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Blog Archiv - Jahr %1
01.01.2025

"Faires" Ticketing? Private Equity!

Doch wer gedacht hatte, dass unabhängige Ticketfirmen wie White Label oder Dice eine Alternative im Imperiengeschäft der Großkonzerne mit den Superprofiten im Ticketing sein könnten und ein – relativ – „faires“ Ticketing ermöglichen würden, dürfte wohl nach und nach bemerken, dass die süßen Blütenträume im realen Kapitalismus unserer Tage eben nicht reifen.
Denn auch „Dice“ ging es wohl hauptsächlich darum, sich für eine Millionen-schwere Übernahme hübsch zu machen. Jedenfalls verhandelt Dice laut Informationen des Wirtschaftsdiensts „Bloomberg“ mit „mindestens drei“ Private-Equity-Firmen über einen Verkauf oder zumindest über einen Anteilskauf in Höhe von „Hunderten von Millionen Dollar“…

01.01.2025

If you are looking for Schnitzel...

Apropos AEG presents: Die seelenlose Mehrzweckhalle am Berliner Ostbahnhof heißt bekanntlich neuerdings Uber Arena, und die kleine Schwester davor nennt sich Uber Eats Music Hall. Nun kam die Werbeagentur Scholz & Friends in deren Auftrag auf die köstliche Idee, die Rapperin und Schauspielerin Nura zusammen mit David Hasselhoff ein Remake von „Looking for Freedom“ als Werbung für Uber Eats einzuspielen.
Textprobe: „If you are looking for Schnitzel… bestell mit Uber Eats!”
Was haben wir gelacht.

01.01.2025

Taylor Swift, Adele, Live Nation, Omertà

Aktuell berichtet Andreas Borcholte auf „Spiegel.de“, wie der „Spiegel“ dieses Jahr versucht hat, „ein Interview mit Taylor Swift zu bekommen“. Natürlich vergebens. Swift „vermittelt mit ihren intimen Tagebuchsongs zwar die Illusion, so nahbar wie eine gute Freundin zu sein. Dabei scheint sie jedoch jedes noch so winzige Detail zu kontrollieren, das über ihre Person in die Öffentlichkeit gelangt: Sie berührt also die Massen, bleibt selbst aber unberührbar.“
 
Nun vertrete auch ich einige Musiker:innen, die denkbar ungern und daher aus den unterschiedlichsten Gründen extrem selten Interviews geben. 
I don’t blame them – gerade auch, wenn man die oft unterirdischen Fragen kennt, die in solchen Interviews gerne gestellt werden. Aber natürlich ist es ein Prinzip der Musikindustrie unserer Tage, dass „Entertainment-Größen wie Swift lieber über soziale Medien direkt mit ihren Fans kommunizieren, statt sich kritischen Nachfragen zu stellen.“ (Borcholte)
 
Dies ist aber nur ein Teil der in der Musikindustrie, vor allem in deren deutschem Teil, herrschenden Omertà. Das bestehende Schweigegebot ist ja beileibe nicht nur ein Phänomen von Superstars, sondern gilt hierzulande zum Beispiel für reale Chartsverkäufe (wie viele Tonträger wurden von welchem Act verkauft?) oder für die Verkaufszahlen von Konzerten ebenso wie für die Absagegründe von schlecht verkaufenden Konzerten („aus technischen Gründen abgesagt“). In den USA werden reale Verkaufszahlen ebenso veröffentlicht wie die realen Verkaufszahlen von Konzerten und Tourneen: Gesamtumsatz, durchschnittlicher Ticketpreis, wie viele Tickets wurden genau verkauft, was war der Durchschnittsumsatz usw. Hier ein Beispiel aus dem „Pollstar“-Jahresrückblick:

      (Grafik: Pollstar.com, „Pollstar 2024 Year End Analysis“, 13.12.2024)
 
Derartige Zahlen gibt es auch für praktisch jedes Konzert in praktisch jedem Venue (nun gut, aus praktischen Gründen erst ab einer gewissen Größenordnung, also ein paar hundert Plätzen…). 
Kann jemand erklären, warum selbst deutsche Ableger US-amerikanischer Großkonzerne diese Transparenz bei Konzerten und Tourneen in Deutschland grundsätzlich verweigern?
Unlängst bei der (übrigens ganz großartigen) „Listen To Munich“-Popkonferenz gab es da eine kleine Auseinandersetzung, als der CSU-Stadtrat Leo Angerer auf einem Podium erzählte, die Veranstalter der Münchner Adele-Gigantomanie-Residenz hätten trotz 740.000 Ticketkäufer:innen „sogar 20 Millionen Euro Verlust gemacht“, was beim Publikum nicht nur Gelächter, sondern auch kritische Nachfragen hervorrief. 
 
