28.10.2003

Und ansonsten 2003-10-28

Eine
Meldung des Branchendienstes "musikwoche.de" am 6.10.2003:
>>> Sony Music Media kooperiert mit UNNO Underwear die aktuelle Compilation "Erotic Lounge - Deluxe Edition" hat Sony
Music Media ein umfangreiches Cross-Marketing-Paket mit der Unterwaeschefirma
UNNO Underwear geschnuert.
Für etliche aktuelle Alben dieser Tage könnte unsereiner sich eher Kooperationen
der Musikindustrie z.B. mit "Danke" Toillettenpapier vorstellen. Oder
warum arbeitet man nicht beispielsweise für die aktuellen "Classic
Lounge"-Alben, die doch jetzt so hip sein sollen, an einem
"Cross-Marketing-Paket" mit "Hakle feucht"?

* * *

In einem Beitrag für die "Berliner Zeitung" listet Wolfgang Fuhrmann
einige der Gründe dafür auf, "wie Finnland musikalische Weltgeltung
errang":
"In Helsinki gibt es eine stillgelegte Kabelfabrik, Kaapeli heißt sie auf
Finnisch. Ihr letzter Besitzer, Nokia, tauschte sie Anfang der 90er mit der
Stadt Helsinki gegen ein anderes Grundstück. "Was tun mit Kaapeli?",
überlegten die Verantwortlichen, rechneten die Sache durch und schenkten das
Grundstück, nach dem Motto "Macht was damit, Geld kriegt ihr keines dafür"
einigen Kulturmanagern. Die begannen damit, ein paar Räume an Künstler zu
vermieten, um dadurcj Geld für notwendige Renovierungsarbeiten einzunehmen.
Heute ist Kaapeli ein Bienenstock der Kunst, Maler und Fotografen haben hier
ihre Ateliers, Musiker ihre Proberäume, Agenturen ihre Büros, alle zahlen ihre
Miete gestaffelt nach dem Einkommen (!, BS), es gibt Konferenzräume, Museen,
Konzertsäle, und die Verwalter - genau 15 Personen - machen einen Umsatz von 15
Millionen Euro. Kann man sich so eine Entwicklung in Deutschland, in Berlin
vorstellen: Dass der Staat einfach so etwas aus seinen Händen gibt, der
Selbstorganisation vertraut und die Sache gelingt, ja alle Erwartungen
übertrifft?"
Nein, solch eine Entwicklung kann man sich hierzulande natürlich nicht
vorstellen. Da seien die deutschen Kulturbürokraten vor, die Garde derer, die
noch jede unabhängige Initiative torpediert hat und die es noch immer geschafft
hat, kulturellen Wildwuchs zu verunmöglichen oder deren Protagonisten zumindest
das Leben schwer zu machen (ein aktuelles Beispiel ist das sich selbst
tragende, erfolgreiche Haus Schwarzenberg in Berlin, das von staatlichen
Stellen aufgelöst wird; aber dies gilt natürlich nicht nur für kulturelle,
sondern auch soziale Initiativen: der Berliner Senat lässt lieber seit Jahr und
Tag eine Kreuzberger Kindertagesstätte leerstehen, als die Räumlichkeiten dem
"Sozialforum Berlin" als Soziales Zentrum zur Verfügung zu stellen).
Finnland, du hast es besser!
"Gäbe es einen musikalischen Pisa-Test, so stünde zu fürchten, dass
finnische Kinder wiederum den deutschen den Rang ablaufen. Mehr noch: Blickt
man auf das finnische Musikleben als Ganzes, so verweist dieses Deutschland in
seine Schranken. Man muß sich vor Augen halten, dass es nur knapp über fünf
Millionen Finnen gibt, deren Musikgeschichte kaum mehr als hundert Jahre
zurückreicht, um die erstaunliche Allgegenwart finnischer Musiker im
internationalen Konzertleben angemessen zu würdigen. (…) Finnland verfügt über
28 Orchester, davon 14 professionelle Sinfonieorchester. Haben deutsche
Bundesländer von ungefähr vergleichbarer Einwohnerzahl wie Hessen oder Sachsen
dem Entsprechendes zur Seite zu stellen?"
Finnland, du hast es besser!
