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Blog Archiv - Jahr %1
08.09.2025

Wanta Fanta & Gummibärchen-Band

Manchmal fragt man sich ja, was die Plattenkonzerne eigentlich beruflich so machen.
Und dann findet man einige interessante Antworten.
 
Der weltgrößte Musikkonzern Universal zum Beispiel arbeitet an einer großen Fanta-Kampagne. Nein, nicht, was ihr denkt, die Stuttgart-Rapper sind (diesmal…) nicht im Spiel.
Gemeint ist das Gesöff, dass der damalige Leiter der deutschen Coca-Cola GmbH in Essen 1940 nach der Verhängung der US-Sanktionen gegen Nazi-Deutschland als Ersatzprodukt entwickeln ließ, sodass The Coca-Cola-Company nicht auf ihr Deutschland-Geschäft verzichten musste. Von 1942 bis 1949 wurde die Coca-Cola-Produktion in Deutschland komplett eingestellt und durch Fanta ersetzt.
 
Das Gesöff kommt also well recommended und eignet sich bestens für eine gemeinsame Werbekampagne von Universal und der laut „Musikwoche.de“ „neuen globalen Markenplattform von Fanta“. Die Plattenfirma stellt den Sänger Nico Santos, der Anfang Juni den Song „Wanta“ veröffentlicht hat, „in dem es darum geht, mehr Raum für persönliche Wünsche zu bekommen“, wie die „Musikwoche“ weiß: „Do more of what you wanta!“ Und what do you wanta? Na klar: Fanta! Und welch ein Zufall, das reimt sich sogar.
 
Und so darf Sara Schlegel, Head of Artist & Brands von Universal Music, denn auch ganz fanta-like daherplappern: „Orange is the new ... sip. Und Nico der perfekte Marken-Headliner. Er liefert nicht nur den Track, sondern jede Menge Good Vibes, die diese Kampagne braucht. Und sieht dabei auch im Getränke-Regal verdammt gut aus. All you ever Wanta."
 
Nico sieht im Getränke-Regal gut aus? Na, da liegt eine Weltkarriere ganz sicher vor ihm…
 
Der Vice President Virgin Marketing (Virgin gehört ja längst zu Universal) geht der künstlerischen Persona auf den Grund:
„Ich kenne Nico schon lange und weiß, wie viel Herzblut er in seine Projekte steckt. Zu sehen, wie er seine positive Energie nun mit einer so ikonischen Marke wie Fanta teilt, ist einfach großartig."
 
Zwei Ikonen unter sich: Nico und Fanta. Da kann wirklich nichts mehr schiefgehen.

Doch der Fanta-Schmarren ist längst nicht alles, was Universal eingefallen ist.
Einen Tag darauf erfahren wir bei „Musikwoche“, dass Universal „mit der Coca-Cola Company ein neues Label aufbaut“. Das hört sinnigerweise auf den Namen „real thing records“ und „soll aufstrebenden Acts als Startrampe dienen“.
 
Hach, echte Philanthropen, diese Universal und Coca-Cola Companies! Aufstrebende Acts fördern und ihnen eine Startrampe bieten! The „real thing“ eben. Hoffentlich will man sie bei Erfolglosigkeit nicht mit einer Kiste Coca-Cola auf den Mond schießen.
 
Beim neuen Label will man jedenfalls „das reiche musikalische Erbe von Coca-Cola" mit der „branchenführenden Expertise" von Universal Music in Sachen Künstlerentwicklung verknüpfen.
 
Das „reiche musikalische Erbe von Coca-Cola“
 
Alldieweil lässt Warner Music, ein anderer Musik-Großkonzern, die Band Linkin Park „neue Wege in Sachen Merchandising gehen“: Fans können bei der aktuellen Tour der Band eine „limitierte Fruchtgummi-Edition“ erwerben. Denn „als Partner der US-Rockband steigen die deutschen Naschwarenspezialisten von Haribo mit in den Tourbus“, wie es bei „Musikwoche.de“ heißt.
 
Eingefädelt hat den Deal – „Haribo macht Linkin Park froh“ – das „deutsche Brand-Partnership-Team von Warner Music und Machine Shop Entertainment, einem ‚Entertainment-Unternehmen‘ der Band.“
 
Bettina Dorn, Vice President Artist & Brands von Warner Music Central Europe, verweist auf eine besondere Verbindung zwischen Band und Marke durch den jeweils „ikonischen Status" und eine „tiefe emotionale Bindung" zu den jeweiligen Fans: „Diese gemeinsame Kraft war der Ausgangspunkt für eine Kooperation, die weit über klassisches Co-Branding hinausgeht. Uns bei Warner Music Central Europe war es ein besonderes Anliegen, eine Partnerschaft zu gestalten, die sich authentisch anfühlt - für die Band und für die Fans."

