gestellt hat. Aber vielleicht sind diese Enthüllungen eines
einzelnen Falles endlich der Auftakt zu einer umfassenden Beleuchtung der
Ideologie, die die deutsche Musikwissenschaft seit Jahrzehnten betreibt, und
die nahtlos aus dem Nationalsozialismus herzuleiten ist: Der auf Deutschland,
auf deutsche Musik beschränkte Blick der meisten Musikwissenschaftler, die etwa
italienische, französische oder russische Musik ignorieren; die Inszenierung
von Beethoven als "Titan" etwa, oder die antisemitischen Vorurteile
gegenüber Mahler (Eggebrecht in seinem als "Standardwerk"
bezeichneten "Musik im Abendland": "...islamische,
osmanische, heidnische, barbarische... extrem materialistische, entseelt
zivilisatorische, zerstörerisch technische Kräfte"...).
Interessant übrigens, daß die "Zeit", die Eggebrechts Verstrickung in
Nazi-Verbrechen nun verdienstvoll veröffentlichte, kein Wort zu ihrem
Feuilletonchef der 50er Jahre verliert, Walter Abendroth, der 1959 eine "weit verbreitete, oft aufgelegte
"Kurze Geschichte der Musik" schrieb, deren Nähe zum NS-Musikdiskurs
kaum auffiel, weil man Ähnliches etwas milder auch bei vielen anderen las (...)
ein Problem, das die Musikwissenschaft im Innersten betrifft: die ungebrochene,
weithin unbewußte Allgegenwart von Vorurteilen, darunter auch deutschnationalen
und rassistischen, im Denken und Sprechen über Musik"
(Friedrich Geiger in der "FAZ").
Vielleicht eine gute Gelegenheit, statt Eggebrecht und Abendroth und Dahlhaus
mal Georg Kneplers "Musikgeschichte des 19.Jahrhunderts" zu lesen?
Die freilich müßte erst einmal wieder aufgelegt werden, sie ist nur noch
antiquarisch zu finden...

* * *

Die geschätzten Sven Hasenjäger und Arne Ghosh haben eine Firma namens
"380grad" gegründet. Wer bietet mehr Rundumbetreuung? Irgendwie dreht
sich halt dann doch alles im Kreis und über diesen hinaus...

* * *

Die Macher des Onlinemusikfernsehsenders "Tape TV" sagen in der
"Musikwoche", warum sie das tun, was sie tun:
"Das Interessante an
tape.tv ist, daß tape.tv nur Innovationen treibt, hinter denen auch ein
Geschäftsmodell steht und die sich mit profitablem Wachstum am Markt behaupten
können", so Gesellschafter Lars Dittrich.
"Als Beispiele für
erlösträchtige Anwendungen nannte Conrad Fritzsch strategische Kooperationen
mit so unterschiedlichen Partnern wie bild.de und spex.de (...) "Durch
diese Kooperationen findet tape.tv zusätzlich auf diesen Plattformen und in den
jeweiligen Zielgruppen statt - und wird damit immer mehr Teil der
Onlinekommunikation. (...) tape.tv ist das Sprungbrett, weil es die
entsprechende Werbefläche, Reichweite und Zielgruppe bietet.""

Vor so viel "strategischen Kooperationen", dem neuen alten Modewort
der Musikindustrie, wird einem ganz schwindlig, nicht?

* * *

Großmäulig wie immer feiert "Spex" den eigenen Niedergang: "Diese Spex markiert das Ende der
Schallplattenkritik, wie wir sie kannten. Es gibt keine Rezensionen mehr in dieser
Zeitschrift." Also nur noch Reklame und von der Musikindustrie
bestellte Artikel?
"Die medialen
Entwicklungen der letzten Jahre im Internet und die damit verbundene Evolution
der Hör- und Lesegewohnheiten haben die klassische Plattenkritik aus der Zeit
fallen lassen und uns zu diesem radikalen Schritt letztendlich geradezu
gezwungen", stellt "Spex" fest.
Dem kann man nur zustimmen - die Schallplattenkritiken der "Spex"
waren in den letzten Jahren zunehmend unwichtig, das Blatt wurde dadurch
zunehmend bedeutungslos, die "Spex" als kritisches und
geschmackssicheres Musikmagazin gehört zweifelsohne schon länger der
Vergangenheit an, da helfen auch einzelne gute Artikel von Gastautoren (die
meistens im Hauptberuf fürs bürgerliche Feuilleton schreiben) nicht weiter. Wo
aber Musikjournalisten, die noch ihren Job begreifen und lieben, dem
post-postmodernen "Anything goes" des Abschreibens von Waschzetteln,
die die Musikindustrie ihnen zuschickt, eine fundierte, dezidierte und gut
geschriebene Musikkritik entgegensetzen, hißt "Spex" die weiße Flagge
und konstatiert die eigene Unfähigkeit - "wir geben auf", heißt das,
"wir sind endgültig überflüssig", bitte lest ausführliche Musikkritik
zukünftig in den Feuilletons der bürgerlichen Zeitungen.
Aber keine Unfähigkeit groß genug, als daß die "Spex"ler um
Maximilian Bauer alias Max Dax sie nicht großmäulig in etwas ganz Neues, ganz
Tolles umformulieren würden. Denn jetzt gibt es ein irgendwie Facebook-artiges
Gequatsche, ein substanzarmes Geplaudere statt substanzhaltiger Musikkritik -
was "Spex" nun als "Neustart" bejubelt. Nun denn, das
nächste Jahrzehnt wird ohne "Spex" auskommen. Niemand wird es
bemerken.
Aber daß die kompetente Auseinandersetzung mit der Popkultur längst schon eher
in zum Beispiel "FAZ", "Berliner Zeitung",
"konkret" oder auf "Byte.FM" stattfindet, während in
anderen Ländern die Musikpresse auf dem Höhenflug ist, darüber sollte man in
einer stillen Stunde doch mal nachdenken bei der Musikzeitschrift, die sich im
Pet Shop Boys-Rhythmus auf dem Gewaltmarsch in die eigene Bedeutungslosigkeit
befindet.

