24.12.2004

Und Ansonsten 2004-12-24

Eine
halbe 2raumwohnung erzählt, wie sie einmal versucht hat, Musik zu machen - Inga
Humpe in einem Interview mit der "Zeit":
"Ich wollte immer mal
eine Straßenmusikerin sein. Neulich habe ich das dann auch versucht und bin
nach Saint Tropez gefahren, nur mit meiner Gitarre (…) Es war furchtbar. Ich
habe mich so geschämt. Erst mal wurde ich am Hafen verscheucht (…) Ich dachte
ja, ich werde auf irgendwelche Yachten eingeladen und könnte dann dort
weiterspielen. Klappte überhaupt nicht. Dann war ich in so einer peinlichen
Fußgängerzone, gegenüber von einem schicken Restaurant, in dem ich selber gern
gesessen hätte, und spielte unter anderem Venus, Bobby McGee und irgendwas von
Bob Dylan. Ich hatte die Texte, konnte aber die Griffe noch nicht richtig und
mußte immer runter in das Songbook gucken. (…) Es war alles ein Trauerspiel.
(…) Meine Gitarre habe ich übrigens dort gelassen, ich habe mir dann hier eine
neue gekauft."
Soweit, so peinlich. Habe ja schon immer gesagt, daß sich ihre Musik so anhört,
als ob sie die Griffe nicht könne… Aber daß die Franzosen in ihren Fußgängerzonen
einen besseren Musikgeschmack als die deutschen CD-Käufer haben, die
2raumwohnung auf vordere Charts-Plazierungen hieven, ist nichts Neues.
Wahrscheinlich hätte man der Deutschquoten-Propagandistin sagen sollen, daß die
französische Quote nicht für fade deutsche Musik gilt.

* * *

"Auf die Politik hört
hier keiner mehr hin. Es ist das Jahr des großen Elends und ein Tal der Tränen,
damit basta. Merkwürdig ist höchstens, mit welch besonderem Eifer das Kapital
sich an der Liquidation des Kleinbürgertums als Klasse macht; das hat
stalineskes Format."
Peter Hacks (5.10.1990)

* * *

Die auch sonst gerne etwas durchgeknallte Katharina Rutschky ist außer Rand und
Band:
"Ich gebe es zu: Ich
liebe meinen Kanzler. Ich wähle den auch wieder, und ich liebe und verehre
ihn."
Wenn Frauen zu viel lieben…

* * *

Die "Dschungelkönigin" und auch sonst ausgewiesene Nervensäge Désirée
Nick und der Berliner König und auch sonst ausgewiesene Nervensäge Showereit
haben sich bei der Aids-Gala in der Deutschen Oper lang und innig auf den Mund
geküßt. Große Gefühle. Keine Frage, die beiden würden in jedweder Hinsicht gut
zueinander passen, und Niveauunterschiede scheint es auch keine zu geben.
Politisch gilt 2004 wie auch in den Vorjahren - Showereit ist nicht nennenswert
aufgefallen…

* * *

Der Deutsche Bundestag hat mit einem DDR-Wahlergebnis von 98,2% der
Landesverteidigung am Horn von Afrika zugestimmt. Ganze zehn Parlamentarier
stimmten gegen die Teilnahme der Bundeswehr an der Operation "Enduring
Freedom".

* * *

Der Berliner "Tagesspiegel" hat sich am 12.11. nicht entblödet, seine
gesamte Titelseite für eine Anzeige von H & M mit Karl Lagerfeld
freizuräumen. Die Todesnachricht von Arafat zum Beispiel befand sich nur noch
klein und einzeilig knapp unter dem Titel.
Nun ja. In zehn Jahren wird der Tagesspiegel so eine Meldung wie den Tod
Arafats gar nicht mehr bringen, und sein ganzes Blatt bezahlter Werbung zur
Verfügung stellen. In zehn Jahren? Ach, ich vergaß, da wird's den Tagesspiegel
längst nicht mehr geben…

* * *

Der brandenburgische PDS-Landtagsabgeordnete Frank Hammer mag die DVU: "Die DVU ist eher eine
bürgerliche Partei, die hin und wieder Ausflüge ins Rechtsextreme macht",
befand der Politiker. Na, demnach steht die DVU der PDS ja durchaus nahe…

* * *

"Als mein Bruder in
Hamburg Bürgermeister war, habe ich ihm gesagt: Nimm die Kultur als eine
Katastrophe. Für Katastrophen ist immer Geld da." (Christoph
von Dohnányi, Dirigent und Bruder des ehemaligen Ersten Bürgermeister Hamburgs,
Klaus von Dohnány)

* * *

Die "Prinzen" (da kann sich ganz schnell ein Tippfehler
einschleichen, und schon hat man "Peinzen", was ja irgendwie mit
peinlich zu tun hat, grins…) gehen ab Januar wieder auf Tournee und lassen sich
die Tour von einer Brauerei sponsorn. Sebastian Krumbiegel: "Wir sind alt genug, Bier zu
trinken und Werbung auch dafür zu machen." Ah ja. Jedenfalls
sieht Krumbiegel das Brauereigeld als Kultursponsoring: "Das ermöglicht uns, die
Kartenpreise niedrig zu halten." Die Tickets für die Show im
Friedrichstadtpalast kosten übrigens zwischen EUR 35,50 und EUR 52,75…

* * *

Aus dem Anzeigetext einer bundesdeutschen Plattenfirma für das neue Album eines
amerikanischen Künstlers: "Die
11 Songs leben von der spannenden Aneinanderreihung und Verflechtung der
Elemente Soul, Alternative Rock, Westcoast Pop, Funk, Blues und Country - von
unglaublich viel Roots-Bewusstsein zeugend und mit augenzwinkerndem Pop-Genius
verfeinert." Ich finde, da fehlt doch noch einiges - hätte man
nicht noch augenzwinkernden HipHop-Genius aneinanderreihen und mit etwas Gospel
verfeinern können, beispielsweise?

* * *

"Stern Musik" und EMI machen es möglich: "neudeutsch" heißt
die CD zur politischen Initiative von SPD, Grünen und NPD. "Ihre Musik ist sehr unterschiedlich,
aber sie alle verbindet ein erfrischend selbstbewußter Umgang mit der deutschen
Sprache", radebrecht es in einer ganzseitigen Stern-Anzeige
daher. Daß sich für solcherart Schmarrn neben einschlägig aufgefallenen Bands
wie "Mia" auch z.B. "Tocotronic" oder "Wir sind
Helden" hergeben, ist schade genug. Einen "erfrischend selbstbewußten
Umgang mit der deutschen Sprache" fernab aller alten und neuen
Rechtschreibung und Grammatik dokumentiert Stern Musik jedenfalls bei der
ausnahmslos Großschreibung aller Songtexte auf der CD: Von "Rüssel An Schwanz"
über "Ich Habe Nichts
Erreicht Ausser Dir" oder "Bis
Zum Erbrechen Schreien" und "Die
Stadt Gehört Dir" bis hin zu "Ich Weigere Mich Aufzugeben".
Leider.

* * *

Ausgerechnet in "Spex" war es. Der Titel der Story machte neugierig: "Die Linke tanzt"
hieß es da. Leider war es nur die linke Hand von Gonzales, die von einer Miriam
Stein zum Tanzen gebracht wurde. Lesenswert war der Artikel dennoch, wenngleich
auch nur als Musterbeispiel unfreiwilliger Komik, denn die Dame machte ein
Entdeckung, von der die Musikgeschichte noch Jahrzehnte, ach was: Jahrhunderte!
zehren wird: "Die linke
Hand eines guten Pianisten muß unabhängig von ihrer rechten Schwester agieren
können.", stellt die gewiefte Autorin fest. Und was? "Und umgekehrt"
natürlich. "Links gibt
den Rhythmus, rechts den Ton an."
Daß die moderne Entdeckerin bei der Revolution der Musikgeschichte, oder doch
zumindest immerhin bei der Modernisierung des Klavierspiels, nun ausgerechnet
die Linke des Herrn Gonzales, der ja neuerdings ein Album biederen
Schmuseklaviers irgendwo zwischen Jarrett und Tiersen eingespielt hat, gleich
bejubelt mit "Seine
Linke zählt zu den besten überhaupt", nimmt einen doch ein
wenig Wunder und beweist eigentlich hauptsächlich, daß Frau Stein in ihrem
jungen Leben noch nicht viel Klaviermusik gehört haben dürfte.
Unsereins hat in seinem ja bereits ein klein wenig längerem Leben schon so
manche Komödie der Musikkritik erlebt - da wurde vor Jahren der "New
Folk" ausgerufen, so, als ob es noch nie vorher Folk gegeben hätte, da
wurden zweitklassige Songwriter "entdeckt", so, als ob es die
Neuerfindung der Musikwelt sei, und und und. Nun also ist Keith Jarrett dran,
und das ist doch schon wieder pikant, diese neue Keithjarrettisierung des Musiklebens
junger Leute. Die Generation, die wahrscheinlich zu mehr als der Hälfte zu den
Klängen des Köln-Konzerts auf filzigen Flokati-Teppichen gezeugt wurde,
entdeckt das Klavierspiel. Aber nicht etwa die schwierigen Synkopen und die
donnernde linke Hand eines, sagen wir mal: Billy Mayerl, nein, der Sound des
Ökokitsches und der alternativen Wohngemeinschaften der späten 70er Jahre muß
es sein. Und ihren Helden haben sie scheinbar schon gefunden: Gonzales macht
ihnen wahlweise den Jarrett oder den Liberace. Eine fade Geschichte, gewiß.
Wenn da nicht in dem Brustton der Überzeugung, die Musikgeschichte neu zu
schreiben, drüber gepupst würde. Ich aber sage euch: Der König ist nackt!

"Und ansonsten", versteht sich - Friede auf Erden! Und den Menschen
ein Wohlgefallen!

13.11.2004

Und Ansonsten 2004-11-13

Die
Süddeutsche Zeitung, die mit der Bild-Zeitung gemeinsam hat, daß sie versucht,
mit der Herausgabe von Büchern ihre Defizite zu übertünchen (und Defizite steht
jetzt bewußt ganz allgemein gehalten da…), die Süddeutsche Zeitung also bewirbt
die ersten 50 Bände ihrer "Sammlung" gekonnt feuilletonistisch und
völlig anders, als es die Bild-Zeitung tun würde:
"Tauschen? Niemals! Wer
diese Sammlung erstmal komplett hat, gibt sie nicht wieder her. Die Süddeutsche
Zeitung Bibliothek, 50 große Romane des 20.Jahrhunderts für je nur 4,90 €. (…)
Und das Beste: Diese Sammlung beeindruckt sogar ihre wahnsinnig attraktive
23-jährige Kollegin."
Ach, was haben wir über den schwülen Altherrenhumor gelacht. Das Niveau der
Süddeutschen Zeitung scheint direkt proportional zu sein mit dem des Kanzlers,
den sie protegiert…

* * *

Ich weiß ich weiß, jedesmal verspreche ich, die grüne Gurke Claudia Roth in
Ruhe zu lassen, von wegen nicht satisfikationsfähig undsoweiter… Aber wenn ich
so was in der "Bunten" lese, wäre es doch zu schade, das zu verschweigen
- also, Claudia Roth, wie sie Politik macht, unter dem Titel, Klappe auf: "Hallo, ich bin wieder da!",
und schon grinst die Gurke ums Eck und erklärt, wie sie auf dem
Grünen-Parteitag zur Obergurke gewählt wurde:
Sie entschied sich bewußt
für Rot. "Ich wollte etwas Knalliges anziehen, um ein Signal zu setzen und
zu zeigen, daß ich kämpferisch an meine neue Aufgabe herangehe", sagt
Claudia Roth, 49. "Ich will klar machen, daß wir Grünen andere Ziele haben
als Schwarz-Gelb. Für dieses Vorhaben brauche ich eine äußere Ausstattung, die
mich innerlich stärkt."
Stundenlang habe sie - vor
Beginn des Parteitags ihrer Grünen-Partei am letzten Samstag in der Ostseehalle
in Kiel - im Hotel vor ihrem Koffer gestanden und sich geärgert, daß sie nicht
genug Kleidung eingepackt habe: "Weil, typisch Claudi, ich zu dem Rot
natürlich noch ein bißchen Glamour und Glitzer kombinieren wollte. Deswegen die
Bluse mit der Blumenstickerei und die schwarz-weiß karierte Hose." Ihre
Augen glänzen, sie hat rot erhitzte Wangen und "blendende" Laune.

Ich schwörs, so steht das da, so redet die daher. Typisch Claudi eben, mit
ihrem schwarz-gelben Inneren, den glamourhaft erhitzten Wangen und der
kleinkarierten Ausstrahlung. Sorry, wenn ich da was verwechselt haben sollte,
aber für Mode sind andere zuständig.

* * *

Marcel Reich-Ranicki in der gleichen Satire-Zeitung, der Bunten, mit einem
kleinen Schuß Häme in Richtung Kanzleramt, auf die Frage "Welches Buch
empfehlen Sie dem Kanzler?":
"Unbedingt Sigrid Damms
"Das Leben des Friedrich Schiller". Dessen 150.Todestag steht bevor. Das Buch ist leicht geschrieben, es
wird Herrn Schröder nicht überfordern. Er könnte von Schiller unendlich
viel lernen."
Hervorhebung von mir. Arg gemein, der alte Herr, nicht?

* * *

Daß der große Jörg Fauser gerade eine kleine Renaissance erlebt, sei mit
Freuden vermerkt. Immer lesenswert, immer lesenswert. Mir fehlt höchstens der
Hinweis darauf, daß Jörg Fauser neben Teja Schwaner und Carl Weissner einer der
drei Übersetzer der 155 Stones-Songs war, die 1977 unter dem Titel "The
Rolling Stones - Songbook" mit Noten bei Zweitausendeins erschienen. Sehr
lesenswertes Buch das, nicht nur für Stones-Fans und Stones-liebende
Klavierspieler…

* * *

Im Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie, Klavierabend Yundi Li, seit
Wochen ausverkauft, hübscher junger Pianist spielt Chopin und Liszt, das ist
was für junge Mädchen und alte Frauen… Der Klavierabend ist eigentlich
ordentlich, man hat zwar alle Stücke schon besser gehört, aber schlecht ist Li
keinesfalls. Man fragt sich nur, was diese ganze öffentliche Inszenierung um
Pianisten (und andere klassische Musiker) als Popstars soll - da werden
"die jungen Chinesen" oder "die Netrebko" oder junge
Geigerinnen zu Models, zu Abziehbildern von Kampagnen der Schallplattenindustrie,
und werden künstlich hochgepushed, bevor sie noch eine Note gespielt haben. Und
wo bleiben die wirklich großen Pianisten unserer Zeit? Der wunderbare
Pierre-Laurent Aimard, jeglichen Selbstinszenierungen abhold und charismatisch
sich des anspruchsvollen modernen Repertoires annehmend - sein herausragender
Klavierabend paar Tage vorher im selben Saal, mit Debussy und Ives - der Saal
nicht einmal halb gefüllt. Oder ein Grigorij Sokolov, sicher einer der
wunderbarsten Pianisten und integersten Musiker unserer Tage, aber wahrlich
kein Model - wird er noch den Weg in die Feuilletons finden, wenn es nur um
Tastenlöwen und schicke Outfits geht?

* * *

"Heute dagegen werden
Weltstars auch in der klassischen Musik nach den Regeln von Industrie und
Marketing im Eiltempo aufgebaut, oft auf völlig sachfremde Art mit Sex und
Glamour. Entsetzt Sie das?
Alfred Brendel: Das sind Verzweiflungstaten großer
Firmen, wo der kommerzielle Druck von Pop und Rock auch auf die Klassik greift.
Da wird dann vielleicht eifrig nach dem nächsten blinden und tauben Tenor
gesucht. Es gibt aber etliche kleinere Firmen, die mit den technologischen
Umwälzungen besser fertig geworden sind und ohne falschen Personenkult
auskommen."
Alfred Brendel im "Spiegel"-Interview

* * *

Die deutsche Kultusministerkonferenz hat beschlossen, daß es bei der
neoliberalen und dämlichen Rechtschreibreform bleiben soll. Herr, schmeiß Hirn
vom Himmel!, möchte man flehen, aber so viel Hirn kann gar nicht vom Himmel
fallen, daß die Leerkörper in den Köpfen deutscher Kulturpolitiker sich auch
nur annäherungsweise füllen ließen.

* * *

Während in den letzten zehn Jahren der Umsatz der 500 größten Unternehmen um 45
Prozent anstieg, haben sich die Profite dieser Unternehmen beinahe
verdreifacht. Diese 500 Unternehmen, die alljährlich vom US-Wirtschaftsmagazin
"Fortune" als "Global 500" zusammengestellt werden,
vereinten auf sich eine Umsatzsumme von 14.873 Milliarden US-Dollar, was etwa
45% des weltweiten Bruttosozialprodukts entspricht. Sie wiesen einen addierten
Gewinn von 731 Milliarden US-Dollar aus.