"Was den Finnen ihre Musik wert ist, das zeigt sich auch an der
Tatsache, dass das neu erbaute Opernhaus in Helsinki 1993 eröffnet wurde,
inmitten einer Rezession mit bis zu 20% Arbeitslosen. (…)
Diese blühende musikalische Landschaft ist das Ergebnis politischer Reformen
der 60er Jahre. Die Gründung der Association of Finnish Symphony Orchestras und
der Association of Finnish Operas, der Dachorganisation Finnish Festivals,
schließlich der Foundation fort he Promotion of Finnish Music haben jene
Strukturen bereitgestellt, die heute Früchte tragen. Und der 1969
verabschiedete Artists Grants Act erlaubt heute Komponisten und anderen
Künstlern, bis zu drei Jahre ausschließlich ihrem Schaffen zu leben - und sich
danach erneut zu bewerben; früher erstreckten sich die Stipendien sogar über 15
Jahre."
Finnland, du hast es besser! Seit geraumer Zeit wird an dieser Stelle die
Kernforderung an die deutsche Politik vertreten: Sorgt für die soziale
Absicherung der Künstler! Die Kunst machen diese dann selber (während
hierzulande die Politiker nichts besseres zu tun haben, als sogar die Sprache
Adornos und Thomas Manns in eine staatlich verordnete Rechtschreibezwangsreform
zu korsettieren).
"Neben seinem Konzert- und Opernleben entfaltet Finnland in den
Sommermonaten ein reiches Festivalangebot: das Musica-Nova-Helsinki-Festival,
das renommierte Kuhmo-Kammermusikfestival und Dutzende mehr. An der Spitze
steht hier das Helsinki Festival, das neben klassischen Konzerten sein Programm
seit den sechziger Jahren zu einem alle Kunstsparten umgreifenden Angebot
erweitert hat: Kunst, Kino, Tanz, Theater, sogar Zirkus, ein umfangreiches
Weltmusikangebot. Populäres und "Elitäres" mischen sich hier ohne
Not; das erste Konzert der Leningrad Cowboys seit zehn Jahren auf Helsinkis
schönstem klassizistischen Platz im traditionellen Konzert der Oberbürgermeisterin
verzeichnete über 40.000 Besucher. Das Konzert war gratis, ebenso die Reihe
"Art goes Kappaka", was so viel bedeutet wie "Die Kunst kommt in
die Kneipe"; so etwa ein Streichquartett plus Akkordeonspieler, das
Piazzola-Tangos aufführte."
Zeitkultur im besten Sinne, staatlich präsentiert und finanziert und kostenlos
angeboten -
Finnland, du hast es besser! Kann man sich ein kostenloses Konzert des Berliner
Oberbürgermeisters mit Berlins populärster Band, den Ärzten, auf dem
Gendarmenmarkt vorstellen? Oder mit Seeed? Eben…
Und nicht zuletzt, und da schließt sich der Kreis:
"Finnlands musikalische Weltgeltung liegt nämlich nicht zuletzt in dem
Anspruch begründet, allen Kindern eine musikalische Ausbildung zu bieten -
sofern sie das wollen. Ein dichtes Netz von Musikschulen und Konservatorien
überzieht das Land, um jedem kleinen Finnen musikalische Bildung zu
gewährleisten - sei sie klassischer Natur, sei es im Jazz oder Pop."
Finnland, in der Tat: Du hast es besser!
Was ist eigentlich seit Bekanntgabe der Pisa-Studie hierzulande konkret
passiert? Kann jemand irgendwelche politischen Initiativen benennen, die
umgesetzt (i.e. beschlossen und finanziert) worden wären? Das Geschrei war
groß, passiert ist - nichts! Und so können wir nur neidvoll zu den beiden
führenden aktuellen europäischen Kulturnationen schauen, den beiden F-Staaten
Frankreich und Finnland, während hierzulande die Politik weiter auf ganzer
Linie versagt. Der SonntagsrednerINnen haben wir genug - PolitikerInnen mit
Gestaltungskraft und Vision sind leider weit und breit nicht zu sehen.

