25.12.2005

Und Ansonsten 2005-12-25

An
dem CIA-Folter-Skandal und dem, was bundesdeutsche Medien und Politiker aus der
Tatsache machen, daß bundesdeutsche Behörden im US-Lager Guantanamo deutsche
Staatsbürger verhört haben, ist in meinen Augen nur eines wirklich interessant:
das Theater als solches nämlich. Die "linksliberale"
"Süddeutsche Zeitung" feuerte den "Skandal" mit sogenannten
"exklusiven Meldungen" dieser Tage an. Neu allerdings war daran wenig
- die Fakten hatte der "Spiegel" bereits im Herbst 2003 in einem
Artikel unter dem Titel "Reif für die Insel" detailliert berichtet -
ebenso wie über den von der CIA nach Afghanistan verschleppten
Deutsch-Libanesen Khaled el-Masri, beispielsweise.
Die "Süddeutsche Zeitung" fand das im Jahre 2003 wenig berichtenswert
- mag das vielleicht daran gelegen haben, daß seinerzeit die von der
"Süddeutschen Zeitung" protegierten Politiker Schröder und Fischer
die Bundesregierung stellten? Und man der angeblich so US-kritischen rot-grünen
Bundesregierung diesen Nimbus nicht nehmen wollte?
Ebenso auffällig ist es, daß bestimmte bundesdeutsche Politiker ihre Liebe zu
den Menschenrechten erst wieder entdeckt haben, seitdem sie in der Opposition
sind…

* * *

Im Jahre 2004 exportierte Deutschland Rüstungsgüter im Wert von 3,8 Milliarden
Euro. Ein Drittel der deutschen Ausfuhrgenehmigungen, Rüstungsgüter im Wert von
1,2 Milliarden Euro, sind dabei an Staaten gegangen, die gleichzeitig
Entwicklungshilfe erhielten - so der "Rüstungsexportbericht" der GKKE
der beiden großen Kirchen.
Die Rüstungsexporte Deutschlands lagen damit in 2004 weit über den Werten von
2001 und 2002 und deutlich über dem Niveau der 90er Jahre.
Auch China, offiziell mit einem Embargo bedacht, erhielt deutsche Rüstungsgüter
im Wert von knapp 900 000 Euro.
So weit, so skandalös.
Die Gurkennummer spielte wieder einmal ein "Grünen"-Politiker: Ein
Winfried Nachtwei forderte angesichts des Rüstungsexportberichts eine "Verschärfung der
Export-Richtlinien." Wohlgemerkt, der Rüstungsexportbericht
galt für das Jahr 2004, in dem seine "Grünen"-Partei an der Regierung
war. Die schärfsten Kritiker der Elche…

* * *

Die Klassik-Plattenindustrie schaufelt behände ihr eigenes Grab. Die
hochgerühmte Einspielung der Beethoven-Klavierkonzerte von Aimard und
Harnoncourt, 3 CDs, war dieser Tage für EUR 13,99 zu erwerben - und ist doch
erst etwa ein Jahr alt.
Das Problem ist doch, daß die Klassik-Käufer in der Regel schon solide
Einspielungen derartiger Werke in ihrem Plattenschrank haben. Wenn sie dann
jedoch wissen, daß Neueinspielungen in kürzester Frist auf dem Grabbeltisch
landen - warum noch EUR 40 oder 50 für die drei CDs ausgeben, wenn es sie in
Kürze billig gibt? Eine verrückte Aufteilung in extrem hochpreisige Klassik-Einspielungen
und kurz danach extreme Schnäppchen - so, liebe Leute von der
Klassik-Industrie, so wird euer Geschäft nicht funktionieren!

* * *

Daß Helge Schneiders "Katzeklo" auf die Melodie von "Jingle
Bells" hört, war immer schon klar. Nun aber, wo "Verve" endlich
das famose Album "Christmas 64" von Jimmy Smith wieder aufgelegt hat
(das auch sonst uneingeschränkt als - quasi nicht "erkennbare" -
Weihnachts-CD zu empfehlen ist), stellt man einigermaßen sprachlos fest, daß
das komplett geklaut ist, bis hin zu jedem Orgel-Glissando. Nur, daß Jimmy
Smith ein unvergleichlich besserer Organist war.

* * *

Ex-Viva-Moderatorin Charlotte Roche im "Spiegel" auf die Frage, ob
sie heute noch ab und zu "Viva" schauen würde:
"Fast nie. Bei
schlechtem Fernsehen muß ich immer schnell umschalten."

* * *

Manchmal kann man ja fast so etwas wie Schadenfreude empfinden.
Vor paar Jahren wurde Mariah Carey mit einem goldenen Vertrag vom EMI-Label
Virgin versorgt, der ihr mindestens 118 Millionen Dollar für vier Alben
eingebracht hätte. Gleich das erste Album hatte sich allerdings nur zwei
Millionen Mal verkauft, weswegen EMI sich mit viel Geld (irgendwas zwischen 28
Millionen und 49 Millionen Dollar) aus dem Vertrag herauskaufte. Der Konzern
stand damals zum Verkauf, weitere Flops hätten potentielle Käufer und
Investoren in die EMI-Aktie nur verschreckt.
Ihr in diesem Jahr beim Konkurrenz-Mischkonzern "Universal"
erschienenes Album "The Emancipation of Mimi" hat sich allein in der
ersten Woche nach Erscheinen allein in den USA mehr als 400 000 Mal verkauft,
wurde achtmal für den Grammy nominiert, hat alle möglichen Music Awards
abgeräumt.
Klassisch verspekuliert, Mister Levy!

* * *

Eine ganz ganz tolle Geschäftsidee hatte jemand bei "Sony" -
"nehmen wir diesen Salzburger Wunderknaben, diesen Mozart, der hat doch
Geburtstag nächstes Jahr, der kommt sogar auf den Titel vom Spiegel. Na, und
dann nehmen wir noch die Kubaner dazu, diese alten Männer, die liebt doch
jeder. Und die lassen wir gemeinsam ein Album machen! Unschlagbar, das wird
endlos verkaufen!"
Und so kam es, und es erschien zur Adventszeit "Swinging Mozart", "die neue CD von Klazz
Brothers & Cuba Percussion". Und "Mozart meets Cuba verblüfft mit
Rhythmus, Witz und Charme! Berühmtes und Bekanntes von Mozart wird mit der
Lässigkeit und dem Musiziervergnügen eines Buena Vista Social Club neu zum
Swingen und Klingen gebracht, vom "Son de Mozart" bis zum
"Kubanischen Marsch" … ein unwiderstehliches Hörvergnügen!"

Mir ist jetzt schon ganz schlecht.
Eine Verfilmung von "Swinging Mozart" durch Wim Wenders hat man
übrigens versäumt…

* * *

Die sogenannte "Prominente", Désirée Nick, behauptete in der
"Bild"-Zeitung vor ca. zwei Jahren, sie würde Leute kennen, "die haben sich so das Gesicht
mit Botox stillegen lassen, daß es jetzt als Immobilie gilt."
Dieselbe sogenannte "Prominente", Désirée Nick, im Dezember 2005 in
der "Bild"-Zeitung: "Ich
habe mir zum Weihnachtsfest Botox in die Stirn spritzen lassen."

Scheinbar kann man sich das Zeug heutzutage auch schon in den Hohlraum spritzen
lassen, in dem sich bei anderen Menschen das Gehirn befindet.

* * *

Im letzten Bundestagswahlkampf sind "Wir sind Helden" laut
Schlagzeuger Pola Roy in der "Zeit" "von so gut wie jeder Partei, ob links oder rechts,
angesprochen" worden, ob man nicht mit Songs der Band werben
dürfe. "Wir haben alles
abgelehnt, aber trotzdem wurden die Songs überall gespielt, auf CDU-Parteitagen
und sogar von rechtsradikalen Gruppierungen."

* * *

Die Zeiten im "Kultur"-Sektor werden, um es mit Goethe zu sagen,
immer "scheißiger", keine Frage. Typisch für Angebote, die man als
Tourneeveranstalter heutzutage erhält, ist dieses Beispiel einer Einladung zu
einer "Heinrich Heine-Nacht":
"Was toll wäre, wäre
die Möglichkeit, vielleicht einige Heine-Texte zu vertonen, die Wisy Guys
werden dies auch machen, so dass auch der unmittelbare Bezug zu Heine da wäre
(…) Ich muß aber auch gleich darauf hinweisen, dass die Veranstalter, die
Kulturbehörde Hamburg, das Deutsche Schauspielhaus und das ZDF bei der
Honorarfrage auf den Enthusiasmus für die Sache hoffen. Sprich nicht die
üblichen Honorare zahlen können, alle werden unter ihren normalen Honoraren
bleiben, ich darf Sie bitten dies zu berücksichtigen" etcetera
pepe.
Ist schon hübsch, wenn sich all diejenigen, die auf fetten BAT-Stellen im
öffentlichen Dienst oder in vergleichbaren Situationen sitzen, zusammentun, um
gemeinsam eine Heinrich Heine-Nacht auszurichten, bei der allerdings die
Künstler bitte für umme auftreten sollen.
Früher hat man, wenn man bei Hofe spielen durfte, wenigstens ein paar
Golddukaten bekommen - heutzutage ist dabei sein alles…
Erfreulicherweise hat die angefragte Band dieser Agentur unter den obwaltenden
finanziellen Bedingungen darauf verzichtet, an der Veranstaltung teilzunehmen,
da müssen Ulrich Tukur, Iris Berben, Margot Hielscher und wie die
öffentlich-rechtlichen Almosenempfänger alle heißen dieses Mal unter sich
bleiben…

* * *

"Was macht das Leben
lebenswert? Ich würde sagen: Groucho Marx, Willie Mays, der zweite Satz der
Jupiter-Symphonie, Louis Armstrongs Aufnahme vom Potatohead Blues, schwedische
Filme natürlich, L'education sentimentale von Flaubert, Marlon Brando, Frank
Sinatra, diese unglaublichen Äpfel und Birnen von Cézanne, die Krabben bei Sam
Wo's, Tracys Gesicht."
Woody Allen, "Manhattan", 1974

Die FIFA übt ja ziemlichen Druck aus auf alle, die Worte wie "WM"
oder "World Cup" benutzen wollen. Das Landgericht Hamburg hat dieser
Tage entschieden. daß die FIFA der Firma Ferrero untersagen darf, für ihre Produkte
die Marke "Deutschland 2006" zu benutzen. Ob ab sofort private
Telefongespräche, in der die Wörtchen "Weltmeisterschaft" oder
"WM" verwendet werden, gebührenpflichtig werden? Der Autor dieses
Newsletter ist ja weit davon entfernt, das Wort "Deutschland" allzu
oft in den Mund zu nehmen - ob das Diktat der FIFA aber am Ende auch die
Verwendung der Jahreszahl "2006" untersagt, wenn man nicht die
Benutzung der Jahreszahl bei der FIFA gegen eine entsprechende Lizenzgebühr
erworben hat? Fragen über Fragen. Und da man nichts falsch machen will, an
dieser Stelle also besser kein gutes "2006", sondern, solange es noch
erlaubt ist, einfach ein gutes neues Jahr…
"Songez à librement vivre!" (Savinien Cyrano de Bergerac)

In diesem Sinne schöne Zeiten zwischen den Jahren und einen guten Rutsch.

05.12.2005

Und Anonsten 2005-12-05

Wir
erinnern uns - Ende September hat die deutsche Plattenindustrie den Freitag als
"Musiktag" eingeführt mit Riesentrara - dadurch würden mehr CDs
verkauft, alles werde, wenn nicht gut, dann doch mindestens besser.
Am ersten Charts-Freitag war dementsprechend der Jubel groß, und man vermeldete
steigende Umsätze - was aber bei genauerem Hinsehen eher etlichen
Neuerscheinungen zu verdanken war, die die Musikindustrie kurz vor Quartalsende
aus Bilanzgründen auf den Markt preßte.
Nun aber liegen die Umsatzzahlen von Oktober vor, dem ersten Monat nach
Einführung des "Freitag ist Musiktag"-Schwachsinns. "Selbst die sich glänzend
verkaufenden neuen Alben von Superstars wie Robbie Williams oder Coldplay
konnten nicht verhindern, daß allein im Oktober das CD-Geschäft um knapp sieben
Prozent einbrach", meldete der "Spiegel".
Ach ja, der Kaiser war wieder einmal nackt. Da haben auch die großen Töne der
üblichen Branchen-Wichtigtuer nicht drüber wegtäuschen können.

* * *

Manchmal weiß man nicht, wen man mehr bedauern soll. Zum Beispiel die Sängerin
von "Wir sind Helden", daß sie japanisch radebrechen muß, damit
deutscher Pop auch international Furore machen darf. Oder die armen Japaner,
die sich den Schmarrn dann anhören müssen.
Zum neuen Selbstbewußtsein Deutschlands in der Welt gehört nämlich nicht nur,
daß deutsche Bomben auf Serbien geworfen werden (diesmal mit einem
"Peace"-Aufkleber namens "Nie wieder", man ist ja
schließlich gelernter Realzyniker…), sondern auch, daß die Welt am deutschen
Pop genesen soll. Der, von Haus aus eher etwas dürftig anzuhören, wird mit
vielen hehren Worten aufgepeppt.
Den semantischen Überbau verschafft Beate Geibel vom Mischkonzern Universal
Music: "Man registriert
im Ausland inzwischen, daß aus Deutschland gut gemachte, qualitativ hochwertige
Pop- und Rockmusik kommt.", stellt die Dame fest und verweist
- auf Rammstein, natürlich, die fast zehn Millionen Alben in 40 Ländern
verkauft haben, und auf Schnappi, das Krokodil, von dem in 30 Ländern 1,4
Millionen Singles und 420 000 Alben verkauft wurden.
Das ist in etwa die Bandbreite deutschen popmusikalischen Schaffens, es geht
von Rammstein bis Schnappi. Aber immer "qualitativ hochwertig", gar
keine Frage.