* * *

"Der eiserne Vorhang
war eine Zeitmauer. Solange es ihn gab, war das Zeitproblem geographisch
gebunden. Jetzt ist diese Bindung weg, und der Mensch ist der Maschinenwelt
schutzlos ausgeliefert. Er kann nur hoffen, zwischen den sich unendlich
vermehrenden Maschinen noch einen Ort für sich zu finden. In der Bundesrepublik
gibt es schon jetzt mehr Fläche für Autos, also Straßen, Parkhäuser und
dergleichen, als Wohnraum. Zeitgewinn im Sinne des Kapitalismus ist Zeitverlust
für das Subjekt. Von der kapitalistischen Struktur her gesehen, ist die Ameise
der ideale Mensch. Der Mensch ist der Feind der Maschine, für jedes geordnete
System ist er der Störfaktor. Er ist unordentlich, macht Dreck und funktioniert
nicht. Also muß er weg, und das ist die Arbeit des Kapitalismus. Die Logik der
Maschine entspricht die Reduzierung des Menschen auf den Rohstoff, auf das
Material plus Zahngold. Rationalität als einziges verbindliches Kriterium
reduziert den Menschen auf seinen Marktwert."
Heiner Müller, 1990

* * *

Ein Journalist will gebildet scheinen und schreibt: "Das Trio Jean Paul spielte (…) den ersten Satz
exakt so wie der Komponist es vorgesehen und (…) sich gewünscht hätte: allegro
ma non troppo. Fröhlich, aber nicht zu sehr."
Pech, daß "Allegro" im Italienischen "schnell" heißt und
nicht "fröhlich", und daß es in der Musik genau das bedeutet: Schnell
eben. Allegro ma non troppo - "schnell, aber nicht zu sehr".
Am Ende des gleichen Artikels zitiert der Arno Widmann in der Berliner Zeitung
dann den Außenminister: "Der
junge Bundestagsabgeordnete Joschka Fischer hat das Parlament einmal als
"Schnapsbude" bezeichnet." Nach meiner Erinnerung
hat der Joseph Fischer seinerzeit vom Bundestag als "unglaublicher
Alkoholikerversammlung" gesprochen, aber das mögen andere richtig stellen,
falls sie sich dazu bemüßigt sehen.

* * *

Die neuen "Auswärts"-Nationaltrikots, die Adidas für die deutsche
Fußball-Nationalmannschaft entworfen hat, sollen, ausgerechnet, rot sein. Rotes
Hemd, weiße Hose, rote Stutzen. Am Ausschnitt ist auch gold und schwarz
eingearbeitet. Wenn schon sonst nichts mehr rot in diesem Land ist, dann
könnens auch die Nationaltrikots sein, dachte man da wohl. Die Auswärtstrikots
waren bisher übrigens - genau: grün…

* * *

"Ich möchte, daß
verstanden wird, was Kapitalismus ist. Die ebenso typische wie bösartige
Reaktion auf unverstandenen Kapitalismus ist Nationalismus. Was dem Staat als
ideellen Gesamtkapitalisten natürlich sehr zupaß kommt. Der Herr Bundeskanzler,
der vor 20 Jahren noch zu "Konkret"-Feiern ging, besucht heute - in
durchaus politischer Absicht - das Soldatengrab seines Vaters in Rumänien, hält
in der Normandie oder zur Flick-Ausstellung Reden, die an widerlicher Geschichtsrevision
nicht zu übertreffen sind, reicht den Polen die Hand zur Versöhnung, als hätten
die Deutschen etwas zu vergeben. Ich gebe zu: Das alles ist sehr geschickt
gemacht, Schröder ist sein Geld wert. Wie er Deutschland als Großmacht
etabliert, bevor die Nachbarn noch so richtig merken, was läuft - das ist
widerlich, aber es ist perfekt gemacht." Hermann L. Gremliza
in einem Interview mit "Zitty"

* * *

Aber wenn man so was schreibt oder zitiert, ist das manchen Leuten gar nicht
recht. So fragte ein Journalist des öffentlich-rechtlichen Deutschland-Radios,
der wohl seinen Job eben den Schröders und Fischers und Konsorten und plumpem
Proporz zu verdanken hat, ob es diesen Rundbrief nicht auch "ohne diese wichtigtuerischen,
einseitig blinden Schlusskommentare" gebe, und sachkundig
ergänzt der werte Herr, der offensichtlich nicht einfach das "Und
ansonsten" ignorieren kann: "Wäre
weit weniger widerlich. Wohl nie übers JU-Schülerzeitungs-Niveua
hinausgekommen?" Daß man rot-grün auch von links kritisieren
kann, ist wohl jenseits der Vorstellungskraft dieses Herrn. Rinks und lechts
kann man ja bekanntlich nicht velwechsern, wusste schon Ernst Jandl.

* * *

Und die Musikindustrie hört nicht auf, ihre Kunden zu bekämpfen. Gerd Gebhardt,
Vorsitzender des Bundesverbands der Phonographischen Wirtschaft, fordert die
Bundesregierung auf, bei der Novellierung des Urheberschutzrechts die Zahl
legaler Privatkopien zu begrenzen. Sie schaufeln sich selbst ihr Grab, aber
dabei immer große Klappe…

* * *

Und ein anderer Großsprech der Musikindustrie, der gescheiterte und geschasste
Universal-Manager Tim Renner:
"Was fordert die
Popmusik von der Politik? Da sind wir bescheiden: (…) 2. Plattform sichern,
sprich eine Quote im öffentlich-rechtlichen Radio. Plus: Mitarbeit an einem
deutschen Popbewusstsein." (am 21.9.2002 auf
bundesregierung.de)
Als ob die Quote nicht schon eine ausreichend bescheuerte Forderung wäre, nein,
jetzt soll die Bundesregierung auch noch an einem "deutschen
Popbewusstsein" mitarbeiten. Es bleibt einem auch wirklich nichts erspart.

* * *

John Peel ist tot. Und Jens Balzer begann seinen Nachruf in der "Berliner
Zeitung" wie folgt:
"Irgendwann gab es in
dieser Welt einmal eine Epoche, da wurden die Radiostationen noch nicht von
Computern und deren Erfüllungsgehilfen regiert; da wurde Musik nicht nur als
Füllsel zwischen Werbeeinspielungen angesehen; da wählte keine Software die
Schallplatten aus, die dann - nach "Musikfarben" schematisiert -
unauffällig und willenlos durch den Äther dudelten. Damals saßen noch richtige
Menschen mit einer richtigen Plattensammlung in den Stationen; Menschen mit
einer Leidenschaft für die Musik, die sie spielten; Menschen, die sich tagein
und tagaus durch immer neue Demobänder und Debütschallplatten wühlten; voller
Neugier auf neue Bands, noch nicht gehörte Stile und Schulen und Sounds -
einerlei, aus welchem Winkel der Welt diese stammten; einerlei, mit welchen
Instrumenten sie gespielt wurden; und vor allem: einerlei, ob sich die Manager
der Musikindustrie davon einen Hitparadenerfolg erhofften oder nicht.
Das war die große Zeit des
Radios: die große Zeit der Radio-DJs. Die Zeit der moderierenden
Musikwahnsinnigen, der Fanatiker und Nerds. John Peel war von ihnen allen der
größte. Der wahnsinnigste und leidenschaftlichste und klügste. Der Mann mit dem
besten Geschmack und der größten Neugier; der Moderator, der mit dem
herrlichsten Akzent die interessantesten Geschichten erzählte: ein Patron der
Popmusik, wie es neben ihm keinen anderen gab. Und keinen mehr geben wird."

Und das hätten wir nicht besser sagen können. Gerade in diesen "scheißigen
Zeiten" (Goethe) würde die Radiolandschaft Journalisten benötigen, die
wenigstens etwas von John Peel haben. Und durch seinen viel zu frühen Tod sind
diese scheißigen Zeiten noch ein bißchen scheißiger geworden.
Wir trauern um John Peel. Eine Ikone des Musikjournalismus. Und ein Freund und
Förderer vieler Bands und Künstler dieser Agentur. Und wir denken, John Peel
würde es gefallen, wenn man über seinem Grab mit einem guten Rotwein anstoßen
würde, und daher schenken wir dem- oder derjenigen, der oder die uns als erstes
die nicht-britische Band mit den meisten Peel-Sessions nennt (nur per Email),
eine gute Flasche Rotwein. Bedingung: Mit wem auch immer der Gewinner oder die
Gewinnerin diesen Rotwein öffnen wird, der erste Toast geht in memoriam John
Peel. Versprochen? Versprochen.

And I won't forget to put roses on your grave

No I won't forget to put roses on your grave.

01.10.2004

Und Anonsten 2004-10-01

Über
die Perversion, daß in Berlin von den Staatlichen Museen die Flick-Collection
eröffnet wurde, wurde an dieser Stelle bereits mehrfach geschrieben. Dass
Politiker wie Schröder und Wowereit bei der Weißwaschung von
Kriegsverbrecher-Geldern dienen. Und dass die Berliner Museen wieder einmal
Museumsarbeit durch das Ausborgen einer Sammlung ersetzen, was, wenn dieser
Kalauer angesichts des Namens des Berliner Museumsgenerals, Peter-Klaus
Schuster, erlaubt ist, die übliche "Flickschusterei" ergibt…
Eine Ausstellung übrigens, über die selbst die FAZ-Sonntagszeitung im Titel nur
drei Worte fand: "Unmoralisch. Langweilig. Überflüssig."
Natürlich ist es pervers, dass ein Bundeskanzler Schröder, diese
personifizierte Zumutung deutscher Politik, am Wochenende die
"Mitnahmementalität" der Deutschen bei Sozialleistungen geißelt, und
in der Woche darauf als Eröffnungsredner der Flick-Collection einem
milliardenschweren Steuerflüchtling den Hof macht. Und es ist pervers zu sehen,
wie deutsche Sozialdemokraten den Bückling machen vor dem Erben eines
Kriegsverbrechers, der sich bis heute weigert, in die Stiftung zugunsten
ehemaliger Zwangsarbeiter einzuzahlen - wohl wissend, dass seine Sammlung in
den Jahren, die sie in Berlin auf staatliche Kosten gezeigt wird, im Wert
steigen wird, während die ehemaligen Flick-Zwangsarbeiter in diesen Jahren
sterben werden. Das ist das, was in dieser Republik "Normalisierung"
heißt -
Eichinger zeigt uns Hitler privat, und Schröder und Wowereit präsentieren eine
feinsinnige Kunstsammlung, die auf Kosten der Opfer Hitlers entstanden ist.
Eine moralische Bodenlosigkeit sondergleichen. Einfach widerlich.

* * *

"Ich kenne die Sammlung
Flick nicht, und diejenigen, die sie jetzt so hochloben, kennen sie auch nicht
- das ist doch schon mal ein widerliches Theater. Da wird mit Namen gepokert,
da werden Werte und Qualitäten behauptet, und eigentlich wird nur gezeigt, wie
leicht und wie schnell es heute geht, eine so genannte hochkarätige Sammlung
hinzuklotzen. Mit etwas Geld kann das fast jeder. Und wenn Herr Flick dann
seine Sammlung den Berlinern sieben Jahre leiht, behandeln das viele schon wie
ein Geschenk an die Nation. Die moralische Seite der ganzen Geschichte, sofern
man diese überhaupt von einer ästhetischen Seite trennen kann, ist doch auch
nur ekelhaft für mich."
Gerhard Richter in der "Zeit"

* * *

Und, übrigens, das muß man sich heutzutage von der alles andere als
linksradikalen FAZ im Aufmacher des Wochenend-Feuilletons sagen lassen:
"Die
Ausstellungseröffnung im Hamburger Bahnhof, genauer: das Ausbleiben ihrer
Absage, signalisiert eine Verschiebung in der Diskursstruktur, die über den
Anlaß hinaus von Bedeutung ist. Um die Tiefe des Einschnitts zu gewärtigen, muß
man sich nur auszumalen versuchen, wie die Sache vor zehn, fünfzehn Jahren
ausgegangen wäre: Kaum vorstellbar, dass der schwerreiche Erbe eines
verurteilten Kriegsverbrechers schon damals zum Darling des Berliner
Establishments hätte werden können, wenn er sich, wie Friedrich Christian Flick
heute, in einer Mischung aus Bockigkeit und Naivität geweigert hätte, in den
Entschädigungsfonds für ehemalige Zwangsarbeiter einzuzahlen; schwerer noch
vorzustellen, Politik und Stiftung wären bei ihrer Unterstützung für die
Ausstellung geblieben, nachdem ein prominentes Mitglied der jüdischen Gemeinde
dem Sammler vorgeworfen hätte, mit seiner Leihgabe die moralische Reinwaschung
von "Blutgeld" zu beabsichtigen; nahezu undenkbar, dass die Ausstellung
überhaupt stattgefunden hätte."
Ja, genau so ist es.
Wir werden noch einmal in nicht so ferner Zukunft feststellen, dass die
Regierung derer Schröder und Fischer und Konsorten das größte Übel war, das
dieser politisch nicht gerade verwöhnten Republik passieren konnte. Die
regierungsamtlich vollzogene Verwurschtung von Protest und Gegenöffentlichkeit
hin zu einer Anything Goes-Politik, unterstützt von einer pseudoliberalen, im
Geist der eigenen Wichtigtuerei gleichgeschalteten "Öffentlichkeit" -
wer hätte gedacht, dass dies in nur sechs Jahren möglich sei?

* * *

"Ich! will! Nicht
dazugehören!"
Peter Rühmkorf in "Tabu I"

* * *

Übrigens hat es natürlich eine Tradition: Schon Großvater Flick hat schließlich
Hermann Göring zum Geburtstag "alte Meister" geschenkt, so, wie der
Enkel nun vermeintlich dem Staat wieder etwas Kunst (diesmal:) leiht.
Und als ob die Flick-Collection nicht schon übel genug sei, schlüpfen prompt
auch Görings Erben aus ihren Nestern und fordern von Schröder und dem Staat,
ihnen Raum zur Verfügung zu stellen für eine "Göring Collection": www.carinhall-thecollection.de

* * *

Und Schröder zum Zweiten - da besucht der Bundeskanzler den Plattenkonzern
Universal. Und macht schön brav seine Honneurs, beziehungsweise gibt eine
Gefälligkeitsstellungnahme ab, denn die Bundesregierung setzt endgültig nur
noch Beschlüsse der Bertelsmann AG und Universal Deutschland um: Demzufolge "sieht der Kanzler keinen
Anspruch auf eine Privatkopie", vermeldet das Branchenmagazin
Musikwoche im Anschluß an das Treffen. Individuelle Rechte von Privatpersonen -
Fehlanzeige bei einem Kanzler, der innenpolitisch noch alle Freiheitsrechte der
Bürger in den letzten drei Jahren eingeschränkt hat.

* * *

Der Kopierschutz, den Kanzler Schröder gutheißt, macht der EMI und BMG Sorgen:
Die französischen Ableger dieser beiden Global Player der Musikindustrie sehen
sich nämlich mit einem Verfahren wegen "Betrugs hinsichtlich der
Warenqualität" konfrontiert, das eine Justizkommission gegen die Firmen
eröffnet hat, weil die mit einem Kopierschutz frisierten CDs auf Computern und
im Auto nicht abgespielt werden können. Das französische Wettbewerbs- und
Betrugsbüro hat den Kopierschutz inzwischen für unzulässig erklärt. Eine
Verurteilung könnte Strafen in Höhe von 188.000 EUR nach sich ziehen, zudem
müssten alle kopier-geschützten CDs aus dem Handel entfernt werden. Frankreich,
Du hast es besser! In Frankreich ist da, wo bei uns ein Kanzler der Bosse
regiert und Unternehmerpolitik betreibt, ein Wettbewerbsbüro tätig, das
Bürgerrechte verteidigt. Übrigens nicht nur in Frankreich - ähnliche Verfahren
laufen in Belgien, dort sind neben BMG und EMI auch Universal und Sony Music
angeklagt.
Hoffen wir, dass die EU endlich auch hierzulande mal für etwas gut ist und
entsprechende Verfahren von den westlichen Nachbarn auch nach Deutschland
schwappen…

* * *

SPD und Grüne präsentieren eine Halbzeitbilanz rot-grüner Kulturpolitik. Und
fordern, versteht sich, denn man spricht ja deutsch, eine "nationale
Musikquote in den deutschen Rundfunksendern".
Der Musikmarkt und die freie Marktwirtschaft, according to Antje Vollmer,
"Kultur"-Politikerin der Grünen: "Die
hier lebenden Künstler müssen eine Chance haben, am Markt überhaupt teilnehmen
zu können." Und: "Die
Auswirkungen der Globalisierung auf die nationale Kultur wurde auch von den
Sendern lange nicht wahrgenommen." "Nationale
Kultur"! Und: "Junge
Künstler in Deutschland haben längst ein neues Selbstbewußtsein und nicht mehr
das Problem, sich in der eigenen Sprache auszudrücken." (alles
zitiert nach dpa)
Wenn es nicht so bitter und so zum Kotzen wäre, könnte man darüber lachen, wie
peinlich die grüne Heulsuse vom Dienst hier von "nationaler Kultur"
blabert, wie inkompetent, wie wirr. Als ob irgendeinem deutschen Künstler
jemals verboten worden wäre, deutsch zu singen. Als ob Rammstein und Reinhard
Mey, als ob Pur und Andrea Berg verboten würde, am Markt, oh, Verzeihung,
wahrscheinlich sagt man bei den Grünen jetzt "am nationalen Markt"
teilzunehmen. Wie gesagt, es ist selten dämlich, da hilft im Grunde nur
ignorieren.
Aber hinter dem Ganzen steckt Methode. Auf der einen Seite fordern die
rot-grünen nämlich "nationale Kultur", und wie sie das in der
Realität buchstabieren, zeigt sich auf der anderen Seite der Medaille - das
Haus der Kulturen der Welt in Berlin beispielsweise erhält vom Bund drastisch
weniger Subventionen und wird im nächsten Jahr so renommierte Musikreihen wie
"Transonic", das "Festival of Sacred Music" oder das
"popdeurope"-Festival einstellen müssen. Und hier entlarvt sich die
neo-nationalistische Kulturpolitik von Rot-Grün vollends - man streicht die
Mittel für europäische und außereuropäische Musik zusammen und fordert im
gleichen Moment eine "nationale Musikquote".
Widerlich, einfach nur widerlich.