* * *

Oh, tut mir leid, hab mich getäuscht, es gibt doch Politiker mit kultureller
Vision - Gerhard Schröder und Christina Weiss zum Beispiel. Die haben den
Russen grade deutsche Hochkultur im Rahmen der "Deutsch-Russischen
Kulturbegegnungen 2003/2004" verdaddelt: Die Bundesregierung will den
Russen abgehalfterte Rock-Grufties von Udo Lindenberg bis zu den Scorpions
schicken, was den russischen Kulturminister zu einem förmlichen Protest beim
Auswärtigen Amt veranlasste.
Die russische Regierung hatte zum Auftakt der Deutsch-Russischen
Kulturbegegnungen im Berliner Schauspielhaus die St. Petersburger
Philharmoniker geschickt.
Undankbares Volk! Die werden halt keine Kultur des Kalibers Scorpions haben.
Und irgendwie muß sich rot-grün doch für die Wahlkampfhilfe der Rock-Grufties
erkenntlich zeigen.
Man kann das natürlich auf zweierlei Weisen sehen - einmal: Hätte alles noch
schlimmer kommen können! Zu Schröders Wahlkampfabschlusskundgebung spielten
Pur. Sollen die Russen froh sein, dass ihnen wenigstens die erspart geblieben
sind.
Und, andersherum - wenn die Lindenbergs und Scorpions in Russland spielen,
können sie nicht gleichzeitig hierzulande auftreten…

* * *

Und dazu passt, dass in die 22köpfige Enquête-Kommission des Deutschen
Bundestages zum Thema "Kultur in Deutschland" (die Kommission soll
binnen zwei Jahren einen Bericht mit Vorschlägen zur Verbesserung der deutschen
Kulturarbeit vorlegen) als einziger Kulturschaffender ausgerechnet Heinz Rudolf
"Deutsche! Hört mehr deutsche Musik!" Kunze berufen wurde. Neben den
elf Mitgliedern aus den Reihen des Bundestages wurden elf Sachverständige in
die Kommission berufen, darunter Dr. Nike Wagner oder ein Dr. Bernhard Freiherr
Loeffelholz von Colberg, seines Zeichens "Vorstandsmitglied des
Kulturkreises der deutschen Wirtschaft im Bundesverband der Deutschen
Industrie, BDI". Und eben, wie erwähnt, sage und schreibe ein aktiver
Kulturschaffender.
Daß die Politik dabei ausgerechnet einen drittklassigen Schlagersänger benennt,
spricht Bände über den kulturellen Sachverstand des Bundestages. Keinen Jazzer
- keinen Albert Mangelsdorff, keinen Dieter Ilg. Keinen modernen Komponisten -
keinen Heiner Goebbels, keine Ulrike Haage. Keinen Protagonisten der Pop-Szene
- keinen Jochen Diestelmeyer, keinen Thomas Meinecke. Keinen Gerhard Polt,
keinen Dieter Hildebrandt. Um nur einige Beispiele zu nennen. Nein, ein
abgehalfterter Schnulzenonkel musste es sein. Dessen Management denn auch
gleich losplärrte: "Deutschlands wortgewaltigster Deutschrocker…"

Es bleibt einem in diesen bitteren Zeiten nichts, aber auch wirklich gar nichts
erspart.

* * *

"Wenn die Regierung nicht mehr sagen kann: "Protego, ergo
sum!" (Ich gewähre Schutz, das ist meine Existenzberechtigung), ist ihre
Souveränität unterbrochen. Sie muß dann eine Wirklichkeit erfinden, die auf
ihre Waffen passt. Also kommt die amerikanische Flotte von Pearl Harbour am
dritten Tag nach der Katastrophe vom 11.September durch den Panamakanal und
kreuzt vor New York. Eine Machtdemonstration von hoher Unwirklichkeit. Völlig
wirkungslos gegen die Papiermesser. Es wird Afghanistan und später Irak mit
Krieg überzogen, um einen Gegner zu erfinden, weil man den wahren Gegner nicht
auffinden kann. Das ist Reparatur einer Wirklichkeit, die zerrissen ist."

