09.03.2018

Freiheit nicht nur für Deniz Yücel, sondern auch für türkische Journalisten, spanische Rapper und...

Darüber hinaus wäre es schön, wenn nun, nachdem wir uns ausführlich über Freiheit für Deniz Yücel freuen durften, die Kampagne für die Freiheit aller inhaftierten Journalist*innen weiterginge! Denn von einem „türkischen Frühling“ kann mit der Freilassung Yücels noch längst keine Rede sein. Die türkische Plattform für unabhängigen Journalismus, „P24“, zählt derzeit in der Türkei 155 verhaftete Medienvertreter! „Reporter ohne Grenzen“ spricht von aktuell 36 Betroffenen, bei denen ein direkter Zusammenhang zwischen Haft und journalistischer Tätigkeit nachweisbar ist. Die Türkei führt die Statistik inhaftierter Journalist*innen weltweit mit großem Abstand an.

Doch schauen wir auch – zum Beispiel auf Spanien! In Spanien, EU- und NATO-Staat, ist die Meinungsfreiheit längst nicht mehr gewährleistet, ohne daß sich hiesige Politiker*innen und Medien groß darüber aufregen würden. Es sind nicht nur Politiker*innen, die für ihre Überzeugung, nämlich die katalanische Unabhängigkeit, ins Gefängnis müssen. Die „NZZ“ berichtet, daß „der mallorquinische Rapper Josep Miquel Arenas wegen (...)  Majestätsbeleidigung und Aufrufs zur Gewalt zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt“ wurde. „Der 23-Jährige, der unter dem Künstlernamen ‚Valtonyc’ bekannt ist, hatte den früheren König Juan Carlos wegen seiner Elefantenjagd und seiner lukrativen Geschäfte mit arabischen Scheichs in seinen Raps kritisiert und zur Besetzung des Marivent-Palasts aufgerufen, wo die spanische Königsfamilie ihre Sommerferien verbringt. Auch über Iñaki Urdangarin, den der Korruption überführten Schwiegersohn von Juan Carlos, der noch immer auf freiem Fuss in Genf weilt, reimte Arenas munter. Das Strafmass liegt über dem, was der Staatsanwalt gefordert hatte.“
Oder denken wir an den Eklat bei der Madrider Kunstmesse „Arco“, deren Organisatoren sich in Kunstzensur übten: das Exponat „Politische Gefangene im gegenwärtigen Spanien“, ein großformatiges Werk des 51-jährigen Künstlers Santiago Sierra, das 24 Menschen auf Schwarz-Weiss-Fotografien mit verpixelten Gesichtern zeigt, unter ihnen die katalanischen Separatistenführer Oriol Junqueras, Jordi Sánchez und Jordi Cuixart, wurde kurzerhand abgehängt, die Wand, an der das Werk hing, wurde überpinselt.

Die Pressefreiheit und die Kunstfreiheit sind vielerorts in Gefahr – und nicht selten an Orten, die näher liegen, als wir annehmen würden.

09.03.2018

Street Fighting Man goes Blödzeitung

Hurra! Die Rolling Stones spielen wieder zwei Konzerte in Deutschland!
Laut Presseerklärung des Konzertveranstalters wird die Band „etliche Klassiker“ aufführen wie „Satisfaction“, „Paint It Black“ (dessen unschlagbar beste Version ever allerdings die Live-Version von Eric Burdon bleibt), „Tumbling Dice“ oder „Brown Sugar“.
Und wer ist „Medienpartner“ der Rolling Stones? Die BLÖDzeitung. Im Ernst jetzt. Und die Abonnenten des „Onlinedienstes“ Blödplus hatten sogar laut „Musikwoche“ die Gelegenheit, am Tag vor offiziellem Vorverkaufsbeginn „über einen Bildplus-Artikel unter stones-bild.de zum Online-Verkauf zu gelangen und bis zu zwei Karten für die Stones-Auftritte zu erwerben.“
Also Vorsicht, liebe Stones-Fans: Diesmal seid ihr beim Konzert umgeben von einem Herr von Blödzeitungs-Leser*innen...
Ob die Stones auch „Street Fighting Man“ spielen werden?
„Where I live the game to play is compromise solution / Well, then what can a poor boy do / Except to sing for a rock’n’roll band“