* * *

Früher galt eine altmodische Verhaltensweise - bevor man etwas behauptet hat,
hat man recherchiert (galt für Journalisten, those were the days…), hat man
Untersuchungen gemacht (galt für Politiker, those were the days). Heutzutage
wird jeder halbe Gedanke, den irgendjemand hat, rausgepupst, und so sind die
Zeiten eben.
Gerade die Quotendiskussion eignet sich wunderbar dazu, irgendwas rumzublabern,
denn erstens fühlt doch jeder und jede irgendwie "deutsch", irgendwie
hört doch jeder Musik oder das, was er oder sie dafür hält, und irgendwie
braucht man von nichts Ahnung zu haben und kann sich dennoch aufblähen wie der
größte Furz.
Die grüne Gurke Claudia Roth etwa meint, die "Existenzsituation nationaler
Künstler" sei "besorgniserregend", und daher brauche es die
Quote. Das ist natürlich erstens dreist, denn wenn es der Dame tatsächlich um
die Existenzsituation von Künstlern gehen würde, dann würde sie sich erstmal
dafür einsetzen, dass die von SPD und Grünen vor Jahren beschlossene drastische
Kürzung des Bundeszuschusses zur Künstlersozialkasse rückgängig gemacht würde.
Zweitens aber ist es eben auch einfach unsinnig, denn so Leute wie Pur oder
2raumwohnung oder Rammstein oder die Böhsen Onkelz, um nur einige Beispiele
nationaler Hochkultur zu nennen, bevölkern ja eben die Spitzenpositionen
deutscher Album-Charts, und ich weiß nicht, was die grünen Heulsusen Roth oder
Vollmer denken, aber die Charts passieren so, dass Verkäufe über den Ladentisch
gemessen werden, allwöchentlich. Ja, in der Tat, es gibt Leute, die kaufen so
was. Tut mir auch weh, kann man aber nicht ändern.
Oder wenn sich Bartträger Thierse ereifert, es müsse "ja nicht gleich ein
Gesetz sein, es kann ja auch freiwillig sein, damit unser musikalischer
Nachwuchs eine Chance bekommt". Nun, den musikalischen oder auch sonstigen
Nachwuchs eines Herrn Thierse möchte ich weder hören noch sehen müssen… aber
jenseits dessen ist es ja nun wirklich so, dass der "musikalische
Nachwuchs" heutzutage und hierzulande so erfolgreich ist wie ewig nicht
mehr - unabhängig von Qualitätskriterien, aber auch Bands wie Wir sind Helden
oder Silbermond bevölkern heutzutage ja die Charts.
Und letztlich hat keiner von all denen, die die Quote fordern, mir je erklären können,
warum Radiomacher, die bisher jeden formatierten Bockmist dudeln lassen,
plötzlich anspruchsvollere Musik spielen würden, wenn 40% des Bockmistes
deutscher Herkunft wäre. Es ist nun eben leider einmal so, dass die Radios auch
bei einer Quote nicht plötzlich anfangen werden, Jens Friebe oder Blumfeld oder
Wiglaf Droste und das Spardosenterzett zu spielen. Sie würden nur den einen
Müll durch einen anderen Müll ersetzen.
Was soll der ganze Quatsch also, wenn faktisch eh nichts dran ist? Und da sind
wir wieder beim Ausgangspunkt: Den Quotenfreunden gleich welcher Coleur geht es
um nationale Identitätsstiftung, um nationale Kultur, um Nationalismus. Nichts
anderes. Und so, wie Schröder vor paar Jahren die Parole "Kriminelle
Ausländer raus", die im September von der NPD im sächsischen Wahlkampf
zitiert und plakatiert wurde, vorgab, so pfeifen die Quotenfreunde nun ihre
nationalistische Melodie, auf dass in ein paar Jahren… Es ist wirklich
widerlich.

* * *

In der DDR galt übrigens eine 60%-Quote bei öffentlichen Aufführungen - 60
Prozent der aufgeführten Werke hatten Inland-Pop oder der aus sozialistischen
Bruderländern zu sein, 40 Prozent durfte Musik aus dem
"nichtsozialistischen Wirtschaftsgebiet" sein. Kein Wunder, dass die
Ex-Maoistin Antje Vollmer die Quote mag, das wird sie an früher und an andere
staatssozialistische Experimente erinnern…

* * *

"Es gibt ja Leute, die
sagen, unsere Politiker, das sind alles Verbrecher. Das ist natürlich Unsinn.
Das wirklich organisierte Verbrechen, das arbeitet auf höherem Niveau. Da
werden Menschen auch mal zur Verantwortung gezogen."
Matthias Beltz

* * *

Wenn man die Stellungnahmen Schröders zur Tschetschenien-Politik Putins und zu
dessen Innenpolitik verfolgt, fragt man sich, wozu diese Bundesregierung noch
eine Menschenrechtsbeauftragte braucht, wo der Kanzler diese doch sowieso nicht
ernst nimmt und ungefragt alles für gut heißt, was sein Freund Putin so treibt.

Und was war der Preis? Die Vermittlung eines kleinen russischen Mädchens… (wenn
es hierzulande noch so etwas wie kritische Öffentlichkeit geben würde, dann
würde diese fragen, wie das Ehepaar Schröder ohne jede Genehmigung der
zuständigen Stellen kleine Kinder adoptieren darf…). Schröder zum Dritten. Und
damit endgültig versteigert.

* * *

Sonnabend, 18.September 2004, Werbeplakat der Bild-Zeitung in Berlin:
"Super Bingo. Meteorit
in Wohnhaus gekracht"
So kann mans natürlich auch sagen…

* * *

"Wer braucht schon
Plattenfirmen. Worum es geht, sind die Fans. Wir haben keinen Kontakt zu Labels,
weil wir nichts haben, was sie verkaufen könnten. Falls und wenn wir doch was
anbieten können, werden wir sehr vorsichtig vorgehen. Heute ist es so, dass die
Labels uns Künstler nötiger brauchen als wir sie."
Frank Black über ein neues Pixies-Album
(zitiert nach "Musikexpress")

* * *

Wenn man liest, dass Quentin Tarantino als Jury-Präsident des Filmfestival
Cannes dagegen gekämpft hat, dass dem unseligen Populisten Michael Moore die
Goldene Palme verliehen wird (leider konnte er sich nicht durchsetzen), dann
mag man den Pulp Fiction-Regisseur gleich noch ein bisschen mehr…

* * *

Dieses lächerliche Theater um die Rechtschreibreform. Natürlich bin ich seit
jeher gegen diese Reform (in rot-grünen Zeiten ist das einfach der logische
Reflex, gegen alles zu sein, was sich "Reform" schimpft, grins…),
aber man muß, wenn man nach etlichen Jahren aufwacht wie die neue Koalition von
"Spiegel" und "Blöd", ja nicht gleich das Beharren auf der
alten Rechtschreibung als revolutionären Akt begreifen, und man muß so etwas
nicht gleich völkisch überhöhen.
"Die (Alphabet)-Schrift
(…) ist, das hat die Schriftforschung längst gezeigt, eine Kulturtechnik sui
generis, Literalität ist etwas anderes als verschriftete Oralität. Schierem
Unfug kommt es daher gleich, wenn Linguisten die Vereinfachung des Schreibens
dadurch meinen begründen zu können, jeder sollte im Grunde schreiben dürfen,
wie ihm der Schnabel gewachsen sei. So schafft man mit dem Schreiben eine
Bildungsidee ab, die schriftsprachliche Kompetenz als reflexive Ermöglichung
von Eigensinn und Freiheit versteht - und nicht als Ausbildung einer
technokratich umrissenen, rein dem Verwertungsgedanken gehorchenden
"Berufsbefähigung"." So Jürgen Roth in
"Konkret".
Und der Schriftsteller Robert Menasse weist darauf hin, dass die sogenannte
Rechtschreibreform "rassistisch"
und "neoliberal"
sei: "Der Anspruch der
Vereinfachung der Regeln keucht vor der Gier danach, das gesellschaftliche
Denken zu versimpeln… Das ist eine Sprachpolitik, die unter dem Motto steht:
"Survival of the fittest"."

* * *

Der mit großem Getöse und per Knopfdruck von Bundeskanzler Schröder gestartete
Online-Vertrieb der deutschen Musikindustrie, "Phonoline", ist
gescheitert, Phonoline wurde aufgegeben. Na, hätte ich denen gleich sagen
können, ein Konzept, an dem die Deutsche Telekom beteiligt ist, und bei dem
Schröder auf den Startknopf drückt, so etwas muß einfach schief gehen, das weiß doch
längst jedes Kind…

* * *

Die Popkomm macht sich um die Weltmusik verdient - aus einer Presserklärung
dieser hippen, tollen Großveranstaltung: "Gleich
nebenan im Kesselhaus steht Weltmusik aus Frankreich auf der Agenda: Raul Paz
setzt auf kubanische Rhythmen, Naab auf die kongeniale Mischung von
orientalischen Klängen und elektronischen Dance-Beats, und die ursprünglich aus
dem Senegal stammende Formation Gnawa Diffusion verzaubert das Publikum mit
einer Melange aus Ragga und Trance."
Wie man erstens möglichst viel ausgemachten Schmarrn (jaja, so isser, der
Kubaner, er "setzt" eben einfach mal "auf kubanische
Rhythmen", zum Beispiel) zweitens in einer Sprache, die auf jeden Fall mal
nicht deutsch ist (wo doch jetzt nationales Liedgut so gefördert werden soll -
sagt mal, wie soll das denn in der Praxis funktionieren?!?), in nur einem Satz
unterbringt, das ist die eine popkulturelle Leistung. Daß man dann aber
drittens von Tuten und Blasen eh keine Ahnung hat und eine algerische Gruppe,
vielleicht noch mit marokkanischen Wurzeln, einfach mal eben aus dem Senegal
kommen lässt, das ist schon doll. Naja, ist ja eh alles eins da unten in der
dritten Welt bei den Kaffern…

* * *

"Leben kann man nur
inmitten einer Bewegung, die die Welt anklagt. Die Welt zu akzeptieren bedeutet
Tod."
Paul Nizan

Leicht gesagt. Schwer getan.

07.09.2004

Und Anonsten 2004-09-07

"Fairerweise
muß man sagen: Die großen Plattenfirmen haben nie so getan, als seien sie zu
etwas anderem da, als möglichst viel Geld zu verdienen, von dem sie den
Musikern möglichst wenig abgeben. Sie sind Investitionsapparate.(…) Wenn nun
die Musikindustrie, wie wir sie kennen, kollabiert, dann tut es mir natürlich
leid für die Leute, die dabei ihren Job verlieren. Aber sonst stört es mich
eigentlich nicht. Es werden weiterhin sehr viele sehr gute Platten gemacht
werden." John Peel
Happy Birthday, John Peel, zum 65.! Ad multos annos! (siehe auch
"News")
(ein Zeile der Marke "wie bringt man drei Sprachen in einer Zeile
unter"…)

* * *

Deprimierend die Olympia-Berichterstattung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen.
Schlecht vorbereitete Reporter und Moderatoren, die sich selbst, wichtig
wichtig, permanent eitel in den Vordergrund schoben. Und während in Athen der
Sport weiterging, liefen auf ARD und ZDF unwichtige und schlechte Interviews
mit deutschen Sportlern - Nationalismus pur. Und während Highlights wie z.B.
der 800m-Lauf der Frauen oder andere Sportereignisse liefen (die man bei
Eurosport tatsächlich live erleben konnte), schaltete man bei ARD und ZDF zur
Werbung oder zu "heute". Tatsächlich - bei ARD und ZDF sitzt man
garantiert in der letzten Reihe…

* * *

Nicht mehr ganz bei Trost der CDU-Abgeordnete im Berliner Abgeordnetenhaus und
ehemalige Museumsdirektor und Kultursenator, Christoph Stölzl, der forderte,
dass der Staat sich aus der Förderung von Kunst und Kultur zurückziehen solle -
nicht sofort und nicht gleich auf allen Fronten, aber doch so, dass am Ende
keine Subvention mehr übrig bleibe. Die Bürger sollten selber mehr
Verantwortung für ihre kulturellen Institutionen übernehmen.
Soweit der aktuelle galoppierende Schwachsinn aus der Hauptstadt, Marke
konservativ. Wer bezahlt denn die Subventionen für Kunst und Kultur (und nicht
zuletzt die Pensionen von abgehalfterten Museumsdirektoren und
Kultursenatoren)? Der Bürger, klar. Noch nicht mal den Grundkurs Demokratie
haben solche Wichtigtuer absolviert - die Hauptsache Schlagzeile, und ein
hübscher Tabubruch hat dazu noch immer gedient. Ernstzunehmen sind solche
Politiker nicht mehr. Waren sie es je?

* * *

A propos nicht ernstzunehmende Politiker: Bundeskanzler Schröder hat Hartz IV
abgeschafft. Natürlich nicht die entsprechende Politik, darum geht es schon
lange nicht, es geht nur um Begriffe, und eben den Begriff hat die Regierung
abgeschafft. "Hartz IV", das klinge so "lautmalerisch
hart", verbinde sich "nur mit Einschnitten", gebe gar
"inhaltlich nichts wieder", erläuterte der Regierungssprecher, daher
solle der Begriff "Hartz IV" nicht weiter verwendet werden.
"Reformen am Arbeitsmarkt" sei ein "in der Tat besserer
Begriff". Hab ich doch schon vor Monaten gesagt, seit rot-grün in Berlin
regiert, zuckt unsereiner nur noch zusammen, wenn er den Begriff "Reform"
hört…

* * *

"Punk ist der endgültige Sieg der Oberflächlichkeit über die Substanz, von
Schein über Realität, von Mode über Vision. Punk repräsentiert
Oberflächlichkeit, den Niedergang der Kultur - diese ganze Doktrin, dass Kunst
von jedermann gemacht werden kann; alles, was du brauchst, ist eine Gitarre,
und dann bist du ein Künstler. Punk war darauf ausgerichtet, die Kultur zu
zerstören…" David Thomas (im September noch mal mit seiner aktuellen,
genialen Show auf Kurztour, in einer mutigen Stellungnahme für den "Musikexpress")

* * *

Mein Gott, was bete ich, dass Kerry die amerikanischen Wahlen gewinnt. Nochmal
vier Jahre mit jährlich zwei dämlichen Michael Moore-Büchern, mit misslungenen
"Polit"-Alben liebgewonnener Künstler (jüngste Beispiele: Steve
Earle, die Creekdippers), das hält doch niemand aus. Nicht, dass sich
substantiell in den USA irgendetwas ändern würde, aber…

* * *

Überraschende Neuigkeiten hält das investigative Yellow Press-Magazin für
Deutschlands Führungselite im Reichstag bereit - Hitler ist gestorben! Perdauz!
"Hitlers Ende - die letzten Tage im Führungsbunker" titelt der
SPIEGEL am 23.8. in seiner jährlichen Nazi-Titelgeschichte, einen Anlaß
suchend, Hitlers Konterfei in ganz Berlin öffentlich plakatieren zu können….