Alexander Kluge in einem SZ-Interview

* * *

Wollt ich doch eigentlich nicht mehr über eine bestimmte Kulturjournalistin
lästern. Hatte ich versprochen. Aber das hier, aus einer Rezension der
slowenischen Band Laibach in der Volksbühne Berlin, ist einfach zu gut: "Eine
lange Zeit, die die Band nicht davon abgehalten hat, ihr in der Quersumme
fünfzehntes Album zu veröffentlichen…" In der Quersumme! Toll!
Aber wer hätte denn auch erwartet, dass eine Journalistin, die nur eine Fremdsprache
marginal beherrscht, und das ist leider deutsch, ausgerechnet Mathematik kann.
"In der Quersumme fünfzehn…" - Kleines Preisrätsel: Wer den Namen der
Journalistin kennt und uns mailed, wird mit einer aktuellen Ausgabe der taz
bestraft ;-)

* * *

Nochmal zum Thema Bildungspolitik: Die Konferenz der Kultusminister der Länder
(KMK) hat laut FAZ auf ihrer jüngsten Tagung in dem von ihr verabschiedeten
Bildungsbericht den Schulen schlechte Zensuren ausgestellt. Es herrsche ein
weltweit einzigartiges Durcheinander von etwa 2.500 Lehrplänen, die
Unterrichtsmaterialien seien veraltet, denn die öffentlichen Ausgaben für
Lernmittel stagnierten, es gebe zu wenig Computer, und man verteile in allen
Bundesländern Abschlüsse desselben Titels, die sich aber ganz unterschiedlicher
Leistungsanforderungen halber kaum mehr miteinander vergleichen ließen.
Außerdem gebe es unerträglich hohe Schulabbrecherzahlen.
Soweit so (wahrscheinlich) ganz richtig.
Man fragt sich nur, wer da diese Hiobsbotschaften überbringt, wer da der
Bildungspolitik so schlechte Zeugnisse ausstellt. Wer hat denn die Aufsicht
über diese Schulen? Die Kultusminister der Länder. Seit wann? Seit jeher. Wer
bestimmt die Lehrpläne? Die Kultusminister der Länder. Wer entscheidet über die
Unterrichtsmaterialien, die Schulbücher, die Tausenden Rechtsverordnungen usw.
usf? Richtig, es sind die Kultusministerien der Länder.
Es ist schon unglaublich, mit welcher Dreistigkeit die KMK auf die
katastrophale Situation der deutschen Bildungspolitik hinweist, so, als ob die
KMK nichts, aber auch absolut gar nichts damit zu tun habe.

* * *

In allen Feuilletons, von SZ bis taz (löbliche Ausnahme war die FAZ) waren
große Besprechungen der Ausstellung "Too Much" von Terry Richardson
in den Kunst-Werken Berlin zu lesen. Der Starfotograf, der seit 1997 für Sisley
arbeitet (die auch diese Ausstellung ermöglicht haben), mit einer Sammlung
banaler, pseudo-hipper, angeblicher "Rock"-Fotos. Während die
herausragende Ausstellung von Taryn Simon im Erdgeschoß der Kunst-Werke im
deutschen Feuilleton (wie gesagt, mit Ausnahme der FAZ) quasi unbeachtet blieb.
Ein Monster von einer Ausstellung ist dieses "The Innocent" - Taryn
Simon hat Personen porträtiert, die unschuldigerweise von
US-Geschworenengerichten verurteilt worden waren und jahrelang unschuldig in
den US-Gefängnissen saßen und erst durch die seit kurzem in den USA erlaubte
rechtliche Verwendung von DANN-Proben als Beweismittel freikamen. Eine bittere
und erschütternde Kritik am US-amerikanischen Rechtssystem, und eine große
Ausstellung (noch bis 23.11.2003).