Nun mag man sich fragen, wer einen größeren „ikonischen Status“ oder mehr Authentizität aufweist, Haribo oder die zur Gummibärchen-Band mutierten einstigen Alternativ-Rocker von Linkin Park. Aber auf jeden Fall freuen wir uns, dass die einstigen Musikfirmen nun ein neues Betätigungsfeld gefunden haben und statt Musik eben Limonade und Gummibärchen vermarkten. Um die Zukunft von Universal, Warner & Co. muss man sich keine Sorgen machen.
 

08.09.2025

Ende der Welt?

„Let’s pretend it’s not / the End of the World“
(Miley Cyrus)
 

08.09.2025

"Content Creatoren"

Eines der großen Rätsel unserer Zeit ist, wie man sich freiwillig als „Content Creatorin“ bezeichnen kann. Mal ganz abgesehen vom schlechten Deutsch scheint mir das doch fast schon eine Art Selbstbeschimpfung darzustellen. 
 
„Content“?!? So plappern nur Leute daher wie der CEO von CTS Eventim, Klaus-Peter Schulenberg, der ja mal davon sprach, dass es seinem Konzern darum gehe, eine „Content Pipeline“ aufzubauen, um noch bessere Profite erzielen zu können.
„Content“ also? So quatschen wirklich nur Zombies.
 
Wir nennen es immer noch ganz altmodisch: Musik! Kunst! Literatur! Film!

08.09.2025

James Blake über das Musikbusiness: Mit Universal und Live Nation brechen!!

James Blake ist nicht nur ein faszinierender und einflussreicher Musiker und Künstler, er ist offenbar auch ein kluger und nachdenklicher Zeitgenosse.
In einem Interview mit der „Financial Times“ sprach er diesen Monat über seine Sicht auf TikTok, Live Nation, Streaming und „free music“. Für einmal kein banales Spotify-Bashing, wie es bei mediokren deutschen Musiker:innen und selbsternannten „Aktivistinnen“ gang und gäbe ist, sondern eine grundsätzliche Kritik an den Usancen der Musikindustrie unserer Tage.

“The unfortunate story of the industry is of musicians focusing on music while other people do all the other stuff. Those days are over. The days of just holing away in a studio and never thinking about money — we’re just not living in that time.”
 
Blake erzählt, dass sein neues Album „Playing Robots into Heaven“ 2023 ein halbes Jahr bei seiner Plattenfirma Universal herumlag, ohne veröffentlicht zu werden. „Jemand vom Label hatte es als ein ‚art project‘ bezeichnet. Was sie meinten, war: This isn’t going to make us any money.“
 
Dann dachte Blake darüber nach, wieviel Profit er für den Plattenkonzern alleine durch Streaming seiner Musik generiert hatte. Aber genau da liegt für ihn das Problem: „A lack of transparency“. Die Labels bekommen alle Zahlen des Streaming-Umsatzes, die Musiker:innen nicht. „Es herrscht ein gerütteltes Maß an Undurchsichtigkeit, das einen daran hindert, wirklich zu wissen, was man für sie wert ist.“
 
Blake hat nicht nur mit Universal gebrochen und veröffentlicht seine Alben jetzt auf dem unabhängigen, Künstler:innen-freundlichen Label „Good Boy Records“. James Blake vermeidet es auch, mit Live Nation zusammenzuarbeiten, dem Konzern, der „die Ticket- und Veranstaltungswelt im Würgegriff hält“. “I think the answer is direct-to-fan ticket sales and independent venues,” so Blake. Auf diese Weise verdient er mehr, während gleichzeitig die Fans durch niedrigere Ticketpreise profitieren.
 
Wie ich seit langem sage: Die Künstler haben die Macht! Warum nutzen so wenige Musiker:innen diese Macht, um die Verhältnisse im Musikgeschäft zu ändern?
 
“If we have an issue with the music business, we’ve got to develop a new one.” (James Blake)
 
(das komplette Interview kann hier nachgelesen werden, vermutlich allerdings hinter einer Paywall)
 

08.09.2025

LIefers weiß: Gendern schadet der Wohnungssuche!