* * *

"Menschlichkeit und Politik schließen sich im Grunde immer aus. Politik
fordert Partei, Menschlichkeit verbietet Partei."
Hermann Hesse

* * *

Unser Nachbarland hats auch nicht grade einfach. "Frontale Wolken über der
Schweiz", titelt die Neue Zürcher Zeitung am 25.8. "Frontale
Wolken"…

* * *

Das Dafo-Streichquartett eröffnete etliche der Lambchop-Konzerte dieses
Frühjahrs und Sommers mit einem Streichquartett des zeitgenössischen polnischen
Komponisten Penderecki. Ein irrsinniges Stück, faszinierend, modern. Die
Popmusikkritik war davon meistens überfordert, strengte sich aber auch nur
selten an, klüger zu werden. Mal waren es "improvisierte Töne", die
da zu hören waren, mal "eine Art Soundcheck", oder zuletzt in einer
Konzertkritik von Visions wurde aus dem Penderecki eine
"Strawinsky-Komposition". Na, die Namen klingen ja auch ähnlich,
irgendwie, und irgendwie "modern" sind sie auch beide. Zumindest in
den Ohren des Visions-Autors. Schade. Aufmerksamer hingehört (die Damen haben
nämlich das Stück jeden Abend an- bzw. abgesagt) oder nachgefragt wäre besser
gewesen…

* * *

BMG hat nun tatsächlich eine sogenannte "Preisoffensive" gestartet
und bietet mit der aktuellen CD von 2raumwohnung erstmals eine Billig-Version
für 9,99 €, eine Normalversion für 12,99 € und eine Luxusvariante für 16,99 €
ein. Jenseits dessen, dass dieses Modell letztendlich eine Käuferverarsche
darstellt, denn ein Booklet oder zwei Bonustracks kosten nun wahrlich keine 3
€, jenseits dessen also die Frage, ob man 2raumwohnung ab sofort als Billigband
bezeichnen darf…

* * *

Speaking of 2raumwohnung - die reihen sich ein in die Stürmerfront
"Deutsche! Hört deutsche Musik!" und fordern nun auch eine Radioquote
für deutsche Musik. Die ja überhaupt schwer vernachlässigt zu sein scheint. Ein
kleiner Auszug aus den deutschen Album-Charts, zum Beispiel vom 16.8.2004, also
gewissermaßen aus der Woche des Jahrestages des Mauerbaus: Platz 1 Böhse
Onkelz, Platz 2 Anastacia, Platz 3 Die Lollipops mit dem schönen Titel
"Tanzen, lachen, Party machen", Platz 4 Silbermond mit
"Verschwende deine Zeit", Platz 5 die "Big Brother
Alltstars" mit "Die Sommerfete", Platz 6 J.B.O. mit einem
wahrscheinlich irrsinnig Bush-kritisch gemeintem Albumtitel namens "United
States of Blöedsinn" (die blöede Schreibweise hat mit Legasthenie, nicht
mit irgendeiner Rechtschreibreform zu tun), Platz 8 ist der Soundtrack zu
"(T)Raumschiff Surprise-Periode", Platz 9 gehört dem bis dahin
wahrscheinlich anspruchvollsten Titel dieser Auflistung, Andrea Bergs
"Du", und auf Platz 10 finden wir Azad mit "Der Bozz".
Man fragt sich eigentlich nur, wo das aktuelle Album der erzgebirgischen
"De Randfichten" abgeblieben ist, der Band, die manche Menschen aus
den Beitrittsgebieten verdient haben… (keine Sorge, "Dr Holzmichl"
ist auf Platz 32). Wer mit mir jetzt noch ernsthaft darüber reden möchte, dass
"wir" eine Radioquote für deutsche Musik benötigen, weil sonst die
"deutsche Kultur" untergeht, den kann man wirklich nur noch fragen,
ob er denn noch alle am Christbaum hat, oder ihn wegen geistiger Minderbemitteltheit
wegsperren. Diese beispielhaften Albumcharts beweisen, dass jeder
englischsprachige Titel, der im Radio gespielt wird, im Zweifel eine
Widerstandsleistung gegen deutschen Unfug und "Blöedsinn" darstellt,
und Widerstand wird hier groß geschrieben. "In dubio contra", wie es
in meiner deutschen Lieblingszeitschrift seit Jahr und Tag gepflegt wird. Oder,
etwas burschikoser, aber in der Sprache, die dieses Pack versteht:
"Deutschland, haltz Maul!" (das war jetzt aber ganz schön böse,
nicht? ist aber doch auch wirklich wahr…)

* * *

Und warum ausgerechnet das geschätzte französische Bureau Export de la Musique
Francaise seinen Popkomm-Abend des Mottos "Retour de France"
ausgerechnet mit den unsäglichen und viertklassigen National-Poppern
"Mia" als "special guest" verunstalten lässt, bleibt
rätselhaft, aber irgendwie scheint mittlerweile alles möglich, nur zu wundern
braucht man sich über wirklich gar nichts mehr….

* * *

Speaking of Popkomm - nein, auch wenn die große Messe sich nun geliftet und schönheitsoperiert
geriert, und alles schöner schneller besser werden soll - hinter all der
Kosmetik lugt doch das Gesicht der alten Jungfer hervor, die niemand braucht.
Also: wir gehen da nicht hin. Was Besseres als die Popkomm findet man in Berlin
nun wirklich jeden Abend, und fast überall…

In diesem Sinne schöne Septembertage

03.08.2004

Und Ansonsten 2004-08-03

"Kultursommer
am Millerntor: Günter Grass reiht sich in die Retter des FC St. Pauli ein. Die
einmalige Rettungsaktion des Fußballs durch Dichtung wird vom Verein in
Zusammenarbeit mit dem Hamburger Abendblatt, mit Arte-TV, NDR Kultur, dem
Hamburger Goethe-Institut und dem Literaturhaus organisiert. Auf dem Spielfeld
wird eine Bühne für den Nobelpreisträger von 1999 errichtet, die 3.500
erwarteten Zuschauer nehmen auf der Hauptbühne Platz. Günter Grass wird aus
"Mein Jahrhundert", einige fußballspezifische Geschichten sowie neue,
bislang unveröffentlichte Texte lesen, insgesamt 90 Minuten lang, so lang wie
ein Fußballspiel."
(zitiert nach "Konkret")
Ach je, armer FC St. Pauli. Ich hatte ja, zugegebenermaßen, mal Sympathien für
Dich, schienst Du doch die Hamburger Underdog-Variante meines geliebten TSV
1860 München.
Wer aber den peinlichen und unvermeidlichen Schriftsteller Grass einlädt zu
einer derartigen Volksbelustigung, jemanden, dem vor etwas mehr als 40 Jahren
seine letzte brauchbare halbe Seite gelang, der hat es nicht anders verdient
und wird auch weiter in der Drittklassigkeit spielen. Adieu FC St. Pauli, eure
Spiele dürften in Zukunft so langweilig sein wie eine 90minütige Lesung mit
Günter Grass…

* * *

Das Musikfeuilleton der Berliner Zeitung ist uns manches Mal lieb und teuer -
wir erinnern an den guten Artikel über Jens Friebe. Oder unlängst eine
wunderbare Arbeit über den großen und unvergleichlichen David Thomas.
Und dann schreibt ein Harald Peters im Kulturkalender der Berliner Zeitung einen
Vorbericht aufs Berliner Doppelkonzert von Lambchop und Tortoise, an dem außer
Datum und Bandnamen kaum was stimmt. Etwa schreibt er über Lambchop, dass sie
ihre beiden neuen Alben "in diesem Jahr allerdings schon zwei Mal vor
Berliner Publikum vorgestellt haben", was einmal zu viel ist. Während der
Autor, der für diesen Schmarrn wohl unverzeihlicherweise auch noch
Zeilenhonorar bezogen haben dürfte, findet, dass bei Tortoise "ihr letztes
Berliner Konzert ungefähr sechs Jahre her" ist, was nur knapp vorbei ist
(es war grade mal ein Jahr…), aber eben doch auch daneben.
Wenn Journalisten schon zu faul zum Recherchieren sind, sollten sie bei Fakten
doch wenigstens die Klappe halten. (ich weiß, das ist alles ein furchtbar
altmodisches Ansinnen, Hauptsache, all die Zeitungen und Zeitschriften werden
vollgeplappert…)

* * *

In memoriam Marlon Brando:
"Auf ihre Weise ist die Mafia das beste Beispiel des Kapitalismus, das es
gibt. Ich glaube, die Praktiken, die Don Corleone anwendet, unterscheiden sich
nicht sehr von denen, die General Motors gegen Ralph Nader anwandten. Im
Gegensatz zu manchen korporativen Industriemanagern hat Corleone eine tiefe
Loyalität zu seinen Leuten, die ihn und seine Sache unterstützen. Er ist ein
Mann mit festen Prinzipien, und es drängt sich natürlich die Frage auf, wie so
ein Mann die Ermordung von Menschen zulassen kann. Aber die amerikanische
Regierung tut genau dasselbe aus Gründen, die sich von denen der Mafia kaum
unterscheiden." Marlon Brando, 1972, über "The Godfather"
("Der Pate")

* * *

"Ich hatte eine Achilles-Ferse, und das war mein Knie."
Der deutsche Zehnkämpfer Jürgen Hingsen, 2004, beim nachträglichen Versuch,
seine Niederlage bei den olympischen Spielen 1984 zu erklären, in einer
Arte-Sendung.

* * *

Die Freisprüche im Mannesmann-Prozeß, und schon tönen sie wieder, die
Moralapostel der Republik, die säuerlichen Sozialdemokraten, deren Regierung
die Politik der Bosse umsetzt, und die sich ein paar Politiker mit der
Narrenkappe leistet, die in der Öffentlichkeit Wasser predigen. Ein Wolfgang
Thierse tönt: "Nur weil sie rechtlich offenbar nicht geahndet werden kann,
ist die Selbstbedienung bei Mannesmann moralisch noch lange nicht zu
rechtfertigen, sondern schlicht unanständig." Und ein Michael Müller ergänzt:
"Zu den sieben Todsünden gehört die Maßlosigkeit." Wie wäre es denn,
wenn sich unsere Herren Sozialdemokraten mal ein bisschen weniger in der
Öffentlichkeit aufblasen würden und stattdessen das tun, wofür sie von uns
bezahlt werden, nämlich Gesetze zu verabschieden, die die Raffsucht von
Wirtschaftsmanagern eindämmt oder gar unmöglich macht?
Damit wir uns nicht missverstehen - wie da der Deutsche Bank-Chef Ackermann
übers ganze Gesicht strahlend den Freispruch entgegennimmt, diesmal das
Victory-Zeichen nicht mit der Hand, aber mit dem Solarium-gebräunten Gesicht
bildend - natürlich mag unsereiner da am liebsten kotzen. Aber hilft ja nichts
- der Kapitalismus ist der Kapitalismus ist der Kapitalismus, und wie der
funktioniert, ist keine Überraschung, sondern seit gut 150 Jahren bekannt. Wer
dann aber so tut, als ob man den Großbanken und der Großindustrie mit
"Moral" kommen könnte, der ist nicht einfach nur dämlich oder hat im
Grundkurs BWL an der Volksschule nicht aufgepasst, nein, der ist auch noch auf
äußerst ärgerliche Art und Weise dreist. Und so was mögen wir nicht, meine
Herren Sozialdemokraten. Hinsetzen, sechs. Und nicht, wie Sie jetzt denken…

* * *

Die Jungs von Attac versuchens, könnens aber leider nicht: Eine Postkarte soll
man an Vodafone D2 schreiben, und auf der Postkarte (auf der Vorderseite ein
trauriges kleines Mädchen, "ich finde Vodafone zum Heulen, weil es in mein
Klassenzimmer regnet", kein Scheiß, steht so da!...) hat Attac
vorgedruckt:
"Her mit den 20.000.000.000 Euro!
Durch Ihre virtuellen Verluste am Aktienmarkt nach der Mannesmann-Übernahme
bescheren Sie den öffentlichen Kassen reale Verluste von rund 20 Mrd. Euro.
Dagegen protestiere ich aufs Schärfste. Ich fordere Sie auf, Ihrer
Steuerpflicht ohne Rechentricks in vollem Umfang nachzukommen. Ansonsten kommt
Vodafone als Vertragspartner für mich nicht mehr in Frage." Tschah,
früher, liebe Attac, früher hätte so etwas ganz sicher geholfen, das waren die
Zeiten, als man einen Unternehmensvorstand nur mal scharf angucken musste, mit
Kündigung drohen, sagen "ich protestiere aufs Schärfste", und
schwupps sagte der Vorstand, oh, ein Versehen, tut mir leid, Sie haben ganz
Recht, soll nicht wieder vorkommen. Heute funktioniert das aber nicht mehr,
glaubt mir. Nicht mal die taz kann man mehr mit einer Abokündigung schrecken,
und die haben wirklich jedes Abo nötig…

* * *

Jetzt geht wieder das große Wehe und Ach angesichts der Konzentrationsprozesse
in der Musikindustrie. Ich bin nicht stolz darauf, vor zwei Jahren vorausgesagt
zu haben, dass es mittelfristig nur noch zwei große Global Player in der
Musikindustrie geben würde und ansonsten viele kleine, feine Firmen, die die
Nischen besetzen und dabei durchaus erfolgreich sein werden. Ich hab mich wohl
eher im Zeitrahmen getäuscht, den ich auf 2010 beziffert hatte - heute glaubt
doch wohl ernsthaft niemand mehr daran, dass es 2010 noch unabhängige Firmen
wie Universal, EMI und Warner geben wird…
Nein, was mehr verwundert, ist, wie ein Teil der Indieszene, wie etwa der
Verband unabhängiger Tonträgerunternehmen, diese Konzentrationsprozesse
bejammert. Ich kann dem nichts Schlimmes abgewinnen. Jenseits dessen, dass die
Großen sowieso fusionieren, wie sie und das Shareholder Value das gerade
wollen, jenseits dessen also sehe ich nach wie vor wunderbare Chancen, die sich
daraus ergeben - es wird in der Tonträgerbranche eine Vielzahl von kulturell
verantwortungsbewussten, engagierten, kompetenten kleineren und mittleren
Firmen geben, die sich klug der guten Musik annehmen und immer wieder Erfolge
melden werden. Bereits jetzt braucht man sich doch nur mal in einer bestimmten
Szene umzuhören, und man hört alles andere als Jammern - da werden schwarze
Zahlen geschrieben, da werden kompetente Leute eingestellt, da wird über Musik
nachgedacht und mit guten Strategien Geld verdient. Etwas, was die Großen zu
weiten Teilen verlernt haben. Und die wirklich leckeren Brötchen kommen eben
aus den kleinen Backstuben, und nicht aus industrieller Fertigung. Also - mit
Lust kleine Brötchen backen ;-) Was einen dennoch erstaunt, ist die Bräsigkeit,
mit der die Majors sich nach wie vor bewegen, und die autoreferentielle Art und
Weise, mit der sich die Majors selbst inszenieren und wichtig tun. Hey, selbst
die Umsatzzahlen der fusionierten Branchenriesen sind doch nur in etwa so wie
die irgendeines x-beliebigen Mittelständlers im Sauerland, also, was soll das
alles… (dieses Argument hab ich mir, zugegeben, von der FAZ geliehen, es ist
aber auch zu hübsch…)

* * *

Wir erinnern uns: Mitte Juni 2004 wurde mit großem Getöse der
"Ausbildungspakt" zwischen unserer heiß geliebten Bundesregierung und
den mindestens genauso heiß und innig geliebten großen Unternehmer- und
Handwerksverbänden geschlossen. Der Kanzler sprach, wie es seine Art ist, von
einer "nationalen Kraftanstrengung", denn mit der "verbindlichen
Selbstverpflichtung" der Unternehmer sollten im laufenden und in den
beiden kommenden Jahren je 30.000 neue Leerstellen geschaffen werden. Und am
26.Juli schrieb das Handelsblatt: "Die ermutigenden Lehrstellenzahlen
belegen im Ansatz etwas Hoffnungsvolles: Die Wirtschaft ist dabei, die
Selbstverpflichtung angesichts der hohen Erwartungen, die in der Öffentlichkeit
an sie gestellt werden, zu erfüllen."
Wenn ich das schon höre, "die Wirtschaft"… Si tacuisses!
Schon einen Tag später, am 27.Juli, ist alles Makulatur: Das Bundesinstitut für
Berufsbildung (BIBB) veröffentlicht seine Zahlen, wonach im Herbst 30.000 bis
35.000 Jugendliche ohne Ausbildungsplatz bleiben werden. Der Generalsekretär
des Instituts erklärt in der Berliner Zeitung, die Betriebe würden die Zusagen
der Verbände offenbar nicht einhalten. Damit setze sich eine verhängnisvolle
Entwicklung fort. Allein in den letzten vier Jahren seien in Deutschland
150.000 betriebliche Ausbildungsplätze weggefallen, und dies selbst in höchst
profitablen Betrieben. So habe die Deutsche Bank ihren Gewinn verdreifacht und
dennoch im vergangenen Jahr 12 Prozent ihrer Lehrstellen gestrichen.
Soviel zu rot-grünen "nationalen Kraftanstrengungen"… Wundert sich da
noch jemand über die SPD-Umfragezahlen? "Verarschen können wir uns
selber", haben wir früher immer gesagt…

* * *

"Das Problem der gegenwärtigen Propaganda ist, dass man dem Imperialismus,
der mehr Grund zu Vorwürfen bietet als jede Gesellschaftsform sonst, gar nichts
vorwerfen kann: weil es ihm gelungen ist, den Leuten alle Kriterien für recht
und unrecht, wahr und falsch, schön und hässlich aus den Hirnen zu waschen.
Nichts gilt mehr, und wie argumentieren, wo nichts gilt? Das Waschmittel ist
der Positivismus, die Wäscherei das Fernsehen."
Peter Hacks, 9.12.2000

* * *

"Ich bin bei meinen Gedanken für das Land wo ich arbeite."
Lothar Matthäus, Trainer der ungarischen Nationalmannschaft und fast
Bundestrainer, am 6.6.2004

* * *

"machen wir uns nichts vor: staatspolitik ist militärpolitik,
kulturpolitik ist wirtschaftspolitik, bürgerinitiativen sind pipifax."
Ronald M. Schernikau, "Legende"

* * *

Nein, die Claudia Roth kann noch so Honigkuchen-haft stolz aus der Bunten
entgegenblöcken, mit dem frisch erworbenen Orden der Ehrenlegion, den sie sich
u.a. mit einer Knallcharge wie Sabine Christiansen teilen muß - da kann die
Bunte noch so sehr titeln "Tapferer Ritter Claudia" - diese Dame
bleibt für mich "nicht satisfikationsfähig", wie bereits mehrfach
festgehalten. Und basta.