* * *
Dafür haben "wir" nun Krieg geführt (laut Verteidigungsminister
Struck wird "Deutschland am Hindukusch verteidigt"…): In Afghanistan
sind die Frauen auch zwei Jahre nach dem Krieg gegen die Taliban immer noch
rechtlos. Laut eines Berichts von amnesty international hat sich die Lage der
Frauen kaum verbessert. Diskriminierung und Gewalt seien noch immer "weit
verbreitet". Amnesty international kritisiert in dem Bericht insbesondere
häusliche Gewalt, erzwungene Eheschließungen und Entführungen. Minderjährige
Mädchen, zum Teil erst acht Jahre alt, würden an ältere Männer
zwangsverheiratet. Frauen hätten keinen Zugang zur Justiz und würden vor
Gericht diskriminiert.
Beziehungsweise andersherum: Die Lokalfürsten im Norden haben lt. NZZ weiterhin
"ungebrochene Macht", "die Kriegsfürsten sitzen nach wie vor
fest im Sattel." Und die FAZ berichtet davon, dass die Drogenproduktion in
Afghanistan wieder auf vollen Touren laufe, dass die Heroinproduktion
Afghanistans neuen Rekorden entgegenstrebt. Und was macht die Bundeswehr, von
unserer Bundesregierung nach Afghanistan entsandt? Sie schützt das
nordafghanische Kunduz, den lt. übereinstimmender Einschätzung der im Lande
tätigen Hilfsorganisationen und des US-Militärs sichersten Ort des Landes.
Ganze 40 US-Soldaten sind dort bislang tätig, sie überwachen vor allem die
Verteilung der Gelder, mit der die Region von der afghanischen Regierung
bedacht wird. "Doch mit der von der Bundesregierung geplanten Ausweitung des
Afghanistan-Einsatzes wird das Stadtbild künftig wohl stärker vom Militär
geprägt sein. Denn ein Beschluß des Bundeskabinetts sieht vor, 230 Soldaten in
die "Oase des Friedens" (Spiegel Online) zu entsenden," schreibt
Thorsten Fuchshuber in Konkret. Damit wir uns nicht falsch verstehen - ich bin
nach wie vor dagegen, die Bundeswehr in Kriegsgebiete zu entsenden. Doch wenn
man dies schon tut, wie es eben die Bundesregierung tut und wie es wohl auch
von der Mehrheit des Bundestages gewünscht wird, dann sollte die Bundeswehr
wenigstens vernünftige Aufgaben übernehmen - die kulturellen und
Bildungseinrichtungen schützen, zum Beispiel, die allüberall in Afghanistan
entstehen und von radikalen Kräften mit Anschlägen torpediert werden. Oder
dafür sorgen, dass Frauen sich sicher und ungefährdet in Afghanistan bewegen
können. Der Aufgaben sind sicher viele. Wenn man aber sein Militär an den
sichersten Ort des Landes entsendet, wo garantiert nichts zu tun ist, dann
beweist man damit, dass man eigentlich nicht helfen will, sondern dass es
wieder einmal nur um die Politik der Symbole geht. Darin immerhin hat es die
rot-grüne Bundesregierung zur Meisterschaft gebracht…

02.10.2003

Und ansonsten 2003-10-02

Aus
der Frankfurter Allgemeinen Zeitung:
"Die Bezeichnung "Scheißneger" für einen Schwarzafrikaner sei
zwar eine Ehrenbeleidigung, so das Landgericht Linz, aber kein Verstoß gegen
die Menschenwürde… Der Afrikaner war im Zuge einer Fahrzeugkontrolle von einem
Polizeibeamten "Scheißneger" genannt worden. Die Staatsanwaltschaft
Linz stellte im erstinstanzlichen Bezirksgericht gegen den Polizisten einen
Strafantrag, weil der "Verdacht einer feindseligen Handlung gegen eine
Rasse" bestand. Das Bezirksgericht stellte das Verfahren ein. Das
zweitinstanzlich zuständige Landesgericht Linz bestätigte die
Verfahrenseinstellung mit folgender Begründung: Ein Verstoß gegen die
Menschenwürde liege nur dann vor, wenn jemandem "unmittelbar oder mittelbar
das Recht auf Menschsein schlechthin abgesprochen" werde. Das sei der
Fall, wenn Personen "Untermenschen" genannt würden oder wenn geäußert
werde, man solle sie "vergasen" oder "vertilgen". In der
Begründung hieß es, mit der bloßen Verwendung des inkriminierten Wortes werde
nur der Unmut gegenüber einer Person, einer Verhaltensweise, einer Tätigkeit
bekundet, nicht jedoch das Lebensrecht einer Person abgesprochen."
Darf man jetzt zu einem Polizisten in Niederösterreich "Scheißbulle"
sagen?
Zu den Richtern dortselbst "Scheißidioten"? Oder zu dem Land gleich
pauschal "Scheißland"? Nur so als allgemeiner Unmut gegenüber
Personen oder Verhaltensweisen?

