Klassikkampf.
Ernste Musik, Bildung und Kultur für alle

Erschienen bei: Matthes & Seitz Berlin
Tourdaten: 
10.01.2018
A-Wien, Sargfabrik
1
11.01.2018
A-Linz, Stadtwerkstatt
1
12.01.2018
A-Ebensee, Kino
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Klassikkampf.

Ernste Musik, Bildung und Kultur für alle

„Eines solchen Buches hat es bedurft – es empfiehlt sich zur verpflichtenden Lektüre für jeden Kulturpolitiker."
(Stefan Michalzik, Frankfurter Rundschau)
„Super Buch. Lesen Sie es. Danach hören Sie besser.“  (Peter Laudenbach, TIP Magazin Berlin)

„Warum fasziniert uns Nachgeborene der Gesang von Maria Callas bis heute ? Weil Maria Callas singt, wie Malcolm X und Martin Luther King ihre Reden hielten und Politik gemacht haben, mit Haltung, mit unbedingtem Einsatz und aus existenzieller Notwendigkeit heraus.“

Auch die glamouröse Eröffnung der Hamburger Elbphilharmonie konnte die tiefe Krise der klassischen Musik nicht übertünchen: Sie ist im Ritual erstarrt, das Repertoire bleibt konventionell und Konzertbesuche dienen oft nur dem elitären Distinktionsbedürfnis. Unterdessen versuchen die Musikkonzerne mit Entspannungs-CDs für gestresste Manager und der cleanen Inszenierung geigender Schönheiten gegen sinkende Verkäufe anzukämpfen. Doch trotz dieser Anbiederung schreitet die Entfremdung der klassischen Musik von der Masse der Menschen immer weiter fort ‑ wer würde heute noch davon zu träumen wagen, daß die sogenannte Unterschicht ihr Glück in der Klassik finden könnte?

Angesichts dieses Elends der Ernsten Musik fordert Berthold Seliger, „Deutschlands eloquentester Konzertagent“ (Berliner Zeitung), einen neuen Klassikkampf um die verdrängten Potenziale der Musik. Er wirft einen kenntnisreichen Blick hinter die Kulissen des heutigen Klassikbetriebs und ruft mit Verve in Erinnerung, daß die Ernste Musik entgegen der heutigen Mutlosigkeit und Verflachung eigentlich von Mozart über Beethoven bis Eisler und Abbado immer auf die Revolutionierung der Schönheit und damit auch der realen gesellschaftlichen Verhältnisse zielte; es ging um nichts weniger als um Fortschritt und Glück.

Seliger erklärt, was es mit „Musik als Sprache, die (nicht) jeder versteht“ auf sich hat, er plädiert ausdrücklich für die Trennung in Ernste und Unterhaltungsmusik (setzt sich allerdings für eine neue Kategorisierung jenseits von Klassik und Pop ein) und dafür, die Klassiker vom Podest zu holen und wieder zu nutzen, statt sie nur anzubeten. In einem ausführlichen Kapitel zur Bildung fordert er eine komplette Revidierung der neoliberalen Bildungspolitik der letzten Jahrzehnte zugunsten einer Neuorientierung an den „humanities“ und vor allem auch zugunsten der „outerclass“. Schließlich schildert Seliger in einem großen Kapitel zu Beethoven den Komponisten als gesellschaftliches Wesen, der auch heutigen Musiker*innen aller Sparten als Beispiel für eine Musik mit Haltung dienen kann, und erläutert das „Prinzip Dire Straits“, dem er das „Prinzip Beethoven“ entgegensetzt.

Seliger fordert nichts weniger als die Rettung des revolutionären Glutkerns der „Klassik“, die nur über ihre breite gesellschaftliche Wiederaneignung gelingen kann und die wie Bildung und Kultur in den letzten Jahrhunderten immer wieder aufs Neue erkämpft werden muss. So ist seine schonungslose Kritik an der gegenwärtigen Misere am Ende nichts weniger als eine flammende Liebeserklärung an die „klassische“, an die Ernste Musik.

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Pressestimmen:

