12.11.2016

R.I.P. Leonard Cohen!

R.I.P., Leonard Cohen!
Was für ein trauriges Jahr.
Ich erinnere, wie wir 1974 in der ("illegalen") Raucherecke am Viscardi-Gymnasium in Fürstenfeldbruck standen, und es war ein etwas dicklicher neuer Schüler, der aus einem Ostblock-Land kam (ich glaube mich zu erinnern, daß es Polen war), und der eine überraschende Wirkung auf die interessanten Mädchen unseres Jahrgangs hatte - und er war es, der das Album "Songs From A Room" aufbrachte, und "Bird On The Wire" wurde unsere Hymne für einige Monate - und ganz besonders die Hymne der coolen Mädchen. Denn es war klar: Leonard Cohen, das war einer, den auch wir Jungs verehrten, dessen "In My Way I Tried To Be Free" uns die Welt bedeutete, den die Mädchen und jungen Frauen aber liebten. Und es drangen "Suzanne", "So Long, Marianne", "Hey, That's No Way To Say Goodbye" (den nicht wenige damals bei Gelegenheit erster Trennungen verwendeten, sei es als Aussage, sei es als Trost...) oder "Famous Blue Raincoat" in unsere Welt ein mit einer ungeheuren Dringlichkeit und Intensität, und sie hörten nie mehr auf, Teil unseres Lebens zu sein.
Später dann das große "Who By Fire" und das ebenso große "First We Take Manhattan"... und auch auf seinen späten Alben finden sich Songperlen, die die meisten Singer/Songwriter gerne geschrieben hätten, "Alexandra Leaving" etwa oder "Nevermind". Und den "Partisan"-Song habe ich erst spät für mich entdeckt, dank David Eugene Edwards und seinen 16 Horsepower.
"Singer/Songwriter"? Leonard Cohen war ein Dichter, ein Poet. Irgendjemand hatte Cohen geraten, Melodien zu seinen Gedichten zu schreiben, und so geschah es. Seine Lyrikbände "Blumen für Hitler" (1972) und "Wem sonst als dir" (1985) wurden hierzulande übrigens beim legendären März-Verlag von Jörg Schröder verlegt.

Interessant ist, daß kein einziger Nachruf in den deutschsprachigen Tageszeitungen, den ich gelesen habe, auskommt ohne den Verweis auf die US-Präsidentschaftswahlen – während andrerseits kein einziger dieser Nachrufe darüber berichtet, daß Leonard Cohen im Oktober 1973, als die arabische Welt versuchte, Israel von der Landkarte auszuradieren, von der ägäischen Insel Hydra, auf der er damals lebte, nach Tel Aviv gereist war, um als Jude dem Staat Israel zu unterstützen. Während des dreiwöchigen Krieges gab Leonard Cohen täglich bis zu acht Konzerte für die israelischen Truppen, sei es für eine Einheit von Fallschirmspringern auf dem Weg zum Suezkanal, sei es in einem Lazarett für verwundete Soldaten, sei es in einem Loch, in dem einige wenige Soldaten eine Haubitze bedienten.
Eines seiner besten Lieder, „Who By Fire“, hat Leonard Cohen in einer Feuerpause geschrieben, für die Soldaten beider Seiten:

„And may the spirit of this song,
may it rise up, pure and free.
May it be a shield for all of you,
a shield against the enemy.“

Wer von dieser israelischen Truppenbetreuungs-Episode aus der Karriere des Leonard Cohen, der sich damals auf dem ersten Höhepunkt seiner Laufbahn befand, erfahren will, sollte unbedingt den informativen Artikel von Arno Frank im aktuellen Dezember-Heft des Musikexpress lesen (der natürlich nicht als Nachruf geschrieben wurde, aber die meisten veröffentlichten Nachrufe um Längen schlägt).