* * *

Eigentlich hatte ich ja vor etwa einem Jahr die Claudia Roth von den Grünen als
nicht mehr satisfaktionsfähig tituliert und aus den Newslettern entfernt. Wie
sie sich aber nun in einer inszenierten Homestory in der Bunten auf
Türkei-Urlaub geriert, da kann man nur schlecht wegschauen bzw. schlichtweg
staunen. "Die Claudia von Wolke sieben", schreibt die Bunte.
Ach, wenn das doch nur wahr und die Nervensäge bereits aus der Politik
verschwunden und in wolkige Regionen entfleucht wäre. Aber wie sie dann breit
lachend den Spieß umdreht - "Für jeden Spaß zu haben: Claudia Roth
putzt die Schuhe des Schuhputzers" - was haben wir da wieder gelacht!
Und uns über die "grüne Gurke" amüsiert. "Ein Animateur zeigt
der Politikerin, wie man mit Pfeil und Bogen schießt", oder "Golfen
ist gar nicht so schwer, jubelt Claudia Roth". Sag ich doch. Wobei sie
sich vielleicht erstmal beim Minigolf versuchen sollte.

* * *

"(…) ich studierte die Geschichte der Revolution. Ich fühlte mich wie
zernichtet unter dem grässlichen Fatalismus der Geschichte. Ich finde in der
Menschennatur eine entsetzliche Gleichheit, in den menschlichen Verhältnissen
eine unabwendbare Gewalt, Allen und Keinem verliehen. Der Einzelne nur Schaum
auf der Welle, die Größe ein bloßer Zufall, die Herrschaft des Genies ein
Puppenspiel, ein lächerliches Ringen gegen ein ehernes Gesetz, es zu erkennen das
Höchste, es zu beherrschen unmöglich. (…)"
Georg Büchner, Januar 1834 in einem Brief an Wilhelmine Jaeglé

* * *

Ein schlimmer Finger hat eine fingierte Email-Adresse unserer Agentur genutzt,
um Spam-Mails zu verschicken. Dies geschieht lt. Computer-Fachpresse derzeit
öfter:

"Seit einigen Wochen rollt eine neue Spam-Welle: Als Absender werden
vom bislang unbekannten Versender beliebige, existierende E-Mail-Adressen
eingetragen. Bei den vermeintlichen Absendern quillt das E-Mail-Fach durch
Rückläufer von ungültigen E-Mail-Adressen über; die erbosten Empfänger machen
ihrem Unmut gegenüber dem vermeintlichen Absender und deren Provider Luft. Die
Spam-Versender operierten bislang vorzugsweise unter erfundenen
E-Mail-Adressen, die Zahl der Meldungen über gefälschte, reale Absenderadressen
oder erfundene Adressen aus existierenden Domains ist aber in den vergangenen
Wochen deutlich angestiegen. Die Opfer dieses perfiden Vorgehens sind machtlos,
der Spam-Angriff erfolgt aus dem Schutz der Anonymität." (lt. Computerzeitschrift
ct)

Heute war in der Tagespresse zu lesen, dass mittlerweile weltweit jede zweite
versandte Email-Adresse SPAM ist. In einigen europäischen Ländern wurden
bereits Verbraucherschutz-Gesetze verabschiedet, die die Verursacher haftbar
machen, was natürlich in aller Regel nicht allzu viel nutzt, weil die meisten
Verursacher aus den USA kommen - dort hat aber immerhin Kalifornien ein hartes
Gesetz verabschiedet, das SPAM-Versendern Gefängnisstrafen androht. Von der
Bundesregierung sind bisher keine Maßnahmen bekannt, um die Verbraucher
entsprechend zu schützen.

Wir entschuldigen uns bei etwaigen Empfängern von SPAM-Nachrichten, die unter
unserer Adresse fingiert verschickt wurden - leider sind wir machtlos.