* * *

"Ich wüßte jetzt nicht,
was mich bei Franz Ferdinand vom Hocker reißen sollte."
Harald Schmidt

* * *

Noch vor kurzem machte sich die "Berliner Zeitung" im Kampf gegen
Schleichwerbung bei ARD und ZDF wichtig. Das tägliche Geschäft der
"Berliner Zeitung" geht dagegen viel direkter: Auf Seite 9 der
Ausgabe vom 10.November 2005 hat der Bekleidungskonzern "H & M"
eine ganzseitige Anzeige geschaltet für seine neue "Kollektion" von
Stella McCartney.
Gleich auf der folgenden Seite 10 der gleichen Ausgabe ergänzt die
"Redaktion" (man sollte wohl besser sagen: das ausführende Textorgan
der Anzeigenkundschaft) auf einer halben "redaktionellen" Seite: "Mix aus Mutters Kleiderschrank -
Die Mode-Designerin Stella McCartney hat für die Firma H&M eine
Damen-Kollektion entworfen". "H & M" haben es in
ihrer Anzeige gar nicht mehr nötig, auf die Filialen hinzuweisen, in denen es
die neue Kollektion gibt, das übernimmt die Redaktion der "Berliner
Zeitung", die detailliert die Filialen inklusive genauer Adressen
auflistet, die Website der Firma abdruckt etc. pp.
Was ich mich dabei nur frage - warum schaltet "H & M" denn noch
Anzeigen? Das Geld könnten sie sich doch glatt sparen.

* * *

Die Bundesrepublik Deutschland verkauft 298 Leopard 2-Kampfpanzer an die
Türkei. Die Parteivorsitzende der "Grünen", Gurke Roth, bezeichnet
das Geschäft als "politisch kurzsichtig", es sei "umstritten wegen der
zweifelhaften Menschenrechtssituation in der Türkei, insbesondere in den
kurdischen Gebieten".
Wenn die Dame wenigstens gesagt hätte, daß sie dagegen sei, dann hätte sie wenigstens
eine Meinung. Aber immer diese Politikersprache, die einen gruseln läßt, immer
dieses "zweifelhaft" und "umstritten", immer diese
Andeutungs- und Einschränkungspseudomoral.
Wirklich hübsch an der Geschichte ist aber: 1999 fragte die Türkei zuletzt nach
den deutschen Leopard 2-Panzern an, es wurde zwar ein Probeexemplar geliefert,
danach verzichtete die Türkei jedoch auf den Kauf, und hierzulande hatte sich
die rot-grüne Regierung auf verschärfte Waffenexportrichtlinien geeinigt (die
die bundesdeutschen Waffenhersteller nicht daran hinderten, seither in jedem
rot-grünen Regierungsjahr deutlich mehr Waffen zu verkaufen als zuvor).
Vor einem Jahr äußerte der "Grünen"-Außenminister Joschka Fischer
dann, die Chancen der Türkei auf eine Panzerlieferung hätten sich durch deren
"inneren Wandel" erhöht. Fischer sagte im Oktober 2004, die Türkei
werde jetzt Kandidat für einen EU-Beitritt. Wenn sich also "die
Realitäten" der Türkei grundsätzlich "zum Positiven"
veränderten, dann werde das "zu berücksichtigen sein".
Aber was kümmert die "Grünen"-Gurke Roth das Geschwätz ihres
Außenministers - hat sie doch wieder eine Gelegenheit gefunden, sich moralisch
aufzuplustern.

* * *

"Dieses Land braucht
eine neue Grundmelodie: fröhlich sein, Gutes tun und die Spatzen pfeifen
lassen. Und nicht mehr: o weh, o weh, o wie, o wie, herrjemine."

SPD-Politikerin Andrea Nahles.
Ich wüßte einen Weg, wie Frau Nahles dazu beitragen könnte, daß zumindest ich
ein klein wenig fröhlicher würde…

* * *

"Um Geschmack geht es in
der Politik nur in einem weiteren Sinne. Wer Geschmack hat, wird nicht Mitglied
der CDU." Diedrich Diederichsen

* * *

Im Berliner "Tagesspiegel" stellt ein Harald Schumann einige Fragen:
"Warum verdreifachte
sich der Preis für Rohöl binnen vier Jahren? Warum stagnieren in den
Wohlstandsländern die Löhne, obwohl Produktivität und Unternehmensgewinne
steigen? Warum wächst die Auslandsverschuldung der USA jeden Tag um 1,8
Milliarden Dollar?"
Ja, warum nur dies alles, Harald Schumann? Es gäbe eine so einfache wie
korrekte Antwort auf all diese Fragen.
Der Harald Schumann hat aber seine ganz eigene Antwort: Der Chinese hat Schuld!
"Tatsächlich lassen
sich alle (Fragen, BS) mit dem gleichen Satz beantworten: Die Ursachen liegen
in China."
Und zur Begründung raunt Herr Schumann mit allem auf der Theo Sommer-Uni
angelernten Journalistenlatein von Chinas "Energiehunger", von der
"rasanten Integration" des "Reichs der Mitte" in die
Weltökonomie. Das Angebot an "billiger Arbeitskraft" ist da natürlich
ein "Überangebot" und obendrein noch "unerschöpflich" und
wirkt, ganz ohne Masochismus tuns solche Herren bekanntlich nicht, als
"globale Lohnpeitsche".
Der Handelsüberschuß der USA ist "überbordend", die Chinesen gewinnen
daraus einen "Dollarschatz". Und dann kommt, man hat ihn förmlich
herbeigesehnt, der "Atem des chinesischen Drachens" ins Spiel, und so
holpert es in einem fort, und man hofft inständig, daß die Bildungsreformen,
die angesichts der hiesigen Pisa-Misere vonnöten wären, dazu führen, die
Nutzung standardisierter Adjektive für sagen wir mal zwanzig Jahre bei
Androhung eines "Tagesspiegel"-Abonnements zu verbieten.

* * *

Daß der "Preis für besondere Leistungen der deutschen
Veranstalterwirtschaft" als "LEA" daherkommt, betrachte ich aus
recht persönlichen Gründen als Unverschämtheit.
Aber hierzulande kann die sogenannte Musikindustrie keinen Schritt tun ohne
großes Getöse: Nicht nur "erstmals
in Deutschland", sondern gleich auch "einzigartig in Europa"
würden durch "LEA" nicht die darbietenden Künstler, sondern die am
Erfolg beteiligten Veranstalter ausgezeichnet.
Diese bleiernen Wichtigtuer sollten einfach mal ins finnische Tampere fahren,
wo jeden Herbst, soeben zum 10.Mal, die finnischen Preise der
Veranstalterwirtschaft verteilt wurden - für die besten Manager, die besten
Konzertagenten, die besten Veranstalter, die besten Clubs, die besten Festivals
und so weiter und so fort.
Wenn man schon zehn Jahre braucht, um von den Finnen abzukupfern (und ich
fordere ja schon länger "Von Finnland lernen, heißt siegen
lernen!"…), dann sollte man doch wenigstens auf das gröbste Eigenlob
verzichten. Kollegen, ihr bleibt auch so einmalig. In welcher Kategorie, will
ich jetzt mal dahingestellt sein lassen…

* * *

"Selbst bei gleicher
Intelligenz und Wissensstand hat ein 15jähriger Schüler aus reichem Elternhaus
eine viermal so große Chance, das Gymnasium zu besuchen und damit das Abitur zu
erlangen, wie ein Gleichaltriger aus einer ärmeren Familie. (...) Bereits der
erste Pisa-Test hatte belegt, daß in keinem anderen Industriestaat der Welt das
Schulsystem bei der Förderung von Arbeiter- und auch Migrantenkindern so sehr
versagt wie in Deutschland. In Bayern ist die Chancenungleichheit auf dem Weg
zum Abitur besonders stark ausgeprägt. Kinder aus der Oberschicht haben dort
eine 6,65mal größere Chance, das Gymnasium zu besuchen und die Reifeprüfung
abzulegen, als Schüler aus einem Facharbeiterhaushalt."
(aus Springers "Welt")

* * *

Daß die dämliche "Du bist Deutschland"-Kampagne der Werbeagentur Jung
von Matt direkt von den Nazis abgekupfert wurde, war in dieser Deutlichkeit
denn doch ein klein wenig überraschend. Der Unterschied in den Kampagnen
Hitlers und Jung von Matts besteht nur in den Gesichtern - das im Buch
"Ludwigshafen - ein Jahrhundert in Bildern" abgedruckte Beweisfoto
einer Nazi-Demsonstration aus 1935 verwendet im Gegensatz zu der Kampagne 70
Jahre später den damals aktuellen Kopf mit dem Schnurrbart über dem
gleichlautenden Slogan "Du bist Deutschland", anstelle der in dieser
Pappnasen-Republik üblichen Verdächtigen.

* * *

Aus der Einladung zu einer "Phono Lounge":
"Der Berliner DJ … aus
dem Hause Shitkatapult wird am Abend ein musikalisches Set von eurocrunk über
techno bis hin zum booty hiphop und dancehall-grime hinlegen, womit er die
Lounge schwer ins Schwitzen bringen wird. Seid dabei wenn der Plattenmaster
roughe und elegante Einflüsse aneinander reiben läßt und tut es ihm
gleich!"
Mir wird vom Lesen schon ganz heiß.

* * *

Gut, daß die neue Koalition aus CDU/CSU und SPD sich so intensiv mit der
Kulturpolitik auseinandersetzt. Im Koalitionsvertrag steht es schwarz auf weiß:

"Im Mittelpunkt der
Kulturpolitik steht die Förderung von Kunst und Künstlern."
Mensch, das mußte mal fixiert werden!

* * *

Es stand in der "FAZ":
Árpád Urbán, Abgeordneter der Sozialisten im ungarischen Parlament, hatte im
Mai 2004 Aufregung hervorgerufen, als er behauptete, "innerfamiliäre Gewalt"
komme "hauptsächlich in
Zigeunerfamilien" vor. Am letzten November-Wochenende 2005 nun
wurde eben dieser Árpád Urbán bei der Wildschweinjagd in Nordungarn vom eigenen
Bruder erschossen…

08.11.2005

Und Ansonsten 2005-11-08

Wenn
neue deutsche Popbands Songs schreiben:
Erzähle mir von dir, aber
wenn
dann etwas, was ich noch
nicht kenn'
denn ich will Veränderung
und ich weiß genau warum

Tschah, so hört sich das an, zum Beispiel bei "Paula".
Im Info zu ihrem neuen Album wird das dann zu "Songs mit dem unwiderstehlichen Blick auf die
Dinge" verklärt.
Liegt es an diesem Ort oder
an mir
daß alles, was ich hier seh'

die pure Langeweile ist?

Fragen "Paula" in "Ode an das Leben". Die Frage kann ganz
einfach beantwortet werden: Es liegt an "Paula", daß alles die pure
Langeweile ist im neuen deutschen Pop…

* * *

Die FIFA-Edition "Art Poster 2006 World Cup Germany" zeigt Poster,
die Künstler aus verschiedenen Ländern angefertigt haben. Die meisten sind
nicht besonders originell - offizielles Rahmenprogramm der Fußball-WM halt, in
der man beweisen will, wie modern und weltoffen Deutschland ist. Der Beitrag
des deutschen Norbert Bisky zeigt deutsche Kontinuität: Die Deutschen sind
blonde Bestien und Rasenarbeiter. Guido Westerwelle ist bekanntlich Fan von
Bisky (Sohn). Wen wunderts.

* * *

Auf einen interessanten Aspekt modernen Fußballs wies der englische
Nationalspieler Rio Ferdinand hin: Die Musikauswahl, die in der Kabine gespielt
wird. In England ist für diese Auswahl vor Länderspielen der Kapitän David
Beckham zuständig, und laut Rio Ferdinand ist Beckhams Auswahl so, "daß die Spieler förmlich
einschlafen und spielen wie Zombies". Laut Ferdinand handelt
es sich bei dem schlaffen Potpourri, das der "metrosexuelle" Beckham
zusammenstellt, um Robbie Williams, Balladen, sanft Poppiges, kurzum: "Kaufhausmusik".
Ferdinand schlägt für den Trip nach Deutschland zur Fußball-WM dagegen ein
agressiveres Programm vor, Hip-Hop zum Beispiel.
Kein Wunder, daß die deutsche Nationalmannschaft so erbärmlich spielt - bei der
zur Wahl stehenden deutschen Popmusik! Mit "Juli" oder
"Silbermond" oder "Wir sind Helden" ist eben nicht nur kein
Staat zu machen, sondern auch kaum die Vorrunde zu überstehen. Aber was wäre
die Alternative? Wir fordern eine umgehende Sitzung der Task Force - Klinsmann,
Hoeness, Schily, übernehmen Sie! Unser Vorschlag zum Erreichen mindestens des
Viertelfinales: Schneider TM, F.S.K. und Barbara Morgenstern. Sollte mit
solcherart motivierender und moderner Musik gar das Halbfinale erreicht werden
können, steht Maximilian Hecker für einen Fußballsong auf europäischem Niveau
bereit.
Ach ja, soweit wird es nicht kommen? Stimmt schon. "Dann macht es
bumm" - lange ists her, daß solche Songs von deutschen Stürmern gesungen
wurden…

* * *

Reisen bildet ja bekanntlich. In der "Neuen Zürcher Zeitung am
Sonntag" war zu lesen, daß die Chefs der Schweizer Bundesbahn SBB im Jahr
2005 "weniger Bonus" erhalten. Der Grund: Unpünktliche Züge sowie
unzureichende Information der Fahrgäste. In der Schweiz besteht, wie bei vielen
Konzernen dort üblich, ein Großteil der Managergehälter aus freien
Bonuszahlungen - in 2004 hat die sechsköpfige Geschäftsleitung der SBB etwa ein
Drittel ihrer Gehälter als Bonus erhalten.
Hierzulande ist so etwas kaum vorstellbar. Da müßte Bahnchef Mehdorn ja am Ende
noch Geld mitbringen, bei der Dauerverspätung der DB, und absolut
unzureichender Information der Fahrgäste… Oder man denke an Konzerne wie die
Post oder die Telekom…