(auf Spotify habe ich eine Leonard-Cohen-Playlist zusammengestellt)

12.11.2016

Klasse Satz I

Klasse Satz 1:

„Und ich weiß genau (...) daß ich lieber Putzfrau im dreckigsten Asylantenheim im tiefsten Neonazideutschland wäre, als irgendein CSU-Hoffnungsträger, der nicht mehr gelernt hat, als seine Aktentasche sauber zu halten.“
(Franz Dobler auf seinem Blog)

12.11.2016

Stefanie Kloß (Silbermond) und das Geschäft mit der Musik

Natürlich ist das, was die Band Silbermond macht, nicht gerade meine erklärte Lieblingsmusik. Aber unter all den vor auch schon wieder mehr als einem Jahrzehnt von der Musikindustrie mit einem Plattenvertrag versehenen jungen Bands des Modells „selbstbewußte junge Frontfrau plus avancierte Schülerband“ war sie immer die interessanteste und beste. Nun gut, ist eben alles relativ im Leben. Ich hab sie einmal live gesehen, bei der Verleihung des sogenannten „LEA“-Awards der deutschen Konzertbranche in Hamburg, und wenn ich Ihnen erzähle, daß ihr Auftritt der mit Abstand beste des ganzen Rahmenprogramms war, können Sie sich ungefähr das ästhetische Niveau des Abends vorstellen...

Aber: Stefanie Kloß, die Sängerin von Silbermond, scheint eine kluge Frau zu sein. Jedenfalls hat sie der „Süddeutschen Zeitung“ Ende September ein Interview in deren Serie „Reden wir über Geld“ gegeben, und darin sind so viele gute Aussagen enthalten, daß ich richtig Respekt vor Stefanie Kloß bekommen habe. Sie hat das „Geschäft mit der Musik“ offensichtlich weitgehend durchschaut.

Sie äußerst sich kritisch zu Plattenfirmen, die Einfluß auf die Bandzusammenstellung nehmen wollten und Songs durchsetzten, die die Band spielen sollte, wie das halt so ist:
„Aber die Plattenfirmen... na ja. Manche haben gesagt, wir müßten unbedingt noch einen Keyboarder dazunehmen. Andere meinten, das würde irgendwie noch nicht passen, das sei alles nicht gut genug. (...) Wir wollten dann eine ganze Zeit lang mit Plattenfirmen nichts mehr zu tun haben.“

Vor allem erklärt Stefanie Kloß, worauf es ankommt, wenn man wirklich Musik machen und davon vielleicht auch leben will:
„Die Musik war oberste Priorität. Wichtiger als ins Freibad gehen, Freundinnen treffen oder sonst etwas. (...) Das mußt du ja erst mal laut aussprechen: Wir wollen Musik machen und nichts anderes. Ich hatte keinen Plan B. Wenn du einen Plan B hast, wird es sowieso nichts.“
Du mußt wollen, daß es mit deiner Musik etwas wird! Du mußt lernen, an deinen Songs arbeiten, dich als Liveband immer weiter verbessern. Du mußt die Klassiker studieren, dich mit den Arrangements beschäftigen, „ein kreativer Prozeß ist eine Reise zwischen Himmel und Hölle“. Und du mußt spielen spielen spielen: „Wir haben dann eine ganze Zeit lang nur noch Konzerte gespielt. (...) Die Leute merken, ob man etwas ernst meint.“
Aber es gibt natürlich keine Garantie für den Erfolg. „Es ist immer auch viel Glück dabei. Es gibt viele tolle Bands, die schaffen es nie.“ Wie wahr.

Und dann gibt es ein paar Aussagen in diesem Interview, die außergewöhnlich sympathisch sind, gerade in unseren neoliberalen Zeiten. Stefanie Kloß erzählt, daß sie relativ bescheiden zur Miete wohnt, „drei Zimmer, 70 Quadratmeter, das reicht mir“. Hatte sie nie Lust auf Konsumexzess, fragt die „SZ“. „Was braucht man denn unbedingt? Ich mache mir zum Beispiel nichts aus Autos“, und dann erzählt die Künstlerin, daß sie sich „nach den ersten Erfolgen“ eine Lederjacke für 250 Euro gekauft und „auf die Lippe gebissen“ habe.