* * *

Dieser Tage taten sich etliche Politiker mit dem Thema "Keine
Steuerfreiheit für Fußballer" wichtig. Es war bekannt geworden, dass z.B.
Borussia Dortmund einen Teil seiner Spielergehälter als Feiertags- und
Nachtzuschläge steuerfrei zukommen ließ. Dies wurde von Hinterbänklern aus
Regierungs- wie Oppositionskreisen als "unmoralisch" verurteilt.
Ich frage mich, seit wann Gesetze in diesem Staat unter moralischen Aspekten
wahrgenommen werden. Ein Manager, und sei es der eines Fußballvereins, der
nicht alle gesetzlichen Möglichkeiten zugunsten seines Unternehmens ausnutzt,
wäre ein schlechter Manager. Die Versager in diesem Spiel sind die Politiker,
die schlechte Gesetze erlassen haben, die Derartiges überhaupt ermöglichen.
Dass ausgerechnet die Verantwortlichen für diese blamablen Gesetze, nämlich die
Vertreter der jetzigen Regierungskoalition aus SPD und Grünen, nun mit großem
Getöse eine Gesetzesänderung herausposaunen, ist eigentlich eher peinlich.
Vollends bigott wird der gesamte Vorgang, wenn man bedenkt, dass die
Bundestagsabgeordneten, die sich jetzt über die Steuerfreiheit eines Teils der
Spielerbezüge in der Öffentlichkeit aufregen und die Moralkeule schwingen,
selber ausnahmslos in Verbindung mit dem Abgeordnetengesetz jährlich rund
40.000 Euro steuerfrei für angebliche Berufsausgaben kassieren. Laut
Bundesrechnungshof haben die Politiker diese Ausgaben aber gar nicht in dieser
Höhe - gleichwohl lassen sie sich aus dem Steuersäckel nicht nur diese 40.000
Euro zahlen, sondern dieser Betrag ist eben auch noch steuerfrei, eine doppelte
Vergünstigung also. Man müsste den Fans auf den Rängen mal sagen: Ihr bekommt
höchstens eine Steuerfreiheitspauschale von 1.044 Euro. Aber die Politiker, die
jetzt auf euren Verein schimpfen, bringen es locker auf 40.000 Euro, und sie
müssen diese Ausgaben nicht einmal belegen. Wie war das mit dem Balken im
eigenen Auge?

Übrigens - kann sich irgendjemand daran erinnern, dass die Tatsache, dass die
Bundesregierung alle Zahlungen im Rahmen der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 von
der sonst heiß umstrittenen Ausländersteuer befreit wurden, irgendwo öffentlich
diskutiert wurde? Im Parlament gar? Ach, ich vergaß, für die Fußball-WM ist ja
der "Kaiser" zuständig, der wird das mit dem rosaroten Kanther namens
Schily und dem Hobbyfußballer Schröder schon ganz absolutistisch geregelt
haben. Lang lebe die Monarchie! (und nicht der Alltag)

* * *

Ein Gedicht des eben verstorbenen Lyrikers Josef Guggenmos:

Gugummer hat ein Haus gebaut
voll Kunst aus lauter Karten.
Nun sieht er es, das herrlich ragt,
den Untergang erwarten.
Es stürzten Schlösser, Dome ein
und ganze Städte sanken.
Schon geht auch durch das Kartenhaus
ein ahnungsvolles Wanken.

* * *

Nun gilt ja seit ein paar Tagen das neue, im Interesse der Musikindustrie durch
die Instanzen gepeitschte Urheberrecht. Zwar sind viele Fragen offen und
ungeklärt, aber das ficht die politisch Verantwortlichen ja keineswegs an.

Hab ich mir unlängst so einen schönen, blitzsauberen MP3-Walkman mit 20
Gigabyte gekauft, um im Zug nicht mehr das sinnlose Geschwätz der Wichtigtuer
per Handy ertragen zu müssen. So, wie man früher ne Cassette mit seinen
Lieblingssongs für unterwegs aufgenommen hat, überspielt man jetzt seine
Lieblings-CDs (alle brav käuflich erworben) auf dieses Wunderteil. Und ärgert
sich über den Kopierschutz, der sich z.B. auf CDs der Firma Universal befindet
(zum Beispiel bei ihren Samplern mit alten französischen Chansons - da werden
sich Jacques Brel und Edith Piaf und Serge Gainsbourg aber freuen, dass sie
zusätzliche Tantiemen erwerben und Universal ihre Rechte schützt…). Aber was
ich mich eigentlich frage - wenn ich, wenn auch zu privaten Zwecken, meine
gekauften CDs per Computer in MP3-Files umwandle - bin ich dann schon ein
Gangster? Kommt die Polizei und nimmt mir meinen Walkman weg? Bin ich ein
Verbrecher, wenn ich auch unterwegs meine private CD-Sammlung hören will?