* * *

"Verdi"-Chef und "Grünen"-Mitglied Franz Bsirske ringt mit
sich selbst. Die von ihm vertretene Gewerkschaft "Verdi" hat sich auf
den geregelten Atomausstieg festgelegt.
Gleichzeitig aber ist Bsirske auch stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender
des Essener Stromriesen RWE. RWE hält gemeinsam mit den anderen deutschen
Kraftwerksbetreibern aus wirtschaftlichen und umweltpolitischen Gründen eine
deutliche Verlängerung der Reaktorlaufzeiten für zwingend notwendig. Ein
entsprechendes Grundsatzpapier der vier Stromkonzerne wurde auch vom
vermeintlichen Atomgegner Bsirske unterzeichnet.
Als das Doppelspiel des Gewerkschaftsbosses herauskam, redete er sich, wie in
solchen Fällen üblich, heraus - es gehe doch nur um die Ausgestaltung des
Energiekonsenses. "Und
da, so Bsirske, könne es durchaus sinnvoll sein, die begrenzte Laufzeit älterer
Atommeiler durch die Übertragung von Stromerzeugungsmengen neuerer Atommeiler
noch ein wenig zu verlängern." (Berliner Zeitung)
Zuallererst würde davon Block Biblis A profitieren. Ein Atommeiler, den RWE
betreibt. Die Firma, deren stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der
Gewerkschaftsboß Bsirske ist…

* * *

Übrigens, schon mal darüber nachgedacht? Ostdeutsche Naturwissenschaftler als
Rache Honeckers an der BRD? Nur mal so am Rande…

* * *

In einer hiesigen Zeitschrift "für Folk, Lied und Weltmusik", die
sich auf das Dissen all derer bestens versteht, die nicht konform mit der
Weltanschauung der Redaktion gehen, wird Bob Dylan niedergemacht. "Was zählt Bob Dylan heute noch?
Geld" titelt die Zeitschrift und wirft dem Songpoeten erstens
vor, dass er nicht auf der Demonstration gegen Irak & Bush auftrat, und
zweitens, dass sein neues Album in den USA in der ersten Verkaufswoche 75.000
Exemplare eingespielt hat.
Nun kann es dem Mond bekanntlich egal sein, welcher Köter ihn da unten auf der
Erde anKlefft, aber dass der Redakteur die USA "auf dem Weg in einen religiösen Faschismus"
wähnt, nun, da kann man nur noch mit dem Kopf schütteln und festhalten, dass
der Autor nicht ganz bei Trost ist.

* * *

Daß die multinationale Plattenfirma EMI bei der Vermarktung ihres Künstlers
Robbie Williams einen, ähem, sonderbaren und dreisten Weg geht, mag ihr wohl
nur verübeln, wer noch ans Christkind und den Kapitalismus (was ja immer auch
ein bisschen dasselbe ist, letztendlich) glaubt. In einer Halle auf dem Flughafen
Tempelhof hatte die Weltpresse, sorgfältig gefiltert und nach intensiven
Sicherheitskontrollen, einen Vormittag lang Gelegenheit, die neue Platte von
Robbie Williams auf einem Handy abzuhören und anschließend dem Künstler und
seinem Mobilfunkpartner (no kidding!) auf einer sogenannten Pressekonferenz
vorher abgesegnete Fragen zu stellen.
Selbst die konservative Sonntags-"FAZ" kommentierte da nur noch: "Die Präsentation seiner neuen
Platte war eigentlich eine Werbeveranstaltung für zwei Unternehmen aus der
Kommunikationsbranche. Selten wurde so hemmungslos zelebriert, um was es in der
Musikbranche im Innersten geht, um Geld, Geld, Geld nämlich, also um
Klingeltöne, Downloads und Handys mit neuen Funktionen…"
Das ist gewiss die eine Seite der Medaille und den Lesern dieser Rundbriefe
keine Neuigkeit. Die andere Seite aber ist: wie kommt es, dass die Medien,
"die Weltpresse" also gewissermaßen, sich diese Bedingungen der
Musikpräsentation aufzwingen lässt, wie kommt es, dass Journalisten da mitmachen,
sich nicht zu blöd sind, da mitzuspielen?
Ist schon wahr, was Peter Hacks zu sagen pflegte, ein Land, das Medien hat,
braucht keine Zensur…

* * *

"Es ist eben ein
angenehmer Sound, der sich gut konsumieren läßt. Und darum geht es doch immer
mehr: Musik zu konsumieren, Musik als Möbel."
Matthias Arfmann über seine CD "Recomposed", auf der er Werke aus dem
Katalog der "Deutschen Grammophon" (u.a. Smetana, Dvorak)
"remixed" - eine CD erschreckender Schlichtheit und Banalität.

* * *

"Denn daß in diesem
Staat nur das Stumpfsinnige und die Mittellosigkeit und der Dilettantismus
geschützt sind und immer wieder gefördert werden und daß in diesem Staat nur in
das Stümperhafte und in das Überflüssige alle Mittel gestopft werden, ist
klar."
Thomas Bernhard

Einen schönen November wünscht

01.07.2005

Und Ansonsten 2005-07-01

Nun
steht also das "Live 8"-Spektakel ins Haus. Das Forum für
abgehalfterte Popstars, von BAP bis Geldof, von den Toten Hosen bis zu den
jungen Abgehalfterten, von Silbermond bis Juli und, leider, Wir sind Helden.
Ausgerechnet Peter Maffay muß den selbsternannten Gutmenschen, die im Grunde
jedoch eher Wichtigtuer und Selbstinszenierer zu sein scheinen, erklären, daß
die Ziele der globalen Veranstaltung "nicht ausreichend" sind. Wenn
Leute wie Bush, Blair und Schröder den Schuldenerlaß für Afrika bereits
beschlossen haben, ist das wirklich eine unglaublich radikale Forderung der
Live 8-Bands.
Und obendrein peinlich, wie "Live 8" vorgibt, sich für Afrika
einzusetzen, man aber nirgends auf die Idee gekommen ist, zum Beispiel
afrikanische Musiker einzuladen und spielen zu lassen. Klar, wenn die Afrikaner
spielen würden, wäre kein Platz mehr für die Wichtigtuer von Niedecken bis
Campino. Lediglich in Paris ist ein Auftritt von Youssou N'Dour vorgesehen.
Wenn "Live 8" ein Forum für afrikanische Kultur zur Verfügung
gestellt hätte, wenn Musiker wie Baaba Maal, Daara J, Femi Kuti, Rokia Traoré,
Tarika oder wie sie alle heißen auftreten würden, dann hätte man das
"Event" kulturell ernstnehmen können. Wenn "Live 8"
wenigstens ein paar handfeste politische Forderungen stellen würde - man denke
nur an all die Probleme, die die erste
Welt in Afrika verursacht, millionenfaches Aids, ohne daß die westlichen
Pharmakonzerne Medikamente zu vertretbaren Preisen zur Verfügung stellen;
skandalöse Terms of Trade, die die afrikanischen Produzenten benachteiligen;
Ölkonzerne, die Diktaturen unterstützen, um nur einige Beispiele zu nennen -,
dann könnte man das "Event" politisch ernstnehmen. So aber entpuppt
sich "Live 8" als peinliche und sinnlose Veranstaltung, als
Showcase-Forum für abgehalfterte Künstler und solche, die leider nicht allzu
viel Verständnis haben für die Welt und ihre Probleme. Wie Geldof dem "Observer" sagte: "My target audience is 30 million 12 year old girls
in the USA." Nun, die mag er mit seinem schlechten Pop vielleicht
erreichen… Die Bänder übrigens, die Bob Geldof für seine Kampagne "Make
Poverty History" verdaddelt - inzwischen sind bereits mehr als drei Millionen
Bändchen verkauft, es ist ja soo schick! - dieser Geldof-Schmuck also wird, wie
der "Guardian" herausfand, in China hergestellt, unter "ausbeuterischen
Bedingungen".

* * *

"Ich bin ein Weltbürger
- überall zu Hause und fremd überall."
Erasmus von Rotterdam an Ulrich Zwingli, 1529

* * *

Trotz eines Gewinnverlustes von zuletzt 13 Prozent, und auch angesichts der von
ihnen zu verantwortenden Massenentlassungen müssen die Topmanager der EMI nicht
darben: Konzernchef Nicoli's Gehalt belief sich im letzten Geschäftsjahr auf
ca. 1,65 Mio. Euro - zusätzlich erhielt Nicoli zwei Aktienpakete, die er ab
Juni 2007 abstoßen darf und die beim jetzigen Kurswert etwa eine Mio. Pfund
wert sind.
Alain Lévy, Chef der Division Recorded Music, erhielt 3,15 Mio. Euro. Martin
Bandier, Chairman und CEO der Verlagssparte, erhielt 4,65 Mio. Euro.

* * *

"Durch die
Privatisierung der chinesischen Wirtschaft befindet sich auch die chinesische
Musikwirtschaft seit einigen Jahren im Umbruch", weiß das Deutsche
Musikbüro German Sounds AG: "Zahlreiche
Unternehmensgründungen lassen unter anderem die Lizenzierung von Musik als
zusätzliches Geschäftsfeld zunehmend an Bedeutung gewinnen",
radebrecht der Rundbrief der German Sounds AG.
"Vom Mobiltelefon ist die
chinesische Nation geradezu besessen: Für 2005 wird erwartet, daß der Markt für
MP3-fähige Handys um satte 100% wächst, und der rasant wachsende
Klingelton-Markt wird auf rund eine Milliarde Euro geschätzt. Die japanische
Musikindustrie erzielt in China durch die Lizenzierung von Musik für
Mobiltelefone bereits fast den Umsatz, der durch den traditionellen
Musikvertrieb generiert wird. Neue Anwendungen zeigen, wohin der Weg in die
Zukunft führt, wie zum Beispiel, die Möglichkeit, per Mobiltelefon für die
China Music Billboard Charts abzustimmen."

* * *

Schon Klaus Augenthaler wußte:
"Wir leben alle auf
dieser Erde, aber eben auf verschiedenen Spielhälften."

* * *

Da darf auch die grüne Gurke nicht fehlen:
"Wir sind modern, was
die Modernisierung angeht." (Claudia Roth)

* * *

Wo sich doch jetzt alle Parteien vereinigen, scheint mir eine weitere
Vereinigung doch obsolet: Wenn sich PDS und diese komische Wahlalternative,
oder wie das heißt, um Nazi-Jargon-Lafontaine zu "Die Linkspartei"
verbünden, wie wäre es denn, wenn SPD und CDU/CSU auch… Sie könnten sich doch
einfach "Die Partei" nennen. Den Deutschen würde es gefallen, die
würden eh am liebsten in einer Monarchie leben und jeden Samstag
Königshochzeiten schauen. Klar, so eine vereinigte Zentralpartei würde für die
SPD einen ziemlichen Linksruck bedeuten…

* * *

Und die Jugendorganisation der SPD, die Jusos, haben sich auch schon mit der
führenden sozialdemokratischen Deutschrock-Band vereinigt: "Wir sind
gekommen, um zu bleiben. Alternativlosigkeit bekämpfen" war der geklaute
Titel des Juso-Bundeskongresses in Leipzig.

* * *

Die Aktienmärkte reagieren erstaunlich verhalten auf Münteferings Ankündigung
von Neuwahlen. Rüdiger von Rosen, Chef des Deutschen Aktieninstituts,
interpretierte dies gestern so: "An
der Börse glaubt man nicht so recht, daß das Klima noch sehr viel
unternehmerfreundlicher werden kann." ("Taz")

* * *

"Schröder tickt ganz
einfach, er will von den feinen, den reichen, den mächtigen Leuten anerkannt
werden. Er ist ein aufstiegssüchtiger Plebejer voll schrecklicher
Minderwertigkeitskomplexe." Peter von Oertzen, 81, 20 Jahre im
SPD-Vorstand, ehemaliger Kulturminister in Niedersachsen, der nach 59jähriger
SPD-Mitgliedschaft sein Parteibuch zurückgegeben hat

* * *

Daß unsere Politiker nicht wissen, was sie tun, ist eine Weisheit der Marke
Binsen. Wie erklärte doch Frau Antje Vollmer angesichts ihrer Zustimmung zur
Bundeswehrbeteiligung an out of area-Einsätzen vor Jahr und Tag? "Mein Ja
ist ein Nein." Unvergessen. Ein neues Kapitel schlagen die
Sozialdemokraten im Moment auf - ihre Enthaltung bei der Vertrauensfrage, so
erklären es Müntefering & Co., ist, natürlich, ein "ja", ein
Vertrauensbeweis zu Schröder.

* * *

Während Unternehmensprofite überall auf der Welt in die Höhe schießen, geht es
momentan 89 Ländern wirtschaftlich schlechter als Anfang der neunziger Jahre.
(…) Die 356 wohlhabendsten Familien der Welt erfreuen sich zusammen eines
Reichtums, der mittlerweile das Jahreseinkommen von 40 Prozent der gesamten
Menschheit übertrifft. Die drei allerreichsten Familien, Bill Gates, Warren
Buffet und die Waltons von der Wal-Mart-Supermarktkette, verfügen zusammen über
mehr Vermögen, als es dem Jahreseinkommen der 940 Millionen ärmsten Menschen
der Erde entspricht. ("Die Zeit")

* * *

"Und neulich sagte
jemand zu mir, daß ich in den Herzen und im Geist meiner Landsleute weiterleben
werde. Ich will aber in meinem Appartement weiterleben! Es bedeutet überhaupt
nichts, ein Vermächtnis zu haben. Die amerikanischen Präsidenten sind immer um
ihr Vermächtnis besorgt. Was für ein Witz! Nur solange wir hier sind, haben die
Dinge Bedeutung. Weg ist weg. Ich pfeife auf mein Vermächtnis. Ich hätte da
auch noch ein Zitat anzubringen: "Kunst ist der Katholizismus der Intellektuellen."
Der Katholik glaubt an das Jenseits, und der Künstler und Intellektuelle glaubt
an das Jenseits des Werks. Leider täuschen sich beide."
Woody Allen

In diesem Sinne einen schönen Sommer!