„Das höchst anregende Buch zeichnet sich durch einen ungeheuer scharfen und umfassend panoramatischen Blick auf die hiesige Klassikszene aus, auf 453 stringent formulierten Seiten (...) Mit Leidenschaft und vom aufklärerischen Fortschrittsgedanken getragen, spricht er von einem Posterstar-Marketing in der „Klassik“ (...)
In seinem Plädoyer für eine tatsächliche Vielfalt jenseits der eurozentrisch geprägten Floskel von der Musik als universaler Sprache setzt sich Seliger für eine „Hörschulung“ auch an Tonsystemen außereuropäischer Kulturen ein. Ein Abschnitt gilt dem „Bildungsputsch“ durch ein staatlicherseits willfährig ermöglichtes „Engagement“ der Wirtschaft an den Hochschulen. An denen müsse es um Freiräume gehen, nicht um „Schliff für die kapitalistische Produktion“.
Als „role model“ für einen unabhängigen – auch von der Einflussnahme durch Sponsoren – und selbstbestimmten Künstler stellt Seliger Beethoven in den Mittelpunkt des beinahe schon ein zweites Buch bildenden finalen Teils. Er verweist auf den revolutionären Gehalt seiner Musik, den es unter der Kruste bürgerlicher Vereinnahmung freizulegen gelte. Seligers Projekt richtet sich auf eine neue Kultur im Zeichen einer gesellschaftlichen Emanzipation. So setzt er sich für die Wiederbelebung eines Studium generale ein, das Musikgeschichte und -gegenwart als obligatorisch etwa auch für Absolventen technischer Studiengänge umfasst – zur Herausbildung streitbarer Geister anstelle eines „Primats des Mehrwerts und der Nützlichkeit“.
Adorno, Benjamin, Greil Marcus und Hans Heinz Stuckenschmidt gehören zu Seligers zahlreichen Zeugen. In einer gut belegten Differenziertheit ruft er zu einer Opposition wider die vorgebliche „Alternativlosigkeit“ zur Markthörigkeit auf, davon ausgehend, dass Kunst und Literatur „immer im Kampf gegen etwas stehen“ (Peter Weiss). Eines solchen Buches hat es bedurft – es empfiehlt sich zur verpflichtenden Lektüre für jeden Kulturpolitiker."

(Stefan Michalzik, Frankfurter Rundschau)

„Weil Seliger die Musik etwas bedeutet, hasst er den Betrieb ihrer Verwertung. Darüber hat er jetzt ein ziemlich großartiges Buch geschrieben, das beste Chancen hat, zum Standardwerk zu werden: Das Äquivalent zu Diederichsens Buch über Pop-Musik, nur dass Seliger etwas klarer und analytisch, also marxistisch, argumentiert. Weil er als Konzertveranstalter den Betrieb von innen kennt, ist er über die ökonomischen Zusammenhänge bestens informiert. Seliger hat seinen Adorno gelesen, er analysiert das Marktgeschehen mit dem Instrumentarium der Kritischen Theorie. Und er weiß, dass, wer nur von Musik etwas versteht, und von allem anderen nichts, zum Beispiel von Kapitalismus, der Musikindustrie, Entfremdung und Klassikmarketing, auch von Musik nichts versteht. Super Buch. Lesen Sie es. Danach hören Sie besser.“
(Peter Laudenbach, TIP Magazin Berlin)

„Land unter! Der inzwischen sprichwörtliche "Silbersee" der ergrauten Rentner regiere die Klassik-Hallen, so tönt es seit Langem missvergnügt von vielen Feuilletonseiten. Junge Menschen meiden die "Ernste Musik", vornehmlich ein älteres, konservatives Publikum frequentiere die stereotyp programmierten Events, ein abgespielter Stücke-Kanon von Mozart, Beethoven und Brahms bis zu Mahler und Strauss tönt immergleich durch die Konzertsäle, während die Opernhäuser strikt nach der Erfolgsformel "A / B / C" ("Aida" / "La Bohème" / "Carmen") inszenieren lassen. Das Repertoire eines satten, arrivierten Bürgertums, das Kultur nur als affirmativen Gerüstbau seiner gesellschaftlichen Herrschaft begreift, weniger als Herausforderung, Innovation oder gar Verunsicherung. Die Kultur in Gefahr: So jedenfalls sieht der Autor Berthold Seliger die aktuelle Situation der arrivierten Musikszene in Deutschland. (...)
Die Theoriegeschütze und geistesgeschichtlichen Zeugen, die Seliger anführt, sind von bestem Kaliber. Selten marschierten auf begrenztem Raum Platon, Friedrich Schiller, Hegel, Schelling, Hölderlin, Wolfgang Abendroth und etliche weitere Größen auf, gerundet durch die sympathisch sanft-anarchischen kulturdidaktischen Thesen von Piano-Genie und Provokateur Friedrich Gulda. Ein echtes Verdienst, diese unangepasste Persönlichkeit der Musikszene und Stachel im Fleisch des Kulturbetriebes zu würdigen, gerade weil seine Einspielung der 32 Beethoven-Klaviersonaten von 1968 immer noch zu den aufregendsten und stilprägendsten gehört.
Dem Eindruck, dass er nur etwas von Musik verstehe, wirkt der Autor auf diese Weise erfolgreich entgegen. Dabei muss man sich vergegenwärtigen, dass sich Seliger auch als Konzertveranstalter betätigt, ein Job, der in der vordersten Reihe des Musikbusiness stattfindet, sehr anstrengend und risikoreich ist und nur selten von Anerkennung begleitet wird, die über die Szene hinausreicht. Seliger kennt Künstler wie Lou Reed und Laurie Anderson, er wird nicht müde, seine breite musikalische Basis zu unterstreichen, um ja nicht in den Ruf eines "Fachidioten" (Alt-68er-Jargon) zu geraten. (...)
Seligers Forderung, dass sich die Ernste Musik nicht für ein Massenpublikum verbiegen solle, stattdessen die musikalische Ausbildung von Kinder und Jugendlichen verbessert werden müsse, ist nicht neu, aber richtig und sympathisch. Sie deckt sich mit den spitzen Conférencen von TV-Entertainer und Bildungsbotschafter Harald Schmidt dahingehend, dass Kultur eben Arbeit und Mühe mache, aber auch mit den Darlegungen im Buch des Musikschriftstellers Holger Noltze, "Die Leichtigkeitslüge (Über Musik, Medien Komplexität)" (edition Körber-Stiftung, 2010). Noltze kommt mit weniger Worten aus, brennt aber die Wunden des Kulturbetriebes mit gleicher Schärfe aus.
Was an Berthold Seligers Kampfschrift Spaß macht und reichlich Diskussionsstoff für Kaminabende liefert, sind die vielen Zitate, Beispiele und der mäandernde Stil, durch welchen die Erregung des Autors auf über 400 Seiten immer wieder Statements für Hochkultur und Anspruch in hellsten Flammen - tja, selbstgewisser Rhetorik liefert. Eventuell hat sich da ein Bildungsbürger selbst überführt: Ist aber nicht schlimm. Wer ohne Sünde ist, der spiele den ersten Akkord."