Der bedeutendste deutsche Schauspieler, ach was sage ich – der weltgrößte lebende Schauspieler überhaupt weiß auch jenseits seiner Schauspielerei total Bescheid: 

Leute auf Wohnungssuche, jetzt wissta: einfach Pronomen weglassen, dann ist euch ne neue Wohnung garantiert! Gewusst wie 

08.09.2025

Paywall? Aboschranke? Supporter-Modell!

Vor einigen Monaten habe ich den „Guardian“-Redakteur Stephen Pritchard kennengelernt. Er schreibt seit 45 Jahren über „klassische“ Musik und ist auch sonst ein sehr interessanter Zeitgenosse.
Ich habe ihn gefragt, wie sich der kostenlose Internet-Zugang zu allen Inhalten des „Guardian“ für die englische Tageszeitung rechnet; vor einigen Jahren hat der Guardian auf ein „Supporter“-Modell umgestellt, wonach die Leser:innen freiwillig entscheiden, ob und, wenn ja, wieviel ihnen die frei zur Verfügung gestellten Inhalte der Zeitung wert sind: „Support fearless, independent journalism.“
Pritchards Antwort war dann doch verblüffend: „Es funktioniert prächtig! Wir erzielen mittlerweile deutlich mehr Einnahmen durch unsere freiwilligen Supporter als durch unser komplettes Anzeigengeschäft.“
 
Hierzulande wird ja fast jeder Online-Artikel von fast allen Medien nicht nur mit einer Bezahlschranke, sondern mit einer Abo-Schranke „abgesichert“. Die Inhalte darf man nur lesen, wenn man ein Abo abschließt. Dabei will man doch meistens nur diesen einen Artikel lesen (für den die meisten vielleicht sogar gerne eine faire kleine Summe bezahlen würden, ohne gleich ein Abonnement abzuschließen).
 
Löbliche Ausnahmen im hiesigen Journalismus: die taz und das nd. Diese beiden Zeitungen verbergen ihre Inhalte nicht vor den Leser:innen, sondern stellen ihre Inhalte allen Interessent:innen online kostenlos zur Verfügung. Und sie vertrauen darauf, dass die Leser:innen dieses faire Angebot auch fair belohnen, durch freiwillige Spenden. 
Wenn ihr mich (übrigens seit Jahren Guardian-Supporter) fragt: Ein solidarisches Zukunftsmodell!
 

06.05.2025

In memoriam

 

In Gedanken an den lieben Freund J.R.

02.03.2025

Streaming: Transparenz, Vergütung. Und eine Papiertigerin...

Das BKM, also die „Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien“, hat eine Studie zum Musikstreaming in Auftrag gegeben, deren Ergebnisse dieser Tage von Staatsministerin Claudia Roth veröffentlicht wurden.
 
Wesentlicher Teil der Ergebnisse: „Mehr als 74 Prozent der Befragten sind mit ihren Einnahmen aus dem Musikstreaming unzufrieden, weniger als neun Prozent äußerten sich zufrieden“ (laut „Musikwoche.de“). 
Welch eine Überraschung! Was wäre wohl herausgekommen, wenn man Verkäufer:innen in Kaufhäusern, das Kassenpersonal in Supermärkten oder die unterbezahlten Lieferfahrer:innen von Paket- oder Lebensmittel-Diensten gefragt hätte?
Oder, anderes Beispiel: freie Journalist:innen? Mitarbeiter:innen von Konzert- oder Tourneeveranstaltern, Clubs oder Kulturzentren, von denen viele ja noch in anderen Dayjobs arbeiten müssen, um über die Runden zu kommen?
 
Und beim Musikstreaming ist es nun einmal so, dass die Musiker:innen nach der Anzahl von Abrufen ihrer Tracks auf den Streamingdiensten bezahlt werden. Ich habe mir sagen lassen, dass Musiker:innen von den Plattenfirmen ebenfalls nach der Anzahl verkaufter CDs oder LPs bezahlt werden…
 
Nebbich. Frau Roth nimmt die Zahl der Unzufriedenen zum Anlass, eine „faire Vergütung von Musikschaffenden“ und eine „Demokratisierung der Marktmacht“ zu fordern. Gut gebrüllt! Wer wollte da nicht sofort zustimmen. Allein, was genau eine „faire“ Vergütung von Musikschaffenden ist und wie diese erreicht werden soll, darüber schweigt sich Frau Roth geflissentlich aus. Denn wenn sie da konkret werden wollte, dann müsste sie ja die Marktmacht nicht nur der Streamingdienste, sondern auch von Plattenfirmen und Musikverlagen unter die Lupe nehmen, die große Teile der Streaming-Einnahmen für sich veranschlagen – denn kein Streamingdienst zahlt direkt an die Musiker:innen, vielmehr gehen die Einnahmen an die Verwerter. Und es ist die Verwertungsindustrie, die überproportional vom Musikstreaming profitiert. Dabei sind es vor allem die Großkonzerne, die über Gebühr Gewinne einstreichen, zulasten der Musiker:innen. 
 