03.06.2005

Und Ansonsten 2005-06-03

Keiner
hat uns lieb. Alle möglichen "Beitrittsstaaten" landeten auf vorderen
Plätzen beim Grand Prix in der Ukraine, die Griechen nahmen "uns",
nach der Fußball-Europameisterschaft, nun auch den Schlager-Grand Prix ab - und
für die Gracia reichte es nur zum letzten Platz, mit jämmerlichen vier Punkten.

Nichts, was irgendwen interessieren würde. Aber taz-Redaktuer Jan Feddersen
stand plötzlich in Kiew und erklärte dem ARD-Publikum lang und breit, worans gelegen
hat. Schon schlimm genug, daß der Feddersen seit Jahr und Tag die taz mit
seinem Grand Prix-Gedöns vollschreibt - jede Zeitung bringt eben die Kultur,
die sie verdient. Und schlimm genug, daß Kolumnisten wie Wiglaf Droste, die
sich über Feddersen lustig machten, von der taz-Chefredakteurin (die mit dem
Porsche aus dem letzten Rundbrief…) mit Schreibverbot bedacht wurde. Daß der
Feddersen sich nun aber auch bei der ARD aufplustern darf mit seinem Dünnpfiff
- ach, beinah hätte ich das kommentiert, aber eigentlich muß man zugeben: Kein
Wunder. Paßt doch prächtig.

* * *

Die regierungsnahe "taz" sucht "Helden des Alltags". In der
Ausschreibung für ihren "Preis für HeldInnen des Alltags - taz-Panter
2005" radebrecht die taz in Anzeigen: "Die
taz sucht Menschen, die sich trotz Hartz IV und Bush II nicht an den Stammtisch
zurückziehen, sondern versuchen, die Welt ein bißchen zu retten. Falls Sie ein
Held des Alltags sind, oder so jemanden kennen, melden sie sich bitte bei
uns."
"Die Welt ein bißchen retten" - genau dort ist die regierungsnahe
Zeitung heute angelangt. Die Panzer, die sie wahlweise in den Kosovo oder nach
Somalia schicken, um dort das Vaterland zu verteidigen, sollen möglichst einen
olivgrünen Anstrich aus Biofarbe erhalten. Dann ist sie ein bißchen gerettet,
diese Welt.
Mein Vorschlag für den Panther, so wie die taz ihn versteht, nämlich höchstens
rosarot: Nicole. "Ein bißchen Frieden" sang sie in der Schnulze von
Ralph Siegel.
Und kulturell dürften die tazler damit auch nicht so viel Schwierigkeiten
haben. Sie können ja ihren Feddersen die Laudatio halten lassen.

* * *

Die SPD lud ein zu einer Diskussion "Pop meets Politics".
Im Pressetext heißt es so schön: "Im
Anschluß an das Event spielt die Band Schrottfisch."
Eine Band mit passenderem Namen hätte sich die SPD kaum aussuchen können.

* * *

"Deutsche Musiker sind
zu schlecht. Man riskiert hier nichts."
Aktueller Kommentar von Alec Empire zum Stand der deutschen Musikszene

* * *

Ich finde es ja schon seit langem eine Pest, daß einem alle möglichen und
unmöglichen Händler etwas andrehen wollen, was mit ihrem originären Geschäft
wenig zu tun hat. Tankstellen bieten Sandwiches an, Kaffeeröster Fahrräder oder
auch mal Tickets für Konzertveranstaltungen, die dann völlig floppen, und seit
geraumer Zeit meinen Zeitungsverlage, einem italienischen Vorbild folgend, CDs
und DVDs und Bücher anbieten zu müssen. Letztendlich ist das ein
post-postmodernes Zeichen des "anything goes" und hat viel mit dem
Niedergang unserer Wirtschaft zu tun - wenn Bäcker sich nicht mehr darauf
konzentrieren, gutes Brot zu backen, wenn Zeitungen sich immer weniger um die
Qualität ihrer Printprodukte kümmern, dann hat das einfach Qualitätseinbußen
zur Folge.

Die Süddeutsche Zeitung, einer der Vorreiter dieser Nebengeschäfte hierzulande,
bringt nun eine "CD-Diskothek" auf den Markt. Konrad von Löhneysen
stellt die CDs nach dem Motto "die besten Songs aus jedem Jahr"
zusammen. Sein Auswahlkriterium: "Hearability".
Nur an der "Thinkability" haperts bei all diesen Geschäften leider
ziemlich…

* * *

"Wie Heuschrecken
kommen sie über unser Land."
Veit Harlan in seinem antisemitischen Film "Jud Süß" über die
(historische) Ankunft der Juden in Stuttgart

"Da gibt es welche, das
sind Nutztiere, und es gibt auch welche, die sind Heuschrecken."

Ludwig Stiegler, stellvertretender Vorsitzender der SPD-Fraktion im Reichs-,
ähem: Bundestag, über Investment-Firmen

Und die Zeitschrift "Metall", Mitgliederzeitschrift der IG-Metall,
zeigt auf ihrem Titelbild der Mai-Ausgabe 2005 unter der Überschrift
"US-Firmen in Deutschland - Die Aussauger" eine Illustration, die in
ihrer Widerwärtigkeit dem Text nicht nachsteht: Der US-Kapitalist als Mücke,
mit Zigarre und überquellendem Geldkoffer, und auch den Goldzahn hat man, ganz
im "Stürmer"-Stil, nicht vergessen.

"Wurden die Urheber
solcher Statements in den vergangenen Wochen mit dem berechtigten Vorwurf des
Antisemitismus konfrontiert, reagierten sie empört. In der Diskussion um die
Lauterkeit der individuellen Absicht kam der eigentliche Skandal mit keiner
Silbe zur Sprache: dass deutscher Antikapitalismus, sobald er radikal wird,
seit mehr als hundert Jahren regelmäßig und kollektiv im gleichen Ressentiment
gipfelt und insofern über die immer noch populären volkswirtschaftlichen
Weisheiten der Nazi-Ideologen nicht hinauskommt."
Ralf Schröder, "Konkret"

Einmal national-sozialistisch, immer national-sozialistisch.

* * *

Herbert Grönemeyer, der ja bekanntlich "nicht tanzen" kann, erklärt
auf einer internationalen Konferenz in Paris, auf der über kulturelle Identität
und die Zukunft des gewachsenen Kontinents debattiert wird: "Rock- und Popmusik ist Welt und
Europa umfassend. Zu Livekonzerten kommen keine Menschen, die auf Stühlen
sitzen wollen, sie wollen sich berühren. (klar, tanzen können sie
bei Grölemeyer ja nicht… BS) Rockmusik
ist in Deutschland keine Kultur. Das Geld fließt in die zahlreichen Opern und
in alte und vermuffte Kultur. Wir müssen die Subventionen der Opernhäuser
kürzen und die Hälfte davon jungen Musikern und junger Rockmusik zufließen
lassen."
Na, wenn wir was müssen, dann müssen wir wohl dem "Gröbaz… dem größten
Bochumer aller Zeiten" (Jan Reichow) das Maul stopfen.
Ich will ja gar nicht verhehlen, dass ich mir hierzulande auch eine Förderung
von Zeitkultur wünsche. Keine Frage. Aber wer den einen Teil der Kultur mit der
anderen verrechnet, der wird all den "Kultur"politikern jeglicher
Coleur in die Hände spielen, die sowieso nur das eine wollen: immer weniger für
Kultur ausgeben!
Jenseits dessen, dass die Frage ist, ob Rock- und Popmusik wirklich staatlich
gefördert werden sollten. Deutsche Bands des Mittelmaßes, die längst
erfolgreich sind mit ihrem Beamtenpop, gibt's doch wirklich schon mehr als
genug. Und Musiker, die "mehr riskieren", wenn man den Gedanken von
Alec Empire oben aufgreifen will, die wird man kaum am Subventionstropf
heranziehen…

* * *

"Die von Grönemeyer
beschworenen Gelder müssen dafür ausgegeben werden, dass jeder Mensch eine
Ahnung hat, was es mit Opern und guter Musik auf sich hat. Statt
daherzuschwafeln, dass die Menschen sich im Konzert berühren sollen, muß man
ihnen eine Chance geben, wahrzunehmen, was da überhaupt läuft. Vielleicht
sogar, aufmerksam und hellwach - auf den Stühlen sitzenzubleiben. Und vor allem
muß es Konzerte aller Art geben! Manche laufen von selbst, andere brauchen
Unterstützung; und die letzteren können wichtiger sein als die ersteren. Musik
ist Grundnahrungsmittel." Jan Reichow, WDR

* * *

Hurra! Eine deutsche Produktion an der Spitze der englischen Single-Charts!
Nach Kraftwerks "Model", Trios "Da Da Da" und Nenas
"99 Luftballons" nun, tusch!: "Crazy Frog" der Gruppe Bass
Bumper. "Der einem
Motorengeräusch eines Autos nachempfundene verrückte Frosch war bereits im
vergangenen Jahr von der Firma Jamba! als Klingelton angeboten worden. Nachdem
er wochenlang exklusiv auf englischen Handys gepiepst hatte, verkaufte sich nun
die CD-Version viermal so oft wie die neue Single der britischen Erfolgsband
Coldplay"(Hollow Skai).
Wenn mir in den nächsten Jahren noch mal jemand mit dem Wunsch nach
Exportförderung für deutsche Popmusik kommt, dann verweise ich denjenigen mit
seinen Klingeltönen nicht nur der Tür! Ich bin nun mal kein Pazifist.

* * *

Zumal das Goethe-Institut doch längst "deutsche Kultur" ins Ausland
bringt. Auch deutsche Pop-Kultur. Bei einem Konzert in Warschau anlässlich des
deutsch-polnischen Jahres mussten die Polen die deutschtümelnde Band Mia
ertragen ("…und betreten neues deutsches Land…", na, das ist doch die
Popversion von "Theo wir fahrn nach Lodz" für die Landser des
21.Jahrhunderts…). Deren Sängerin "Mieze" erzählte der Berliner
Zeitung, in der Hauptstadt des neuen Europa erlebe sie eine "happymäßige Stimmung, in der die
Sonne total krass scheint, so dass alle Leute matt und freundlich sind".

Matt bin ich auch oft, wenn ich so etwas lesen muß. "Happymäßig" dann
allerdings eher seltener.

05.05.2005

Und Ansonsten 2005-05-05

Hübsch
ist es, die aktuellen Erfolgsgeschichten der sogenannten
"Musikindustrie" zu verfolgen (wir erinnern uns: das ist der von den
Medien, auch den Branchenmagazinen, gern so bezeichnete kleinere Teil der
Musikwirtschaft, nämlich die Plattenkonzerne). Waren bis vor wenigen Monaten
noch die Downloads Ursache für den Niedergang der "Musikindustrie",
so ist davon jetzt nicht mehr die Rede. Was kümmert mich mein Geschwätz von
gestern…
Aber da die Plattenkonzerne jetzt wieder fette Gewinne schreiben, liegt dies
natürlich nicht mehr, wie bei den Verlusten, an der bösen Umwelt, an der
Politik, die endlich Quoten liefern muß, an den Downloads, nein: erfolgreiche
Manager haben jetzt plötzlich in die Hände gespuckt und durch pure Leistung den
Karren aus dem Dreck gezogen.
Böswillig ist, wer meinen würde, die Musikmanager hätten eventuell auch Schuld
an dem Desaster der Plattenindustrie während der letzten Jahre, schließlich
kann nicht sein, was nicht sein darf…

* * *

Am 10.April gaben die Berliner Symphoniker ihr letztes Konzert. Gescheitert ist
dieses traditionsreiche Berliner Orchester daran, daß die Berliner
Landesregierung unter dem Druck des Regierenden Spaßbürgermeisters Wowereit und
mit tätiger Mithilfe des Kultursenators ein Ende der Förderung beschlossen
hatte - gegen ein älteres Votum des Parlaments, und gegen den Protest vieler
Bürger.
"Was das Ende der
Symphoniker für das Gemeinwesen bedeutet, das wurde in dieser Zeitung im
letzten Jahr ausführlich erklärt: Anspruchsvolle Musik ist hier für ein
Publikum zugänglich gemacht worden, das die Schwelle zu den glanzvolleren
Konzerten bürgerlicher Selbstrepräsentation nicht einfach überschreitet. Diesem
Publikum hat die Entscheidung der Landesregierung die klassische Musik
weitgehend genommen. Und auch im Bereich der musikalischen Jugendarbeit ist
eine Lücke gerissen. Wie kein anderes Orchester haben die Symphoniker in den
Schulen und in eigenen Familienkonzerten Kinder und Familien für die Musik gewonnen.
Die Basisarbeit der Symphoniker bleibt jetzt unerledigt liegen, und das in
einer Stadt, in der dem Musikunterricht an den Schulen ohnehin nur ein
mangelhaft gegeben werden kann." (Berliner Zeitung)
Man könnte das vielleicht noch deutlicher sagen: Dem Berliner Senat, den
Genossen Wowereit oder Flierl (der sich nicht entblödete, ausgerechnet an dem
Tag, an dem das letzte Konzert der von ihm mitbeerdigten Symphoniker stattfand,
ein "Sozialticket" für klassische Musik zu fordern, was angesichts
der Faktenlage wirklich nur noch als Unverschämtheit bezeichnet werden kann…)
ist es völlig wurscht, ob das genannte Publikum und die Jugend an klassische
Musik herangeführt wird. Solange Wowereit zu den Philharmonikern kann oder
Desiree Nick knutschen darf, ist er glücklich und zufrieden, solange Flierl
Freikarten bei der Berlinale schnorren kann, fehlt dem nichts. Widerlich.
Irgendwann kann die Berliner Landesregierung ja dann alle Leute mit einem Handy
in die Konzertsäle einladen. Da können dann die Klingeltöne miteinander Musik
machen. Und Typen wie Flierl dürfen das dann dirigieren.