Und schließlich berichtet Stefanie Kloß, wie die Einnahmen bei Silbermond verteilt werden. Nämlich in vier gleiche Teile, „ist doch logisch. Wir sind eine Band. Ich kann singen, aber tausend andere Sachen nicht. Jeder bringt das in die Band ein, was er einbringen kann. Wir teilen unsere Einnahmen durch vier.“ Alles andere als eine Selbstverständlichkeit.
Aber wie ist das mit Ihrer Gage für die Teilnahme an „The Voice of Germany“, Frau Kloß? „Das haben Sie ja allein gemacht“, fragt die „Süddeutsche“. Und Frau Kloß erteilt uns allen eine kleine Lehrstunde in Kollektivität und Solidarität: „Ich bin ja nicht dort gesessen, weil ich die lustige Stefanie Kloß bin, sondern als Sängerin von Silbermond. Und die Jungs haben in der Zwischenzeit zu Hause an Songs geschraubt, die haben ja auch nicht Urlaub gemacht. Deshalb haben wir natürlich auch diese Gage geteilt. Das ist so bei uns.“

Ganz großen Respekt, Stefanie Kloß!
Und jetzt fange ich an, wieder ein bißchen an das Gute im Musikgeschäft zu glauben.

12.11.2016

Heinz-Rudolf Kunze sin Fru

Heinz Rudolf Kunze lobt seine Frau laut „FAS“ in der „Bunten“ als „unglaublich pflegeleicht und anspruchslos“.

Mal abgesehen davon, daß es nicht besonders liebenswürdig ist, über seine Frau wie über eine robuste Zimmerpflanze zu reden, wie die „FAS“ zurecht anmerkt, und das eher an Gerhard Polt erinnert, wie er weiland in „Fast wia im richtigen Leben“ über die gekaufte Thai-Frau redete („schmutzt nicht...“) – aber daß sie „anspruchslos“ sein muß, ist klar, wie sollte sie es sonst mit Heinz Rudolf Kunze und seiner Musik aushalten?

12.11.2016

Cro kann schlafen!

Noch’n Popstar unserer Tage:
Im Kundenmagazin des einschlägigen österreichischen Brauseherstellers enthüllt Carlo Waibel, der sich im Pop-Alltag Cro nennt: „Schlafen kann ich ja richtig gut.“
Na, wenigstens etwas...

12.11.2016

Van Morrison über Plattenfirmen

Van Morrison erklärt im Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ die Kulturindustrie und die aktuelle Politik der Plattenfirmen:

„Ich mußte schlicht drei Jahre verhandeln, um einen halbwegs vernünftigen Vertrag zu bekommen.“ (...)
SZ: Waren Vertragsverhandlungen immer schon so kompliziert und langwierig?
„Nicht wirklich, richtig schwierig ist es erst in den vergangenen zehn, fünfzehn Jahren geworden. Die Labels wollen mehr mehr für immer weniger. Sie verlangen wahnsinnig viel, sind im Gegenzug aber kaum bereits, etwas zu leisten.“
SZ: Stimmt es, daß Labels heute eher am Backkatalog als an neuem Repertoire interessiert sind?
„Sieht so aus. Ein guter Backkatalog ist eine Bank. Man hat keine großen Kosten mehr und bedient ein dankbares Publikum (...) Sony hatte kein Interesse an meinen neuen Sachen, weil das ‚Duets’-Album, das ich zuletzt für sie gemacht habe, nicht wirklich toll lief. Mit deinem nächsten Kram mußt du es dann besser woanders versuchen. Die hatten einfach kein Interesse daran. Ich war ihnen wohl auch einfach zu alt.“
SZ: Beunruhigt Sie dieser Gedanke?
„Natürlich. Aber so ist es nun einmal.“
SZ: Sehr viele berühmte Rockmusiker sind heute jenseits der 70. Haben sie alle dasselbe Problem?
„Definitiv! Und das ist auch der Grund, warum sie immer wieder ihren Katalog überarbeiten – weil das alles ist, was sich noch verkauft. Es ist traurig.“

12.11.2016

C-Dur-Taste auf dem Klavier

Und wo wir schon beim gängigen Plapperjournalismus sind:
In der „Berliner Zeitung“ darf eine Theresa Dräbing unter dem Titel „Komponieren mit dem Fluxpad“ den halbseitigen Promotion-Artikel über eine neue und nicht uninteressante App schreiben, die die Band Mouse On Mars entwickelt hat. Darin dieser schöne Satz:
„Man muß keine Noten lesen können oder wissen, wo die C-Dur-Taste auf dem Klavier ist.“
Jetzt spiele ich doch schon eine ganze Weile Klavier, etwa fünfzig Jahre dürften es sein, aber eine C-Dur-Taste habe ich bis heute nicht gefunden. Hm.
Immerhin hat die Dame enthüllt, daß man keine Ahnung von den Dingen haben oder gar wissen muß, wie seriöser und kompetenter Journalismus geht, um einen halbseitigen Artikel in einer deutschen Tageszeitung zu veröffentlichen. Bisserl rumschieben auf der Journalismus-App des Tablets reicht heutzutage völlig aus...