(Werner Theurich, SPIEGEL ONLINE)

„Der Titel ist natürlich ein Hammer: Klassikkampf. „Citoyens, aux armes" ruft Berthold Seliger seinen Leserinnen und Lesern zu. Zu den Waffen - aber zu welchen? Und für welche Schlacht? Die wichtigste Waffe ist für den Autor die Bildung. Er widmet ihr ein ganzes Kapitel, aus Protest gegen das seiner Meinung nach desolate Bildungssystem in Deutschland, das ein "Trümmerhaufen des Neoliberalismus" sei und den "Humanities", also der kulturellen Bildung viel zu wenig Platz einräume. (...)
Seligers Idealbild musischer Bildung in sich. Er fordert: Musik- und Kunstunterricht auf allen Stufen, Musikstunden quer durch alle Genres, Instrumentalunterricht für jedes Kind, obligatorische Konzertbesuche, Schulkonzerte mit Profis, Gratismuseen und günstige Tickets für Konzert und Theater («öffentliche Kulturförderung dient nicht der Wirtschaftsförderung, sondern muss sich daran orientieren, Geringverdienern und all jenen, die bisher nicht an der kulturellen Vielfalt partizipieren, Teilhabe zu ermöglichen»), Familien-, Mittags- und Nachtkonzerte zu tiefen Tarifen, eine 25-Prozent-Quote für zeitgenössische Musik in Konzerten und Radioprogrammen, Austausch mit nicht-europäischer Musik, kostenlose Live-Mitschnitte von Konzerten im Netz und schliesslich: mehr Mittel für Musikschulen. (...)
Sein Ansatz geht aber weiter; insgesamt sei ein neuer, widerständiger Begriff von «Klassik» nötig. In einer bemerkenswerten Retrobewegung plädiert Seliger für eine wiederbelebte und geschärfte Unterscheidung zwischen E- und U-Kultur. Deren Aufweichung sei nicht im Interesse der Kunst und der Gesellschaft, sondern des Markts. (...)
An zahlreichen Musikbeispielen (nachzuhören auf spotify), mit Blicken über den europäischen Tellerrand hinaus und mit einem ausführlichen Kapitel zu Beethoven macht Seliger Lust darauf, den «rebellischen Kern» der Klassik neu zu entdecken und zu beleben. Und dies gerade auch in den immer wieder gespielten Werken des Kanons. Zum Beispiel in Beethovens Fünfter – deren nicht enden wollende Schlussakkorde hört Seliger mit dem Dirigenten Nikolaus Harnoncourt als «die Eröffnung einer Zukunft». Und traut den sieben C-Dur- Akkorden kulturoptimistisch zu, dass sie «Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit» propagieren, gegen Ausbeutung und Rassismus antönen und mit jenem Pathos, das Seligers Klassikkampf eigen ist, verkünden: «Ein anderes Leben ist möglich.»"

(Saiten, Monatsmagazin Ostschweiz)

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Berthold Seliger:
Klassikkampf. Ernste Musik, Bildung und Kultur für alle
Broschur, 496 Seiten, € 24.- / E-Book: € 20,99
In allen guten Buchhandlungen erhältlich.