09.03.2018

Lollapalooza-Klassengesellschaft mit VIP-Toiletten und VIP-WLAN

Lollapalooza-Klassengesellschaft:
Wer diesen Sommer in Berlin nicht die Rolling Stones und auch nicht Nick Cave oder Rufus Wainwright sehen möchte, sondern lieber zum Beispiel Scooter und David Guetta, der ist beim Lollapalooza-Festival richtig. Schlappe 139 Euro kostet der Spaß. Allerdings haben die Lollapalooza-Macher*innen sich auch eine feine Klassengesellschaft ausgedacht, es gibt nämlich auch VIP-Tickets – mit Extra-Eingang, VIP-Toiletten und „kostenlosem“ WLAN. Wer also eine saubere Toilette will, ist statt mit 139 mit schlappen 289 Euro dabei – und bekommt dafür sogar, hörthört!, WLAN. „Kostenlos“.
Interessant ist das darin enthaltene Eingeständnis: Saubere Toiletten oder funktionierendes WLAN für alle bekommen die Festivalmacher*innen offenbar nicht hin...

09.03.2018

Essener Tafel: Wo ist eigentlich das Problem? (siehe Bergpredigt oder Beethoven)

Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht, warum so viel Aufhebens um die Essener Tafel gemacht wird, die ihr Essen nicht mehr an Ausländer verteilen will.
Schon die Bergpredigt sagt doch eindeutig: „Selig, die arm sind vor Gott, mit Ausnahme der Ausländer und der Geflüchteten“, und an anderer Stelle (Matthäus 19) sagt Jesus ganz klar: „Wenn es dir ums Ganze geht, dann verkaufe deinen Besitz und gib das Geld den Armen, aber keinesfalls ausländischen Armen.“
Und auch wann immer Beethovens Neunte zu festlichen Anlässen erklingt, kann man im Schlußsatz die einschlägigen Ausschnitte aus Schillers „Ode an die Freude“ hören – in dem Text heißt es glasklar: „Alle Menschen werden Brüder, mit Ausnahme von Ausländern, Migranten oder Geflüchteten.“
Wäre ja noch schöner, wenn wir unser westliches Demokratie-Modell ernstnehmen und einfach auf alle Menschen beziehen würden!

09.03.2018

Ein barrierefreies Erlebnis im Qualitätsfeuilleton

Qualitätsfeuilleton in der Qualitätspresse:

Am 8.1.2018 darf eine Jutta Czeguhn in der „Süddeutschen Zeitung“ Schuberts von Gerold Huber und Tareq Nazmi interpretierte „Winterreise“ rezensieren. Und das geht so:
„In dieser intimen Salon-Atmosphäre wird die Winterreise für das Publikum zum barrierefreien Erlebnis, wenn Huber – nicht ohne Ironie – aus dem Bösendorfer-Flügel die Krähen kreischen und die Hunde bellen läßt, Brüche provokant hart, fast modern setzt, am Ende sogar hörbar macht, wie erfrorene Hände die Leierkastenkurbel drehen.“
Die allerdings dummerweise gar keine Leierkastenkurbel ist, sondern die einer Drehleier, was jemand, der im „SZ“-Feuilleton über Schuberts „Winterreise“ schreiben darf, vielleicht wissen sollte und was man anhand des Textes („Der Leiermann“, oder „...willst zu meinen Liedern deine Leier dreh’n?“) und anhand der gleichbleibenden Baßquinte, die die Drehleier imitiert, auch unschwer hören kann, was die Rezensentin aber, falls es zum Wissen und zum Hören nicht reicht, wenigstens kurz bei Wikipedia nachschauen hätte können, wenn sie sich sonst schon nicht weiter auf das Konzert vorbereitet hat. So eine inkompetente Fehlleistung wäre zu Joachim Kaisers Zeiten im SZ-Feuilleton nicht möglich gewesen.