Nun hat die „Abendzeitung“ bei Marek Lieberberg, CEO von Live Nation Deutschland, nachgefragt. Lieberberg war deutlich: 
„Das Gegenteil dieser absurden Behauptung ist richtig! Die Adele-Residenz war in jeder Hinsicht ein überragender Erfolg, der sich auch im finanziellen Ergebnis niedergeschlagen hat. That’s it.“
Konkrete Zahlen aber nannte Lieberberg auch auf Nachfrage der „Abendzeitung“ nicht. Warum eigentlich nicht? Warum herrscht im deutschen Konzertwesen Omertà statt Transparenz? Was hat man eigentlich zu verbergen?
Wie zu hören war, mussten übrigens alle bei der Adele-Residency Beschäftigten, sogar noch der letzte Aufbauhelfer und Roadie, eine Schweigevereinbarung unterschreiben, die es ihnen untersagte, irgendwelche noch so kleinen Details zu verraten. Tschah.
 

01.01.2025

Henning May spendet 95.000 € an die Grünen

Ein gewisser Henning May aus Köln hat laut „abgeordnetenwatch.de“ 95.000 Euro an die Partei Bündnis 90/Die Grünen gespendet.
Unter seiner Adresse in Köln wurde auch die AnnenMayKantereit GmbH gegründet.
 

01.01.2025

Guns'n'Roses jetzt in Bestbesetzung!

Meldung von „München“, dem „offiziellen Stadtportal für München“, auf X:  

Guns 'n Roses in der Allianz-Arena! Sogar in „Bestbesetzung“!
Wer aber wird auf der Ersatzbank sitzen? Und wie wird das Spiel enden? Wird das Publikum ersatzgeschwächt sein?
 

01.01.2025

Was Heinz Rudolf Kunze sagt...

„Ähnlich denkt Peter Sloterdijk, der bedeutendste Philosoph, der auf der Welt im Moment lebt.“
(Heinz Rudolf Kunze, der bedeutendste Rocksänger, der auf der Welt im Moment lebt)
 

01.01.2025

Klasse Satz: Heimito von Doderer

„…es ist übrigens eine erdrückende Vorstellung, dass an so vielen Stellen dieser Stadt durch Stunden des Nachmittages und Abendes hindurch eine Menge von Menschen mit dem elendesten Blödsinn sich vollpumpen lässt…“
Heimito von Doderer, Tagebücher 1920-1939, I 187
 

01.01.2025

Joe Chialo: "Amateur im Blindflug"

Da die Förderung von Kultur vor allem kommunale Angelegenheit und Ländersache ist, müssen (fast, dazu später) allüberall vor Ort zum Teil dramatische Kürzungen der Kulturetats und damit der Zuwendungen konstatiert werden.
Den Vogel schießt dabei der Berliner Kultursenator Joe Chialo (Ex Grüne, jetzt CDU) ab. Ohne mit den Kulturinstitutionen und Zuwendungsempfängern das Gespräch zu suchen, ließ er zu, dass die Berliner Landesregierung den Kulturhaushalt um sage und schreibe 130 Millionen zusammenstrich. Chialo, dem nachgesagt wird, an Kulturveranstaltungen in der Regel nur dann teilzunehmen, wenn er auch ein Grußwort halten kann, befindet sich ganz offensichtlich nicht in belastbarem Kontakt mit den Häusern der Berliner Kultur. Aber innerhalb seiner Partei und des CDU-SPD-Senats scheint er auch keine Rolle zu spielen; jedenfalls lässt sich das aus den Aussagen schließen, wonach er sozusagen keine Ahnung hatte von den Haushaltskürzungen – aber er werde jetzt wie ein Löwe „für die Kultur kämpfen“… Ein Löwe, der sich wohl eher als handzahmer Bettvorleger eignet.