Bange Fragen sind das. Als Musikhörer steht man heutzutage mit einem Bein im
Gefängnis. Wie heißt es im Kinderkanal beim Kult-Comic "Das Brot"
doch so schön? "Es ist alles wie immer, nur schlimmer".

In diesem Sinne verbrecherische Grüße und einen schönen, illegalen Herbst

08.07.1905

Schadstoff, Diesel, Automobilindustrie

Die
Schadstoffbelastung der vielbesungenen Berliner Luft ist allerdings auch nicht
ohne. Greenpeace hat im Herbst die Belastung der Berliner Luft mit giftigen
Stickstoffdioxiden (NO2) ermittelt; EU-weit darf ein Kubikmeter Luft
im Jahresdurchschnitt maximal 40 Mikrogramm NO2 enthalten. Von den
41 Stellen in Berlin, die Greenpeace untersucht hat, überschritten laut
„Tagesspiegel“ 33 diesen Grenzwert, fünf von ihnen um mehr als das Doppelte. „Berlin verletzt wie andere Großstädte,
allen voran Stuttgart und München, seit Jahren an verkehrsreichen Messstationen
die Vorgabe der EU“.Doch
die gefährlichen Abgase atmet man eben nicht nur auf vielbefahrenen Straßen ein
– „der Dieseldreck macht auch vor heimischen
Schlafzimmern und Kitas nicht halt“. Die Luft in einer Kita, die an einer
verkehrsberuhigten Straße in Berlin-Mitte gelegen ist, lag bei 48 Mikrogramm NO2,
also 20% über dem Grenzwert. Greenpeace hat auch auf „Kleinkindnasenhöhe“
gemessen, etwa an Spielplätzen, wo bis zu 69 Mikrogramm NO2 gemessen
wurde. Ähnlich sah es in Klassenräumen von Schulen aus.Wie
entsteht das für den Menschen so schädliche NO2, das zu einem
deutlich höheren Risiko für Lungenkrebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen bis hin
zu erhöhter Sterblichkeit führt? Ganz einfach: Dieselfahrzeuge sind der
Hauptverursacher dieser Luftverschmutzung. Mittlerweile steht fest, daß nicht
nur der Volkswagen-Konzern systematisch die Werte der NO2-Ausstöße
seiner Dieselmotoren manipuliert hat, sondern daß es auch bei den Dieselmotoren
anderer Hersteller entsprechende „Unregelmäßigkeiten“ gab.Eigentlich
kann die Gesundheitsgefährdung der Bürger*innen, vor allem aber der Kinder
durch die NO2-Emissionen durch die Abschaffung der skandalösen
Steuererleichterungen für Dieselfahrzeuge und durch drastische Maßnahmen bis
hin zu Verboten für Dieselfahrzeuge erreicht werden. Doch der Pressesprecher
der Berliner Umweltbehörde winkt ab: „Das
ist rechtlich nicht möglich, und auch unverhältnismäßig, weil der Wirtschaftsverkehr
in Berlin, zum Beispiel Lieferwagen, fast ausschließlich mit Diesel unterwegs
ist.“ Und da die Deutschen ihr Auto lieben, und weil Diesel so billig ist,
und weil die Autolobby die Politik massiv unter Druck setzt, und weil „die
Wirtschaft“ natürlich wichtiger ist als irgendwelche Menschenleben, werden also
weiter die EU-Schadstoffwerte drastisch überschritten, wird die Gesundheit der
Kinder gefährdet – denn was ist wichtiger? Kinder mit Asthma und an Lungenkrebs
sterbende Großstädter, oder das Wohl der deutschen Automobilindustrie?

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