* * *

Max Dax, vom Berliner "Tip"-Magazin soeben mit Thilo Sarrazin, Mario
Barth, Hartmut Mehdorn, Rammstein, Ben Becker, Sido, Guido Westerwelle, Dieter
Gorny, 2raumwohnung oder Til Schweiger in die Liste der "peinlichsten
Berliner" gewählt, in seinem Blog "Dissonanz":
"Die Stille in der
kalabresischen, aus einem kleinen Gastraum und einem noch winzigeren Barraum
bestehenden Osteria in der Via Nizza 223 in Turin-Lingotto ist in höchstem Maße
beruhigend."
Wirklich "dissonant". Könnte in jedem dumpfen Brigitte-Reiseführer
stehen. Was wetten wir, daß der Suhrkamp-Verlag Daxens
Westentaschen-Rainald-Goetz-Blog irgendwann als Buch veröffentlichen wird?
Suhrkamp druckt ja heutzutage alles, irgendwie.

* * *

Der Schriftsteller Paulo Coelho betreibt ein eigenes Raubkopie-Portal, auf dem
er Links zu allen internationalen Filesharing-Seiten zur Verfügung stellt, die
seine Bücher im Internet anbieten (selbstverständlich ohne Zustimmung seiner
Verleger). Seine simple Erklärung: "Ich
wies darauf hin, daß Pirate Coelho seit 2005 im Netz stand und daß die
Absatzzahlen stetig angestiegen waren. Daraus folgte, daß die klassische Art
des Vertriebs von der Filesharing-Variante profitierte. Meinen hochverehrten
Verlegern fiel es allerdings schwer, die Sachlage richtig einzuschätzen."
Und weiter berichtet Coelho in der "Berliner Zeitung", wie seine
Verleger ihn für sein "schlechtes Beispiel" schelten: "Wie läßt sich dieser Vorgang
erklären? Der Begriff von "Gier" ist nicht nur in der Finanzwelt ein
problematischer Faktor, sondern in jedem Geschäftsbereich, wo ein Monopol
beansprucht werden soll, sei es auf ein Produkt oder eben auf die Verbreitung
von Information. (...) Und so kann es passieren, daß Buchverlage - genau wie
einst die Plattenfirmen - irgendwann überflüssig werden. (...) Viele sagen, daß
ich mir das nur leisten kann, weil meine Bücher so hohe Auflagen erreichen.
Dabei ist es genau umgekehrt: Meine Bücher erreichen so hohe Auflagen, weil ich
mir Mühe gebe, meine Werke der Öffentlichkeit zugänglich zu machen."

Und denjenigen, die das Verbot von Filesharing nach dem Sarkozy-Gorny-Modell
fordern, schreibt Bestsellerautor Coelho eine simple Wahrheit ins Stammbuch: "In Ländern, wo Filesharing
verboten werden soll (in Frankreich ist dieses Jahr eine entsprechende
Gesetzesvorlage durchgebracht worden) werden die Autoren einen
Wettbewerbsnachteil haben. Verbote sind selten eine Lösung. Viel klüger wäre
es, die Vorteile der neuen Technologie zu nutzen, um gute Literatur zu
unterstützen und zu verbreiten."

* * *

Der sogenannte Violonist André Rieu hat angekündigt, im Sommer 2010 am Nordpol
mit seinem sogenannten Johann-Strauß-Orchester ein Konzert zu geben, um
"ein Zeichen zu setzen gegen die Zerstörung unseres Planeten".
Aber im Ernst - die schlechte Nachricht ist: Rieu wird leider vom Nordpol
zurückkommen. Dabei ist André Rieu, hierzulande vom öffentlich-rechtlichen
Fernsehen zum Ganzjahresstar geadelt, das, was CO2 für die Polkappen ist: ein
akustischer Umweltverschmutzer allerersten Grades. Gegen den nur ein weltweites
Auftritts- und Sendeverbot helfen würde. Damit ist leider nicht wirklich zu
rechnen, also: Eisbären, übernehmen Sie!

* * *

Anders als Rieu sieht Jan Ullrich die Lage, wenn er an 2010 denkt:
"Meine Frau und ich
beten dafür, daß die Welt ein wenig wärmer wird."
Dem Mann kann geholfen werden. Auch wenn die internationale Politik die
maximale Erderwärmung per Dekret auf zunächst zwei Grad begrenzt hat...

Einen allzeit "gführigen" Schnee in den kommenden Wochen

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