Galt Joe Chialo, der laut gewöhnlich gut unterrichteten Kreisen sehr gut mit Friedrich Merz kann, bis vor kurzem noch als dessen Wunschkandidat für die Nachfolge von Kulturstaatsministerin Roth, hat sich das Bild nach der Vielzahl täppischer Aktionen und misslungener Statements mittlerweile wohl ziemlich gedreht:
 
„Aus gut informierten, ihm grundsätzlich gewogenen Kreisen heißt es, Joe Chialo sei ein gescheiterter Quereinsteiger, dem die politische Erfahrung und das nötige Handwerkszeug fehlten, um im Machtpoker der verschiedenen Gewerke auch nur ansatzweise mitzumischen. Andere, ihm weniger Gewogene sagen, er sei überfordert und unbelehrbar und habe mit den Inhalten seines Ressorts nichts am Hut. Für die Kultur in dieser Situation ist beides fatal.“
(Christine Lemke-Matwey, „Zeit“)
 
Wow. Die ihm Gewogenen halten Chialo demnach für gescheitert, ihm weniger Gewogene halten ihn für überfordert und sagen, er habe mit den Inhalten seines Ressorts nichts am Hut… Oder wie die „FAZ“ titelt: „Amateur im Blindflug“.
 
Nachtrag:
In ganz Deutschland werden aktuell die Ausgaben für Kultur zusammengestrichen. In ganz Deutschland? Nein. Denn eine Stadt leistet der gängigen Kulturfeindlichkeit tapfer Widerstand: Es ist Hamburg, das Kultur-Gallien der Republik. Dort sorgt der Kultursenator Carsten Brosda (SPD) dafür, dass der Kulturaushalt der Hansestadt im Jahr 2025 im zweistelligen Prozentbereich steigen wird. Und die Förderung von Clubs, der Livemusik-Szene und von Nachwuchskünstler:innen wird in Hamburg sogar fast verdreifacht.
Bravo! So geht engagierte, antizyklisch agierende Kulturpolitik!
 

01.01.2025

Chialo: Berlins Kulturinstitutionen sollen vom Berghain lernen!

Und was Berlins Kultursenator Joe Chialo wohl genau meint, wenn er sagt, dass die Kulturinstitutionen der Stadt von der Privatwirtschaft und explizit vom Berghain lernen sollen?
Ob er will, dass künftig zum Beispiel die Staatsoper Unter den Linden oder die Berliner Philharmonie auf problematische Sponsoren verzichten, wie es das Berghain seit zwanzig Jahren vormacht?
Oder wünscht sich Chialo am Eingang von Berlins Opern- und Konzerthäusern künftig eine strenge „Tür“, damit nicht mehr jeder reinkommt? Sven Marquardt & Co, die Menschen in nach Mottenkugeln riechenden Anzügen und Kleidern den Einlass in die Kulturtempel verwehren?
Rätsel über Rätsel.
 

01.01.2025

Die Stuttgarter Staatsoper dreht frei...

Die Staatsoper Stuttgart dagegen dreht frei:

01.07.2024

Kultursenator wird Kulturstaatsminister und fliegt nach Hawaii

Aus der Reihe „drollige“ bzw. „dubiose“ bzw. „selbstentlarvende Kulturpolitiker:innen-Statements“ heute der Berliner Kultursenator Joe Chialo (Ex Grüne, jetzt CDU) in einer Aussage zu den enorm gestiegenen Preisen in der Berliner Clublandschaft (laut „Tagesspiegel“):  

„Ich kann mir auch keinen Flug nach Hawaii buchen, wenn ich mir das nicht leisten kann. Und ich kann nur die Clubs besuchen, die ich mir leisten kann.“ 
 
Klassismus und Sozialdarwinismus in nur zwei Sätzen.
Aus gewöhnlich gut unterrichteten Kreisen höre ich, dass CDU-Boss Friedrich Merz und Joe Chialo sehr dicke miteinander sind, und diese Kreise sind sich auch sicher, dass Herr Chialo der nächste Staatsminister für Kultur werden wird.
 

01.07.2024

Staatliche Preisverleiherei, jetzt: Stationäre Plattenläden

Speaking of staatliche Popkulturpolitik:
Ich habe an dieser Stelle ja bereits etliche Male die Kulturpolitik von unverbindlichen Preisverleihungen mit der Gießkanne kritisiert, die hierzulande die dringend nötige institutionelle Förderung der unabhängigen Konzert- und Clubkultur und eine überfällige Anerkennung von Clubkultur (etwa im Baurecht und durch einen gesetzlichen Kulturraumschutz) ersetzt.
 