* * *

Die "Zeit" bietet in ihrem Sonderheft zur "Stunde Null", zu
1945, eine "Zeit-Musikedition: Musik der Stunde Null" an. Aus dem
Werbetext des "Zeit"-Shop: "Diese
exklusive CD-Edition führt zurück in die Zeit, als Deutschland endlich wieder
hören durfte, was es hören wollte. Von "Lilly Marleen" bis hin zu den
"Capri-Fischern" sind alle Hits von 1938 bis 1946
zusammengefaßt."
In der Tat, daran erinnern wir uns, dem "Untergang" sei Dank, ja ganz
genau: 1938 bis 1945, das war wirklich ganz genau die Zeit, zu der
"Deutschland (!) endlich wieder hören durfte, was es hören wollte"…
Entartete Musik hat der Hitler jedenfalls in der Zeit nicht zugelassen.

* * *

Wo die ARD den ganzen Samstag über die Hochzeit irgendeines Thronfolgers mit
irgendeiner Tusnelda live überträgt, und das ZDF direkt im Anschluß daran eine
umfassende Zusammenfassung dieses wichtigen Events bringt, an solch einem Tag
weiß man doch wieder, wofür man gerne seine erhöhten Rundfunkgebühren zahlt.
Die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten nehmen endlich wieder ihren
Kulturauftrag wahr. ARD, danke! ZDF, danke! Ohne euch bliebe nur der
Kulturbeutel übrig.

* * *

Hübsch, wie "Grünen"-Parteichef Bütikofer der deutschen Autoindustrie
"jahrelange Boykottstrategie" gegen Rußfilter für Dieselautos
vorwirft, und das als einen "Skandal" bezeichnet. Den Konzernen sei
bekannt gewesen, "daß in Deutschland jährlich 65 000 Menschen wegen der
Feinstaubbelastung sterben". Umweltminister Jürgen Trittin appellierte an
die Länder, endlich ihren Widerstand gegen Kfz-Steuer-Rabatte für Dieselautos
mit Filtern aufzugeben.
Nach neuesten Erkenntnissen ist seit 1998 keine rot-grüne Bundesregierung im
Amt, nach noch neueren Erkenntnissen ist seit 1998 kein "grüner"
Bundesumweltminister namens Jürgen Trittin im Amt, mithin konnte nach
allerneuesten Erkenntnissen die Bundesregierung natürlich kein Gesetz erwirken,
das Rußfilter für Dieselautos verpflichtend zum Standard gemacht hätte. Den armen
Politikern waren die Hände gebunden. Wir recherchieren noch, wer seit 1998 als
Bundesregierung wirkt, und sind für sachdienliche Hinweise dankbar.

* * *

Manchmal wissen auch die Leute von der CSU Bescheid. "Man muß die Einzelschicksale
sehen", sagt der Würzburger Landrat Waldemar Zorn, CSU, und
macht selbigem weiter Luft: "Da
sind über 1000 Menschen betroffen, für die geht doch alles den Bach runter. Und
das nur, um irgendwelchen anonymen Großaktionären ein paar Prozent mehr zu
verschaffen, das sind perverse Verhältnisse."
Findet der CSU-Mann, wenn der Großkonzern Siemens in Würzburg 600 Arbeiter
entlassen will. Das Prinzip, das zu dem einen wie dem anderen führt, würde
natürlich kein CSU-Mann jemals in Frage stellen, und auch Herr Müntefering führt
seine Heuschrecken-Kampagne ja nur im luftleeren Raum, wo das Zirpen der
Zikaden nichts kostet…

* * *

Öffentliche Ausgaben pro Kind im Elementarbereich (drei bis sechs Jahre) im
Jahr 2001 in Euro: Großbritannien 8.115 - Italien 6.468 - Niederlande 5.083 -
Österreich 5.058 - Frankreich 4.629 - usw. usf. Schlußlichter: Deutschland
3.448 und Spanien 3.360.
(Quelle OECD, zitiert nach "Spiegel").

* * *

"…aber wenn du gute
Musik machst, ist es egal, ob du aus Hamburg, Köln oder Bautzen kommst",
sagt Silbermond-Sängerin Stefanie Kloß. Aber wenn die Musik schlecht ist, was
dann?

* * *

"Lou Reed, daran läßt
er keinen Zweifel, ist nicht von New York nach Berlin gekommen, um
ganzkörperschlenkernde Faxenköpfe zu ermutigen. Mir ist das sehr recht. In der Kunst
gelten strengere Gesetze als im Leben. Eins davon heißt: Eurythmie, fick dich
ins Knie!"
Wiglaf Droste in einer Konzertrezension

* * *

Deprimierend ist nicht nur der Tod von Hasil Adkins (und ich bin noch heute den
wunderbaren Southern Culture On The Skids dankbar, daß sie mich auf diesen
großen Rock'n'Roller aufmerksam gemacht haben! und Bands wie Yo La Tengo
machten ihm die Vorband…), sondern auch die Tatsache, daß all diejenigen, die
die jeweils aktuellen Rock-Säue goutieren, die die Musikindustrie allmonatlich
durchs mediale Dorf treibt, daß all diejenigen den Namen Hasil Adkins wohl nie
gehört haben dürften. Dabei hat jede Schallplatte von Hasil Adkins, des "Genius des
Pop-Primitivismus" (Karl Bruckmayer), mehr Seele, mehr Energie
als die ganze Jahresproduktion Deutschrocks aller Majors zusammen. Was
zugegebenermaßen jetzt auch wieder kein Kunststück ist, aber ihr wißt schon,
was ich meine. "Will You Miss Me" hat
Adkins auf einem Country-Album gecovert ("To
me, the way I see it, I wouldn't be in music at all if there was no country
music."). Yes, we will miss you, Mister Hasil Adkins, and your
"Happy Guitar"!

* * *

Frankreich, du hast es besser! Wie oft war das an dieser Stelle bereits zu
lesen. Jüngster Beleg: Ein Pariser Gericht hat in Berufungsinstanz entschieden,
daß Kopierschutzsysteme auf DVD generell (!) rechtswidrig sind, da sie den
Verbraucher hindern, sein Recht auf Privatkopie auszuüben. Das Gericht hat die
Produktionsfirma unter Androhung einer Geldstrafe von 100 Euro pro Tag angewiesen,
den Kopierschutz von sämtlichen im Handel befindlichen Exemplaren der DVD zu
entfernen.
Toll!
Allerdings befindet sich eine europäische Richtlinie zum Urheberrecht angeblich
im Entwurfsstadium, und wenn man die industriehörige Haltung zum Beispiel der
Bundesregierung und die rot-grüne Position zur Privatkopie kennt, kann man sich
ausmalen, wie diese Richtlinie am Ende aussehen wird…

* * *

Dafür hat die regierungsnahe "taz" zu ihrem 26.Geburtstag für eine
Woche einen Porsche erhalten. Die Zeitungsleute, merkt die "FAZ"
süffisant an, hätten in halb ironischer, halb hedonistischer Absicht an
Porsche-Chef Wendelin Wiedeking geschrieben, auch sie würden gerne mal mit
einem 911 zur Arbeit fahren. Porsche schickte für eine Woche den Wagen, und
prompt war taz-Chefin Bascha Mika, sich auch sonst für keine Peinlichkeit zu
schade, in dem silbernen Fahrzeug in Berlin unterwegs.

* * *

Ich bin schwach, ich gebe es zu. Wie oft hatte ich schon angekündigt,
Grünen-Chefin Roth sei in diesen Spalten nicht mehr satisfaktionsfähig. Aber
wollt ihr wirklich auf die Meldung verzichten, daß Claudia Roth nun, nach der
Papstwahl, der Öffentlichkeit ihren zweiten Vornamen preisgegeben hat? Eben.
Benedikta heißt sie, die grüne Gurke, und das paßt doch alles so prächtig, daß
man es nicht besser hätte erfinden können, oder?

* * *

Was daran skandalös sein soll, daß der Musikmanager David Brandes mit dem Kauf
von CDs seiner eigenen Künstler deren Position in den Charts zu verbessern
suchte, versteh ich nicht so richtig. "Wenn
keiner den Scheiß kaufen will, den die Musikindustrie produziert, muß sie es
eben selbst tun" (Hollow Skai). What's da problem?

* * *

Der "Spiegel"-Titel vom 2.5.2005, nach Wochen des langen und bangen
Wartens endlich wieder Hitler auf dem Cover: "Albert
Speer und sein Führer". Könnte Goebbels das noch erleben, er
wäre zufrieden mit seinen Propagandaerfolgen. Hat mal jemand die Hitler-Cover
des Spiegel gezählt?
Eine Frage allerdings habe ich - müßte das nicht eigentlich korrekt
"Albert Speer und unser
Führer" heißen?

Komm lieber Mai und mache…

05.04.2005

Und Ansonsten 2005-04-05

Die
F.A.Z. schreibt es der Bundesregierung ins Stammbuch: "Denn eine kontinuierlich
wachsende, erzwungene Beschäftigungslosigkeit von Millionen Menschen wird früher
oder später als Versagen des politischen und ökonomischen Systems
begriffen."
Ach ja, tatsächlich? Sag ich's doch…

* * *

Es gibt ja heutzutage Sängerinnen, die haben ihre eigene Kosmetika-Reihe.
Karstadt wirbt vor Ostern mit dem Duft von Celine Dion, nein, mit "dem unverwechselbaren Duft der
Diva". Es gibt ein "Celine Dion Belong" Shower Gel,
und ein EdT-Spray.
Wer sowas kauft, bekommt gratis einen "Kuschelhasen" (verkleinert
abgebildet).
Na denn…
Was da noch für Merchandising-Potentiale brach liegen. Der unverwechselbare
Sandgeschmack der Wüste von Calexico. Oder das Showergel "Keith
Richards".

* * *

"Zu den Erkenntnissen
von Eichinger & Co. wird allerdings gehören, daß es Ausdruck der
psychischen Disposition von Bevölkerungen sei, ihr Geld für Schrott auszugeben.
Eine Sucht. Schrott, den die Kinogänger als beste Unterhaltung und historische
Belehrung konsumieren wie von TV und Presse vorgeschrieben. Nicht Geiz ist
geil, sondern die Verschleuderung: "Geld für Scheiße" - diese Formel
zieht. Die Käufer wissen genau, was "Bild" oder Eichinger/Fest
anbieten, kann nur Scheiße sein. Es ist der alte deutsche Weg, die eigene
Freiheit unter Beweis zu stellen, nämlich durch Antiintellektualismus. (…)
Der Erfolg des
"Untergang" ist zu verstehen als Selbstfeier eines Publikums, das
seine eigene Entmündigung unterschreibt. Genau das ist die Absicht dieses
Films."
Klaus Theweleit

* * *

"Bild"-Kolumnist Franz Josef Wagner:
"Es wird niemals mehr
einen Hitler geben. Bitte lachen Sie mich nicht aus - es wird keinen Hitler
geben, weil es "Bild" gibt und den "Spiegel"."

Genau…

* * *

Frage: "Sie halten also das Gros der deutschen Bevölkerung für
blöde?"
Harry Rowohlt: "Nein, nicht nur der deutschen Bevölkerung! Der
Weltbevölkerung!"

* * *

Sagen wir doch mal, wies ist: Der gerade so gehypte Adam Green ist ein klein
wenig, ähem, überschätzt. Wenn nun aber ausgerechnet der Suhrkamp Verlag ein
Fanzine des Adam Green in seiner "edition suhrkamp" veröffentlicht,
dann ist es kein Wunder, daß jemand wie Harry Rowohlt findet, daß heutzutage
das Wort "Suhrkampautor" praktisch ein Schimpfwort darstellt. Die
Fitzelchen, die Adam Green da unter dem Titel "magazine"
veröffentlicht, sind ein depperter Schmarrn. Tut mir leid, aber das ist noch
freundlich formuliert.
Jede Zeile aus Jörg Fausers Gedichtband "Trotzki, Goethe und das
Glück" zum Beispiel wiegt dieses poetische Leichtgewicht mehr als auf.

* * *

Der PDS-Vorsitzende Lothar Bisky hat eine Autobiographie geschrieben. Darin
beschreibt er nicht nur die Karriere eines angepaßten DDR-Strebers, der als
Jugendleiter mit Schnitzeljagden und Geländespielen beschäftigt war, als die
Mauer gebaut wurde, nein, er erhielt auch Bestenförderung, Karl-Marx-Stipendium
und wurde Mitarbeiter des Instituts für Jugendforschung. In dieser Funktion
sorgte er dafür, daß die Rockgruppe "Puhdys" den Preis für
Unterhaltungskunst in der DDR glücklicherweise doch noch bekam. Ein echter Held
der Arbeit, dieser Mann! Man stelle sich vor, die Puhdys hätten sich aus Frust
aufgelöst - welche Kapelle hätte denn dann in den 80er Jahren die dörflichen
Schützenfeste in der hessischen Rhön bespielen sollen?