Universal, Sony und Warner berichten Jahr für Jahr von deutlichen Umsatz- und Profitsteigerungen. Zum Beispiel Sony: „Sony Music Rights Business generated over $10BN for the first ever Year in 2024” (MBW, Music Business Worldwide) – über zehn Milliarden Dollar! Oder Universal: “Subscription Strreaming Revenues grew 8,2% in Q3 2024” (MBW), also über acht Prozent höhere Einnahmen aus dem Streaming allein im dritten Quartal 2024. Wieviel davon ging an die Musiker:innen und an die Autor:innen?
 
Frau Roth hat schon Recht, wenn sie sagt, dass es „mehr Transparenz“ und „eine Demokratisierung der Marktmacht“ braucht. Allerdings sollte diese Transparenz vielleicht bei den größten Profiteuren des Musikstreamings beginnen, also bei den Plattenfirmen und Musikverlagen. Wie wäre es denn, wenn diese Konzerne die Verträge mit ihren Künstler:innen und die Zahlungen an sie transparent machen würden? Und wie wäre es, wenn die Öffentlichkeit erfahren würde, um wie viel mehr die Großkonzerne der Musikindustrie pro Stream bezahlt werden als die vielen kleinen und mittleren Plattenfirmen?
„Demokratisierung der Marktmacht“, unbedingt! Aber am besten dort beginnen, wo das Übel am größten ist… 
 
Und vor allem könnten Frau Roth und all diejenigen, die sich ihren Forderungen jetzt so wohlfeil anschließen, ja vielleicht mal dort beginnen, wo sie tatsächlich Einfluss haben: Etwa bei den Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk- und Fernsehanstalten. Warum finden sogenannte „Nischen“ dort schon lange kaum mehr statt? Indie, HipHop, Jazz, Klassik undsoweiter, you name it. Abgeschoben auf Nischen-Sendeplätze, und im TV kommt diese Musik sowieso praktisch nicht vor – im Gegensatz zum Überangebot an dumpfer Schlager- und Volksmusik.
 
Wie kommt das? Und was tun die Politiker:innen, die in den Gremien der Öffis sitzen, gegen diese Programm-Monotonie? Wie wäre es mit Transparenz? Wie wäre es damit, wenn neue Musik, wenn junge Bands auch vermehrt in Rundfunk und Fernsehen stattfinden würden?
 
Solange das nicht geschieht, bleiben die Rothschen Forderungen leider bloßes Wahlkampfgetöse und die Staatsministerin kann als Papiertigerin abtreten.
 

02.03.2025

Valentinstag: Umsatzstärkster Vorverkauf aller Zeiten!

Wo soll das alles noch hinführen mit den Ticketpreisen?
Es ist wie bei der Richter-Skala, mit der Erdbeben bezeichnet werden: Die Preise sind „nach oben hin offen“…
Der Valentinstag 2025 war in Großbritannien wohl der Tag, an dem der umsatzstärkste Vorverkauf aller Zeiten für Konzerte im Königreich stattfand. Unter anderem Beyoncé, Black Sabbath, Kendrick Lamar und SZA haben an dem Tag den Vorverkauf für ihre Stadion-Konzerte im Sommer 2025 lanciert.
 
Das „IQ Mag“ hat konstatiert, dass zum Beispiel die Preise der Beyoncé-Tickets gegenüber ihrer letzten Tournee vor zwei Jahren „bis zu 50% gestiegen“ sind. Die Preise für Karten der Shows im Londoner Tottenham Hotspur-Stadion reichen von 71 bis 950 £ - plus Gebühren, versteht sich.
 
Die „günstigsten“ Tickets für die britischen Black Sabbath-Konzerte, für die „greatest heavy metal show ever“, kosten £ 197,50, die günstigsten Stehplätze £ 262,50. Für die besten Tickets für diese Stadionshows, seitlich von der Bühne, müssen Edelfans knapp unter £ 3.000 berappen.
 