* * *

Das ist das, was die "Leben"-Redaktion der "Zeit" diesen
Sommer anderthalb Druckseiten breit beschäftigt auf ihrer Titelseite:
Wie ich einmal vom Fünfmeterbrett springen wollte, es aber mit der Angst zu tun
bekommen habe.
Kein Wunder, dass das nichts wird mit den Reformen in der Bundesrepublik, wo
doch schon die angeblichen Intellektuellen noch an jedem Köpper scheitern…

* * *

Dafür musste man eben diese "Leben"-Redaktion der Zeit eine Woche
vorher doch sehr lieb haben für eine entschiedene Kritik der hiesigen
Radiolandschaft. U.a. schrieb Ulrich Stock:
"Das ist in der Tat ein Phänomen: Dem Mehr an Musik steht ein Weniger an
Leuten gegenüber, die sie kennen. Und der traurige Grund dafür ist rasch
benannt: Weder die Musikindustrie noch das Radio noch die Fachpresse bemühen
sich hinreichend um Vermittlung. Selbst für viele erfahrene Hörer kommt der
heiße Tip nach wie vor vom guten Freund. Wir leben in einer
Informationsgesellschaft, aber die musikalische Ästhetik vermittelt sich immer
noch von Mund zu Mund, von Ohr zu Ohr.
Die CD-Industrie ist nur am Absatz ihrer Megastars interessiert. Läßt der nach,
wie in den vergangenen Jahren geschehen, beginnt ein Geheul nach Art der
Dinosaurier kurz vor der Extinktion.
Was ist so schlimm daran, wenn die ganz Großen 20 Prozent weniger CDs
verkaufen? Reich sind sie ohnehin, arbeiten müssen sie nicht mehr. Erfolg sei
ihnen gegönnt; er wäre allerdings auch jenen vielen anderen Musikern zu
wünschen, die im bestehenden System kaum eine Chance haben.
Schuld hat vor allem das Radio: Zwar hat sich die Zahl der Sender in
Deutschland seit der Privatisierung vervielfacht, doch hat dies hauptsächlich
zur Verödung des Gesendeten geführt. Die Einschaltquote als Einfaltquote, der
Rundfunk als Dummfunk, der das simple Gelüst nach Repetition konsensfähiger
Fetzer befriedigt, zum Hörer aber nichts anderes mehr transportiert als das ihm
schon Bekannte.
Das Niveau des deutschen Rundfunks ist auf einem Tiefpunkt angekommen.
Ödeldödel dominiert die meisten Frequenzen. (…)
Für neue Gedanken braucht es neue Impulse. Mal etwas hören, was man nie gehört
hat. Mal einem Gedanken folgen, den man nie gedacht hat. Der einzige positive
Impuls, der von den meisten Sendern ausgeht, ist der Wunsch
auszuschalten." Das hätten wir nicht besser sagen können, dankeschön!

* * *

"Ich befürchte, dass unser Nachwuchs verblödet wird", sagt Michael
vom kulturell und pädagogisch extrem wertvollen Volksmusik-Duo "Marianne
& Michael" in "Das Goldene Blatt". So ist es. Und die
schärfsten Kritiker der Elche waren nicht, sondern sind noch immer welche…

In diesem Sinne schöne Tage, die Lage scheint hoffnungslos, aber auf jeden Fall
nicht ernst…

02.07.2004

Und Ansonsten 2004-07-02

Die
Massenentlassungen in der deutschen Schallplattenindustrie gehen weiter - nun
bei der BMG Deutschland. Die Zahl der Beschäftigten von BMG Deutschland soll
von 500 vor zwei Jahren auf 220 bis 230 reduziert, also mehr als halbiert
werden. Derzeit hat die BMG Deutschland noch knapp 300 Mitarbeiter.
Wie zuvor schon EMI will auch BMG sich von etlichen ihrer Künstler trennen - 60
Prozent der deutschen BMG-Künstler stehen demzufolge auf der Abschussliste. Man
will sich zukünftig auf "zugkräftige Stars" wie z.B. Yvonne
Catterfeld, Oomph oder Andrea Berg konzentrieren. Mit diesen Entscheidungen
verabschiedet sich mit der BMG eine weitere große Plattenfirma aus dem Musikgeschäft
mit Perspektive - den Majors geht es nur noch um schnelle Profite, der
sorgfältige und langfristige Aufbau von Künstlern ist bei der deutschen
Schallplattenindustrie nicht mehr vorgesehen. Man sollte nicht jammern - bietet
diese Hilflosigkeit der international agierenden und nur mehr auf Shareholder
Value spekulierenden Majors doch der kreativen Indie-Branche, die sowieso seit
jeher den besseren Musikgeschmack hat, aber auch langfristig ihren Künstlern
die Treue hält, wunderbare Perspektiven.
Die altehrwürdige FAZ schickt in einem Kommentar der deutschen
Schallplattenindustrie jedenfalls noch einen berechtigten Schuß Häme hinterher:
"Es ist die Logik der Controller, die regiert (…) Die Branche nimmt dies
als eine Art Naturgesetz hin, was bezeichnend für die Managementschwächen im
deutschen Musikgeschäft ist."

* * *

Während die EMI ebenfalls im großen Stil Entlassungen weltweit und hierzulande
durchgeführt und zuletzt sogar das ehemalige Flagschiff Virgin Deutschland in
München geschlossen hat, wurden die Bezüge von Alain Lévy, Chairman und CEO von
EMI, deutlich aufgebessert. Das Jahresgehalt des EMI-Bosses beträgt nunmehr
eine Million Pfund (ca. 1,52 Mio. Euro), ein Plus von fast 43 Prozent gegenüber
seinen bisherigen Bezügen. Mit diversen Prämien, Boni und Firmenanteilen kann
Lévy im Erfolgsfall auf bis zu acht Millionen Euro im Jahr kommen.
Damit wir uns nicht missverstehen - hier soll keine dumpfe Neidkampagne
gegenüber Managergehältern gefahren werden. Aber interessant ist es doch -
erstens das Signal, das ein Konzern, der soeben wieder einmal
Massenentlassungen durchgeführt hat, da aussendet, und zweitens, dass Lévy auch
künftig umso mehr verdient, je mehr Profite sein Konzern einfährt - u.a. also,
je mehr Mitarbeiter er auch künftig entlassen wird.

* * *

Immer wieder die gleichen Veröffentlichungen, die Faktenlage ist eindeutig,
auch an dieser Stelle wurden die Tatsachen wiederholt vorgetragen. Die neuesten
Zahlen stammen von Lorenz Jarass, Wirtschaftsprofessor in Wiesbaden und einer
der renommiertesten Steuerexperten der Republik.
Demzufolge war die ab Jahresbeginn 2001 wirksame "Reform" der
Unternehmensteuer durch die rot-grüne Bundesregierung für die
Kapitalgesellschaften ein phantastischer Deal. Wären die Unternehmensgewinne
der Jahre 2001 bis 2003 steuerlich in gleicher Weise herangezogen worden wie im
Jahr 2000, hätten die Unternehmen in diesen drei Jahren 180,9 Milliarden Euro
zahlen müssen. Dank "moderner Wirtschaftspolitik" a la rot-grün waren
es dann nur noch 104 Milliarden - eine Ersparnis von 76,9 Milliarden Euro!
Nimmt man noch die Personengesellschaften und die Selbständigen hinzu, die -
nach diesem Rechenmodell - ihrerseits 26 Milliarden Euro weniger zahlten,
ergibt sich ein Steuergeschenk in der unglaublichen und fast schon perversen
Höhe von 102,9 Milliarden Euro. Durchschnittlich pro Jahr 34,3 Milliarden. Zum
Vergleich: Der gesamte Etat des Bundesministeriums für Bildung und Forschung
beträgt gegenwärtig gut acht Milliarden Euro.
(zitiert nach Freitag v. 25.6.04)
Kein Wunder, dass der Kanzler der Bosse zwar von den Wählern regelmäßig
abgestraft wird, von der Wirtschaft aber bejubelt wird, wie unlängst beim BdI.
Aber wie sagte Schröder doch so schön, "ich kann nichts anderes" oder
irgendwie so in der Art…
In diesem Zusammenhang, ich wiederhole mich da gerne, ist es erstaunlich, dass
immer noch gut 9% aller bundesdeutschen Wahlberechtigten SPD wählen, wie
zuletzt bei der Europawahl…

* * *

"Mein Eindruck ist, die Reichen werden zu wenig belastet. Dieser Eindruck
muß korrigiert werden. Wenn die Zeiten schwieriger werden, wird der Begriff der
Gerechtigkeit umso wichtiger. Und wenn die Menschen das Gefühl haben, die
Lasten werden ungleich verteilt, nehmen sie übel. Das scheint mir die heutige
Situation zu sein. (…)
Das Kapital tut so, als gäbe es keine nationalen Grenzen mehr und macht das,
wozu es da ist: Gewinne. Das Kapital ist beweglich, die Menschen sind es aber
nicht. Sie bleiben im Prinzip da, wo sie wohnen. Als Bismarck seine
Sozialgesetzgebung gemacht hat, haben 50 Prozent die Arbeiter und 50 Prozent
die Fabrikanten bezahlt - so hießen die damals. Heute ist die Wirtschaft zum
Teil stolz darauf, keine Steuern mehr zu bezahlen."
Egon Bahr, seit 1956 SPD-Mitglied, ehemals Brandts engster Vertrauter,
SPD-Bundesgeschäftsführer und bis 1991 Mitglied des SPD-Parteipräsidiums, in
einem Interview am 26.6.04 in der Berliner Zeitung

* * *

Thomas Quasthoff ist nicht nur einer der herausragenden deutschen Sänger und
einer der besten lebenden Baritone überhaupt, nein, er ist auch ein Mensch
guten Geschmacks. Aus seinem Interview mit dem Magazin der Berliner
Philharmoniker:
"Und ich finde, die Berliner Philharmoniker haben so etwas wie die
Scorpions-Geschichte, als derzeit bestes Orchester der Welt, nicht nötig. Und
ich finde die Scorpions wirklich schrecklich. Nicht weil sie erfolgreich sind;
aber musikalisch ist es furchtbar."
Dem ist nichts hinzuzufügen (ähem, außer vielleicht der Anmerkung, dass die
Scorpions eine der Lieblingsbands von Gerhard Schröder sind…)

* * *

"Man schmückt sich in Berlin mit großen Namen wie Marlene Dietrich, Helmut
Newton und auch mit mir. Man hat keine große Auswahl an Persönlichkeiten. Man
braucht Leute wie Newton, um sich selbst zu ehren (…) "Wir sind
weltoffen", will man mit so einer Ehrung sagen. Berlin ist jedoch voll mit
dürftigen Kopien. Die Helden des heutigen Berlin sind Schnulzensänger und
Moderatorinnen."
Der frischgebackene Ehrenbürger der Stadt Berlin, Kunstsammler Heinz Berggruen

* * *

Verfolgt man die Spiele der Fußball-EM, leidet man zwangsläufig an den
peinlichen und dämlichen Dampfplauderern a la Kerner oder Beckmann. Und fast
ist man geneigt, Abbitte gegenüber Heribert Faßbaender zu leisten. Naja: Fast!
Immerhin, ein Gutes hat es, dass die Kerners und Beckmanns in Portugal weilen -
so können sie wenigstens keine Talkshows moderieren. Bleibt einem wenigstens
das erspart…

* * *

Tortoise sind dran Schuld, dass Missy Elliott, 32, Hip-Hop-Star, ihre
Europatournee absagen musste. Lt. SZ erklärte "das Management der
Rap-Millionärin in einem offiziellen Schreiben" zur Tour-Absage gegenüber
den britischen Fans: "Aufgrund der ungewöhnlich hohen Anzahl von
Künstlern, die zurzeit durch Europa touren, gibt es für Missy und ihre Freunde
nicht genug Busse." Wie die SZ sehr zu Recht anmerkt "die wohl
schlechteste Ausrede aller Zeiten für eine kurzfristige Absage" einer
Tournee.
Schon dreist, wie ein Management, das offenkundig unfähig war, beizeiten
Tourbusse anzumieten, noch solch eine Ausrede offensiv auftischt. Da fällt
einem nicht mehr viel ein…

Da können wir nur sagen - die Busse für unsere Bands sind seit Monaten gebucht,
Lambchop, Tortoise, Sophia und alle anderen werden also auf Tour gehen. Viel
Spaß also mit diesen und all den anderen wunderbaren Bands, und einen schönen
Sommer!

05.06.2004

Und Ansonsten 2004-06-05

Eins
Live, selbst ernannter Jugendsender des WDR, stellt am 4.Juli erstmals ein
Live-Open-Air auf die Beine. Das Motto: "Königstreffen". Laut Aussage
von Stephan Laack, Musikchef bei Eins Live, steht beim
"Königstreffen" "auf der Bühne, was zurzeit in unserem Land
interessant und erfolgreich ist". Wenn man sich das Line Up anschaut, mag
das Kriterium "erfolgreich" ja noch stimmen, aber "interessant"?!?
Die Ärzte? Wir sind Helden? 2raumwohnung? Wenn das alles ist, was "zurzeit
in unserem Land interessant" ist, dann gute Nacht! Gottseidank hat der
Musikchef von Eins Live keine Ahnung von dem, was er tut, und die hiesige
Musikszene ist in Wahrheit viel interessanter, als es uns der WDR vorgaukeln
will - nur, wofür zahlen wir Rundfunkgebühren? Damit der WDR wieder mal zur
Abspielstation von Charts-Band herhält?

* * *

Die Festivals "Rock am Ring" und "Rock im Park" sind so
erfolgreich, dass in ihrer Werbung nicht einmal mehr das Datum erwähnt werden
muss, an dem sie stattfinden (so gesehen in der Marek Lieberberg-Anzeige im
WOM-Journal 5/04).

* * *

Dass die Popkomm ein überflüssiges, künstliches "Event" zur
Selbstbeweihräucherung der Plattenindustrie verkommen und deshalb völlig zu
Recht gescheitert ist, daran wird auch die versuchte Wiederbelebung in Berlin
nichts ändern. Warum sich aber ausgerechnet die Womex-Spezialisten von Piranha
an der Leiche vergehen wollen, ist nicht so recht zu erklären. "Organisiert
vom bewährten Piranha/Womex-Team bietet die PopKomm einen offiziellen
Weltmusikschwerpunkt im Festivalprogramm". Leider betätigt sich
Piranha ausgerechnet an dem, was sie nachgewiesermaßen am schlechtesten können,
nämlich an einem "Showcase-Festival" namens "World @ Popkomm".
Wer seit Jahr und Tag an dem bestenfalls zweitklassigen Showcase-Programm der
Womex leidet, den packt das kalte Grausen, zumal der strukturelle Fehler der
Womex-Showcases von Piranha bei der Popkomm munter wiederholt wird: "World
@ Popkomm" übernimmt zwar, wie großzügig, "die Performance-Kosten
(Veranstaltungsort, Technik, GEMA). Honorare, Reisekosten, Hotelkosten und
Verpflegung müssen von Künstlerseite getragen werden". Konkret
bedeutet das, dass man wie bei der Womex nur die zweite und dritte Wahl zu
sehen bekommen wird, sowie die Künstler, die eine starke Plattenfirma im Rücken
haben.
Da spricht fast schon hübscher Neokolonialismus aus der Einladung: "Liebe
Welt, sendet mir eure Musiker, aber bitte, lasst sie in Berlin hungern, auf den
Straßen schlafen, und wie die Künstler aus Mali oder Brasilien nach Berlin
kommen, ist uns auch wurscht…"
Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass.

* * *

Eine hübsche Meldung aus dem aktuellen "Spiegel": "Eine
Initiative zur beschleunigten Einführung des Russfilters für Diesel-Pkw in
Deutschland droht am Widerstand der Autoindustrie zu scheitern. Ein
entsprechender Entschließungsantrag, den SPD und Grüne gemeinsam in den
Bundestag einbringen wollten, blieb in der SPD-Fraktion hängen, noch ehe es zur
formalen Abstimmung kam. Der Vorschlag sah eine Steuerentlastung von bis zu 600
Euro für Autokäufer vor, die sich frühzeitig für Dieselfahrzeuge mit moderner
Filtertechnik entscheiden oder ihre Altwagen entsprechend nachrüsten. Die
ultrafeinen Abgaspartikel aus Dieselmotoren gelten als Ursache von
Atemwegserkrankungen und Krebs. Der rot-grüne Antrag verschwand in der Ablage,
nachdem vor SPD-Fachpolitikern ein Brandbrief des VW-Vorstandsvorsitzenden
Bernd Pischetsrieder an Partei- und Fraktionschef Franz Müntefering verlesen
worden war, in dem der Manager heftig gegen die Pläne zu Felde zieht. VW und
andere deutsche Autohersteller fürchten, dass das beabsichtigte Steuergeschenk
ausländischen Herstellern wie Peugeot und Citroen, die eine aufwendige
Filtertechnik schon seit Jahren serienmäßig auch in kleineren Modellen
einsetzen, weitere Käufer zutreibt."
Klar, dass der Boss einer Automobilfirma sich einen Dreck um die Gesundheit der
Bürger schert, wirkt wie die erste Lektion eines marxistischen Lehrbuchs zum
Kapitalismus. Dass es aber den Sozialdemokraten völlig wurscht ist, wenn die
Menschen an Atemwegserkrankungen und Krebs leiden, und sich stattdessen sofort
zum Büttel der Automobilindustrie machen lassen… na gut, ist schon klar,
wundert eigentlich auch niemanden so richtig, oder?