* * *

Auch heute noch geht es der deutschen Unterhaltungskunst furchtbar, sie wird
geknechtet noch und nöcher, und auch die konzertierten Unterstützungsaktionen
von SPD, GRÜNEN und NPD fruchten nicht viel - jüngstes Beispiel der mißlichen
Situation: In den deutschen Album-Verkaufscharts vom 21.3.2005 ist das Album
"Schnappi und seine Freunde" von einem Amerikaner namens "50
Cent" von der Spitzenposition verdrängt worden. Mit Schnappi (Platz 2),
Westernhagen (3), Peter Maffay (4), Kettcar (5), Söhne Mannheims (6), Juli (8)
und Hansi Hinterseer (9) sind nur noch sieben der neun Spitzenpositionen der
deutschen Album-Charts mit deutscher Musik besetzt.
Herr Thierse, Frau Vollmer, Herr Apfel - schreiten Sie ein! Aber dalli!
Zwangsquoten einführen! Zwangsabgaben! CD-Verbrennungen! Der Mittel sind viele,
seien Sie kreativ! So kann es nicht weitergehen!

* * *

Die Bundesregierung will das Monopol auf das Recht auf eine "vorbeugende
Telefonüberwachung" ihrer Bürger behalten.
Da bleibt einem als Bürger eigentlich nur die "vorbeugende Abwahl"
der Regierung.

* * *

Der Schleswig-Holsteinische SPD-Promi Peter von Oertzen (ehemals Mitglied des
SPD-Bundesvorstands) ist nach 60 Jahren Mitgliedschaft aus der SPD ausgetreten.
"um öffentliche
Treueerklärungen für die Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände abzugeben,
bin ich 1946 nicht in die SPD eingetreten", begründete von
Oertzen seinen Schritt. Im Augenblick gebe es keine Partei, "die mehr die Auffassungen des
großen Kapitals vertritt, als die SPD".

* * *

"Um Pierre Boulez'
lebenslange Rebellion gegen die französische Musikkultur zu verstehen, muß man
wissen, daß diese Kultur - vorsichtig ausgedrückt - stets ihren eigenen
Gesetzen gehorcht hat. Das gilt auch und gerade für die Pflege des Repertoires.
(…) Boulez hat das französische Musikleben von Anfang an heftig kritisiert -
und zwar keineswegs einseitig. Es gab viele musikalische Entwicklungen, die in
Frankreich fehlten. Und es existiert bis heute eine chauvinistische Sicht auf
die französische Musik, ungeachtet ihrer Qualität. Pierre Boulez aber hat sich
immer als Internationalist verstanden, als ästhetischer Kosmopolit, dem es in
erster Linie um die Weiterentwicklung der Kunst und die Weitererforschung der
Musik gegangen ist." Daniel Barenboim über Pierre Boulez

* * *

Hierzulande ist in einem Teil der Szene übrigens ein Frankreich-Pop-Hype entstanden,
der völlig unkritisch gegenüber der in Frankreich entstehenden Popmusik ist.
Kritiker und Publikum geben Verstand und Geschmack manchmal an der Garderobe ab
- solang der Pop nur französisch ist, ist er "tres chic". Jüngstes
Beispiel ist Coralie Clement, die nach einem piepsigen, langweilen Album ein
zweites, pseudo-rockiges, langweiliges Album abgeliefert hat, das hierzulande
aber von jedem selbsternannten Frankreichexperten bejubelt und vom Publikum
eifrig gekauft wird. Bedient es doch aufs Hübscheste jedes leibgewonnene
Frankreich-Klischee. Wenn die gleiche Musik von einem deutschen
Schlagersternchen abgeliefert worden wäre, würde man mit Recht nur die Nase
rümpfen, ach was, dann würden die Musikmagazine da nicht einmal Kenntnis von
nehmen. Komische Welt.
(Wer ein gutes aktuelles französisches Pop-Album hören will, der greife zu
Camille, "Le Fil" - gaanz toll! Und wirklich tres charmant…)

* * *

Greenpeace hat mitgeteilt, daß die in den sieben größten deutschen
Supermarktsketten derzeit angebotenen Früherdbeeren fast alle mit Pestiziden
belastet sind. 93 Prozent der Proben waren belastet - der höchste Anteil seit
Beginn der Greenpeace-Erdbeerentests. Bei 70 Prozent der untersuchten Proben
seien zudem Mehrfachbelastungen mit bis zu fünf Pestiziden entdeckt worden, was
gesundheitlich besonders bedenklich sei.
Alle Erdbeeren stammten den Angaben zufolge aus Spanien und Marokko.
Die deutsche Verbraucherschutzministerin Renate Künast (Grüne) hat übrigens
laut Greenpeace zu Jahresbeginn die gesetzlichen Grenzwerte für häufig
verwendete Pestizide bis um das 20fache angehoben. Darunter sind besonders
gefährliche Stoffe wie das krebserzeugende Kresoxim-Methyl.
Immer um die Gesundheit der Bürger heftigst besorgt, die Frau
Verbraucherschutzministerin…

* * *

Keine Geschichte in der Politik, die die hiesigen Politiker nicht zur Farce
nutzen würden.
So gibt es seit 1999 EU-weit (von selber würde eine deutsche rot-grüne
Regierung auf so etwas nicht kommen!) eine neue Richtlinie zur Verminderung
gefährlicher Feinstäube in der Atemluft, wonach an höchstens 35 Tagen im Jahr
mehr als 50 Mikrogramm Staub je Kubikmeter Luft gemessen werden dürfen. Bereits
jetzt, Ende März, hat München diese Grenze erreicht, andere Städte wie Berlin
und Stuttgart stehen kurz davor. Wie gesagt, diese Grenzwerte sind seit 1999
bekannt, 2002 sind sie in nationales Recht umgesetzt worden. Passiert ist -
nichts!
Die Berliner SPD-PDS-Regierung hat eine besonders drollige Regelung entwickelt.
Man hat soeben einen "Luftreinhalteplan" verabschiedet, wonach ab
2008 (!) die Innenstadt für Dieselfahrzeuge ohne Rußfilter gesperrt wird. Eine
wirklich groteske Regelung - entweder ist der Feinstaub gesundheitsgefährdend,
dann muß eine derartige Regelung sofort her. Oder es ist eben wurscht, dann ist
es auch in 2008 noch wurscht. Die SPD-Stadtentwicklungssenatorin sagte dazu: "Schnelle Fahrverbote sind nicht
umsetzbar. Dafür brauchen wir eine Kennzeichnung der Autos, spezielle
Verkehrsschilder und ausgewiesene Zonen." Ach, wie die Dame
sich doch bei der Bürokratie bedankt, damit die von ihr regierten Bürger weiter
gesundheitsschädlich verseucht werden dürfen! Man hat drei Jahre verpennt, und
nun beschließt man, drei weitere Jahre zu pennen, denn die Gesundheit der
Bürger ist solchen Politikern natürlich völlig egal. Im Gegensatz zu den
Interessen der Automobilindustrie.
Feinstaub wird hauptsächlich von Dieselfahrzeugen verursacht. Er gilt als stark
Krebs erregend und wird jährlich für 65.000 Todesfälle in Deutschland
verantwortlich gemacht.
Besonders ekelhaft sind natürlich wieder einmal die aufgeblasenen Wortmeldungen
von Politikern der SPD und der Grünen, die nun "schnelle
Entscheidungen" fordern und über die Splitter im Auge der Anderen
medienwirksam diskutieren. Etwa der Vize der SPD-Bundestagsfraktion, Michael
Müller, der Städten und Ländern vorwirft, das Problem "verschleppt"
zu haben und meint: "Es
rächt sich nun, daß keine systematischen Minderungsstrategien entwickelt worden
sind." Oder der Grünen-Umweltminister Jürgen Trittin, der
Ländern und Kommunen bei der Umsetzung der Feinstaubrichtlinie der EU
Untätigkeit vorgeworfen hat.
Wir erinnern uns - bereits im Rundbrief Juni 2004 hatten wir den
"Spiegel" zitiert: "Eine
Initiative zur beschleunigten Einführung des Russfilters für Diesel-Pkw in
Deutschland droht am Widerstand der Autoindustrie zu scheitern. Ein
entsprechender Entschließungsantrag, den SPD und Grüne gemeinsam in den
Bundestag einbringen wollten, blieb in der SPD-Fraktion hängen, noch ehe es zur
formalen Abstimmung kam. Der Vorschlag sah eine Steuerentlastung von bis zu 600
Euro für Autokäufer vor, die sich frühzeitig für Dieselfahrzeuge mit moderner
Filtertechnik entscheiden oder ihre Altwagen entsprechend nachrüsten. Die
ultrafeinen Abgaspartikel aus Dieselmotoren gelten als Ursache von
Atemwegserkrankungen und Krebs. Der rot-grüne Antrag verschwand in der Ablage,
nachdem vor SPD-Fachpolitikern ein Brandbrief des VW-Vorstandsvorsitzenden
Bernd Pischetsrieder an Partei- und Fraktionschef Franz Müntefering verlesen
worden war, in dem der Manager heftig gegen die Pläne zu Felde zieht. VW und
andere deutsche Autohersteller fürchten, dass das beabsichtigte Steuergeschenk
ausländischen Herstellern wie Peugeot und Citroen, die eine aufwendige
Filtertechnik schon seit Jahren serienmäßig auch in kleineren Modellen
einsetzen, weitere Käufer zutreibt."
Das haben wir gerne - erst machen sich deutsche Politiker zum Büttel der
Autoindustrie und kippen gesundheitsförderliche Regelungen zugunsten der
Bürger. Ein dreiviertel Jahr später blasen sich die gleichen Politiker auf und
tun in der Öffentlichkeit so, als ob andere versagt hätten. Eine widerliche
Bagage ist das alles, man kann bekanntlich nicht so viel essen, wie man kotzen
möchte…

* * *

Jede europäische Milchkuh wird immer noch mit zwei Dollar am Tag
subventioniert, während mehr als eine Milliarde Menschen von weniger als einem
Dollar pro Tag leben müssen.

* * *

Berlin. "So viel Untergang war nie", Folge 457. Die in einem windigen
Verfahren eingeholten Pläne für den Neubau des BND in der Hauptstadt lassen
schlimmste Befürchtungen wach werden. "Vorgeschlagen
wird eine gewaltige symmetrische Anlage, in der viertausend Mitarbeiter in
einer Großform mit 100.000 Quadratmeter Hauptnutzfläche untergebracht werden
sollen. Herausgekommen ist dabei ein Palast für Apparatschiks, der sich
hervorragend eignen würde für eine Verfilmung von Kafkas Visionen über die
totale Bürokratie." ("Süddeutsche Zeitung") Und: "Wer im Grundriß der geplanten
Zentrale des Bundesnachrichtendienstes die Formen eines Hakenkreuzes entdeckt,
hat Einiges begriffen von der Wirkung des Kasernenkolosses, den das Büro
Kleihues und Kleihues vorschlägt." (ebenda)

* * *

In einer Edition der Galerie Brusberg Berlin ist ein schönes Künstlerbuch des
Leipziger Malers Bernhard Heisig erschienen: "Ruhig mal die Zähne
zeigen" der Titel, mit Aufsätzen und Reden des Künstlers "über Kunst,
Künstler und die Gesellschaft". Daß der Bundeskanzler die große Leipziger
Ausstellung Heisigs zu dessen 80.Geburtstag eröffnet hat, sollte einen nicht
von der Auseinandersetzung mit diesem großen Künstler abhalten, denn
bekanntlich findet auch ein blindes Huhn mal ein Korn.
"Man kann sich ab und
zu ruhig einmal die Zähne zeigen. Man tut das übrigens am besten lächelnd, weil
man da die Zähne besser sieht." (Bernhard Heisig)

In diesem Sinne einen schönen April!

04.03.2005

Und Ansonsten 2005-03-04

Merkwürdige
Welt. Da entläßt die Deutsche Bank, obwohl gerade sehr erfolgreich, Tausende
von Mitarbeitern, und die Politik heult Krokodilstränen. Dabei hat ihnen ihr
amtliches Verlautbarungsorgan, die FAZ, doch in der gleichen Woche bereits die
Welt erklärt:
"Und daß das
Kapitalverhältnis auf Ausbeutung fußt, muß man nicht mehr, wie in den Siebzigern,
mit Verweis auf die Dritte Welt mühsam herbeideduzieren, weil der Kapitalismus
nach dem Umweg über allerlei Sozialkrempel jetzt, da die sozialistische
Konkurrenz besiegt ist, weltweit zu sich selber kommt und halt vollbringt, wozu
er gut ist: Ausbeuten, Verwüsten, Krieg führen, sich von Krisen durchschütteln
lassen, das ganze Programm."
(Dietmar Dath in einer Rezension des "Kapital" von Karl Marx, FAZ
31.1.2005)

* * *

Die "Süddeutsche Zeitung" dagegen muß einmal pro Woche fast die
gesamte Seite 3 bereitstellen, um den Werdegang des Bundespräsidenten zu
bejubeln: Erst beweihräuchert sie Köhler, weil er sich in Auschwitz nicht
daneben benommen hat, und eine Woche später die Lobhudele, weil Köhler es auch
in Israel verstand, sich korrekt zu verhalten. Als ob das nicht das Mindeste
ist, was man von einem deutschen Bundespräsidenten erwarten kann, daß er
Auschwitz und Israel besuchen kann, ohne sich nennenswert daneben zu benehmen.
Oder soll das alles heißen, daß man heutzutage darüber schon froh sein sollte?