Branchenleute werden jetzt wieder von gestiegenen Kosten, der Inflation und großer Nachfrage plappern – merkwürdig nur, dass eine Band wie Coldplay auf ihrer „Music of the Spheres World Tour“ eine (natürlich begrenzte) Anzahl von Karten für £20/$20/€20 anbieten und dennoch Riesengewinne verzeichnen konnte.
 
Klar ist, dass der Boom bei den Superstar-Konzerten mit den Super-Ticketpreisen auf Kosten der mittleren und der kleinen Musiker:innen und Bands geht. Und natürlich zahlen die Fans bei den Superstar-Konzerten auch unnötig hohe Vorverkaufsgebühren. Mir hat noch niemand erklären können, warum die Vorverkaufsgebühren bei mindestens 10% des Ticketpreises fixiert sind – als ob Ticketingkonzerne wie CTS Eventim oder Ticketmaster bei 500 Euro-Tickets eine andere Dienstleistung erbringen würden als bei 50 Euro-Tickets.
 
It’s about scalping the fans, stupid!
 

02.03.2025

Die "besten guten Klassik-Alben"

Derweil veröffentlicht der „KulturSPIEGEL“ eine Liste mit dem Titel:
„Die besten guten Klassik-Alben“.
Nicht die schlechtesten guten, nicht die besten schlechten, nein: „die besten guten“…
 

02.03.2025

Eine "leidenschaftliche Content Creatorin"

Wie um Himmels Willen kann sich Mensch denn als „leidenschaftliche Content Creatorin“ bezeichnen?

02.03.2025

TikTok: Helene & Florian erneut vorn!

Lustig, wie die „Musikwoche“ ihre „TikTok DE Hot 50“ verkündet:
„Helene Fischer und Florian Silbereisen erneut vorn. 
Im musikalischen Bund vereint bleiben Helene Fischer und Florian Silbereisen mit "Schau mal herein" auf eins der TikTok DE Hot50 KW08.“
Man kann sich förmlich vorstellen, wie die Branchenleute sich stolz auf die Schultern klopfen: Hey, wir haben die junge Zielgruppe gekapert mit unseren Schlager- und Volksmusik-Stars!
Haben Sie sich „Schau mal herein“ mal angehört? Das Lied ist unaushaltbar schrecklich, ein typisches Beispiel für deutsche „Durchhalte“-Lieder unserer Tage. So scheußlich, dass man sich eigentlich nur darüber lustig machen kann.
Und genau das tun die kreativen TikTok-Leute – sonderzahl sind die meistens wirklich lustigen Verballhornungen des Schlagers. Mag sein, dass das erbärmliche Liedchen dadurch die meisten Klickzahlen generiert – das Gros allerdings findet den Song, nun ja, sagen wir: Shize€%$!…
 

02.03.2025

Pop-White-Washing von Saudi-Arabien

Zuletzt, siehe den Blogeintrag weiter unten, hatte ich mich darüber lustig gemacht, dass Guns N’Roses in der Münchner Allianz-Arena „in Bestbesetzung“ auftreten werden. Die Band kommt also mit ihren Musikern, toll!
 
Jens Balzer hat mich sehr zurecht darauf aufmerksam gemacht, dass Guns N‘Roses, bevor sie in München auftreten werden, ein Konzert in Riad spielen. Tourauftakt der Welt-Tournee im Scharia-Staat Saudi-Arabien!
Im Vorprogramm bringen Guns N’Roses die Sex Pistols, die Rival Sons und Public Enemy mit. Ob Public Enemy im Wüsten-Königreich ihr „Fight The Power“ spielen werden, und Guns N’Roses in Riad ihr kryptisches „Riad N‘ The Bedouins“? Und die Sex Pistols ihr „Anarchy in the UK“ oder ihr einstmals zynisches „God Save The Queen“ in ein „God Save The King“ in einer Weise ummodeln, die auch Kronprinz Mohammed bin Salman und seiner „Vision 2030“ (mit allerlei kostspieligen Kunst-Projekten und Vorzeige-Museumsbauten, mit Formel 1 und Fußball-WM) gefallen wird?
 