Aber sie hören einfach nicht auf mit ihrer staatlichen Preisverleiherei.
Jetzt haben die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM), also Staatsministerin Claudia Roth, und der VUT einen „Preis für Schallplattenfachgeschäfte“ erfunden. 16 „stationäre“ Schallplattenfachgeschäfte sollen mit einem „Gütesiegel“ und einem Preisgeld ausgezeichnet werden in den Kriterien „Neugründung“, „Innovation“, „strukturschwache Region“ und „bestes Schallplattenfachgeschäft“.
Nun denn, solange es die Plattenläden noch gibt… 
Ein gesetzlicher Kulturraumschutz dagegen würde viele Plattenläden, die meistens aufgrund drastisch gestiegener Mieten aufgeben müssen, retten – oder wenigstens eine Änderung des Gesetzes für gewerbliche Mieten. Aber das wäre ja Politik, so etwas kann man von Politiker:innen wahrscheinlich nicht erwarten.
 
Stattdessen werden mit der Gießkanne ein paar Exemplare einer aussterbenden Art mit einem Preis ausgezeichnet, und bei der Preisverleihung können sich Frau Roth, die VUTler sowie die einschlägigen Kulturfunktionär:innen für die Presse ablichten lassen. Das gibt schöne Bilder, und genau darauf kommt es ihnen allem Anschein nach an.

01.07.2024

Herr van Dyk fühlt sich von Frau Baerbock in der Welt nicht gut repräsentiert

DJ Paul van Dyk (FDP-Mitglied) fühlt sich „von Frau Baerbock in der Welt nicht gut repräsentiert“, weil sie vom „bacon of hope“ (also „Speck der Hoffnung“) spreche statt vom „beacon of hope“, also dem „Leuchtfeuer der Hoffnung“.
Nun gibt es wahrlich jede Menge Gründe, mit Frau Baerbocks Politik nicht einverstanden zu sein, und ja, die „vom Völkerrecht“ kommende Politikerin hat mitunter auch Lübke-artige Aussetzer, aber der Grund, den Herr van Dyk hier gewählt hat, ist ungefähr so vernachlässigenswert wie seine Musik…
 

01.07.2024

Deal der Woche! Alles läuft super...

Ihr kennt ja alle das klassische Musikindustrie-Sprech, das Hand in Hand mit der der Musikindustrie eigenen, unausgesprochenen Omerta geht:
Alles läuft immer und grundsätzlich super! Alles ist prima! Jedes Konzert ist quasi ausverkauft, ständig bekommen die Superstars und Sternchen „Sold Out-Awards“ verliehen, und falls ein Konzert oder eine Tournee dann doch mal abgesagt werden muss, dann hat das schlicht „produktionstechnische“ Gründe und ganz sicher überhaupt nicht und null mit mangelhaftem Ticketverkauf zu tun.
 
Und CTS Eventim?
Der größte deutsche Konzertveranstalter und Ticketkonzern flötet neuerdings immer häufiger von „Deals der Woche“.
So bewarb CTS Eventim dieser Tage sicher bombig verkaufende, wenn nicht gar eh schon quasi fast total ausverkaufte Konzerte von John Fogerty mit „Jetzt aber flott! Bis zu 30% Rabatt!“ Wahrscheinlich aus purem Altruismus…

 

16.06.2024

Beatsteaks, autonome Jugendzentren, soziokulturelle Zentren

Führende Popkultur-Funktionär:innen pflegen ja gerne über soziokulturelle Zentren zu witzeln. Aber sie ignorieren dabei, dass in vielen Städten und Orten die soziokulturellen Zentren und autonomen Jugendzentren (AJZs) die einzigen Orte sind, die dem rechtsradikalen Mainstream etwas Substantielles entgegensetzen. Gerade die AJZs sind vielerorts heftigem Gegenwind, wenn nicht sogar konkreten Angriffen ausgesetzt.
Umso heftiger muss man die Beatsteaks bejubeln, die diesen Monat gezielt eine AJZ-Tour in Städten wie Halberstadt, Nordhausen, Erfurt, Görlitz, Cottbus oder Bautzen, also jenseits ihrer sonstigen Spielorte und Venues bestreiten. Ihnen geht es darum, diese wichtigen Orte des Widerstands zu unterstützen, und sie „hoffen auf Nachahmer:innen und darauf, dass etwas entsteht“.
Liebe & Respekt für die Beatsteaks!


 

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