* * *

Der SPD-Politiker Sigmar Gabriel ist sich für keine Peinlichkeit zu schade:
Nicht nur, daß er nach seiner Abwahl als niedersächsischer Ministerpräsident
zusätzlich zu seinem Landtagsmandat noch (indirekt) auf der Gehaltsliste des
VW-Konzerns stand, nein, mit dem Ex-Fußballprofi Strunz ("was wollen
Strunz?") und Ex-RTL-Sportchef Potofski hatte Gabriel auch noch eine GbR
namens "Strunz & Friends". Potofski beschreibt die Aufgabe des
ehemaligen Pop-Beauftragten der SPD so: "Wir
wollten Gabriels gute Beziehungen nutzen und zusammen Sportler und Pop-Musiker
vermarkten." Aber wahrscheinlich versteht Gabriel vom Geschäft
so wenig wie von der Popmusik, denn er sagt selbst, er habe bei Strunz &
Friends "keinen Cent
verdient und niemals eine Funktion wahrgenommen. Ich habe lediglich ein paar
Freunden beim Start ihres Unternehmens geholfen." Sowas kennt
unsereiner natürlich, wir verdienen bei all unseren Unternehmensbeteiligungen
auch nie einen Cent…
Allfällige Nebenbemerkung: Daß weder Politiker wie Gabriel oder Volmer noch die
berichterstattenden Medienvertreter je die Peinlichkeit bemerken und
kommentieren, die darin besteht, daß die Herren Politiker bei ihren
Nebengeschäften ja angeblich "nie einen Cent verdienen", ist schon
merkwürdig. Heißt doch im Klartext - nicht nur unfähige Politiker, nein, auch
noch zu doof zum Geschäftemachen…

* * *

Die mittelhessische Provinzband Juli erklärt, warum sie auf deutsch singt: "Bei uns kann einfach niemand gut
genug Englisch, um in den Texten das auszudrücken, was wir wirklich sagen
wollen." Eine Art Pisa-Spätfolge ist das also. Aber da
Selbsterkenntnis bekanntlich der erste Schritt zur Besserung ist, und die Band
bereits erkannt hat, daß sie nicht gut genug Englisch kann - wie wärs denn,
wenn "Juli" dann auch noch die notwendigen weiteren Schritte der
Selbsterkenntnis gehen würden? Denn Deutsch können sie ja nachweislich auch
nicht ("Ich weiß, daß
alles in dir schreit / Weil gar nichts von mir bleibt",
holpert es dahin…), Musik können sie auch nicht, also, wenn sie aus diesen
Fakten noch die richtigen Schlüsse ziehen, sind wir wenigstens eine Quälband
wieder los. "Wenn du
lachst, dann ist mir / alles andere so egal"…

* * *

Die Popgruppe "2raumwohnung" weiß allerdings, wer an all dem neuen
Deutschpop Schuld ist - die Ossis natürlich: "Durch
die nicht englischsprechenden Ostler gibt es seit der Wende ganz andere
Zuhörer", sagt Inga Humpe in der FAZ. Sag ich's doch,
Gorbatschow ist Schuld!

* * *

Wobei man sich natürlich ohnehin nur noch wundern kann über den Geisteszustand
einer Gesellschaft, in der ein dämliches und garantiert humor- und
inhaltsfreies Liedchen von "Schnappi dem Krokodil" seit Wochen die
Single-Charts anführt, 800.000 Tonträger verkauft und und und. Oder vielmehr:
Da wundert einen im Grunde gar nichts mehr…

* * *

Nicht mehr ganz bei Trost sind die bundesdeutschen Rundfunkanstalten, was
allerdings auch nichts wirklich Neues mehr ist und an dieser Stelle schon öfter
nachgewiesen wurde. Der Hessische Rundfunk hat es nun binnen Jahresfrist zum
zweiten Mal geschafft, die Spitzenposition beim Kulturabbau der
öffentlich-rechtlichen Sender zu behalten: Nach Erfolgssendungen wie
"Schwarz-Weiss" spart der HR nun am Jazz und hat die Einstellung des
"Jazz-Festivals" angekündigt - ein Festival, das seit 1953
ununterbrochen veranstaltet wurde und damit das älteste kontinuierlich
stattfindende Jazzfestival der Welt ist. Ersparniseffekt: 150.000 Euro.
Unglaublich.
Peinlich in diesem Kontext auch, wie sich Ministerpräsident Koch und seine
CDU-FDP-Landesregierung aufgeblasen haben: In den nächsten drei Jahren will das
Land Hessen jeweils sage und schreibe EUR 10.000 an das Jazzfestival
überweisen, um das Festival "zu erhalten". Großartig, großzügig, euer
Ehren. Aber keine Tat eines Politikers ist blöd genug, als daß sie nicht noch
in den Medien präsentiert würde.

* * *

Wenn man sich mal zum Beispiel eine komplette Sendung von sagen wir Sara
Kuttner auf Viva angeschaut hat, dann stellt man fest, daß das deutsche
Musikfernsehen ganz zurecht zu einer Abspielstation von Klingeltönen
umgewandelt wurde. Viva und Konsorten - eine garantiert hirnfreie Zone. Gut,
daß das endlich alles eingestellt wird.

* * *

"Jeder isst seine
Hamburger bei McDonald's, aber es würde keiner behaupten, dass Fast Food mit
der Küche eines Sternekochs vergleichbar wäre. Die Popmusik ist per
definitionem eine Fast-Listening-Music, die ihre Effekte auf den Moment
ausrichtet. Nehmen Sie den Rhythmus eines Rap-Songs und vergleichen ihn mit der
anarchischen Vielfalt von Strawinskys "Le sacre du Printemps", dann
werden Sie sehen, dass Pop meilenweit hinter den Erkenntnissen der Neuen Musik
hinterherhinkt. Ich wünsche mir, dass Menschen in der Schule musikalisch
erzogen werden, um zu erkennen, wie limitiert das Radio-Gedudel ist. Aber das
ist ein pädagogisches und damit ein politisches Problem."
Pierre Boulez - herzlichen Glückwunsch zum 80. Geburtstag!

* * *

Kulturpolitik auf Gutsherrenart macht seit längerem der PDS-Kultursenator von
Berlin, Thomas Flierl. Wenn er nicht gerade Freikarten für den ganzen Senat bei
der Berlinale schnorrt, schreibt der pseudorote Kulturpolitiker auch mal ein
Grußwort an das Festival Musik und Politik und ergeht sich in seinem typischen
Jammerton, "Jungs, ich
würde euch gern Geld geben, aber ihr müßt ohne mich zurechtkommen."
Wohlgemerkt, der Kerl verwaltet Steuergelder, er muß nicht etwa in die eigene
Tasche greifen. Aber natürlich ist ihm kein Anlaß zu gering, um sich nicht doch
noch aufzuplustern und wichtig zu machen: "Ich
weiß natürlich, wie wichtig politische Kunst ist, und daß man sie fördern
müßte. Gerade in Berlin, und gerade auch 2005 (…) Ich bekomme schon mit, daß
das Publikum sich wieder mehr für politische Kunst interessiert. Selbst das
totgeglaubte Wort "Protestsong" ist wieder da. Nicht ohne Grund, denn
die Welt ist einfach nicht heil, im Gegenteil: Sie ist es viel weniger, als
viele es sich nach dem Ende des Kalten Krieges erhofft hatten."
Und so weiter und so fort brabbelt der PDS-Mann vor sich hin, wo er doch
einfach am liebsten nur "heile heile Gänschen" singen würde.
Natürlich, die Macher des Festivals trifft dieser plumpe Anbiederungsversuch
nicht unverdient - wer diesem unfähigen Politiker, der seit Jahren das Festival
ignoriert, noch eine Darstellungsfläche gibt, anstatt eine Demonstration vor
Flierls Amtssitz zu organisieren, dem ist halt nicht zu helfen. Und wer einen
Konstantin Wecker zum Festival einlädt, der hat eh nichts Anderes verdient, als
so verarscht zu werden. Die dümmsten Kälber…

* * *

Die Friedrich-Schiller-Universität Jena schreibt zusammen mit dem Suhrkamp
Verlag und der "Zeit" einen Essay-Wettbewerb aus. Das Thema: "Was heißt und zu welchem Ende
kann man heute Schiller lesen?"
Kein Wunder, wenn der Nachwuchs a la "Juli" in der deutschen Sprache
derart rumstolpert, wenn es diejenigen, die die Sprache lehren sollten, selber
Stümper in derselben sind.

* * *

"Edelweißpiraten" nannte sich eine Gruppe von unorganisierten Kölner
Jugendlichen, die sich 1944 mit der Hitlerjugend prügelte, die Juden,
Zwangsarbeiter und Deserteure versteckte und eine Sprengung der Kölner
Gestapo-Zentrale plante. Die Jugendlichen flogen auf, wurden verhaftet,
gefoltert und zur Abschreckung öffentlich ermordet. Noch lange galten sie als
Kriminelle, und erst 2003, mehr als 30 Jahre, nachdem der Staat Israel die
Edelweißpiraten in die Gedenkstätte Yad Vaschem als "Gerechte unter den
Völkern" geehrt hatte, wurden die Edelweißpiraten endlich auch in
Deutschland als Widerstandskämpfer anerkannt.
"Edelweißpiraten" heißt auch ein Spielfilm von Niko von Glasow, der
am Abreisetag der Berlinale Europa-Premiere feierte. Die Weltpremiere fand 2004
auf dem "Festival des Films du Monde de Montreal" statt, wo wenig
andere Filme so heiß diskutiert wurden. Um den Vertrieb kümmert sich einer der
wichtigsten kanadischen Verleiher, und zwischenzeitlich wurde der Film mit
einer herausragenden und renommierten Schar von Schauspielern, von Anna
Thalbach und Bela B. Felsenheimer bis Jan Decleir, in etliche Staaten verkauft,
u.a. Belgien, Spanien, Thailand oder die Niederlande. In Deutschland, dem Land
des peinlichen "Untergangs", steht ein Kinostart nicht in Aussicht,
hat sich bislang kein Verleih gefunden.

* * *

"Dieser
Kleinterrorismus, wie ich ihn nenne, ist nur eine Spiegelung des
Großterrorismus, der die Militärdoktrin der Supermächte bestimmt."
Otto Schily über die RAF, 1981

* * *

Frankreich, du hast es besser. Unter der Überschrift "Befreit die
Musik" veröffentlichte das französische Wochenmagazin "Le Nouvel
Observateur", gewissermaßen der "Spiegel" Frankreichs, ein
Manifest gegen die "absurde juristische Verfolgung" der Leute, die
Musik im Netz tauschen. "Bald
wird Dutzenden Netizen der Prozeß gemacht, weil sie Musik über P2P-Programme
heruntergeladen haben. Wir verurteilen aufs Schärfste diese überzogene und
repressive Politik, die an Einzelnen ein Exempel statuieren will",
heißt es in dem Manifest. Zu den Erstunterzeichnern gehören Manu Chao oder
Khaled, der Globalisierungsgegner Jose Bové, etliche Politiker, Künstler und
Professoren - insgesamt fast 20.000 Franzosen. Sie alle bekennen sich dazu,
selbst schon einmal Musik aus dem Internet heruntergeladen zu haben. "P2P - Wir sind alle
Piraten" ist die Unterschriftenliste überschrieben. "Wie acht Millionen andere
Menschen haben auch wir schon Musik aus dem Internet heruntergeladen und sind
demnach potentielle Verbrecher. Wir verlangen die sofortige Einstellung dieser
absurden juristischen Verfolgung", heißt es in dem Manifest,
in dem u.a. auch ein runder Tisch mit Künstlern, der Regierung und der
Musikindustrie gefordert wird, um gemeinsam "bestmögliche
Antworten auf Fragen des Urheberschutzes, aber auch auf die des
Verbraucherschutzes zu finden, die der heutigen Zeit entsprechen."

* * *

Der Gesetzentwurf der Regierungsparteien gegen Neonaziaufmärsche verharmlost
den Holocaust. Der "Entwurf eines Gesetzes zur Änderung des
Versammlungsgesetzes und des Strafgesetzbuches", der in kürzester Zeit
durchs Parlament gepeitscht werden soll, soll angeblich Neonazi-Aufmärsche am
Brandenburger Tor verhindern. Soweit die Außendarstellung der Bundesregierung.
Wenn man sich den Gesetzestext aber näher anschaut, gerät man ins Grübeln -
verboten werden demnach Aufzüge an Orten, die "an die Opfer einer organisierten menschenunwürdigen
Behandlung" erinnern. Was SPD und Grüne mit dieser
Formulierung meinen, ist der staatliche Massenmord an sechs Millionen Juden, an
Zwangsarbeitern und Zigeunern. "Mit
welchem Recht aber empören sich Politiker, die den Holocaust begrifflich derart
verharmlosen, über das NPD-Schlagwort "Bombenholocaust"?"
(Jürgen Elsässer) Noch brisanter scheint die vorgesehene Änderung des § 130
StGB. Mit bis zu fünf Jahren Gefängnis wird demnach bestraft, wer Völkermord
"billigt, rechtfertigt, leugnet oder verharmlost". Der Entwurf fasst
darunter freilich nicht nur Taten, die "unter der nationalsozialistischen
Gewalt- und Willkürherrschaft", sondern auch "unter einer anderen
Gewalt- und Willkürherrschaft" begangen wurden, soweit dieser Völkermord
"durch die rechtskräftige Entscheidung eines internationalen Gerichts,
dessen Zuständigkeit die BRD anerkannt hat, festgestellt ist". "Srebrenica-Leugner werden in
einen Sack mit Holocaust-Leugnern gesteckt (…) So kann man die Erinnerung daran
tilgen, dass das Kabinett Schröder/Fischer 1999 einen Völkermord erfunden hat, um
Jugoslawien bombardieren zu können. Wer solche Antifaschisten hat, braucht
keine Neonazis mehr." (Jürgen Elsässer)

* * *

Wenn man sich mal betrachtet, wo die Leute sitzen, die 1987 so vehement gegen
die Volkszählung protestiert und gegen den "gläsernen Bürger"
gekämpft haben, dann wundert einen gar nichts mehr - sie sitzen nämlich
heutzutage in der Bundesregierung. Und man ahnt schon - sie tun nichts Gutes…
Vom 1.April an etwa darf die GEZ Personendaten bei kommerziellen
Adressenhändlern kaufen und mit den in den GEZ-Computern erfassten Daten
abgleichen. Oder wer sich den Spaß gemacht und im Internet ein Ticket für die
Fußball-WM bestellt hat, der musste ja sämtliche Details angeben, von der
Schuhgröße der Urgroßmutter bis hin zu Personalausweisnummern und Haarfarbe der
Enkelkinder. Wird alles schön brav abgespeichert und auf einem Chip auf die
Karte gespeichert. Alles ist möglich. Am Übelsten scheint mir aber, dass vom
1.April an jeder Finanzbeamte und jegliche Behörde, die Sozialleistungen zahlt,
Zugriff auf die Stammdaten aller bundesdeutschen Bankkonten erhält. Der
"gläserne Steuerzahler" wird Realität, ein bürokratisches Monstrum
wird geboren, das die Bürger hilflos dem "Staatshacking" ausliefert.
Das Gesetz, das den Datenschutz preisgibt, wurde von SPD und Grünen
beschlossen, den Kämpfern gegen die Volkszählung 1987…

Ach ja, übrigens - die Bankdaten aller Bezieher dieses Rundbriefes wurden inkl.
der Schuhgrößen und Augenfarben längst an das Innenministerium gemeldet - bei
aktiver Terrorismusbekämpfung will diese Agentur nicht in der zweiten Reihe
stehen.