Aber so sind sie, die Zeiten, es kommt eben hauptsächlich auf flapsige Formulierungen und auf Geschwurbel an, alles soll heute ein „barrierefreies Erlebnis“, aber gleichzeitig doch voller „provokant harter Brüche“ sein.

09.03.2018

Schlechte Zeiten für CTS Eventim... Neues vom Ticketing- und Konzertgeschäft

Schlechte Zeiten für den deutschen Ticket-Monopolisten und drittgrößten Konzertveranstalter der Welt, CTS Eventim:

Ende November untersagt das Bundesartellamt CTS Eventim den geplanten Erwerb der Mehrheit der Anteile an den Gesellschaften von Four Artist (u.a. Die Fantastischen Vier, Clueso, Marteria, David Guetta, Andreas Bourani).

Wenig später wurde bekannt, daß das Bundeskartellamt CTS Eventim die Verwendung von Exklusivvereinbarungen untersagt hat, die das Ticketing-Unternehmen mit Veranstaltern aus dem Bereich Live Entertainment sowie mit Vorverkaufsstellen geschlossen hat. Das Bundeskartellamt sieht in diesen Vereinbarungen „einen kartellrechtlich verbotenen Mißbrauch von Marktmacht“ und hat CTS Eventim aufgefordert, „die Verträge innerhalb von vier Monaten anzupassen.“

Noch einmal ein paar Tage später hat das Oberlandesgericht Wien das vom Handelsgericht Wien im Augsut 2017 erlassene Urteil gegen den von CTS Eventim Austria betriebenen Kartenanbieter Ö-Ticket bestätigt, bei dem es um unzulässige Zusatzgebühren für verschiedene Zahlungsarten ging. Das Gericht hat sämtliche Zusatzgebühren wie „Print at home“ (die CTS Eventim-Tochter verlangt von den Kunden € 2,50, wenn sie sich ihre Tickets auf ihrem eigenen Drucker selbst ausdrucken) oder bei Hinterlegung an der Abendkasse (Ö-Ticket verlangt dafür € 2,90) verboten. Das Zusatzentgelt werde als Regelfall und nicht als Ausnahme verrechnet, die Kartenkäufer könnten keine Tickets ohne Zusatzkosten erwerben. Wäre schön, wenn hiesige Gerichte ähnlich (und ähnlich schnell!) gegen den Ticketwucher mit Zusatzgebühren, wie sie von CTS Eventim und fast allen anderen Ticketinganbietern verlangt werden, einschreiten würden. Denn immer noch und immer häufiger und immer drastischer wird den Konzertfans von den Ticketing-Monopolisten hierzulande das Fell über die Ohren gezogen.

Auch in der Schweiz geriet eine Tochtergesellschaft von CTS Eventim im Dezember massiv unter Druck: Das Schweizer Bundesverwaltungsgericht hält die Kooperation des Hallenstadions Zürich mit Ticketcorner, dem Schweizer Ticketing-Monopolisten, für mißbräuchlich und bezeichnete die Absprachen der Geschäftspartner als „unzulässig“. Ticketcorner, an der CTS Eventim und der Schweizer Medienriese Ringier AG mit jeweils 50% beteiligt sind, hatte mit dem Hallenstadion vereinbart, daß mindestens 50 Prozent aller Tickets für Veranstaltungen exklusiv durch Ticketcorner vertrieben werden müssen, was sich faktisch „wie eine Verpflichtung zur vollständigen Übertragung des Ticketings“ an den Konzern auswirkt, „weil die Organisatoren nicht unterschiedliche Firmen mit dem Vertrieb von Tickets für eine Veranstaltung betrauen wollen“ (NZZ).