* * *

"Wir kennen das Ende. Ich bin ein Melancholiker, aber wie alle
Melancholiker ein heiterer Mensch." Kurt Tucholsky

* * *

Wiglaf Droste hatte es in einer Zeitung empfohlen, und so wollte man die CD
"F.W.Bernstein, in mir erwacht das tier", mit Anne Bärenz und Frank
Wolff käuflich erwerben. Nicht gerade die typische CD für den Indie-Stammladen,
also kommt man bei dem größten Berliner "Kulturkaufhaus" (mit den
arrogant-schnöseligsten und dabei inkompetentesten Verkäufern in der Weltmusik-Abteilung,
das sei nur am Rande angemerkt) vorbei. Die CD ist nicht vorhanden. Man fragt
eine junge Dame an einem Info-Terminal, die tippt etwas in ihren Computer ein,
um nach geraumer Zeit festzustellen, "nö, gibt's nicht". Aber es stand
doch diese Woche in der Zeitung… Die Dame schaut weiter in ihren Computer, um
dann bestimmt festzustellen: "Erscheint erst im Herbst", also in ca.
3-4 Monaten. Wenig später erwirbt man die wunderbare CD, die es erst im Herbst
geben wird, dann in einem kleinen Kreuzberger Buchladen…

Der Monopolismus großer Buch- und Plattenläden ist recht eigentlich ein Feind
der Kultur! Da kann die Tarnung zum "Kulturkaufhaus" noch so gelungen
sein…

* * *

Rundmail-Nachricht von Labels: "DRINGLICHKEIT BESTEHT IMMER verschiebt sich".
So kann man das alles natürlich auch sagen…

* * *

Eine Meldung in der Süddeutschen Zeitung vom 4.6.2004: "Gerhard
Schröder warnte vor der Abhängigkeit vom Öl und forderte eine Energiewende."

Wunderbare Forderung des Oppositionspolitikers! Man wünschte sich, Gerhard
Schröder würde endlich Bundeskanzler, damit er mal seine Forderungen in die
Realität umsetzen könnte!
(Meldungen, wonach Gerhard Schröder seit 1998 Bundeskanzler ist und einer
rot-grünen Bundesregierung vorsteht, werden hiermit entschieden dementiert und
als üble Nachrede entlarvt. Dass ausgerechnet die Süddeutsche Zeitung auf
derartige Meldungen hereingefallen ist und vor den Namen des Politikers das
Wörtchen "Bundeskanzler" gesetzt hat, kann nur als gezielte
Irreführung der Öffentlichkeit gewertet werden…)

* * *

Europameister? Werden "die anderen" (mein Vorschlag: Italien; leider
nicht Frankreich oder Tschechien).
Aber ein Tip für Rudi Völler: "Unter dem Strich hatte ich weniger
Spiele verloren als alle anderen DDR-Trainer zusammen."
(DDR-Erfolgstrainer Georg Buschner)

Move ahead and your ass will follow! (F.S.K.)

05.05.2004

Und Ansonsten 2004-05-05

Um
den Geisteszustand des öffentlich-rechtlichen Fernsehens im Jahre 2004 zu
begutachten, muß man nur mal zufällig an einem Samstagvormittag im April durch
die Programme zappen - die ARD überträgt live aus Holland mehrere Stunden lang
die Hochzeit irgendeines komischen Prinzen mit einer Bürgerlichen (er ist nicht
einmal Thronfolger!). Und was macht, lang lebe die kulturelle Vielfalt, das ZDF
parallel? Eben. Es überträgt live aus Delft stundenlang die Hochzeit
irgendeines niederländischen Prinzen.
Für den holländischen Käse soll unsereiner Gebühren bezahlen? Mon dieu.

* * *

"Meine zukünftigen Tagebücher sollten unter dem Titel laufen: DAS
IRRENHAUS. Entweder bin ich irr oder die Welt, alle sagen ersteres, ich
letzteres."
Einar Schleef, Tagebucheintrag 1.4.1963

* * *

Zu der Zeit, als Kanzler Schröder seiner Haus- und Hofzeitung Bild noch
Interviews gab (also vor kurzem…), war Schröder mit großem Getöse über
Steuerflüchtlinge hergezogen. In der "Bild am Sonntag" empfahl er
deren gesellschaftliche Ächtung. Ungefähr zur gleichen Zeit bat Kanzler
Schröder einen notorischen Steuerflüchtling, nämlich den Kaufmann und
Kunstsammler Friedrich Christian "Mick" Flick, zu einem Empfang ins
Kanzleramt und hofierte Flick.
Lt. Süddeutscher Zeitung hat Mick Flick dem deutschen Fiskus, konservativ
gerechnet, über die Jahre mindestens 125 Millionen Euro Steuern vorenthalten -
was eine gewisse Tradition in der Familie Flick hat, mit deren Namen
bekanntlich einer der größten Skandale der Bonner Republik verbunden ist -
Bruder und Mutter sind ebenfalls Steuerflüchtlinge, und der Onkel, früher einer
der reichsten Männer Deutschlands, ist schon vor vielen Jahren aus steuerlichen
Gründen nach Österreich übergesiedelt.
Doch warum hofiert der Kanzler der Bosse, der doch gleichzeitig so harsche
Worte über Steuerflüchtlinge findet, den ausgewiesenen Steuerflüchtling? Es
gibt einen einfachen Grund: Die Gemäldesammlung Mick Flicks soll im Herbst in
Berlin durch die Stiftung Preußischer Kulturbesitz in der Berliner Rieck-Halle
beim Hamburger Bahnhof ausgestellt werden. Das freut unseren Kanzler natürlich.

Das Vermögen zum Aufbau dieser Sammlung stammt aus Kriegsgewinnen und der
brutalen Ausbeutung von Sklavenarbeitern, und weil dies so ist, hat sich etwa
die Stadt Zürich, deren Steuerbürger Flick ist, im Jahr 2001 verbeten, dessen
Sammlung auszustellen (und die Universität Oxford lehnte es ab, einen
"Flick Lehrstuhl" einzurichten).
Lediglich in Berlin hofieren Kanzler und seine Kulturstaatsministerin den
vermeintlichen Mäzen - unbeeindruckt von dem Umstand, dass Flick die Sammlung
ja keineswegs dem Staat schenken, sondern nur mit dessen Segen ausstellen
möchte. Und Kenner der Kunstszene wissen, dass eine ausgestellte Sammlung deren
Wert natürlich beträchtlich steigert. Es war ausgerechnet der
CSU-Bundestagsabgeordnete Norbert Geis, der die Bundesregierung in einer
Anfrage fragen musste, ob der Fiskus an "eintretenden Vorteilen
(Wertsteigerungen)" der Sammlung des Herrn Flick profitiere oder
"zumindest irgendwelche Maßnahmen veranlasst" habe, um wenigstens ein
paar Euro Steuern zu erhalten.
Alle Vertreter der Familie Flick haben es übrigens ausnahmslos und entschieden
abgelehnt, der "Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft"
zugunsten ehemaliger Zwangsarbeiter beizutreten. 1944 hatte der Flick-Konzern,
Deutschlands größter Rüstungskonzern, 120.000 Beschäftigte. 40% der gesamten
Belegschaft waren Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge. An der Sammlung
des Mick Flick, die dieses Jahr in Berlin mit Förderung des Kanzlers
ausgestellt werden soll, klebt Blut. Da ist der Tatbestand der Steuerflucht
noch das kleinste Problem… Weitere Infos unter www.musikmissbrauch.org
und www.masseundmacht.com

* * *

Die bekanntlich nicht satisfikationsfähige grüne Gurke Claudia Roth hat
versucht, etwas zu sagen: "Es darf keinen Rabatt auf Menschenrechte
geben." Wahrscheinlich hat sies sogar gut gemeint. Aber über diesen
Satz denken wir jetzt mal noch ein bisschen nach…

* * *

Der investigativ-UNIVERSAL-freundliche Musikjournalismus des Spiegel treibt
weiter bunte Blüten - war der Autor des Tim Renner-Huldigungsartikels noch eher
dunkel eingefärbt angesichts des Weges, den er durchs Gedärm des Herrn Renner
eingeschlagen hatte, so wird nun in einer Meldung namens "Warner Music
reduziert radikal" die Welt Universal-freundlich zurechtgebogen: Es wird
gemeldet, dass Warner Deutschland sein Personal von 239 Angestellten auf 104
reduzieren werde. Und dann kommts: "Universal Music kam bei seiner vor
wenigen Wochen bekannt gegebenen Restrukturierung ohne Entlassungen aus",
meldet frech und frank der namenlose Spiegel-Autor, für den offensichtlich
selbst eine schäbige Internet-Recherche ein Fremdwort darstellt. Es wäre nun
wirklich ein Einfaches gewesen, rauszubekommen, wie viele Mitarbeiter Universal
in den letzten 12 Monaten entlassen hat…

* * *

Da hatten die Grünen mal einen guten Einfall: In einer Online-Aktion kümmerten
sie sich um die Rechte der Verbraucher und sprachen sich gegen den Kopierschutz
von CDs auf. "Verbraucherschutz erstreckt sich nicht nur auf
Lebensmittel", meinte die Bundesgeschäftsführerin der Grünen, Lemke,
und sagte, es könne nicht angehen, wie die Musikindustrie mit ihren Kunden
umspringe. Die Grüne kritisierte, dass mittlerweile rund 40 Prozent der CDs mit
einem Kopierschutz versehen sei, wodurch das "ungeschriebene Gesetz auf
Privatkopien" ausgehebelt werde (warum eigentlich
"ungeschrieben"? ach ja, weil rot-grün im eilig zusammengeschusterten
Gesetz unlängst versäumt hat, die Verbraucherrechte zu berücksichtigen, ich
vergaß…).
Gut gebrüllt, Löwin!
Und natürlich sprangen der Löwin aus dem Gebüsch die üblichen Verdächtigen
entgegen: Die Junge Union meinte, die Grünen würden "Arbeitsplätze
verbrennen". Der Phonoverband-Vorsitzende Gebhardt wusste sofort ganz
genau, dass das Kopieren in Deutschland "nichts mit der viel zitierten
Sicherungskopie vom eigenen Original oder dem freien Zugang zu Informationen zu
tun hat, sondern eindeutig bequemer Kaufersatz ist".
Na, und was tun die Grünen?
Eh klar, sie stellen natürlich umgehend ihre Aktion ein. So daß der Sprecher
des Phonoverbands, Siesecke, vermelden darf, die Grünen hätten bei diesem Thema
"etwas dazugelernt."
Ach ja, übrigens: Man vergleiche einfach einmal die Zahlenentwicklung der
verkauften CDs hierzulande und die der verkauften CD-Rs (in Mio.):
1998 1999 2000 2001 2002 2003
Verkaufte CDs 250 250 245 221 202 157
Verkaufte CD-Rs 31 58 133 182 259 325
Wie man unschwer erkennen kann, lässt sich daraus beim besten Willen nur ein
höchst minimaler Prozentsatz erkennen, den gebrannte CDs den verkauften wegnehmen
- in einem Jahr, in dem sich die Zahl verkaufter CD-Rs mehr als verdoppelt hat,
sank der CD-Verkauf gerade einmal um 5 Mio., also einer systemimmanent
möglichen Zahl.
Und: In den USA, dem Land mit einer der höchsten Verkaufszahlen sowohl von
CD-Rs als auch von Downloads aus dem Internet, ist der CD-Verkauf letztes Jahr
wieder gestiegen. Und dortige Untersuchungen haben ergeben, dass Musikhörer,
die regelmäßig Songs aus dem Internet downloaden, auch wesentlich mehr CDs
kaufen als der Rest der Bevölkerung. Wahrscheinlich einfach, weil sie
Musikliebhaber sind. Und Musikliebhaber sind die Spezies, die sich die hiesigen
Plattenmultis derzeit zum erklärten Gegner erkoren haben…

* * *

Das Kulturprogramm der Großdemo gegen Sozialabbau in Berlin am 3.4.2004 ließ
fast nichts zu wünschen übrig: Es spielten z.B. die Prinzen oder Heinz Rudolf
Kunze. Fehlten nur noch Pur und die Scorpions. Was ist man nachträglich froh,
nicht mitdemonstriert zu haben… Die Musiker spielten übrigens nicht umsonst.
Wie hoch die Gagen waren, wollte die DGB-Sprecherin allerdings nicht verraten…

* * *

Das Prestigeobjekt des mittlerweile zurückgetretenen SPD-Senators Strieder, das
Tempodrom, kostet die Berliner Steuerzahler einen deutlich zweistelligen
Millionenbetrag. Für den Erhalt der Berliner Symphoniker, eines Orchesters, das
gerade Schichten an klassische Musik heranführt, die normalerweise nicht in die
Philharmonie gehen, war da natürlich kein Geld mehr da. Es fehlten gerade
einmal 3 Millionen Euro, die SPD und PDS nicht mehr beisteuern wollten.
"Sparhaushalte auf Kosten von Kultur und Bildung sind rechts und
reaktionär, egal ob sie von sozialdemokratischen oder von christlichsozialen
Regierungen beschlossen werden." (Thomas Rothschild in seinem soeben
erschienenen Buch "Das große Übel der Bourgeoisie")

* * *

Aus dem Anzeigentext einer deutschen Plattenfirma im Rolling Stone, Mai 2005: "Die
Kultband (…) mit hochmelodischem Gitarrenrock, semiakustischen elektrischen
Arrangements, griffigen Refrains und kernigen Kompositionen (…) introvertierte
Folkstücke, pulsierender Akustikrock, autobiografische Roadmoviesongs, moderner
Country Blues oder rhythmisch vertrackte Chansons (…) Treibende elektrische und
akustische Gitarren (…) der leidenschaftlich klagende Gesang (…) Die Live-Sensation
(…) ziehen sämtliche Register von Blues, Country, Folk, R'n'B und Rock (…) Das
Allroundtalent der amerikanischen Rockszene (…) intelligenter, flexibler
Songwriter (…)"
Ich weiß ja selbst, wer eine Bude auf dem Markt hat, muß schreien, aber…

* * *

Das rot-grüne "Zuwanderungsgesetz" wird weiter demontiert - nach
jüngsten Änderungen soll der Rechtsanspruch auf Integration im Gesetz
entfallen, womit auch die Verpflichtung des Staates entfällt, ein ausreichendes
Angebot an Sprachkursen zur Verfügung zu stellen. Logischerweise sieht der neue
Entwurf aus dem Hause des rosaroten Kanthers, Schily, gleichzeitig Sanktionen
für diejenigen vor, die sich den nicht mehr angebotenen Sprachkursen entziehen
werden…

* * *

Der Spiegel vom 3.5.d.J. titelt über US-Söldner im Irak: "Die Folterer von
Bagdad".
Mittlerweile ist herausgekommen, dass auch britische Soldaten im Irak gefoltert
haben.
Im Spiegel der Vorwoche hatte sich SPD-Innenminister Schily so seine Gedanken
gemacht und im Falle einer akuten Bedrohung erwogen, gezielt Terroristen töten
zu lassen. Eine Mehrheit hat Schily in der bundesdeutschen Bevölkerung mit
seiner Erwägung hinter sich, wie eine aktuelle Spiegel-Umfrage zeigt.

* * *

Im gleichen Spiegel zeigt sich Redakteur Andreas Ulrich bei einem Besuch der
"einst malerischen Stadt" Prizren im Kosovo überrascht: "Das
gesamte serbische Viertel der Altstadt, einschließlich jahrhundertealter
Kirchen und Klöster, lag in Schutt und Asche. Albaner hatten es während eines
Ausbruchs ethnischen Hasses Mitte März angezündet. (…) Uno-Polizisten
beschuldigen deutsche Angehörige der Kfor-Friedenstruppe, ihnen trotz
verzweifelter Bitten nicht zu Hilfe gekommen zu sein. Ähnliche Vorwürfe gegen
die Bundeswehr hörten Ulrich und Korrespondentin Renate Flottau auch von
albanischen Menschenrechtlern und Soldaten anderer Truppenkontingente. Ulrich:
"Allem Anschein nach haben die Deutschen gekniffen, als es ernst
wurde."
Würd ich so nicht sagen. Wahrscheinlich war es doch eher so, dass die
Bundeswehroberen vor wenigen Jahren sehr genau hingehört haben, als rot-grüne
Politiker, allen voran der Hufeisenplan-Lügner Scharping und der
Auschwitz-Vergleicher Fischer, eine Kampagne unter dem nicht erklärten, aber so
gemeinten Motto "Serbien muß sterbien" zum Bundeswehreinsatz im
Kosovo und zur Bombardierung Serbiens (unter Missachtung des Völkerrechts
übrigens) geführt haben. Deutsche Beamte, Polizisten und Soldaten haben eben
schon immer gerne "weggeschaut" (der Spiegel nennt es
"gekniffen"), wenn "feindliche" Synagogen oder Kirchen in
Brand gesetzt wurden.