12.11.2016

Deutsche Konzerne spenden für Trump

Die neueste amerikanische Serie namens „US-Präsidentschaftswahl“, die seit einigen Monaten auf allen Kanälen spielt und mit Demokratie ungefähr soviel zu tun hat wie Erotik mit „Bauer sucht Frau“, neigt sich allmählich ihrem voraussehbaren Ende zu. Aber all die, die sich so entschieden gegen Donald Trump aussprechen und denken, damit hätten sie schon im großen Buch der Gutmenschen einen goldenen Eintrag sicher, sollte man vielleicht darauf hinweisen, daß etliche deutsche Konzerne den Wahlkampf von Donald Trump und seiner Republikaner finanzieren: Zum Beispiel BASF, Bayer, Siemens oder T-Mobile. Im Ernst?, werden Sie jetzt vielleicht fragen. Im Ernst.

Da Unternehmen nicht mit Spenden Einfluß auf den Wahlkampf nehmen dürfen, gibt es in den USA laut „Hamburger Abendblatt“ Lobby-Instrumente namens „Political Action Committees“ (PACs), die Spenden von amerikanischen Mitarbeitern sammeln und dann entscheiden, wie viel Geld an welche Partei fließt. Auch die US-Töchter deutscher Firmen unterhalten derartige PACs. Diese müssen die Zuwendungen öffentlich machen, und daher wissen wir, daß die BASF Corporation 641.236 US-Dollar ausgegeben hat, von denen 72,5 Prozent an die Republikaner und 27,5 an die Demokraten flossen. Der PAC der Bayer-Tochter sammelte 454.000 $ ein, von denen die Republikaner 82% erhielten, das sind 375.000 $. Mit 86% ihres PACs bedachte die Deutsche Bank die Republikaner, während Boehringer Ingelheims und T-Mobiles US-Töchter ihre Spenden unter Demokraten und Republikaner im Verhältnis 50:50 aufteilten (was im Klartext bedeutet, daß die Hälfte ihrer Spenden Trump und den Republikanern zuflossen). SAP USA bevorzugt dagegen die Demokraten mit 61,5%, aber immerhin noch 38,5% gehen an die Republikaner.

Und was sagen die deutschen Unternehmen dazu? Laut „Hamburger Abendblatt“ hab der Unternehmenssprecher von Bayer die Antwort, der Bayer-PAC unterstütze nicht Trump oder Clinton, sondern „Kandidaten für parlamentarische Ämter, die sich intensiv mit Bayer-relevanten Themen befassen“, etwa Gesundheitspolitik oder Patentschutz.
Ach so, also bloß ganz normales Schmiergeld. Na dann. Ist halt alles ein PACk, hier wie da.

12.11.2016

ZDF-Spendengalas

Wenn das ZDF eine Spendengala für die Krebshilfe ausrichtet, läßt sich das Staatsfernsehen (das aus den Zwangs-Gebührengeldern der Bürger*innen jährlich mehr als 2 Milliarden Euro erhält) seine „gute Tat“ von der Hilfsorganisation bezahlen: Laut „Spiegel“ muß die Krebshilfe für die Ausrichtung der Show mit Carmen Nebel 600.000 Euro bezahlen, etwa 40% der 1,5 Millionen Euro teuren Show.

Im November wird Frau Nebel Spenden für die kirchlichen Hilfswerke Misereor und Brot für die Welt sammeln; auch diese müssen für die Wohltätigkeitsshow des ZDF blechen. Die Zuschauer*innen sollten sich dessen bewußt sein, daß sie von jedem Euro, den sie den Hilfswerken zukommen lassen, bis zu 40 Cent ans ZDF „spenden“ (wenn man als Meßlatte die Krebshilfe-Show anlegt).