Längst beteiligen sich etliche Superstars der Popkultur am Pop-White-Washing Saudi-Arabiens: Rihanna, Metallica, Mariah Carey, OneRepublic, The Black Eyed Peas, BTS, David Guetta, Jeff Mills, das Berliner DJ-Kollektiv „Keine Musik“, um nur einige zu nennen.
Die Dollars können noch so sehr stinken, wenn Supergagen locken, geben viele Pop-, Rock- und HipHop-Stars bereitwillig ihre Haltung auf. 
Während ein Kultur-Boykott Israels vielen natürlich weiter wohlfeil ist…
 

01.01.2025

Wie CTS Eventim über 280 Millionen € Corona-Hilfen von der Bundesregierung erhielt

Erinnert sich noch wer an die Corona-Hilfen? An die sogenannten November-Hilfen? An Scholzens Bazooka? Ein kleiner Long-Read.
Zum 31.10.2023, nach Antrag auf Fristverlängerung bis spätestens 31.3.2024 bzw. 15.10.2024 mussten die Unternehmen ihre Schlussabrechnungen für die erhaltenen Corona-Hilfen einreichen, also für die Überbrückungshilfen I bis IV sowie die November- und Dezemberhilfen.
Bis wann allerdings die Schlussabrechnungen vom Bundeswirtschafts- und Bundesfinanzministerium final überprüft werden und entsprechende Schlussbescheide ausgestellt werden, steht in den Sternen. Laut Aussage der beiden Ministerien „ist mit einer mehrmonatigen Bearbeitungszeit zu rechnen“. Laut „Tagesschau“ vom 30.9.2024 wurden von den Behörden bis dahin knapp 250.000 Schlussabrechnungen überprüft – von rund 860.000 eingegangenen. Es dürfte sich also eher noch um Jahre handeln – nun, zwei der Hilfen hießen zwar „November-„ bzw. „Dezemberhilfen“, aber eine Jahreszahl wurde absichtsvoll nicht genannt…
 
Dass diese Verzögerung gerade für kleinere Firmen durchaus ein Cashflow-Problem darstellen kann, liegt auf der Hand. Immerhin mehr als 40 Prozent der bisher geprüften Firmen haben im Zug der Abrechnung noch Geld vom Staat bekommen, für rund ein Drittel hat sich nichts geändert; nachzahlen musste etwa ein Viertel der bisher geprüften Betriebe.
 
Mal ein Beispiel: Mein Steuerberater hat die beiden Schlussabrechnungen im November 2023 und im Februar 2024 eingereicht. Ich habe demzufolge noch einen niedrigen fünfstelligen Betrag an Hilfen zu bekommen. Weiter ist seitdem nichts passiert, außer ein paar kleineren Nachfragen, die umgehend beantwortet wurden. Die Pandemie hat bei meiner Firma zu Verlusten in Höhe von ca. 70.000 Euro geführt. Da wäre es natürlich schön, wenn wenigstens ein kleiner Teil davon durch die Schlussabrechnungen endlich ausgeglichen werden könnte.
 
Doch nicht alle Firmen müssen derart lange auf die Auszahlung der Corona-Hilfen warten.
Der CTS Eventim-Konzern hat ausweislich seiner Geschäftsberichte bis einschließlich 2023 bereits Corona-Hilfen in Höhe von insgesamt etwa 284 Millionen Euro erhalten (davon allein im Jahr 2021 bereits 193,02 Mio. €). Wir erinnern uns: Nachdem etliche Monate keine Hilfen der Bundesregierung kamen und die Kulturbranche mit dem Rücken zur Wand stand, kamen Wirtschaftsminister Altmaier (CDU) und Finanzminister Scholz (SPD) in ihrer unendlichen Weisheit auf die Idee, die November- und Dezemberhilfen 2020 aufgrund der vergangenen Umsätze der Unternehmen auszuzahlen. Die Unternehmen konnten wählen, ob sie dabei vom Vorjahresumsatz in den Monaten November und Dezember 2019 Gebrauch machen wollten, oder ob sie den monatlichen Durchschnitt der 12 Monate des Jahres 2019 in Anrechnung bringen wollten. In beiden Fällen erhielten sie für die beiden Monate jeweils 75% des gewählten Vorjahresumsatzes.
 
Alle, die nur ein klein wenig Ahnung von Wirtschaft hatten, schüttelten damals den Kopf. Den Umsatz zur Maßzahl einer Förderung zu machen, ist so ziemlich das Absurdeste, was einem einfallen kann, und deshalb völlig unüblich. Erst recht gilt das in der Konzertbranche. Denn der Umsatz der Konzertfirmen, und das gilt von Quasi-Monopolisten wie CTS Eventim bis hinunter zu einem kleinen Konzertveranstalter, ist zum größten Teil ein durchlaufender Posten: Davon werden die beträchtlichen Künstlergagen bezahlt, die ebenfalls beträchtlichen Unkosten für Gewerke, Venue-Mieten, Personal, GEMA, Energie usw. usf. So berichtet zum Beispiel CTS Eventim von einer Bruttomarge von zwischen 6,66% (2023) und 8,11% (2022) im Konzertbereich (im Gegensatz zu satten 53,31% im Ticketing – it’s the ticketing, stupid!...).
 