Übrigens: Klaus-Peter Schulenberg, der CTS Eventim 1996 gegründet hat, gehört zu den reichsten Deutschen: Das Wirtschaftsmagazin „Bilanz“ führt Schulenberg im September 2017 mit einem Vermögen von 2,10 Milliarden Euro auf Platz 76 der reichsten Bundesbürger (knapp vor den Familien Kärcher, Sixt, Stoschek).
Das Skalpieren der Konzertfans („to skalp the fans“) mit allen Mitteln, ganz offensichtlich auch mit nicht gesetzkonformen, zahlt sich eben aus...

09.03.2018

We're on the wrong side of the power

„We’re on the wrong side of the power
It’s a shadow
It’s just a fire thrown across the wall.“
(Algiers, „The Underside Of Power)

09.03.2018

Brandenburgs Mühlen arbeiten auch langsam, oder: Why is Bebra so dysfunctional?

Anfang Dezember 2017 bekomme ich überraschende Post vom Land Brandenburg, bzw. von dessen Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur, nämlich eine „Bescheinigung zur Erlangung der Umsatzsteuerbefreiung nach § 4 Nr. 20a UStG zur Vorlage beim Finanzamt“ für das Ensemble Bratsch.
Bratsch allerdings haben sich Ende 2015 aufgelöst.
Kein Wunder, wenn der Berliner Flughafen BER nicht fertig wird, den bekanntlich der Bund, das Land Brandenburg und das Land Berlin zu bauen versuchen – wenn ein einfacher kleiner Bescheid in einer Umsatzsteuergeschichte beim Land Brandenburg schon geschlagene drei Jahre in Anspruch nimmt...

09.03.2018

Berlin hat ein anderes Zeitempfinden, oder: Why is Berlin so dysfunctional?

Wobei meine Privatthese zum Flughafen BER ja etwas mit unterschiedlichem Zeitempfinden zu tun hat. Die wenigen Male, da ich nicht mit dem Fahrrad, sondern mit dem ÖPNV in Berlin herumfahre, stelle ich immer wieder fest, daß die Uhren der offiziellen Berliner Stellen einfach anders gehen. Da steht dann in der U-Bahn-Station auf der Anzeigentafel, daß die U-Bahn in 2 Minuten kommen würde. In der Realität sind es dann meistens 4 oder 5 Minuten.
Man kann den Verantwortlichen keine Vorwürfe machen, ihre Uhren gehen einfach anders. Und wenn sie sagen, daß der BER irgendwann fertig sein werde, dann ist es eben diesem unterschiedlichen Zeitempfinden geschuldet: Ihre fünf Jahre sind für uns Normalsterbliche zehn oder zwölf Jahre...
Das englische Magazin „The Economist“ fragte im Dezember 2017 übrigens unter der Überschrift „Berlin – Poor and sexy“: „Why is Germany’s capital so dysfunctional?“

09.03.2018

Alex Kapranos ist für die Abschaffung des englischen Königshauses

Alex Kapranos („Franz Ferdinand“) im Interview mit der „Berliner Zeitung“ über das Königshaus seiner britischen Heimat und über Monarchien ganz allgemein:

„Ich bin kein Fan der Königlichen Familie. Es ist ein Anachronismus, der uns in die Zeit zurückwirft, in der Diebstahl am Volk begangen wurde. Und das Königshaus ist heute sowieso total irrelevant. Ich finde es sogar richtig peinlich, dass wir eine Königsfamilie haben. Und ich habe das Gefühl, dass Prinz Harry es manchmal auch peinlich findet, Teil davon zu sein. (...)
Das gefällt mir so an ihm und seinem Bruder: Sie stammen aus einer Generation, in der ihnen die Bedeutungslosigkeit des Königshauses sehr bewusst ist. Sie wissen, dass es wohl nur noch ein paar Jahre dauern wird, bis es Veränderungen geben wird. Ich habe die Hoffnung, dass sie den Scheiß mit Würde auflösen werden, wenn es so weit ist. Das hätte längst geschehen müssen.“

Einziger kleiner Denkfehler: daß das Königshaus von oben abgeschafft werden sollte, und nicht von unten...
Aber eines ist klar: Man kann Staaten, die im 21. Jahrhundert immer noch als Monarchie konstituiert sind, wirklich nicht ernstnehmen.