12.11.2016

Snowden, Die Zeit und Oliver Stone

Das bürgerliche Leitmedium interviewt Oliver Stone und macht dabei Propaganda:

„ZEIT: War es Ihnen wichtig, zu zeigen, daß Snowden zunächst ein konservativer Republikaner war und kein durchgeknallter Linker?
Stone: Warum verwenden Sie diesen Ausdruck?
ZEIT: Was stört Sie daran?
Stone: Was ist falsch daran, ein Linker zu sein? Oder ein engagierter Linker? Und vor allem muss man nicht durchgeknallt sein, um links zu sein. Es gibt eine noble Tradition progressiver Bewegungen, in den USA, in Deutschland, überall.
ZEIT: Okay. Wer oder was genau ist Snowden?“

Jaja, wir haben schon verstanden, wer sich gegen staatliche Überwachung und das Regiment der Geheimdienste wehrt, kann nur „durchgeknallt“ sein, klar.

12.11.2016

Biermann vs. Snowden

Ach ja, ein gewisser Wolf Biermann hält Edward Snowden übrigens für einen „Feigling“ und disqualifiziert sich damit wieder einmal auf vortrefflichste Art und Weise selbst.

Während Arundhati Roy Snowden und Assange als die zwei berühmtesten „Refugees of the Lifestyle Wars“ bezeichnet und ihr Whistleblowing als „Realpolitik“. Wenn man das denn so bezeichnen will – dann würde ich mir jedenfalls mehr Realpolitik dieser Art und weniger Altherren-Feuilletongeschwätz a la Biermann wünschen.

„Weißt du, wenn du sagst, du scherst dich nicht um Datenschutz, weil du nichts zu verbergen hast, dann ist das so, als ob du sagst, du scherst dich nicht um das Recht auf freie Rede, weil du nichts zu sagen hast.“ (Edward Snowden)

12.11.2016

Oettinger & das Leistungsschutzrecht

EU-Kommissar Günther Oettinger (CDU) hat im September die Zeitungsverlage aufgefordert, im Kampf für ein Leistungsschutzrecht ihre Online-Redaktionen auf Linie zu bringen. Anders als die Print-Redaktionen der Tageszeitungen, die positiv über die Vorschläge der EU-Kommission berichtet hätten, sei die Resonanz bei den Online-Redaktionen eher kritisch ausgefallen, klagte er. Daran sollten die Verlage in ihrem eigenen Interesse etwas ändern. „Nicht Zensur ist gefragt“, sagte Oettinger, „aber Überzeugung, Argumente“.

Stefan Niggemeier kommentiert:
„Man kann Oettingers Sätze kaum anders verstehen, als dass er die Verlage dazu auffordert, ihre publizistische Macht dafür zu missbrauchen, öffentlich Stimmung für ein Gesetz in eigener Sache zu machen. Er beklagt sich darüber, dass nicht alle Redaktionen in seinem Sinne und im Sinne der Verlegerlobby für das Gesetz trommeln. Er bemängelt, dass es aus Online-Redaktionen Kritik an seinem Vorschlag gibt, obwohl der doch so sehr den Wünschen der Verleger entspricht.“
So verstehen konservative EU-Politiker die Aufgabe der Medien hierzulande.
Ich habe an dieser Stelle schon einige Male den großen Dichter Peter Hacks zitiert:
„Ein Land, das Medien hat, braucht keine Zensur.“
Vor allem aber bedroht die von Oettinger geplante Linksteuer die Freiheit des Internets – denn wenn das von ihm und den Großverlegern gewünschte Leistungsschutzrecht durchkommt, bedeutet das ja nicht nur, „daß Google zur Nutzung zahlen muß, worüber man vielleicht noch unter Umverteilungsgesichtspunkten diskutieren könnte“, wie Christoph Kappes in seinem Blog meint, sondern vor allem, daß Nutzern diese Links nicht mehr über Suchmaschinen bereitgestellt werden, wenn sich zwei Unternehmen nicht einig werden“, wenn es also, vereinfacht gesagt, der Verlag nicht will, weil er nicht genug Geld von Google & Co. bekommt. Damit können die großen Medienkonzerne die Inhalte zensieren, die sich im Netz finden.