Wenn man also die Umsatzzahl eines Konzerns wie CTS Eventim als Messzahl für die Corona-Förderung heranziehen wollte, müsste man die Förderungsempfänger eigentlich verpflichten, einen guten Teil der Förderung an diejenigen weiterzuleiten, die normalerweise an den Umsätzen beteiligt wären. Also an die Musiker:innen, an die Crews, also das Personal, ohne das kein Konzert stattfinden würde, an die Gewerke. Das ist nicht geschehen, und so konnte CTS Eventim die 75% des Konzernumsatzes in den Coronajahren fast vollständig quasi als Unternehmensgewinn vereinnahmen und zum Beispiel im Jahr 2022 einen Konzerngewinn in Höhe von € 448,217 Millionen Euro verbuchen. Während Musiker:innen und Kulturarbeiter:innen in der Coronära darbten.
Der in den letzten Jahren zurecht häufig angeführte Personalnotstand – fehlende Crews, Stagehands, Security- oder Cateringleute, Ton- und Lichttechniker:innen usw. – hat wesentlich damit zu tun, dass diese meist Soloselbständigen während der Pandemie von der Branche nicht weiter finanziert wurden – obwohl diejenigen Firmen und Konzerne, die üppige Coronahilfen basierend auf ihren Umsatzzahlen erhalten haben, das ja ohne Weiteres hätten tun können. Dass damals die meisten der soloselbständig tätigen Kulturarbeiter:innen in andere Wirtschaftsbereiche abgewandert sind, in denen Festanstellungen, verbindliche Arbeitszeiten und Urlaubsregelungen gelten, ist ein hausgemachtes Problem. Und wenn die Kultur- und Finanzpolitiker:innen egal welcher Couleur auch nur ein klein wenig Ahnung von der Realität der Konzertbranche hätten, hätten sie ihre Corona-Hilfen entsprechend an Bedingungen knüpfen können, die weniger den Großkonzernen und mehr den Musiker:innen und Kulturarbeiter:innen geholfen hätten.
 
(Randbemerkung: Der weltgrößte Konzertkonzern Live Nation hat während der Pandemie freiwillig ein 10 Millionen Dollar schweres Hilfsprogramm zugunsten der Kulturarbeiter:innen aufgelegt, das sogenannte „Crew Nation“; weitere 10 Mio. $ wurden von Künstler:innen, Fans und Mitarbeiter:innen durch Spenden aufgebracht. Von den deutschen Live-Großkonzernen ist kein derartiges Hilfsprogramm bekannt, obwohl sie im Gegensatz zu den USA Hunderte von Millionen Euro als Hilfen erhalten haben.)
 
Die spannende Frage ist natürlich: Wie kam es zu diesen Umsatz-basierten Corona-Hilfen?
Jeder, der oder die während der Pandemie in einem oder mehreren der zahlreichen Gremien mitgearbeitet hat, die seinerzeit versucht haben, Politik und Öffentlichkeit über die Nöte der Musiker:innen und der Konzertbranche aufzuklären, weiß, wie schwierig das in der Realität war. Es gab nur wenige Politiker:innen, denen die Situation nach dem Lockdown sofort klar war, allen voran der damalige Berliner Kultursenator Klaus Lederer. Wenig später kamen auch Hamburg und NRW hinzu, danach weitere Bundesländer. Aber die meisten Politiker:innen musste man zum Jagen tragen, und monatelang passierte im Grunde nichts.
 
Dann kamen jedoch im Oktober Gerüchte auf, gestreut vornehmlich von Branchenmenschen, von denen man wusste, dass sie mit der SPD gut vernetzt waren. Da werde bald etwas passieren, hieß es, man solle nur abwarten, bald werde es eine große und veritable Rettungsaktion geben. Und so kam es dann ja auch, siehe oben, die Bazooka, die November- und Dezemberhilfen. Im Grunde wirtschaftlich idiotische Maßnahmen, aber da vorher so gut wie nichts passiert war, konnten diese Hilfen die Branche quasi im letzten Moment retten (und auch meine Firma profitierte davon).
 