09.03.2018

Fishbach ist langweilig

Was viele Medienleute an der französischen Künstlerin Fishbach finden, bleibt rätselhaft. Eine der üblichen langweiligen Produktionen, in denen ein bißchen französischer Chanson (neuerdings: „Nouvelle Chanson“), Rock, Pop und Elektronik einigermaßen kunstvoll miteinander verbunden werden, um eine glatte und oft kitschige Melange zu erzielen, die im Starbucks-„Café“ oder im Formatradio niemanden stören und schon gar nicht wehtun wird. Beim aktuellen Stand der Produktionstechnik alles andere als ein Kunststück und so überraschend wie die Samstagabend-Sportschau. Etwas für Leute, die auch Federico Albanese für Musik halten. Gähn.

09.03.2018

GEMA-Musikautorenpreis: Frauen machen eben keine gute Musik...

Eine Verpflichtung zur Gleichberechtigung wäre auf vielen Ebenen der Musikwirtschaft nötig. Unter den 21 Nominierten des „Deutschen Musikautorenpreises“ der GEMA befindet sich genau eine Frau! Woran das wohl liegen mag? Vielleicht daran, daß unter den sieben Juroren keine einzige Frau ist? Die GEMA hat ausschließlich Männer als Juroren berufen.
Zum Thema mangelnder Gleichberechtigung nahm der Jury-Sprecher Simon „Sera Finale“ Müller-Lerch auf unvergleichliche Art und Weise Stellung:
„Für mich hat Musik nichts mit Mann oder Frau zu tun, sie ist gut oder eben nicht, zieht dich mit oder lässt dich links liegen. Es wäre Musik gegenüber nicht fair und aufrichtig, danach zu urteilen, ob ein Mann oder eine Frau sie geschrieben hat.“
Großartig! Es geht eben um Musik an sich, und die Frauen schreiben nach dieser Logik eben einfach keine Musik, die gut genug ist, um den GEMA-Musikautorenpreis zu erhalten.
This is a man’s a man’s a man’s world!

14.02.2018

Valentinstag? Karl-Valentin-Tag! Und Ali Farka Touré!

Valentinstag?
Es kann natürlich nur einen geben: Nämlich den Tag des Gedenkens an den großen Karl Valentin, der am 9. Februar 1948, also vor 70 Jahren, gestorben ist.

Der Dichter Franz Dobler schrieb im Nachwort zu seinem ersten Buch „Falschspieler“ am 9.Februar 1988:
„Am Tag nach seinem Tod leerte jemand den Inhalt seiner Nachttischschublade auf einen Tisch, richtete es so hin, daß alles zu erkennen ist, und machte ein Foto: Eine Schachtel Pantopon, Manschettenknöpfe, ein Taschenmesser, eine Pfeife, ein Merk1948Buch, ein Schild mit einer 14, und, neben anderen Gegenständen, ein Phönix Kanonenschlag.
Ein kleines rotes Feuerzeug, eine Plastikflasche Pingo Türschloßenteiser, eine Schachtel Echte Brasil Fehlfarben, die ich seitdem nie wieder geraucht habe, einige Dosen mit Spielzeugmunition, ein Entenkopf aus Messing, der zu einem Spazierstock gehört, mit dem ich mich nicht auf die Straße traue, und eine fast leere Rolle Traubenzucker liegen auf meinem Schreibtisch ganz oben auf einer Unmenge Zeug …“