In diesem Sinne einen schönen März

04.02.2005

Und Ansonsten 2005-02-04

Den Neujahrswünschen der "Jüdischen Allgemeine" würde man sich nur zu
gerne anschließen: "Und
wenn Sie uns fragen, wie viele Filme über den "Führer" wir im
sechzigsten Jahr nach Kriegsende und Befreiung der Konzentrationslager sehen
möchten: am liebsten gar keine. Hitlers Frauen, Hitlers Männer, Hitlers
Untergang, Hitlers Hund, Hitlers Briefmarkensammlung auf dem Berghof - wollen
wir nicht sehen, weder im Kino noch bei Knopp. Auch die Geschichten von
Flakhelfern, deutschen Kriegsgefangenen und Leuten, die auf dem Dorf wohnten
und von allem nichts gewußt haben, dürfen getrost unerzählt bleiben. Statt
dessen ist 2005, das Einstein-Jahr, der richtige Zeitpunkt, dem einen oder
anderen noch mal zu erklären, warum das deutsche Forschergenie (und viele
andere) ab den dreißiger Jahren in den USA arbeitete, und nicht mehr in
Berlin."
Wie so viele Neujahrswünsche dürfte auch dieser ein frommer Wunsch bleiben -
denn wenn diese Gesellschaft sich nicht mit "Hitlers Untergang",
"Noch mehr Hitlers Untergang", "mehr Untergang war nie"
beschäftigen, wenn Bruno Ganz nicht ganz und gar den Hitler geben dürfte - mit
welcher Existenzberechtigung sollten denn dann die Massenmedien von
"Spiegel" bis "Stern" ihre Hitler-Titelbilder drucken und
sie in ganz Berlin pflastern dürfen? Denn auch das war 2004 - noch nie seit
1945 prangte derart viel Hitler auf den Litfaßsäulen der Republik.

* * *

Die "Hartmut Engler Redaktion" textet mich ungefragt und ungebeten
per Email zu: "Liebe/r
Seliger, Berthold, ab kommenden Montag könnt ihr endlich die erste Single aus
Hartmuts Album in den Händen halten" Solange die Fans das
widerliche Teil nur in Händen halten, und niemand die Single abspielt, ginge
das ja noch. Aber es kommt, wie immer, noch schlimmer: "Hol dir "Fortunate
Guy" als Real Music Klingelton auf Dein Handy! Schicke HARTMUT1"
nicht auf den Mond, sondern "an
die 82008". Ob der Klingelton auf meinem Handy funktioniert,
erfahre ich dann auf "emi-mobile.de".
Wobei, vielleicht ist die Idee mit dem Hartmut Engler-Klingelton gar nicht so
schlecht - da hört man schon vorab, wer einen schlechten, ach was: wer gar
keinen Geschmack sein eigen nennt. Und kann sofort Reisaus nehmen, wenn der
Hartmut Engler-Klingelton ertönt…

* * *

Um bei deutscher Trash-Kultur, bzw. den sogenannten "Celebrities", zu
bleiben:
"Ich bin blond, ich hab
mir den Busen machen lassen, ich trage gerne Rosa - aha, dann muß ich eine
doofe Tussi sein." Wer wollte Cora Schumacher da
widersprechen…

* * *

Das Berliner Stadtmagazin Zitti schafft es eine ganze Seite lang, unsere
Künstlerin Lisa Bassenge, die sie interviewt, als "Lisa Bessenge" zu
schreiben.
Dämlicher ist schwer möglich. Und wir dachten, Pisa gilt erst für den
Nachwuchs, der in 10 Jahren die Zitti-Seiten vollschreibt…

* * *

Speaking of Pisa - Finnland ist nicht nur Pisa-Spitzenreiter, sondern auch
"der umweltfreundlichste Staat der Erde. Deutschland belegt Platz 31 -
hinter Panama, Slowenien und Japan", so meldet die FAZ die Ergebnisse des
"Umweltindex Nachhaltigkeit 2005" von Forschern aus Yale und
Columbia, die 146 Länder nach 21 Faktoren wie Treibhausgasemissionen,
Wassergüte und umweltpolitischem Engagement verglichen haben. Nun ja, ist man
geneigt zu sagen, die anderen Länder haben ja auch nicht seit sechs Jahren
einen "grünen" Umweltminister…

* * *

Die Tsunami-Katastrophe in Südasien hat ein merkwürdiges Konglomerat aus
Betroffenheit und Spendenwahnsinn nach sich gezogen. Ganz besonders widerlich
all diejenige, die auf kleiner oder großer Ebene die Situation zu ihren Gunsten
ausnutzen wollten - seien es die Deutsche Bank, die versucht hat, mit einer
Großspende ("Peanuts") ihr ramponiertes Image zu verbessern, sei es
Steuerflüchtling Schumacher, seien es die verschiedenen Politiker, aber auch
etliche Kleingewerbetreibende, die nach dem Motto "für jede 100 € Umsatz
führen wir einen € Spende ab" eher ihre eigene Kasse im Auge haben.
Ein eher kleines Problem hatte die Nachwuchsband "Juli", deren Song
"Die Perfekte Welle" (daß die Deutschquotenfans keine deutsche Groß-
und Kleinschreibung beherrschen, wurde bereits im letzten Rundbrief angemerkt…)
plötzlich von den Medien nicht mehr gespielt wurde, was Band und Plattenfirma
"Universal" umgehend gut hießen. Keine Einwände von dieser Stelle aus
- ein schlechter deutscher Song weniger in Radio und TV. Ob aber die deutschen
TV- und Radioanstalten nicht überlegen könnten, den FDP-Vorsitzenden
WesterWELLE aus ähnlichen Gründen erstmal aus dem Verkehr zu ziehen…? (schöne
Grüße an die Herren Greser & Lenz übrigens). Klar, Westerwelle hat wenig mit
der "perfekten Welle" gemein, aber… irgendwie wäre uns doch so allen
gedient, oder?
Und ob der "Spiegel" gut beraten war, in seinem der Katastrophe
gewidmeten Heft auf einer ganzseitigen Anzeige seine aktuelle
Spiegel-CD-Edition mit dem Titel "Wave Music" anzupreisen ("entspannte und groovige Musik
irgendwo zwischen Jazz, Soul und intelligentem Pop"… eine
zusätzliche gelbe Karte für die Worthülsen aus dem Arsenal des
Musikindustriesprech!), ist zumindest eine Frage wert.

* * *

Der Berliner "Tagesspiegel" betreibt eine wöchentliche Termin-Beilage
namens "Ticket". In Ausgabe 1/2005 zeigt der "Tagesspiegel"
die ganze Bandbreite der Hauptstadtkultur: Auf Seite 3, im Kino-Teil, ein
großes Foto von Hannelore Elsner, Unterschrift "Hannelore Elsner und Henry Hübchen machen einen
Jüdisch-Crashkurs: Alles auf Zucker!". Ein paar Seiten weiter
ruft der Klassik-Teil, ein Foto von Hannelore Elsner wirbt unter dem Titel "Ein verregneter Urlaub"
für "Ein Winter auf
Mallorca mit Hannelore Elsner und Sebastian Knauer". Auf Seite
18, im Potsdam-Teil, schließlich - ein großes Foto, na, von wem wohl? Unter dem
Titel "Der Duft der
Unschuld" liest eine Schauspielerin aus "Das Parfüm, illustriert von
französischer Musik" (haben die Franzosen denn keine Quote?
fragt man sich da erstaunt), und wer den Namen der Schauspielerin errät -
tschah, der gewinnt leider leider gar nichts…

* * *

Wenn man liest, wie sich durch einen Erlaß, den der damalige
GRÜNEN-Staatsminister im Auswärtigen Amt, Vollmer, unterschrieben hat, der
Menschenhandel durch Schleusergruppen zunächst ermöglicht und später geduldet
wurde, dann kommt einem schon wirklich das Frühstück wieder hoch… Allein in
2001 wurden in Kiew 400.000 Visa für die Einreise in die BRD erteilt -
"quasi unter den Augen" der rot-grünen Ministerien wurde nach Ansicht
des Kölner Landgerichts "bandenmäßige Schleusung" ermöglicht.
2001, da war doch was? Genau, das war das Jahr, in dem etlichen Künstlern
dieser Agentur die Visaerteilung für Tourneen in der BRD durch bundesdeutsche
Behörden extrem erschwert wurde - dies galt vornehmlich für afrikanische
Künstler, aber auch beispielsweise für den UNESCO-Kulturpreisträger Alim
Qasimov, der nur nach Intervention auf höchsten Ebenen überhaupt ein
Deutschland-Visum erhielt. Geradezu eine perverse Praktik der Verhinderung des
Kulturaustausches durch die rot-grüne Bundesregierung, die nun angesichts des
gleichzeitigen Ermöglichens massenhaften Menschenhandels mehr als einen
bitteren Beigeschmack bekommt.

* * *

Die aktuellen deutschen Album-Verkaufscharts vom 24.1.2005 spiegeln wieder
deutlich die Meinung der Politiker Thierse und Vollmer wider, nämlich, daß
deutsche Musik zu kurz kommt und dringend einer Quote bedarf, um endlich
wirtschaftlich erfolgreich zu sein: Bloß ganze 5 (fünf!) deutsche Produktionen
sind unter den Top 6 (sechs) der Charts zu finden… Übrigens - wenn es weniger
gewesen wären, wäre das durchaus besser für die Qualität der Musik gewesen.

* * *

Aber man soll da nicht so hart sein, denn nur eine Woche später kann man
nachlesen, dass es der deutschen Plattenindustrie wirklich schlecht geht. Denn
am 29.1. sind sowohl "De Randfichten" mit ihrem abgründigen
Protestsong "Dr Holzmichl" als auch die "Ärzte" mit
"Die Band, die sie Pferd nannten", nicht mehr in den Top 100 der
deutschen Album-Charts, sondern nur noch auf der "Warteliste" zu
finden. Uns wundert, dass weder Thierse, Vollmer und ihre NPD-Kollegen aus dem
sächsischen Landtag, noch die einschlägigen Claquere der Musikindustrie einen
Hilferuf an Kanzler Schröder für eine umgehende und drastische Gesetzesänderung
gestartet haben. Thierse, Vollmer, Renner, Stein - wo wart ihr?!?

* * *

Eine Claudia Roth, in der "taz" auch unter dem Begriff "grüne
Gurke" bekannt, "stellt
am Donnerstagmorgen eine Kerze auf die ehemalige Laderampe der Deutschen
Reichsbahn in Berlin. Von hier aus wurden Juden in das Konzentrationslager
Auschwitz deportiert." (Tagesspiegel) Natürlich kann eine wie
Claudia Roth nichts tun, ohne damit breit in der Öffentlichkeit zu posieren -
wenn Bosnien-Kriegstreiberin Roth irgendwo eine Kerze aufstellen muß, dann hat
sie mindestens eine ganze Horde Pressefotografen vorher informiert, und es gibt
dann auch Zeitungen, die auf einer Viertelseite Auschwitz-Werbung für die
Grünen-Politikerin machen. Widerlich, auf allen Ebenen.

* * *

In der "Berliner Zeitung" ist zu lesen, wie der Berliner rot-rote
Senat für die vom US-Milliardär Anschutz geplante neue Arena nicht nur
"nichts" bezahlen wird ("Das
Schönste ist ja, dass hier jemand ohne öffentliche Mittel ein Projekt starten
wird", so SPD-Staatssekretär Thomas Härtel vor drei Jahren),
sondern wie die Sozialdemokraten und, ähem, Sozialisten doch die bescheidene
Summe von mindestens 12 Millionen Euro dafür zur Verfügung stellen werden, dass
eine Investorengruppe zukünftig den jetzt schon nicht ausgelasteten Berliner
Hallen weitere Konkurrenz machen wird. Ganz klar, da herrscht unbedingt
"öffentliches Interesse". Und für die Berliner Symphoniker und für
etliche andere kulturelle Projekte ist dann wieder kein Geld da…

* * *

"Die Medien müssen alle
voneinander abschreiben, um genügend Informationen für ihre Artikel zu haben.
Heraus kommt eine stark vereinfachte Sichtweise, die sie in ihren Zeitschriften
abdrucken, um Anzeigen zu verkaufen." Conor Oberst,
"Bright Eyes"

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Und, liebe Musikjournalistinnen und Musikjournalisten - schön wäre es ja doch,
wenn ihr bei Gelegenheit mal schreiben würdet, daß dieser Adam Green zwar ein
ganz ordentlicher Musiker, aber eben auch völlig überschätzt ist… und nicht im
Entferntesten weder an Bob Dylan, mit dem er so gerne verglichen wird, noch
beispielsweise an die Bright Eyes heranreicht… nur so am Rande, wenn ihr mal
Muße habt…

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"Ruhe ist die
erhabenste Form der Kraft. Ich versichere allen, die es sonst nicht merken
würden: es ist die größte aller Kunstanstrengungen, sich über diese Welt mit
etwas Anstand zu äußern." Peter Hacks

In diesem Sinne allerbeste Grüße und eine "ruhige" Zeit…

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