* * *

Die Frankfurter Rundschau, solange es sie noch gibt, titelt in ihrem Reiseteil:

"Er ist bereits 15 Mal durch Marokko gereist. Für BAP-Sänger Wolfgang
Niedecken ist es ein unentdecktes Land geblieben. Sein Traum: Einmal alleine
auf einem Kamel in die Wüste reiten."
Er reitet sich wirklich immer weiter rein. Kann dem Mann denn nicht geholfen
werden? Ich würde sofort 10 EUR spenden. Und freu mich über die Bildunterzeile
unter dem Foto mit Niedecken und Kamel: "Das Kamel unten"…

In diesem Sinne freudvolle Kamelreisen durch die Nadelöhre dieser Welt

02.04.2004

Und Ansonsten 2004-04-02

Zu
den vielen Dingen, die unsereinen nerven, gehört zweifelsohne die Behauptung,
der Musikindustrie gehe es schlecht. Allein schon dieses Wort,
"Musikindustrie"! Diejenigen, die das Wort in den Mund nehmen, wissen
in den seltensten Fällen, was sie genau meinen (geschweige denn, was sie sagen,
aber das ist ein anderes Problem…). Gemeint ist von den vielen selbstberufenen
Kommentatoren in der Regel die Tonträgerindustrie - und die ist der kleinere
Teil der Musikwirtschaft. Laut einer Studie der Gesellschaft für
Konsumforschung aus dem Jahr 2000 machten bereits 1999 Konzertveranstalter
hierzulande mit 2,71 Milliarden Euro rund 240 Millionen Euro mehr Umsatz als
die Plattenfirmen (zitiert nach brand eins, 3/04). Jeder weiß, dass seit dem
Jahr 1999 die Umsätze der Plattenfirmen drastisch zurückgegangen sind, während
die Konzertveranstalter erfolgreiche Jahre hinter sich haben. Und dennoch,
selbst wenn Branchenmagazine über die Tonträgerindustrie schreiben, sprechen
sie von der "Musikindustrie". Wider besseren Wissens?
Vielleicht hat das alles auch nur damit zu tun, dass die multinationalen
Konzerne der Tonträger-Industrie sich mit größerem Pomp und Getöse darstellen,
während in erfolgreichen Konzertagenturen gearbeitet wird und ein altmodisches
Ethos besteht - weniger Außendarstellung, mehr "innere Werte", mehr
Qualität (Ausnahmen bestätigen natürlich wie immer die Regel). Um nur mal zwei
Beispiele zu nennen - es ist vielleicht einen Kilometer Luftlinie vom Sitz
dieser Agentur oder vom Sitz eines renommierten örtlichen Konzertveranstalters
zum Firmensitz der Universal - letztere wurde mit einem zweistelligen Millionenbetrag
vom Senat nach Berlin gelockt. Vivendi Universal ist die Firma, die im
vergangenen Jahr einen Umsatzrückgang von 58,15 Milliarden Euro auf 25,48
Milliarden Euro hinnehmen musste. Allein in der Berliner Deutschland-Zentrale
wurden mehr als 100 Mitarbeiter entlassen.
Die beiden genannten kleineren Konzertagenturen haben in den letzten Jahren
dagegen ihren Personalstamm gesteigert, branchenuntypisch neue Mitarbeiterinnen
und Mitarbeiter eingestellt. Dafür interessiert sich weder die Politik (Berlins
Unterhaltungsbürgermeister geht bei Universal ein und aus), noch die Presse.
Dort wird die "Musikindustrie" weiter über einen Kamm geschoren.
Vielleicht ist eines der Probleme der Plattenindustrie ja auch, dass sie immer
weniger mit Musik zu tun hat - man muss sich nur mal die aktuelle
Echo-Verleihung ansehen, diese präpubertäre Selbstinszenierung der
Tonträgerindustrie, mit Preisträgern wie Pur, Dieter Bohlen, all diesen
Kunstprodukten. Für die Zurschaustellung der Abendgarderobe in Magazinen wie Bunte
und Gala mag das alles reichen, aber sonst?

* * *

Wie gesagt, Ausnahmen bestätigen die Regel.
Der zweitgrößte deutsche Konzertagent, Peter Schwenkow, laut SPIEGEL im
jüngsten Börsenprospekt seiner angeschlagenen DEAG: "Auch nach der
Umsetzung des Sanierungskonzepts bleibt der dauerhafte Fortbestand der
Gesellschaft ungewiss und für Anleger ein Totalverlust der von ihnen
investierten Mittel nicht ausgeschlossen."

* * *

Während die Tonträgerindustrie weiter ihr "Sparprogramm" verschärft:
EMI streicht mal eben 1.500 Stellen weltweit (31.3.), und Warner streicht
allein in Deutschland 100 von 233 Stellen, also knapp die Hälfte (ebenfalls
31.3.).
Was ich dabei ja, neben der persönlichen Tragik für die Mitarbeiter natürlich,
bemerkenswert finde, ist, dass sich diese Plattenkonzerne sicher sind, auf die
Kompetenz, auf das Know-How von fast der Hälfte ihrer Belegschaft verzichten zu
können. Es geht ja nicht nur um die Einsparungen als solche - selbst die sind
höchst fragwürdig (nach unwidersprochen gebliebenen Berechnungen in
Wirtschaftsmagazinen hat etwa die EMI pro Arbeitsplatz, den sie im Jahr 2002
weltweit gestrichen hat - und das waren 1.800! - den Betrag von EUR 215.556
bezahlt. Was für irrsinnige Beträge von den multinationalen Konzernen
aufgewendet werden, um zu "sparen", was ja nichts anderes heißt, als
das Shareholder Value des Konzerns Aktionärs-freundlich zu halten! Die Reaktion
der Börse auf die EMI-Nachrichten von der Entlassung von 1.500 Mitarbeitern und
der Streichung von 20% der Künstler-Verträge war jedenfalls eindeutig: Die
Aktie der EMI legte am "Tag danach" um satte 8% zu!
EMI hat diesmal zusätzlich noch ein besonders smartes Konzept entwickelt, wie
weitere Einsparungen durchgesetzt werden können: Laut Aussage von EMI-Chef Eric
Nicoli sollen 20% aller Künstler-Verträge aufgelöst werden. Davon sollen vor
allem Künstler aus Nischengenres betroffen sein und Acts, deren Verkaufszahlen
unter den Erwartungen blieben.
Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Man muss ja nicht gleich
soweit gehen wie Duke Ellington, der mal gegenüber einem Schallplattenkonzern,
der ihm vorgeworfen hat, nicht genug Platten zu verkaufen, geäußert hat:
"Und ich dachte immer, die Plattenfirma sei für das Verkaufen von
Schallplatten zuständig, ich sei nur für die Musik verantwortlich."
Aber wie engstirnig, verbohrt und dämlich das Argument der Verkaufszahlen ist,
beweist nun wirklich fast die gesamte Hochkultur der letzten Jahrhunderte. Ein
Künstler wie Franz Kafka, doch wohl ohne Zweifel eine der Jahrhundertgestalten
deutscher Literatur des 20.Jahrhunderts, würde, wenn es nach Unternehmern wie
EMI-Boss Nicoli ginge, bis heute ungedruckt bleiben. Die Gesamtauflagen von
Kafkas Büchern zu Lebzeiten: "Betrachtung" 800 Exemplare, "Die
Verwandlung" 2000 Exemplare, "Das Urteil" 2000, "In der
Strafkolonie" 1000, "Ein Landarzt" 1000. Viel
"erfolgloser" geht's kaum mehr, Kafkas "Verkaufszahlen"
könnten kaum weiter "unter den Erwartungen" bleiben. Aber ist,
erstens, die Verkaufszahl eines Albums ein Kriterium für Kultur? Und hat
Kulturarbeit nicht, zweitens, sehr wesentlich mit Langfristigkeit und
Nachhaltigkeit zu tun?
Hier läuft eine Argumentation in der Kulturindustrie völlig aus dem Ruder. Klar
ist nur: Von multinationalen Konzernen wie WEA, Universal oder EMI hat man
kulturell, hat man musikalisch nur noch wenig zu erwarten. Nicht, dass diese
Feststellung neu sei. Man kann sie aber scheinbar nicht oft genug treffen.

* * *

Der "Popsänger" Jürgen Drews rechnet, wie er Musik macht: "Ich
teile durch zwei und kaufe weniger seit der Euro-Umstellung. Bei meiner Gage
hat sich nichts geändert. Früher bekam ich 16.000 Mark, heute 7.500 Euro."

* * *

"Der wahre Konservative lässt die Moden Moden sein und behält statt
ihrer seinen Verstand. Indem er ihn benutzt, hält er ihn wach und scharf.
Verstand ist, wie Geschmack, eben keine Geschmackssache, sondern die
Lebensentscheidung zwischen klug und blöde."
Wiglaf Droste

* * *

Ob nun Bush weiterregiert, oder sein demokratischer Herausforderer, scheint mir
bei näherem Blick in das Programm des Kandidaten doch im Ergebnis
vergleichsweise wurscht zu sein - in etwa so, ob Schröder oder Stoiber. Aber
ein Gutes hätte es, wenn Bush Ende des Jahres aus dem Amt gewählt werden würde
- der unvermeidliche und unvergleichlich nervtötende Michael Moore würde
erstmal von der Bildfläche verschwinden. Und damit wäre wirklich schon viel
gewonnen.
Moore hat sich übrigens für den mittlerweile unterlegenen
Präsidentschaftskandidaten der Demokraten, General Wesley Clark, eingesetzt: "He's
the butcher of Kosovo. Maybe that's what we
need right now is a butcher. We need the butcher of Bush."
Mit derartigen Slogans bringt man hierzulande noch alle seine Bücher an die
Spitzenpositionen der SPIEGEL-Bestsellerlisten…

* * *

"Wir wollen das Leben nicht
aber es muß gelebt werden
wir hassen das Forellenquintett
aber es muß gespielt werden."
(Thomas Bernhard)
Zumindest, was das Forellenquintett angeht, würde ich dem Dichter aber
widersprechen…

* * *

"Schröder lobt Schröder"
(Schlagzeile auf der Titelseite der Berliner Zeitung)
Tschah, einer muß es tun. Einer muß die unangenehmen Dinge tun…

* * *

"Wir leben im Zeitalter der Zombies, was die Welt ebenso langweilig wie
unberechenbar macht. Von Schröder/Fischer etc. weiß man mit Sicherheit nur,
dass sie jedes Spiel mitspielen werden. Ob es Pazifismus oder Militarismus,
Antiimperialismus oder Atlantismus, soziale Marktwirtschaft oder
Manchesterkapitalismus heißen wird, hängt allein von den Umständen ab."
Wolfgang Pohrt

* * *

Nun soll ja eine neue Partei "links von der SPD" gegründet werden.
Puh, da wird der Platz aber ganz schön eng. Links von der SPD, da gibt's doch
schon Stoibers CSU…

From Disco to House
With a click of the computer mouse
Getaucht in Musik
Schalten wir Regierungen aus.
(F.S.K.
in dem großartigen Titel "Doctor Buzzard's Original Savannah Band")

03.03.2004

Und Ansonsten 2004-03-03

Dass
das Feuilleton des Spiegel nicht gerade zu den Stärken des Blattes gehört, ist
ein offenes Geheimnis. Und der Popteil mit seiner Hofberichterstattung tut ein
Übriges dazu, dass man die zweite Hälfte des Hamburger Blatts getrost
ignorieren kann - Tiefpunkt war im Januar der Artikel über Tim Renner,
konsequent aus der Perspektive geschrieben, in der die Bunte über Uschi Glas
berichtet, mit feuchten Augen und wahrscheinlich auch anderen Körperteilen. Nun
war ein Schreiber des Spiegel dabei, wie eine 16jährige Britin im Nachtclub des
Münchner Hotels "Bayerischer Hof" vor geladenen Gästen spielte - und
der Schreiber schaffte eine adäquate journalistische Umsetzung dieses
Ereignisses, ein Meilenstein moderner Musikkritik: "Barfüßige
Prinzessin - Sind Teenager nicht zauberhaft? Ein violetter Schal mit
eingewebten Silberfäden war als eine Art Talisman am Mikrofon festgeknotet, als
am vergangenen Dienstag das allersüßeste neue Pop-Wunderkind zum ersten Mal in
Deutschland auftrat: Die erst 16jährige Britin Joss Stone sang im Nachtclub des
Hotels Bayerischer Hof in München - und versetzte ein paar hundert
Musikjournalisten, CD-Händler und Plattenfirmenmenschen in ehrfürchtiges
Staunen. Mit einer fabelhaft bluesigen, verblüffend sicheren Stimme stimmte
Stone, barfüßig und im Flickenrock, Soul-Klassiker wie "The Chokin'
Kind" an, aber auch eine clevere Funk-Adaption der Rocknummer "Fell
in Love with a Girl" von den White Stripes. Es war eine höchst gelungene
Debütantinnen-Inszenierung; und zum Schlussapplaus wuschelte sich der junge
Star die Haare vors Gesicht und nuschelte ein paar Dankesworte. "Tut mir Leid,
das war's: Ich muss jetzt ins Bett." Tja, einfach zauberhaft."
Hat man etwas Erbärmlicheres je gelesen? Natürlich hat man. Aber dennoch, wie
Altherrenträume sich hier auf Plattenfirmenkosten ihren Weg bahnen, mit
geschickter Geste keine, aber auch wirklich gar keine Floskel und Plattitüde
ausgelassen wird, der Blues ist natürlich fabelhaft, die Stimme sicher, das
Staunen ehrfürchtig, die Funk-Adaption clever, die Inszenierung gelungen, die
Haare werden vors Gesicht gewuschelt, und die Dankesworte genuschelt. Und man
findets zauberhaft, dass der barfüßige Star jetzt ins Bett muß. Investigativer
Pop-Journalismus der hochkarätigsten Art, fürwahr.

* * *

Wenn es hierzulande noch vernünftige Politiker geben würde, dann wäre das
skandalöse Maut-Desaster der deutschen Industrie-Elite von Daimler-Chrysler bis
Telekom der Politskandal des Jahres - wie hier von unfähigen Politikern und
unfähigen Wirtschaftsbossen auf Steuerzahlerkosten Zigmilliarden vernichtet
werden… aber die hiesige Politikerkaste diskutiert ja lieber irgendwelche
Hohmänner oder die Moralfrage von Dschungeleskapaden der Marke Küblböck. Zu
Toll Collect, dem Schröderschen Tollhaus, fällt auch der FAZ nur noch
Klassenkampfrhetorik ein: "…über die Maut-Affäre regt sich kaum jemand
auf. Auch die Opposition hat sich nur zögernd dieses Themas angenommen. Dabei
gab es schon lange nichts mehr, was so nach einem Untersuchungsausschuß
geschrieen hat. Ein Konsortium und der Staat schließen einen Vertrag, in dem
dieser auf Dauer ein hoheitliches Recht, das der Abgabenerhebung, abtritt, zu
einem unerhört schlechten Preis und äußerst einseitigen Bedingungen. Der -
möglicherweise sittenwidrige - Vertrag zu Lasten der öffentlichen Hand wird
öffentlich nicht zugänglich gemacht. Alle wichtigen Risiken liegen auf einer
Seite: hier zwei Milliarden Euro jährlich, dort hundert Millionen. Eine Haftung
gibt es praktisch nicht. Der Rechtsweg wird ausgeschlossen. Ein geordnetes
Ausschreibungsverfahren wird unterlaufen. Das Projekt scheitert so grandios,
wie es grandios geplant war. Die Repräsentanten des Staates agieren hilflos,
ihre Partner nassforsch. Lange ziert sich die Opposition, dem Aufmerksamkeit zu
schenken. Vor allem die zuständigen Politiker in den Fachausschüssen mussten
geradezu zum Jagen getragen werden", stellt der Kommentator der
konservativen FAZ völlig korrekt fest. Und woran liegt das alles?
Lassen wir weiter die FAZ zu Wort kommen: "Es gibt eben bei gewissen
Abgeordneten der Regierung wie der Opposition "eine besondere Nähe zu
bestimmten Leuten" der hier beteiligten Industrieunternehmen, wie es in
Berlin heißt. Das habe sich so "eingespielt", und mit diesen Leuten
gehe man eben freundlich um. Daher rührt denn auch die parteiübergreifende
Begeisterung für das satellitengestützte Maut-System. Angesichts der schon
verloren geglaubten Bundestagswahl führte das zum zügigen Vertragsabschluß -
unter Missachtung kundigen Rechtsrats. Böse Zungen bringen das mit Perspektiven
privater Alterssicherung in Verbindung, und damit ist nicht ein schon
vergessener Herr namens Bodewig gemeint. Wenn das kein Thema für einen Ausschuß
ist, was dann?" Wo sie Recht hat, die FAZ, da hat sie Recht. Auch wenn
sich der Kommentar ganz schön nach Stamokap anhört - mancher lernts eben später
;-) (und ich dachte immer, dass Herausragende an der FAZ sei das Feuilleton,
dann sei da noch der gute Sportteil…)

* * *

Und was macht die grüne Gurke, die Menschenrechtsbeauftragte der
Bundesregierung und in dieser Kolumne bekanntermaßen nicht mehr
satisfaktionsfähig? Sie wird den "deutschen Treck" (so sagt man das
in der taz) zum Grand Prix Eurovision nach Istanbul anführen. Roth ist
natürlich zeitgleich "in Menschenrechtsangelegenheiten" in der Türkei
und hat Geburtstag und will all das mit Eurovisions-Flair feiern. "Ich
freue mich total drauf", sagt Roth, seit Jahren engagierter
Grand-Prix-Fan. Zahlt sicher alles der Steuerzahler…
Uns wundert natürlich gar nichts mehr, an dieser Stelle schon gar nicht, aber
ob eine unabhängige Menschenrechtskommission uns nicht vor Grand Prix
Eurovision und Claudia Roth gleichermaßen schützen könnte, wird man ja mal
fragen dürfen.