Interessant, was sich so in Nachttischschubladen und auf Schreibtischen befindet. Ich muß daran denken, wie auf der documenta in Kassel letztes Jahr in Vitrinen zu sehen war, was vom Leben des afrikanischen Musikers Ali Farka Touré übrig blieb: Neben einigen goldenen Pokalen und mehr oder minder obskuren Orden sowie Ausweisen waren das ein abgegriffenes Portemonnaie, eine Stimmgabel, ein Schuhanzieher, Stempel, ein Plektrum, ein Kamm und eine Pfeife. Und im nächsten Raum hing die Alltags- und Bühnenkleidung des Musikers. Dazu lief in Kassel Ali Farka Touré’s Album Niafunke, und es wäre schön, wenn auch Sie diese Musik auflegen würden, wenn Sie sich diese Fotos ansehen und vielleicht ein wenig über Kunst, Musik, Gesellschaft und Vergänglichkeit nachdenken:

Eines steht fest: Wenn wir statt des von der Konsumindustrie inszenierten „Valentinstags“ am 14.Februar den einzigen wirklichen Karl-Valentin-Tag feiern würden am 9.Februar – oder, eine sogar noch schönere Vorstellung: einen kommerzfreien Ali Farka Touré-Tag zur Feier dieses Gitarristen und vieler anderer, unbekannterer großer afrikanischer Musiker – nun, dann wäre diese Welt womöglich nicht nur eine andere, sondern auch eine bessere.
Man wird ja mal ein wenig träumen dürfen...

09.02.2018

Schnelles "Neuland" für alle? Nein: CDUSPDCSU sorgen für Internet-Prohibition

Wie behäbig und vollkommen jenseits der realen Welt die neue alte Regierung aus CDUSPDCSU agiert, zeigt sich vor allem daran, wie sie mit dem von ihrer Kanzlerin so genannten „Neuland“ umgeht. Die Koalitionäre haben einen Rechtsanspruch auf schnelles Internet in ihre Vereinbarung geschrieben – der allerdings gilt erst in sieben Jahren, ab 2025. Und von einem kostengünstigen schnellen Internet (wie es in den baltischen Staaten, in Skandinavien oder in China seit Jahren selbstverständlich ist) ist natürlich keine Rede – hierzulande werden weiterhin irrsinnig hohe Preise fürs Schneckeninternet verlangt. Hierzulande kostet zum Beispiel ein Megabyte mobiler Datenübertragung rund 5000 Prozent mehr als in Finnland. Das ist unsere Netzrealität: eine deutsche Internet-Prohibition.
Zukunft? Sehenden Auges verspielt.

09.02.2018

Zensurbehörde Facebook: "Das Bild enthält zu viel Text!"

Standard bei der Zensurbehörde namens Facebook:
„Deine Werbeanzeige wird nicht ausgeliefert.“
Und warum nicht?
„Das Bild deiner Werbeanzeige enthält zu viel Text und deine Werbeanzeige kann deshalb nicht an deine Zielgruppe ausgeliefert werden. Klicke auf einen der nachfolgenden Links, um deine Werbeanzeige zu verwalten und den Text in deinem Werbeanzeigenbild zu verkürzen, um das Problem zu beheben.“
Das „Bild“ der von Facebook abgelehnten Werbeanzeige zeigte das Cover meines Buchs „Klassikkampf“...

Einen Tag später wird das „Facebook Ads Team“ in einer Email noch konkreter: „Deine Werbeanzeige könnte eine viel bessere Leistung erzielen“, flötet es aus der Betreffzeile der Mail, und dann wird Facebook konkret: „Das Bild deiner Werbeanzeige enthält Text, der sich negativ auf die Auslieferung auswirkt. Klicke zum Verwalten deiner Werbeanzeige auf einen der nachfolgenden Links und nimm entsprechende Änderungen vor, um den Text im Werbeanzeigenbild zu reduzieren und so die Leistung zu verbessern.“

Irgendwer sollte den Zensoren der Fressenkladde mal verklickern, daß es zu den Eigenarten von Büchern gehört, daß in ihnen Text enthalten sein kann... und daß es selbst unter den Nutzern (Facebook-Sprech: „Zielgruppe“) der Fressenkladde Zeitgenoss*innen gibt, die nicht nur mit Bildern traktiert werden wollen, sondern auch in der Lage und willens sind, ein paar ganze Sätze zu lesen und zu verstehen.

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