Hier streiten Politiker*innen verschiedenster Fraktionen gegen den Angriff von Oettinger auf die Freiheit des Internet.

12.11.2016

Magazinbeilagen in Zeitungen

Ab und zu liegen den hiesigen Tageszeitungen, wir reden jetzt nur von der selbsternannten Qualitätspresse, versteht sich, Hochglanzmagazine bei – in der „Süddeutschen“ und der „Zeit“ finden sich diese Dinger wöchentlich, in der „FAZ“ alle paar Monate.
Ich habe spaßeshalber die in den letzten zwei Monaten erschienenen Mode-Ausgaben dieser Hochglanzdinger durchgeblättert und ein bißchen Statistik betrieben. Sehen Sie selbst:

Im „SZ Magazin“ vom 9.9.2016 blättert man durch 13 Seiten Werbung, bevor man auf das „Editorial“ stößt. Insgesamt sind in dem 112 Seiten starken Magazin 32 Seiten bezahlte Anzeigen sowie 44 weitere Seiten, nun, wie soll man das nennen, „Kosnumberatung“? Also Fotostrecken der Sorte „Viele Kleider erwachen erst in Bewegung richtig zum Leben. Deshalb brachten zwei Tänzerinnen des Bayerischen Staatsballetts für uns die schönsten Roben des Herbstes in Schwung“, und dann folgen einige Seiten mit Mode, die sich von den bezahlten Anzeigen nur dadurch unterscheiden, daß die Markennamen ein wenig verschämt unter den Fotos stehen: „Cremefarbenes Strickkleid mit Bustiertop, von Bottega Veneta“, oder „Langes Samtkleid mit Stehkragen, von Valentino“ – Sie wissen, was ich meine. 76 der 112 Seiten des „SZ-Magazins“ sind also direkte oder indirekte Werbung. Mehr als zwei Drittel.
Beim „Zeit-Magazin“ Nr. 38/2016 ist das Verhältnis ähnlich: 32 Seiten Anzeigen auf insgesamt 92 Seiten, dazu kommen 3 Seiten Verkaufsberatung und 13 Seiten Konsumberatung, insgesamt also 48 der 92 Seiten sind direkte oder indirekte Werbung, über 52 Prozent.

Beim großformatigen „FAZ Magazin“ gibt es nach der Titelseite sage und schreibe 21 Seiten lang Werbung, bevor man sich zum „Editorial“ durchgekämpft hat. Dann folgen neben einigen Artikeln weitere 17 1/3 Seiten bezahlte Anzeigen und 18 Seiten detaillierter Konsumberatung unter Nennung der Produktnamen, „Strickjacke und Hose von Gucci“, „Pollunder von Prada und ein Hemd aus Paul’s Boutique in Berlin“, „In einem Blouson von Louis Vuitton“. Insgesamt 56 1/3 von 100 Seiten sind direkte oder indirekte Werbung.