* * *

Immer wieder wird der Niedergang der SPD kommentiert, dass nur noch weniger als
25% der Befragten sich bei der nächsten Bundestagswahl für Schröder, Münte
& Co entscheiden würden. Mich wundert ehrlich gesagt eher, dass es immer
noch 25% sind - fast jeder Vierte würde immer noch SPD wählen! Unglaublich! Was
sind das nur für Leute?

* * *

In einer Weltmusikzeitschrift stand dieser Tage: "Dass der WDR sich in
Sachen Weltmusik neu besinnt und seine Programme erneuert, dabei aus der
"Matinee der Liedermacher" eine "Matinee" macht und dafür
einen Francis Gay im Boot hat, lässt einen hoffen."
So kann mans, wenn man längst gleichgeschaltet ist, natürlich auch sagen. Dass
die Sendung 30 Jahre lang "Matinee der LiederSÄNGER", nicht
Liedermacher, hieß, hat man bei Blue Rhythm ebenso übersehen, wie die Tatsache,
dass besagter Francis Gay etliche der Matineen der Liedersänger selbst
moderiert hat. Was will man uns also sagen? Dass es schön ist, dass der WDR
sich "besinnt" in Sachen Weltmusik, das kann ja wohl also nur heißen,
dass Blue Rhythm froh ist, dass endlich so wunderbare Matineen nicht mehr
stattfinden sollen wie zum Beispiel die mit Cesaria Evora, Youssou N'Dour,
Bratsch, Baaba Maal, Johnny Clegg, Brownie McGee, Mari Boine, Mercedes Sosa, I
Muvrini, Geoffrey Oryema, Taraf de Haidouks, Rokia Traoré, um nur mal einige zu
nennen, die in 30 Jahren live beim WDR spielten und oftmals dabei ihre
Deutschland-Premiere feierten, zu Zeiten, da die Künstler oft noch völlig
unbekannt waren? Manchmal würde es auch Journalisten gut tun, vorm Verfassen
ihrer Zeilen das Gehirn einzuschalten. Oder ist das die Blue-Rhythm-Version
Schröderscher "Reform", Hauptsache "Erneuerung"
draufschreiben, dann wird alles gut?

* * *

Und ein geeigneter Kommentar zur anstehenden Echo-Verleihung gefällig?
Vielleicht das hier:
"Ich mache gerne schwierige Filme, bei denen die Leute schreiend
rauslaufen. Ich bin schließlich nicht in der Unterhaltungsbranche… Ich hasse
Unterhaltung. Nichts verachte ich mehr, als unterhalten zu werden."
John Cassavetes

Nun denn:
Grab yer poncho and donkey we gots to get fonky!

04.02.2004

Und Anonsten 2004-02-04

Die
Gespräche und Verhandlungen gingen ja schon seit mehr als einem Jahr, nun ist
es amtlich, auch wenn es von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wurde: Das
umstrittene US-Medienkonglomerat Clear Channel und die deutsche CTS
Eventim-Gruppe haben "im Rahmen einer strategischen Allianz",
wie es dann so schön heißt, ihre Zusammenarbeit "erweitert". Clear
Channel hat 20 Prozent der mehrheitlich der CTS-Gruppe gehörenden Marek
Lieberberg Konzertagentur (MLK) übernommen.
Wir erinnern uns: Der Clear Channel-Konzern steht in den USA wg.
monopolistischer Ausnutzung seiner Medienmacht (Clear Channel gehören dort
etliche Radiostationen) immer wieder vor Gericht. Politisch steht die Clear
Channel-Gruppe US-Präsident Bush nahe.

Aus unserem Presserundbrief 4/2003: Daß Clear Channel landesweit in den USA
Pro-Bush-Demonstrationen organisiert und featured, wundert einen wenig. Die
Teilnehmer dieser Pro-Kriegs-Demonstrationen tragen Schilder mit der Aufschrift
"God bless the USA" und Plakate, auf denen Frankreich beschimpft wird
oder die texanische Countryband "Dixie Chicks", die öffentlich
bekannten, dass sie sich dafür schämen würden, aus dem gleichen Land wie George
W. Bush zu kommen. Höhepunkt der unappetitlichen Clear-Channel-Politik war eine
Demonstration in Louisiana, bei der 15-Tonnen-Laster unter dem Gejohle von
Demonstranten CDs und Memorabilia der Dixie Chicks zerquetscht haben. Die New York Times schreibt unter dem Titel "Clear Channels of
Influence" dazu: "To those familiar with 20th-century European
history it seemed eerily reminiscent of… But as Sinclair Lewis said, it can't
happen here."

* * *

Goliath: Huh, ich freß Dich!
David:
Langweilige Mitte! (Markt-)Führer!
Goliath: Ich knack dich, du Nischenfloh!
David: Lieber beweglich als fett!
(greift zum Stein)
Aus: Wagenbach Verlag, "Zwiebel" 2003/2004

* * *

A propos Freikarten - wer hier alles um "Gästelistenplätze" bittet,
unglaublich. Und am besten alles noch zwanzig Minuten, bevor das Konzert
beginnt. Und wie man das "+ 1" auf allen Gästelisten rechtfertigen
will, hab ich sowieso noch nie verstanden. Damit wir uns nicht missverstehen:
Wir freuen uns auch weiterhin über alle Gäste - Gäste des Hauses,
"Medienpartner", die eine Band sehen wollen oder über sie berichten
oder bereits über sie berichtet haben, über unsere Freunde. All den anderen
aber, die einfach nur umsonst in ein Konzert gehen wollen, um "dabei zu
sein" (der Wiener hat dafür das schöne Wort "die Adabeis"…), sei
dieser von Heiner Müller überlieferte Satz der Brecht-Ehefrau und Prinzipalin
des Berliner Ensembles ins Merkheft geschrieben:
Ich wollte Karten für irgendeine Vorstellung haben - natürlich Freikarten,
weil ich kein Geld hatte. Da sagte sie (Helene Weigel): "Freikarten gibt
es grundsätzlich nicht. Ich habe noch von der Roten Hilfe eine Mark genommen.
Man darf nichts umsonst machen."

* * *

In der FAZ wars zu lesen: "Rezzo Schlauch hat heimlich geheiratet. Am
22.12. in Las Vegas. Und es macht wirklich keinen Spaß, dass man bei Lektüre
einer derartigen Nachricht unweigerlich denkt, ob der Staatssekretär im
Bundeswirtschaftsministerium diesmal seinen USA-Flug selbst bezahlt hat, oder
ob er auch diesen Flug wieder ganz ordentlich mit dringenden Dienstreisen in
die USA koppeln konnte…

* * *

"Kunst ist ihrem Anspruch nach ein Gegner der Realität, der real
existierenden Verhältnisse. Kunst ist wirklichkeitsfeindlich, und die
Wirklichkeit ist kunstfeindlich. Die Anhänger der real existierenden
Wirklichkeit spüren diese Feindschaft und wollen sich ihrer erwehren, am
liebsten wollen sie die Kunst verbieten und uns sagen: "Das passt doch
nicht in diese Welt!" Die Ablehnung der Autonomie der Kunst ist nichts
anderes als die Ablehnung der Autonomie des Menschen. (…)
Die inzwischen universale Diktatur der Popindustrie ist Verfügung über das
Bewusstsein derer, die ihr unterworfen sind."
Hein-Klaus Metzger( www.metzger-riehn.de
)

* * *

Der Branchendienst "Entertainment Daily" meldete es am 30.12.2003: "Nach
langem Hin und Her hat der ehemalige Konzernchef von Vivendi Universal,
Jean-Marie Messier, auf die Zahlung einer Abfindung in Höhe von 20,5 Mio. Euro
verzichtet. Wie der Konzern jetzt mitteilte, habe man sich darauf mit der
Börsenaufsicht SEC geeinigt. Diese hatte seit November 2002 wegen
Bilanzfälschung gegen Messier und VU ermittelt. Zwar habe Messier ebenso wie
der ehemalige VU-Finanzchef Guillaume Hannezo keinen der Vorwürfe eingestanden,
aber auch keinen zurückgewiesen. Als weiteren Teil der Einigung wurde nach
Angaben der SEC festgelegt, dass Messier in den kommenden zehn Jahren keine
Aktiengesellschaft führen dürfe, Hannezo in den kommenden fünf Jahren. Darüber
hinaus habe sich VU bereit erklärt, eine Strafe in Höhe von 50 Mio. Dollar zu
bezahlen."
50 Millionen Dollar zahlt Universal also Strafe für einen unfähigen,
überbezahlten Manager. Sollte es der Musikindustrie doch gar nicht soo schlecht
gehen, wo sie sich solche Megazahlungen leisten kann? Ach ja - Universal, der
weltgrößte Musikkonzern, hat gerade hunderte Mitarbeiter entlassen (allein in
Deutschland über 60, siehe dazu auch den letzten Presserundbrief) und
angekündigt, bis zum Ende des ersten Quartals 2004 weitere 800 Stellen
streichen zu wollen. Offizielle Stellungnahme der Konzernspitze: "Universal
bewertet ständig sein Geschäft neu, um das effizienteste und
wettbewerbsfähigste Musikunternehmen der Welt zu bleiben." (zitiert
nach Rolling Stone, 1/04).

* * *

Laut einer aktuellen Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen
Instituts der Hans Böckler-Stiftung, WSI, ist die Nettolohnquote seit zehn
Jahren von knapp 50% um mehr als 6% auf 43,5% gesunken. Im Durchschnitt
erreichten Bruttolöhne und -gehälter monatlich 2.198 Euro, nach Abzug von
Lohnsteuer und Sozialabgaben bleibt ein durchschnittliches Nettoeinkommen von
1.433 Euro.
Die Bruttounternehmensgewinne der Kapitalgesellschaften (und dazu zählen nicht
Banken und Versicherungen!) nahmen 2002 um 5% auf 314,42 Milliarden Euro zu.
Wurden 2000 noch 34,59 Milliarden Euro direkte Steuern auf (niedrigere)
Unternehmensgewinne entrichtet, so drosselte die rot-grüne Bundesregierung
diese Summe auf 12,49 Milliarden Euro in 2002 (bei höheren
Unternehmensgewinnen).
Claus Schäfer vom WSI kommentiert den Verteilungsbericht seines
Forschungsinstitutes: "Die rot-grünen Reformen zur Einkommenssteuer 1998
bis 2005 (…) haben die oberen Einkommen entgegen dem regierungsamtlich
vermittelten Eindruck massiv begünstigt und damit quasi öffentliche
Vermögensbildung durch Steuerentlastung zugunsten von Beziehern hoher Einkommen
bzw. Eigentümern großer Vermögen geleistet."
Der Kanzler der Bosse… Naja, nichts Neues an dieser Stelle, irgendwie.

* * *

Neben anderen öffentlichen Knallchargen und zweitklassigen
Unterhaltungskünstlern befanden sich auch Daniel Küblböck (auf dem Foto sehen
sie Daniel Küblböck und eine Menge Kakerlaken, Küblböck unten…) und Lisa Fitz
im australischen Dschungel - als "Bayern-Power", wie BMG stolz
meldet. Ach, ich wüsste da noch so einige, die ich gerne im australischen
Dschungel sehen würde, man nehme einfach die üblichen Verdächtigen, die
Nervensägen und Wichtigtuer, zum Beispiel von Bohlen bis Lindenberg. Wenn man
die dann mehr als 10 Tage da unten im Dschungel behalten würde, sagen wir mal
10 Monate, hätte ich auch nichts dagegen… und um ehrlich zu sein: auf eine
tägliche RTL-Übertragung "Ich will hier raus" könnte man dann gerne
verzichten. So wäre uns allen gedient, wie es mal in anderem Zusammenhang ein
schwäbischer Heimatdichter formulierte.

* * *

Tja, soweit ist es gekommen, ich hab es vor Monaten schon mal geklagt: Da
vertritt eine Unperson wie der hessische Ministerpräsident Koch plötzlich die
einem am nächsten stehende Position aller Bundestagsparteien zur
Unternehmensbesteuerung. Und nun ist es die Junge Union, ausgerechnet, die das
neue rot-grüne Urheberrecht als "für Verbraucher nicht hinnehmbar"
kritisiert. Das Verbot der Umgehung technischer Schutzmassnahmen schränke die
Rechte legaler privater Nutzer ungerechtfertigt ein. So dürfe eine
kopiergeschützte DVD nach der neuen Rechtslage nicht mehr am PC in ein anderes
Format konvertiert werden. "Gerade in einer Zeit des rasanten technischen
Wandels ist eine Bindung von Nutzungsrechten an bestimmte Wiedergabeplattformen
nicht mehr zeitgemäß", sagte Alexander Kurz, Referent für neue Medien beim
hessischen JU-Landesverband. Im Rahmen der Onlineaktion
www.faires-urheberrecht.de fordert die Nachwuchsorganisation der
Christdemokraten das Recht auf Privatkopie. Wo sie recht haben, haben sie
recht…

Und angesichts des Majors-Gejammere, dass die Umsatzeinbrüche angeblich den
Privatkopien der Verbraucher zu verdanken seien, kann man die Haltung des
ohnehin grandiosen Berliner K7-Labels nicht genug loben - K7 spart sich nämlich
einen Kopierschutz, stattdessen setzt man auf "wechselseitige
Loyalität" zwischen Plattenkäufern und Label. Auf den K7-CDs prangt
zukünftig ein Label "NO copy protection - respect the music!" Ein
Kopierschutz gefährdet lt. K7 die Beziehung zur Kundschaft. Respekt! (sind aber
auch wirklich tolle Alben bei K7, das nur am Rande…)

* * *

"Es ist eine Ungeheuerlichkeit, was die Deutsche Bank in ihrem 130.
Jahr mit dem Rekordgewinn ihrer Geschichte machte: Trotz 9,8 Milliarden Euro
Reingewinn werden 11 000 Mitarbeiter, 14 Prozent der Belegschaft, entlassen.
Das ist völlig amoralisch. Das ruft nach dem Gesetzgeber. Bismarck hatte
bereits 1883 das Recht auf Arbeit durchsetzen wollen, sogar gekoppelt mit einem
"Eingriffsrecht des Staates" gegen ungerechtfertigte Entlassungen.
Die damaligen Liberalen haben das verhindert, ja ihm "Kommunismus"
vorgehalten. Ich habe in meinem Stück ("Mc Kinsey kommt", Premiere
13.2.04, BS) den alten Rechtsbegriff der Felonie wieder eingeführt. Dies
bezeichnet die Untreue eines Herrn gegenüber seinem Knecht. Es ist interessant,
dass Fürst Bismarck, der dieses Ethos noch ganz selbstverständlich im Leibe
hatte, es auch zum Gesetz machen wollte. Aus diesem Ethos ist mein Stück
entstanden." Rolf Hochhuth

* * *

Das von der Bundeswehr geschützte Afghanistan steht laut einer UN-Studie vor
einer Opium-Rekordernte. Wie gut, dass es Out of Area-Einsätze der Bundeswehr
gibt!

* * *

Daß die deutsche Musikbranche für ihre gemeinsame Download-Plattform
ausgerechnet der Telekom-Tochter T-Com vertraute, nimmt den Beobachter schon
Wunder. Kein Wunder allerdings, dass die T-Com Probleme hat, ihre B2B-Plattform
fehlerlos und rechtzeitig an PhonoNet zu übergeben. Man weiß doch spätestens
seit der Blamage um die von der Telekom mit betriebenen Toll Collect, was
deutsche Qualitätsarbeit a la Telekom in der Praxis bedeutet…

* * *

"So schliefen die beiden Brüder für die Ewigkeit ein, im Glauben, dass
das Gehirn verwesend über den Tod hinaus funktionierte und dass es die Träume
waren, die das Paradies ausmachen." Jean-Luc Godard, "Les
Carabiniers" (1963)

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