Blieb aber das Rätsel, wie der Stimmungsumbruch in der Bundespolitik zustande gekommen war. Das Rätsel dürfte aber nun dank Folkert Koopmans, CEO von FKP Scorpio, gelüftet worden sein: Es war Stephan Thanscheidt (mittlerweile ebenfalls CEO von FKP Scorpio), der in engem Austausch mit führenden SPD-Politikern für diese Hilfsprogramme gesorgt hat. So berichtet Koopmans jedenfalls im Branchenmagazin „iq-mag“ im Rahmen eines großen Thanscheidt-Porträts. 

     (Quelle: IQ Magazine 3.10.2023)

Danach ist eine der „großen Stärken“ Thanscheidts, dass er sehr gut mit Regierungen und Verwaltungen („authorities“) und Politikern umgehen kann.
 „Stephan knows people like Wolfgang Schmidt who is like the right-hand man to Olaf Scholz.” Und so habe Thanscheidt während der Pandemie „eng mit der deutschen Regierung zusammengearbeitet und ihr geholfen, viele der Gesundheitsprogramme zu entwickeln, und Ratschläge gegeben, wie es zu machen war“ („gave them advice on how to do it“). „Er war sehr daran beteiligt, und ich weiß, dass er der gesamten Konzertbranche Deutschlands geholfen hat“, so Koopmans über Thanscheidt.
Und Thanscheidt ergänzt: „I was part of all the health programmes, money-wise, which were rolled out to different parts of the [music] industry in Germany. It is my responsibility to fight on behalf of our industry for better support or whatever we need, on the local level in the different federal states and with the federal government in Berlin.”

     (Folkert Koopmans über Stephan Thanscheidt, IQ Magazine, 3.10.2023)
 
Damit hier kein falscher Eindruck entsteht: Nach allem, was ich weiß, ist Stephan Thanscheidt ein sehr okayer Typ und zudem ein ausgewiesener Musik-Aficionado (was in der Konzertbranche auf dem Level beileibe nicht mehr selbstverständlich ist). Und dass er seinen Einfluss und sein Netzwerk bis hin zu Olaf Scholz nutzt, um für die Konzertbranche Verbesserungen zu erreichen, ist absolut anerkennenswert.
Aber wenn Folkert Koopmans erklärt, dass sein CEO-Kollege „der gesamten Konzertbranche Deutschlands geholfen hat“, dann darf doch darauf hingewiesen werden, dass keine deutsche Konzertfirma von diesen Hilfen so sehr profitiert hat wie der CTS Eventim-Konzern. Zu dem mittels einer Mehrheitsbeteiligung auch die FKP Scorpio Konzertproduktion GmbH gehört.
 
Ein Schelm, wer Böses dabei denkt…
 

01.01.2025

Monopoly (horizontal & vertikal): AEG, White Label, MCT...

Das Monopoly-Spiel der internationalen Großkonzerne der Konzertbranche geht unvermindert weiter. Nun greift auch der Dritte im Konzert der Imperiengeschäfte bei mittelständischen deutschen Firmen zu:
AEG Presents hat sich innerhalb weniger Wochen zwei Filetstücke des deutschen Markts einverleibt: 
 
Zunächst die bis dahin unabhängige Ticketingfirma White Label eCommerce („Du willst unabhängig sein? Gut, wir auch! Wir sind dein unabhängiger Partner für selbstbestimmtes Ticketing“), die von der 100%igen AEG-Tochter AXS übernommen wurde.
Und kurz darauf erwarb AEG einen Anteil am deutschen Konzertveranstalter MCT (Rammstein, Kraftwerk, Robbie Williams…).

     (Quelle: Musikwoche.de, 9.12.2024)
 
Offensichtlich arbeitet nun auch AEG Presents daran, die horizontalen und vertikalen Monopole auszuweiten. Bisher war AEG Presents als weltweiter Tourveranstalter u.a. von Taylor Swift, den Rolling Stones, Paul McCartney, Elton John oder Justin Bieber sowie als Immobilienkonzern mit seinen „Entertainment Districts“ rund um Konzerthallen hervorgetreten. Dazu kamen zunehmend Festivals (von Coachella über Rock en Seine bis Hyde Park). Nun also die Erweiterung des Portfolios um etablierte, ehemals unabhängige Tourneeveranstalter und der Einstieg in den bekanntlich hochprofitablen Ticketmarkt.
 
Anders als Live Nation (inkl. Ticketmaster) und CTS Eventim ist AEG Presents keine Aktiengesellschaft. Sie gehört zu The Anschutz Cooperation des Multimilliardärs Philip Anschutz, der auch politische Gruppierungen aus dem evangelikal-konservativen Milieu unterstützt.
 

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