Beim Reeperbahn-Festival in Hamburg lag im Foyer des Hotels ein „Zeit-Magazin Mann“ herum, mit Christoph Waltz auf dem Cover, „Ich bin ein anderer“. Die Titelthemen: „Neue Klassiker: Vom Mantel bis zum Messer“. Ähem. Und „Die Analyse: Wie männlich ist die Politik von heute?“
Ich bin ein wenig enttäuscht, daß nach nur 15 Seiten bezahlter Anzeigen bereits das Editorial auf mich wartet. Und außer den 15 Seiten vorne haben die Magazinmacher nur weitere 30 Seiten Anzeigen losschlagen können – dafür beherrscht in meinen Augen kein anderes dieser Magazine die hohe Kunst des Produktplacements bzw. das Freischaufeln redaktioneller Seiten für intensive großflächige Konsumberatung so perfekt wie das Zeit-Magazin Mann. Es ist richtiggehend schwierig, redaktionelle und werbliche Inhalte auseinanderzuhalten. „Die neuen Klassiker“ („die wertvollsten Dinge, die man sich zulegen kann“, „weil sie nicht auf einen Trend zugeschnitten sind, sondern auf die eigenen Bedürfnisse“...) etwa zeigen auf der einen Seite vier Produktfotos, zum Beispiel Whisky-Gläser, Krawatten, Boxen, Sneaker, Uhren oder Messer, und auf der daneben stehenden Seite werden Werbetexte inklusive aller Markennamen formuliert. „Mit schlechten Messern kann man nicht gut kochen. Diese hier sind so gut, daß am Herd kaum mehr etwas schiefgehen kann“, weiß das Zeit-Magazin Mann...
Für das Porträt über Christoph Waltz hat sich der zweifache Oscar-Preisträger auf 14 ½ Seiten in Mode von Herno, RRL Ralph Lauren, Calvin Klein, Hermès, Jil Sander, Hugo Boss und einigen anderen fotografieren lassen. Dann fährt eine Kolumnistin auf sechs Farbseiten (davon 5 ¼ Fotos des roten Porsche 911 Turbo S) ein Auto Probe –  er ist zwar „kein Auto der Vernunft“, aber: „Er gehört zu ihr“.
Insgesamt sind von den  Seiten des Zeit-Magazin Mann 45 Seiten bezahlte Anzeigen und 51 ¾ Seiten „Konsumberatung“, macht 86 ¾ Seiten direkte oder indirekte Werbung auf 180 Seiten – nicht einmal die Hälfte! Es ist klar: Das Zeit-Magazin Mann landet auf dem letzten Platz dieser kleinen Statistik.

12.11.2016

Deutsche Post, DHL und Neukölln

Die Deutsche Post und DHL lassen sich was einfallen, soviel steht schon mal fest.

Sicher, es ist einfach, über all die Zusteller zu schimpfen, die ihre Benachrichtigungen in die Briefkästen werfen, ohne je einen Zustellversuch zu unternehmen. Aber wie gesagt, sie lassen sich etwas einfallen, das konnte ich neulich in der für mein Büro zuständigen Deutschen Post-Filiale in Neukölln (Karl-Marx-Straße) feststellen: Bisher bin ich gleich wieder abgezogen, wenn ich beim Eingang ins Einkaufszentrum, in dessen Erdgeschoß sich die Filiale befindet, die Warteschlange schon bis auf den Gang hinaus sehen konnte – und das war immer der Fall, egal, ob morgens, mittags oder abends. Das waren dann ca. 30 Leute vor mir, bei 2 bis 3 Post-Angestellten ergab sich eine durchschnittliche Wartezeit von einer halben Stunde, und ich habe meine Zeit nicht im Lotto gewonnen.

Jetzt aber, Mitte Oktober, war alles anders: Keine Schlange auf dem Gang des Einkaufszentrums! Wow. Ich ging vor bis zur Filiale, und tatsächlich, die Filiale war geöffnet, und die Schlange reichte nur bis ca. zwei Meter vor die Eingangstür, so wie früher, als man meistens nur 15 bis 20 Minuten warten mußte. Ich war begeistert und stellte mich an. Und dann stellte ich fest, was passiert war: Bisher war etwa ein Drittel der Filiale von einem Postbank-Schalter belegt, sodaß sich die Schlange in der linken Hälfte der Filiale befand. Nun hat die Deutsche Post das rechte Drittel der Filiale abgebaut, um die Schlange in ebensolchen Linien quer durch ihre Filiale führen zu können. So sahen die über 30 Leute, die vor mir dran waren, gleich viel weniger aus, und die Schlange reichte nicht einmal bis draußen auf den Gang des Einkaufszentrums.

Bitte, geht doch! Flexibel muß man halt sein in der Dienstleistungsgesellschaft, und Deutsche Post und DHL machen vor, wie mans macht. Want Service? Go Japan!

12.11.2016

Schweiz & direkte Demokratie

So ist das mit den Schweizern und der direkten Demokratie: Sie stimmen mit großer Mehrheit für ein neues Schnüffelgesetz, mit dem die Geheimdienste die Bürger*innen noch besser auskundschaften können. Und gleichzeitig stimmen sie gegen höhere Renten, nach dem Motto „wir sind eh schon reich genug“. Ob das aber für alle Schweizer*innen gilt?

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